Verirrte Seele

KurzgeschichteAngst, Schmerz/Trost / P16
Timothy Tiberius "Timmy" Turner
18.08.2017
18.08.2017
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Die Rückleuchten eines vorbeifahrenden Wagens fingen ihren Blick einen Moment ein und durchbrachen für ein paar Sekunden die Dunkelheit, die sich wie ein schwerer Schleier ringsum sie erstreckte. Matt glänzte der Asphalt unter ihr, auf dem in gleichmäßigem Rhythmus ein paar Regentropfen tanzten und eine kleine Spur von Leben in die dunkle, kalte Atmosphäre der Stadt warfen. Die Lichter des Wagens zogen in die Ferne, verloschen langsam aber sicher in der Schwärze der Nacht, bis sie schließlich gänzlich aus ihrer Sichtweite verschwunden waren und alles um sie herum sich erneut in tiefe Dunkelheit hüllte.
Zurück blieb nur der Regen, der unablässig auf sie herabrieselte und ihre kalte, leicht bekleidete Haut mit jedem einzelnen Tropfen streifte. Auf den tagsüber durchweg belebten Straßen unter ihr herrschte absolutes Schweigen, weit und breit war kein Mensch zu sehen – noch nicht einmal Hunde hörte man bellen. Alles war so still und kalt, ließ sie mehr und mehr in der düsteren Atmosphäre der Nacht versinken und hüllte nicht nur ihren Körper, sondern auch ihr Herz mit einer undurchdringlichen Schwärze ein, die ihr fast den Atem raubte.
In einer Nacht wie dieser hätte jeder andere sich bestimmt so schnell wie möglich nach Hause zurückgezogen und sich in die Wärme, Sicherheit und Nähe seiner Familie und Freunde eingehüllt. Er hätte Schutz im Kreise seiner Lieben gesucht und sich mit zärtlichen Worten und Berührungen die Ängste von der Haut streicheln lassen. Hätte die Finsternis einfach vor die Tür gesperrt und sich ganz den Menschen hingegeben, die ihm am nächsten standen.
Aber sie nicht. Sie war anders als die anderen, hatte keine Möglichkeit, sich der Kälte und Undurchsichtigkeit zu entziehen und in ein sicheres, wohl behütetes Zuhause zu fliehen. Sie hatte keine Möglichkeit, Schutz zu suchen und zur Ruhe zu kommen, weil es niemanden gab, zu dem sie gehen konnte.
Das hatten ihr die letzten Wochen ihres Lebens mehr als deutlich klargemacht. Es gab niemanden, der für sie da war, auf den sie sich verlassen konnte und der mit ihr durch dieses Leben ging. Es gab keine Hand, an der sie sich festhalten konnte, wenn sie zu stürzen drohte. Niemanden, der sie auffing, wenn ihre Wolkenschlösser mit dem Wind der Zeit davonflogen und ihre Träume mit sich fort nahmen. Niemanden, auf den sie bauen konnte, der ihr den Halt und die Unterstützung bot, die sie gerade in dieser Phase ihres Lebens am meisten brauchte.
Und genau deswegen stand sie auch mutterseelenallein hier oben, auf dem Dach des höchsten Gebäudes der Stadt, und starrte tränenleer und einsam in die Dunkelheit, die sich meilenweit unter ihr erstreckte. Genau deshalb fiel der Regen auf sie, ließ die Gefühle in ihr endgültig zu Eis gefrieren und machte ihr klar, dass sie die Schlacht verloren hatte. Eine Schlacht, die von Anfang an zum Scheitern verurteilt gewesen war. Die sie viel zu spät erst begonnen hatte und während der sie mehr als nur einmal auf dem Boden der Tatsachen gelandet war. Eine Schlacht, die erbarmungslos war und ihr sämtliche Nerven, sowie auch die Kraft dazu geraubt hatte, bis zum Ende durchzuhalten.
Der Plan, den sie seit ihrem vierzehnten Lebensjahr zu verwirklichen versucht hatte, war kläglich gescheitert, hatte ihr nichts als Schmerz, Sorgen und unzählige Tränen eingebracht. So viel hatte sie seitdem durchgemacht, hatte sich an unzähligen Strohhalmen der Hoffnung festgeklammert und war doch jedes Mal wieder abgerutscht. So oft hatte sie für ihre Rechte gekämpft, hatte versucht, ihren Traum zu leben und frei von den Zwängen ihrer Kindheit zu sein. So oft war sie hingefallen – und doch hatte sie es jedes Mal wieder geschafft, aufzustehen und ihren Weg so weiterzugehen, wie sie es sich wünschte.
Aber jetzt konnte sie einfach nicht mehr. Sie konnte nicht mehr stark sein und weiterkämpfen, weil sie tief in sich genau spürte, dass es erfolglos bleiben würde. Es gab noch so viele Hürden, die ihr im Weg standen und sie ungeschönt mit der Tatsache konfrontierten, dass sie noch immer keinen einzigen Schritt vorwärts gekommen war.
Dabei hatte sie sich so angestrengt, hatte sich darum bemüht, den Erwartungen anderer, sowie auch ihren eigenen gerecht zu werden und ihre Wünsche in die Realität zu holen. Sie hatte sich dafür eingesetzt, ihr Ziel zu erreichen, hatte die Schatten ihres früheren, männlichen Lebens abgeworfen und sich vollständig auf ihr tatsächliches, weibliches Ich eingelassen. Ganze sechs Jahre lang hatte sie diesen Kampf ausgetragen, hatte gegenüber ihrer Familie und ihren Freunden die Dinge klargestellt und ihnen gesagt, wer sie in Wirklichkeit war.
Sie hatte ihren alten Namen abgelegt, eine neue Persönlichkeit entwickelt und sich intensiv mit dem Weg befasst, den sie anstrebte. Sie war zu unzähligen Beratungsstellen gegangen, hatte Eigenrecherche im Internet betrieben und sich sogar getraut, ihre Familie um Unterstützung zu bitten. Ihr ganzes Leben hatte sie umgekrempelt, hatte Wege und Möglichkeiten gesucht, ihrer biologischen Identität zu entkommen – und ein kleines Stück weit war ihr das sogar gelungen. Sie hatte es geschafft, sich zu outen und damit eindeutig zu ihrem Empfinden zu bekennen, hatte sowohl gegenüber ihren Eltern, als auch ihrem sonstigen, sozialen Umfeld reinen Tisch gemacht und ihnen gesagt, dass der Junge namens Timmy, der sie früher einmal gewesen war, so nicht mehr existierte.
Sie war zu Tina geworden – zu dem Mädchen, als welches sie sich innerlich schon immer gefühlt hatte und das danach schrie, endlich leben zu können. Das Mädchen, das sich selbst und auch die Welt neu entdecken wollte, sich nach Anerkennung und Zuneigung von den Menschen sehnte, die ihr nahe standen. Der Mann in ihr war tot, gehörte gänzlich der Vergangenheit an und hatte das Feld geräumt für ihr tatsächliches, richtiges Ich.
Doch ganz genau damit hatten schlussendlich auch ihre Probleme angefangen. Als sie gemerkt hatte, dass sie anders war, dass sie die Erwartungen ihres Umfelds aufgrund ihres falschen Geschlechts nicht erfüllen konnte, hatte das Unglück seinen Lauf genommen und sie mit Veränderungen konfrontiert, gegen die sie absolut machtlos war.
Angefangen hatte alles mit dem Outing gegenüber ihrer Familie, das sie fast ein halbes Jahr lang hinausgeschoben hatte, bis sie endlich stark genug gewesen war, sich zu den Gefühlen und Gedanken in ihr zu bekennen und klar zu sagen, was sie sich wünschte. Und auch wenn sie es sich fest vorgenommen hatte, war es ihr nie gelungen, ihr Empfinden konkret zu benennen und dazu zu stehen, dass sie eigentlich viel lieber ein Mädchen sein wollte.
Genau das hatte letztendlich all die Probleme hervorgerufen, die sie trotz der aufgeschlossenen und verständnisvollen Reaktion ihrer Familie immer und überall verfolgt hatten, ganz besonders zu Beginn ihrer Pubertät. Als sie langsam aber sicher gemerkt hatte, dass ihr Körper sich veränderte, dass ihre Stimme plötzlich tiefer wurde und Haare an Stellen sprossen, an die sie definitiv nicht hingehörten.
Leider war sie eine derjenigen aus ihrer Klasse gewesen, bei der diese Veränderungen schon sehr früh eingesetzt hatten. Schon im Alter von gerade mal elf Jahren hatten sich die ersten, deutlichen Zeichen ihrer Männlichkeit bemerkbar gemacht, allen voran natürlich die plötzlich tiefer werdende Stimme und der bald darauf einsetzende Wuchs ihres Bartes. Und auch wenn sie genau gespürt hatte, dass sie sich in die völlig falsche Richtung entwickelte, hatte sie trotzdem nicht die Kraft, geschweige denn, das Wissen dazu gehabt, um diesem Zustand ein Ende zu machen. Sie hatte nicht gewusst, dass es so schlimm werden und dass diese Umstellung ihres Körpers später zu solch gravierenden Problemen führen würde.
Und auch wenn sie ihren Eltern gegenüber mehrfach beteuert hatte, dass sie eigentlich ein Mädchen war und ihre Identität als Junge sich falsch anfühlte, hatten diese ihre Aussage nie wirklich ernst genommen und den Dingen einfach ihren Lauf gelassen. Und weil sie es nicht besser gewusst hatte, hatte sie automatisch angenommen, dass alles so sein musste und sich ihre Wünsche bestimmt später auch noch regeln lassen würden.
Erst in den darauffolgenden Jahren hatte sie richtig realisiert, was Pubertät wirklich bedeutete und dass es alles andere als ein Zuckerschlecken war, sie in der völlig falschen Identität zu durchleben. Mit der Zeit war ihr Bartwuchs und auch ihr Stimmbruch immer auffälliger geworden, hatte es ihr mehr als nur schwer gemacht, ihre männliche Identität zu verstecken und als Frau durchzugehen.
Sie hatte zu spüren bekommen, wie tief es schmerzte, nicht so leben zu können wie man es sich vorstellte und dass es trotz aller Willenskraft nicht möglich war, seine biologische Identität einfach abzulegen als würde sie nicht existieren. Die Veränderungen ihres Körpers waren von Tag zu Tag schlimmer geworden, hatten sie in eine tiefe Depression rutschen lassen und ihr klargemacht, dass die Unterstützung von außen brauchte, wenn sie ihren Traum verwirklichen wollte.
Also hatte sie sich ihrer Familie anvertraut, hatte psychologische Beratung in Anspruch genommen und mehrfach erklärt, wie sehr es sie quälte, ein Junge zu sein. Doch sowohl ihre Eltern, als auch ihr Therapeut hatten sie nie richtig für voll genommen, hatten ihr irgendwelche gut gemeinten Ratschläge gegeben, die jedoch allesamt nichts weiter als heiße Luft gewesen waren. Das, was sie wirklich brauchte, nämlich Hilfe, hatte sie nie richtig bekommen – und infolgedessen war auch ihr gesamtes, soziales Leben völlig aus den Fugen geraten.
Sie hatte angefangen, sich zurückzuziehen und von ihrem Umfeld abzukapseln, hatte sich für ihr Erscheinungsbild geschämt und sich total hängen lassen. Statt ihrem eigentlichen Ziel nachzujagen und zu ihrer wahren Identität zu stehen, hatte sie sich mehr und mehr in ihre Träume geflüchtet und sich sowohl vor ihrer Familie, als auch vor ihren Freunden abgeschottet. Die Folge daraus war endlose Einsamkeit und Überforderung gewesen – sie hatte nichts mehr auf die Reihe bekommen und ihre Leistungen waren auch zunehmend in den Keller gegangen.
Hilflos hatte sie dabei zusehen müssen, wie ihre Pubertät ihren vorherbestimmten Lauf nahm, wie sie sich mehr und mehr zu dem Mann entwickelte, der sie eigentlich gar nicht war. Die Hormone hatten angefangen, sie zu plagen und sie mit Bedürfnissen und Begierden zu konfrontieren, denen sie ebenso machtlos gegenüberstand. Dass sie bereits zu diesem Zeitpunkt etwas hätte verändern können, hatte sie nicht gewusst – und man hatte ihr auch niemals einen Ton davon gesagt.
Man hatte ihr nicht gesagt, dass es für transsexuelle Jugendliche ein spezielles Medikament gab, welches die Pubertät blockierte und so unerwünschten Veränderungen vorbeugen konnte. Man hatte ihr nicht gesagt, dass es gerade aufgrund ihrer damaligen Unsicherheit möglich gewesen wäre, ihr diese schlimme Phase zu ersparen und dadurch die nötige Zeit einzuräumen, um ihre Wünsche genauer zu ergründen. Man hatte ihr auch nicht gesagt, dass sie bereits vor offiziellen Schritten ihre neue Persönlichkeit hätte ausleben und sich in ihr Umfeld dadurch von Anfang an als das Mädchen hätte eingliedern können, das sie war.
Und erst jetzt, ganze zwei Jahre später, waren ihr die fatalen Auswirkungen dieses Versäumnisses bewusst. Erst heute bekam sie richtig zu spüren, welche Chance sie verpasst hatte und welcher Möglichkeiten sie beraubt worden war. Heute war sie über diesen Weg ausreichend informiert, kannte ihre genauen Rechte, über die sie damals jedoch weder ihr Umfeld, noch ihr Psychologe in Kenntnis gesetzt hatte.
Und aus diesem Grund wusste sie auch, dass alles sinnlos war. Es war zu spät, um noch irgendetwas zu verändern, um wirklich voll und ganz in dem Geschlecht anzukommen, in dem sie sich fühlte. Es war zu spät, um ihren Bartwuchs zu stoppen und die weiche Stimme zu erhalten, die sie damals gehabt hatte. Jetzt ließen sich ihre Hormone nicht mehr aufhalten, geschweige denn, umstellen oder verändern.
Sie brauchte zeit- und kraftaufwändige Maßnahmen, musste monate- oder jahrelang kämpfen – und trotzdem würde am Ende nicht das herauskommen, was sie sich wünschte. Ihr Hormonhaushalt war schon zu sehr vorbelastet, ließ sich nicht mehr durch entsprechende Medikation beeinflussen oder gar verändern. Und auch wenn sie die Möglichkeiten kannte, die ihr noch offen standen, beispielsweise eine Stimmbandoperation oder spezielle Epilation mit Lasern und Nadeln – wer konnte ihr garantieren, dass das alles funktionierte? Wer garantierte ihr, dass diese jahrelange Arbeit, die sie vor sich hatte, sich am Ende lohnen würde?
Niemand, machte sie sich niedergeschlagen bewusst. Niemand konnte ihr eine Garantie dafür geben, dass sie am Ende dieses Kampfes als Frau stehen würde. Niemand konnte ihr versprechen, dass sie sich wohlfühlen und glücklich sein würde. Niemand konnte ihr die verlorenen Jahre zurückholen, die sie aufgrund ihrer Gutgläubigkeit verschwendet hatte. Es war zu spät. Zu spät, um ihren Traum zu leben.
Kalter Wind peitschte ihr entgegen und ließ sie ihre Tränen spüren, während sie sich bewusst machte, dass es keinen Sinn hatte. Ihre Ziele waren so fern und unerreichbar – und ihr fehlte jegliche Kraft dazu, sich auf den Weg zu ihnen zu machen. Sie würde nie ganz Frau sein, egal, was sie anstellte. Sie würde nie die Möglichkeit haben, glücklich zu werden und ihr Leben in vollen Zügen zu genießen.
Wozu sollte sie also noch kämpfen? Wozu sollte sie irgendwelchen Fantasien nachjagen, die am Ende sowieso unerfüllt blieben? Warum sollte sie sich weiter herumquälen und sich irgendwelche Hoffnungen machen? Es führte doch sowieso zu nichts. Sie war als Mann geboren worden. Und wie sehr sie sich auch anstrengte – irgendwie würde sie auch immer einer bleiben, ganz gleich, welche Maßnahmen sie in Anspruch nahm. Ihre Persönlichkeit war ruiniert. Und daran würde sie selbst bei allem guten Willen nichts ändern können.
Ein Schluchzen drang aus ihr heraus, das jedoch ungehört in der Nacht verhallte und weder die leeren Straßen unter, noch den dunklen Himmel über ihr interessierte. Alles blieb regungslos und stumm, nicht ein einziges Signal, das ihr in irgendeiner Form Anlass zur Hoffnung gab. Ihr Dasein war sinnlos. Sinnlos und leer.
Mit letzter Kraft machte sie schließlich noch einen Schritt nach vorn, warf einen kurzen Blick in die kleine Pfütze, die sich gebildet hatte, und schreckte wie schon so oft vor ihrem eigenen, abscheulichen Anblick zurück. „Das bin ich nicht!“, stieß sie mit einem verzweifelten Schluchzen hervor, auch wenn sie genau wusste, dass niemand sie hören konnte. Vor Angst und Anspannung zitternd, schlug sie sich beide Hände vors Gesicht, während sie fast schon wie in Hypnose immer wieder diesen Satz ausrief und sich zunehmend schwächer fühlte.
Ihr Körper gab langsam aber sicher auf, hielt dieser immensen, emotionalen Belastung nicht mehr stand, der sie nun schon seit so langer Zeit ausgesetzt war. Sie hatte keine Kraft mehr, verlangte nur noch nach Ruhe und dem Frieden, den sie in ihrer falschen, biologischen Identität niemals hatte finden können. Mit aller Macht schleppte sie sich nach vorn, richtete sich sowohl unter physischen, als auch psychischen Schmerzen wieder auf und starrte auf die düstere Straße hinunter, auf der sie in wenigen Momenten ihren letzten Atemzug aushauchen würde.
Erschöpft und müde machte sie sich schließlich zu dem Sprung bereit, durch den ihre gefangene, verirrte Seele endlich die Freiheit und das Glück finden würde, nach denen sie schon so lange gesucht hatte. Ein letztes Mal holte sie Luft, dazu entschlossen, sich fallen zu lassen und ihre Qual endgültig zu beenden, als plötzlich eine laute, durchdringende Stimme ihre vollständige Aufmerksamkeit auf sich zog. „Tina!“, rief sie ihr ängstlich zu. „Tina, tu das nicht!“.
Von Verwirrung und Verwunderung gleichermaßen heimgesucht, verharrte die Zwanzigjährige eine Weile in ihrer Position, nicht sicher darüber, ob das gerade wirklich passiert oder lediglich ihre Fantasie mit ihr durchgegangen war. Diese Annahme zerschlug sich allerdings sehr schnell, als sie eine Hand auf ihrer eigenen spürte und ein unverwechselbarer Geruch nach Aftershave ihre Sinne erreichte.
Warm und zärtlich hielt die Hand sie fest, die ihr aus irgendeinem Grund bekannt vorkam, auch wenn sie kaum dazu in der Lage war, einen halbwegs klaren Gedanken zu fassen. „Tu's bitte nicht“, flüsterte es wieder, dieses Mal so dicht in ihr Ohr, dass sie einen kleinen Schwall warmen Atems auf ihrer Wange spüren konnte. „Tu's nicht, Tina. Ich brauche dich“.
Dass es tatsächlich seine Stimme war, die da zu ihr sprach, realisierte das Mädchen erst, als sie sich langsam herumdrehte und in seine blauen, tränenfeuchten Augen schaute, die trotz des unpassenden Wetters von seiner schwarzen, markanten Sonnenbrille verdeckt wurden. Sein Gesicht war eine Mischung aus Schuldgefühlen und Trauer, spiegelte ohne den geringsten Zweifel die Angst wider, die er um sie hatte.
„Gary...?“, fragte sie ihn schließlich völlig durcheinander, konnte noch immer nicht richtig realisieren, dass tatsächlich ihr Ex-Freund es war, dem sie da gerade gegenüberstand. Sie hatte schon seit fast zwei Jahren nichts mehr von ihm gehört, hatte sich nach dem nicht gerade schönen Beziehungs-Aus mit ihm vollständig zurückgezogen und noch nicht einmal zu hoffen gewagt, dass sie ihn je wiedersehen würde.
Er war der erste und auch einzige Junge gewesen, den sie geliebt und mit dem sie auch Erfahrungen gemacht hatte. Der einzige, der ihr wirklich nahe gestanden und mit dem sie auch über alles geredet hatte. Der einzige, der sie nahezu in- und auswendig kannte, möglicherweise sogar noch viel besser als sie sich selbst.
Fassungslos starrte sie ihn an, nicht fähig dazu, irgendwie zu reagieren, geschweige denn, die Berührungen seiner warmen, weichen Hände abzuwehren. „Gary...“, wiederholte sie erschöpft und versuchte, sich auf den Beinen zu halten. „Gary... was machst du hier?“. „Ich beschütze dich“, antwortete er mit leiser, zärtlicher Stimme und blickte sie unter Tränen lächelnd an. „Ich beschütze dich, Tina. Du bist doch mein Zuckerbärchen. Und ich lasse nicht zu, dass dir etwas passiert“.
„Zuckerbärchen“, wiederholte sie, als sie sich daran erinnerte, dass er sie früher immer so genannt hatte, und bemühte sich, irgendwie einen klaren Gedanken zu fassen, was ihr jedoch angesichts der Extremsituation, in der sie sich befand, alles andere als leicht fiel. Sie wusste überhaupt nicht mehr, was los war, konnte sich weder erklären, warum er hier war, noch, wie er sie überhaupt gefunden hatte oder was er von ihr wollte.
Ihr ohnehin schon verwirrter Verstand begann vollständig zu streiken, konfrontierte sie mit unzähligen Fragen und Gedanken, die wie Blitze durch ihren Kopf schossen und ihr die Fähigkeit dazu raubten, sich noch länger aufrecht zu halten. Ohne irgendeine Vorwarnung sank sie zusammen, wurde jedoch von seinen starken Armen aufgefangen und festgehalten.
Ihre Emotionen entluden sich mit einem Schlag, brachen wie ein Sturm über sie herein und ließen sie mehrfach laut schluchzen und schreien.
„Zuckerbärchen“, flüsterte Gary ihr noch einmal zu, während er sie streichelte und so dicht er konnte an sich gedrückt hielt. Erleichterung darüber, dass er seiner Intuition gefolgt war, machte sich in ihm breit und trieb auch ihm Tränen ins Gesicht. Er hatte gespürt, dass sie ihn brauchte, dass sie kurz davor war, sich selbst und damit auch ihre Träume aufzugeben und ihr noch so junges Leben wegzuwerfen. Er hatte gespürt, dass sie in Gefahr schwebte und ganz dringend jemanden brauchte, der sie auffing und ihr Kraft gab. Und er hatte Recht gehabt.
„Pss“, hauchte er zärtlich, wenngleich auch er sehr stark mit seinen Gefühlen zu kämpfen hatte, und streichelte über ihr braunes, regennasses Haar. „Pss, Zuckerbärchen. Es wird alles gut. Alles wird wieder gut, in Ordnung? Ich bin für dich da“. Behutsam hielt er sie fest, schützte und wärmte sie, kannte all die Sorgen, Ängste und Qualen, die ihr in diesem Augenblick im Kopf herumspukten – und auch die innere Leere, die sie fühlte.
Aber er spürte auch, dass sie stark war und trotz aller Schwierigkeiten ihre Ziele erreichen konnte, wenn sie nur fest genug an sich glaubte. Denn er glaubte auch an sie. Das hatte er immer schon getan.
„Es wird gut“, flüsterte er ihr noch einmal ins Ohr und berührte vorsichtig ihr Gesicht. „Es wird alles wieder gut, Tina. Das verspreche ich dir. Vertrau mir, wenn du nur willst, dann kannst du alles erreichen, was du dir vornimmst“. Als sie nichts darauf antwortete, legte er ihr seine Hand an die Wange und schenkte ihr ein sanftes Lächeln. „Du schaffst das“, wiederholte er leise. „Du musst nur ganz fest daran glauben. Darum gib bitte nicht auf, okay? Solang du Träume hast, hast du auch die Kraft dazu, sie zu verwirklichen“.
„Gary...“, entgegnete sie, noch immer emotional verwirrt und kaum bei Kräften. „Hab keine Angst“, antwortete er mit sanfter, beruhigender Stimme, und schmiegte sich an sie. „Du bist nicht allein. Du bist nie wieder allein, Tina. Ich bin für dich da. Und ich helfe dir, deine Ziele zu erreichen. Das verspreche ich, mein Zuckerbärchen. Ich verspreche es dir von ganzem Herzen“.