2. Akt, 1. Szene, Zeit zu gehen?

GeschichteHumor, Romanze / P16 Slash
Borussia Dortmund Die deutsche Nationalmannschaft
23.08.2017
29.08.2019
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Kalt. Ungemütlich kalt war Julian Weigls Bett. Oder zumindest die Hälfte zu der er sich gerade gedreht hatte. Eigentlich sollte da noch Sarah liegen aber stattdessen fand Jule im Halbschlaf nur einen Zettel, der ihm erklärte, dass Sarah schon in die Bib gefahren war. Um halb 9 Uhr morgens? Und da sagte nochmal einer Studenten wären faul und hätten nix zu tun.
Normalerweise frühstückten sie immer zusammen bis Jule losmusste aber heute fiel das wohl flach. Leider bedeutete das auch, dass Julian beim Duschen, Zähneputzen und auch noch beim Anziehen daran dachte, dass Sarah weg wollte. Klar verstand er  den Wunsch mal aus Deutschland rauszukommen. Aber für ihn reichte da eigentlich Urlaub zweimal im Jahr. Da musste man doch nicht gleich Monate lang auswandern. Und man hörte ja immer wieder, dass die Leute dann doch nicht mehr zurück kamen!
Motzig schlurfte Julian also in die leere Küche und kippte sich lieblos Müsli und Milch in irgendeine Schale. Das war doch kacke alles! Er kannte Sarah gefühlt sein halbes Leben und ein Leben hier in Dortmund ohne sie hatte er nie gehabt. Da konnte sie doch nicht einfach abhauen.
Er brauchte sie doch! Egal wie egoistisch das jetzt klang, Julian konnte sich eine Fernbeziehung einfach nicht vorstellen.
Immer wieder hatte Sarah ihm gestern versichert, dass noch nichts feststand und sie vielleicht gar nicht gehen würde, weil sie ihn viel zu doll vermissen würde. Aber das half alles nix, Julian hatte einfach schlechte Laune. Und den Kopf voll mit Allem ausser Fussball.

Nachdem Schmelle ihn die ganze Fahrt über neugierig von der Seite gemustert hatte und nach 10 Minuten Stille vorsichtig nachgefragte hatte: „Sag mal ist alles okay? Du bist so komisch heute“, kamen sie endlich an. Eine Antwort bekam Schmelle nicht. Viel zu schnell stieg Julian aus und stapfte in Richtung Kabine. Hoffentlich war heute richtig Auspowern angesagt. Er brauchte das jetzt.
Leider kam kurz nach Julian auch Michael Zorc in die Kabine. Das konnte nur bedeuten, dass das Training heute später anfing. Für irgendeine unwichtige Ansage hatte Julian heute aber mal so gar keinen Kopf. Der sollte sich jetzt bloß kurzfassen.
„Moin Jungs. Ich bin nur kurz hier weil die DFB-Pokal Partie jetzt angesetzt wurde. Übernächsten Dienstag geht es auswärts um 18:30 los. Schiedsrichter ist Gagelmann, nur dass ihr Bescheid wisst. Das wars auch schon, ein gutes Training wünsch ich“
Und schon war er wieder zur Tür raus. Zum Glück. Julian wollte einfach nur seine Ruhe.
Tja die Memo war wohl noch nicht bei Marco angekommen, denn der setzte sich einfach neben Jule und zog sich fröhlich seine Schuhe an. Und dann fing er auch noch an zu quatschen:
„Na bist du jetzt enttäuscht, dass dein neuer Reiseguru nicht pfeift?“
„Ach leckt mich doch alle“, war Jules mehr als unfreundliche Antwort mit der er aufstand.
Heute sollten ihn bloß alle in Ruhe lassen.

Missmutig schritt er aufs Feld und lief sich abseits von den Anderen warm. Ob das jetzt die Lösung war um nicht zu grübeln war durchaus fraglich. Und natürlich merkte er wie Marco und Schmelle ihn von hinten musterten. Wahrscheinlich tuschelten die jetzt was mit ihm los sei.
Bevor die zwei ihn aber nochmal ausfragen konnten, ertönte die Pfeife des Co-Trainers. Drei gegen drei war angesagt. Glücklicherweise im Team mit Shinji und Rapha, die schon rein sprachlich die Falschen für ein Verhör waren. Also konzentrierte sich Jule vollends aufs Spiel und gab alles. Er sprintete und er hechtete jedem Ball hinterher. Leider schubste er auch und einmal erwischte er Nuri sogar mehr als unsanft am Knöchel.
Aber Empathie stand heute nicht auf der Tagesordnung. Also dachte sich Jule nur „Passiert halt“ und wollte weiterspielen. Aber nicht mit Nuri. Der rappelte sich gerade allein hoch, weil Jule ihm nicht mal aufgeholfen hatte. Fair Play war das nun wirklich nicht, aber Julian war einfach mit seinen Gedanken woanders.
Dass Nuri wütend auf ihn zu gelaufen kam merkte, Jule quasi erst als er an der Schulter festgehalten wurde:
„Alter, gehts noch? Du kannst mich doch nicht einfach so umnieten und dann abhauen!“
Und vielleicht war „Stell dich doch nicht so an“ nicht die bestgewählte Antwort. Auf einmal schupste Nuri ihn richtig und das brachte das Fass endgültig zum Überlaufen. Jule stieß zurück, sodass Nuri beinah hinfiel. In der Ferne hörten sie die Trillerpfeife und die Rufe, dass sie verdammtnochmal auseinander gehen sollten. Aber keiner der beiden dachte auch nur dran. Anscheinend hatte auch Nuri einen mehr als schlechten Tag erwischt. Nur mit Müh und Not konnten Lukas und Roman sie auseinander ziehen, als Marco und Michael Zorc wütend angelaufen kamen.
„Sagt mal spinnt ihr? Da ist ein Pressetraining, ihr Vollidioten!“, schrie Marco ihnen prompt entgegen. Scheisse, das hatten sie den Aasgeier wohl eine gute Show geliefert.

Ohne weitere Eskapaden brachte Julian das Training zu Ende. Er merkte wie seine Mitspieler ihn anschauten und wahrscheinlich dachten er sei komplett durchgeknallt. Dass das eben alles Andere als okay gewesen war, wusste Jule auch selber. Und wenn er ehrlich war tat es ihm jetzt schon leid. Mit Nuri kam er eigentlich auch super klar. Aber heute war einfach ein Scheisstag.
Und was zu so einem Scheisstag wohl dazu gehörte ist nach dem Training erstmal in Watzkes Büro zitiert zu werden. Hoffentlich war der Sammer heute nicht da, der würde sie in Grund und Boden schreien. Schweigend ging er einige Schritte hinter Nuri hoch in die Chefetage. In seiner Tür stand Aki Witzke auch schon und wartete auf sie. Sein Gesichtsausdruck ließ wenig Fröhliches verheissen und am liebsten hätte Jule sich rumgedreht und wäre gegangen. Das hieß dann aber wohl Zweite Mannschaft in den nächsten Wochen und darauf konnte er getrost verzichten.
Ging Nuri wohl ähnlich, denn jetzt saßen sie beide schweigend vor Watzke. Der schaute sie über seinen Laptop hinweg an, den er jetzt rumdrehte. Die BILD-Webseite war geöffnet und Jule sah sie beide in Großaufnahme wie sie sich anschrieen. Den Ernst der Lage verdrängte sein Hirn anscheinend noch erfolgreich, denn zuerst musste Jule fast lachen so bescheuert sahen sie beide aus. Wie zwei sich zankende Kleinkinder. Noch dazu im Trickot-bedingten Partnerlook.
Als er aber anfing zu Lesen wurde sein Mund schlagartig trocken.

„PRÜGEL-EKLAT UM WEIGL UND SAHIN! HAT DER BVB EIN RASSISMUS-PROBLEM?“

Aber er hatte Nuri doch nicht gefoult, weil der Türke war. Das war Julian doch vollkommen egal herrgottnochmal. Dass die Presse-Futzis aber auch immer aus allem einen Skandal machen mussten. Er wusste ganz genau, dass sowas einem den ganzen Ruf verhageln konnte aber noch schlimmer war die Vorstellung, dass Nuri denken könnte er wäre wirklich rassistisch! So war das doch alles garnicht gemeint gewesen. gestresst fuhr Julian sich durch die Haare. Was er sagen sollte wusste er trotzdem nicht. Das tat dann erstmal Aki Watzke auf ruhige Art und Weise. Zu ruhig schon fast.
„Ich muss euch ja nicht erklären, was das bedeutet. So eine Aktion wie eben wird hier nicht mehr vorkommen. Haben wir uns verstanden?“, schaute er seine beiden Profis erwartungsvoll an.
Entschieden nickten Julian und Nuri. Gesprochen hatten sie immer noch nicht, aber Aki war auch noch nicht ganz fertig: „Da ich ja weiss wie egal euch allen die Geldstrafen sind, hab ich mir gedacht ihr beide könntet doch mal wieder auf Fankuschelkurs gehen. Ich suche mir einen eurer freien Tage aus und ihr gebt Fussballtraining an einer Schule. Am besten eine mit viel Migrationshintergrund und wir haken das Rassismus-Thema direkt mit ab. „Freizeit-Entzug“ als Strafe, hab ich mir bei den Blauen abgeguckt. Seit Magath haben die das echt drauf. Also: Was auch immer ihr für ein Problem miteinander habt; klärt das! Und jetzt raus“
Ohne dem Chef ins Gesicht zu gucken stand Julian auf und schloss die Tür hinter sich und Nuri. Klären wollte er das jetzt aber echt noch: „Nuri, hör mal…“
Weiter kam er aber nicht, denn Nuri unterbrach ihn direkt: „Nee, Alter! Heute brauchst du mir echt nicht mehr ankommen. Bis dann“ und schon drehte er Julian den Rücken zu und ging energisch den Flur entlang. Das zum Thema „aus der Welt schaffen“.
Hoffentlich war dieser Tag bald rum.

Als Julian selbst in der Kabine ankam war ausser Schmelle keiner mehr da. Der allerdings saß neben Julians Spind und tippte auf seinem Handy rum. Als er Jule kommen sah, steckte er es aber direkt weg und sprach ihn an: „Nuri ist direkt raus. Was ist denn los mit dir heute?“

Einmal mit den Schultern gezuckt und Julian schnappte sich sein Zeug. Aber als er dann neben Marcel zum Auto ging, erklärte er sich doch. Den zweiten Kollegen zu vergraulen, machte den Tag auch nicht besser.
„Sarah geht wahrscheinlich nach Kanada. Aber ganz ehrlich: Ich hab null Bock drüber zu reden“, sagte Julian ohne Marcel anzusehen und ließ sich auf den Fahrersitz fallen. Zum Glück war er heute zur Abwechslung gefahren, da entging ihm wenigstens der Aggro-Rap.
Trettmann lief leise im Hintergrund als Julian sich und Marcel durch Dortmunds Strassen kurvte. Die Aggression war langsam weg. Autofahren hatte irgendwie schon immer eine entspannende Wirkung auf Julian gehabt. Das war so geschmeidig und man war wenigstens für kurze Zeit etwas abseits von Allem. Schmelle versuchte zum Glück keinen Smalltalk zu führen, sondern ließ Julian in Ruhe. Wahrscheinlich kannte er ihn doch gut genug um zu wissen wann er besser den Mund hielt.
Als Julian in die Witzlebenstrasse einbog, sah er das Unheil bereits von Weitem.
„Shit“, sagten er und Marcel beinah zeitgleich. Eine kleine Menschentraube hatte sich vor Julians Haus gebildet. Heutzutage verbreiteten sich News eben rasend schnell und die Reporter warteten sicher nur darauf ihm die wildesten Vorwürfe an den Kopf zu knallen.
Normalerweise wurden sie hier bei sich zu Hause in Ruhe gelassen, aber wenn Julian jetzt so im Fokus stand war das denn Paparazzis wohl egal. Sie wollten den Rassist wohl direkt zuhause abfangen. Wann war das alles denn so dermaßen schief gegangen? Er hätte sich heute am Besten krank gemeldet und wäre zuhause geblieben.
Aber das half ja jetzt alles nix, er konnte unmöglich nach Hause im Moment.
Dessen war sich wohl auch Marcel bewusst: „Kannst du erstmal irgendwo hinfahren, wo dich keiner erwartet? Bei einem aus dem Team haben die bestimmt ihre Spitzel oder sowas.“
Julian nickte nur und überlegte wie er am schnellsten hier weg kam. Schnell zog Marcel seine Tasche vom Rücksitz und öffnete die Tür: „Mich kannst du einfach hier rauslassen. Ich geh den Rest zu Fuß. Schreib mir, wenn noch was sein sollte. Ansonsten kommst du eben doch zu uns. Ist nur immer blöd weil Mimi dauernd anschlägt, wenn die auf der Einfahrt rumstehen mit so vielen Mann. Bis dann“.
Sobald Marcel ausgestiegen war, setzte Julian zurück um sich zu drehen. Möglichst schnell aus der Straße raus, bevor sie ihn doch noch entdeckten. Aber wo sollte er jetzt überhaupt hinfahren?
Sarah, war ihm leider gerade eingefallen, hatte bis heute Abend Seminar und die meisten seiner Freunde wohnten entweder nicht hier oder hatten eben doch was mit dem BVB zu tun.
Marco und Mario würden ihm wahrscheinlich was erzählen wenn der ihnen jetzt die Paparazzi auf den Hals hetzte. Letzte Woche hatte Mario noch freudestrahlend erzählt, dass die Presse anscheinend immer noch nicht gecheckt hatte wo die Beiden wohnten.
Die mussten echt loyale Nachbarn haben. Loyalere als Julian und Schmelle jedenfalls.
Aber zurück zur Frage wo er denn hinsollte. Kurzerhand parkte Julian seinen Wagen am Seitenstreifen und zückte sein Handy. Als er so seine Kontakte durchscrollte, musste er an seine Bredouille letztens auf dem Parkplatz denken. Was war eigentlich in letzter Zeit los, dass er immer wieder in sowas reingeriet? Aber da hatte Felix ihn ja gerettet. Also alles halb so wild.
Apropos Felix, konnte Julian den jetzt wirklich anrufen? Immerhin hatte er Julian ja genau unter dem Vorwand seine Nummer gegeben und Julian war ja wirklich in Not irgendwie. Quasi heimatlos. Und melodramatisch wie eh und je.

Bevor er sich dagegen entscheiden konnte klickte Julian auf den Felix Kafka-Kontakt und wählte.
Keine 3 Töne später hörte er auch schon Felix Stimme:
„Felix hier, hallo?“
Puh, vielleicht war das doch dämlich gewesen ihn anzurufen. Professionelle Distanz war ab jetzt endgültig dahin, aber was sollte Jule denn machen. Weiter ins Telefon schweigen war jedenfalls keine Option.
„Ja hi. Hier ist Julian, also Weigl“, sagte Jule ziemlich verlegen und starrte an seine Autodecke.
„Ach hallo! Alles gut? Oder muss ich dich wieder von den Parkplätzen dieser Welt aufsammeln?“, lachte Felix freundlich. Julians Anruf schien er nicht komisch zu finden oder er kaschierte es gut.
„Nicht ganz aber ich bräuchte wirklich Hilfe“
„Oh okay, schiess los“, sagte Felix jetzt schon deutlich ernster. Bevor Felix noch dachte er bräuchte medizinische Hilfe oder sowas Dramatisches, fing Jule an zu erklären:
„Du hast ja vielleicht schon mitbekommen, was bei uns im Verein gerade los ist. Also wegen Nuri und mir…jedenfalls lagern mir diese Presse-Idioten jetzt die Einfahrt voll und ich weiss einfach nicht wohin. Ach scheisse, Mann“
Am liebsten würde Julian irgendwo gegen treten oder schlagen, so beschissen war das heute alles. Aber das konnte er seinem geliebten Auto nun nicht antun. Das hatte ja nichts falsch gemacht sondern fuhr ihn artig von A nach B. Wo auch immer B jetzt sein sollte.
Felix reagierte schnell und Julian hörte wie er ihm scheinbar beim Gehen antwortete:
„Sorry, ich muss schnell los aber ich schreib dir die Adresse. Klingel einfach bei Dreier/Heimann. Bis gleich“. Und schon hatte der Schiedsrichter aufgelegt.
Als sein Handy eine Sekunde später mit der Adresse vibrierte, war Julian mehr als erleichtert. Da würden ihn die Reporter nun wirklich nicht vermuten.
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