Jenseits des Tores

GeschichteHumor, Romanze / P18 Slash
Edward Elric Envy
22.08.2017
28.12.2019
16
21987
8
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Die folgende Geschichte hat eine befreundete Autorin vor fünf Jahren veröffentlicht. Da sie inzwischen "in Rente" ist, sind ihre Storys nicht mehr aufrufbar. Ich habe ihre Erlaubnis erhalten, einige davon wieder zu publizieren und sie hat diese hier für alle Edvy-Fans überarbeitet. Viel Vergnügen!

„Ed? Ed, bist du das?“, fragte Al überglücklich und starrte seinen grossen Bruder an. „Al! Du hast deinen Körper wieder! Wir haben es geschafft!“, freute sich Ed und umarmte seinen kleinen Bruder stürmisch. Al erwiderte die Umarmung irritiert. „Ed, du bist… viel grösser geworden!“, stammelte der jüngere der beiden Elric Brüder. „Al, das ist nicht witzig! Du weisst doch ganz gen-“, mitten im Satz hielt er inne. Er liess seinen Bruder los, trat einen Schritt zurück und musterte Al. „Al… das ist ja wirklich dein alter Körper. Bist du wieder zehn Jahre alt? Kannst du dich an die vergangenen Jahre gar nicht erinnern?“, erkundigte sich der Fullmetal Alchemist. „Ja, ich bin immer noch zehn. Die anderen haben es mir erzählt. Wir haben es nicht geschafft, Mama zu transmutieren, nicht wahr? Winry sagte, ich hätte bei dem Versuch meinen Körper verloren und du deinen rechten Arm und dein linkes Bein. Nein, ich erinnere mich kaum an etwas. Ab und zu geistert etwas durch meine Gedanken, wie aus einem Traum, der sich bereits verflüchtigt. Es ist nichts Greifbares“, erklärte Al zerknirscht. „Und wie fühlst du dich?“, wollte Ed abwartend wissen und ging vor seinem kleinen Bruder in die Knie. „Ach weisst du, es geht mir sehr gut. Aber du fehlst mir. Wo bist du gelandet, Ed?“, fragte der zehnjährige Al seinen achtzehnjährigen Bruder. Die beiden setzten sich nebeneinander ins Gras. „Auf der anderen Seite des Tores, in einer Stadt, die München heisst. Es ist wie in unserer Welt, mit dem Unterschied, dass die Alchemie dort nicht existiert. Dafür ist die Technik sehr viel weiter entwickelt. Wo wir die Alchemie haben, haben sie die Technik. Aber im Wesentlichen ist es wie bei uns: Die Menschen verlassen sich auf die Wissenschaft, um sich das Leben zu erleichtern“, erzählte Ed mit einem Lächeln. Er sass mit Al unter einem Baum auf einem Hügel. Das Gras war leuchtend grün und die Eiche, an deren Stamm sie lehnten, trug frühlingsfrische, hellgrüne Blätter. Die Sonne schien angenehm warm auf sie herunter – ein vollkommen perfekter Tag.

Al sah seinen Bruder nachdenklich an. „Geht es dir denn gut in… München? Wie wohnst du? Was machst du den ganzen Tag?“, stellte er die Fragen, die ihm auf der Zunge brannten. „Ich vermisse dich, Alphonse, aber es geht mir sehr gut. Ich lebe bei Papa. Und im Wesentlichen mache ich das Gleiche, wie früher: Ich widme mein Leben der Wissenschaft“, antwortete Ed und lächelte. Als Augen leuchteten. „Du lebst bei Papa?“, fragte Al weiter. „Ja, allerdings“, begann Ed und erzählte seinem Bruder nach und nach die ganze Geschichte über ihren Vater und sein Leben. Er berichtete Al davon, dass Hohenheim ihre Mutter wahrhaftig geliebt hatte, dass er aber nicht wollte, dass sie zusehen musste, wie sein Körper zerfiel, dass er deshalb gegangen war und dass er sich dazu entschieden hatte, in dem Körper, mit dem Aussehen zu sterben, das sie geliebt hatte. Al hörte aufmerksam zu und fragte seinem grossen Bruder Löcher über ihren Vater in den Bauch. Ed gab bereitwillig Auskunft und genoss es in vollen Zügen, sich endlich wieder mit Al zu unterhalten und ihn ausserdem in Fleisch und Blut vor sich zu haben. Nun, da er wusste, dass sich sein Einsatz gelohnt hatte, ging es ihm gleich viel besser. Sein kleiner Bruder hatte seinen Körper wieder. Dass ihm die vergangenen Jahre fehlten, war ein vernachlässigbarer Verlust. Natürlich bedauerte er es, dass sich Alphonse an ihre Odyssee nicht mehr erinnerte, doch das konnte sich vielleicht ja noch ändern. Was zählte, war, dass er wieder ein normales Leben führen konnte und nicht weiter als körperlose Rüstung durch die Weltgeschichte spazieren musste.

Wolken zogen am Horizont auf und der blaue Himmel wurde allmählich grau. Die beiden Brüder sassen eine Weile schweigend nebeneinander. Ed musterte die Wolken, die immer näher kamen. Er seufzte schwer. „Ich glaube, es ist an der Zeit zu gehen“, sagte er und lächelte traurig. Auch Al sah die dunklen Wolken und nickte. „Sehen wir uns wieder?“, fragte er seinen älteren Bruder. „Natürlich sehen wir uns wieder, Alphonse!“, meinte Edward bestimmt. Al strahlte, doch mit einem Mal verhärteten sich seine Züge. Ein kühler Wind kam auf und zerrte an Edwards Zopf und an ihren Kleidern. „Nii-san, woher weiss ich, dass ich dich wirklich getroffen habe und dass das hier kein normaler Traum war?“, fragte Al sichtlich beunruhigt. „Du hast mir gesagt, dass du bei den Rockbells in dem Zimmer wohnst, in dem wir immer geschlafen haben, wenn wir sie besucht haben, nicht?“, begann Ed. Als Al nickte, fuhr er fort: „Transmutiere den siebten Backstein von links, eine Handbreit über dem Boden an jener Wand, an der unsere Betten stehen, in Sand. Er wird herausrieseln und du wirst einen Brief von mir an dich finden, den ich geschrieben habe, als wir die Rockbells zum ersten Mal, nachdem ich Staats Alchemist geworden war, besucht haben. Damals fürchtete ich, dass ich sterben könnte, ohne dir deinen Körper zurückgegeben zu haben. Wenn du ihn in den Händen hältst, hast du den Beweis dafür, dass unsere Begegnung echt war.“ Al hatte seinem Bruder konzentriert zugehört und schlang begeistert seine Arme um dessen Hals, nachdem er geendet hatte. „Ich vermisse dich so, Ed! Du bist der beste Bruder, den es gibt!“, verkündete er. Ed schluckte hart. „Ich hab dich lieb, Al. Du bist der tollste kleine Bruder, den man haben kann!“, sagte er und drückte Al so fest er konnte.

Ed nahm leuchtendes Orangerot wahr und öffnete die Augen. Die Sonne schien ihm ins Gesicht. Endlich hatte es geklappt! Er hatte im Schlaf den Zugang zu Als Welt gefunden. Endlich wusste er, dass es ihm gut ging. Und er konnte ihn wiedersehen. Alleine die Gewissheit, dass es Al gut ging, reichte Ed aus, um wieder vollkommen glücklich zu sein. Er hatte sein Ziel erreicht: Er hatte seinem Bruder seinen alten Körper zurückgegeben. Er fühlte sich absolut glücklich – und frei. Es war, als wäre dies der schönste Tag, der in seinem Leben je begonnen hatte. „Nein wie rührend“, kommentierte eine Stimme spottend. „Hast wohl deinen ach so geliebten Bruder getroffen, was, Fullmetal Knirps?“ Ed setzte sich auf. Auf der Kommode, die am Fussende seines Bettes an der Wand stand, sass Envy und starrte ihn überlegen an. „Woher… weisst du…?“, begann Ed perplex. „Woher ich weiss, dass du von deinem Bruder geträumt hast? ‚Du bist der tollste kleine Bruder, den man haben kann!‘“, wiederholte Envy Eds Worte mit theatralisch verdrehten Augen. Eds Augenbrauen zogen sich zusammen. Wütend sprang er aus dem Bett und stürzte sich auf Envy. Er wollte ihn an der Kehle packen, doch als sich seine Hände um den Hals des anderen schlossen, fassten sie ins Leere. Verwirrt starrte Ed auf seine Hände, dann auf Envys Hals. Er versuchte es erneut, mit demselben Ergebnis. Irritiert setzte er sich aufs Bettende. „Tja, kleiner Edward, so kannst du mir offenbar nichts anhaben“, verkündete Envy hochnäsig und stand von der Kommode auf. Er schritt durchs Zimmer wie ein Landlord, ging zum Fenster und sah hinaus. Obwohl die Sonne mit voller Kraft hinein schien, warf der Homunculus keinen Schatten. „Was willst du, Homunculus?“, fragte Ed mit kalter Stimme. „Nana, ein bisschen mehr Respekt vor deinem älteren Bruder“, verlangte Envy gespielt gekränkt.

„Du bist nicht mein Bruder. Du bist genauso wenig mein Bruder wie Sloth meine Mutter war. Ihr habt nichts mit dem Original zu tun. Ihr gleicht eurem Original nur äusserlich. Vielleicht teilt ihr auch die eine oder andere Erinnerung mit ihm, aber ihr seid etwas gänzlich anderes. Ihr seid nichts weiter als ein billiger Abklatsch des Lebens“, spie Edward dem ungebetenen Gast die Worte entgegen und baute sich wütend vor Envy auf. Envy sah noch immer aus dem Fenster. „Ihr seid keine Menschen. Ihr seid Wesen ohne Geist und Seele. Leere Hüllen, nichts weiter“, wetterte der Blonde weiter. „Wesen ohne Geist und Seele?“, wiederholte Envy langsam, jede Silbe betonend. „Wie erklärst du dir dann, dass Wrath Sloths Tod betrauert, ihn sogar beweint hat? Und was ist mit Gluttony? Er hat Lust wie verrückt gesucht. Er wurde regelrecht apathisch durch ihr Verschwinden. Können seelen- und geistlose Kreaturen solche Gefühle empfinden?“, fragte der Grünhaarige bitter und sah den Fullmetal Alchemisten voller Hass an. Eds linke Augenbraue zuckte kaum merklich. Genau dieselben Fragen hatte er sich auch schon gestellt. Auch Envys Wut, mit der der Homunculus auf ihn losgegangen war, war ihm ein Rätsel. Wie konnte er so lange eifersüchtig auf ihn und Al sein? Wie war es möglich, dass er sich wünschte, Eds Vater wäre auch ihm ein Vater gewesen? Wie kam es, dass die Homunculi danach trachteten, Menschen zu werden? Wenn sie wirklich nur leere Hüllen waren, wie konnte es dann sein, dass sie sich überhaupt irgendetwas wünschten? Envy erkannte die Zweifel in Eds Augen und hakte nach. „Na, fällt dir auch keine Antwort darauf ein, stählerner Gnom? Und was sagst du dazu, dass ich hier bin, jedoch ohne einen festen Körper?“, fragte der Grössere triumphierend und ratlos zugleich. Eds bernsteinfarbene Augen weiteten sich. Langsam ging er zwei Schritte rückwärts und liess sich aufs Bett plumpsen. Envy hatte Recht: Wenn ein Homunculus keinen Geist und keine Seele hatte, wie war es dann möglich, dass Envy körperlos vor ihm stand?
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