Arcadia Bay

von Caligula
GeschichteMystery, Freundschaft / P16
Chloe Price Mark Jefferson Maxine Caulfield Nathan Prescott Rachel Amber
12.08.2017
27.03.2020
20
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Kapitel 17 – Eine andere Zeitreise

Max war nicht stolz darauf, ausgerechnet vor Nathan dermaßen die Fassung verloren und vor ihm geheult zu haben wie das Mädchen, das sie am liebsten sein wollte. Ein einfaches, schwaches Mädchen, dessen größte Sorge es war, ob seine beste Freundin je wieder mit ihm reden würde. Sie wünschte sich ihr altes, unspektakuläres Leben zurück, ohne Superkräfte und ohne die Verantwortung, eine ganze Stadt samt deren Bewohnern zu retten. Sie fühlte sich matt und kraftlos, ausgelaugt und saß wie ein Häufchen Elend auf Nathans Bett. Erst als der Bewohner des Zimmers in den Raum zurückkehrte, hob sie wieder den Kopf. Er reichte ihr eine Dose Cola aus dem Automaten und schob sich mittig ans Kopfende des Betts.
„Danke ...“, nuschelte Max erschöpft.
„Kopf hoch. Chloe kriegt sich schon wieder ein. Die hysterische Bitch tickt eben schnell aus.“
„Diese 'hysterische Bitch' ist meine beste Freundin“, erwiderte Max tadelnd.
„Ich mein's nicht so.“
„Dann sag's nicht so. Chloe hat jedes Recht, mich zu hassen. Ich habe sie in eine Realität gebracht, in der sie damit leben muss, dass ihr Vater vor Jahren gestorben ist. Deine größte Umstellung ist nicht mehr als dass du dich dafür rechtfertigen musst, wieso du mit mir redest.“
„Hm ...“, machte Nathan nachdenklich und schwieg einen Moment. „Ich bin froh, dass ich dich begleiten konnte. Und das zwischen uns alles so bleibt, wie es war. Selbst wenn ich mich dafür rechtfertigen muss.“
Solch ein Zugeständnis wäre vom Nathan dieser Zeitlinie wohl vollkommen undenkbar gewesen, was Max tatsächlich ein leises Lächeln aufs Gesicht zaubern konnte. Es tat gut zu wissen, dass sie nicht alleine war. Auch wenn ihr dieses Wissen nicht bei der Bewältigung des wahren Problems helfen konnte.
Sie zwang sich zu einer aufrechten Sitzhaltung und drehte sich halb zu Nathan um, um ihn ansehen zu können. „Ich hatte so viel erreicht ... Chloes Vater gerettet, Kate gerettet, meine Freundschaft zu Chloe gerettet ... und jetzt habe ich gar nichts mehr. Vor allem habe ich nicht die geringste Ahnung, wie ich sie alle vor dem Tornado beschützen soll. Ich hab das Gefühl, dass alles, was ich getan habe, völlig umsonst gewesen ist! Eine einzige Zeitverschwendung.“ Sie stieß einen frustrierten Seufzer aus.
„Es war nicht umsonst“, widersprach Nathan und sie fragte sich wirklich, woher er seine Zuversicht bezog. „Ich meine, alles hat dich irgendwie wieder an diesen Punkt geführt, oder? Was unterscheidet deine erste Vision vom Sturm von der Letzten?“
Max schloss die Augen und wog überlegend die immer noch verschlossene Getränkedose in den Händen. Sie erinnerte sich an ihre erste Vision, in der sie vollkommen hilflos mitten im Sturm gestanden hatte und mehrfach fast von umherfliegenden Geschossen und Trümmern getroffen worden war. Diesmal schien sie vor ihrer Umwelt irgendwie immun gewesen zu sein. Die einzige Gefahr für sie schien diesmal von Rachel ausgegangen zu sein. Rachel war dort gewesen. Das war vielleicht der entscheidendste Unterschied. Und dann noch die Stimmen, die Max gehört hatte, an deren Worte sie sich jedoch kaum zu erinnern vermochte. Nur daran, dass deutlich der Name 'Prescott' gefallen war.
„Ich denke, deine Familie spielt irgendeine Rolle in dieser Sache“, äußerte sie vorsichtig. Nathan zog so verständnislos die Stirn in Falten wie Max befürchtet hatte. „Ich meine, es muss einen Grund dafür geben, dass ausgerechnet auch du diese Visionen hast und dass dir diese Stadt so zu schaffen macht. Und in meiner letzten Vision vom Sturm habe ich mehrfach den Namen 'Prescott' gehört ...“ Sie stieß geräuschvoll den Atem aus. „Den Prescotts gehört Arcadia Bay quasi. Vielleicht liefert uns das irgendeinen Hinweis?“
„Inwiefern soll uns das helfen?“, entgegnete Nathan skeptisch; sein Bedürfnis, über seine Familie zu sprechen, hielt sich sichtbar in Grenzen.
„Es ist einen Versuch wert. Wie ist dein Vater an das Land gekommen?“
Das Gesicht leidig verzogen, lehnte sich Nathan gegen die Wand in seinem Rücken. „Das Land ist schon seit Generationen im Besitz meiner Familie, so weit ich weiß. Mein Vater selbst ist in Arcadia Bay geboren und aufgewachsen. Er hat das alles bloß von meinen Großeltern übernommen und es stand von seiner Geburt an fest, dass er es eines Tages übernehmen würde. Das weiß ich, weil mein Alter von mir immer dasselbe erwartet hat.“
„Und was genau ist das, was deine Familie macht?“, hakte Max nach.
„Immobilien“, antwortete Nathan schulterzuckend. „Sie kaufen Land und bebauen es mit allem, was gebraucht wird und Gewinn abwirft. Wohnhäuser, Einkaufszentren, Wohnheime für Privatschulen“, zählte er mit Nachdruck auf und ließ vielsagend den Blick durchs Zimmer schweifen. „Mein Vater ist nach seinem Schulabschluss an die Ostküste gegangen und baut das Familienimperium seitdem dort aus, aber gleichzeitig investiert er weiter hier in der Gegend und versucht nach und nach, die ganze verfluchte Stadt in seinen Besitz zu bringen.“ Es war bekannt, dass der alte Prescott in der ganzen Kleinstadt dafür gehasst wurde, dass er sich Arcadia Bay einverleiben wollte und dafür skrupellos über die Leichen der einfachen Arbeiter ging. War Rachel also eine Art Schutzengel für die Stadt, die deren Übernahme durch die Prescotts verhindern wollte, indem sie zuließ, dass ein von höheren Mächten befehligter Tornado die Stadt vorher dem Erdboden gleichmachte? Warum sollte es ausgerechnet Rachels Aufgabe sein, die Stadt zu beschützen? Warum sollte Arcadia Bay lieber von der Landkarte verschwinden, statt unter der Kontrolle eines ehrgeizigen Immobilienhais zu bestehen? Das alles ergab nicht wirklich Sinn.
„Warum Rachel? Gibt es irgendeine Verbindung zwischen Rachel und deiner Familie?“
„Nicht, dass ich wüsste. Rachel stammt nicht aus Arcadia Bay, aber von der Westküste.“
Max horchte neugierig auf. „Sie stammt auch nicht aus Arcadia Bay?“ Damit unterschieden sich Nathan und Rachel von Max, obwohl sie alle drei tiefer in dieser verrückten Sache drinsteckten.
„Nein, sie kommt irgendwo aus Kalifornien. Aber ihre Familie ist schon lange hier. Sie ist hier aufgewachsen.“
„Wieso hat sie dann solch einen Bezug zu dieser Stadt? Bei dir ergibt es irgendwie noch Sinn, wenn man bedenkt, dass deine Wurzeln hier liegen, aber Rachel?“
„Sie wollte immer von hier verschwinden. Davon hat sie immer gesprochen. Vielleicht glaubt sie nur an eine Zukunft außerhalb von Arcadia, wenn Arcadia nicht mehr existiert?“
Verzweifelt raufte sich Max die Haare, erhob sich seufzend und schritt unruhig im Zimmer auf und ab. Es war zum verrückt werden. Nichts was sie tat und nichts was sie in Erfahrung brachte, schien sie ihrem Ziel näher zu bringen. Rachel war ihnen keine Hilfe. Sie wollte, dass der Sturm die Stadt zerstörte. Zu Max hatte sie gesagt, es müsse geschehen. Warum? Und wer hatte die Macht, darüber zu entscheiden?
Die Arme vor der Brust verschränkt blieb sie vorm Fenster stehen und starrte Löcher in das weitgehend verlassene Schulgelände. Sie bekam gar nicht mit, wie Nathan ebenfalls aufstand, wohl aber, dass er plötzlich dicht hinter ihr stand. Sie fühlte sich leicht unwohl mit seiner Nähe, drehte sich halb zu ihm um und sah erwartungsvoll und, wie sie hoffte, unerschrocken zu ihm auf. Ebenso unerschrocken sah er ihr forschend in die Augen und es verging eine halbe Ewigkeit, in der sie bloß da standen und auf irgendetwas warteten. Dann hob er die Hände sachte an ihre Oberarme. Max widerstand tapfer dem Drang zurückzuweichen. So befremdlich die Situation auch war, hatte sie nicht das Gefühl, sich in unmittelbarer Gefahr zu befinden.
„Ich wollte nur sagen ... Danke, Max“, sprach er unerwartet und sie kam nicht umhin, überrascht zu blinzeln. „Du leistest unglaubliche Arbeit und du hast keine Ahnung, wie viel mir das bedeutet.“
„Dir ...?“, hakte sie verdutzt nach.
„Seit ich klein bin, habe ich diese Alpträume und Visionen von dieser verfluchten Stadt und meine eigene Familie hat mich lieber als verrückt abgestempelt, statt mich ernst zu nehmen. Niemand wollte etwas davon wissen oder hören. Aber ich wusste es die ganze Zeit, ich wusste, dass ich nicht verrückt bin. Ich wusste, dass hier etwas nicht stimmt. Du bist die Einzige, die mir glaubt. Und die wirklich auf meiner Seite steht.“
Max wusste nicht, wie sie mit so viel Offenheit von einem Typen, den sie in einem anderen Leben selbst verurteilt hatte, umgehen sollte, doch sie lächelte leicht. Weil es genau dieser Zuspruch war, den sie selbst gerade brauchte. Und ganz gleich, ob sie sich ihn nun als Verbündeten ausgesucht hätte oder nicht, er war in diesem Moment der Mensch, der sie verstand wie kein anderer. Sie konnte eine besondere Verbindung zwischen ihnen spüren.
Kurz huschte sein Blick von ihren Augen zu ihren Lippen und sie wusste genau, was das zu bedeuten hatte. Doch sie war sich unsicher, wie sie darauf reagieren sollte. Einerseits wollte sie ihm ausweichen, einfach weil sie glaubte, das wäre die normalste Reaktion auf solch einen Annäherungsversuch, weil sie keinerlei romantische Gefühle für Nathan hegte. Oder war dieses Gefühl von Verbundenheit ein erster Anflug von romantischen Tendenzen? Musste ein Kuss überhaupt zwangsläufig von Bedeutung sein?
Er war ihrem Gesicht bereits ein beträchtliches Stück nähergekommen und ihre Untätigkeit signalisierte ihm nicht gerade, eine Grenze zu überschreiten. Trotzdem ging er erstaunlich behutsam vor und wich ihren Lippen zunächst aus, um ihr ins Ohr zu flüstern.
„Wenn du es nicht willst, kannst du es einfach ungeschehen machen und mich davon abhalten?“
Das könnte sie, in der Tat. Und schließlich blieb ihr gar nichts anderes mehr übrig, denn diesmal trafen seine Lippen ihre. Er übte sanften Druck aus und sie erwiderte den Kuss zaghaft. Aus verschiedenen Gründen schien das vollkommen absurd; angefangen damit, dass ihr Gegenüber immer noch Nathan Prescott war, bis hin zu der Tatsache, dass ein todbringender Tornado auf dem Weg zu ihnen war und sie immer noch nicht die geringste Ahnung hatten, wie sie die Katastrophe abwenden sollten. Es war zu verlockend sich kurzzeitig in etwas so Belangloses wie einem Kuss zu verlieren.
Doch sie konnte einfach nicht gänzlich loslassen. So viele Leben standen auf dem Spiel - so viele Leben, die für Max von Bedeutung waren. Joyce, Warren, Kate ... Sie musste doch irgendetwas tun.
Ihr Herz machte einen Satz, als sie vor ihrem geistigen Auge Rachel sah, die sie mit einem vorwurfsvollen Blick taxierte. Erschrocken riss Max die Augen auf und ließ die Hände langsam sinken - sie hatte gar nicht mitbekommen, dass sie sie auf Nathans Brust gelegt hatte.
Nathan betrachtete sie skeptisch. „Alles in Ordnung?“, fragte er vorsichtig. „Willst du ...?“
„Ihr Ohrring ...“, murmelte Max leicht neben der Spur und ihr konzentrierter Blick ging ins Leere.
„Was?“
Sie verstand es selbst nicht. Sie hatte Rachel gesehen, doch wie schon in ihrer Vision war ihr Blick kurz wie magnetisch von ihrem blauen Federohrring angezogen worden. Aus ihr unbegreiflichen Gründen musste sie jetzt an dieses winzige Detail denken und suchte verzweifelt nach einer Erklärung, Nathans ungeduldige Nachfragen ignorierend. Sie schob sich an Nathan vorbei, um wieder aus dem Fenster zu sehen und sofort fanden ihre Augen den Tobanga, den sie auch vor wenigen Minuten gesehen hatte. Das Denkmal hatte sie an Rachel und ihren Federohrring denken lassen.
„Was ist da?“, wollte Nathan angespannt wissen, schien allerdings nicht zu erkennen, worauf Max' Aufmerksamkeit gerichtet war.
„Du sagtest, deiner Familie gehört das Land seit Generationen“, fuhr Max fort, ohne den Blick vom Tobanga zu nehmen. „Seit wann genau?“
„Keine Ahnung. So lange es Arcadia Bay eben gibt, denke ich. Wieso? Sprich nicht so in Rätseln!“
„Also haben deine Vorfahren das Land besiedelt?“
„Schätze schon ...“, gab er nur widerwillig zurück, weil sie immer noch keinen Klartext redete. „Und?“
„Und?“ Nun sah sie ihn wieder eindringlich an. „Und was war vorher mit diesem Land? Da draußen steht das Mahnmal. Hier haben Indianer gelebt.“ Unsicher sah Nathan zum Tobanga raus. Max seufzte. „Du magst das für bescheuert halten, aber überleg doch mal. Deine Vorfahren haben den Einheimischen vor Jahrhunderten das Land geraubt. Aus dem Geschichtsunterricht wissen wir, wie diese Begegnungen verlaufen sind. Meistens blutig und zugunsten der Eindringlinge aus der zivilisierten Welt. Was wenn der Fluch, der über Arcadia Bay liegt, seinen Ursprung in der Auseinandersetzung zwischen den Siedlern und den Ureinwohnern hat?“
„Ich halte das gar nicht für bescheuert“, erwiderte Nathan ruhig, sobald Max ihren aufgeregten Redeschwall beendet hatte. „Es klingt gar nicht so weit hergeholt, oder? Fast schon plausibel. Und ...“
„Und?“, hakte Max neugierig nach.
„Es passt ...“ Die Erkenntnis schien ihn regelrecht mitzunehmen. Max hatte den Eindruck, dass er sogar noch etwas blasser geworden war. „Ich meine, es passt vielleicht zu dem ein oder anderen Traum ... eher Alptraum, den ich hatte.“ Alpträume, die ihn als Prescott, Nachfahre der verhassten, machtgierigen Siedler, verfolgten. Sie waren vielleicht wirklich auf der richtigen Spur. Nur wie Rachel in diese Geschichte hinein passte, wollte sich Max noch nicht erschließen. „Ein Indianerfluch ...“, entfuhr es Nathan beinahe ungläubig. „Das ist so ... naheliegend. Wenn man an so einen Spuk glaubt.“
„Nach allem, was ich in den letzten Tagen gesehen habe, glaube ich an so einen Spuk“, erklärte Max resigniert.
„Ich auch“, brummte Nathan. Sein grimmiger Blick lag noch immer auf dem Tobanga. „Das verdammte Ding war mir noch nie geheuer.“
„Aber warum trifft der Zorn der Ureinwohner die Stadt erst jetzt? Ausgerechnet jetzt? Und viel wichtiger, wie können wir ihn aufhalten?“, überlegte Max. Sie konnte in der Zeit zurückspringen und das Unvermeidliche hinauszögern, immer und immer wieder. Aber auf die Dauer war das keine Lösung. Und mehr noch schien sie sich mit jeder Einmischung, durch das Benutzen ihrer Kräfte, mehr und mehr den Zorn Rachels zuzuziehen, der es wichtig war, dass die Ureinwohner ihre Rache bekamen. „Möglicherweise ... ist Rachel ja auch eine Nachfahrin aus dem ursprünglichen Arcadia Bay.“
Nathan machte keinen glücklichen Eindruck über ihre neuste Theorie. Erschöpft ließ er sich wieder aufs Bett sinken und stieß einen tiefen Seufzer aus. „Wie viele Gründe braucht Rachel denn noch, um mich zu hassen und mich tot sehen zu wollen?“ Er stützte die Ellbogen auf den Beinen und hatte die Hände in seinen Haaren vergraben. Er hatte Angst und vermutlich sollte er die auch haben, doch Max kam noch ein weiterer Gedanke.
„Das ist es vielleicht“, stieß sie unangemessen freudig aus.
„Was ist was?“, schnaufte Nathan genervt. Als könne jedes weitere Wort aus ihrem Mund ihn nur noch mehr ins Verderben stürzen.
„Das ist der Stein, der alles ins Rollen gebracht hat. Damals, als du ...“ Sie zögerte; seine Tat war doch schwieriger auszusprechen als sie zunächst angenommen hatte. „... als du Rachel ...“
„Im Dark Room“, übernahm er düster und wusste ganz genau, worauf sie hinaus wollte. Dann schüttelte er den Kopf. „Nein, das kann doch nicht sein, ich meine ... ich hab sie doch nicht ... umgebracht.“ Er brachte das hässliche Wort selbst kaum über die Lippen.
Vorsichtig ließ Max sich neben ihm nieder und rieb nervös über den Stoff ihrer Jeans. „Du warst doch davon überzeugt ...“
„Aber es war doch gar nicht so!“, brauste er auf. „Es war ein Irrtum! Sie lebt doch noch!“
„Tut sie das?“ Nathan betrachtete sie völlig entgeistert. „Ich weiß es nicht, Nathan. Ich weiß nur, dass irgendetwas mit Rachel ganz und gar nicht stimmt. Vielleicht ... ist damals ja doch mehr passiert. Was auch immer Rachel ist, sie ist nicht mehr das Mädchen, das sie einmal gewesen ist ...“
Nathan schnaubte abfällig. „Du kanntest sie doch überhaupt nicht.“
„Ja, stimmt“, gab Max bereitwillig zu. „Aber Chloe kannte sie. Frank kannte sie. Ihre Eltern. Geliebte Menschen, für die sie nicht mehr das Geringste zu empfinden scheint. Mr Jefferson hat sie komplett aufgegeben. Irgendetwas ist in jener Nacht vor einem halben Jahr mit Rachel passiert. Ein Teil von Rachel Amber ist in jener Nacht gestorben“, sagte Max im Brustton der Überzeugung, denn sie hatte nicht den geringsten Zweifel. Vielleicht wollte sie es zu dringend glauben, weil sie endlich das Gefühl hatte, zumindest etwas Licht ins Dunkel gebracht zu haben und dieses Gefühl war nach ihrem katastrophalen Rückschlag Balsam für ihre Seele.
Stille legte sich über den Raum, während der Nathan ganz im stillen Bedauern über sein Schicksal versank und Max die Schatten im Zimmer beobachtete, die mit der langsam untergehenden Sonne wanderten. Ihre Hände fanden die Cola-Dose wieder, die sie auf dem Bett hatte liegen lassen. Inzwischen war sie warm geworden.
„Es war ein langer Tag“, wagte sie schließlich in bedächtigem Tonfall das belastende Schweigen zu brechen. Nathan zeigte keine Reaktion. „Wir sollten es für heute gut sein lassen. Und über die Sache schlafen.“
Stöhnend hob Nathan den Kopf und ließ ihn müde kreisen, bis seine Knochen knackten. „Glaube kaum, dass ich heute Nacht viel Schlaf finden werde. Bei so 'ner Gute-Nacht-Geschichte sind die Alpträume ja schon vorprogrammiert“, brummte er erschöpft.
Nervös spielte Max mit der Dose, überlegte, wog ab und ließ die lähmende Scheu schließlich fahren. „Ich ... kann ja bleiben. Und vertreibe die Alpträume ...“, bot sie an. Sie konnte die Schüchternheit nicht gänzlich aus ihrer Stimme verbannen und wagte nicht, den Blick zu heben, konnte Nathans Blick jedoch auf sich spüren.
„Das würdest du tun?“
„Klar.“ Sie hatte das verrückte Gefühl, es ihm irgendwie schuldig zu sein, nachdem sie die Erinnerung an den schlimmsten Tag seines Lebens so brutal in sein Gedächtnis zurück gezerrt hatte. Davon abgesehen wollte sie die Nacht auch nur ungerne alleine verbringen. Nicht auszuschließen, dass auch sie mit Alpträumen zu kämpfen haben würde.
Sie warf noch einen letzten hoffnungsvollen Blick auf ihr Handy, doch wie zu erwarten hatte Chloe sich nicht mehr gemeldet. Hoffentlich kam sie zurecht. Hoffentlich würden sie alle drei bald wieder ruhig schlafen können.
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