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Make a Wish

Kurzbeschreibung
OneshotSchmerz/Trost / P12 / Gen
OC (Own Character)
11.08.2017
11.08.2017
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4.674
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11.08.2017 4.674
 
Hey, endlich habe ich es geschafft diese Idee niederzuschreiben. Ich hoffe dieser Oneshot gefällt euch, wenn ja lasst gerne ein Review da, und wenn nicht bin ich immer offen für konstruktive Kritik. Lasst mich wissen wie ihr sie findet es hilft mir sehr :)
Außerdem lässt sich hier (wie in eigentlich alle meinen Stories) Slash zwischen den Zeilen lesen, wenn man will. Ich Schippe die zwei definitiv und überlege eine längere Geschichte zu ihnen zu schreiben. Ich will euch nicht länger aufhalten also viel Spaß!

Call of Duty Modern Warfare und seine Charaktere gehören mir nicht. Die Idee und meine Charaktere schon.


Make a wish

Ihre Hand strich eine blonde Strähne aus seinem Gesicht. Er sah sie aus großen Augen an. Sie schenkte ihm ein Lächeln, das nur eine Mutter ihrem Kind geben konnte. Ihr Herz brach ein kleines Stück mehr als er beim plötzlichen Brüllen aus dem Untergeschoss zusammenzuckte. Sie zog ihrem Sohn die Decke bis zum Kinn und strich sie glatt.

Lächelnd drehte sie sich zum Nachttisch und zog ein Päckchen mit Streichhölzern aus ihrer liebsten Strickjacke. Mit einem Zischen erleuchtete die kleine Flamme das dunkle Zimmer und ließ die großen Augen des kleinen Jungen wie Sterne glänzen. Ruhig nahm sie den liebevollverzierten Muffin und hielt ihn vor sein Gesicht. Nur sie sah er an, als sie in ihrer Engelsstimme anfing zu summen und leise zu singen.

Happy Birthday to you,
Glass brach in einem anderen Raum.
Happy Birthday to you,
Scheußliche Worte hallten durch die Flure.
Happy Birthday, mein kleiner Engel,
Das Fluchen kam näher.
Happy Birthday to you. Wünsch dir was.

Sein Blick fiel auf die einsame Flamme, bevor er seine Augen zu presste und seinen Wunsch lautlos flüsterte. Grün traf auf Gold als er hoffnungsvoll aufblickte. Seine Ohren waren taub für das Geschrei seines Vater, in seiner Nase lag der Geruch von Wachs und Schokolade und in seinen Augen loderte das Feuer.

Er würde seinen Wunsch nicht aussprechen. Er war zu wichtig um nicht in Erfüllung zu gehen. Mit kindlicher Hoffnung atmete er tief ein und blies die Kerze, mit seinem einzigen Wunsch fest in Gedanken, aus. Sie teilten sich den Muffin und aßen in Dunkelheit.

„Hey, Archer! Warte mal!“ hinter mir konnte ich Roachs immer heitere Stimme hören. Innerlich musste ich seufzen. Ich hatte den Kleinen wirklich gern, so wie jeder hier, aber gerade wollte ich nur meine Ruhe haben. Er holte mich ein und strahlte über sein ganzes jugendliches Gesicht. Ich bekam ein schlechtes Gewissen und zwang mich zu einem müden Lächeln: „Was gibt’s, Bug?“ Liebevoll benutzte ich den Kosenamen, den ihm Ghost vor einigen Monaten gegeben hatte.

Seine Augen glänzten aufgeregt, als er zu seinem Satz ansetzte und bei dem Anblick wurde mir warm ums Herz. Er hatte das Kind in sich bewahrt und war so gut wie immer ein wahrer Sonnenschein. Als er sich uns anschloss, war er noch 19 gewesen. Erst waren die meisten hier skeptisch, schließlich wollte keiner ein Kind im Team haben aber er stellte sich früh als fähiger Soldat, guter Freund und sogar als ein kleiner Lichtblick heraus, wenn hier alle eine scheiß Zeit hatten.

Er war ein Optimist durch und durch. „Soap hat uns für den Rest des Tages und für das Wochenende freigegeben! Wir sollen tagsüber nur auf dem Stützpunkt bleiben. Abends  aber können wir machen was wir wollen. Die Jungs gehen feiern. Du kommst doch mit, oder? Der Captain und der Lieutenant halten solange hier die Stellung, haben sie gesagt. Als ob nicht jeder hier eh weiß, was die beiden treiben, wenn sie alleine sind und „die Stellung halten“. Eh wo war ich? Ach ja!

Du musst mitkommen. Wir gehen in diesen neuen Club, den Meat gefunden hat. Wird bestimmt lustig. Also, bist du dabei? Bitte sag ja. Biiitte“, er war ganz aufgeregt. Ich lachte leise: „Ich überleg’s mir, OK?“ Er grinste mich breit an und boxte mir kurz brüderlich in die Schulter bevor er sich umdrehte und den Gang zurück lief. Gerade als auch ich meinen Weg fortsetzten wollte, hörte ich seine Stimme, die mir noch flüchtig etwas zurief: „Ach und da ist ein Paket für dich gekommen!“ Ich erstarrte.

Ein undefinierbares Gefühl breitete sich in meiner Magengegend aus. Es war schon wieder ein Jahr vergangen. Ich schluckte und flüsterte einen Dank an Roach, welchen er natürlich nicht mehr hörte.

Eigentlich wollte ich in mein Zimmer, welches ich mir mit Toad teilte, aber jetzt musste ich wohl zuerst ins Postamt. Meine Beine fühlten sich schwer an, als ich unser Hauptgebäude verließ und über den Stützpunkt zur Verwaltung lief. Es war ein kurzer Weg von etwa 5 Minuten aber er kam mir vor wie ein Marsch von 5 Stunden. Ich hatte gehofft, dass es dieses Jahr einfacher werden würde, dass es endlich normal werden würde, aber es war nicht anders als im letzten Jahr.

Natürlich freute ich mich auf mein Päckchen aber diese Freude wurde immer von einer gewissen Wehmut begleitet. Der Gedanke an mein Päckchen wärmte mir das Herz, versetzte mir aber auch gleichzeitig einen Stich. Mittlerweile hatte ich es zu dem vierstöckigen Gebäude, welches hier unsere Verwaltung repräsentierte, geschafft. Hier war unter anderem unsere Postzentrale.

Schwungvoll stieß ich die große Eingangstür auf und ging an der Rezeption vorbei zum Postbüro. Hier und da wurde ich von Soldaten begrüß, was ich freundlich erwiderte. Nach nur wenigen Momenten hatte ich mein Ziel erreicht und ging ohne Umwege an den Tresen. Ich musste nicht lange warten und da kam schon ein junger Soldat mit einem Klemmbrett in der Hand aus dem Lager und lächelte mich freundlich an. Auch ich lächelte: „Hey, Mark, wie geht’s? Viel zu tun?“

Ich schlug ihm ein lehnte mich dann gegen den Tresen. „Hey, Archer. Mir geht es super wie immer. Hier ist es relativ ruhig. Habe gerade ein paar Briefe angenommen und ein paar andere einsortiert. Manchmal frage ich mich wirklich warum sich die Leute sich nicht einfach E-Mails schreiben. Sind doch viel schneller da und ich müsste den ganzen Kram hier nicht rumsortieren.

Wie auch immer, wie läuft’s bei der 141, huh? Ist Chemo wieder auf den Beinen? Der hat mir einen richtigen Schrecken eingejagt. Dachte schon wir müssten wieder einen von unseren Jungs in einer Kiste nach Hause schicken, verdammt“, auch er lehnte gegenüber von mir mit der Hüfte am Tresen. Ich nickte und antwortete: „Nicht nur dir. Ich war da, Mann.

Als die Kugel ihn traf dachte ich schon es wäre ein Kopfschuss. Er ist einfach umgekippt. Hat sich dann aber an den Hals gepackt und MacTavish hat ihn sich über die Schulter geworfen. Ich sag’s dir, ich hab noch nie so viel Blut gesehen, Mann. Der Schweinehund hat im Ernst einen Streifschuss am Hals überlebt. Sie haben ihn gestern entlassen, dem geht es wieder gut. Aber wieso bist du allein? Wo ist Nick?“ Er schnaubte leise: „Der ist krank. Irgendein Magendarminfekt.

Bin schon seit zwei Tagen allein hier. Weißt du? Die haben wieder jeweils fünf Mann in die ganzen Waffen-/ und Munitionslager eingeteilt aber ich soll jeden scheiß Brief, der hier ankommt alleine verwalten. Da oben in der Verwaltung sitzen auch nur komplette Idioten.“ Ich schüttelte nur den Kopf und gab einen zustimmenden Laut von mir. Davon konnte ich ein Lied singen.

Selbst in unserer Task Force, die eigentlich sehr selbstständig war und sich selbst organisierte, wurden die schwachsinnigsten Neuerungen eingeführt. Soap hatte es zwar geschafft uns die meisten davon vom Hals zu halten, wie zusätzliche Kontrollbesuche von irgendwelchen Trotteln in billigen Anzügen und Klemmbrettern unter den Armen oder noch mehr von überflüssigen und zeitaufwendigen Sicherheitsbriefings, aber Alles blieb uns nicht erspart.

Ghost als Lieutenant und ich als Second Lieutenant mussten nun allen Ernstes doppelt so oft wie zuvor die Zimmer unserer Leute auf Drogen und Sauberkeit überprüfen, als ob wir nichts wichtigeres zu tun hatten als jede Woche durch die Sachen unserer Freunde zu gehen. Wir waren ja nur im Krieg. Für einen Moment verfielen wir in eine angenehme Stille bis Mark sich räusperte: „Du bist sicherlich nicht ohne Grund hier.

Da war ein Paket für dich, richtig? Mann, ich verliere schon den Überblick. Warte kurz hier ich hole es.“ Ich nickte dankend und sah ihm hinterher wie er zu einem der vollgestellten Tische weiter hinten im Raum ging und dort nach meinem Päckchen suchte. Ich sah mich um.

Der Eingangsbereich, in dem ich mich gerade befand, war ein mittelgroßer Raum mit ein paar Sofas und Stühlen. Hier an der Wand und draußen vor dem Gebäude hingen gelbe Briefkästen und das war es auch schon. Hinter dem Tresen lag ein kleiner Raum mit Schränken, besagten überfüllten Tischen und mehreren Kisten, in denen die Briefe die hier ankamen zu den verschiedenen Quartieren gebracht wurden.

Größere Pakete musste man sich meist selbst holen aber man bekam immer von irgendjemanden Bescheid, dass hier etwas auf einen wartete. Und zu guter Letzt war da eine Tür, die zu dem Lager führte. Ich sah wieder nach vorne und da kam mir auch schon Mark mit einem kleinen Paket in der Hand entgegen. Mit einem warmen Lächeln reichte er es mir mit einem Klemmbrett, damit ich darauf unterschrieb. „Schön, dass du hier warst, Archer.

Komm öfters mal vorbei, ich würde mich freuen. Nick übrigens auch. Ich glaub er mag dich echt gern“, sagte er zum Abschied. Ich bedankte mich bei ihm und versprach zwischendurch vorbei zuschauen. Ich nahm mein Päckchen und gerade, als ich zu Tür raus wollte, rief Mark mir noch was zu: „Alles Gute zum Geburtstag, Archer.“ Ich lächelte über meine Schulter; er hatte es nicht vergessen. „Wünsche ich dir auch“, ich hatte es auch nicht vergessen.

Ich wusste nicht wie lange ich schon mit dem Paket auf meinem Schoß auf meinem Bett saß aber es war bestimmt schon über eine halbe Stunde vergangen. Ich konnte die letzten warmen Strahlen der untergehenden Sonne auf meinem Gesicht spüren. Mein kleines Zimmer war in Gold getaucht und sogar auf dem Flur war es totenstill. Ich tat nichts anderes als auf das zu blicken, was ich in meinen Händen hielt.

Zaghaft strich ich mit meinen Daumen über den rauen Karton. Ich merkte gar nicht, dass ich weinte bis eine einsame Träne auf das Päckchen fiel. Unnatürlich laut schlug sie auf. Es riss mich förmlich aus meiner Trance. Grob strich ich mir mit der Hand eine weitere Träne von der Wange. Störrisch schniefte ich und verbat mir weitere. Gerade in dem Moment, in dem ich wieder runter sah hörte ich Schritte auf dem Gang und wie jemand kurz anklopfte.

Schnell schob ich das Päckchen unter das Bett und rieb mir über das Gesicht. Gerade noch rechtzeitig. Toad spazierte mit zwei Hotdogs in den Händen durch die Tür und hielt mir prompt einen hin. Ich nahm ihn an und sah ihm zu wie er sich auf sein Bett mit gegenüber warf. Er lag auf dem Rücken und klemmte sich einen Arm hinter den Kopf. Genüsslich biss er in seinen Hotdogs und sah dann zu mir rüber. Ich sah ihn einfach nur an.

Erst nach einigen Sekunden blickte ich dann doch auf das Würstchen und biss dann rein. Als ich wieder aufblickte sah ich direkt in die hellblauen Augen meines besten Freundes. Bei seinem Blick hörte ich auf zu kauen und hielt inne bevor ich den Bissen runterschluckte. Mir war der Appetit vergangen und ich legte den Hotdog auf meinen Nachttisch.

Er setzte sich auf und tat es mir gleich. Für eine Zeit saß er einfach nur mir gegenüber auf der Bettkante und sah mich an; ich fand meine Hände interessanter. Er stand auf und setzte sich wortlos neben mich, sodass unsere Knie sich berührten.

Auf einmal formte sich ein riesiger Kloß in meinem Hals und ich hielt die Luft an. Als er dann aber den Arm um mich legte und mich an seine  Brust zog, konnte ich meine Tränen nicht zurück halten. Ich vergrub mein Gesicht in seiner Brust und ließ den ganzen Frust raus. Ich schluchzte und weinte wie lange nicht mehr. Ich spürte wie er noch näher rutschte und mich komplett an sich zog.

Beide Arme hatte er um mich gelegt und seinen Mund hatte er gegen meinen Kopf gedrückt. Ich konnte mich nicht zusammenreißen, so sehr ich es auch versuchte. Er küsste und streichelte mein Haar, seine eigenen Tränen aber blieben mir verborgen. Mit den Fäusten in seinem Shirt versuchte ich Halt im Hier und Jetzt zu finden aber meine Vergangenheit holte mich ein. Meine Kindheit brach über mir zusammen.

Es war als spürte ich wieder jeden Schlag, jeden Tritt, jedes Wort. Ich hörte wieder das Bersten von Glas und donnernde Schritte. Selbst der Gestank nach Alkohol von damals, wenn er mir ins Gesicht schrie ließ meine Augen und Nase nun wieder brennen und ich vergrub mein Gesicht tiefer in Toads Brust. Es kam einfach alles hoch. Wie ein Tsunami überrollten mich meine Erinnerungen und ich konnte nicht weglaufen.

Verzweifelt versuchte ich nicht an meinen Vater zu denken. Ich dachte an das Gesicht meiner Mutter, versuchte mich daran zu erinnern wie sie aussah, als noch alles gut war. Ich versuchte an ihre wunderschönen langen Haare zu denken und an ihre tief grünen Augen. Ich versuchte mich daran zu erinnern, wie sie mich immer voller Liebe und Stolz angesehen hatte. Ihr freches Grinsen, ihre sanften Umarmungen.

Ich versuchte mich an ihren Geruch und ihre Stimme zu erinnern aber alles was ich sah waren müde, traurige Augen, die sich vor Angst weiteten; Angst um mich. Ein weiteres Schluchzen erschütterte meinen Körper und ich schämte mich so sehr, es nicht zurückhalten zu können.

Gottverdammt, wann hörte das auf? Ich spürte wie die Panik ihre Klauen um mein Herz schloss und in meinen Kopf anfing zu toben. Meine Atmung ging stoßweise und ich hatte das Gefühl zu ertrinken.

Aber genau in der Sekunde, in der ich mir sicher war, dass ich vollkommen zusammenbrechen würde, hörte ich ein leises Summen und spürte wie es in der Brust meines Freundes vibrierte. Alles in mir fixierte sich vollkommen auf die leise Melodie, die er in mein Haar summte und ich vergas sogar für einen Herzschlag, dass ich mitten in einer Panikattacke feststeckte.

Mit jeder Faser meines Körpers versuchte ich die Bilder aus meinen Gedanken zu vertreiben, konzentrierte mich völlig auf seine Stimme. Ich erkannte die Melodie. So oft schon hatte ich sie von ihm gehört. Ich wusste nicht wo er sie aufgeschnappt hatte oder ob er sie sich selbst ausgedacht hatte aber das spielte auch keine Rolle. Ein Gefühl von Vertrautheit und Normalität fing an sich in mir auszubreiten. Ich schaffte es ruhiger zu atmen und tatsächlich kamen neue Bilder in meinen Kopf.

Jüngere Erinnerungen von ihm und mir. Schöne Erinnerungen. Er dicht neben mir in hohem Gras versteckt, wartend, lauernd. Leise summte er seine Melodie, wenn wir auf Missionen teils stundenlang nichts anders taten als zu warten. Manchmal summte er sie, wenn ich ihn trainierte. Ganz leise hörte ich sie dann immer bevor er einen letzten Moment inne hielt und dann abdrückte.

Ich sah ihn neben mir an die Hauswand gelehnt, rauchend, entspannt. Ich wurde an das Gefühl erinnert, welches jedes Mal diese ganz bestimmte Melodie in mir auslöste. Seine Stimme fühlte sich an wie Zuhause. Ruhe, Sicherheit, Geborgenheit. Ich erinnerte mich an die Nächte zurück, in denen mich meine Vergangenheit schon früher eingeholt hatte. In diesen Nächten hatte er es immer irgendwie mitbekommen, dass etwas los war, selbst wenn ich lautlos weinte.

Er legte sich zu mir, nahm mich in den Arm und summte sein Lied bis ich eingeschlafen war. Langsam erlangte ich die Kontrolle über meinen Körper zurück. Ich schaffte es die letzten Tränen zurück zubeißen und mein Rohrstockgriff in Toads Shirt lockerte sich wie von selbst. Ein letztes Mal sog ich seinen vertrauten Geruch in meine Nase und drückte ihn dann sanft von mir.

Er sah mich aus ruhigen Augen an, sein Arm lag schützend um meine Schultern. Ich murmelte eine Entschuldigung und weichte seinem Blick aus. Es war mir peinlich, selbst vor ihm. Er sagte nicht sondern drückte mir die Schulter. Dass er nichts sagte, weil er Angst hatte, dass seine Stimme nicht stark genug klingen würde, wusste ich nicht. Unbewusst lehnte ich mich in diese kleine Geste.

Einen Moment saßen wir einfach nur da. Es war schon dunkel und ich konnte nur Schemen erkennen. Ich drehte meinen Kopf nach rechts zum Fenster und sah raus. Am Horizont konnte ich noch das letzte tief violette Licht der Sonne sehen. Es würde eine klare Nacht werden, und wenn der Mond erst einmal hoch oben am Himmel stand würde sein silbernes Licht dieses Zimmer fluten so wie die Sonne vor ihm.

In meinen Augen glitzerten meine Erinnerungen in Form von versiegenden Tränen aber mein Kopf war leer. Für einen kleinen Moment hatte ich Frieden. Ich hörte keine wütenden Schreie, kein bedrohliches Flüstern und ich sah nicht die Angst in den Augen meiner Mutter. Es war die Ruhe nach dem Sturm. Das hasserfüllte Gesicht meines Vaters, welches mich so oft in meinen Träumen verfolgt hatte war weit weg.

Es war als wäre ich von Nebel umschlossen. Nichts, vor dem ich so oft versucht hatte wegzulaufen, drang durch ihn hindurch und ich fühlte mich nach einer sehr langen Zeit endlich wirklich ruhig und sicher. Ich genoss diese Taubheit und ließ mich von ihr umhüllen. Nach einem langen Moment blinzelte ich. Ich blickte zurück zu meinem Freund, der mich geduldig ansah. Er nahm den Arm von meinen Schultern und stupste mich dann mit seinem Knie an.

Mit leiser Stimme sagte, flüsterte er schon fast: „Na los. Mach es auf.“ Seine Stimme war voller Wärme und ich musste lächeln. Ich nickte leicht und griff unter das Bett. Ich legte das Päckchen auf meinen Schoß und musterte es für eine Sekunde. Mit einem letzten Blick in das tiefe Blau seiner Augen griff ich um ihn rum und zog mein Kampfmesser von unter meinem Kissen hervor.

Vorsichtig zerschnitt ich das Paketband und ließ das Messer zurück in seine Scheide gleiten bevor ich es neben mich legte. Meine Finger zitterten leicht als ich es öffnete und ich spürte wie mein Herz vor Aufregung schneller schlug. Schon wieder war ein Jahr vergangen. Wieder ein ganzes Jahr ohne sie.

Ich konnte es nicht fassen, dass nun schon ein Jahrzehnt seit ihrem Tod vergangen war; zwei seit dem sie mich mitten in der Nacht aus dem Bett hob, an die Hand nahm und losrannte. Es war die Nacht nach meinem siebten Geburtstag gewesen. Ich erinnere mich an jedes Detail. Dieser Tag und die darauffolgende Nacht waren für immer in mein Gedächtnis gebrannt.

Ich weiß noch wie mein Vater schrie, als meine Mum mir am Morgen meines Geburtstags gratulierte und höre heute noch das Scheppern seiner Tasse als er diese nach uns warf. Sie verfehlte nur knapp meinen Kopf und zerschellte an der Wand hinter mir. Mit ihr gingen damals meine Hoffnungen und Freunden für diesen Tag zu Bruch. Mum scheuchte mich dann aus der Küche.

Ich sollte draußen spielen gehen und auf sie warten. Ich wollte sie nicht alleine mit diesem Monster lassen aber ich vertraute darauf, dass sie wusste was richtig war. Also ging ich. Es war Mittag als sie wieder zu mir kam. Ich hatte nur auf meiner alten Schaukel gesessen und zur Tür gestarrt hoffend, dass sie bald kommen würde. Als sie dann kam brachen mir ihre geplatzte Lippe und die roten Augen das Herz.

Ich ballte die kleinen Hände zu Fäusten und die Wut trieb mir die Tränen in die Augen. Sie nah mein Gesicht in die Hände, küsste meine Stirn und lächelte mich an. Na komm, Geburtstagskind. Ich kaufe dir ein Eis. So viele Kugel, wie du willst. Und dann gehen wir in den Park. Nur wir zwei. Was meinst du, hm?

Hatte sie gesagt, ihre Stimme so stark und fröhlich wie eh und je. Sie war meine Heldin aber wie tapfer sie wirklich war konnte ich damals gar nicht begreifen. Heute als Erwachsener konnte ich erst nachvollziehen, wie sehr sie wirklich gelitten hatte und wie unglaublich stark sie all die Jahre sein musste.

Aber trotz allem schaffte sie es mich zum Lachen zu bringen. Am Abend brachte sie mich sofort ins Bett und erzählte mir eine Geschichte, die sie sich ausgedacht hatte. Sie erzählte mir von einem Ort ganz weit oben in den Wolken, einer riesigen schwebenden Inseln. Auf ihr gab es Wälder durch die man durchschwimmen konnte und Eiswüsten mit spukenden Vulkanen.

Sie erzählte von dem Prinzen Archer, der vor keinem Abenteuer davonschreckte. Ich konnte von diesen Geschichten nicht genug kriegen und hörte immer mit großen Augen zu. Für mich war diese Insel das Paradies, in dem selbst die größten Drachen zu besiegen waren. Sie war ein Land in das ich flüchten konnte und ich damals war es mir gar nicht so bewusst, dass es auch für sie ein Zufluchtsort war.

Ihre Fantasie war grenzenlos und sogar lebhafter als die eines Siebenjährigen. Noch heute träumte ich von diesem Ort. Aber der Frieden hielt nicht lange. An diesem Abend und in meinem dunklen Zimmer sang sie mir mein Happy Birthday. Ich hatte das Brüllen meines Vaters in den Ohren, als ich die Kerze auspustete. Nur wenige Stunden später würde sie mich dann wecken und mich anziehen.

Sie würde mich an der Hand nehmen und auf Zehnspitzen durch unser Haus laufen. Mein Vater würde uns bemerken und wieder ausrasten aber das konnte uns nicht aufhalten. Meine Mutter schlug ihn mit einer Lampe nieder, nahm mich auf den Arm und rannte los. Wir sahen nicht zurück und heute danke ich ihr dafür, dass sie mir in dieser Nacht das Leben rettete.

Sie schmiss alles hin und lief blind drauf los. Wir hatten nichts außer uns. Die nächsten zehn Jahre waren unfassbar schwer aber zusammen schafften wir es. Wir gingen zu meiner Tante, die uns mit offenen Armen empfing und wir lebten unser Leben mit den wenigen Dingen, die wir hatten. Wir waren glücklich. Als ich 17 war starb meine Mum. Ich ging zum Militär und an jedem meiner Geburtstage kommt ein kleines Päckchen.

Eine kleine Karte war das erste was ich sah. Ich griff danach und bewunderte die kleine Zeichnung darauf. Es war ein kleiner Prinz auf einer Insel in den Wolken. Mit dem Daumen strich ich darüber bevor ich sie aufklappte. Ein riesiger Kloß bildete sich in meinem Hals und ich zog scharf die Luft ein. Lächelnd las ich die Zeilen, welche meine Mutter vor langer Zeit geschrieben hatte ein weiteres Mal.

Alles Gute zu deinem Geburtstag, mein kleiner Prinz. Ich bin so stolz auf dich. Ich liebe dich, Baby.
–Mum

Ich legte die Karte neben mein Messer auf das Bett und löste vorsichtig das Klebeband, welches das Papier zusammen hielt, das um mein Geschenk gewickelt war. Darin lag ein kleines Bündel Pergamentpapier. Mit schweren Händen nahm ich es heraus und stellte das Paket auf den Boden. Ich öffnete auch dieses Papier und schon stieg mir der Geruch von Schokolade und Zucker in die Nase.

Ich fühlte mich wie jedes Jahr zurück in mein altes Kinderzimmer geworfen, in dem es nur meine Mutter, ihre Geschichten und mich gab. Dort war kein Platz für Schmerz oder Trauer. In jenen Nächten war nur sie da. Weder mein Vater noch der Krieg fand einen Weg in diese Erinnerung. Sie würde für immer mein sicherer Hafen sein.

Heute war mein Zufluchtsort nicht mehr die Insel in den Wolken, sondern das kleines dunkles Zimmer, in welchem ich sieben Jahre lebte, in das ich sieben Jahre flüchtete mit ihr an meiner Seite. Ich lächelte. Behutsam nahm ich die kleine Kerze, welche beilag und steckte sie in den liebevollverzierten Muffin. Neben mir zog Toad ein zerkratztes Sturmfeuerzeug aus der Hosentasche und entzündete es. Die tanzende Flamme ließ den Raum gold aufleuchten.

An den Wänden flackerte ihr Licht, die Ecken blieben düster. Ich blickte ihn an und sah wie seine Augen das Feuer reflektierten. Kaum merklich nickte ich und mit einem ruhigen Gesichtsausdruck zündete er die Kerze an. Das Feuerzeug schnappte zu und der Raum verdunkelte sich wieder. Der Schein der Kerze erreichte nur unsere Augen, ließen den Rest des Raumes im Dunkel. Leise fing Toad neben mir an eine sehr bekannte Melodie zu summen und stimmte nach einem Moment ein.

Happy Birthday to you,
Erinnerungen.
Happy Birthday to you,
Ruhe.
Happy Birthday, lieber Archer,
Frieden.
Happy Birthday to you.
Liebe.
Wünsch dir was.

Ich schloss meine Augen und sprach zum ersten Mal einen anderen Wunsch aus. Dass es meiner Mum, wo auch immer sie nun war, gut gehen würde und ich mir keine Sorgen mehr um sie machen musste, wusste ich nun. Ich wünschte mir jetzt nur eine Sache, als ich meine Augen wieder öffnete und in die von meinem Freund sah.

Lass ihn mir. Nimm ihn mir nicht auch. Ohne ihn bin ich nichts.

Ich sah wieder zur Flamme und holte Luft. Ein letztes Mal loderte ihr Licht in meinen grünen Augen, bevor ich sie ausblies. Der Geruch von Schokolade mischte sich mit dem vom Rauch und ich zog die Kerze heraus um den Muffin in Zwei teilen zu können. Eine Hälfte gab ich dem jungen Soldaten neben mir und in die andere biss ich selbst hinein. Wir beide seufzten genüsslich auf.

Er schmeckte genau wie damals. Wir aßen und saßen dann eine Weile schweigend nebeneinander. Mittlerweile war es heller geworden- der Mond schien nun in unserer Zimmer, sein silbernes Licht ergoss sich langsam über den Fußboden und kletterte bereits die Tür gegenüber des Fensters hoch. Meine nächsten Worte waren nur ein Flüstern aber sie waren laut wie ein Donnerschlag in dem noch viel stillerem Raum: „Danke, Chris.“

Er stupste mich in einem freudigen Schnauben mit der Schulter an. Auch er sagte in seiner freundlichen Stimme: „Nicht dafür. Dein Geburtstag ist fast vorbei. Möchtest du noch irgendetwas machen?“ Mit einem Kopfnicken deutete er auf die roten Ziffern meines Weckers (mittlerweile unseres, da er mit seinem letzten eine Delle in die Wand geschmissen hatte, welche wir aber erfolgreich unter einem größeren Foto unserer Einheit verstecken konnten).

Ich schüttelte den Kopf: „Nein. Ich will nur noch schlafen.“ Er gähnte ein „Na dann“ und zog neben mich mit auf mein Bett. Ich fand mich zwischen ihm und der Wand auf meinem Rücken wieder. Er hatte seinen Rücken zu mir gedreht und ich sah ein letztes Mal aus dem Fenster vor mir. Ein helles Licht zischte über den klaren Sternenhimmel und ließ meine Augen leuchten, wie die eines Kindes.

Mit dem Ellbogen stieß ich Chris in den Rücken und wisperte nach einem Murren von seiner Seite: „Da war eine Sternschnuppe! Wünsch dir was.“ „Kann ich nicht. Ich habe sie nicht gesehen.“ „Dann nimm meinen Wunsch. Ich hatte heute schon einen frei.“

Er lachte leise, stimme mir dann aber zu und wünschte sich etwas. Mit einer Wärme in der Brust fielen mir langsam die Augen zu. Gerade als ich dabei war einzuschlafen hörte ich dann aber seine leise Stimme und merkte wie er sich neben mir zu mir drehte. Das Bett war zu schmal, dass wir Schulter an Schulter darin liegen konnten also lehnte er sich mit dem halben Körper über mich und ich neigte meinen Kopf etwas, damit ich sein Gesicht sehen konnte.

„Darf ich dich etwas fragen?“ flüsterte er vorsichtig und ich nickte nur müde. „Wer schickt dir jedes Jahr diese Päckchen?“ seine Augenbrauen waren leicht zusammengezogen und seine Stirn lag in Falten. Eine Sekunde sah ich ihn an und überlegte. „Es könnte meine Tante sein aber sicher bin ich mir nicht. Der Absender ist nur ein Fach irgendwo in London.

Ich weiß nicht, wer sie mir schickt und diese Muffins backt aber die Karten sind von Mum. Sie muss sie vor ihrem Tod geschrieben haben. Wer auch immer es ist, ich hoffe er oder sie hört nicht auf. Es fühlt sich so an als wäre sie immer noch irgendwie hier, weißt du? Ich vermisse sie“, sagte ich ehrlich. Ich wusste es nicht aber so wichtig war mir das auch nicht.

Er nickte, drückte mir kurz die Hand und drehte sich wieder auf die Seite. Auch ich legte mich nun auf die Seite, sodass wir beide mehr Platz hatten und drückte meinen Rücken an seinen. Ich schloss meine Augen und schlief mit seiner gleichmäßigen Atmung langsam ein.
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