Die Wahrheit

von Arduinna
OneshotHumor / P12
23.08.2017
23.08.2017
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Dies ist ein Beitrag für das Wichteln Anfang und Ende 2 von Wortzauberin
Mein Wichtelkind ist: Amaineko

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Hallo, Amaineko!
Ich habe bei Deinen Vorgaben eine ganze Weile überlegt, habe ein Fandom nach dem anderen verworfen und es wollte keine Plotidee kommen, doch dann habe ich mich schließlich für eine freie Arbeit entschieden. Ich war außerordentlich froh, dass ich das Genre „Humor“ wählen durfte und hoffe, dein Geschenk gefällt dir, trotz der ein wenig ungewöhnlichen Protagonisten.

LG Ari

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Die Wahrheit


„Wer hat festgelegt, was wahr ist und was falsch?“
Er hörte neben sich Geklirre. In der Dunkelheit kam es ihm lauter vor als üblich.
Seine Mutter in dem Fach rechts neben ihm seufzte. „Mein Kind, wir haben es dir schon so oft gesagt. Nur, weil wir Löffel harmlos sind, heißt es nicht, dass wir nicht wichtig sind. Wir helfen ihnen.“
„Wer sind sie?“ Der kleine Teelöffel neben ihm klang neugierig. Er selbst seufzte.

Immer wieder hatte er sich dieselbe Leier anhören müssen. Wir Löffel sind harmlos. Auch kleinen Kindern werden wir gegeben. Die Messer sind gefährlich. Genauso wie die Gabeln. Aber wir Löffel nicht. Doch Gefährlichkeit ist nicht alles. Auch wir sind wichtig. Ohne uns könnten die Kleinen nichts essen. Das ist die ganze Wahrheit.
Warum musste das die Wahrheit sein? Warum konnte man ihnen nicht zeigen, dass auch Löffel gefährlich waren. Immerhin konnten sie zuschlagen.
Während er in Gedanken versunken war, hatte sein Onkel dem Teelöffel neben ihm erzählt, wer sie waren. Menschen, so nannte er sie.

„Es ist die Pflicht von jedem hier in diesem Raum, ihnen zu Diensten zu sein.“ Die Stimme seines Onkels klang blechern, er war schon alt. Außerdem waren sie durch eine merkwürdige Wand getrennt. In seinem Bereich lagen nur Teelöffel. Die großen Löffel lagen in einer Schale neben ihnen. Er wusste, dass es auch Schalen mit Messern und Gabeln gab, hatte aber noch nie gesehen, wie diese aussahen. Er war ja noch nie hier herausgekommen. Nur aus Beschreibungen seiner Eltern kannte er sie.
„Ich will nicht länger als harmlos gelten“, maulte er. „Ich will ihnen zeigen, dass man uns Löffel durchaus ernstnehmen sollte.“
Gelächter erklang um ihn herum. Es kam jedoch vor allem aus der Richtung, in der die Messer lagen.
„Du?“ Schneidend klang die Stimme des obersten Messers. „Was könntest du schon anrichten. Sieh dich an.“
„Sei still, Messer.“ Eine sanftere Stimme erklang. Vibrierend, als würde die Luft zwischen etwas durchströmen. Er wusste, dass eine Gabel zu ihm sprach. Sein Vater hatte ihm erzählt, sie hätten Zinken, Stäbe, durch die die Luft beim Sprechen strömte und ihre Stimmen vibrieren ließen. „Jeder hier hat seine Aufgabe, kleiner Löffel. Wir halten ihnen ihre Nahrung, damit das Messer sie zerschneiden kann. Wir sind aufeinander angewiesen. Doch keiner von uns ist in der Lage, Flüssiges zu tragen.“

Dem Teelöffel sagten die Begriffe Nahrung und Flüssigkeit nichts. „Was bedeutet das?“, fragte er in Richtung der Gabeln.
„Es bedeutet“, antwortete eine weitere singende Stimme, „dass jeder seine Aufgabe hat. Ihr Teelöffel helft ihnen beim Kühlen ihrer Getränke. Die Eierlöffel beim Essen von runden Dingen, die sie Eier nennen. Keine Sorge, in deinem Leben wirst du noch all diese Dinge kennenlernen.“

Der Teelöffel war aber nach wie vor unzufrieden. Er wollte nicht immer warten. Laut rief er in die Runde: „Sie haben Respekt vor euch allen. Das hat mir Vater erzählt. Nur uns nicht. Wir werden als harmlos abgestempelt.“
Er wandte sich an die Teelöffel, die mit ihm in dem Fach lagen. „Werdet ihr mir helfen?“ Die meisten lachten nur. Hoch und klirrend klangen ihre Stimmen. Zwei Löffel jedoch wirkten interessiert.
„Was hast du vor?“, fragte der eine.
Er überlegte einen Moment. Was sollten sie machen. „Lass uns mit den Köpfen zuschlagen.“
Sie begannen zu üben, was dazu führte, dass es in ihrem Fach zu Raufereien kam.

„Hört auf mit dem Unsinn.“ Eine hohe, singende Stimme hatte sich eingemischt. Der Teelöffel sah sich um. Die Stimme klang wie die einer Gabel, war aber viel zu hoch. Außerdem lag die Lade der Gabeln in der entgegengesetzten Richtung von der Herkunft der Stimme.
„Wer bist du?“, fragte er.
„Eine Kuchengabel. Eine der Töchter einer großen Gabel. Und ich sage dir, dass das, was du vorhast, nicht richtig ist. Wie meine Mutter schon gesagt hat, jeder ist wichtig. Es kommt nicht darauf an, wie gefährlich man ist.“
Der Teelöffel schnaubte. „Klar ist das wichtig. Nur die Gefährlichkeit zählt.“

In dem Moment, als er das sagte, wurde es hell. Er wusste nicht, was er da sah, hörte aber Laute. Tiefe Laute, die er nur mit Mühe und auch nur unvollständig verstand.
„Teelöffel … besser … kleiner.“ Er fühlte, wie er hochgehoben wurde. Ein Riese, ein Mensch, hatte ihn gepackt. Sein Kopf wurde in etwas eingetaucht. Und zum ersten Mal fühlte er, wie es war, zu helfen. Er hatte kein Bedürfnis, das Etwas zu verletzten, dem er die warme Flüssigkeit brachte.
Als die Flüssigkeit zu Ende war, lächelte das Etwas. Er jedoch wurde von ihm weggetragen und mit einem Mal wurde ihm warm. Zum erstem Mal roch er etwas anderes, als den Geruch der anderen Löffel.
Etwas überspülte ihn, befreite ihn von den Resten der Flüssigkeit.

Er fühlte sich wohl, als man ihn zurück in die Gesellschaft der anderen Teelöffel gab. Sofort wurde er bestürmt.
„Wie war es, zu helfen?“
„Wie hat es sich angefühlt?“
Der Teelöffel war zu überwältigt, um gleich zu antworten. Schließlich fing er sich wieder. „Es war … wundervoll“, stotterte er. „Ich habe mich … wohlgefühlt, so“, er suchte nach dem richtigen Wort. „Nützlich“, schloss er.
Er wandte sich in Richtung des Faches seiner Eltern. „Fühlt es sich so an, diese Wahrheit?“
„Ja mein Sohn.“ Die Stimme seines Vaters war sanft. „Und sie wird dich dein ganzes Leben begleiten. Die Wahrheit stirbt nie, merk dir das.“
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