Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Rena und ich

von Rena x
GeschichteFreundschaft, Schmerz/Trost / P12
08.08.2017
08.08.2017
1
2.434
5
Alle Kapitel
1 Review
Dieses Kapitel
1 Review
 
 
 
08.08.2017 2.434
 
Es ist windig heute. Obwohl die Sonne scheint, ist es kalt. Wie in den meisten meiner Geschichten, denke ich. In ihrem eigenen Universum herrscht meist stürmisches, hässliches Wetter. Ich mache es ihnen nicht leicht, sich in ihrer Welt wohl zu fühlen. Sie sind von Kälte und Dunkelheit umgeben, genau so wie ich es früher war. Und ich glaube, sie hassen mich dafür.
Gelangweilt schreite ich die letzten Meter bis zur Bushaltestelle und bleibe genau neben dem Schild stehen, welches eben jene kennzeichnet.
Außer mir ist keiner da, was ich sehr begrüße. Ein Blick aufs Handydisplay verrät mir, dass es nur noch fünf Minuten dauert, bis der Bus kommt.
Plötzlich nehme ich eine Bewegung im Augenwinkel wahr. Neugierig hebe ich den Kopf.
Eine Person hat sich direkt neben mich gestellt. Automatisch trete ich einen Schritt beiseite, um den Abstand zwischen uns zu vergrößern. Eine innere Stimme will sich schon darüber aufregen, dass diese Person ja wohl offensichtlich noch nie etwas von Komfortzonen und höflichem Abstand gehört hat, da wendet sich die Besagte mir zu.
Ich erstarre. Das Blut gefriert mir in den Adern und augenblicklich zieht sich mein Magen schmerzhaft zusammen.
Sie steht da. Sie ist es definitiv. Es gab schon vorher Menschen, die ihr ähnlich sahen. Doch noch keine hat ein solch genaues Abbild abgegeben, als wäre sie direkt aus meinem Kopf entsprungen.
Ihre kupferroten Haare reichen ihr knapp bis zum Kinn und umrahmen das leichenblasse Gesicht mit dem kleinen, puppenhaften Mund und den grazilen, langen Wimpern. Sie trägt einen hübschen, dunkelblauen Mantel, welcher ihre Figur gänzlich schluckt. Trotzdem weiß ich, dass sie eigentlich einen recht dünnen Körper besitzt, um den ich sie beneide. Ich sehe ihr direkt in die Augen. Diese leuchtend grünen Seelenspiegel scheinen uns optisch zu Schwestern werden zu lassen. Doch wir sind es nicht.
Sorglos lächelt sie mich an, als freue sie sich aufrichtig, mich zu sehen. ,,Hallo.“
Zum ersten Mal seit vier Jahren höre ich sie sprechen. Ihre Stimme klingt unerwartet kindlich, aber irgendwie angenehm vertraut.
Ich räuspere mich. ,,Hallo, Rena.“
Rena Kyuubi. Persönliche Leibwächterin in der virtuellen Welt. Mörderin jedes lyrischen Ichs, welches in einem meiner Gedichte und Kurzgeschichten gestorben war. Schutzengel jeden Charakters, dem ich eine Liebesgeschichte geschrieben habe und für den ich nur das Beste plante.
Rena Kyuubi, mein persönliches Pseudonym.
Ich starre sie noch immer ein wenig entgeistert an. Kann noch immer nicht glauben, dass sie wirklich hier neben mir steht. So gern will ich sie berühren. Will spüren, wie sich ihre Haut und ihre Haare anfühlen und will sie mit den meinen vergleichen. Aber ich habe Angst, dass sie verschwindet, wenn ich sie berühre. Allein der Gedanke daran, dass ihr Körper bei meiner Berührung in tausend kleine Teile zerspringen könnte, lässt mich meinen Wunsch zurückstellen.
Rena scheint zu bemerken, wie sehr mich die Situation überfordert und ergreift das Wort.
,,Nun, ich hätte ehrlich gesagt nicht gedacht, dass du jemals wieder kommen würdest. Ich dachte, du lässt uns allein.“
Verwirrt ziehe ich die Augenbrauen zusammen. ,,Uns?“
Wie zur Bekräftigung ihrer Worte, nickt sie. ,,Nicht nur ich habe auf dich gewartet. Auch deine Charaktere haben sich oft gefragt, wo du bist. Sie sind ja nun doch ein ganz schönes Grüppchen und obwohl du noch keine ihrer Geschichten beendet hast, erschaffst du immer mehr von ihnen.“
Ich schlucke. Damit habe ich nicht gerechnet. Ich will mich rechtfertigen und Rena erklären, dass es ja wohl nicht meine Schuld sei, dass ich keine Geschichte beende. Doch sie redet bereits weiter.
,,Sie fragten mich immer, wie lange sie noch hier verweilen müssen. Sie fragten, wann sie ihr Happy End bekommen. Immerhin warten einige von ihnen schon eine halbe Ewigkeit.
,,Moment, eine halbe Ewigkeit klingt übertrieben. So lange gibt es dich und die anderen ja auch noch nicht.“, versuche ich verzweifelt zu rechtfertigen.
Aber meine Gesprächspartnerin schüttelt nur den Kopf. ,,Du hast mich vor vier Jahren erschaffen. Und kurz danach ist deine erste Geschichte entstanden. Kea wartet seit vier Jahren darauf, endlich befreit zu werden.“
Beim Klang dieses Namens zucke ich unangenehm berührt zusammen. Kea war der erste Charakter, welcher es in eine veröffentlichte Geschichte geschafft hat. Sie war die Protagonistin meiner ersten Fanfiktion. Eifrig habe ich an ihrer persönlichen Romanze gefeilt, um meinem schwierigen Umfeld zu entkommen. Und dann hatte ich sie im Stich gelassen.
Meine Beine fühlen sich an, als wären sie aus Gelee. Ich habe das Gefühl, auf der Stelle in mich zusammen zu sinken. Wie in Trance nehme ich wahr, dass Rena sich meinen Arm um die Schulter legt und mich mit sich nach vorn zerrt. Der Bus ist inzwischen da und öffnet uns die Türen.
Rena kramt etwas Geld aus der Jackentasche und kauft uns beiden ein Ticket, dann schleift sie mich weiter ins Innere des Busses. Ich frage mich, welch merkwürdiges Bild wir wohl abgeben und ob der Busfahrer sich gar nicht wundert. Aber vielleicht denkt er auch, ich sei betrunken und Rena würde mich nach Hause bringen. Letzteres würde sie hoffentlich wirklich tun. Ich weiß schließlich nicht, wohin sie eigentlich will. Natürlich könnte Rena sich an die Bushaltestelle gestellt haben, weil sie an einen bestimmten Ort wollte und dann war sie eben zufällig über mich gestolpert. Oder aber sie hat bewusst nach mir gesucht und will mich nun tatsächlich nach Hause begleiten.
Langsam klärt sich mein Blick. Ich sehe mich kurz um. Wir sind die einzigen im Bus. Trotzdem flüstere ich die folgenden Worte: ,,Rena, wo genau willst du eigentlich hin?“
Die Angesprochene lächelt mich an und deutet an mir vorbei aufs Fenster. ,,Ich will mit dir einen kleinen Ausflug machen.“
,,Einen Ausflug? Hör mal, es tut mir wirklich leid, aber ich habe dafür keine Zeit.“, versuche ich mich zu entschuldigen.
,,Schenk mir fünf Minuten.“
Ich nicke langsam. Fünf Minuten? Will sie mir nur eine Kleinigkeit zeigen, die sowieso auf dem Nachhauseweg liegt?
Doch als ich ihrem immer noch ausgestrecktem Arm mit den Augen folge und aus dem Fenster blicke, wird mir bewusst, dass es sich hier nicht um eine bloße Kleinigkeit handelt und ich kann ihr auch nicht glauben, dass dies nur fünf Minuten in Anspruch nehmen wird. Mir klappt die Kinnlade runter. Wie um alles in der Welt ist das möglich?
Der Bus durchquert Köln. Aber nicht irgendein Köln. Nicht das reale Köln. Es ist das Köln, welches ich mir vor vier Jahren geformt habe. Ich war noch nie in dieser Stadt und hatte sie schon immer ein Mal sehen wollen. Da war es klar gewesen, dass meine erste Fanfiktion über einen Star und meinen Charakter in Köln spielen würde. Damals dachte ich, dass jede Großstadt sich ein bisschen ähneln müsste und da die einzige Großstadt, die ich je gesehen hatte, Berlin war, hatte ich Köln ein bisschen berlintypisch kreiert. So standen dort große Hochhäuser aneinander gereiht, umgeben von mehrspurigen, viel befahrenen Straßen. Tag und Nacht waren Menschen unterwegs. Ich hatte diese Atmosphäre schon immer gemocht und mein Charakter hatte die Begeisterung dafür geteilt.
,,Damit schenkte er uns jeweils einen ordentlichen Schluck Vodka ein. Zeitgleich hoben wir die Gläser. Ich hielt noch einige Sekunden Blickkontakt, dann hielt ich die Luft an und stürzte den Inhalt meines Glases in einem Zug runter.“
Überrascht, die mir bekannten Zeilen zu hören, ruckt mein Kopf zu Rena herüber.
Die Rothaarige hat die Beine übereinander geschlagen, wie ich es auch manchmal tue und richtet den Blick auf ein kleines Büchlein in ihrer Hand. Der lederne, abgewetzte Umschlag verrät mir nicht, worum es sich dabei handeln könnte. Ich kann es mir allerdings denken. Vorsichtig beuge ich mich herüber, um in Erfahrung zu bringen, was sie da noch alles drin stehen hat, doch Rena lässt das Buch zuschnappen. ,,Das ist nichts für dich, sorry.“, sagt sie fast schon belustigt.
Misstrauisch lehne ich mich zurück und verschränke die Arme vor der Brust. ,,So? Aber wenn du die letzten Zeilen meiner allerersten Fanfiktion dort drin stehen hast, ist es ja vielleicht doch was für mich.“ Mir ist bewusst, wie gereizt ich klinge, aber in diesem Moment komme ich mir reingelegt vor. Rena verschweigt mir etwas. Das Pseudonym, welches ich erschaffen und welchem ich Leben eingehaucht habe, hat plötzlich Geheimnisse vor mir. Sie sollte meine Freundin sein und meine große Schwester und gleichzeitig auch die viel bessere Version von mir.
Rena verzieht ihre Lippen zu einem Schmollmund. ,,Nun sei doch nicht gleich sauer. Es ist nicht wichtig, was hier drin steht. Dich sollte nur die Gegend da draußen interessieren.“
Renas Stimme klingt bei diesen Worten so überzeugend, dass ich meinen Blick wieder zum Fenster richten muss. Und dabei durchfährt mich ein erneuter Schauer. Draußen ist es stockdunkel, obwohl wir am frühen Nachmittag los gefahren waren. Es kann unmöglich schon so spät sein.
Als hätte Rena meine Gedanken gehört, beginnt sie zu sprechen: ,,Wir durchfahren jetzt Keas Zeit. Siehst du die vielen Fenster, hinter denen noch Licht brennt? Kea sitzt hinter einem von ihnen und hat noch immer dieses Besäufnis laufen.“
Die Gänsehaut kriecht mir über den ganzen Körper. Mir wird kurz schwindelig und ich muss mich an Renas Schulter festhalten, um nicht vom Sitz zu rutschen.
,,Ist sie... böse?“ Ich möchte die Antwort eigentlich nicht hören. Aber ich muss.
,,Nein, Kea weiß, dass du dich inzwischen weiterentwickelt hast. Sie fragt allerdings noch oft nach dir und ich glaube, irgendwie hat sie doch noch ein Fünkchen Hoffnung hinsichtlich der Beendigung ihrer Geschichte. Aber das haben wir doch alle.“
Ihre Wort sind nicht harsch oder böse gemeint und trotzdem versetzen sie mir einen Stich.
,,Ich mochte Kea. Ihre Geschichte hat mir durch eine schwierige Phase hindurch geholfen.“, sage ich schlicht und kann ein Zittern meiner Stimme nicht verhindern.
Rena sieht mich eine Sekunde lang nicht an. ,,Sie mochte nicht, wie du dich damals verunstaltet hast.“
Sie muss nicht deutlicher werden. Fast automatisch streiche ich über den Ärmel, unter dem sich der gebrandmarkte Arm befindet.
Eine Weile sitzen wir so da. Die Stille umfasst uns und keiner von uns mag sie zu durchbrechen.
Doch dann bemerke ich Sonnenstrahlen, die mich durchs Fenster hinweg treffen. Verwirrt drehe ich mich in diese Richtung und betrachte gebannt die neue Umgebung, die sich draußen geformt hat.
,,Klar, er und Gangsterrapper. Na gut, solange er mir Arias Schlägerfreund vom Hals hielt, konnte es mir egal sein. Sie musste den Köder nur noch schlucken.“
Als ich die vorgelesenen Sätze vernahm, kam die Erinnerung an den bösen Antagonist meiner zweiten Fanfiktion zurück. Ihr Name war Aria und in meiner Vorstellung war sie eine wahre Schönheit gewesen, wie alle Charaktere, die ich in dieser Phase meines Lebens entworfen hatte. Ich hatte Figuren erschaffen, die alles waren, was ich nicht war.
,,Aria hasst mich, oder?“
Rena lachte kurz. ,,Ach Süße, sie hasst jeden.“
Ich musste schmunzeln. Aria war nie einer meiner Lieblinge gewesen. Sie war nur der fiese Gegenspieler, den eine spannende Geschichte brauchte.
Das Zuhause der schönen Schwarzhaarigen stellt eine namenlose Großstadt dar und während sie an mir vorbei zieht, musst daran denken, wie gern ich damals dort gewesen wäre. Ich wollte weglaufen. Ganz weit weg.
,,Fühlst du dich eigentlich immer noch so einsam?“, reißt mich Rena aus meinen Gedanken.
,,Manchmal.“, antworte ich schlicht. ,,Aber es ist gut, wie es ist.“
Die Hochhäuser verschwinden mehr und mehr. Sie werden durch kleinere Reihenhäuser ersetzt.
Es sieht gemütlich und familiär aus. Ich kenne diese Gegend. So oft habe ich sie in der Serie gesehen und irgendwie bewundert. Ich hätte mir nie vorstellen können, hier zu wohnen, aber ich fand das Örtchen schön. Nervös kaue ich auf meiner Unterlippe. Mir ist bewusst, wohin es als nächstes geht.
,,Hör mal, wir müssen hier nicht hin. Ich werde das alles weiter schreiben. Diese Fanfiktion wird nicht sterben. Ich gebe sie nicht auf.“
,,Können wir dir glauben? Du musst bedenken, wir fahren klappern hier nur ein paar Fanfiktions ab. Deine unbeendeten eigenen Storys finden gar keine Erwähnung.“, sagt Rena schon fast belehrend.
Ich nicke. ,,Alles zu seiner Zeit.“
Sie bleibt ruhig, aber ich merke ihr an, dass mein letzter Satz sie nervt. ,,Zeit. Immer machst du so ein Drama um die Zeit. Für die Dinge, die einem wichtig sind, muss man sich nun mal Zeit nehmen. Du magst es hier. Du genießt es, zu schreiben und du hast klare Ziele vor Augen. Kümmer dich doch endlich mal darum.“
Ich presse die Lippen fest aufeinander. Normalerweise würde ich jetzt weinen und Rena anschreien. Ich würde sie anschreien, sowie ich es in jedem Szenario getan hatte, in welchem wir beide dieses Gespräch führten. Aber jetzt, wo wir es wirklich führen, kommt der Sinn ihrer Wort bei mir an.
Er durchdringt meinen Trotz und gibt mir Klarheit darüber, was ich tun muss.
Und so ist mir nicht schwindelig oder unwohl, als wir an dem Haus mit dem rot-schwarzen Chevi vorbei fahren und ich die leisen Sätze vernehme: ,,Eine polternde Männerstimme ertönte. Dann seine Stimme. Dann wurden sie leiser. Er musste ihm gesagt haben, dass ich hier oben war und sie eventuell belauschen könnte.“
Ich lächle und schließe einen Moment lang die Augen, während ich meinen Kopf auf Renas Schulter ablege.
,,Rena? Vielen Dank.“ Meine Stimme ist nur ein Flüstern.
Sanft streicht sie mir übers Haar und drückt mir einen Kuss auf den Scheitel.
,,Ich glaub, hier musst du raus.“, flüstert sie.
Ich fühle mich plötzlich müde und erschöpft, als wäre ich tagelang umher gereist. Träge öffne ich die Augen, als der Bus zum Stehen kommt. Rena schiebt mich leicht von sich und stellt sich in den Gang. Fragend blicke ich sie an, doch sie deutet nur zur Tür, welche sich gerade öffnet.
Ich will nicht gehen. Am liebsten würde ich noch ein Stückchen weiter fahren, noch ein bisschen länger quatschen. Über alte Zeiten und neue Pläne.
Aber ich spüre, dass dieses Treffen jetzt zu Ende ist und dass es an dieser Entscheidung, wer auch immer sie für uns gefällt hat, nichts mehr zu rütteln gibt. Zögerlich erhebe ich mich und quetsche mich aus der Sitzreihe. Kurz bleibe ich stehen und betrachte Rena ein letztes Mal. Bewundere ihre roten Haare, die leichenblasse Haut, den kleinen Puppenmund und die langen Wimpern ein letztes Mal. Dann treffen sich unsere Blicke. Grün trifft Grün.
Und ohne ein weiteres Wort drehe ich mich um. Die wenigen Schritte bis zur Tür begleitet mich das Lächeln der Rothaarigen. Schließlich trete ich ins Freie und die spürbare Aura, mit der Rena mich umgeben hatte, ist verschwunden.
Ich mustere meine Umgebung. Es ist tatsächlich meine Straße. Ich stehe an der Bushaltestelle, an der ich immer aussteige, nachdem ich die kürzeste Strecke nach Hause genommen habe. Es ist immer noch windig. Es ist immer noch kalt, obwohl die Sonne scheint.
Der Bus schließt die Türen und setzt sich in Bewegung.
Ich schaue auf mein Handydisplay. Nur fünf Minuten sind vergangen.
Review schreiben
 
 
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast