Arcadia Bay

von Caligula
GeschichteMystery, Freundschaft / P16
Chloe Price Mark Jefferson Maxine Caulfield Nathan Prescott Rachel Amber
12.08.2017
27.03.2020
20
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12.08.2017 3.414
 
Kapitel 1 – Alternative Realität

„Hallo? Hörst du überhaupt zu, Maxine?“
Max war urplötzlich hochgeschreckt, als ob sie zuvor weg genickt wäre. Eine lächerliche Vorstellung; immerhin saß sie hier mit ihrer Clique mitten auf dem Hof der Blackwell, um nach dem langen Unterricht etwas zu chillen. Oder nicht? Auf einmal kamen ihr die Menschen um sie herum so seltsam fremd vor. Hayden, Courtney, Nathan, Zach, Logan, Taylor und Victoria, die unmittelbar neben ihr saß und sie besorgt betrachtete. Wieso nur fühlte Max sich zwischen all ihren Freunden plötzlich so fehl am Platz? Was war nur los mit ihr?
„Alles okay?“, hakte Victoria besorgt nach.
„Max...“, sagte sie schließlich zögerlich. „Niemals Maxine...“
„Schon klar“, lachte Victoria verständnisvoll und erheitert. „Du bist mir jetzt aber nicht böse, oder?“
„Max ist so was von high“, ließ Courtney sich amüsiert vernehmen.
„Sie benimmt sich schon verdächtig... Alles okay, Max?“, wollte nun auch Taylor wissen. Je mehr Leute ihr diese verdammte Frage stellten und je mehr fragende und skeptische Blicke sich zu ihr verirrten, desto unwohler wurde Max. Sie wollte nur weg von hier.
„Keiner wollte auf mich hören, als ich sagte, wir sollten sie nicht in den Vortex-Club aufnehmen“, meinte Courtney bloß selbstgefällig.
„Courtney, du willst doch niemanden im Club haben“, stichelte Taylor.
„Was auch immer, Bitch“, gab Courtney lässig zurück. Max wurde es zu viel und sie erhob sich vom Rasen, sammelte sich einen Moment, nuschelte eine Entschuldigung und verließ den verdutzten Kreis der Elite. Sie wusste nicht wohin oder was sie eigentlich vorhatte, sie brauchte einfach ihre Ruhe. Also beschloss sie, ihr Zimmer im Wohnheim aufzusuchen. Als sie den Hof überquerte, kam sie an Stella aus ihrem Fotografiekurs und einem der Wissenschaftsgeeks vorbei, die sich turtelnd in die Augen sahen und Händchen hielten. Irgendetwas störte Max an diesem Bild, aber auch hier konnte sie nicht benennen, was es war. Es war zum verrückt werden. Verlor sie jetzt den Verstand? Noch heute Morgen war alles in Ordnung gewesen und jetzt... nein, sie konnte sich kaum an den Morgen erinnern. Die Erinnerung an den kompletten Tag schien ihr zu fehlen. Welchen Tag hatten sie? Was für Unterricht hatten sie gehabt? Worüber hatten sie sich im Hof unterhalten?
„Scheiße...“ Fluchend hielt Max sich den Kopf. „Was ist denn jetzt los...?“
„Du warst ein böses Mädchen, Max.“
Erschrocken sah Max auf, um den Besitzer der weiblichen Stimme auszumachen. Ein blondes Mädchen stand vor ihr. Ihr langes Haar sowie ein blauer Ohrring, der wie eine Feder aussah, wehten in einer leichten Brise, die Max unnatürlich stark frösteln ließ. Sich die Arme reibend sah sie sich zu allen Seiten um, aber außer ihnen beiden war niemand auf dem Gang zwischen dem Schulhof und dem Wohnheim zu sehen. Die schöne Blonde konnte keine andere Max gemeint haben als sie, aber woher kannte sie sie?
„Kennen wir uns?“, fragte sie skeptisch. Kariertes Hemd, zerrissene Jeans... wer wusste schon, was das für eine war?
„Es fühlt sich so an, oder?“, fragte das Mädchen mit einem mysteriösen Lächeln und Max musste zugeben,  dass sie recht hatte. Das Mädchen schien ihr seltsam vertraut, was ihr diese Begegnung aber nur noch unheimlicher machte und sie wachsam werden ließ.
„Wer bist du?“, verlangte sie zu wissen.
„Es überrascht mich, dass dir deine Freunde gar nichts von mir erzählt haben. Vielleicht sollte es mich nicht überraschen...“ Sie senkte betrübt den Blick. Eine verschmähte Freundin der anderen? Eine, die es trotz aller Bemühungen nicht in den Vortex-Club geschafft hatte, wie Stella? Schließlich hob das Mädchen den Kopf wieder und ein Lächeln zierte ihre Lippen. „Du wirst es schon herausfinden, Sherlock Max. Detektiv zu spielen ist doch deine Spezialität.“
„Was zum...“
Die Blondine drehte sich schwungvoll um und ging, Max' protestierende Rufe ignorierend, davon. Max wollte ihr nach, doch ihr Körper fühlte sich furchtbar schwer an und ihr wurde schwindelig. Stöhnend hob sie die Hand wieder an den Kopf und musste erschrocken feststellen, dass ihre Nase blutete. „Was zum Teufel...“, wisperte sie panisch.
„Max?“
Victoria holte die Freundin mit ihrer Stimme nicht nur zurück in die Realität, die vor Max' Augen zu verschwimmen gedroht hatte, sondern bewahrte sie auch davor zu stürzen. Als auch der letzte Rest Kraft aus ihrem Körper wich, war Victoria zur Stelle, um sie zu stützen. „Max, um Gottes Willen, was ist denn los?“
„Ich... es...“ Wenn sie das nur wüsste! „Irgendetwas stimmt nicht...“, stammelte sie, unsicher, was sie überhaupt sagen wollte.
Victoria runzelte die Stirn und bedachte sie mit einem Blick, als würde sie an Max' Verstand zweifeln. Gut, da war sie wohl nicht die Einzige. „Max... was ist los mit dir? Hast du was genommen?“
„Nein!“, wehrte Max wie aus der Pistole geschossen, ab, kam aber selbst ins Zweifeln. „Ich weiß nicht... ich glaube nicht...“
„Du solltest dich hinlegen. Ich sehe später nach dir.“
„Danke, das sollte ich wohl wirklich“, nahm Max das Angebot der Freundin erschöpft an und konzentrierte sich darauf, wieder eigenständig auf ihren Füßen zu stehen.
„Ich bringe dich noch auf dein Zimmer“, sagte Victoria.
„Schon gut, ich schaff das“, wehrte Max lächelnd ab.
„Bist du sicher...?“
„Ja, ganz sicher. Wir sehen uns nachher, Vic. Wenn ich hoffentlich etwas fitter bin.“

Erschöpft und kraftlos ließ Max sich wenige Minuten später auf ihr Bett fallen und schloss die Augen. Wenigstens hatte sie sich noch an ihre Zimmernummer erinnern können, dann war ja vielleicht doch noch nicht Hopfen und Malz verloren. Aber auch der Umgang mit Victoria hatte sich seltsam angefühlt, als ob irgendetwas nicht stimmen würde. Als ob sie gestritten hätten und Victoria eigentlich kein Wort mit ihr sprach. Und dann dieses seltsame Mädchen, dass ihr bekannt vorkam, obwohl Max hätte schwören können, dass sie es nicht kannte. Was hatte sie mit ihrer sonderbaren Bemerkung gemeint, Max wäre ein böses Mädchen gewesen? Wusste sie irgendetwas über ihr Befinden? Drückende Kopfschmerzen hämmerten gegen ihre rechte Schläfe und ihre Lider wurden so schwer, dass sie sie nicht mehr öffnen konnte. Erholsamer Schlaf. Das war genau das, was sie jetzt brauchte. Und wenn sie wieder aufwachte, würde sie wieder ganz auf der Höhe sein...

Schweißgebadet schreckte sie wieder aus dem Schlaf hoch, der alles andere als erholsam gewesen war. Sie hatte von einem Sturm geträumt; ein riesiger Tornado, der übers Meer auf die Stadt zugerast war. Er war schon viel zu nahe gewesen, als dass Max hätte fliehen können. Niemand schien mit der Naturgewalt gerechnet zu haben.
„Nein...“, flüsterte sie, während sie sich mit beiden Händen den Kopf hielt. Ein einziger Mensch hatte mit dem Tornado gerechnet. Sie.
Nur langsam sickerte die Erkenntnis in ihren Kopf. Die Visionen von dem Tornado, der Arcadia Bay zerstören würde. Visionen, die sie seit Tagen immer wieder heimsuchten. Die vermisste Rachel Amber. Die Zeitreisen. Prüfend betastete Max ihre Nase und stellte fest, dass sie blutete. „Nicht schon wieder“, zischte sie, erhob sich vom Bett und griff nach einem Taschentuch. Sie hatte es mit ihrer Kraft übertrieben. Was hatte sie zuletzt geändert? Nur langsam erinnerte sie sich.
„William...“ Sie war an jenen verhängnisvollen Tag vor fünf Jahren zurückgereist, an dem Chloes Vater in einem Autounfall hätte sterben sollen. Doch sie hatte es verhindert. Sie hatte seine Wagenschlüssel versteckt und ihn gerettet. Der schreckliche Unfall war nicht passiert und Chloe hatte noch ihren Vater... „Chloe!“
Bei dem Gedanken an ihre beste Freundin hastete Max augenblicklich zur Zimmertür. Was war aus Chloe geworden, wenn ihr Vater nicht gestorben war? Und waren sie in dieser Realität in Kontakt geblieben?  Warum konnte sie sich nicht an die letzten fünf Jahre erinnern? Nicht einmal an die letzten Tage, Stunden. Stöhnend lehnte sie sich gegen die noch geschlossene Tür und spürte, wie ihr Körper zitterte. Was hatte das alles bloß zu bedeuten? Sie zog ihr Handy aus der Hosentasche und stutzte. Seit wann benutzte sie ein iPhone? Doch das war nebensächlich. Eilig ging sie ihre Kontakte durch, auf der Suche nach irgendeinem Hinweis, was aus Chloe und ihr geworden war.
Es schien, als gehöre der gesamte Vortexclub zu Max' Bekanntenkreis.
„Hey, Süße! Geht´s dir schon besser? xoxo Vic“ von Victoria Chase am 09.Oktober 2013.
„Lust auf Two Whales? Ich lad dich ein. Triff mich auf dem Parkplatz“ von Nathan Prescott am 2.Oktober 2013.
„Meine Mom kann´s kaum erwarten, dich kennenzulernen!“ von Taylor Christensen am 27.September 2013.
Kopfschüttelnd versuchte Max, sich keine Gedanken über all diese Nachrichten zu machen und suchte verzweifelt weiter nach ihrer besten Freundin. Wäre ihr anstelle von William irgendetwas zugestoßen, würde sie sich das niemals verzeihen...
Da entdeckte sie sie endlich. Chloe Price. Also waren sie immer noch Freunde, dachte Max erleichtert. Doch die Erleichterung sollte nicht allzu lange anhalten, als sie die letzten ausgetauschten Nachrichten las.
„Wie geht es dir, Chloe? Seit dem Autounfall hab ich nichts mehr von dir gehört. Meld dich doch wieder mal. Ich hoffe, dass wir uns wieder sehen können, wenn ich in Blackwell angenommen werde c; Max“ Sie hatte niemals eine Antwort auf ihre Nachricht erhalten, die bereits knapp ein halbes Jahr alt war.
Oh Gott... welcher Autounfall?, dachte Max und die Panik schnürte ihr die Kehle zu. War der Kelch an William vorbeigezogen und hatte stattdessen Chloe erwischt? Nein, das durfte nicht sein. Sie musste sie sofort sehen!
Eilig verließ sie ihr Zimmer und rannte dabei fast in Alyssa, die erschrocken zurückwich. „Verzeihung“, entschuldigte Max sich hastig und sprintete weiter. Gerade als sie den Flur verlassen wollte, kamen Victoria, Taylor und Courtney herein und sahen sie überrascht an.
„Huch, Max. Fühlst du dich wieder besser?“, wollte Courtney wissen, während Victoria direkt auf sie zukam und nach ihren Armen griff.
„Mensch, Mädchen, du machst vielleicht Sachen! Du hast mir einen richtigen Schrecken eingejagt!“
„Ja, wir haben uns alle voll Sorgen gemacht“, bekräftigte Taylor mit wahrhaftig besorgter Miene. Der Umgang mit Victoria und ihren Schoßhündchen war mehr als irritierend, doch dafür hatte Max keine Zeit.
„Entschuldigt, ich muss dringend wo hin“, sagte sie, befreite sich aus Victorias Griff und lief raus auf den Hof, auf dem alles wie immer schien. Samuel unterhielt sich mit Ms Grant und Zachary und Logan spielten Football. Zum Glück nahmen sie nur kurz schweigend zur Kenntnis, das Max wieder auf der Höhe war und hielten sie nicht weiter auf. Sie gelangte auf den Hof des Hauptgebäudes, auf dem auch noch einiges los war – offenbar war sie nicht allzu lange weg gewesen.

„ACHTUNG!“
Einer der Skater erwischte Max und riss sie mit sich zu Boden. Höhere Mächte statteten sie also mit einem besseren Handy aus, aber ließen ihr ihre Schusseligkeit?  Stöhnend und ätzend richtete sie sich wieder auf, sobald der Junge – Trevor, wie sich herausstellte – von ihr runtergegangen war. Noch während er sich bei ihr entschuldigte, ließ eine andere, weibliche, Stimme, Max aufhorchen.
„Nun sieh mal einer an, wen du da flachgelegt hast. Maxine Caulfield, die den weiten Weg von Seattle aus gemacht hat, um uns mit ihrer Anwesenheit zu beehren.“
Vor ihr stand Chloe. Unversehrt, mit blau gefärbten Haaren, zerrissenen Jeans und Kaugummi schmatzend, die Arme trotzig vor dem Körper verschränkt. Sie war am Leben und sie war ganz sie selbst.
„Chloe! Oh mein Gott, du lebst!“, rief Max erleichtert aus, wobei es ihr ganz egal war, dass Chloes Skaterfreunde sie irritiert musterten und wahrscheinlich für verrückt hielten.
Chloe runzelte die Stirn. „Wieso sollte ich nicht leben?“, fragte sie verständnislos. „Du übertreibst maßlos. Nur weil ich nicht mit dir rede, bin ich noch nicht tot.“
„Du hast ja keine Ahnung, Chloe. Du hattest schon so viele Gelegenheiten zu sterben... Ich bin so froh, dass es nicht passiert ist.“
„Ts, unter die Philosophen gegangen, Caulfield?“
„Was?“ Erst jetzt wurde ihr bewusst, wie viel Ablehnung, regelrechte Verachtung, Chloe ihr entgegenbrachte. Sie mochte gesund und wohlbehalten sein, aber ihr Verhältnis schien trotz allem nicht das Beste zu sein. Wie hatte das bloß passieren können? Was war nicht passiert, dass sich die beiden besten Freunde dermaßen entfremdet hatten? „Chloe, ich... wir sind doch Freunde.“
„Wir waren mal Freunde, aber das ist inzwischen lange her“, wehrte Chloe gleichgültig ab. „Sieh dich doch bloß mal an, was aus dir geworden ist. Du hast dich sehr verändert, Max. Nicht unbedingt zu deinem Vorteil.“
„Nein, ich...“ Sie sah tatsächlich an sich herunter und einmal mehr fielen ihr die für sie so untypischen Klamotten auf. Ein Designerjäckchen wie Victoria sie gerne trug. „Das bin nicht ich, das...“ Wie sollte sie sich bloß erklären? Die Gruppe würde erst recht an ihrem Verstand zweifeln und niemand würde ihr glauben. Niemand. Auch nicht Chloe. „Chloe, hör zu. Es sind ein paar echt schräge Sachen passiert...“
„Zum Beispiel, dass mit dem größten Arschloch in ganz Arcadia Bay unter einer Decke steckst?“
„Bitte, ich... können wir irgendwo ungestört reden?“
„Kein Interesse.“
„Bitte. Gib mir nur zehn Minuten. Bitte, Chloe. Es ist wichtig.“
Chloe hielt ihrem flehenden Blick stand und schien zu überlegen. Der alten Zeiten willen, gab sie jedoch nach einer quälenden Minute seufzend ihr Einverständnis. „Schön, meinetwegen. Ich höre mir an, was du so Wichtiges zu sagen hast, aber glaub nicht, dass uns das wieder zu Freunden macht.“
„Ich danke dir, Chloe.“

Mürrisch führte Chloe Max zum Parkplatz und stieg in ihren Wagen ein. Den gesamten Weg über hatte sie kein Wort gesagt oder sich auch nur einmal zu ihr umgedreht. Immer noch hatte sie ablehnend die Arme vorm Körper verschränkt und Max wurde fast schlecht angesichts ihrer Verachtung. Was genau hatte sie ihr bloß getan? Aber das würde sie schon noch rausfinden, wenn sie Chloe nur erst wieder eingeweiht hätte. Max nahm auf dem Beifahrersitz Platz und beobachtete Chloe, die aus zusammengekniffenen Augen durch die Windschutzscheibe in den benachbarten Wald starrte.
„Also, was willst du? Du hast noch acht Minuten“, sagte sie kalt.
„Warum... hasst du mich?“, wollte Max verletzt wissen.
„Ich hasse dich nicht, nimm dich nicht so wichtig“, erwiderte Chloe, wobei sie die ehemalige Freundin noch immer keines Blickes würdigte. „Mir gefällt einfach nicht, was aus dir geworden ist.“
„Was ist denn aus mir geworden?“
„Eine verwöhnte kleine Bitch, wie Victoria Chase und all die anderen reichen Blackwell-Pisser“, spie sie so verächtlich aus, dass es Max' Herzen einen Stich versetzte. Wortlos zückte sie ihr Handy und ging einmal mehr ihre Nachrichten durch. Da waren nicht nur diese seltsam freundschaftlichen Gespräche mit den Vortex-Kids; da waren auch Nachrichten von und an ihre Eltern, in denen es fast immer um Geld ging. Geld, das Max forderte. Streits um zu hohe Beträge, die von irgendwelchen Kreditkarten abgebucht worden waren. Seufzend lehnte sie den Kopf zurück und schloss die Augen. Es war genau wie Chloe sagte. Aus dem liebenswerten Hipster war ein Modepüppchen geworden.
„Du hast recht...“, stöhnte sie frustriert.
„Was denn, kann Nathan es dir nicht mehr besorgen oder warum trauerst du jetzt deinen alten Freunden nach?“, ätzte Chloe mitleidslos.
„Ich... es ist schwer zu erklären und du wirst mich möglicherweise für verrückt erklären“, begann Max zögerlich und verstaute das Handy wieder in ihrer Tasche. „Chloe. Ich kann in der Zeit reisen.“
Chloe betrachtete sie mit argwöhnisch zusammengekniffenen Augen. „Muss echt hartes Zeug sein, das ihr euch bei euren kleinen Partys reinpfeift... Würdest du jetzt bitte meinen Wagen verlassen?“
„Nein, Chloe, hör zu. Ich weiß, das klingt vollkommen verrückt, aber ich sage die Wahrheit! Und ich erzähle sie dir, weil du der einzige Mensch auf der Welt bist, der mir glauben wird.“
„Wieso sollte ich diesen Unsinn glauben?“
„Ich sage die Wahrheit“, beharrte Max. „Ich kam zurück nach Arcadia Bay, um die Blackwell Academy zu besuchen und sah, wie du von Nathan Prescott auf dem Mädchenklo erschossen wurdest. Doch ich konnte die Zeit zurückdrehen und es verhindern. Du lebtest und gemeinsam haben wir nach deiner vermissten Freundin Rachel gesucht. Dann bekam ich dieses Foto von deiner Mutter und konnte mit dessen Hilfe ins Jahr 2008 zurückreisen, wo ich... etwas Entscheidendes verändert habe... Jetzt bin ich wieder hier und trage diese furchtbaren Klamotten und hänge mit diesen Leuten ab, die mich in der anderen Realität nicht einmal mit dem Arsch angeguckt haben. Verstehst du? Ich war, ich bin ein ganz anderer Mensch. Ich kann mich an die letzten fünf Jahre nicht erinnern. Ich habe keine Ahnung, wie ich... das hier werden konnte.“ Sie zupfte an ihrer violetten Jacke. „Und ich hab keine Ahnung, wie ich dich so enttäuschen konnte, dass du nichts mehr mit mir zu tun haben willst. Du bist der wichtigste Mensch in meinem Leben, Chloe...“
„Du bist komplett gestört, Max“, meinte Chloe und ein Hauch Unbehagen schwang in ihrer Stimme mit.
„Es tut mir leid, ich verwirre dich... Pass auf, ich kann in der Zeit reisen. Und ich komme aus einem Paralleluniversum. In diesem Universum haben wir am Mittwoch, dem neunten Oktober, nach Hinweisen bezüglich Rachel gesucht. Wir sind in Franks RV eingebrochen. Wie könnte ich von Frank wissen, wenn es nicht so wäre?“
„Dass du einen stadtbekannten Drogendealer kennst soll ein Beweis dafür sein, dass du in der Zeit reisen kannst? Du hast sie wirklich nicht mehr alle!“
„Chloe, bitte, ich will dir keine Angst machen. Lass es mich richtig beweisen. Auf dieselbe Art und Weise, wie ich es dir in der anderen Realität bewiesen habe.“ Sie griff nach vorne und öffnete, Chloes Proteste ignorierend, das Handschuhfach, um dessen Inhalt in Augenschein zu nehmen. Sorgfältig merkte sie sich alles, was sie sah und schloss das Fach wieder.
„Was soll da-“, setzte Chloe schon an, als Max die Hand ausstreckte und die Zeit zurückspulte, bis zu dem Moment kurz bevor sie das Handschuhfach geöffnet hatte.
„Lass es mich richtig beweisen. Auf dieselbe Art und Weise, wie ich es dir in der anderen Realität bewiesen habe“, wiederholte sie und sah der Freundin fest in die Augen. Ich werde dir bis ins kleinste Detail sagen, was sich in deinem Handschuhfach befindet. Du weißt, dass ich das nicht wissen kann. Es sei denn, ich hätte einen Blick hineingeworfen und die Zeit zurückgedreht.“
„Ich will einfach, dass du aussteigst, Max. Du fängst an, mir Angst zu machen.“
„Ein leere Plastikflasche. Null Komma fünf Liter, Cola. Ein schwarz-weiß kariertes Halstuch. Zwei Streifen Kaugummi, silberne Verpackung, die Marke lässt sich so nicht bestimmen. Und ein Strafzettel vom neunzehnten September.“
Sie konnte sehen, dass Chloe tatsächlich beeindruckt war, wenn sie auch mit sich kämpfte, weiter die Coole zu spielen. Genervt griff sie zu Max rüber und öffnete das Fach um ihre Aussage zu überprüfen und Entsetzen schlich sich auf ihr Gesicht. „Scheiße...“, flüsterte sie. Eine Gänsehaut überzog ihren Arm. „Woher wusstest du das?“
„Ich hab es dir gesagt.“
„Nein. Nein, nein, nein, unmöglich! So etwas wie Zeitreisen gibt es nicht! Es muss irgendein Trick sein!“
„Dann gehe ich einen Schritt weiter“, erklärte Max selbstbewusst. „Ich sage die Ereignisse der nächsten paar Minuten voraus.“ In der Gewissheit, Chloes Neugier geweckt zu haben, stieg sie aus dem Auto und sah sich auf dem Parkplatz um. Es war nicht der günstigste Ort für spannende Vorhersagen und sie überlegte gerade, auf den Hof zurückzugehen, wo sie mehr Action erwartete, als Stella auf den Parkplatz kam. In ihr Handy vertieft bemerkte sie Max und Chloe gar nicht und trabte zu ihrem Wagen, in den sie einstieg und einen Joint anzündete. Ob Warren davon wusste? Dann erschrak Max, als urplötzlich ein Vogel gegen die Mauern der Schwimmhalle knallte und tot zu Boden stürzte; einen blutigen Fleck auf den roten Backsteinen hinterlassend.
„Hier auch...?“, murmelte Max verstört. Oder war es bloß Zufall gewesen?
„Worauf genau warten wir hier, Max?“, riss Chloe sie wieder aus ihren Gedanken und Max bemühte sich, sich darauf zu konzentrieren, zurückzuspulen. Dann räusperte sie sich.
„Aufgepasst. Stella, ein Mädchen mit schwarzen Haaren und Brille, kommt gleich und setzt sich in ihr Auto, um zu kiffen. Sie wird nicht einmal zu uns rüber sehen, sie ist mit ihrem Handy beschäftigt. Wenn sie im Auto sitzt... fliegt ein Vogel dort gegen die Wand des Gebäudes... und überlebt den Aufprall nicht.“ Der Vogel bereitete Max noch immer Sorgen und machte ihr Angst. Doch da kam Stella auch schon die Stufen herunter und schlenderte an ihnen vorbei, auf direktem Weg in ihren Wagen, wo sie den Joint rauchte. Darauf folgte der Tod des Vogels.
„Ich... ich weiß gar nicht was ich sagen soll...“, stotterte Chloe. Ihr fassungsloser Blick glitt zwischen Max und dem toten Tier hin und her. „Wie hast du...?“
„Zeitreisen. Ich weiß nicht wie, nur dass ich diese Kraft besitze...“
„Das ist total verrückt!“ Langsam vertrieb die Begeisterung die Angst und es war fast schon so wie früher mit Chloe. „Okay, Caulfield, wir haben immer noch viel Redebedarf“, stellte Chloe streng klar, ehe sich ein leichtes Lächeln auf ihre Lippen schlich. „Aber du hast dir gerade ein paar Minuten mehr Zeit gesichert.“
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