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Alternatives Ende

von Varjo
OneshotParodie / P12 / Gen
23.08.2017
23.08.2017
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1.902
 
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Abend; der Himmel verfinstert sich langsam. Man befindet sich auf einer weiten Ebene, bewachsen von niedergetrampeltem und versengtem Gras, eine Hügelkette zieht sich durch das Land. Die Ebene ist übersät von Maschinenteilchen unterschiedlicher Größe, manche davon zucken noch ein wenig, hier und da sprühen Funken, aber auch von einigen toten Soldaten und Soldatinnen in unterschiedlichen Zuständen der Vollständigkeit. Der Geruch von Tod, Verwesung, trocknendem Blut, durchgeschmorten Leitungen und auslaufendem Öl liegt dick in der Luft. Das Gemisch reizt die Schleimhäute; ohne Mundschutz ist Atmen kaum möglich. Kleine, mutige Aasfresser huschen über die Ebene, doch finden in den maschinellen Überresten nur selten etwas zu fressen.
Auf einem der Hügel steht eine Frau. Sie ist glimpflich davongekommen, ihr Kopf und ihre linke Schulter sind in feste Verbände gewickelt, aber sie kann noch aufrecht stehen und hat alle Gliedmaßen. Schild, Armbrust und kleine Handfeuerwaffe trägt sie bei sich, sie ist in einen leichten Lederpanzer gehüllt. Ihre Frisur gleicht einem Vogelnest. Wir blicken mit ihr in das Tal jenseits der Hügel hinab; dort scheint ein kleines Lager aufgeschlagen zu sein, in dem Verletzte versorgt werden.
Plötzlich erklingen Schritte; wachsam wendet sie sich um, doch lächelt, als sie ihn erkennt: den Helden. Er ist breit gebaut und muskulös, sein Gesicht zeigt viele wulstige Narben, sein linkes Auge ist durch ein bionisches Okular ersetzt. Sein Aufstieg ist von romantischer, idyllischer Musik untermalt. Er kommt mit schweren, stampfenden Schritten, hält ein veraltetes Gewehr an der Seite und krankt nur an wenigen kleinen Kratzern. Seine Panzerung gleicht entfernt ihrer, zeigt aber mehr Metall.


Sie: Sir.
Er: (lächelt) Lass mal. (stellt sich neben sie) Dann war’s das wohl. Es ist vorbei.
Sie: (nickt) Wir sind frei.
Er: Nicht ohne deine Mithilfe.
Sie: Ach, wir haben doch alle unseren Teil geleistet.
Er: Aber du besonders.
Sie: (grunzt bloß)
Er: Was wirst du jetzt machen?
Sie: (zuckt die Schultern) Ich bin Soldatin. Was werde ich wohl machen? Mir den nächsten Kampf suchen, in dem ich mich bewähren kann.
Er: (zögert) Bist du dir… sicher?
Sie: Sicher bin ich mir sicher. (wendet sich ihm zu) Was soll die Frage?
Er: Ich dachte mir nur (angelt nach ihrer Hand) du möchtest vielleicht…

Pause.

Sie: Vielleicht was?
Er: Na, du weißt… bei mir bleiben.
Sie: Was? Stellst du eine Einheit auf?
Er: Nein! Also, nicht… (drückt ihre Hand; sie starrt ihn verwirrt an) nicht direkt, obwohl, eigentlich, können wir natürlich auch, wenn dir das so ein Anliegen ist. Hör mal, du musst doch sehen, du musst doch wissen…
Sie: Wenn du noch lange brauchst, um mit der Sprache rauszurücken, geh ich und warte auf einen Brief.
Er: Du musst doch wissen, was jetzt kommt.
Sie: Was jetzt… kommt? Ich fürchte, ich kann nicht folgen, Sir.
Er: Ach zur Hölle nochmal!

Er packt ihre Hand fester, um sie an sich zu ziehen, scheint sie küssen zu wollen; sie jedoch schreit auf, befreit sich geschickt und springt einen Halbschritt zurück, ihre Hand sicherheitshalber nach  der Armbrust greifend. Record Scratch. Er starrt sie an, als habe sie eben einen besonders dämlichen Witz gemacht; sie hingegen erscheint ehrlich zornig.

Sie: Was sollte denn das jetzt?
Er: Genau dasselbe könnte ich dich auch fragen…
Sie: Ich hab verdammt nochmal zuerst gefragt!
Er: (breitet die Arme aus) Süße – merkst du nicht, wo wir uns befinden? Nahe am Ende der Geschichte. Hast du einfach das Memo nicht bekommen? Du bist doch auch schon im Kino gewesen – du weißt doch, dass das Klischee an dieser Stelle verlangt, dass der weibliche Sidekick seine Antipathie gegen den Helden ablegt und…
Sie: Antipathie? Anti… (spuckt aus) …pathie? Was für eine Antipathie, zur Hölle? Wir haben die ganze Geschichte lang nebeneinander gekämpft, wir haben zusammengehalten und einander zahllose Male das Leben gerettet! Ich hab dich immer unterstützt, und im Kampf war ich verflucht nochmal direkt hinter dir!
Er: Aber du warst immer so kalt. Distanziert. Professionell.
Sie: Das bin ich eben, du Eierkopf!
Er: (verzweifelt) Hat sich denn… hat sich denn gar nichts geändert bei dir, inzugedessen, was uns auf dem Schlachtfeld passiert ist? Die Verletzungen, die Todesangst? Das muss doch Dinge, also, muss sie doch in Perspektive gerückt haben…
Sie: Hör mal. Hör mal. Wir waren die ganze Geschichte lang Kameraden, und jetzt sollen wir auf einmal Geliebte werden? Denkst du nicht, ich bin aufmerksam und emotional intelligent genug, dass ich unter der Geschichte deutlich genug hätte zeigen können, wenn ich gesteigertes amouröses Interesse an dir gehabt hätte?
Er: Aber bei allem, was ich getan habe… ich bin nun ein Held!
Sie: Wenn ich das schon höre. (hakt die Finger ins Haar; ihre Haltung stabilisiert sich) ‚Was ich alles getan habe‘. Hast du überhaupt darüber nachgedacht, was das impliziert?
Er: Öh…?
Sie: Das reduziert uns auf dumme Hühner, die sich gierig um den einen Typen scharen, der dies oder das oder jenes erreicht hat, und umgekehrt scheint es aussagen zu wollen, dass man jede Frau bekommen kann, wenn man sich nur anstrengt. (sauer) Dass wir auch Emotionen haben, Vorlieben, dass es uns um den Menschen und seinen Charakter gehen könnte und nicht darum, was für ein Image und was für ein Portfolio der Typ hat, das kommt keinem in den Sinn.
Er: Du überkomplizierst das Ganze doch.
Sie: (ignoriert ihn) Ist dir klar, dass du damit quasi aussagst, dass wir Trophäen sind, die durch Anstrengung erworben werden? (Singsang) Je besser du gelevelt bist, desto bessere Freundinnen kannst du haben. (normal) Himmel, Arsch und Zwirn, geh von dieser chauvinistischen Ansicht runter! Wenn wir euch mögen, mögen wir euch, egal, was ihr erreicht habt oder nicht.
Er: (müde) Wirklich. Ich bin kein so schlechter Fang.
Sie: Darum. Geht. Es. Nicht! (wütend) Ist dir jemals in den Sinn gekommen, dass ich auch eine Persönlichkeit habe? Ich könnte es hassen, wie herrisch du bist. Ich könnte schlecht mit deinem Kontrollzwang zurechtkommen! Du könntest einen Sprachfehler haben, der mich nervt ohne Ende. Es könnte sein, dass ich auf längere Zeit mit deinem Lachen nicht zurechtkomme! Ich könnte aromantisch oder asexuell sein oder beides! Oder da ist einfach kein Funken übergesprungen! Was ist denn verdammt nochmal so schlecht daran, einfach nur Kameraden zu bleiben oder in Frieden auseinanderzugehen?
Er: (verdruckst) Verdammt, Friendzone…
Sie: Was war das?
Er: Ach, nichts…
Sie: Was soll das heißen, Friendzone? Das ist ja gleich das nächste Schlagwort, bei dem ich direkt in die Luft gehen könnte!
Er: Tu dir keinen Zwang an… (tritt vorsichtshalber einen Schritt zurück)
Sie: Friendzone, zur Hölle! Verdammt noch eins! Der einfachste Weg, jede Zuneigung, die nicht ins Romantische geht, jede professionelle Unterstützung und jeden freundschaftlichen Zusammenhalt vollkommen zu entwerten! Sind Menschen – nicht mal nur Frauen! – sind Menschen und ihre positiven Emotionen denn nur etwas wert, wenn sie darauf herauslaufen, dass man vögelt?
Er: Na ja…
Sie: Nicht ‚na ja‘. Gib mir eine ehrliche Antwort.
Er: Mag schon sein, dass du vielleicht recht hast.
Sie: Schön. (beruhigt sich; schnauft kurz durch und streicht sich durch die Haare) Drehen wir den Spieß mal um. (verschränkt die Arme) Du. Warum würdest du mit mir zusammen sein wollen, wenn du schon sagst, ist bin dir die ganze Zeit kalt und abweisend vorgekommen?
Er: (stockt) Ich… ich weiß nich. Ist halt so. Müssen Geschichten nicht so enden? Held und Heldin kommen zusammen, alles ist wieder gut?
Sie: Ist das Eine notwendig für das Andere?
Er: Ich… weiß nicht.
Sie: Wie glücklich würden wir werden, wenn du dich gezwungen fühlst, das zu tun?
Er: Ich… darüber hab ich gar nicht nachgedacht.
Sie: Dachte ich mir fast.
Er: Hey, was soll ich denn machen? Ich muss meine Rolle spielen.
Sie: Musst du das?

Pause.

Sie: (nähertretend, intensiver) Musst du?
Er: Es ist die einzige, die ich habe. Ich bin der Held, der die Truppen anführt, den Endkampf besteht und das Mädchen bekommt. Ich… verdammt nochmal! (rauft sich die Haare; stampft auf) Denkst du, mir macht das Spaß hier?
Sie: (kühl) Hätte ich fast.
Er: Denkst du, es macht mir Freude, hier nur auf meine Muskeln und, mit deinen Worten, mein Portfolio reduziert zu werden?! Darauf, dass ich als der strahlende Held, das Vorbild, die Identifikationsfigur eben die weibliche Hauptfigur zur Partnerin bekommen muss, ganz egal, wie das vorher zwischen uns ausgeschaut hat? Ich versuch nur, hier positiv und konstruktiv mitzuarbeiten, und… (schnauft; beruhigt sich) Großartig. Jetzt bin ich aus der Rolle gefallen.
Sie: Hm… und wenn, was soll’s. Reden wir so weiter.
Er: Von mir aus. Schlimmer kann’s jetzt ja auch nicht mehr werden. (nestelt in einer Tasche herum, holt eine Zigarettenpackung und Streichhölzer hervor und zündet sich eine an; hält die Packung schließlich ihr hin) Auch eine?
Sie: Danke, ich rauche nicht.
Er: (pafft) Ist ja nicht so, als hätt ich bei so was auch noch ein Mitspracherecht. Ist ja nicht so, als würden sie Versammlungen einberufen und uns Figuren befragen, was wir tun wollen, was für uns gerade sinnvoll wäre oder so. Die entscheiden einfach für uns. Da sind sie eben zu mir gekommen gerade, und ich streif über das Feld, würdige die Toten und denk mir nichts Böses, und plötzlich steht da so ein Anzugträger von oben mit Klemmbrett im Arm, ganz offiziell und das alles, richtet sich die Brille zurecht und sagt, Los, jetzt küss mal deinen ersten Offizier und komm mit ihr zusammen, pronto. Sie steht auf dem Hügel, da geht gerade die Sonne unter, wundervoller Hintergrund für so einen ersten Kuss.
Sie: (brummt Unverständliches)
Er: Und ich so, Meinen ersten Offizier, warum denn. Zum einen ist das doch wohl Amtsmissbrauch, missachtet die gesamte Befehlskette und könnte mich meinen Rang kosten, zum anderen waren wir doch all die Zeit Befehlshaber und Offizierin. Das hat doch gut geklappt, und da war auch nichts Anderes zwischen uns spürbar. Das wär doch nur merkwürdig, sag ich.
Sie: Merkwürdig ist auch, dass ich offenbar gar nicht gefragt werde. Aber egal, das trag ich zu den wirklich Verantwortlichen. Und er sagt?
Er: (zuckt die Schultern) Er sagt, das kümmert ihn nicht, was er weiß, ist, dass jedes klassische narrative Werk nun mal eine Romanze braucht, zumal in unseren Zeiten, und dass deswegen der Held immer mit der Heldin zusammenkommen muss. Oder der einzigen weiblichen Nebenfigur. Er sagt, wenn ich mich weigere, gefährde ich die ganze Geschichte, das ganze Universum. Weil wenn wir das nicht machen, dann bleiben lose Fäden in der Luft hängen, und ich weiß doch, was… (pausiert, um an der Zigarette zu ziehen) … was so was mit einer Geschichte macht?
Sie: Was macht das denn…?
Er: Ich weiß es nicht! (wirft die Hände in die Höhe) Ich dachte mir nur, wenn das mit so einer Grabesstimme gesagt wird, wird schon was dran sein.
Sie: (grummelt) Happy End auf unsere Kosten, haben wir ja gern. Dass ein paar verschreckte Seelchen da draußen sich sagen können, die Welt ist doch in Ordnung, und es ist doch alles so, wie es verflucht nochmal immer gewesen ist.
Er: (knurrt) Außerdem, gefeuert wollte ich auch nicht unbedingt werden. Von irgendwas muss ich schließlich leben.
Sie: Scheiß drauf, sag ich. Die Geschichte wird ein paar nicht verpartnerte Charaktere schon aushalten, und die Anzugträger da oben sollen mal schauen, wo sie ohne uns bleiben, sag ich. Was sind die schon, wenn wir nicht mehr blind ihre blöden Anweisungen befolgen? (klopft ihm auf die Schulter) Komm, gehen wir ins Lager. Lass uns ein Bier trinken gehen.
Er: Als Kameraden?
Sie: Als Kameraden.

Er streckt einen Mittelfinger dem Himmel entgegen, bevor er und sie Seite an Seite ins Lager herunter stampfen.
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