Time is running out

OneshotDrama / P16
Gibson Tommy
16.08.2017
16.08.2017
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Disclaimer: Ich kenne keinen der vorkommenden Prominenten persönlich, habe keinerlei Rechte an ihnen oder an sonst irgendwas, das mit ihnen zusammenhängt, und selbstverständlich verdiene ich mit dieser Geschichte kein Geld. Was es hier zu lesen gibt, ist Fiktion und basiert demzufolge auch nicht auf irgendwelchen realen Ereignissen.
Der Titel ist auch hier wieder ein Zitat aus dem Film bzw. dem Trailer.

English Version: I do not own anyone, this is purely fictional. If you got here by googling yourself please I urge you go back now!

A/N: Dies ist der vierte Oneshot in meiner kleinen Kurzgeschichten-und-Drabble-Reihe zu Christopher Nolans Film Dunkirk und sie widmet sich im größten Teil, wie schon die zweite Geschichte, einem Ereignis, das so stattgefunden haben könnte, ehe der Film seinen Fokus darauf richtet.
Den dritten Oneshot findet ihr übrigens hinter diesem Link: Hero at Dunkirk

Ihr wisst ja, Reviews und Sternchen sind das Brot des Fanfictionautors – lasst mich bitte nicht hungern!





Time is running out


Irgendwo hinter ihm in den Straßen zerrissen Schüsse die Stille. Nicht, dass er der Stille auch nur eine Sekunde getraut hatte, aber… Seine Regimentskameraden waren gefangen genommen oder standrechtlich erschossen worden oder im besten Fall im Gefecht gefallen. Er wusste es nicht genau und im Moment – das musste er sich zu seiner Schande eingestehen – interessierte ihn ihr Schicksal weitaus weniger als sein eigenes nacktes Überleben. Denn er hatte sie gesehen, die deutschen Soldaten, ihre Panzer, die Jagdflieger der Luftwaffe.

Sie waren eingekesselt und der einzige Fluchtweg, der noch offen war, war der über den Kanal. Man musste kein großer Feldherr sein, um das zu erkennen, und auch kein Genie, um zu begreifen, dass die Engländer zuerst ihre eigenen Truppen übersetzten. Er hatte es ja am eigenen Leib miterlebt! Man ließ ihn und andere Franzosen oder belgische Soldaten nicht einmal auf die Mole!

Und seine Mutter daheim in Bordeaux würde… Sie durfte das nie erfahren! Es musste ausreichen, dass er sich für das schämte, was dieser Krieg aus ihm machte, zu was er ihn trieb. Doch was hatte er denn für eine Wahl, wenn er überleben wollte?!
Wieder grub er den Klappspaten in den rauen Sand am Fuße der Düne, schob ihn zur Seite, so lange, bis er eine flache Kuhle von der Länge des Toten geschaffen hatte, der dort lag. Hier waren schon andere verscharrt worden, man konnte es deutlich sehen. Ein paar Schritte weiter ragte noch ein nackter Fuß aus dem Sand hervor. Ein deutliches Zeichen dafür, dass schon andere vor ihm dieselbe unmoralische Entscheidung getroffen hatten.

„Vergib mir“, nuschelte er, ehe er Hand an den toten britischen Soldaten legte, seine Uniformjacke aufknöpfte und sie ihm umständlich auszog. Der Tote würde sie ja nicht mehr brauchen, aber sie würde sein Leben retten können, rechtfertigte er sein Tun vor sich selbst und das ununterbrochen, auch noch als er dem Mann Schuhe und Hose abstreifte und zum Schluss noch Hemd und Marke. Er würde auch das brauchen, denn sein eigenes Hemd hatte die falsche Farbe.

„Vergib mir“, wiederholte er und schob den nackten Leichnam in die Kuhle. Eine erste Sandschicht rieselte auf den Körper.

Er hingegen stand auf, sah sich um und begann, sich eilig seiner eigenen Uniform zu entledigen, warf die einzelnen Stücke achtlos auf den Toten in der Kuhle. Er würde sie mit ihm begraben, denn sie durften nicht offen herumliegen. Sie würden ihn und seine verwerfliche Tat verraten.
Die englische Uniform passte mehr schlecht als recht, doch in Anbetracht der Umstände würde es bestimmt nicht sofort auffallen. Die englischen Truppen mussten genauso besorgt um ihr Überleben sein wie er selbst, sie hatten Gefechte hinter sich und wollten nach Hause, weg von diesem Strand, wer würde da schon so genau auf die Passform einer Uniform achten, versuchte er sich Hoffnung zu machen, als er sich die fremde Marke um den Hals hängte und einen prüfenden Blick darauf warf.

„G-i-b-s-o-n“, las er flüsternd von ihr ab.

Dann schob er die Marke unter das Hemd. Seine eigene hatte er in die Tasche der fremden Hose gesteckt, war noch unsicher, was er mit ihr machen sollte, denn hierlassen wollte er sie nicht.

Zuletzt schnürte er die fremden Schuhe, griff danach wieder zum Klappspaten, den er ein paar Meter weiter aufgelesen hatte, und schaufelte Sand auf den Toten und seine abgelegte Uniform – und er schämte sich, schämte sich für sein unmoralisches Handeln und seine Feigheit im Angesicht des Feindes, rechtfertigte es vor sich selbst damit, noch jung zu sein und nur überleben zu wollen – wie alle anderen Männer an diesem Strand auch.

Eine Bewegung ließ ihn innehalten und aufschauen. Gerade noch rechtzeitig, um den englischen Soldaten zu sehen, der dabei war, seinen Gürtel zu öffnen, doch nun ebenfalls erstarrte und ihn ansah.

Schweigend.

Wie versteinert.

Für eine gefühlte Ewigkeit.

Dann schloss der Soldat seinen Gürtel wieder und er selbst senkte den Blick, schaufelte mehr Sand über den Leichnam, obwohl er mittlerweile fast vollständig bedeckt war. Aus dem Augenwinkel bemerkte er, wie der andere zu ihm herüberkam, sich bückte und… Wenn er jetzt… Instinktiv hielt er die Luft an. Wenn er jetzt aufflog, dann war alles vorbei. Er war ein Deserteur und Deserteure wurden hingerichtet.

Ein zweites Mal sahen sie sich an und dann passierte das, womit er am allerwenigsten gerechnet hatte: Der Andere griff mit beiden Händen in den Sand und häufte ihn über dem noch bloß liegenden Fuß seines toten Landsmannes auf, bedeckte ihn damit.
Es versetzte ihn in Erstaunen, ließ Hoffnung in ihm aufkeimen. Die Hoffnung, dass er sein Leben doch noch nicht verloren hatte, dass seine Chancen, das hier zu überleben, ein wenig besser wurden.

Der Engländer erhob sich wieder, wandte sich um und ging. Einfach so, ganz ohne ein Wort gesagt zu haben.

Er schluckte, stand ebenfalls wieder auf und schnallte ein letztes Mal den Gürtel der fremden Uniform enger.

Vielleicht war es gar keine schlechte Idee, sich mit diesem Soldaten zusammenzutun. Der Mann war ja sicher nicht dumm, ihm musste klar sein, was er hier getan hatte. Daran gab es schließlich nichts falsch zu verstehen!

Und trotzdem!

Trotzdem hatte er keinerlei Anstalten gemacht, ihn zur Rechenschaft zu ziehen.

Vermutlich, kam es ihm in den Sinn, wollte der Andere genauso fort von hier wie er und hatte ganz andere Sorgen, als einen Franzosen, der eine fremde Uniform anzog.

Sie sollten sich wirklich zusammentun, beschloss er. Was konnte es auch schaden? Die Zeit lief ab und im schlimmsten Fall starb er so oder so.

Er hatte nichts mehr zu verlieren.



***

Und weiter geht's mit dieser Kurzgeschichtenreihe hier: Trapped
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