Die Heldenfahrt

GeschichteAllgemein / P12
07.08.2017
28.04.2020
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07.07.2019 4.660
 
Alexander Kaiser: Der Sage fünfundvierzigster Vers

„Dies ist Wahnsinn! Purer Wahnsinn!“, rief Togrir entrüstet. Er stand im Zelte der Kommandeure, wo sich die Führer der sechs Thuron versammelt, um die Gefangene von Sir Treanor von Stormarn und Arlic Zan, dem Schwertmeister, anzuhören. Denn eine Gefangene war sie, denn mit Joch und Fessel war sie angeschleppt worden von den beiden Waffenbrüdern. Dann hatten sie um eine Unterredung gebeten – und angekündigt, dass sich ihr Schicksal bald umdrehen und sie diejenigen sein würden, die mit Joch und Fessel als die Gefangenen der Frau gehen würden. Freiwillig in die Sechste Hölle, in den Palast der Todeselben, als Tribut an den dunklen Herrn Golle, der dort den Thron übernommen. „Ich werde dem niemals zustimmen! Nicht einmal Ihr, Sohn meines Dienstherrn, seid in der Lage, das zu überstehen, geschweige denn zu meistern!“
Arlic Zan lachte leise auf. „Wachtmeister, deine Sorge ist rührend, aber fehl am Platz. Der Plan wird nicht scheitern. Solange er Golle nicht zugeführt wird. Drum beraten wir uns hier im kleinsten Kreise, denn auch in der Wallfahrt sind Spione, die nun längst wissen werden, dass wir die erste Thronjägerin Fandra vom Zwielicht als Gefangene angeschleppt haben. Der Plan wird nicht scheitern, keine Sorge. Ich kenne Golle nur zu gut. Es wird uns gelingen, ihn nicht nur zu täuschen, doch auch, ihn zu besiegen.“
Ayla, die Herrin des Güldenen Meeres, sah skeptisch drein und schien sich eher der Meinung des Wachtmeisters angeschlossen zu haben als der des Schwertmeisters. „Wenn Ihr drin seid, seid Ihr drin. Umgeben von tausenden Todeselfen...“
„Zehntausenden“, sagte Fandra.
„Zehntausenden“, nahm sie die Worte auf. „Wie wollt Ihr zwei zehntausende Elben besiegen, ja, Todeselben gar?“
„So, wie ich es erklärt habe“, sagte der Bergkrieger. Er suchte den Blick von Eguial.
Die wich aus, mürrisch und bitter. „Ich halte auch nichts davon, Welpling. Aber dies ist Abrot, und ein jeder muss tun, was er kann, ein jeder muss bereit sein, ein Opfer zu bringen, auch wenn es das größte Opfer ist.“
Diese Worte ernüchterten die Anführer der Thuron und die Gefährten der beiden Waffenbrüder, nicht aber Arlic und Treanor.
Als Letzter der Gefährten aber sprach Sahed, der dem Sturmari gefolgt und sein Schicksal gefunden, dank ihm und dank Abrot. „Keine Sorgen mache ich mir um den Weltenwanderer und den Bruder Leichtfuß. Auch nicht durch die Gefahr von zehntausenden Todeselben, mit denen sie sich werden anlegen. Aber dass sie uns nicht mitzunehmen trachten, das halte ich für einen Fehler. Sogar für einen großen, meine Damen, meine Herren.“
Damit war alles gesagt. Marot aber, der die Wallfahrt anführte, die in Abrot die Welt retten würde, ließ Bier bringen und bot jedem an, zuallererst aber Fandra, die nun ungefesselt und bewaffnet zwischen ihnen stand. So standen sie und tranken.

„Vielleicht sollten wir ein, zwei Schritte zurück und von vorne reden“, sagte Marot schließlich. „Unser Ziel war es, den Sumpf zu durchdringen und das Tor zur Sechsten Hölle in unsere Hand zu bekommen, sehe ich dies richtig? Gut soweit. Dort wäre es uns möglich gewesen, die Mauer zu halten gegen den Ansturm der Dämonen, denn soweit wir wissen, wurde das Tor freiwillig geöffnet, denn die Sumpfwächter stehen in Pflicht und Schuld der Todeselben, und sie haben Fagrat, den Wächter des Fünften Kreises, unter ihrer Fuchtel. Nun aber sehen wir uns mit dem Sechsten Kreis direkt konfrontiert, weil ausgerechnet Golle, der Dämon, dort residiert, die Matriarchin der Todeselben entthronte und seinerseits zu Ruhm und Krone aufgestiegen. Und mitten in dieses Wespennest wollt Ihr hinein, Gefährten.“ So sprach er, es war eine Feststellung, als er Treanor und Arlic dabei besah. „Also genau das, was Ihr zwei am liebsten tut.“
Die beiden Getadelten grinsten einher.
„Lasset es mich so sagen: Wenn wir das Tor von der Fünften Hölle zur Grenzgängerstadt sichern, ist die Wallfahrt am Ziel angelangt. Ihr aber, Sir Treanor, Schwertmeister, wollt und müsst noch weiter,  weiter bis zum Neunten Kreise, eine Sache, die nahezu unmöglich erscheint, wenn Ihr Eure Existenz schon in der Sechsten Hölle erlöschen lasst.“
„Hm“, machte da der Schwertmeister. „Es ist vielleicht hilfreich zu verstehen, worum es uns geht, wenn Fandra ein wenig aus der Geschichte ihres Stammes plaudert.“
„DAS soll helfen? Die Geschichte der Todeselfen ist allgemein bekannt“, sagte da Ayla. „Sogar mir.“
„Vielleicht nicht die ganze Geschichte“, sagte da Fandra. Sie trat an den Kartentisch und nahm ein Stück Pergament; darauf zeichnete sie neun Kreise und benannte sie mit Namen. „Kennt Ihr alle den Grund, warum es Neun Höllen sind, und warum wir Todeselfen das Privileg haben, zwischen Sechster Hölle und der Welt zu wechseln, wann immer es uns einher passt?“ Ihr Blick ging zu Eguial, der Traumfresserin, und Ayla, die beide fortsahen. „Dies ist, weil wir Wächter sind.“
„Wächter für was?“, frug da Marot gespannt. „Denn ich gebe zu, von Todeselben habe wenig gehört ich in meinem Leben. Und dies währt schon sehr lange.“ Er hustete leise. „Währte.“
Nach diesem sehr offensichtlichen Witz lag leises Lachen in der Luft, und die Luft im Zelte wurde eine leichtere.
„Wächter, mein Hauptmann, um das Dämonentor zu bewachen.“
„Eine wirklich tolle Aufgabe, die Ihr auch herausragend erfüllt, wenn Ihr einen Dämon auf euren Thron Platz nehmen lasst“, spottete der Wachtmeister.
Diese Worte ließen Fandras Hände zu Fäusten werden, und das Malwerkzeug in ihnen zerbrach dabei in zwei Teile. „Ich und viele von meiner Art sind an Schwüre gebunden. Schwüre, die uns mehr als heilig sind, die uns mehr bedeuten als unsere Leben. Schwüre, die uns geholfen haben, die Last unserer Existenz zu tragen, denn das Privileg, ins Paradies einzugehen oder gar zu sterben und ins Nichts zu vergehen, wird uns nur sehr selten gewährt, seltener als dass ein Verdammter aus einer der Höllen aufsteigt. Und diese Schwüre binden mich an König Golle.“

Sie sah mit bitterer Miene auf die neun Kreise, dann, sehr langsam, atmete sie ein und aus und entkrampfte ihre Fäuste wieder. „Es begann lange vor dem Krieg mit den Dämonen. Es war die Zeit der Drachen. Die Drachen kamen in diese Welt und fanden sie vor wüst und leer, verlassen und tot. Aber das Land gefiel den Drachen. Die Berge gefielen den Drachen. Die Meere gefielen den Drachen. Also taten sie, was Drachen immer tun: Sie machten das Land urbar. Und als sie dem Land den Wald und dem Meer den Fisch geschenkt hatten, sahen sie, dass sie gut getan hatten. Dann schufen sie das Gras, und in das Gras setzten sie die Insekten. Als sie sahen, wie gut ihnen dieses gelungen war, gingen, flogen, krochen oder schwammen sie an das Tor, das sie in diese Welt gebracht hatte und riefen hinein, dass sie eine neue Welt geschaffen, und dass sie alles, was da lebte, kroch, schwamm oder flog in ihr willkommen hießen.
Und so kamen sie. Die Wölfe, die Rehe, die Haie, die Barsche, die Adler und die Tauben und vielerlei Tiere von vielen Welten, und auch von deiner Welt, Sturmari. Sie brachten Pflanzen mit und legten sie in die Erde oder ins Meer, alssodass die Vielfalt an Leben noch größer wurde. Dies waren die freiwilligen Einwanderer. Doch es gab auch unfreiwillige Einwanderer, namentlich die Alben.“
Sie trank einen Schluck Bier, um die Kehle zu schmieren, denn viel sprach ein Todeselbe nicht am Tag, und sie hatte schon die Worte für eine Woche verschwendet. „Die Elben sind Folger der Drachen. Manchmal dienen sie ihnen, manchmal kämpfen sie mit ihnen, manchmal sind sie Könige von gleichem Stand, aber immer, immer folgen die Elben den Drachen von Welt zu Welt und nehmen sie in ihren Besitz. Nun aber war es so, dass sieben Elbenstämme von sieben Welten einwanderten und hier leben wollten. Ihnen aber folgte ein achter Stamm, der auf der Flucht vor den Dämonen; und da die Dämonen ihre Welt verheert und abgetragen, suchten sie eine neue Heimat und brauchten eine neue Heimat. Dieses achte Volk waren die Hejedali, dies waren wir. Die Todeselfen.
Uns blieb keine Wahl, als zu fliehen, denn unsere einstmals blühende Welt war vom Hassdämon ins Chaos gestürzt worden. Und kaum war dies geschehen, waren die anderen Dämonen gekommen und hatten begonnen, an der Welt zu fressen. Als sich für uns so unvermittelt die Gelegenheit bot, der Zerstörung unserer Welt zu entgehen, da taten wir es auch. Wir kamen in diese Welt und brachen die Brücke hinter uns ab, ein für allemal. Und wir dachten, dass es damit gut war. Die Drachen nahmen uns freundlich auf, und die anderen sieben Elbenstämme wurden unsere Freunde. So verteilten wir uns auf die Welt. Aber, es blieb nicht so, wie es war. Denn die Dämonen folgten uns trotzdem, obwohl der Pfad verloren war. Dies taten sie, indem sie selbst einen Weg trieben. So aber entstand das Tor hier inmitten der Hölle.“
Sie deutete auf die Karte, auf den innersten Punkt, der mit hohen Mauern der Neunten Hölle umgeben war. „Versteht mich nicht falsch, Wallfahrer, die Tore zu den anderen Welten waren noch immer offen, die Wege begehbar, wenngleich sie selten genutzt wurden und werden, zum Beispiel von unsereins. Aber dieser Weg, dieser spezielle Weg, er erlaubte es den Dämonen, in ihrer Gesamtheit herüber zu kommen. Zumindest gelang ihnen das, bis wir das Tor geschlossen. Der Hassdämon war herübergekommen, der Angstdämon und der Kriegsdämon. Es gelang uns, den Hassdämon, der unserer Welt am meisten zugesetzt, dank unser Erfahrung mit ihm zuerst zu fassen und zu binden, und mit dem Siegel aller acht Elfenstämme warfen wir ihn auf ewig gebunden ins Meer. So glaubten wir zumindest, bis er in Tarans des Großen Zeit neu erwachte, aber dies ist eine andere Geschichte.
Gemeinsam mit den Drachen zerschlugen wir den Kriegsdämon in Millionen und Millionen Splitter, und diese verteilten sich über die Welt und verseuchten das Land – bis zu einem gewissen Grad. Krieg sollte nun immer ein Teil dieser Welt sein.
Der Angstdämon aber, er war der stärkste und größte Feind, denn niemand konnte mit ihm kämpfen. Also taten die Drachen das Einzige, was ihnen noch blieb: Sie buken Götter für diese Welt.“
„Moment, einher, Frau Todeselbin. Sie taten was?“, frug da Marot.
Fandra lachte leise. „Sie buken die Götter. Götter, dies sind Mächte jenseits allem, was wir kennen, und die Drachen sind jene Mächte, die sie ins Leben rufen können. Dabei aber verlieren sie oft ihre Macht, nicht selten ihre Leben, weshalb sie keinesfalls überall Götter herbeirufen. Oft sind auch schon welche da, aber diese öde Welt, die sie so vorgefunden, war bar jedes Lebens gewesen, und wenn es Götter gegeben, so zeigten sie sich nicht. Also gaben die sieben mächtigsten Drachen auf, was immer sie aufgeben konnten, denn Götter sind die einzigen Feinde, die die Dämonen überwinden können. Und dies taten die Götter auch.“
Sie zögerte. „Es führt zu weit zu erklären, was geschah und wie es geschah, aber aus einem halben Dutzend Götter wurden viele Götter mehr, und alle nahmen einen Aspekt des Lebens als den eigenen an. So besiegten sie den Angstdämon und zersplitterten ihn auch und schleuderten ihn übers Land, und so wurde auch die Angst ein Bestandteil dieser Welt. Die Splitter aber trafen auch die Götter selbst, und fortan spürten sie Angst. Die Angst war so groß, dass sie mit dem achten Stamm,  denen die Dämonen gefolgt, einen Pakt schlossen. Ohnehin unsterblich waren sie, und die Götter gaben ihnen einige besondere Dinge von vor allen anderen. So erschufen sie die Hölle rund um das Tor der Dämonen und setzten dieses Land in Phase.
Die Hejedali, mein Volk, war in der Lage, diese Phase zu betreten und wieder zu verlassen, wie und wann immer sie wollten. Sie sollten schanzen, eine Mauer errichten und das Tor einschließen. Dafür aber bekamen sie einen Liebeslohn, der mehr wert war als alles andere: Die Götter gaben ihnen die Macht, frei zwischen den Welten zu gehen, die mit dieser Welt verbunden waren. Sieben standen uns offen, und wir wanderten frei umher, wie immer es uns beliebte, oder wie es uns befohlen wurde. Die Phase aber war ein merkwürdiger Ort, der größer und größer wurde, und er hielt die Dämonen auch nicht wirklich ab. Denn so, wie das Weltenschiff die Welten wechseln kann, so konnten auch die Dämonen von unserer verderbten, verbrannten Welt, an deren Pfeilern sie gefressen, in diese und andere Welten gehen. So kam es zu den Kriegen zwischen den Drachen und den Dämonen.
Mein Volk hielt sich heraus, denn der Dienst an diesem Tor erschien ihm wichtiger als mit den Dämonen zu kämpfen. Dies war ein großer Fehler, denn die Drachen bezahlten einen furchtbaren Preis. Dies führte zum Schisma. Ein Teil meines Volkes sagte, dies sei richtig so, die Drachen haben die Gefahr unterschätzt. Andere sprachen, dass es falsch war, denn auch wenn die Wacht wichtig war, denn durch dieses Tor würden die Dämonen in ihrer Gesamtheit kommen können, hätten wir das Sterben der Drachen verhindern müssen. Auch die Götter sprachen so, sahen aber auch ein, wie wichtig die Wacht ist. Drum halfen sie, diesen Ort weiter zu rüsten und sandten die Seelen jener, die geläutert werden mussten, hierher, damit sie bei der Wacht an der Schanze halfen und mit der Finsternis ihrer Seelen ein weiteres Bollwerk erschufen.“

Wieder pausierte sie für einen Schluck. Wieder sah sie die Herrin des Güldenen Meers und die Traumfresserin ernst an. „Auch hier in aller Kürze: Natürlich hatten die Dämonen weiter ihre Wege offen und natürlich kamen sie mal mehr, mal weniger in diese Welt. Einmal waren sie genug, um den Hassdämon wieder zu erwecken, wenn auch nicht für lange. Aber hier entstanden nach und nach neun Wälle rund um das Tor, einer höher als der andere. Das Tor aber war damit nicht einverstanden und lockte die dunklen Seelen der Gefallenen, auf dass sie die Schanze brechen würden. So entstanden die inneren Kreise Neun, Acht und Sieben, die bald schon nicht mehr kontrollierbar waren, weil das verderbteste, niederste Volk dort versammelt war, nur wenige zuerst, aber mehr und mehr werdend durch die Jahrtausende. Den Sechsten Kreis aber, den nahmen wir ein, die Hejedali, und wir begannen unsere Wacht nicht nur gegen die Dämonen, sondern auch gegen die Finstersten der Finstersten. Da wir aber nach Belieben die Welten wechseln konnten, beschlossen jene, die uns vorstanden, dass ein jeder Hejedali einen Eid schwur, dass er oder sie trotz allem wieder einkehrte für eine Zeit in seinem Leben, um Wacht zu halten. Und so wandern wir die Welten, die uns offen stehen, aber kommen auch zurück in den Sechsten Kreis, um Wacht zu halten. Und drum weil wir nicht sterben und weil wir diesen Ort betreten und verlassen können, nennt man uns die Todeselben.“
„Jetzt“, sagte Arlic leise, doch hörbar genug. „Jetzt kommt der Part.“
„Die beiden Fraktionen aber, sie bestanden weiterhin in meinem Volk. Und bis heute bestimmen sie die Politik inmitten der Hejedali. Dabei aber unterstanden sie dem Wandel wie alles, was lebt. So wurde die Fraktion der Helfer die Fraktion der Soldaten, der Jäger und der Gefolger, so wie ich es bin, während die andere Fraktion, jene wurde die einst über die Drachen und ihre Schwäche gespottet hatte, und nun sich aufschwang, um diesen Ort in Gänze zu beherrschen, jene der Herrscher, der Anführer, der Priester, jene des Königsclans. Sie heißen Arbi und Reillan, und die Eide binden die Arbi an die Reillan, und die Reillan tun ihren Dienst auch immer im Sinne der Arbi, oder sie versuchen es zumindest. Sie tun dies immer in guter Absicht, aber nicht immer mit gutem Ergebnis.“
Da lachte der Sturmari auf. „Und so ist der Weg in die Höllen gepflastert mit guten Absichten“, schloss er, und Fandra nickte dazu.
„Als nun ich, die Oberste Jägerin, ausgesandt wurde, den Sturmari zu töten, denn eine Gefahr für den Stamm sah man in ihm, und darin versagte, bedeutete dies Schande für mich. Eine Schande, die ich Jahrhunderte mit mir trug. Die Matriarchin zürnte mir für mein Versagen sehr lange. Dann kam Golle und versprach den Reillan die Herrschaft über die ganze Hölle und über die acht Welten, die miteinander verbunden, die sie ohnehin betreten konnten wie immer sie wollten, wenn sie nur die Dämonen passieren ließen, denn wenn die Götter nicht stark genug waren, wieso sollte man ihnen dienen? So stürzte er die Matriarchin und wurde selbst König, gestützt von den Reillan, die sich nun nahe am Ziel sehen. Zwar gab es Bedenken bei den Arbi, vor allem, als Heer auf Heer der Verdammten aus den inneren drei Kreisen durch unsere Stadt marschierten, aber der Erfolg gab Golle Recht. Und hier stehen wir nun. Dies ist meine Geschichte.“

„Mit etlichen unterschlagenen Details“, tadelte Eguial.
„Ich sagte nicht, dies sei die ganze Geschichte“, räumte Fandra ein. „Kurz wollte ich mich halten, und dies ist das Ergebnis.“
„Und dies ist alles, was wir brauchen, um Golle zu besiegen, die Sechste Hölle zu befreien und die Wallfahrer an der Mauer zur Siebten Hölle schanzen zu lassen, Seit' an Seit' mit den Todeselfen“, sagte Sir Treanor.
Da griff sich Togrir noch einmal an den Kopf und schüttelte ihn. „Wie, Sir Treanor, lautete noch einmal der Plan?“
„Wir lassen uns gefangennehmen und von Fandra vor Golle schleppen. Dort werden die Dinge ihren Lauf nehmen.“
„Dies wird nimmer gelingen, Schwertmeister“, sagte der Wachtmeister scharf. „Schon bevor Ihr gegangen seid, wird es die Runde machen, was man hier gesehen. Und in der Sechsten Hölle wird man wissen, wie unmöglich es sein kann, dass Fandra, die Gefangene, nun selbst gefangen haben kann, und dann auch noch den Weltenwanderer und den Schwertmeister.“
„Dann sollten wir keine Zeit mehr verlieren!“, rief Treanor. Er trank sein Bier leer und sprang auf. „Kommt, meine Schöne. Wir wollen nicht lange damit warten, die Sechste Hölle zu befreien. Und Ihr, Marot, marschiert zum Tor der Sechsten Hölle. Kein Jemand wird sich um die Wallfahrer kümmern, wenn Fandra den Schwertmeister und mich als Geschenk darbringt.“
Darauf nickte Marot, der getötete Albenfürst. „Der Aufstieg wird vielen von uns sicher sein.“
„Hoffentlich erst, nachdem wir die Dämonen aufgehalten“, murrte Togrir. „Und was ist mit den Heeren, die die Sechste Hölle durchquert? Wo finden wir sie, wo finden sie uns?“
Fandra lächelte unergründlich. „Die meisten sind noch auf dem Marsch, denn die Arbi haben ihre Wege länger gemacht als sie eigentlich sind. Den Rest habt Ihr fast gänzlich zerschmettert und in alle Richtungen verstreut. Was davon übrig war und die Mauern zur Dritten Hölle angerannt, wurde von den Streitkräften des Paradies vernichtend geschlagen. Es ist also Zeit.“
„Und wir haben nicht um Erlaubnis gefragt“, fügte Arlic Zan in Richtung des Wachtmeisters hinzu. „Wir haben erklärt, wie wir vorgehen wollen.“
Daraufhin brummelte Togrir vor sich hin. „Dass wir nicht mitkommen dürfen, ist nicht gut.“
„Führe die Thuron für mich sicher und gut“, sagte Arlic Zan da und legte dem Wachtmeister eine Hand auf die Schulter. „Bring sie zu mir, versprich mir das.“
Und so versprach er es.
Der Ban-Tarner winkte Eguial zum Abschied zu und verließ dann mit Fandra und Treanor das Zelt. So hatte man sie gesehen ein letztes Mal vor der Sechsten Hölle.

Alsdann den Sumpf der Zornigen Seelen hinter sich lassend, erreichte Fandra, den Ban-Tarner und den Sturmari lose gefesselt und mit einem Joch behangen, das Tor zur Sechsten Hölle und begehrte Einlass. „Dies sind der Sturmari und der Schwertmeister, eingeschworene Feinde von Golle, unserem König“, sagte sie den Wachtleuten. „Ich bringe sie als meinen Tribut, um meine Ehrschuld zu tilgen.“
Der Wachtmann, ein Arbi wie sie, hob eine Augenbraue, und sah sie mit Unglauben an. Das weiße Stück seines Gesichts legte sich in Falten. „Dies kann nimmer sein.“
„Und doch ist es so“, widersprach Fandra. „Gib Einlass!“
„Ihre Waffen tragen sie noch“, begehrte er auf.
„Und doch sind sie durch Schwur gebunden, diese nicht gegen die Arbi oder gegen Golle zu zücken oder gar zu benutzen, sowie sie mir folgen werden bis vor unseren König“, sagte sie scharf, klar und wütend. „Nun gib Einlass!“
„Nicht gegen die Arbi, sagst du, Oberste Jägerin? Dann gestatte mir, dir fünfhundert meiner besten Arbi mitzugeben, aufdass sie dir bei deiner Aufgabe helfen.“
„Fünfhundert gleich“, staunte da Arlic Zan.
„Gib Ruh'!“, forderte da Fandra und zog am Seil, das um seinen Hals lag. „Schicke deine fünfhundert Arbi ruhig. Sie sind mir recht.“
So geschah es, und fünfhundert Todeselfen nahmen die Oberste Jägerin und die beiden Krieger in ihre Mitte. So passierten sie das Tor und betraten die Stadt im ewigen Nebel, die die Sechste Hölle war. Dort ging es durch die Straßen, an dem Volk vorbei, das wie in allen Höllen bunt gemischt, das mit Staunen auf die Gefangenen sah, welche mit so viel Aufwand bewacht wurden. Wer mochten die beiden Männer sein, dass sie augenscheinlich derart gefährlich waren?
Die Fünfhundert und drei kamen schließlich zur Burg, der Sitz der Matriarchin, die entmachtet von Golle war, wo kein Nebel herrschte. Auch dort begehrte sie Einlass, und er wurde ihr und ihren fünfhundert Wachen gewährt.
Schließlich und endlich betrat sie mit ihrer Beute den Thronsaal, in dem fünfzig Reillan auf sie warteten – und Golle darselbst, der Sohn des Dämonenkönigs Moared.
So traten sie vor Golle, der wohl auf der Hut war und sich schirmen ließ.
Da knuffte Sir Treanor dem Gefährten in die Seite und sagte laut genug, dass alle ihn hörten: „Nun sieh ihn dir an, den Dämonenkönig. Da lässt er sich schirmen von fünfzig Reillan und fünfhundert Arbi, und trotzdem schaut er uns an, als würden wir jede Sekunde über ihn herfallen.“
„Oder als würde Nienne in jeder Sekunde aus den Schatten treten und ihm meinen Ogertöter ins Fleisch rammen“, fügte der amüsiert an.
Diese Worte brachten Golle doch dazu, sich nervös umzuschauen, denn Nienne war es gewesen, die ihn besiegt, ihm die Hand abgeschlagen und ihn gezwungen, seinen geraubten Leib aufzugeben und zu fliehen. „Verschlagen seid Ihr, trickreich und gerissen!“, sagte er da mit lauter Stimme. „Wohl tue ich daran, euch alles zuzutrauen!“
„Sogar, fünfhunderteinundfünfzig Hejedali und einen Dämonenkönig zu besiegen?“, frug Arlic Zan. „Sind wir zu so einer Zauberei fähig, Bruder?“
„Ich weiß es nicht. Sind wir es, Bruder?“, frug Sir Treanor zurück. Dabei trat er einen Schritt nach vorne, und die ganze Front an Reillan zuckte ein Stück zurück und auch Golle auf seinem Thron ruckte entsetzt nach hinten. „TÖTET SIE!“, rief er aus. „TÖTET SIE JETZT UND HIER!“
Und allerlei Waffen wurden gezogen und auf die beiden Gefährten gerichtet.
„Wie dem auch immer sei!“, rief da Fandra. „Ich tat, wie mir befohlen, hier stehen der Weltenwanderer und der Schwertmeister! So gib mir meinen guten Ruf zurück, König Golle!“
„Deinen guten Ruf zurückgeben, wenn du mir die Brut der Verderbnis mitten in den Thronsaal schleppst? Gehe und kenne deinen Platz, Arbi! Bessere als du werden deinen Platz einnehmen!“, donnerte die Stimme des Dämonen durch den Saal.
Die Miene der Todeselbin verfinsterte sich. „So betrügst du mich, König Golle?“
„Ich betrüge dich, so wie du versuchst, mich zu betrügen“, erwiderte der Dämon mit einem Lächeln, das ihm aber nach und nach im Gesicht erfror. Denn während er mit Fandra geredet, hatte Sir Treanor einen Ring gezückt und aufgesetzt. Diesen hielt er nun noch, und sein Glanz war im ganzen Saal zu sehen. „Einen Schwur taten Arlic Zan und ich, weder einen Arbi, noch Golle ein Leid zuzufügen, und daran halten wir uns.“ Dazu lachte er ein Lachen, das seinen Worten pure Lügen strafte. „Denn im Namen Jelowans, dessen Siegelring ich trage, befehle ich euch, Arbi: Umringt Golle und ringt jeden, der euch daran hindern will, nieder!“
Der Glanz des Rings pulsierte, erfüllte fast den Saal, denn gefüllt war er mit der Macht eines Gottes.
Da hob Fandra den rechten Arm und deutete auf Golle und die Reillan. „VORAN, ARBI!“

Und bevor sie es sich versahen, wurden die Reillan von den Arbi davon gedrängt, fortgedrückt und der Thron umrundet. Dutzende Schwerter und Speere richteten sich auf den Dämonen, der wie festgeschweißt auf dem Throne saß und keinen Finger rührte. „Tötet mich ruhig. Umso mächtiger werde ich sein, wenn ich wiederkehre“, zischte er.
„Niemand wir dich töten, Dämon, zumindest kein Arbi, und auch kein Weltenwanderer und kein Schwertmeister“, sagte da Arlic Zan. Er und Sir Treanor warfen das Joch ab, das sie gebunden hatte, und gemeinsam traten sie näher, ungehindert von Arbi und Reillan. „Zumindest nicht hier, nicht jetzt.“ Er sah Treanor an. „Was meint der tapfere Weltenwanderer?“
„Dass es Zeit ist, diesen Thron zu räumen und einem Fähigeren zu geben.“ Er deutete auf einen Arbi, der am Thron stand. „DU!“
Der erschrockene Elbe sah auf, folgte dem Wink des Weltenwanderers und kam zu ihm und dem Achtelelb. Dort sprach der Sturmari leise und knapp auf ihn ein und schickte ihn zurück.
Sir Treanor aber hob erneut die Hand – und winkte dem Dämon. Auch der Ban-Tarner winkte ihm.
Golle sah sie erstaunt an, wie man Narren ansieht, von denen man dachte, noch dümmer konnten ihre Taten nicht sein. „Was, zu allen Dämonen, tut Ihr da?“
Treanor sagte: „Wir winken dir zum Abschied. Dies tut man, wenn jemand eine Reise macht.“
„Eine was?“, frug Golle naiv, doch dann begriff er, wollte aufspringen wollte fliehen, aber da verschwanden schon er und alle Arbi, die rund um ihn standen.
Arlic Zan aber schritt bis vor den Thron und machte eine einladende Geste. „Golle hat die Matriarchin besiegt, aber er war nicht stark. Ergo muss die Hejedali, die ihn besiegt hat, stärker als er sein und stärker als die Matriarchin. Drum nehmt Platz, Fandra, Königin der Todeselben.“
„Das war so nicht geplant!“, zischte die Oberste Jägerin, trat aber auf Arlic Zan zu und setzte sich, als Königin.
„Doch war es nötig, denn die alte Herrin wäre nicht wieder akzeptiert worden. Du aber, die du durchgehalten hast, Spott und Schande ertragen hast und dann beide besiegt hast, Golle und deine alte Königin, du bist akzeptiert.“ Der Ban-Tarner sah ins Rund der Arbi und der Reillan. „Drei Hurra für Königin Fandra!“
So donnerten drei Hurras durch den Saal und durch die Stadt. Der dämonische Ursupator war fort, und eine echte Hejedali saß als Königin auf dem Thron.
***
Golle indes und fünfzig Arbi wechselten den Ort, verließen die Hölle. Sie kamen auf einer grünen Wiese in die Welt, die vor einer stabilen Trutzburg im Schatten eines Berges lag. Die Todeselben hielten sich nicht lange auf, nachdem sie Golle hergebracht, und mit Hilfe der Gabe, die die Götter ihnen gegeben, verließen sie diesen Ort wieder, den Treanor ihnen genannt, nach der strikten Anweisung, nicht zu verweilen. So stand Golle alleine auf der Wiese und konnte sein Glück kaum fassen. Da war er also. Ungebunden und in der Welt losgelassen. Er spürte den freigelassenen Hassdämon, er spürte die niederen Dämonen in der Erde, auf der Erde und in der Luft. Und er schmeckte die Möglichkeiten, die sich ihm boten. Unbesiegt war er, frei, und bereit, den Pfad für die Dämonen zu bereiten, auch von hier aus, denn eigentlich getan war seine Arbeit in der Sechsten Hölle.
Sogleich wollte er anfangen, wollte nach Tarania zurückkehren und sein finsteres Werk weiter voran bringen, als er eine Stimme hinter sich sagen hörte: „Golle, ist es nicht richtig?“
Und er kannte die Stimme. Langsam, zögerlich, drehte er sich um. Hinter ihm lag Hafnir auf dem Gras, der Drache, der tot sein sollte. „Dies ist wahrlich der schlechtmöglichste Ort für einen Dämon, um diese Welt zu betreten.“
Erblassend und seine eigene Schwäche spürend stammelte der Dämon: „Arlic Zan... Sir Treanor...“
Der Drache lachte auf, laut und kehlig. „Dann verstehe ich natürlich, was und wie du hergeführt wurdest, Dämon. Nun, machen wir es kurz.“ Das Maul des Drachen ging auf, die Zähne schnappten zu, und der Dämon in der Gestalt eines Menschen wurde einmal quer durchgebissen. Dann schnappte der Drache nach, warf sich so beide Teile des Dämons in sein Maul und zerkaute das, was übrig war, so gut er konnte, bevor er die Reste Golles verschluckte. Dämonen. Lagen schwer im Magen, hatten keinerlei Nährwert, gaben einem Sodbrennen und anderes Brennen und verdarben einem tagelang die Freude am Essen. Aber es gab nichts, was genugtuender war, als sie ein für allemal von dieser Welt zu tilgen. Drum war es das wert, fand Hafnir.
„Womit“, murmelte der König der Drachen, „werdet ihr mich noch überraschen, Weltenwanderer, Schwertmeister?“
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