Der Herr der Züge 3D

von Alounus
GeschichteAllgemein / P12
Das Känguru Marc-Uwe Kling
20.08.2017
20.08.2017
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Wir sitzen auf dem Bahnsteig des Freiburger Bahnhofs und warten. Ich hatte einen Auftritt in einem Ferienhaus in der Nähe des Feldbergs und das Känguru hat mich begleitet, weil es nichts besseres zu tun hatte.
„Wann kommt endlich unser Zug?“, mault es jetzt schon zum wiederholten Mal.
Ich seufze und ziehe meine Fahrkarte aus meinem Beutel.

Fußnote: Ich hasse es, wenn er Latzhosen trägt…(Anmerkung des Kängurus)

„Unser Zug fährt laut Zug-gebundener Karte um 9:56“, sage ich.
Das Känguru starrt auf die Bahnhofsuhr.
„Noch drei Minuten“, stellt es fest.
Da knackt der Lautsprecher und es hallt über den Bahnsteig:
Krk. Aufgrund von technischen Schwierigkeiten fährt der ICE 1145 über Karlsruhe, Frankfurt, Erfurt, Magdeburg, Potsdam und Erfurt nach Berlin etwa fünfundzwanzig Minuten später. Ab Offenbach besteht Schienenersatzverkehr. Bitte achten sie auf die Durchsagen im Zug. Krk.
Sofort bricht um uns das reinste Gewusel aus. Ein Schaffner, der zu seinem Pech gerade auf dem Bahnsteig steht, wird von den Fahrgästen mit Fragen und Beschwerden bombardiert.
„Komm, wir gehen in dem McDonald's da noch was essen“, meint das Känguru und zieht mich am Ärmel.
„Damit du wieder einen Whopper bestellst?“, frage ich und ziehe eine Augenbraue nach oben.
Das Känguru trägt heute einen schottischen Rock,

Fußnote: Er meint einen Kilt (Anmerkung des Kängurus)

karierte Stiefel und es hat sich einen roten Vollbart angeklebt. Da der McDonald's sich direkt am Bahnsteig befindet, lasse ich mich mitziehen. Eine Frau von etwa fünfzig Jahren mit schwarzen Locken sitzt an einem der Tische und telefoniert. Sie lächelt uns an und wir setzen uns dazu. Das Känguru schlägt SchnickSchnackSchnuck vor, um zu entscheiden, wer zum Tresen geht und bestellt.
Das Känguru hat eine Schere und ich habe…
„Ohne Brunnen!“, erbost sich das Känguru.
„Das hättest du vorher sagen müssen“, grinse ich.
Das Känguru droht mir mit der Faust, geht aber dann doch zum Tresen. Die Frau lächelt mir zu, ich lächle zurück und zücke ebenfalls mein Smartphone. Der Bahnhof-HotSpot funktioniert nicht. Die Frau beendet das Telefonat und wendet sich zu mir:
„Na, lassen sie ihr Gepäck hier besser nicht unbeaufsichtigt. Hier in Freiburg wird verdammt viel geklaut.“
„Danke für den Hinweis“, bedanke ich mich freundlich.
Das Känguru kommt mit einem Tablett in den Pfoten zurück. Darauf finden sich zwei Cheeseburger und eine kleine Cola.
„Ich wollte eine Portion Pommes“, beschwere ich mich.
„Na, dann hol dir doch eine“, antwortet das Känguru ungerührt und beginnt seine Burger zu mampfen.
Ich verdrehe die Augen und sage nichts mehr dazu. Es hat ja eh keinen Sinn…
„Aber die klauen nicht nur“, redet die Frau weiter, als wäre nichts passiert, „es kommen auch immer wieder Frauen weg. Ich sag's ihnen, das sind diese Asylanten…“
Sie beugt sich vor und spricht hinter vorgehaltener Hand in leiserem Tonfall weiter.
„Aber es sind nicht die Schwarzen, das muss man wissen. Das sind diese Araber…“
„Irgendwie erinnert sie mich total an unsere Nachbarin von unten“, flüstert mir das Känguru zu.
„Ah, ich glaube, da kommt unser Zug“, sage ich nach einer Weile.
Die Frau verabschiedet sich lächelnd von uns und wir gehen wieder nach draußen auf den Bahnsteig.
Der Schaffner von vorhin stürmt gerade an einer Gruppe von Fahrgästen vorbei und brüllt entnervt:
„Ach, leckt mich doch! Ich mach jetzt Feierabend.“
„Die Konzentration von Dummheit und Aggressivität ist hier aber ganz schön hoch“, meint das Känguru.
„Weißt du“, sage ich, „es ist diese latente Gewaltbereitschaft…“

Fußnote: Ahaaa…(Anmerkung des Kopfdoktors)

Wir steigen in den Zug ein und suchen uns unsere Plätze in der zweiten Klasse.
„Ist da noch frei?“, frage ich einen Jungen und ein Mädchen, die über ein Laptop gebeugt in einer Sitzgruppe sitzen.
„Ich würde ja sagen, es ist ein freies Land…“, beginnt der Junge. Das Mädchen verdreht die Augen und nickt uns zu.
Wir setzen uns und schweigen eine Weile. Das Mädchen hat schulterlanges, braunes Haar, dunkle Augen und einen Pony, der ihr fast über die Augen fällt. Der Junge hat grüne Augen und seine Haare stehen in alle Richtungen ab.
„Hast du in eine Steckdose gefasst?“, fragt das Känguru.
„Nein“, antwortet der Junge ohne aufzublicken, „die sehen nach dem Schlafen immer so aus.“
Das Känguru kneift die Augen zusammen und mustert den jungen.
„Mein Ironiedetektor kommt zu keinem eindeutigen Ergebnis“, sagt es nach einer Weile und wendet sich zu mir, „hilf mir mal.“
Ich zucke nur die Schultern, als eine nasale Frauenstimme durch den Zug quäkt.
„Sehr verehrte Fahrgäste, bitte beachten sie, dass dieser ICE nur bis Offenburg fährt…ähm, danach stehen Busse, also, es besteht Schienenersatzverkehr und…“
Im Lautsprecher ertönen Geräusche, als würde jemand hastig seine Zettel durchsuchen.
„Man sollte nicht meinen, dass es so schwer ist, eine Durchsage zu machen“, murmelt der Junge.
„…bis nach…nach Baden-Baden, von dort aus fährt ein Zug nach äh, Rastatt und dann müssen sie selber draufkommen, wie sie weiterkommen. Ladies and gentleman…“
„Das ist mal wieder so typisch“, murrt das Känguru, „ich hätte gut Lust, mich zu beschweren.“
„Da gibt es subtilere Wege“, meint das Mädchen und schaut nun doch vom Laptop auf.
„Haben wir uns schon vorgestellt? Ich bin die Klassensprecherin und der Kollege da ist der musikalische Leiter des asozialen Netzwerks.“
„Mir sin von de Sektion Bade-Würdeberch“, ergänzt der musikalische Leiter.
„Ja, ich merk's“, sagt das Känguru spitz, „und was wären das für Wege?“
„Ganz einfach“, antwortet der Junge, sichtlich mit dem Hochdeutschen bemüht und beginnt zu singen:
„Meine Damen und Herrn, der ICE nach Frankfurt-Main, fährt abweichend am Bahnsteig gegenüber ein…“
„Wise-Guys?“, frage ich skeptisch und die Klassensprecherin nickt und fällt mit ein.
„Meine Damen und Herrn, es ist der Zugchef der hier spricht, ganz normal zu sprechen, beherrsch' ich leider nicht. Trotzdem kriegen sie den Service den man von uns kennt, auf Deutsch und dann auf Englisch, mit heftigem Akzent…“

Fußnote: Diese und die vorletzte wörtliche Rede sind Zitate aus „Deutsche Bahn“ von den Wise Guys. (Anmerkung des Anwalts des Autors)
Fußnote zur Fußnote: Scheiß Juristen. (Anmerkung des Kängurus)

Ein paar andere Fahrgäste drehen sich zu uns um. Die beiden singen einfach weiter, ohne sich um die ungläubigen über amüsierten bis genervten Blicke zu kümmern.
„Da fällt mir ein neues Gedicht ein“, sage ich und das Känguru stöhnt gequält auf.
Ich deklamiere:
„Ich wollte eigentlich nur nach Hause
Doch der Zugchef hatte gerade Pause
Als ich mich beschweren ging
der Zugchef von der Decke hing.
Andere hatten sich bereits beschwert
und der deutschen Bahn erklärt:
wer nicht mal einen Bahnhof zu bauen vermag,
nicht mal seinen Plan einhält,
und dem dann noch einfällt-“
„Halt die Klappe“, unterbricht mich das Känguru.
„Senk ju for träveling wis deutsche Bahn!“, schmettern die beiden uns gegenüber den Schlussakkord.

Fußnote: Dies ist ein musikalischer Anti-Terroranschlag des asozialen Netzwerks (Anmerkung des musikalischen Leiters).

Ein paar Fahrgäste spenden spontan Applaus.
„Ich hab mal die Verbindung nach Mannheim gegoogelt“, sagt die Klassensprecherin im Geschäftston, während ihr Kumpel sich noch immer verbeugt. Im Sitzen.
„Lass das“, murmelt sie und dreht uns ihr Laptop zu.
„Also…“, murmele ich, „den Anschlusszug bekommen wir schon Mal nicht mehr. Der nächste Zug nach Berlin fährt um…um halb drei…“
„Die Herr der Ringe Filme hätten sich wahrscheinlich noch länger gezogen, wenn die Gefährten mit der deutschen Bahn nach Mordor gefahren wären“, sagt das Känguru.
„Wie stellst du dir das vor?“, frage ich.
„Fahren dann die Gefährten zum Hauptbahnhof Bruchtal, von wo aus sie den Mittelerdeexpress  nehmen?“
„Genau. Und im U-Bahnhof Moria haben sie drei Stunden Aufenthalt und werden von den dort lebenden Touristen angegriffen.“
„Und der Zugchef Gandalf verfolgt den Balrog der Gewerkschaft in den Abgrund, oder was?“
„Ja genau“, antwortet das Känguru aufgeregt.
„Und nach Boromirs Tod besteht Schienenersatzverkehr nach Ithilien mit den Booten, während die übrigen Gefährten den Aufenthalt nutzen, um nach Gondor und Rohan zu reisen, wo sie vom bösen Busfahrer Saruman angegriffen werden.“
„Und Aragorn nimmt dann das Ruftaxi der Armee der Toten“, ergänze ich.
„Für die beiden Hobbits endet die Reise aufgrund technischer Schwierigkeiten im Stellwerk Schwarzes Tor, deshalb nehmen sie die Bergbahn über den Cirith Ungol und trampen dann bis zum Schicksalsberg, wo der Gewerkschaftsführer Sauron Weselsky den Generalstreik der Orks organisiert…“
„…während Gandalf von seinem Kampf mit dessen Stellvertreter zurückkehrt und den Palantir der NSA in seinen Besitz bringt.“
„Und am Ende fallen Gollum, der Fahrkartenkontrolleur, und die Eine Zug-gebundene Fahrkarte in das Feuer des Recycling-Schicksalbergs und alles ist gut.“
„Drei Fahrkarten den Reichen in der ersten Klasse, Sieben der Mittelklasse mit ihren Koffern auf Rollen, den Arbeitenden, ewig der zweiten Klasse verfallen, neun, einer dem dunklen Herrn auf dunklem Thron, im Lande Mordor, wo die Fahrkartenkontrolleure drohn. Eine Zug-gebundene Fahrkarte, sie zu knechten, sie alle zu finden, ins Dunkel trieben und ewig an die Wartezeiten zu binden, im Lande Mordor, wo die Fahrkartenkontrolleure drohn.“
„Könnte man ein tolles Remake für Herr der Ringe machen“, nickt das Känguru anerkennend.
„Hin, aber viel zu spät zurück-Eine unerwartet lange Zugfahrt.“
„Der Herr der Züge“, schlägt die Klassensprecherin vor.
„Ich hab's“, rufe ich, „Der Herr der Züge 3D!“
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