Arcadia Bay

von Caligula
GeschichteMystery, Freundschaft / P16
Chloe Price Mark Jefferson Maxine Caulfield Nathan Prescott Rachel Amber
12.08.2017
27.03.2020
20
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01.02.2020 2.099
 
Kapitel 19 – Verbrannte Erde

Max hasste es, auf diese Weise zu sich zu kommen – abrupt, hektisch, panisch, mit dem widerlichen Gefühl, dass ihr Herz vor unkontrolliertem Rasen aus dem Brustkorb sprang. Und doch widerfuhr es ihr zum wiederholten Mal. Sie schreckte mit der unangenehmen Gewissheit, dass etwas nicht stimmte, aus dem Schlaf und aus ihrem Bett hoch. Sie erinnerte sich, dass sie sich nur ein wenig hatte ausruhen wollen und wollte für einen Augenblick glauben, dass die vorangeschrittene Zeit ihr Herzrasen auslöste. Doch es war nicht die Uhrzeit, die ihr eine Gänsehaut bescherte. Es war Rachel Amber. Rachel Amber, die in ihrem Zimmer, das in ein auffällig rötliches Licht getaucht war, stand und Max mit undefinierbarer Miene beobachtete.
„Rachel?“, flüsterte Max ängstlich, mit kratziger Stimme. So würdevoll wie es ihre müden, steifen Knochen zuließen, rappelte sie sich auf und räusperte sich so unauffällig wie möglich, um ihre Stimme zu festigen. Rachel antwortete nicht, stand bloß vollkommen deplatziert im Raum und starrte sie an. „Was tust du hier?“, setzte Max lauernd nach. Sie hatte auf eine weitere Begegnung mit dem mysteriösen Mädchen gehofft, nicht jedoch dermaßen von ihm überfallen zu werden. Sie wünschte, sie könnte nach Hilfe, nach Verstärkung rufen, doch wer würde sie hören? Was würde Rachel tun, wenn sie schrie? Würde es irgendetwas nützen? Es misslang ihr, Rachel, von der unleugbar Gefahr ausging, konsequent im Blick zu behalten, denn dieser wurde wie magnetisch von den Fenstern angezogen, durch die ein wahrlich eigentümliches rotes Licht ins Zimmer drang, das nichts mit der Dämmerung zu tun hatte. Vereinzelte pechschwarze Wolken sowie die Silhouetten der umstehenden Bäume zeichneten sich vor einem unnatürlich, knallroten Himmel ab, in dem auffällig viele Vögel zu erkennen waren. „Was ist hier los?“, verlangte Max von ihrem ungebetenen Gast zu wissen.
Rachel ließ sich Zeit, doch wenigstens ließ sie sich diesmal überhaupt zu einer Reaktion herab. „Ich verliere die Geduld, Max“, sagte sie mit abgeklärt ruhiger und kalter Stimme. Drohte ihr. „Folge mir.“ Damit wandte sie sich ab und ging ruhigen Schrittes durch die Zimmertür, die plötzlich offenstand, obwohl Max sich ganz sicher war, dass sie vor einem Moment noch geschlossen gewesen war. Alles in ihr sträubte sich Rachel zu folgen, dazu noch in den stockdunklen Flur des Wohnheims, doch welche Wahl hatte sie schon? Zudem schien dies die einzige Möglichkeit zu sein herauszufinden, was vor sich ging und was um alles in der Welt es mit Rachel Amber auf sich hatte.

Als sie auf den Flur trat, fehlte von Rachel jede Spur. Max konnte sie nicht mehr spüren, geschweige denn sehen. Es brannte keinerlei Licht; die einzigen Lichtquellen bildeten die ebenfalls roten Streifen, die unter den Türen hervorblitzten. Aus jedem Zimmer drangen laute Geräusche; Gespräche, deren Sinn sie nicht verstehen und Musik, deren Rhythmus sie nicht heraushören konnte. Mit einem mulmigen Gefühl blieb Max nach einigen unsicheren Schritten schließlich vor Kates Tür stehen und lauschte. Nichts war zu hören. Lautlos flüsterte Max ihren Namen und legte zaghaft eine Hand an die Tür.
„Ist sie etwa …?“
„Gesprungen?“
Das Herz sackte ihr in die Hose, als Rachels Stimme dicht an ihrem Ohr erklang. Max machte einen Satz zur Seite, doch konnte nur hoffen, dass sie ein wenig Abstand gewonnen hatte, da sie das Mädchen nach wie vor nicht in der Finsternis sehen konnte.
Max nahm allen Mut zusammen, schluckte und griff nach der Türklinke, nur um festzustellen, dass die Tür verschlossen war. Im nächsten Augenblick lenkte die Tür zum Treppenhaus mit einem geräuschvollen Aufschwingen ihre Aufmerksamkeit auf sich. Das grelle, grüne Notausgangschild flackerte wie ein Wegweiser und Max fügte sich in ihr Schicksal.
Ihrem Instinkt folgend, verließ sie das Wohnheim und stockte noch ehe sie die Stufen auf den Hof hinabgestiegen war. Unmittelbar vor den Stufen zeichnete sich eine, im roten Licht des Himmels dunkle, hässliche Blutlache ab.
„Nein ...“, wisperte Max entsetzt. „Kate … das ist nicht möglich!“
„Sie sollte springen.“
„Nein!“
Entschieden schüttelte Max den Kopf und unwillkürlich sammelten sich Tränen in ihren Augen, wenn sie nur daran dachte. Kate auf diesem Dach. Kate in all ihrer Verzweiflung. Kates Körper, der wie ein Sack in die Tiefe stürzte. Das hier konnte nicht real sein. Sie hatte doch vor wenigen Stunden - waren es Stunden? - mit Kate gesprochen. „Nein“, redete sie sich selbst gut zu. „Ich habe Kate gerettet.“ Sie sprach mit fester Stimme und fügte mit einem leise drohenden Unterton hinzu: „Und ich würde es wieder und wieder tun.“ Möglicherweise war es dumm, Rachel mit Drohungen zu provozieren, doch in diesem Moment waren ihr die möglichen Konsequenzen egal.
Und Rachel ließ sich nicht beeindrucken. Als Max sich zu ihr umdrehte, stand sie schon nicht mehr neben ihr. Max entdeckte sie gerade noch, ehe sie hinterm Gebäude in Richtung des Parkplatzes verschwand. Unsicher sah Max sich um; die Bäume rings um das Gelände waren kaum mehr als schwarze, groteske Schatten vor einem blutroten Hintergrund. War das eine Vision? Das hier konnte doch unmöglich irgendeine Realität sein.
Sie folgte Rachel über das scheinbar verlassene Gelände, doch wenngleich sie keine Menschenseele sehen konnte, so hörte sie doch Leute in der Ferne. Ein Summen vom Gebäude her; Stimmen die vom Footballfeld herüberwehten, ganz so als herrsche der übliche Betrieb. Schlimmer als die nicht nachvollziehbaren Geräusche war allerdings das stechende Gefühl, permanent von unsichtbaren Augen beobachtet zu werden.
Als hätte Rachel auf sie gewartet, konnte Max ihr wallendes, blondes Haar gerade noch hinter einer weiteren Ecke verschwinden sehen. Die Spur führte sie zum Hauptgebäude, in dem das beständige Summen dutzender Schüler zwischen zwei Kursen in der Luft lag, wenngleich die Flure wie ausgestorben dalagen. Auch Rachel war nicht mehr zu sehen, doch die einzige Tür weit und breit, die offenstand, war die, die zu den Mädchentoiletten führte, was Max als weiteren Hinweis deutete und den schicksalhaften Raum betrat.
Ein besonders beklemmendes Gefühl schnürte ihr die Brust zu. Noch mehr Bilder, die sie für immer aus ihrem Kopf verbannen wollte. Rachel erwartete sie bereits und stand vor einer weiteren Blutlache. Ihr düsterer Blick verriet ihre Gedanken. Auch Chloe hätte sterben sollen. Max hielt ihrem Blick entschlossen stand. „Auch Chloe hätte sterben sollen“, bestätigte Rachel ihre grausamen Gedanken. Max biss sich auf die Lippe und verkniff sich eine Erwiderung. Noch immer schockierte es sie, wie kalt Rachel von ihrer sogenannten Freundin sprach und ihr Verdacht, dass es sich bei ihrem Gegenüber unmöglich um das von allen geliebte und vermisste Mädchen handeln konnte, erhärtete sich hartnäckig. Und wenn sie sich in dieser bizarren Welt umsah, wuchs auch ihre Überzeugung, dass dieses Mädchen mit dem Gesicht von Rachel unmöglich ein Mensch sein konnte.
Sie zuckte erschrocken zurück, als Rachel sich in Bewegung setzte und Max passierte, um den Raum wieder zu verlassen. Max folgte ihr schweigend.
Es überraschte Max, dass sie diesmal das Schulgelände hinter sich ließen und es machte ihr Angst, dass sich die gesamte Stadt ebenso bizarr und abnormal präsentierte. Dass mit ihrer Wahrnehmung etwas nicht stimmte, wurde ihr zunehmend bewusst, als sie ganze Streckenabschnitte in einem einzigen, unbedachten Wimpernschlag einfach hinter sich ließen. Die Zeit verging wie im Flug und ehe Max sich versah erreichten sie das Two Whales Diner. Einmal mehr konnte sie die Geschäftigkeit der Kleinstadt hören; verschiedene Stimmen sowie das Rauschen vorbeifahrender Autos – doch die Straßen und Fenster blieben auch hier scheinbar leer. Max versuchte sich nicht mehr von dieser Absurdität beeindrucken zu lassen und es einfach als gegeben hinzunehmen. Es ist nicht real, redete sie sich im Stillen permanent ein. Eine Vision, ein Traum, irgendwas.
Sie keuchte hektisch auf, als ein böse stechender Schmerz durch ihren Kopf zuckte; so intensiv, dass sie die Augen schließen musste und die Hand gegen ihre Schläfe drückte. Als sie die Augen für wenige Sekunden wieder öffnete, hatte sich die Welt um sie herum verändert. Das Diner lag in Trümmern, so wie alle Gebäude in der Umgebung Spuren der Zerstörung aufwiesen. Strommasten, Laternen und Fahrzeuge lagen verstreut wie in einem unaufgeräumten Kinderzimmer. Alles war in tristes Grau gehüllt. Der Sturm. Nur eine Sekunde später waren all das Chaos und die Zerstörung wieder verschwunden, ebenso wie Max' Kopfschmerzen. Noch zweimal ereilte sie der Übelkeit erregende Schmerz stoßweise und zeigte ihr für flüchtige Augenblicke die Katastrophe, die die Stadt ereilen würde, sollte sie scheitern und mit jedem weiteren Bild nahm Max mehr grausame Details dieser schrecklichen Zukunftsvision wahr. Rauch, Feuer, Blut, leblose Körper, grotesk verdrehte Körper. Beide Hände fest an die Schläfen gepresst hielt sie die Augen geschlossen. Was wollte Rachel damit erreichen? Wollte sie sie mürbe machen? Max versuchte bewusst zu atmen und sich zu konzentrieren. Es ist nicht real. Das alles wird niemals Realität werden. Rachel kann dir nichts tun.
Als sie die Augen wieder öffnete, hatte nicht nur der Schmerz endgültig nachgelassen, sondern sich auch die Szenerie um sie herum wieder verändert. Statt mitten im Stadtzentrum stand sie nun vor dem Leuchtturm, der über die Stadt wachte, umgeben von den schwarzen Silhouetten der Bäume. Rachel, die konstant einige Schritte vor Max hergegangen war, ganz egal wie sehr diese versucht hatte sie einzuholen, war stehengeblieben und drehte sich langsam zu ihr um. Eine Gänsehaut überlief Max' Arme und Rücken und sie erinnerte sich unangenehm an ihre letzte Vision, in der sie Rachel genau hier ebenfalls gegenübergestanden hatte. Alle Wege schienen zum Leuchtturm zu führen. Hier hatte es begonnen.

„Und hier endet es.“

Rachels Stimme war kalt, bedrohlich und vor allem beängstigend entschlossen. Die Bedeutung ihrer Worte war nicht misszuverstehen und Max wappnete sich für irgendeine Art von Angriff.
„Sie alle hätten sterben sollen“, erklärte Rachel bestimmt, geradezu vorwurfsvoll und anklagend; vollkommen von der Richtigkeit ihrer Aussage überzeugt. „Du musst verschwinden, Max.“

Auf ihr Stichwort hin ertönte das Kreischen von dutzenden Raben, die sich mit flatternden Flügelschlag aus den dunklen Baumwipfeln erhoben und den blutroten Himmel verdüsterten. Verängstigt hob Max schützend die Arme, sobald sich die Tiere in all ihrer Masse auf sie niederstürzten. Doch der erwartete Schmerz blieb aus. Stattdessen fror Max plötzlich. Sie wagte wieder hinzuschauen und fand sich in einem Schneesturm wieder, der unerbittlich an ihr zerrte. Wie in ihrer letzten Version hörte sie mehrere Stimmen und Schreie. Wütende Stimmen und verzweifelte Schreie. Eine Frau kreischte markerschütternd, während auf Max' anderem Ohr das angestrengte Keuchen und Schnaufen eines Mannes stetig lauter wurde, bis sie glaubte, die Person müsse unmittelbar neben ihr stehen. Doch da war kein Mensch. Um sie herum lagen Wale, wie gestrandet. Im Himmel zeichneten sich zwei Monde ab?
Max wagte kaum noch zu blinzeln und konnte die vielen Sinneseindrücke, die mit brutaler Wucht auf sie hernieder prasselten, kaum verarbeiten. Sie wollte endlich aus diesem Alptraum erwachen! Sie erkannte die Vorzeichen der nahenden Katastrophe; sie hatte sie in den letzten Tagen - oder waren es Wochen? - bereits beobachten können und sie hatte Angst davor herauszufinden, was als Nächstes passieren könnte. Vor allem, weil sie sich längst nicht mehr sicher war, ob Rachel ihr wirklich nichts tun konnte.
Die Schreie wurden lauter, penetranter, vermischten sich zu einem unerträglichen Lärm. Andere Geräusche ließen auf einen Kampf schließen. Dumpfe Aufschläge und Reissen.  Dann der eindeutige Ton von Schüssen, der Max das Blut in den Adern gefrieren ließ. Wann immer sie blinzelte, sah sie Körper, die schwer zu Boden fielen. Noch mehr Schüssen folgten noch mehr stürzende Körper. Max keuchte auf, als sie Chloe erkannte, die leblos zu Boden ging. Kate ereilte das gleiche Schicksal.
Es war nicht real! Es konnte nicht real sein! Doch ihre Angst und aufkommende Panik war es ohne jeden Zweifel. Und Rachel, die dicht vor ihr stand, war es vielleicht auch.

Sie weinte. Sie sah so verzweifelt aus. Als hätte sie selbst Angst.
„Ich wollte doch nur ein ganz normales Mädchen sein“, sagte sie mit zittriger Stimme und sah Max so flehend an, als könne die ihr diesen Herzenswunsch erfüllen, während um sie herum immer noch Chaos, Lärm und Zerstörung tobten. „Doch ich bin immer eine Gefangene geblieben.“
Max wollte nachhaken, was sie meinte, wovon sie sprach, doch kein Ton wollte über ihre Lippen kommen.
„Bitte, hilf mir.“ Eine Träne stahl sich aus ihrem Augenwinkel, rutschte ihre Wange hinab und lenkte Max' Aufmerksamkeit auf den blauen Federohrring, der wild im Wind hin und her peitschte. Langsam breitete sich die intensive Farbe in Max' gesamten Sichtfeld aus; alles verschwamm und vermischte sich mit dem Blau. Panisch wischte sie sich über die Augen, doch es half nichts. Sie konnte nicht mehr klar sehen und Rachel war nur noch eine flehende Stimme.

„Max!“

Sie stockte. Das war nicht Rachels Stimme.
In das Blau mischte sich etwas Helles. Jemand erwiderte Max' Blick.
„Max!“
Chloes Stimme. Erleichterung durchflutete Max. Mit Chloe an ihrer Seite fühlte sie sich gleich viel sicherer.
„Max!“
Dann traf sie ein heftiger Schlag ins Gesicht.
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