Amiserat Memoria

GeschichteKrimi, Mystery / P16
Kurapika OC (Own Character)
17.08.2017
14.01.2020
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Ihre Blicke trafen sich zu lange, um fremd zu sein und dennoch nicht lang genug, um eine klare Verbindung aufzubauen. Was blieb war ein regloses Schulterzucken ihrer Gegenüber, ehe sie sich zurücklehnte, seufzte, doch das Lächeln keine Sekunde lang von den Lippen schwinden ließ.
„Ifrit Flare. Deine Freundin, falls du es vergessen haben solltest. Ich war immerzu an deiner Seite, bis du mehr oder minder verschwunden bist. Meine Güte, deine Verletzung ist schlimmer, als ich angenommen hatte.“ Ihrer Kehle entwich ein vergnügtes Kichern, mädchenhaft, jedoch bestechend wie hallende Schritte in verlassenen Gassen.
Die Augen argwöhnisch verengend, versuchte Hyde sich ein Bild von ihrer Vergangenheit zu machen, den Kleinigkeiten, die schon lange nicht mehr existierten. Es waren nur wenige Szenen, an die sie sich erinnern konnte. Ausschnitte, die rauschend an ihr vorbeizogen und nicht mehr zurückließen, als unbeantwortete Fragen. Es reichte gerade bis zu dem Tag, an dem sie sich ihre Verletzung zugezogen hatte. Sie rannte vor irgendetwas davon, panisch und angespannt, sprang über Gestrüpp und über Gestein hinweg. Nur ein einziges Mal kam sie falsch auf, sah den ungleichmäßigen Boden hinter Blattwerk und Ästen nicht kommen und rutschte ab. Der Rest versank im dumpfen Pochen ihres Kopfes, hinterließ abwehrende Schwärze, die sie nicht zu überwinden wusste.
Rein aus Reflex legte Hyde eine Hand an die Stirn, versuchte den Schmerz zu unterdrücken, der sich beißend durch ihre Stirnhöhlen fraß. Der Nebel lichtete sich vage, einen Hauch weiter, ließ einen Blick auf mehr zu. Auf das Bild, wie sie abgerutscht war und mit dem Kopf gegen eine Steinkante schlug. Auch das Gefühl von heißem Blut, welches über ihre Stirn geronnen war, hatte sie noch in sich. Alles, was sie danach umgeben hatte, war tief greifende Bewusstlosigkeit gewesen. Tiefe, zerfressende Dunkelheit, die sie festgehalten hatte und nur einen kleinen Teil von ihr frei ließ. Als sie aufgewacht war, hatte sie dieser Zustand begleitet. Jede Sekunde lang, bei jedem Schritt. Jeder Versuch Antworten zu finden endete in Kopfschmerzen, hielt sie ab es immer wieder zu versuchen. Sie wusste, wie es geschehen war, doch alles andere hatte sich in Vergessenheit aufgelöst. In dieser Erinnerung gab es keine Ifrit. Keine junge Frau, die in ihrem Alter war. Niemanden, der sich ihre Freundin schimpfte. Entweder hatte sie ihre Gegenüber vergessen oder Ifrit Flare hatte niemals in ihrer Welt existiert. Hyde konnte es nicht sagen, sie wusste es nicht mehr.
„Verzeih, aber ich habe keine Ahnung, ob ich dich wirklich kenne.“
„Schau auf deine Karten, du scheinst Dinge darauf zu notieren. Vielleicht steht da etwas über mich.“ Nachdenklich legte Ifrit einen Finger ans Kinn, legte den Kopf schief, sodass ihre roten Haare leicht zur Seite rutschten. Eine unschuldige Pose, deren Hintergedanken klar deutlich blieben. Diese Fremde wollte etwas, das im Verborgenen blieb. Ein Grund, warum Hyde der angebotenen Idee nachkam, durch die Karten blätterte, die nicht wie ihre eigenen wirkten. Mit jeder Information mehr, sträubte sich etwas in ihr alldem Glauben zu schenken. Trotzdem las sie jedes Wort, saugte den falschen Halt in ihnen auf, weil es alles war, was übrig blieb. Viel hatte man ihr nicht gegeben.

>>Ifrit Flare = Beste Freundin!
Junge mit blonden Haaren und schwarzem Anzug = Kurapika. Feind. In Acht nehmen.
Du bist eine Enhancer.
Kriminaleinheit macht Jagd auf dich
.<<

Verwirrt schüttelte Hyde den Kopf, überflog die Zeilen immer und immer wieder. Sie wirkten sinnlos, zugleich schrecklich glaubwürdig, obwohl sie sich in nichts von alldem wiederfand. „Warum jagt man mich? Was habe ich getan?“
„Ich habe keine Ahnung.“ Auch Flare schüttelte ihr Haupt, zuckte unwissend mit den Schultern, sichtlich ratlos. „Du scheinst wohl vor einiger Zeit an einem Tatort gewesen zu sein. Das Problem ist, dass du etwas hast mitgehen lassen, was du woanders vermutlich wiederum vergessen hast. Sie suchen dich als Verdächtige und ich sage dir, die sind nicht nett. Die werden dich einfach einbuchten und gar nicht erst anhören.“
„Wie kommst du darauf?“
„Dein Zustand. Als ob sie dir so etwas abkaufen würden. Leute, die für die Gerechtigkeit kämpfen, sind oftmals richtig ignorant.“
Den Mund verziehend, starrte Hyde erneut auf ihre Karten. So viele von ihnen waren unbeschrieben und lediglich zwei von ihnen fanden damit eine aktuelle Verwendung. Dennoch blätterten ihre Finger immer wieder durch das Chaos in der Hoffnung auf mehr. Eine Reaktion, eine bloße Routine, die ihr Körper von sich stieß. Ohne zu wissen wieso, schienen die Informationen schlicht durch ihren Kopf zu sickern ohne Halt zu finden. Nicht einmal temporär wollten sie in ihren Gedanken bleiben, sich niederlassen, um Hilfe zu bieten. Trotzdem musste sie sich an die Worte klammern. Sie waren alles, was sie hatte von dem, was sie war.
„Was denkst du, wer hinter Sicarius steckt?“ Ungeschickt wechselte sie das Thema, versuchte Abstand von der innerlichen Abneigung zu gewinnen. Alles war besser, als in der Ungewissheit zu treiben, wissend, dass es keine bleibenden Antworten gab.
Die Lippen spitzend, legte Ifrit derweil den Kopf auf eine ihrer Schultern ab. Ihre Stimme zog sich spielerisch durch den Raum, gelangweilt und doch dazu angehalten zu funktionieren. „Keine Ahnung, aber ich glaube fast, dass der Täter sich intern aufhält. Also in der Kriminaleinheit. Ich meine...niemand kann so lange davonkommen, oder? Das ist ziemlich schwer und mit internen Informationen, ist es viel einfacherer, einen ungesehenen Mord zu vollstrecken.“
„Reicht in einem solchen Fall keine Achtsamkeit? Falsche Fährten?“
„Würde bestimmt genügen, aber aktuell sagt man, tauchen geheime Informationen im Netz auf. Das sind ganz bestimmte Seiten, wie ich hörte, die man in Tiefen des Internets heraussuchen kann. Da bekommt man Informationen über die Machenschaften diverser Einheiten und ich sage dir, das sind keine Mädchen mit Happy End.“
Langsam nickend nahm Hyde die Worte zur Kenntnis, versuchte sich vorzustellen, wie einfach ein Mord zu begehen sein musste, wenn die Ermittlungen so schlecht vorangingen und sogar sabotiert wurden. Steckte der Schuldige tatsächlich in der Kriminaleinheit, wurde eine Enttarnung unmöglich. Nicht zuletzt, weil er immer einen Schritt voraus war. Einfache Gedanken, die in ihrem Kopf hängenblieben, sie beschäftigten und damit allein ließen. Ifrit hingegen reckte sich nur müde murrend, schloss das Thema bereits in all seinen Punkten einfach ab. Ihr wohligen Seufzen erfüllte für den Bruchteil einer Sekunde jeden Winkel des Zimmers, ehe sie sich vom Bett erhob und Hyde ein weiteres, freundliches Lächeln schenkte. „Ich werde mal etwas zu Essen besorgen. Die Küche in dieser Absteige ist echt nicht zu empfehlen. Nimm du in der Zeit ein Bad! Du hast es nötig. Ich werde dir frische Kleidung mitbringen, denn die hier riecht wie ein paar alte Sportsocken.“
„Okay.“ Knapp antwortete die Hunter, sah dabei zu, wie Ifrit sich von ihr entfernte, den Ausgang ansteuerte. Ein letztes Winken zum Abschied war alles, was von ihr zurückblieb. Keine fremde Duftnote, keine bekannte Stimme. Nur Stille, die sich an den Wänden entlanghangelte.

Sich ebenfalls aus dem Bett schälend, klammerten sich Hydes Gedanken an ein Bad, an angenehme Wärme auf ihrer Haut, die schon so ewig in Vergessenheit lag. Vermutlich brauchte sie es wirklich dringender, als sie es selbst bemerkte, weil die Zeit brüchig erschien – schneller verging, als man glauben wollte.
Langsam schlenderte sie in das Badezimmer, schloss die Tür fest hinter sich und atmete tief durch, als die Einsamkeit sich breit machte. Irgendetwas tief in ihr war unzufrieden mit der Situation, in der sie sich befand und nur zu gern hätte sie gewusst warum. Eine Antwort erschien jedoch nicht in greifbarer Nähe. Lediglich der Wasserhahn blieb nahe, stellte das einzige dar, das in diesen Sekunden noch Interesse barg. Das Wasser anstellend, beobachtete sie die schlagenden Wellen, hörte dem Rauschen und Plätschern zu, das beruhigend zu ihr durchdrang. Das verzerrte Spiegelbild vor ihren Augen war vergleichbar mit ihrem Zustand, den immerzu schwindenden Erinnerungen, die sie plagten. Ihr Blick wirkte müde, ausgelaugt von so vielen Dingen, die sie gesehen hatte, aber an die sie sich nicht mehr erinnern konnte. Es jagte ihr Angst ein und gleichzeitig machte es ihre Gedanken schwer und trüb.
Erneut griff sie nach ihren Karten, die sie irgendwann zuvor in ihre Jackentasche gesteckt haben musste und blätterte sie erneut durch. Die Abneigung nahm nicht ab. Die Tasche nach mehr abtastend, stießen ihre Finger gegen einen Stift. Sicherlich immer da, zur rechten Zeit einsetzbar, um Notizen zu machen. Das war das einzig Logische.
Rein aus Neugierde heraus schrieb sie einige neue Worte nieder, Worte des Zweifels und der Unstimmigkeit, bis ihr der unverkennbare Unterschied schlussendlich auffiel. Schrecklich banal, unfassbar einfach. Ihre Schrift unterschied sich leicht von der auf den Karten. Nicht genug, um auf den ersten Blick verdächtig zu wirken – lediglich der Schwung war anders. Während sie selbst leicht kursiv schrieb, waren die Worte, die sie so sehr irritierten gerade – nahezu steif, als hätte man versucht ihre eigentlichen Buchstaben schlicht zu kopieren. Ihr kleiner Fund tat dabei nur wenig zur Sache, denn ehe sie sich versah, hatte sie schon eine neue Karte gegriffen und ihn niedergeschrieben. Ifrit war nicht ihre Freundin. Keine Heilige, keine Vertrauenswürde. Sie war lediglich eine Lügnerin, deren Worte kein Gewicht besaßen. Eine Frau mit ungewissen Hintergedanken.
Zum ersten Mal war sie froh darüber, dass ein solch unangenehmes Gefühl in ihrer Brust existierte, dass sie sich länger an etwas erinnern konnte, als nur zwei Atemzüge lang. Es wäre ungünstig gewesen, wären ihre Erinnerungen in diesem Moment abgerutscht, wo sie jede von ihnen doch so dringend brauchte. Lange genug, um sie niederzuschreiben, um die Angst zu vergessen und für einen blassen Moment abzuschalten. So lange, bis das Wasser den oberen Rand der Wanne erreicht hatte. Den Hahn abstellend, musterte sie die Wellen, die langsam abebbten, hinterließen einen klaren Spiegel reiner Wärme. Langsam entledigte sie sich ihrer Jacke, öffnete die Gurte an jeder Stelle, wo sie Halt boten. Sich etwas nach vorn beugend, reichte sie nach dem Reißverschluss an ihrem Rücken, öffnete ihn und genoss jeden Zentimeter Freiheit, der sich dabei an ihren Körper schmiegte.
Gerade als sie das Latex von ihren Schultern streifte, rutschte zeitgleich etwas aus ihrem oberen Ausschnitt. Polternd kam es wenige Sekunden später auf dem Boden auf, wirkte etwas verloren, so wie es vor ihren Füßen lag. Sich zu dem Gerät herunterbeugend, betrachtete sie es ausgiebig aus sicherer Ferne heraus. Eine Routine, gegen die sie sich nicht wehren konnte, wo es sich doch nur um ein einfaches Tonbandgerät handelte. Doch sie wusste nicht, warum sie es mit sich führte. Dazu war es zu fremd.
Es einfach liegen lassend, stand sie wieder auf, zog den Rest des Gummis in Gedanken von der Haut. Ihre Augen konnte sie dabei nur schwerlich von dem schwarzen Gerät lassen, ging deshalb erneut in die Hocke, um ihm näher zu sein. Dabei kniete sie mit einem Bein auf dem Boden, das andere behielt sie als Armstütze oben. Eine bequeme Position, in der ihr das Tattoo auf ihrem Oberschenkel nicht entging. Ein simpler Satz. Das Statement, dass sie Hunter war.
Irritiert schweiften ihre Gedanken von dem Tonbandgerät ab, rüber zu den schwarzen Buchstaben auf ihrer Haut. Prüfend ließ sie ihre Fingerspitzen über das Geschriebene wandern, schüttelte dabei nur ungläubig den Kopf. Tatsächlich hatte sie sich tätowieren lassen, nur um die wichtigsten Informationen nicht zu vergessen. Das Grundgerüst ihrer Existenz.
Während sie dem Schriftzug folgte, kam ihr ein zweiter nahezu entgegen. Auf der Innenseite ihres Oberschenkels trug sie eine weitere Aufschrift. Klein, sehr viel zierlicher als die großen Buchstaben der anderen vier Worte. Der leichte, kaum merkliche Schmerz ihrer sanft geröteten Haut erzählte davon, dass das Tattoo noch nicht sehr alt war. Ein paar Wochen vielleicht. Tage, die etwas zurückgelassen hatten, das sie nicht begreifen konnte. Weil es ihre Aufmerksamkeit zurück zum Tonbandgerät zwang. Sie sollte es anhören.
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