Ein ganzes Land in einer Nacht

OneshotThriller, Suspense / P16
OC (Own Character) Winter Soldier / James Buchanan "Bucky" Barnes
15.08.2017
15.08.2017
1
1927
 
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Ein ganzes Land in einer Nacht


Die ganze Welt sieht aus, als wäre sie
Der Leichenplatz des Sivadieners Zeit.
Der rote Abendhimmel stellt das Rot
Des Blutes dar der Hingerichteten,
Den schwachen Schein der Scheiterhaufenkohlen
Die matte Sonnenscheibe; Sterne sind
An Menschenknochen statt umhergestreut;
Dem fleckenlosen Menschenschädel gleicht
Der helle Mond...
- aus 'Kausikas Zorn', indisches Drama


21. November 1989, 22.38 Uhr – Beirut

Es war bereits spät am Abend und sie blickte auf ihre Armbanduhr, deren Ziffernblatt im kargen Licht der Straßenlaterne schemenhaft zu erkennen war.
Sie zählte ein paar Sekunden mit und sah sich dann noch einmal um. Kein Mensch war weit und breit zu sehen und das seit Stunden. Die Absperrungen für den nächsten Tag standen schon am Straßenrand.
Die Wagen, die bis heute noch überall hier geparkt hatten, waren im laufe des Tages von der Polizei beseitigt worden. Nun gleichte die Straße einem Teil einer Geisterstadt.
Louise zählte noch weitere Sekunden und nickte sich dann selbst zur Bestätigung zu, dass sie grünes Licht geben konnte. Sie hob die Hand und streckte sie flach in die Luft. Beinahe sofort startete in einiger Entfernung ein Motor.
Sie wartete knappe dreißig Sekunden, bis der Transportwagen um die Ecke fuhr und sich sehr langsam näherte. Die Scheinwerfer waren nicht eingeschaltet und sie konnte selbst bei genauerem Hinsehen nicht erkennen, wer sich im Wagen befand.
Wenn sie es nicht so genau gewusst hätte, würde sie sich vielleicht sogar der Spinnerei hingeben, der Wagen wäre menschenleer. So wie die Straße, auf der sie stand, um den Transportwagen bei der Ankunft zu beobachten.
Sie trat ein Stück bei Seite und ließ Josef ein Stück auf den Bürgersteig fahren. Das Motorgeräusch erstarb und die Fahrertür öffnete sich knackend.
Josef ließ den Wagen offen und ging um den Wagen herum. Louise folgte ihm schweigend und gemeinsam öffneten sie die Türen zur Ladefläche, hinter denen es noch genau so aussah wie bei ihrer Abfahrt.
Der Soldat saß dort und starrte auf seine Knie.
„Aussteigen“, sagte Louise halblaut und erntete einen eiskalten Blick aus dem Augenwinkel des Soldaten. Er war manchmal etwas störrisch, aber das würde sie in den Griff bekommen. Zur Not eben mit Gewalt.
„Na los, wir haben keine Zeit“, setzte sie ernst hinterher und er erhob sich endlich. Dabei packte er die Sprengfalle, die sie hergebracht hatten, und rückte sie ein wenig in ihrer Befestigung zurecht, sodass sie quer lag.
Dann sah sich der Soldat auf der leergefegten Straße um. Der Blick war prüfend und abwägend. Genau so hatte sie sich die Straße vorhin auch angesehen. Sie hoffte, dass er mit ihrer Wahl zufrieden wäre.
Der Soldat ging an ihnen vorbei und würdigte sie nicht eines Blickes, bis er das leere Geschäft entdeckte, neben dem Josef den Wagen abgestellt hatte.
Er trat näher an die Glasscheibe heran und sah wohl hinein, bis er sich zu ihnen umdrehte und sich ein knappes Nicken abrang.
„Точно здесь“, bestätigte er dann knurrend und wandte sich von dem Geschäft ab. Louise warf einen kurzen Seitenblick zu Josef, der sich ohne große Worte daran machte, den Sprengsatz aus dem Transporter zu holen.
Vorsichtig bugsierte er ihn in der Transportvorrichtung aus dem Wagen zum Geschäft, wo sich der Soldat an dem einfachen Schloss zu Schaffen machte. Zu zweit verschwanden sie mit dem schweren Schiebewagen in der Dunkelheit, während Louise draußen wartete und die Augen offenhielt.
Die Stille um sie herum war einerseits ein gutes Zeichen, andererseits konnte man nicht vorsichtig genug sein. Hinter jeder Häuserecke konnte der Feind lauern oder ein Zeuge sein, der die Probleme erst nach der Tat verursachte.
Ein Desaster wie nach dem Attentat 1963* bräuchten sie hier nicht auch. Louise seufzte bei dem Gedanken an den Zeugen, den Hydra damals hinterlassen hatte, genervt. Auch wenn es relativ glimpflich ausgegangen war.
Morgen wäre die Tat in Dallas genau sechsundzwanzig Jahre her. Es war interessant, dass ausgerechnet derselbe Mann hieran beteiligt sein würde.
Und niemand wusste von seiner Existenz, zumindest niemand, der nichts darüber wissen durfte. Es war effektiv einen Schatten für sich arbeiten zu lassen, auch wenn sie ihn heute nicht unbedingt gebraucht hätten.
Diesen Auftrag hätten Josef und sie auch alleine erledigen können. Aber Hydra fragte sie nicht und sie würde sich nicht beschweren.
Louises Blick wanderte weiter über die Straßen und sie hörte ein paar gedämpfte Geräusche aus dem Ladengebäude, in dem die beiden Männer den Sprengsatz gerade anbrachten. Die Kräfte, die hier freigesetzt werden würden, waren kaum in Worte zu fassen.
Zweihundertfünfzig Kilogramm pure Zerstörung und nur sie drei wussten, dass sie hier versteckt waren, um ihre Arbeit zu tun.
Nach wenigen Minuten kamen Josef und der Soldat aus dem Gebäude, verschlossen die Tür sorgfältig hinter sich und gingen dann auf den Transportwagen zu, dessen hintere Türen Josef hinter dem eingestiegenen Soldaten ins Schloss warf.
Er setzte sich ans Steuer und Louise schritt schnell um den Wagen herum, um sich auf den Beifahrersitz zu setzen.
Josef lenkte den Wagen schweigend aus der Straße heraus und fuhr sie zurück in ihr Versteck, das etwa eine halbe Stunde außerhalb der Stadt lag. Morgen müssten sie früh genug zurück sein, um überprüfen zu können, ob ihr Plan A funktionierte.
Sie ging zwar davon aus, aber man konnte niemals vorsichtig genug sein.
Besonders in ihrem Geschäft nicht.


22. November 1989, 10.43 Uhr – Beirut

Louise klemmte sich das Fernglas vor die Augen und blickte von dem Dach des Hochhauses hinab in die Straßen. Die Eskorte würde ein paar hundert Meter entfernt stattfinden, aber ihre Aufgabe war es die Menschen außerhalb des Explosionsradius' im Blick zu behalten.
Wurden die Polizisten unruhig? Passierte etwas Auffälliges? Verhielten sich alle normal?
Berichterstattung und Beobachtung, das stand heute auf ihrer Agenda, mehr nicht. Der Soldat und Josef waren näher am Geschehen und sahen sich dort um. Beziehungsweise, sie warteten auf den geeigneten Moment, um die Fernzündung zu betätigen.
Chaos hatte dieses Land in den letzten fünfzehn Jahren regiert und so sollte es auch bleiben. Hydra profitierte nur von ängstlichen Menschen, die sich anwerben ließen. Ein Friedensstifter war bloß eine Variable, die es auszutauschen galt.
„Genug Blut ist geflossen, lange genug hat die Lähmung gedauert, genug der Zerstörung, genug der Verarmung!“ Das hatte der Mann noch vor wenigen Stunden im Fernsehen gesagt. Sie hatte sich die Übertragung in einem kleinen Laden an der Ecke angesehen.
Es hatte sich dabei nichts in ihr gerührt, es war einfach an ihr vorbeigegangen. Wie ein Luftzug oder einer der Werbespots, der danach gelaufen war.
Der Libanon hatte zu viele Hoffnungen in diesen Mann gesetzt, der erst seit knapp zwei Wochen ihr Oberhaupt war und den Frieden repräsentierte.
Lächerlich.
Louise schnaufte verächtlich und hielt das Fernglas weiter vor ihre Augen. Sie sah nichts Außergewöhnliches und nichts Beunruhigendes. Sie könnte grünes Licht geben, denn gleich war es so weit.
Sie griff routiniert nach ihrem Fernsprecher und drückte auf den Schalter, der ihr die Leitung öffnete.
„Alles ruhig. Los“, raunte sie professionell kurz gehalten den Befehl zur Vollstreckung in das kleine Gerät und erhielt die knappe Antwort „Verstanden“ von Josef.
Es vergingen nur noch wenige Sekunden, die Stadt schien zu verstummen und dann ein lauter Knall. Die Druckwelle breitete sich aus und die kleinen Steinchen und der Staub unter ihren Füßen auf dem Dach zappelten erschrocken.
Sie führte das Fernglas zurück an ihre Augen und beobachtete die schwarze Wolke, die sich über Beirut ausbreitete. Sirenen, Alarmanlagen, Hupen, Schreie. Alles durcheinander und nicht voneinander zu unterscheiden.
Das Knacken ihres Fernsprechers und die Stimme Josefs: „Ziel getroffen. Maximaler Erfolg. Rückzug und Abreise.“
Louise erhob sich und steckte ihre Gerätschaften in ihre Taschen und an den Gürtel zurück. Schnell verließ sie das Dach des Hauses und begab sich über die Treppen nach unten auf die Straßen, durch die einige Menschen schreiend rannten.
Unbeeindruckt schob sie sich in die entgegengesetzte Richtung an ihnen vorbei und lief zum Transportwagen, der nur drei Querstraßen weiter geparkt war.
Der Soldat und Josef warteten dort auf sie.
Sie stieg ein, schnallte sich an und blickte stur geradeaus. Dann fragte sie: „Effektiv?“
„Durchaus“, erwiderte Josef und sie sah ihn an. Er schmunzelte doch tatsächlich.


22. November 1989, 20.18 Uhr

Die Zeit veröffentlicht einen Artikel über den Tod des libanesischen Präsidenten René Moawad. In diesem heißt es, dass bei dem Attentat mit einer zweihundertfünfzig Kilogramm Sprengfalle nicht nur der Präsident, sondern zusätzlich dreiundzwanzig Menschen ums Leben kamen. Die Hoffnung auf den Frieden, den Moawad dem Libanon hätte bringen können, sei mit ihm gestorben.
Bei dem Attentat wurde sein Wagen in zwei Stücke gerissen. Außerdem zerstörte der Sprengsatz zwei Wände in dem Gebäude, in dem er angebracht worden war. Die Täter bleiben unbekannt und es werden keine Ermittlungen eingeleitet.

Bis heute ist nicht klar, wer Moawad nach nur siebzehn Tagen im Amt ermordete.


Anmerkung: Hier ist der angekündigte Schwester-OS zu Gewissensbisse, in dem es auch um die anderen Winter Soldiers geht. Ein weiterer Aspekt also, über den ich mir mal Gedanken machen wollte. Was sagt ihr dazu?
LG, Erzaehlerstimme




* Über den verhängnisvollen 22. November 1963 habe ich auch schon eine Kurzgeschichte geschrieben. Wer Lust hat, kann ja mal vorbeischauen. :)
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