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Gruppe 23: Namenlose Opfer

von MDU-Story
GeschichteAllgemein / P12 / Gen
16.08.2017
16.08.2017
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Kapitel 2 - Cosmodius (Benutzer existiert nicht mehr)


Nächster Morgen.
Die Zeremonie begann immer mittags in der Festhalle. Das bedeutete frühes Aufstehen, viel mehr hätte es das bedeutet, wenn ich überhaupt geschlafen hätte. Große Aufregung für kleine Geister, viel Show und wenig Inhalt. Die Spieler der „Stufe Zwei“ würden vor das Land treten und die, die schon in „Stufe 1“ verloren hatten, spielten keine Rolle mehr.
Ich wurde von einem Anflug von Neid erfasst, von einem Hauch von Sehnsucht, obwohl es vorbei ist.
Ankleiden in die weißen Uniformen und dann in der Vorhalle warten. Warten, bis der Glockenschlag ertönt, warten in Zweierreihen vor den Türen. Die Glocke schlägt, die Türen werden geöffnet und folgsam, wie ein Lamm auf dem Weg zur Schlachtbank, ziehen die Reihen weiß gekleideter, junger Menschen hinaus, betreten die berühmten „Freien Treppen“. Hängebrücken, welche die Stockwerke des Wolkenkratzers „Sky One“ verbanden, die für das Turnier benötigt wurden. Leicht schwankten sie unter den Beinen und so mancher wurde bleich, ähnlich wie seine Kleidung.
Ich drehte nicht den Kopf, das war verboten, doch ich schielte durch die gläserne Fassade auf die Promenade der Hauptstadt mit all ihren Geschäften, ihren Menschen, ihrem Leben.
Ich wusste, dass sie hinter mir ging. Einen Augenblick lang wollte ich sie packen und mit ihr gemeinsam springen.
Ich erinnerte mich an den Gesichtsausdruck von Dreizehn, als dieser siegte. Sollte er „Stufe 3“ überleben und gewinnen, wäre er ein Held, bekäme sogar auf der Promenade unter mir eine Statue aufgestellt.
Mechanisch setzte ich einen Fuß vor den anderen, doch es ging nur langsam voran, denn die Treppe, oder eher die Brücke, wackelte und meine Hände waren kalt, der Schritt unsicher, doch wenn ich fiele, würde ich weitergeschoben werden von all denen hinter mir.
Wie oft hatte ich diese Zeremonie als Übertragung gesehen?
Zehnmal?
Mindestens!
Mit einem Anflug von Galgenhumor unterdrückte ich ein Grinsen und dachte bei mir, dass es diesmal, entgegen der Neigung von Zeremonien immer langweiliger zu werden, da sich alles exakt wiederholte, es spannender wäre als je zuvor. Eine neue Perspektive, eine neue Erfahrung. Was wäre, wenn ich mich mehr angestrengt hätte? Meine Qualifikation höher gewesen wäre? Ich könnte nun als Ingenieur oder Architekt arbeiten, Waffen und Bunker bauen, vielleicht sogar ein Modedesigner sein?
Uniformen zum Ausgehen, zum Antreten oder zum normalen Einsatz? Meine Bekannten sagten, ich hätte ein gutes Auge für Farben und Stil, sowie einen eleganten Geschmack.
Die Zeremonie:
Rechts aus der Tür kommt der Kanzler und begrüßt das Volk. Links kommen die neuen Kadetten. Ihre Stärke wird gelobt, ihre Tapferkeit wird gelobt, der Kanzler wird gelobt.
Der Staat wird gelobt.
Die anderen Staaten werden gewarnt. Und so weiter.
Ein schwacher Stoß in den Rücken ließ mich meinen Schritt wieder etwas beschleunigen und ein kurzer Blick nach links zur parallelen Treppe sagte mir, dass ich wieder im Trott war.
Ich fragte mich, wie es soweit kommen konnte.
Dass es immer wärmer wurde, dass es immer größere Wüsten und weniger Wasser gab.
Dass die Kriege ausbrachen und Staaten mit großem Militär kleine Imperien aufbauten und so versuchten, die Vorräte zu schützen.
Hatte keiner das kommen sehen? Hatte keiner versucht zu vermitteln? Zu einer friedlichen Lösung zu kommen?
Meine Gedanken wurden von einem leisen Fluch unterbrochen, vor mir greift ein mir unbekannter Junge schnell nach dem Geländer, er hatte das Gleichgewicht verloren. Die Treppe schwankte heftiger und Unruhe brach aus, ich versuchte mich festzuhalten.
Ich drehte mich um, wollte instinktiv nach Zwölf sehen, Panik machte sich breit.
Die Ordnung war verflogen, ein peitschendes Geräusch ertönte und die Treppe neigte sich nach links. Meine Hände krallten sich fest an den Rand, die Knöchel traten weiß hervor, während meine Füße nach halt auf der schiefen Treppe suchten.
Ich musste schnell weiter nach oben, Schreie von rechts, einige hatten wohl den Halt verloren und stürzten in die Tiefe.
Wie konnte das passieren? Wurde das Hinaufsteigen nicht immer Live übertragen? War das ein Test? So etwas hatte ich noch nie auf einem der Staats-Kanäle gesehen, nicht einmal Gerüchte von einem vergleichbaren Ereignis gehört.
Zwölf!
Verdammt, wie konnte ich sie nur vergessen? Wo war sie?
Neben mir, gut, sie schaffte das. Ihre Augen waren geweitet, aber sie machte weiter, schob sich empor, mechanisch.
Und Dreizehn?
Machte auch verbissen weiter, war gleich hinter ihr, natürlich, wenn er nicht etwas drauf gehabt hätte, wäre er nie so weit gekommen!
Ich drehte mich nach vorne zu Zehn vor mir. Er war weg.
Ich schaute nicht nach, ob ich ihn unter mir erkennen konnte, mochte ihn nie wirklich.
Neun hatte Vorsprung, ich musste mich beeilen, denn wenn das zweite Seil reißen würde, an dem das Gebilde hing, dann würde uns das in das Fenster auf meiner linken Seite schmettern.
Weiter, weiter nach oben!
Ein Strang nach dem anderen riss mit einem metallischen Knall. Schnell! Ich musste...
Moment mal.
Ich hielt inne, blockierte den Weg für die noch Verbliebenen hinter mir, doch ich achtete nicht darauf. Wenn der Schwung ausreichte, das Fenster zu zerstören, dann müsste ich mich nur noch auf die Terrasse fallen lassen und wäre frei!
Was hatte ich denn zu verlieren?
Das Geschrei war mir egal, die wütenden, von Angst und Panik beherrschten, jungen Menschen unter mir. In „Stufe 1“ hätte ich sie ohne zu zögern in einem Turnier getötet.
Bis auf sie.
Ich beugte mich runter und rief ihr zu: „Wenn wir...“
„Ich weiß!“, antwortete sie mir ins Wort fallend und mit einer Entschlossenheit im Gesicht, die ich noch nie bei ihr gesehen hatte.
„Wir müssen warten auf den richtigen Moment! Wenn wir nur einen Augenblick daneben liegen, dann war es das! Hey, ihr Anderen, hört ihr?“
„Was soll das? Mein Leben riskieren? Lass mich vorbei, macht was ihr wollt, aber lasst mich da raus!“, rief Dreizehn, „Ich kann euch verstehen, aber haltet mich raus!“
Seine Rufe endeten in einem spitzen Schrei, als 12 ihm ihren Stiefel ins Gesicht rammte und er den Halt verlor.
Ein sympathischer Kerl.
Jetzt tot und drauf geschissen.
Ein Geräusch, ein kurzer Moment der Schwerelosigkeit, als die Aufhängung riss und die Brücke samt den Unglücklichen letzten und uns sich im freien Fall befand, bis sie mit einem Ruck von dem Kabel, das auf der unteren Etage befestigt ist gebremst, und so in einem Bogen in Richtung Glasfront schwang. Das Blut rauschte in meinen Ohren und ich hörte nichts, klammerte mich nur an das Seil mit den kläglichen Resten dieser einstigen architektonischen Meisterleistung.
In einem Regen aus Splittern flog ich durch das Fenster und ließ los, als ich auf dem Tiefpunkt der Reise angekommen war. Das Abrollen gelang mir mehr schlecht als recht, ich blieb kurz liegen, wollte meine Körperfunktionen überprüfen, versuchte mich zu erheben, doch in diesem Moment fiel etwas weiteres, schweres auf meinen Rücken und presste mich wieder auf den Boden. Es gelang mir nicht, mich umzudrehen, doch ein Stöhnen verrät, was es ist.
Sie rollte runter und es gelang mir mich zu erheben.
„Weg hier!“, rufe ich und rannte, doch es war wohl eher ein schiefes Humpeln. Sie zog mich mit sich: „Komm, dank dir bin ich weich gelandet.“
Ich verdrehte den Kopf und versuchte ihre Hand auf meiner Schulter zu küssen und presste hervor: „Die Freude ist ganz meinerseits, Gnädige Frau, jederzeit gerne wieder.“
Sie grinste mich an.
Wir zuckten beide zusammen, als wir ein lautes Geräusch, ein Splittern hinter uns hörten. Sie stieß mich zu Boden und warf sich auf mich, als ein Teil der Glasfront die Belastung nicht mehr aushielt und nur einige Meter hinter uns in einer Scherben-Fontäne explodiert.
„Jederzeit wieder, nicht wahr?“, hörte ich ihre Stimme wieder, ein Grinsen in ihrem Klang. Ich murmelte irgendetwas, was das Wort „Danke“ beinhaltete und sie zog mich hoch.
„Wir müssen hier weg.“, sagte sie zu mir, immer noch grinsend, aber mit leichter Unruhe in der Stimme.
„Weißt du, eigentlich hatte ich vor, mir hier ein Haus zu bauen.“
„Klar, kannst du gehen?“
„Humpeln, das muss reichen“
„Okay, da hinten ist eine Art Notfall-Treppe, wenn wir die nehmen, lösen wir vielleicht einen Alarm aus, aber die Soldaten haben wohl andere Sorgen.“
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