The First Casualty

von Celaeno
GeschichteDrama / P12 Slash
OC (Own Character)
20.08.2017
21.11.2017
5
38043
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KAPITEL 1:


„All men are afraid in battle. The coward is the one who lets his fear overcome his sense of duty.“ (George S. Patton)



Sternbasis 375, Sternzeit 52335, 3. Mai 2375


Die Stille, die den Verhandlungsraum erfüllte, als Commander Eneida Cortez ihn betrat, war so drückend, dass sie erwartet hätte, ihn leer vorzufinden, schließlich waren für die Anhörung keine Zuschauer zugelassen worden. Andererseits wunderte es sie wenig, dass er schon da war. Auch wenn sie nicht damit gerechnet hatte, ihn allein zu sehen. Ärger im Paradies?

Mit festen Schritten durchquerte sie den Raum und nahm ihren Platz ein.

„Commander.“, grüßte sie kurz den Mann, der bereits auf der gegenüberliegenden Seite des Raumes saß, und erhielt ein kühles Nicken, begleitet von einem noch eisigeren Blick, den sie ruhig erwiderte, bevor sie sich ihrem PADD zuwandte.

Unauffällig blickte sie noch einmal zu ihm hinüber. Es war das erste Mal, dass sie ihn in Person traf. Andrews saß beinahe regungslos da, die Hände vor sich auf der Tischplatte verschränkt, das Gesicht ausdruckslos. Bleich unter dem grellen Licht, das den Raum erhellte. Er wirkte angespannt, bemerkte sie nicht ohne ein wenig Genugtuung.

Minuten vergingen, schienen sich zu Stunden ausdehnen zu wollen, bis sich endlich die Türen mit einem Zischen öffneten. Cortez erhob sich und sah Andrews es ihr gleichtun, als zwei Menschen und eine Vulkanierin den Verhandlungsraum betraten.

Auch sie sprachen kein Wort, warfen jedoch Andrews flüchtige Blicke zu, während sie ihre Plätze am Kopfende des Raumes einnahmen.

Der Admiral gab schließlich Cortez ein Zeichen. Sie räusperte sich leise und begann:

„Diese Anhörung, eröffnet zur Sternzeit 52335.7, dient dem Zweck, zu entscheiden, ob gegen Lieutenant Commander Jonathan Andrews eine Verhandlung vor dem Militärgericht eingeleitet wird. Gegenstand dieser Untersuchung sind seine Handlungen als Kommandant des Föderationsschiffes USS Glasgow zur Sternzeit 52285.9 bei Mende IV. Die Anklage wird vertreten durch Commander Eneida Cortez, Juristische Abteilung der Sternenflotte. Die Kammer wird gebildet von Vice Admiral William J. Ross, Captain Edison Byrn und Captain Kivak als Vertreterin der Juristischen Abteilung.“

Admiral Ross nickte ernst. „Commander Andrews, Sie haben das Recht auf einen Beistand zur Vertretung Ihrer Interessen, wenn Sie dies wünschen.“

Andrews, der Cortez' Worten stoisch gefolgt war, wandte sich zu ihm. „Ich verzichte, Sir.“, sagte er.

„Möchten Sie noch etwas sagen, bevor wir beginnen? Alle Logs und Informationen zu dem betreffenden Vorfall wurden bereits von der Kammer in Augenschein genommen. Ergänzungen oder Anmerkungen dazu?“, fragte Ross weiter.

„Ich möchte klarstellen, dass alle beteiligten Offiziere allein auf meinen Befehl hin gehandelt haben und ich die volle Verantwortung übernehme.“

Admiral Ross und Captain Byrn blickten einander an, Captain Kivak hob eine Augenbraue und notierte etwas.

Cortez nahm dies als Zeichen, dass sie fortfahren konnte.

„Commander -“, Andrews sah auf und wieder fand sie sich Auge in Auge mit ihm, „ - Ihnen wird vorgeworfen, während des Zwischenfalls bei Mende IV zu Sternzeit 52285.9 ohne Sanktion oder Konsultation der Sternenflotte die Photonentorpedos der USS Glasgow mit Hilfe eigener Forschungsergebnisse dahingehend manipuliert zu haben, dass sie zu einer verbotenen Waffe gemäß Paragraph 16b der Föderations-Waffenverordnung wurden. Daraufhin gaben Sie – ebenfalls ohne Sanktion oder Konsultation der Sternenflotte - den Befehl, genannte Torpedos ohne ausreichende Provokation -“

Andrews schnaubte verächtlich. 'Ohne ausreichende Provokation' sah sie ihn stumm wiederholen und den Kopf schütteln.Verärgert wandte Cortez sich wieder ihrem PADD zu.

„- ohne ausreichende Provokation“, fuhr sie etwas lauter fort, „- auf ein zu diesem Zeitpunkt unbewaffnetes Schiff der Breen abzufeuern, was zum Tod aller 648 Besatzungsmitglieder dieses Schiffes führte. Dies stellt einen Verstoß gegen General Order 12 und 27, die Direktiven 13, 28, 56... “

***

USS Glasgow, Sternzeit 52271.8, 10. April 2375


'Es ist 05.00h.'

Ächzend vergrub Jonathan das Gesicht im Kissen. Neben sich spürte er Gregory die Decke von sich schieben und aufstehen und hörte wenige Sekunden später das leise Rauschen der Schalldusche.

'Es ist 05.00h.' , wiederholte der Computer noch einmal. Ach, es half ja nichts.

„Computer, Weckruf beenden und Licht...bitte.“, forderte er, während er sich langsam aus dem Bett quälte und missgelaunt in die sofort aufgeflammte helle Beleuchtung ihres Quartiers blinzelte.

Auf den wenigen Schritten bis zum Replikator hob er seine Uniformjacke auf und warf sie über die Lehne eines Stuhls, bevor er sich dem Gerät zuwandte und Frühstück bestellte.

„Kaffee oder Tee?“, rief er in Richtung des Badezimmers und stellte die erzeugten Speisen und das Geschirr auf den Tisch.

„Kaffee für mich...“, bekam er zur Antwort. Jonathan wandte sich wieder dem Replikator zu und betätigte mechanisch die entsprechenden Tasten.

„Ich danke dir...“ Mit einem flüchtigen Lächeln nahm Gregory, der nun aus dem Badezimmer trat, die Tasse an. Er war bereits in Uniform.

„Habe dich gestern nicht kommen hören?“, fragte er etwas abwesend, setzte sich an den Tisch und zog ein PADD zu sich heran.

Jonathan zuckte mit den Schultern und wandte sich zum Badezimmer. „War spät. Es gab ein Problem mit den Langstreckensensoren und die Wissenschaftsstationen haben verrückt gespielt... ist aber behoben.“

Unter der Schalldusche lehnte er sich an die Wand und schloss für einen Moment die Augen. Er war so müde. Bis nach Mitternacht hatte er mit den Ingenieuren der Gamma-Schicht gearbeitet, um das Problem zu beheben.

Erst die Rückeroberung des Kalandra-Sektors, dann die Patrouille, nun das... und es versprach nicht besser zu werden. Zumindest nicht innerhalb der nächsten zehn Tage. Genau genommen konnte er sich nicht einmal genau erinnern, wann er die letzte Nacht ruhig durchgeschlafen hatte.

Seufzend verließ Jonathan die Dusche und begann sich anzuziehen. Als er wieder in den Wohnbereich trat, schien Gregory vertieft in einen Bericht. Sein Gesichtsausdruck sprach Bände.

„Jemand, den wir kennen?“, fragte Jon mit einem mittlerweile so bekannten Gefühl im Magen.

Gregory schüttelte den Kopf. „Nicht wirklich. Die USS Thames und ein romulanisches Schiff. Ich bin dem Captain der Thames mal begegnet...“

„Überlebende?“, fragte Jonathan wenig hoffnungsvoll und goss sich Kaffee ein. Er warf einen Blick auf die Uhr. 05.28h. Noch etwas Zeit.

„Keine.“

Mit geringem Appetit wandte Jonathan sich seinem Frühstück zu und begann ebenfalls einen Blick auf die Nachrichten zu werfen, die sich während seiner kurzen Nacht angesammelt hatten.

'Brücke an Captain Talbot', wurde nach ein paar Minuten ihr Schweigen unterbrochen.

Gregory betätigte seinen Kommunikator, ohne von dem PADD aufzublicken. „Ich höre.“

'Die USS Destiny befindet sich in 12 Minuten in Transporterreichweite, Captain.' Schon?

„Verstanden. Treffen Sie mich dann in Transporterraum 4, Commander.“

'Aye, Sir.'

Gregory gähnte leise und Jonathan konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen, als er aufblickte.

„Was?“, fragte Gregory, als er es bemerkte.

„Nichts.“ Jonathan leerte seine Tasse und begann das benutzte Geschirr in den Replikator zu räumen. Auch er würde sich bald auf den Weg zur Brücke machen müssen, wenn er Commander Choll pünktlich ablösen wollte.

Gregory hatte sich ebenfalls erhoben und legte nun das PADD, in dem er gelesen hatte, in seine Reisetasche, bevor er sie verschloss und aufhob.

Er spürte seinen Blick. Nun war es also so weit. Schweren Herzens wandte Jonathan sich um und ließ sich von Gregory in eine Umarmung ziehen. Sie waren beide keine Freunde großer Abschiedsszenen.

Es würden nur zehn Tage sein. Wenn alles gut ging. Wenn. Und wann wusste man das in diesem verdammten Krieg schon? In zehn Tagen konnte viel geschehen.

„Pass auf dich auf.“ Vorsichtig strich er über Gregorys Rücken.

„Ihr seid diejenigen, die an der Front bleiben, Jon.“, erwiderte dieser leise, „Ich sitze völlig gefahrlos auf einer Sternbasis und sterbe höchstens vor Langeweile.“

Jonathan rang sich ein halbes Lächeln ab, dann löste er sich widerstrebend. „Geh schon.“

Und das war es. Ein kurzer, flüchtiger Kuss und schon schloss sich die Tür ihres Quartiers hinter ihm. Verdammte Abschiedsszenen.

***

Sternbasis 375, Sternzeit 52335, 3. Mai 2375


Andrews war ihrer übrigen Verlesung der Anklagepunkte ebenso gleichgültig gefolgt, wie zuvor. Commander Cortez nahm wieder Platz. Sie wartete einen Moment, ob einer der übrigen Anwesenden das Wort ergreifen würde. Dann fuhr sie fort:

„Da Captain Talbot sich während des betreffenden Vorfalls nicht an Bord der USS Glasgow befand, wird als erste Zeugin Commander Thavaa Choll, Erster Offizier der USS Glasgow, aufgerufen.“

Die Andorianerin, die den Verhandlungsraum betrat und in dessen Mitte Platz nahm, wirkte auffällig ruhig. Sie nickte Andrews sogar mit einem kaum sichtbaren Lächeln zu, das dieser jedoch nicht erwiderte. Ihr weißes Haar war streng zurückgekämmt, ihre blassblauen Fühler entspannt. Cortez betrachtete sie kritisch. Da war jemand selbstsicher. Betont selbstsicher.

„Commander Choll, Sie wurden bereits über den Gegenstand dieser Anhörung informiert.“, begann Admiral Ross, „Würden Sie uns für das Protokoll ihren aktuellen Rang und ihre Position nennen?“

„Commander, Erster Offizier des Föderationsschiffes USS Glasgow.“, antwortete Choll kurz.

„Seit wann haben Sie diesen Posten inne?“

„Seit beinahe siebeneinhalb Jahren, Sir.“

Siebeneinhalb Jahre. Eneida Cortez warf auf ihrem PADD einen kurzen Blick in Cholls Personaldatei. Eine abgelehnte Versetzung auf ein prestigeträchtigeres Schiff, ein abgelehntes Kommando. In beiden Fällen offenbar ohne Begründung. Interessant. Sie schloss die Datei wieder und sah auf:

„Commander, bitte berichten Sie uns in allen Einzelheiten, was Sie bei Mende IV dazu bewogen hat, die USS Glasgow zu verlassen und Lieutenant Commander Andrews das Kommando zu übergeben.“

Choll wandte sich ihr zu und Cortez spürte, wie sie eingehend gemustert wurde. Sie konnte sich für einen Moment lebhaft vorstellen, welchen Eindruck Choll wohl auf ihre Untergebenen machen musste.

„Gern.“, sagte Choll, löste den Blick von ihr und sprach nun direkt zu Admiral Ross:

„Nach der Rückeroberung des Kalandra-Sektors hatten wir den Befehl diesen Sektor zu patrouillieren, wie Sie den Logs sicher entnehmen können. Zu Sternzeit 52271 verließ Captain Talbot das Schiff, um an einer Konferenz teilzunehmen, und übergab mir das Kommando.“

„Commander Andrews fungierte als Ihr Erster Offizier?“, unterbrach Captain Kivak sie.

„Das ist korrekt.“, Choll sah Captain Kivak an. Sie wirkte von dieser Zwischenfrage überrascht. „Wenn der Captain oder ich selbst nicht an Bord sind, bekleidet Andrews immer diese Position. Er ist der Zweite Offizier des Schiffes.“, erklärte sie mit einem etwas fragenden Unterton.

Admiral Ross bedeutete ihr, dass sie mit dem Bericht fortfahren sollte.

„Die ersten Tage der Abwesenheit des Captains verliefen ohne nennenswerte Zwischenfälle, bis auf eine Begegnung mit einem Schiff der Jem'Hadar, das jedoch ohne Verluste unsererseits zerstört werden konnte. Am fünften Tag, zu Sternzeit 52285, befanden wir uns am Rand des Sithonia-Systems, als wir einen Notruf erhielten... leider ohne Bildübertragung: Ein Commander Kels bat um Hilfe, da seine Forschungsstation auf Mende IV von einem Schiff der Breen angegriffen wurde...“

***

USS Glasgow, Sternzeit: 52285.9, 15. April 2375


Choll gab ein Zeichen und die Übertragung des Notrufes stoppte. Für einen Moment herrschte auf der Brücke Stille.

„Die Breen? In diesem Sektor?“ Mit argwöhnischem Blick wandte sie sich Jonathan zu, der die Angaben bereits auf seinem Terminal überprüfte.

„Keine rezenten Sichtungen von Breen-Schiffen in diesem Gebiet...“, begann er, „Ein Commander Kels ist bekannt, Wissenschaftsoffizier, Spezialisierung...Verteidigungssysteme. Derzeitige Stationierung auf der USS Starburst... “

Seltsam. Die Starburst war ein kleines Kriegsschiff ohne Forschungslabore. Was tat jemand wie Kels auf diesem Schiff? Kopfschüttelnd suchte er weiter und stutzte prompt: „Commander, wir haben keinerlei Informationen über eine Föderationsstation auf Mende IV. Auch über keine Kolonie oder andere Einrichtungen dort. Der Datenbank nach sollte der Planet völlig unbewohnt sein.“

„Ein Falle?“, schlug Pera Rimis vor und Jonathan und Choll wandten sich zur Taktischen Station um. „Andererseits übertragen sie auf einer verschlüsselten Frequenz der Sternenflotte...“, fügte der Sicherheitschef zweifelnd hinzu.

„Ein Umweg nach Mende IV würde uns Lichtjahre von unserem geplanten Patrouillenkurs abbringen...“, warf Jonathan ein. Wenn es ein Plan war um die Glasgow aus dem Weg zu schaffen und eine Lücke in ihre Verteidigungslinien zu reißen... das nächste Schiff der Föderation würde sicher einige Stunden brauchen um ihre Position einnehmen zu können.

Choll nickte nachdenklich, dann erhob sie sich. „Wir behalten fürs Erste den aktuellen Kurs bei. Ich bin im Bereitschaftsraum und versuche das Flottenkommando zu erreichen. Vielleicht können sie uns über Mende IV aufklären. Andrews, Sie haben die Brücke.“

***

Sternbasis 375, Sternzeit 52335, 3. Mai 2375


„Nach Rücksprache mit dem Flottenkommando, das uns informierte, dass sich auf Mende IV in der Tat eine geheime Forschungsbasis der Föderation befand, setzten wir Kurs auf den Planeten. Leider wegen der genannten Umstände mit einer Verzögerung von einer Stunde und 48 Minuten nach erstem Empfang des Notrufs.“

Choll war deutlich anzusehen, was sie von dieser Verzögerung hielt.

„Als wir schließlich dort eintrafen, mussten wir feststellen, dass der Kampf bereits vorüber war, sich das Breen-Schiff allerdings noch im Orbit des Planeten befand. Auf Mende IV konnten wir keine Lebenszeichen feststellen, die Verteidigungssysteme der Basis waren völlig zerstört. Wir orteten die Trümmer der USS Starburst im Orbit. Wir rekonstruierten den Verlauf des Kampfes so, dass die Starburst absichtlich eine Kollision mit dem Breen-Schiff herbeiführte, um es zu zerstören, was leider nicht erfolgreich war. Eine Evakuierung der Starburst war offenbar nicht mehr eingeleitet worden.“ Die Andorianerin sah Admiral Ross kühl an.

„Wären wir früher eingetroffen, hätte dieser Ausgang vielleicht verhindert werden können.“, fügte sie noch hinzu.

***

USS Glasgow, Sternzeit: 52285, 15. April 2375


Jonathan betrachtete die Trümmer der Starburst auf dem Schirm, hörte für einen Moment weder den Gelben Alarm, noch die übrigen Offiziere auf der Brücke. 243 Besatzungsmitglieder. Und wofür? Eine geheime Forschungsbasis mitten im Nirgendwo. Und was wollten die Breen hier? Föderationstechnik erbeuten? Woher wussten sie überhaupt von dieser Basis, wenn sie nicht einmal in den Föderationsdatenbanken verzeichnet war?

Wieso riskierten die Breen so viel? Ein Überfall dieser Art war ein Kriegsakt. Vertrauten sie darauf, dass die Föderation sich keine zweite Front leisten konnte?

„Scannen Sie das Schiff.“, befahl Choll und riss ihn aus seinen Gedanken.

„Die Schilde scheinen funktionsfähig zu sein, allerdings hat der Aufprall der Starburst die Waffensysteme, die Langstreckenkommunikation und den Warpantrieb beschädigt.“

Zumindest konnten sie ihnen nicht davonlaufen. Jonathan lächelte grimmig und hörte Choll leise schnauben.

„Öffnen Sie einen Kanal.“, forderte sie und stand auf.

„Breen, hier spricht Commander Thavaa Choll des Föderationsschiffs USS Glasgow. Ihr-“

„Commander! Die Breen rufen uns.“, wurde sie plötzlich unterbrochen.

Die Andorianerin runzelte die Stirn. „Auf den Schirm.“

Der kleine Ausschnitt der Brücke, der dort erschien, war zu dunkel, um viel von dem anderen Schiff erkennen zu können, doch das Licht flackerte so unregelmäßig und ruckartig, dass offensichtlich war, dass die Kollision mit der Starburst auch dort Schäden hinterlassen hatte.

Im Hintergrund waren peitschend elektrische Entladungen zu hören, vermischt mit den mechanisch anmutenden Lauten der Breen selbst. Nicht zum ersten mal fragte Jonathan sich, ob es sich dabei um die natürliche Sprache der Breen handelte, die lediglich durch die Wiedergabevorrichtung des Helms verzerrt wurde, oder ob der Helm vielleicht dazu diente eine völlig andere Kommunikationsform in Laute zu konvertieren.

Oh...Breen. Was er dafür geben würde, einen obduzieren zu können... Herauszufinden, was unter diesen verfluchten Anzügen und Helmen verborgen war. Leider waren tote Breen, deren Verschwinden keinen diplomatischen Zwischenfall auslösen würde, auf Föderationsgebiet bisher nicht auffindbar gewesen. Ein Jammer.

Der Anführer der Breen füllte die Mitte des übertragenen Ausschnitts aus und schien sie aus der leuchtend giftgrünen Sehvorrichtung des Helms zu taxieren. Wenn es eine Sehvorrichtung war... wer wusste das schon.

Die Stimme, in die der Universalübersetzer die Worte des Breen umwandelte, hatte nichts mehr mit den mechanischen Lauten gemein, die aus dessen Helm drangen, auch wenn sie ebenso künstlich klang, frei von jeglicher Betonung.

„Föderationschiff...“, begann er.

***

Sternbasis 375, Sternzeit 52335, 3. Mai 2375


„Die Breen...“, Choll pausierte kurz, als müsste sie sich sammeln, „Die Breen informierten uns, dass sie die überlebenden siebenundreißig Angehörigen der Forschungsbasis auf ihrem Schiff festhielten. Fünfundzwanzig Wissenschaftler und Offiziere, zwölf Familienangehörige, darunter fünf Kinder. Sie drohten die Geiseln zu töten, sollten wir angreifen oder versuchen sie auf andere Weise an ihren Reparaturen oder der Flucht zu hindern.“

„Sie versuchten zu verhandeln?“, fragte Admiral Ross.

„Natürlich.“

„Und?“

Choll seufzte. „Sie reagierten nicht...zunächst. Wir hörten sie im Hintergrund diskutieren. Dann beendeten sie für wenige Minuten die Übertragung. Als sie uns wieder riefen, war... eine der Geiseln bei ihnen. Eine Zivilistin. Die Breen töteten sie, während wir zusahen.“

Cortez blickte sie zweifelnd an. Choll ließ etwas aus, sie musste es etwas auslassen. „Ohne Kommentar? Ohne Provokation ihrerseits?“, fragte sie scharf.

Choll wandte sich ihr mit einem kühlen Blick zu. „Sie haben die vollständigen Aufzeichnungen. Sagen Sie es mir.“, forderte sie.

Cortez zog die Augenbrauen hoch und schwieg.

„Danach sagten sie uns, die Frau wäre eine wertlose Geisel gewesen. Ebenso wie die Kinder wertlose Geiseln wären.“ Die Andorianerin verzog das Gesicht. Ein kurzer Blick in ihre Personaldatei bestätigte Cortez' Verdacht: Drei Kinder. Zwei bereits erwachsen, davon eine Tochter auf der Sternenflottenakademie. Die beiden anderen lebten auf Andoria.

„Sie boten uns an, die Kinder einzutauschen.“, fuhr Choll fort, „Gegen den Kommandanten der Glasgow und drei weitere Offiziere.“

Andrews Schnauben lenkte die Aufmerksamkeit der Anwesenden plötzlich auf ihn. Während Cholls gesamter Erzählung hatte er kein Wort gesprochen, keine Frage gestellt, nichts angemerkt. Nun schüttelte er den Kopf.

Die Andorianerin suchte seinen Blick. Für einen langen Moment sahen sie einander an.

„Sie halten meine Entscheidung noch immer für falsch?“ Ihre Stimme klang betont sanft.

Cortez betrachtete beide eingehend. Interessant. Gab Andrews ihr die Schuld? Glaubte sie, dass er es tat? Waren sie schon auf der Glasgow aneinander geraten?

Andrews hielt Cholls Blick. „Natürlich.“, antwortete er mit derselben kühlen Beherrschtheit, „Weil sie es war.“

***


USS Glasgow, Sternzeit: 52285, 15. April 2375

„Das können Sie nicht ernsthaft in Erwägung ziehen?“, brach es lauter als er es beabsichtigt hatte aus ihm heraus, kaum hatte sich die Tür des Bereitschaftsraumes hinter ihnen geschlossen. Jonathan verschränkte die Arme und hoffte für einen Moment, dass man ihn auf der Brücke nicht gehört hatte.

„Ich kann und ich werde, Commander.“ Choll nahm hinter dem Schreibtisch des Captains Platz. „Meine Entscheidung steht fest.“ Sie wandte sich dem Computer zu.

„Bei allem Respekt, Sir, so lange Sie das Kommando über die Glasgow innehaben, bin ich für ihre Sicherheit verantwortlich.“ Mit wenigen Schritten durchquerte er den Raum und blieb vor dem Schreibtisch stehen.

„Ich werde Ihren Einspruch im Logbuch vermerken.“, sagte Choll schlicht, ohne auch nur vom Bildschirm aufzublicken.

„Kosten und Nutzen dieser Aktion stehen in keinem Verhältnis. Der Kommandant eines Föderationsschiffes und drei weitere Offiziere gegen Zivilisten?!“

Zur Hölle damit, dass man ihn auf der Brücke hörte. Was war nur in Choll gefahren? Er starrte die Andorianerin an. Seit über sieben Jahren dienten sie nun gemeinsam auf der Glasgow. Er hatte ihr nie so nahe gestanden wie Gregory, aber plötzlich schien sie ihm wie eine Fremde. Wenn es einen Offizier gab, bei dem er zu einhundert Prozent überzeugt gewesen war, dass er nicht die Nerven verlor, war es Thavaa Choll.

Die Forderung der Breen war wahnwitzig. Völlig ausgeschlossen, darauf einzugehen. Besonders in dieser Situation. Wer wusste, an wen die Breen ihre Geiseln oder das, was sie ihnen abgepresst hatten, weitergaben? Das Dominion würde sicher ein dankbarer Abnehmer sein. Wenn er auch nur daran dachte, welche Technik und welche Informationen die Breen auf Mende IV bereits erbeutet haben konnten, wurde ihm beinahe übel. Wie viele Leben würden diese Daten kosten, wenn sie in die falschen Hände gerieten? Tausende? Zehntausende?

Er sah Cholls Hände auf der Tastatur kurz verkrampfen. „Kinder, Andrews, Kinder.“, betonte sie. Dann sah sie zu ihm auf. Der Ausdruck in ihren Augen.

Oh, Choll. Seufzend setzte er sich. Sicher dachte sie an ihre Kinder auf Andoria, ihre Tochter auf der Akademie. Bei all ihrer Kühle und Beherrschtheit, vergaß er manchmal wie sehr der Krieg auch ihr zusetzen musste. Zumal sie seit Betazed wussten, dass nichts und niemand wirklich sicher war.

„Wir sitzen hier fest, Jonathan.“ Er konnte sich nicht erinnern, wann sie ihn zuletzt beim Vornamen genannt hatte. Ob sie es jemals getan hatte. „Und ich bin lieber dort Geisel und weiß, sie sind sicher auf der Glasgow, als dass ich von hier aus zusehen muss, wie sie sie umbringen. Nur um uns unter Druck zu setzen.“

Jonathan schluckte seinen Ärger herunter. Sie kommandierte dieses Schiff, verdammt! Sie hatte nicht das Privileg, Ihre eigenen Befindlichkeiten -

„Commander...“, begann er und mühte sich ruhig zu klingen, „Wie viele Leben wird es kosten, wenn die Breen davonkommen? Wie viele Kinder werden darunter sein? Der Captain ist nicht hier. Wer weiß, wann uns Verstärkung der Sternenflotte erreicht. Wir brauchen Sie auf diesem Schiff!“ Ich brauche Sie auf diesem Schiff.

Sie reagierte nicht auf seine Worte und erhob sich. „Sie haben das Kommando über die Glasgow. Ich werde drei Sicherheitsoffiziere mitnehmen. Wenn ich nicht zurück bin oder Entwarnung gebe, greifen Sie an, sobald die Breen einen Fluchtversuch unternehmen.“
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