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Für immer und ewig

GeschichteSchmerz/Trost / P12
22.08.2017
22.08.2017
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Ein Sprichwort besagt, dass die Zeit alle Wunden heilt. Der größte quatsch wenn ihr mich fragt. Er wird immer da sein, man lernte nur vielleicht mit der Zeit damit umzugehen.
Seit Gus vor drei Monaten gestorben ist lebe ich in einer Blase aus Schmer, Kummer und all umfassender Leere. Die Welt hatte ohne ihn an Farbe verloren. In den ersten Wochen habe ich alles gehasst, die mitleidigen Blicke, meine Eltern und ihre aufmunternden Worte, selbst die Sonne, welche jeden Tag auf und unter ging als wäre nichts passiert, als wäre Gus nicht gestorben. Aber auch die Wut verging und zurück blieb eine Gleichgültigkeit, die mich teilweise selbst erschreckte. Ich stand jeden Morgen auf, aß etwas, nahm meine Medizin, ging zu den Gruppentreffen, legte mich abends wieder in mein Bett und starrte Stunden lang die Decke an. Es erreichte mich aber alles nicht mehr, die Geräusche und Stimmen erklangen gedämpft und unverständlich und das Essen schmeckte nach nichts. Das einzige was mich dazu animierte jeden Tag aufzustehen war der Gedanke daran, dass Gus es so gewollt hätte, dass ich für ihn weiter lebte. Und das tat ich jeden verdammten Tag.
Doch dann kamen die Ergebnisse der letzten Untersuchung. Ich erinnere mich noch gut daran, wie mein Arzt ins Behandlungszimmer kam und mir und meinen Eltern mit trauriger Miene mitteilte, dass ich noch einen Monat ohne Chance auf Heilung hätte. Der Tumor hatte sich anscheinend so schnell und so groß ausgebreitet, dass nicht einmal eine Chemotherapie helfen würde.
Auf meinen Wunsch hin hatten meine Eltern ein Haus an der Ostsee gemietet, wo ich meine letzten Wochen verbringen wollte. Aus diesem Grund stand ich jetzt auf dieser Klippe, zwei Schritte von der tosenden See unter mir entfernt. Über mir taucht der Mond alles in ein gedämpftes Licht und um ihn herum leuchten abertausende von Sterne um die Wette. Der Wind ist besonders stark heute Nacht und zerrte wie hunderte Hände an meinem Kleid und Haaren. Ich richte meinen Blick nach oben zu den Sternen und muss daran denken was Isaac vor meiner Abreise zu mir gesagt hat. Das die Sterne Seelen verstorbener Personen wären und sie jeden Nacht leuchten würden um ihren liebsten ein Licht in der Dunkelheit zu seien. Ein schöner Gedanke wie ich fand. Dann hatte er mich in den Arm genommen und gesagt das, obwohl er sie nicht sehen konnte, Gus und meiner für ihn immer am hellsten strahlen würden.
Ich wusste nicht woher er wusste was ich vorhatte, aber das war seine Art sich von mir zu verabschieden. Isaac war der einzige Mensch, der mich in den letzten Monaten so wirklich verstanden hatte. Im Gegensatz zu den anderen hatte er nicht viel gesagt, sondern sah’s einfach nur Stunden lang mit mir auf den Schaukeln, während wir uns gegenseitig stützten und einander Trost spendeten. Fast tat es mir leid, dass ich ihn nun ebenfalls verließ, aber ich wollte, dass mich die Menschen in meinem Leben und die, die ich liebte so in Erinnerung behielten wie ich war und nicht wie jemand der auf der Schwelle zum Tod stand. Vielleicht war ich auch einfach nur egoistisch, weil ich mir den Schmerz ersparen wollte und so endlich wieder bei Gus sein konnte. Ich schließe meine Augen, welche sich mit Tränen füllen, während sich ein leichtes Lächeln auf mein Gesicht schleicht. Es erfüllte mich mit einer gewissen Trauer meine Eltern und auch Isaac zu verlassen, deshalb hatte ich an jeden von ihnen ein Brief geschrieben und auf mein Bett gelegt. Jedoch war die Vorfreude auf Erlösung größer, weshalb ich entschlossen nachdem Sauerstoffschlauch greife und ihn mir vom Kopf ziehe.
Einige Sekunden lang passiert nichts, bis das brennen einsetzt. Es füllt sich an als würde meine Lunge zerfetzt werden und ich ringe hektisch nach Luft. Die Welt um mich herum fängt an sich wie ein Karussell zu drehen und ich sinke, den Blick Richtung Himmel gerichtet, nach hinten ins Gras. Mein Körper versucht noch ein paar gequälte Sekunden lang mich mit Sauerstoff zuversorgen, während ich die Sterne betrachte. Dann schließe ich ein letztes Mal meine Augen und mit einem erleichterten Lächeln auf den Lippen empfange ich die Dunkelheit und heiße sie Willkommen. Auch wenn mein Leben nicht lang war durfte ich erfahren was es bedeutet wahrhaftig geliebt zu werden, etwas das mehr ist als so manch anderer behaupten kann und ich werde sie alle lieben.
Immer!
Plötzlich lichtet sich ebendiese Dunkelheit und vor mir erscheint ein vollständig gesunder Gus. Lächelnd reicht er mir die Hand, die ich überglücklich ergreife und aufstehe. Dann werfe ich mich in seine Arme und merke wie er mich fest an sich presst. Ich war endlich zu Hause und zum ersten Mal seit einer sehr langen Zeit konnte ich wieder frei atmen.
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