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And Love Said No

GeschichteFreundschaft, Liebesgeschichte / P16
HIM OC (Own Character)
22.08.2017
12.11.2020
14
78.291
3
Alle Kapitel
20 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
28.08.2017 6.594
 
Hallo und willkommen zu Kapitel 2. Vielen Dank für die beiden Favo-Einträge und die zwei Reviews, da hab ich mich sehr gefreut;)
Ich habe einige kleine Änderungen im ersten Kapitel vorgenommen, die alle eher orthografischer Natur sind; aber ich wurde darauf angesprochen und dachte mir, das könnte man ändern. Zudem werden fast alle weiteren Kapitel in etwa die Länge von diesem hier haben, zumindest ist das das angestrebte Maß;) Und zur besseren Orientierung wo wir uns zeitlich und Ortstechnisch gerade befinden, werde ich am Anfang des Kapitels den groben zeitlichen Rahmen und den Ort schreiben.
Das war's erstmal und nun viel Spaß mit dem Kapitel, in dem wir ein paar mehr Personen aus Lahjas Umfeld kennen lernen;D
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Kapitel II: You Are The One

We've had our share of misfortune
We've had our blues
And God is not on our side
Yes it's true
We keep forgetting baby
The beauty of us two
There is no one who can take that away
From me and you



San Francisco, Dezember 2006

Zwei Tage später sah die Welt schon wieder anders aus und Dave hatte sich bei mir entschuldigt, dass er so heftig reagiert hatte. Er verstünde durchaus, dass ich auch mal wieder in mein Heimatland zu meiner Familie wolle und eben die Chance nutzte, die sich mir bot, sie über die Feiertage und Neujahr zu besuchen. Ein wichtiger Aspekt war dabei auch die Tatsache, dass Daves Chef die Arbeitszeiten für die Zeit um Weihnachten herausgegeben hatte und mein Freund somit einen voll ausgeplanten Terminkalender hatte. Dazu kamen noch diverse andere Angelegenheiten und Dinge, die Dave für Freunde, Familie und Bekannte übernehmen musste und schon waren seine Feiertage verplant. Umso mehr wünschte er sich, dass wenigstens ich eine schöne Zeit verbringen konnte und im Gegenzug versprach ich, das nächste Mal eher mit meinem Vorhaben heraus zu rücken und die nächste freie Zeit mit ihm zu verbringen. Nichts, was mir nun sonderlich schwer fallen würde. Privat lief also alles ziemlich gut und auch im Berufsalltag hatte ich großes Glück und innerhalb einer Woche einen Innenarchitekten gefunden, dessen bisherige Arbeiten mich überzeugt hatten. Ich hatte in seiner Firma angerufen und seiner Sekretärin mein Anliegen erläutert, ihr grobe Ideen genannt und aufgezeigt, auf was genau ich Wert legte und wonach ich suchte. Schlussendlich hatte sie mich mit in die Kontaktliste aufgenommen und mir versprochen, dass man sich noch einmal melden würde, wenn denn Interesse an dem Auftrag bestünde. Einige Tage später rief sie dann tatsächlich an, nannte mir einen Termin für ein persönliches Gespräch, damit man die Ideen besser diskutieren und präzisieren konnte. Dann kamen noch zwei Treffen mit Susan und Layla, die in meiner Firma für reibungslose Abläufe im Einkauf und in der Personenverteilung sorgten, hinzu und auch bei mir wurde plötzlich die freie Zeit knapp. Tagsüber war ich meistens in einem der zwei Filialen meines Ladens zu finden, kontrollierte vor Ort Bestände und Arbeitsabläufe, stellte sicher, dass an die Rabattaktionen gedacht und auf geänderte Öffnungszeiten beziehungsweise die komplette Schließung des Betriebes über die Feiertage geachtete wurde. Mittags eilte ich dann kurz nach Hause, warf mir eine Tiefkühlpizza in den Ofen und beantwortete unterdessen Mails. Oder wenn dafür keine Zeit war, holte ich mir einen kleinen Snack an einem Take-away-Stand und hechtete zu meiner nächsten Verabredung mit einem Kunden oder Anbieter potenziell interessanter Waren.
Und gerade, als ich mir ein bisschen Zeit freigeschaufelt hatte, um schon einmal für meinen Urlaub ein paar Dinge zu erledigen, rief mich eine sehr aufgelöste Lea an, die ziemlich verzweifelt klang und um meine Hilfe bat. Ich versuchte ihren Worten eine Aussage zu entnehmen, irgendeinen Grund, weshalb sie so drauf war, wie sie es eben war. Ziemlich schnell wurde klar, dass sie heillos überfordert war mit ihrer kleinen Tochter, die sich einen hübschen Virus im Kindergarten eingefangen hatte, dem monatlichen Besuch ihrer pflegebedürftigen Mutter im Altersheim und dem restlichen Alltag. Ich war also eingesprungen und hatte ihr haushaltstechnisch immer mal ein wenig unter die Arme gegriffen, auf ihre kleine Tochter aufgepasst und unterdessen versucht Lea ein bisschen aufzubauen. Somit war ich fast immer ausgeplant und abends eigentlich viel zu müde, um noch lange am Rechner zu arbeiten. Also verschob ich meine Prioritäten, beantwortete nur die nötigsten E-Mails und Anfragen und genoss stattdessen die kurzen Momente, in denen Dave auch abends zu Hause war.

Auf diese Art und Weise waren fast zwei Wochen vergangen und wir hatten es nun tatsächlich schon Mitte Dezember; Weihnachten und damit mein Urlaub rückten immer näher. In den letzten paar Tagen hatte ich durchaus mal Zeit gehabt schon einmal ein paar Dinge zusammen zu suchen, Websiten und Flyer diverser Läden und Veranstaltungsorte in Helsinki zu durchforsten. Hilja und Lotti, meinen beiden besten Freundinnen aus Finnland, hatte ich mich natürlich auch angekündigt und somit waren bereits die ersten Pläne für einen ordentlichen Mädelsabend entstanden. Linde hatte noch einmal angerufen, mir gesagt, dass er eine Helldone-Karte und VIP-Ausweis für mich zurück gelegt hatte und dass ich somit zu Silvester versorgt sei. Auch mit meiner Familie hatte ich noch ein-, zweimal geplaudert.
Im Moment stand ich in unserem Schlafzimmer, auf dem Bett meinen Koffer und daneben eine Kiste mit Klamotten aus Finnland, die ich nach meinem Umzug hierher recht schnell in die hinteren Ecke des Abstellkellers oder Dachbodens geschoben hatte. Es gab mehrere von dieser Sorte und im groben Ganzen enthielten sie hauptsächlich Klamotten, Bücher und Erinnerungsstücke aus Finnland, für die ich hier entweder aus temperaturtechnischen Gründen, Platzmangel oder der schlichten Übersättigung unseres Bücherregals durch andere Werke einfach keinen Platz hatte. Im Grunde also die perfekte Fundgrube, um nach meinem Wintermantel, meinen dicken Pullovern und Hosen zu suchen. Allerdings verschwanden Sachen ja Bekannterweise auch immer dann, wenn man sie gerade brauchte und so kam eins zum anderen und ich stand verzweifelt im Schlafzimmer. Immerhin hatte ich zeitig genug angefangen meine sieben Sachen zusammen zu packen, sonst würde ich am Ende noch die Hälfte hier vergessen und dann in Helsinki jämmerlich erfrieren.
„Honey??“, rief Dave aus dem Wohnzimmer.
„Hmm?", machte ich zurück, den Kopf noch halb in der Kiste, weiterhin auf der Suche nach meinem dicken, flauschigen, warmen Wintermantel.
„Sam und Charlie wollen vor Weihnachten mal kurz vorbeikommen, weil sie ja dieses Jahr ihre Ferien in Oakland verbringen."
„Das ist schön", rief ich zurück und schob mein schwarzes Winterkleid zur Seite, da ich einen Fetzen des grauen Mantelstoffes entdeckt hatte. „Wie lange würden sie denn bleiben?"
„Ungefähr vom 21. bis zum 24., wenn das okay ist?"
Ich hatte tatsächlich Recht behalten, unter meinem schwarzen Winterkleid, zwischen zwei flauschigen Pullovern mit Norwegermustern, lag mein dicker Wintermantel. Vorsichtig hob ich ihn aus der Kiste, faltete ihn auseinander und klopfte ihn kurz ab. Mit dem Mantel auf dem Arm ging ich zu Dave ins Wohnzimmer, lugte ihm kurz über die Schulter, um zu sehen, dass er gerade eine E-Mail seiner Schwester geöffnet hatte.
„Ja, ist kein Problem für mich", antwortete ich auf seine Frage und ging im Kopf durch, was ich sonst noch alles für den Urlaub erledigen musste. Vor allem eine ganze Menge an Musik und Unterhaltung für den Flug mitnehmen. Ein paar Dinge aus den USA für meine Eltern, Süßigkeiten als Geschenk für meine Cousinen und diverse Weihnachtsgeschenke, die ich allerdings erst noch in einem ausgiebigen Shopping-Marathon mit Lea oder Lizzie erbeuten musste.
„Wenn wir ein paar der Kisten aus dem Büro räumen, können wir die beiden auch dort einquartieren, das Bett steht ja noch drin", überlegte ich, „ein paar der Dinge brauch ich sowieso in nächster Zeit nicht, in einer anderen ist noch ein bisschen Weihnachtsschmuck drin."
„Du bist die Beste", lächelte Dave, stand auf und zog mich sanft zu sich, schlang seine Arme um meinen Oberkörper.
„Ich weiß", lachte ich, kuschelte mich enger an seine Brust und genoss die Zweisamkeit. Ich war mehr als froh, einen so tollen Freund wie ihn zu haben. Immer für mich da, nett, charmant, witzig, gutaussehend und dazu auch noch in einem wirtschaftlich wichtigen Zweig unterwegs. Nur deswegen konnten wir uns eine so gut situierte Wohnung mitten in San Francisco leisten, denn auch wenn ich selbstständig war, verdiente ich dennoch nicht so viel, dass ich damit am Ende eine so große Wohnung bezahlen und mir noch zusätzlich all die anderen Annehmlichkeiten leisten konnte.
"Ach, sind wir heute wieder ein wenig selbstverliebt, ja?" Lächelnd eroberte er meine Lippen, drückte mich ein wenig näher an ihn. Seine Nähe tat gut, war so vertraut, ein fester Bestandteil meines Lebens.

Mit Daves Hilfe war das Auspacken und Zusammensuchen meiner Winterklamotten viel schneller von statten gegangen, so dass ich am Ende des Tages einen großen Berg an verschiedenen Wäschestücken auf unserem Bett liegen hatte, die allesamt in meinem Koffer verstaut werden wollten. Mantel, Boots und eine lange Hose würde ich bereits auf dem Flug tragen, auch wenn ich dafür in Kauf nehmen musste, mich hier tot zu schwitzen.
„Man sollte meinen, du wärest von Natur aus kältebeständiger", schmunzelte Dave, als er einen der dicken Norwegerpullis aus dem Stapel zog und zusammenlegte.
„Tja, irgendwie muss das Gen defekt geworden sein, als ich hierher gezogen bin. Außerdem sind finnische Winter eben ziemlich kalt", gab ich zurück, nahm ihm den Pullover aus der Hand und legte ihn zurück auf den Sachenstapel. „Ich muss mich nur noch um ein paar kleine Dinge kümmern, aber die kann ich sowieso erst kurz vor Abflug machen."
„Dann ist alles soweit fertig?"
Ich nickte, versicherte Dave, dass ich mich in den nächsten Tagen also problemlos mit all dem anderen Kram beschäftigen konnte, der noch gemacht werden musste. Zum Beispiel das Schlachtfeld von einer Küche aufräumen, ein bisschen weihnachtliche Stimmung in die Wohnung bringen; denn noch hatte ich nicht alles raus geräumt, was wir hatten.
„Am Samstag kommt Lea kurz vorbei, kleiner Plausch unter Freunden", kündigte ich an, öffnete den Kleiderschrank und sah nach ganz oben ins Regal, in dem wir unsere Koffer lagerten. „Kannst du..?"
Dave, der um das leidliche Problem meiner Körpergröße und der daraus erwachsenden Unfähigkeit Dinge aus größerer Höhe zu heben, wusste, schmunzelte nur, schob mich ein Stück zur Seite und beförderte dann meinen schwarzen Trolley nach unten.
„Danke", lächelte ich, ehe ich mich daran machte den Koffer etwas zu säubern und dann meine Klamotten soweit es schon ging zu verstauen.

Der Plausch unter Freunden wurde eine ziemlich lustige Runde, zu der sich kurzfristig dann noch Josi, eine andere sehr gute Freundin von Lea und mir gesellte. Ihre kleine Tochter Mia hatte sie irgendwie bei deren Tante unterbringen können und somit stand auch einer etwas längeren Zusammenkunft nichts im Wege. Wir schwatzten über das Weihnachtsfest, meinen Urlaub im hohen Norden, Josis bevorstehenden Umzug und den allerneusten Tratsch und Klatsch aus unserem Bekanntenkreis. Zu meiner Verteidigung sei zu sagen, dass ich mich in solchen Dingen eigentlich zurück hielt; doch vier Jahre in einem anderen Land hinterlassen dann doch Spuren im eigenen Verhaltensmuster. Ich hatte ziemlich viele Eigenschaften und Gewohnheiten übernommen, die man wohl als typisch amerikanisch beschreiben würde. Aber genauso behielt ich mir traditionelle finnische Rituale und Eigenheiten bei; zum Beispiel die Angewohnheit jedes gute Frühstück mit einem puuro, also einer Art finnischem Haferbrei, zu beginnen.
Lea hatte meine Anfrage zum gemeinsamen Shoppen leider ablehnen müssen, doch am selben Abend war noch mit Lizzie ein würdiger Ersatz gefunden wurden. Wir hatten uns für den folgenden Donnerstag verabredet, in der Hoffnung noch etwas zu finden. Denn so wie die Leute bereits jetzt Unmengen an Büchern, Spielesets, Barbie-Puppen, Gameboys, Playstations und etwaigen anderen Geschenken aus den Geschäften schleppten, konnte man durchaus den Eindruck gewinnen, es wäre bereits der 23. oder 24. Dezember. Ich hatte mich nun schon langsam an die amerikanischen Gepflogenheiten gewöhnt, doch zu Weihnachten fiel mir der Unterschied zu Finnland immer wieder ganz gewaltig auf.
Beide Länder liebten Weihnachten und stürzten sich mit Feuereifer ins Getummel, doch es war von Grund auf verschieden. Während in Finnland die Weihnachtszeit meist erst ab Ende November begann, fingen hier in San Francisco die ersten Geschäfte schon ab Ende Oktober, Mitte November an die ersten weihnachtlichen Accessoires und Dekorationen zu verkaufen.
Ich erinnere mich sehr gut, wie mein Vater mit mir und später dann auch mit Miila nach Helsinki reingefahren ist, um uns die Geschäfte und die weihnachtlich geschmückte Aleksanterinkatu zu zeigen. Ich hatte mir jedes Mal die Nase am Schaufenster von Stockmann plattgedrückt, mit großen Augen die weihnachtliche Deko bestaunt und gewusst: Jetzt war Weihnachten.
Neben der wohl offensichtlichsten Tatsache, dass es in Finnland zu Weihnachten richtigen, echten Schnee aus Wasser gab, entgegen der sommerlichen Temperaturen und dem zu glitzrigen Fake-Schnee in San Francisco, war die Beleuchtung in Finnland ganz anders. Wärmer, ruhiger und irgendwie besinnlicher. Wo man hier zu Lande hauptsächlich bunt blinkende Leuchtschrift und flackernde Neonglocken fand, war das Farbspektrum in Helsinki auf warme Rot-und Gelbtöne beschränkt. Und über irgendwelche Weihnachtsmänner und Theorien, von wo genau Santa Claus denn nun käme, konnte ich sowieso nur lachen. Schließlich wusste ja jedes Kind in Finnland, dass der Weihnachtsmann im Berg Korvatunturi* in Lappland lebt. Oder wenn er schon nicht dort ist, dann ja wohl wenigstens in Rovaniemi.
Das aber wohl verwirrendste für mich war der eigentliche Weihnachtstag an sich gewesen. Natürlich hatte ich schon vorher gewusst, dass am Christmas Eve außer dem Gottesdienst und einem reichhaltigen Essen nicht viel passieren würde. Aber das ganze dann das erste Mal mit zu erleben und sich erst am 25. Dezember auf Geschenke freuen zu dürfen, war dann doch etwas ungewohnt. Mittlerweile war ich dazu übergegangen, mich einfach den amerikanischen Traditionen anzupassen und mit meinen Freunden und Dave den 24. einfach so beim gemeinsamen Essen zu verbringen.
Auch dieses Jahr würde wieder einiges bei uns los sein, weniger als sonst, schließlich war die unangenehme Arbeitssituation und meine Reise nach Finnland bereits im Familienkreis durchgedrungen. Dennoch würden Daves Eltern vorbeikommen, Sam und ihrem Mann hatten wir auch angeboten, wenigstens zum Abendessen am Christmas Eve hier zu bleiben.

Auch die Zeit bis zu meinem Treffen mit Lizzie ging sehr schnell rum; wie Dave versprochen, brachte ich unsere Wohnung wieder auf Vordermann, gestaltete sie etwas weihnachtlicher und hielt es dabei ziemlich skandinavisch-schlicht. Natürlich hatte ich auch nicht auf den ein oder anderen Elch verzichten können und auf dem kleinen Schränkchen im Flur standen noch immer die weiß-blauen Kerzen des finnischen Unabhängigkeitstages. Sam und Charlie hatten sich gemeldet, sie würden gerne noch mit zum Essen bleiben. Damit musste nun auch für die beiden ein Geschenk her, eine Qual, die ich lieber Dave überließ, kannte er seine Schwester ja durchaus besser als ich.
Ich selber hatte schon genug damit zu tun, Geschenke für meine Freunde zu finden; eine Unternehmung, die nicht immer wirklich leicht war. Lizzie und Lea waren noch recht einfach, die beiden mochten gute Filme, entspannende Wellness-Abende und den einen oder anderen Rotwein. Da ließ sich oft etwas finden, das Spektrum war ziemlich breit gefächert. Schwieriger wurde es da schon bei Linde, immerhin verdiente er gut genug, dass es sich seine Wünsche selber erfüllen konnte. Zudem war ich durch die geografische Distanz zwischen uns auch nicht immer auf dem neusten Stand, was bei ihm so los war. Meist aber schenkte ich ihm nichts, sondern verbrachte einfach ein bisschen Freundschaftszeit mit ihm. Meinen Mädels in Helsinki würde ich ebenfalls ein bisschen Kosmetik und Naschkram aus den Staaten mitbringen.
Ich traf Lizzie im Eingangsbereich einer der vielen Malls, die San Francisco zu bieten hatte. Schon von weitem erkannte ich sie, ihre brünetten Haare waren an der einen Seite geflochten und dann kunstvoll zu einem Dutt gedreht worden. Außerdem war es ihr unverkennbarer Klamottenstil, der mich sie fast augenblicklich als sie identifizieren ließ. Eine gekonnte Mischung aus Hippie und elegant-klassischen Chic. Eine Kombination, die ich vorher schwer für möglich gehalten hatte, mittlerweile aber als ganz normal ansah.
„Hi Lizzie", begrüßte ich die Brünette und fand mich gleich darauf in einer Umarmung wieder.
Nach dem sie mich wieder losgelassen hatte, bekam ich auch noch eine verbale Begrüßung von ihrer Seite, sowie einen skeptischen Blick.
„Und du willst wirklich nach Finnland? Oh come on, wie sollst du da jemals ordentlich braun werden?"
Lachend sah ich sie an, ehe ich sie daran erinnerte, dass ich durch meine Gene sowieso niemals wirklich braun sondern nur krebsrot werden würde. Außerdem könne ja nicht jeder so eine perfekte milchkaffeefarbene Haut haben.
„Auch wieder wahr. Also, hast du schon irgendeine Ahnung für ein Geschenk?", nahm Lizzie die Planung in die Hand.
Ich schüttelte den Kopf, erntete dafür ein amüsiertes Grinsen meines Gegenübers, ehe sie uns in Richtung der ersten Boutique dirigierte. Dabei erklärte sie mir, dass es ihr noch an dem perfekten Weihnachtskleid mangelte und sie zudem etwas ganz besonderes für ihre ältere Schwester suchte.
„Hast du denn schon etwas für Josh?", wollte ich wissen, während sie durch die Regale wirbelte und Kleiderstangen hin und her schob.
„Wir schenken uns dieses Jahr nichts, wir fliegen über Silvester nach Toronto." Ihr Haarschopf war zwischen verschiedenen Oberteilen und Blusen verschwunden, weshalb sie ein wenig unsauber klang. „Okay, was hältst du davon?"
Zwei Oberteile wurden mir vor die Nase gehalten, das eine in einem Peach-Ton mit V-Ausschnitt, das andere in einem etwas hellerem Rosè-Ton.
„Peach. Toronto also, was?"
„Toppt Helsinki Helldone natürlich nicht, aber es kann ja nicht jeder so ein Glück haben, was?"
Lizzie war wie immer ganz oben in den Trends dabei und hatte seit einer Weile einen Gefallen an HIM gefunden, die sich hier in Amerika mit ihrem Dark-Light-Album einen Namen gemacht hatten. Weswegen Lizzie sich im Moment sogar mehr über meine Karte für das Helldone freute als ich mich selber. Versteht mich nicht falsch, ich freute mich mächtig. Aber ich freute mich eher Linde mal wieder zu sehen, endlich mal seine Bandkumpels kennenzulernen.
„Spaß beiseite, ich freu mich doch total für dich. Und das Wochenende in Toronto wird grandios. Peach sagtest du?"
Ich nickte, woraufhin das pfirsichfarbene Oberteil auf ihren Arm wanderte. Wir verließen das Abteil mit den Blusen und liefen zu den Röcken und Hosen. Während sich Lizzie nun etwas zu ihrer Bluse passende raussuchte, tauschten wir uns ein wenig über unsere Reiseziele aus, ich erkundigte mich, wie es ihrem Freund Josh ging und erzählte im Gegensatz ein bisschen von Dave und mir.
Irgendwann verließen wir den Laden, Lizzie hatte  zwei Tüten in der Hand und war mit ihrem Einkauf durchaus erfolgreicher als ich. Aber wir hatten ja noch genügend Geschäfte vor uns, in denen ich etwas finden könnte. Während wir so durch die Mall stiefelten, bei dem ein oder anderen potentiellen Laden anhielten und kurz reinschauten, textete die Brünette mich mit allerlei Geschichten aus ihrem Bekannten- und Freundeskreis zu. Ich hatte ihre Fähigkeit, ohne Punkt und Komma zu reden, schon immer irgendwie bewundert; ich selbst konnte so etwas nicht. Aber vielleicht war das auch nur wieder meine finnische Mentalität die da durchkam.
Entgegen der Erwartung, die ihre aufgedrehte Art und ihre Vorliebe für Trends und Mainstream-Dinge anbelangte mit sich brachte, war Lizzie keineswegs oberflächlich. Hatte man erst einmal einen Zugang zu ihr gefunden, konnten man mit ihr durchaus lange intensive Gespräche über Gott und die Welt führen.
Im Gegensatz zu mir war Lizzie grundsätzlich sehr offen und temperamentvoll, hatte ein selbstsicheres Auftreten und war sich ihrer Ausstrahlung bewusst. Aber wenn man so aussah wie sie, war das auch kein Wunder. Lizzie, oder Elizabeth, wie sie eigentlich hieß, war das Kind spanischer Einwanderer und hatte deren dunkle Haare, Augen und das Temperament geerbt. Außerdem schien sie ganz intuitiv zu wissen, wie sie auf die Menschen zu zu gehen hatte und was diese von ihr am liebsten hören würden, so dass sie sich auch mit fast allen auf Anhieb gut verstand. Ich dagegen hatte mir im Laufe meiner Zeit hier in Amerika einige neue Eigenschaften zugelegt; ich war definitiv selbstbewusster geworden.

Etliche Stunden später saßen wir in einem kleinen, ruhigen Cafè in einer Nische der Mall und genossen unseren Cappuccino. Neben uns die Einkaufstüten der verschiedenen Läden; letztlich hatte sich für jeden etwas gefunden. Sogar für Dave hatte ich etwas entdeckt, auch wenn ich mich damit ab und an ein bisschen schwer tat. Allerdings hatte dann in einem Buchladen die Biografie über einen seiner Lieblingsfootballer förmlich danach geschrieen, es zu kaufen. Dazu noch eine gute Flasche Wein, das traditionelle Paar Socken, das einen kleinen Scherz zwischen uns beiden darstellte und eine Tafel guter Schokolade.
„Wie lange warst du jetzt schon nicht mehr drüben?", wollte Lizzie wissen und rührte in ihrem Getränk, ehe sie mit spitzen Fingern den Keks aus der Verpackung zog, den es zu jedem Kaffee oder Cappuccino dazu gab.
„Anderthalb Jahre, vielleicht ein bisschen mehr."
„Lange Zeit, vermisst du sie nicht manchmal?"
Gedankenverloren rührte ich in meinem Cappuccino, ehe ich langsam nickte und dann aufschaute.
„Schon ein bisschen, ja. Aber es geht, ich hab ja schließlich mein Leben hier. Und zu den wirklich großen Feiern flieg ich selbstverständlich rüber."
„Waren deine Eltern mal hier?", wollte die Brünette wissen und nahm nun ihrerseits einen Schluck Cappuccino.
„Nein", sagte ich, „meine Ma hat Flugangst. Ich glaub, das weiteste was sie geflogen ist, war bis nach Oslo in Norwegen, aber ansonsten kriegen sie keine zehn Pferde in ein Flugzeug."
„Oh", machte Lizzie betreten, schien kurz zu überlegen, ehe sie nachhakte, ob nicht aber mal meine Schwester hier gewesen sei.
„Jep. Vor gut einem Jahr. Ich telefonier auch oft mit ihnen, auch mit Linde und Hilja und Lotti oder Maarit, aber es ist schon etwas anderes, sie dann auch mal wieder zu sehen."
„Nicht, dass du uns dann einfach drüben bleibst, weil dir der finnische Winter doch besser gefällt als die Westküste."
„Keine Sorge“, stimmte ich in ihr Lachen ein und machte mich nun endlich über meinen Kuchen her. Eins musste man diesem Cafè lassen, die angebotenen Speisen waren echt super lecker, weswegen es Lizzie, Lea oder mich nach einer ausgedehnten Shopping-Tour öfter hier hinein zog.
Nach dem kleinen Imbiss beschlossen wir, noch schnell in einem Supermarkt vorbei zuschneien und Lebensmittel für das Abendbrot zu holen, ehe wir uns wieder auf den Heimweg machen würden. Dave war leider wieder länger auf Arbeit und würde wohl nicht vor zehn nach Hause kommen, deshalb hatte ich Lizzie kurzer Hand zum Essen eingeladen.
Auf ein gemeinsames Gericht ließ sich zum Glück schnell einigen und so kauften wir Pizzateig, Schinken, Käse, Tomatensoße, Pilze und ein wenig Gemüse um eine reichhaltige Pizza zu machen. Natürlich konnten wir es nicht lassen und packten einige der obligatorischen Weihnachtssüßigkeiten ein. Auch wenn mich nichts davon abbrachte, mich in der Weihnachtszeit selbst in die Küche zu stellen und aus Zuckerrübensirup, braunem Zucker, Eiern und Gewürzen leckere Pfefferkuchen herzustellen; gegen Candy Canes und Peanut Butter Honey Rounds war aber absolut nichts einzuwenden.

Wir hatten uns noch einen lustigen Mädelsabend gemacht, bis Lizzie kurz nach zehn gegangen war. Ich hatte danach ein wenig das Chaos in unserer Küche beseitigt, mich aufs Sofa gekuschelt und mir auf dem Laptop einen Film angesehen. Ungefähr in der Hälfte hörte ich dann den Schlüssel im Schloss rumdrehen und kurz darauf Schritte im Flur.
„Lahja, bist du noch wach?", fragte Dave vom Flur aus, ich hörte wie er die Jacke an den Haken hing und die Schuhe auszog.
„Wohnzimmer", antwortete ich, pausierte meinen Film und nippte vorsichtig an dem Wein, den Lizzie und ich vorhin aufgemacht hatten.
„Hey", begrüßte mich Dave, setzte sich neben mich auf die Couch und küsste mich vorsichtig. „Schönen Tag gehabt?"
„Hmm", machte ich, rückte ein Stück näher an ihn und schaute zu ihm auf, umarmte ihn und ließ meine Hände über seinen Rücken wandern. Hinauf zu seinen Schultern, um sie dann im Nacken zu verschränken und ihn ein Stück zu mir hinunter zu ziehen. Es war wirklich ärgerlich, dass ich so viel kleiner war. Allerdings war Dave so freundlich und beugte sich ein Stückchen näher zu mir, so dass ich ihn endlich küssen konnte. Ich spürte Daves Hände, die sich nun seinerseits auf meinen Rücken legten und die Decke, in die ich mich eingewickelt hatte, vorsichtig nach unten streiften.
Ganz automatisch schloss ich die Augen, genoss die feinen Berührungen meines blonden Gegenübers und lehnte mich entspannt in die angebotene Umarmung.
„Und sogar Wein habt ihr gehabt, na ihr lebt ja nicht schlecht", lachte Dave, als wir uns voneinander lösten. „Wart ihr wenigstens erfolgreich?"
Ich nickte nur und war froh, die Beutel mit den Geschenken schon kurz nach unserer Ankunft sicher verstaut zu haben, manchmal war Dave nämlich noch wie ein kleines Kind, das heimlich die Geschenkverstecke aufzustöbern versuchte.
„Für jeden etwas dabei."
„Das freut mich... Sag, was hältst du davon, wenn ich duschen gehe, mir ein Glas hole und wir uns dann den Film zusammen zu Ende anschauen, ja?"
„Ausgezeichnet", lächelte ich, ehe ich mir noch einen Kuss von seinen Lippen stibitzte. „Wir haben sogar noch ein Stück Pizza übrig, wenn du möchtest."
Während Dave also im Badezimmer verschwand, huschte ich flink in die Küche, holte noch ein neues Weinglas für ihn und machte die letzten zwei Stück Pizza warm. Trug alles zurück ins Wohnzimmer, wickelte mich wieder in die Decke und checkte noch schnell meine Emails. Nicht spannendes Neues, nur ein paar Spam-Mails und eine Anfrage von Susan, ob ich ihr noch einmal die Liste mit den Öffnungszeiten und Ferienwünschen schicken konnte. Das allerdings verschob ich auf morgen, heute würde ich mich nicht mehr mit Arbeit beschäftigen sondern nur noch den restlichen Abend gemütlich mit Dave ausklingen lassen.

Langsam aber sicher wurde ich aufgeregter, als ich an meinen bevorstehenden Urlaub dachte. Ich freute mich wirklich unheimlich, meine Familie und Freunde nach so langer Zeit endlich wieder nah bei mir zu haben. Gerade Mummo, meine Großmutter, oder meine jüngere Schwester Miila. Es war eben doch etwas ganz anderes, mit den Leuten am Telefon zu reden oder sich über Skype zu sehen, als wenn man sie dann tatsächlich wieder vor sich hatte.
Neben der Vorfreude gab es allerdings immer noch eine Menge Arbeit zu erledigen. Wer auch immer den Spruch gebracht hatte, die Weihnachtszeit sei eine ruhige und besinnliche Zeit, kann unmöglich jemals ernsthaft einen Job zu dieser Zeit gehabt haben. Geschweige denn eine Familie. Da galt es Weihnachtsgrüße zu versenden, sich bei Firmen, mit denen man kooperierte für die gelungene Zusammenarbeit zu bedanken, alles für die Feiertage zu regeln. Privat dann war ich meist damit beschäftigt meinen Koffer zu packen und immer neu umzurangieren, weil mir noch etwas eingefallen war, was ich unbedingt mitnehmen musste. Zwar würde ich nur für zwei Wochen in Helsinki bleiben, aber das war lang genug, gerade wenn man im Winter da hin wollte. Der Berg an Klamotten, die ich mitnehmen wollte wuchs ständig. Dazu kamen die Geschenke, ein paar kleine Souvenirs und allerlei anderer Kram, der einfach nur Platz im Koffer wegnahm, aber mit musste.
Zudem war ich meist auch noch damit beschäftigt mir Gedanken ums Weihnachtsessen zu machen. Offiziell waren wir nun zu sechst: Sam und ihr Mann Charlie, Sam und Daves Eltern und Dave und ich selbst. Wir würden bei uns feiern, damit war ich nun auch zuständig für die Versorgung der Gäste. Eine Tätigkeit, die ich eigentlich ganz gerne übernahm. So bot sich mir die Möglichkeit neben den traditionell amerikanischen Weihnachtsspeisen auch allerlei Leckeres aus Finnland mit einzubauen und Daves Familie war immer wieder daran interessiert die, für ihre Geschmacksknospen, eigenartigen Dinge zu probieren.

Das Büro war entrümpelt wurden, ich hatte die leeren Kartons des Weihnachtsschmuckes galant unauffällig in eine Ecke geräumt, das Gästebett war frisch bezogen, die Fenster geputzt und der ganze Raum mit ein paar Kerzen und Sternen weihnachtlich gestaltet worden. Genug Essen war auch im Haus; Sam und Charlie konnten also kommen.
Dave war leider wie so oft in den letzten Wochen auf Arbeit und würde wohl noch eine Weile beschäftigt sein, deswegen hatte ich nun die ehrenvolle Aufgabe unsere Gäste zu begrüßen. Ich saß im Wohnzimmer, neben mir mein Laptop, an dem ich bis jetzt noch gearbeitet hatte. In der Hand mal wieder eine Tasse Kaffee; ich glaube, mittlerweile floss mir das Zeug schon durch die Venen.
Ich hatte mich zur Feier des Tages mal wieder ein bisschen geschminkt, mir einen hübschen Rock und eine schlichte Bluse angezogen. Der Tisch war gedeckt, ich hatte heute morgen bereits einen Kuchen gebacken, den ich nur noch aufschneiden musste. Wenn Sam und Charlie dann hier ankamen, konnten sie sich ein wenig ausruhen, wenn sie es denn wollten. Dave würde wohl wirklich erst kurz vor dem Abendbrot heim kommen, was ziemlich schade war. Deswegen hoffte ich umso mehr, dass er wenigstens die paar Tage vor Weihnachten selbst etwas zeitiger Schluss machen konnte. Wusste aber auch, dass das wohl nur Wunschdenken war.
Die Türklingel riss mich aus meinen Gedanken und ließ mich aufschrecken. Schnell stellte ich die Tasse mit dem Kaffee auf den Tisch, strich meine Bluse glatt und lief durch den Flur, um die Tür zu öffnen.
„Ah, Sam, Charlie. Endlich. Schön euch zu sehen", begrüßte ich die beiden lächelnd.
„Lahja, schön, dass wir kommen konnten."
„Na, das ist doch selbstverständlich. Kommt rein. Taschen könnt ihr erstmal im Flur abstellen. Habt ihr noch Gepäck im Auto?"
Charlie nickte, betrat als Erster unsere Wohnung und reichte mir dann die Hand.
„Gut siehst du aus", sagte er dann, grinste mich spitzbübisch an.
„Ach, zu ihr bist du wieder charmant. Tzz", neckte Sam ihren Mann, ehe auch sie die Wohnung betrat und mich in eine kurze Umarmung zog. Dann zauberte sie hinter ihrem Rücken einen Strauß hübscher Schnittblumen hervor.
„Wie geht es dir?"
„Gut. Und euch? Alles in Ordnung zu Hause?"
„Alles in bester Ordnung", bestätigte Charlie.
„Das ist gut. Wenn ihr wollt, könnt ihr euch ins Wohnzimmer setzen. Ich stell nur schnell die Blumen ins Wasser, dann bin ich auch da. Dave muss leider ein bisschen länger arbeiten und kommt später."
„Oh je, viel zu tun?"
Ich nickte nur, suchte rasch eine passende Vase raus und füllte sie mit kalten Wasser, ehe ich die Blume hinein stellte und zurück ins Wohnzimmer eilte.
„Setzt euch doch. Kaffee, Tee, irgendwas?"
„Wie wär's, wenn du dich auch erstmal setzt, hmm?", lachte Sam und schaute mich amüsiert an. Sie und Dave sahen sich unglaublich ähnlich, sie konnten ihre gemeinsame Herkunft einfach nicht verleugnen. Genau wie Dave hatte Sam blonde Haare, die sie in einem recht burschikosen Haarschnitt trug. Auch wenn ihre Gesichtszüge um einiges feiner und femininer waren, die gleichen grau-blauen Augen wie Dave hatte auch sie. Einige kleine Gesten oder Eigenarten teilten die beiden auch; von der Statur her war Sam aber um einiges graziler. Etwas, das sie ganz sicher von der Mutter der beiden geerbt hatte, während Dave nun mal absolut aussah wie sein Vater.
„Also, wie geht es dir denn, Lahja?", wollte nun Charlie wissen und machte es sich auf der Couch bequem, Sam folgte seinem Beispiel.
Ich begann zu erzählen, was in den letzten Wochen so passiert war, wie die allgemeine Situation gerade bei uns war. Wie die Arbeit lief, was ich so in meiner Freizeit machte. Im Gegenzug erzählten mir die beiden ein bisschen aus ihrem Leben, dem geplanten Trip nach Oakland und ihrem Alltag. Es war entspannt mal wieder ein bisschen mit den beiden zu schwatzen. Ich hatte recht früh einen Zugang zu Daves Familie gefunden, hatten sie mich doch alle sehr offen und neugierig in ihrer Mitte empfangen. Ich mochte Daves Eltern, seine Schwester, kam recht gut mit ihnen klar. Mittlerweile kannte ich sie auf jeden Fall besser als meine Eltern Dave, aber das hatte auch viel mit der  unglaublichen Distanz zu tun, die zwischen uns lag.

Ich erzählte gerade von meinem geplanten Urlaub in Finnland, als wir den Schlüssel im Schloss hörten. Verwundert schaute ich auf meine Uhr und stellte fest, dass wir bereits über eine Stunde geplaudert hatten. Erstaunlich, wie schnell die Zeit vergeht, wenn man sich nett unterhält.
Wir hörten ein Poltern im Flur, dann wurde auch schon die Wohnzimmertür aufgemacht und Dave erschien im Türrahmen. Er schaute uns lächelnd an, kleine Grübchen hatten sich in seinen Wangen gebildet.
„Sammy", grinste er, ehe er auch schon ins Wohnzimmer trat und seine Schwester, die sich nun erhoben hatte, zu umarmen. „So schön, dass du hier bist."
Lächelnd betrachtete ich das Schauspiel, das sich mir bot. Dave und Sam kamen ausgesprochen gut miteinander klar und hatten ein wirklich gutes Geschwisterband, trotz der Tatsache, dass sie nur ungefähr zwei Jahre auseinander waren.
„Wie gut, dass du mich hier noch haben willst."
„Als ob ich mir deine blöden Witze und den Weihnachtsauflauf entgehen lassen würde, den du immer machst", witzelte der Blonde, ehe er auch Charlie mit einem kumpelhaften Handschlag begrüßte.
„Hach, darum geht es dir wieder Sunnyboy. Die Frauen hinterm Herd und du hängst ganz entspannt im Sessel, was?"
Alle lachten. Während Dave und Sam nun ebenfalls Neuigkeiten austauschten, machte ich mich daran den Kuchen zu schneiden und Kaffee zu kochen.
Es dauerte nicht lange, da saßen wir alle zusammen im Wohnzimmer bei Kaffee und Kuchen und plauderten ganz unverfänglich miteinander. Ich erkundigte mich, ob die beiden irgendwelche Pläne hier für San Francisco hatten, aber dem war nicht so. Sie wollten vielleicht mal in ein paar Geschäfte reingucken, sich ein oder zwei Bars ansehen, aber ansonsten war noch nichts geplant.
Dave gab ihnen dafür ein paar Tips, dann wanderte das Gespräch in Erinnerungen an die Kindheit der beiden ab und was sich seitdem verändert hatte. Ich saß nur schmunzelnd daneben, genoss die kleinen verbalen Streitereien, wenn Daves Geschichte mal wieder stark von Sams abwich. Charlie war eher in einer Kleinstadt aufgewachsen und konnte deswegen nicht wirklich viel zu einer möglichen Kindheit in der Stadt erzählen und ein Vergleich zwischen Helsinki und San Francisco war sowieso ein bisschen sinnlos. Genauer genommen war ich in Pukinmäki aufgewachsen, einem District im Bereich Oulunkylä, der gegen San Francisco einfach nur aussah wie ein Dreckfleck auf der Landkarte.
Neben den Kindheitserinnerungen ging es auch um das bevorstehende Weihnachtsfest, den Stress, der ganz automatisch damit verbunden schien. Natürlich wurde ich auch wieder gelöchert, wie Weihnachten denn in Finnland sei. Auch wenn ich Daves Familie nun schon fast so lange kannte wie Dave selbst, gab es immer wieder Dinge, die sie gerne nachhakten oder noch nicht wussten. Auch Weihnachten hatten wir bereits zusammen gefeiert, aber ich erzählte trotzdem gerne immer wieder und beantwortete die Fragen. Zudem machte es mir ja selber Spaß, von daher war das vollkommen okay.
Von Weihnachtsbräuchen und Finnland kamen wir dann noch mal auf meinen Flug nach Helsinki zu sprechen, gerade nachdem uns Dave vorhin unterbrochen hatte. Sam verstand meinen Standpunkt, dass ich meine Familie sehr gern wieder sehen würde, es sei ja auch schon wieder Ewigkeiten her, dass ich drüben war. Als dann auch noch Dave seine Arbeitszeiten bekannt gab, verzogen Charlie und Sam die Gesichter.
„Das sind ja schöne Feiertage", stellte Sam trocken fest, trank den letzten Schluck ihres Kaffees und erbat die Kaffeekanne. „Wieso hast du denn so dämliche Arbeitszeiten?"
Ihr Bruder begann, das ganze Drama mit Bevorzugung von Familienvätern zu erklären; dass eben zuerst die Leute mit Familie Urlaub bekamen und damit am Ende die Arbeit, die ja nicht einfach so liegen blieb, an ihn und eine wenige seiner Kollegen abgedrückt wurde. Allerdings zuckte er dann mit den Schultern und stellte nüchtern fest, dass wir nun auch nichts dran ändern könnten.
„Ich gönn ihr den Urlaub ja auch, keine Frage. Vielleicht kann ich ja nächstes Jahr mal zu einer guten Zeit frei nehmen, dann kommen wir euch zum Beispiel mal besuchen."
„Das klingt nach einer deiner guten Ideen", lachte Sam.

Zur Feier des Tages hatten wir am Abend beschlossen, Sam und Charlie einzuladen und in ein Restaurant zu gehen. Das Lokal unserer Wahl war ein indisches Restaurant, dass Dave und ich eher durch Zufall entdeckt hatten. Es befand sich nur wenige Straßenecken entfernt und war eine der zahlreichen Verköstigungsstätten, die an solchen Orten wie San Francisco nur so aus dem Boden sprießen wie Pilze. An geschmacklicher Vielfalt mangelte es hier wirklich nicht, da war für jeden etwas dabei. Italiener, Griechen, Mexikaner, Thailänder, Inder, Franzosen. Das höchste für mich war ein schwedisches Restaurant gewesen, das allerdings dem normalen Lauf der Dinge in dieser Großstadt zum Opfer gefallen war und hatte schließen müssen.
Sam und Charlie machten sich noch in ihrem Zimmer zurecht, während ich bereits frisch geduscht und nun in einem hübschen schwarzen Kleid im Schlafzimmer stand und ein paar Strähnen meiner Haare nach hinten flocht. Dave hatte sich ein schlichtes Hemd übergezogen, dazu bequeme Schuhe und eine einfache Jeans. An sich nichts groß heraussagendes, aber es stand ihm ausgezeichnet gut und machte ihn nur noch attraktiver, als er sowieso schon war.
„Nimmst du mich so mit?", wollte er dann spielerisch wissen, ehe er sanft seine Hände an meine Taille legte.
„Aber nur an einer Leine", scherzte ich und schmiegte mich an ihn, ehe ich mich auf Zehenspitzen stellte und mir einen Kuss stibitze.
Wir genossen für wenige Augenblicke die Zweisamkeit, ehe uns die „Wir sind fertig"-Rufe aus dem Gästezimmer unterbrachen. Eilig schnappte ich mir noch meine Tasche, schlüpfte in die passenden Schuhe und war dann ausgehfertig.

Das Lokal war wirklich nur einen Steinwurf entfernt und so saßen wir wenig später an einem gemütlichen Tisch und durchstöberten die Speisekarten. Zum Glück hatten wir noch einen Platz bekommen, denn auch wenn es eine Unmenge an Restaurants, Bars und Lokalen gab, in denen man Abendbrot zu sich nehmen konnte, so gab es auch mindestens genauso viele Leute, die eben abends gerne auswärts speisten. Das Essen hier war gut, der Preis fair und das Ambiente gemütlich, weswegen das Restaurant auch eine Art kleiner Geheimtipp hier in der Gegend war.
"Und wie genau seid ihr eigentlich hier drauf gestoßen?", wollte Sam neugierig wissen und betrachtete dann skeptisch die Weinkarte. „Einen Weißwein, was haltet ihr davon?"
Wir anderen nickten zustimmend, suchten uns noch ein weiteres Getränk raus und gaben dann die Bestellung an einen Kellner weiter, der wenig später an unserem Tisch aufgetaucht war.
„Eher durch Zufall", begann Dave und räusperte sich kurz. „Das war zu unserem dritten Jahrestag letztes Jahr. Eigentlich wollten wir ins Kino und danach zu einem wirklich guten Italiener, bei dem ich schon öfter mal mit Freunden war. Allerdings hatten wir ziemlich Pech an dem Tag, denn der Italiener hatte geschlossen-"
„Und der Film war auch öde", warf ich ein.
„Und der Film war auch öde, richtig. Also, Italiener geschlossen. Da hatte ich dann kurz die Idee diesen einen Mexikaner auszuprobieren, von mir ein Arbeitskollege immer wieder erzählt hatte. Aber der war leider umgezogen und wir haben ihn nicht gefunden. Also haben wir uns was Neues gesucht; aber wir sind ständig von Pech verfolgt worden. Entweder waren die Restaurants geschlossen, umgezogen oder brechend voll. Deswegen sind wir dann frustriert nach Hause und hatten beschlossen es uns auf der Couch gemütlich zu machen und ganz unromantisch eine Tiefkühlpizza zu essen, als wir hier dran vorbei gelaufen sind."
Sam lachte leise und auch Charlies Mundwinkel hatten sich deutlich nach oben gezogen bei unserer Geschichte. Aber so verrückt sie auch klang, sie war genauso passiert.
„Na dann", meinte Sam, als der Kellner uns die Getränke brachte, und hob ihr Weinglas. „Auf die Zufälle. Und darauf, dass es schöne Weihnachten werden."
Wir anderen drei hoben ebenfalls das Glas.
„Auf schöne Weihnachten. Und Zufälle. Prost!"
„Prost!"
„Kippis!"

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*Korvatunturi bedeutet wörtlich übersetzt "Ohrenberg" und ist laut einem finnischen Weihnachtsmärchen der Wohnort des Weihnachtsmannes
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