Die Heldenfahrt

GeschichteAllgemein / P12
07.08.2017
01.10.2018
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Alexander Kaiser: Der Sage dreiundvierzigster Vers

So waren also die Dinge. Golle, der Sohn Moareds, dem Anführer der Dämonen, regierte die sechste Hölle als König. Die sechste Hölle hatte einst als letzter Kreis gegolten, der regierbar gewesen. Die Todeselfen unter ihren Königen, die zwischen den Welten zu wechseln vermochten, waren dafür der Garant gewesen. Wenn auch keine Verbündeten, so waren sie doch zumindest immer neutral gewesen für das Recht, über die Geknechteten zu herrschen, wie immer es ihnen beliebt hatte. Doch jetzt waren sie, war die ganze Hölle im Sechsten Kreis als Feind anzusehen.
Arlic und Treanor hatten von Nienne, der Schattengängerin, vom Dämon Golle im Leibe eines Klerikers in Tarania erfahren, und wie sie ihn mit Hilfe des Ogertöters des Ban-Tarners hatte vertreiben können. Es erschien nur logisch, dass ein Dämon, der nicht im Zentrum der Höllen gefangen war, kurz vor Abrot sich eine solch mächtige Basis errang; nur was war mit der Königin der Todeselfen, die heuer regieren sollte? Arlic beschloss, dies mit all ihren Gefährten zu besprechen, so diese waren: Togrir, der Wachtmeister; Eguial, die Traumfresserin; Sahed von den Sandteufelvernichtern, der letzte Sohn des Stammes; Ayla, Königin des Güldenen Meeres, eine Fee; und natürlich Treanor von Stormarn, dem Weltenwanderer, der sich in die Hölle selbst geträumt, gar selbst.
„Danke für diese Kunde, Markon“, sagte Treanor. „Unsere Schlüsse werden wir daraus gewiss ziehen.“
Der Krieger der Vierten Thuron trank auf. „Wenn ich helfen konnt', so bin ich froh. Entschuldigt mich jetzt, Ihr Tapferen. Die Thuron braucht Führung, auch wenn alles ruhig scheint.“
So verabschiedete er sich und so ging er fort. In den Ohren Treanors und Arlic Zans klang aber nicht nur die Nachricht nach, dass Golle wieder aufgetaucht und nun großen Schaden würde anrichten können, auch hallte die Geschichte vom Aufstieg Rakhas und Fjondars, der ihnen Trost und Hoffnung gab. Hoffnung für den langen, beschwerlichen Wege durch die nächsten fünf Höllen, näher an ihr Ziel, das Siegel, das die Dämonen von der Welt fort sperrte.

„Meister Arlic?“, sprach eine raue, alte Stimme den Ban-Tarner an, der gerade den letzten Tropfen Biers aus seinem Kruge nahm. Wenige Stunden nur war die Schlacht am Tor zwischen Dritter und Vierter Hölle her, aber sie fühlten sich an wie Tage. Auch seit er sich mit Treanor von den Beratungen zurückgezogen hatte, schien unendlich viel Zeit vergangen zu sein; denn beide wollten weit tiefer in die Hölle als die Wallfahrer, drum stand ihnen im Rat keine Stimme zu, zu entscheiden, wie weit man gehen sollte, so war die Meinung der beiden, und diese Meinung wurde respektiert. Die Wallfahrer bestimmten für sich selbst, und Arlic und Treanor würden sie so weit begleiten, wie diese vorstießen, und dann ihren Weg weiter fortsetzen. Denn dies war Abrot, die letzte Schlacht um die Welt, um Paradies, Hölle und die Sphäre der Götter.
„Wer spricht?“, frug Arlic. Er sah auf. Ein kleiner, dürrer Mann stand vor ihm, dem der Wappenrock der Wallfahrer um die Knochen schlackerte, auch wenn kein Wind ging. Nein, entschied Arlic, dies war eine Frau. Eine uralte, knochige Frau.
„Ranrem ist mein Name, Herr. Ich bin die Webmeisterin und haben diesen Mantel mit diesen meinen Händen für Euch gewebt.“ So sagte sie, und so hielt sie dem Ban-Tarner einen schwarzen Umhang hin, der aussah, als sei er aus schwarzem Brokat. Doch in Wirklichkeit bestand er aus Dunkelheit, aus den verdorbenen Teilen der Bösen und Verlorenen, und dieser Umhang, der in eine dünne Schicht Licht gegürtet war, damit die Teile dem Träger nicht schaden konnten, sollte es ihm ermöglichen, auch dann noch tiefer in die Höllen vorzustoßen, wenn sein Wille eigentlich nicht mehr ausgereicht hätte.
Arlic Zan nickte seinem Freund und Bruder Treanor von Stormarn zu und erhob sich. Er ergriff den Umhang und zog ihn über Vowelt, den lebenden Zaubermantel aus der Ersten Hölle. Er sah schwer aus, aber er war leichter als die Luft. „Habe Dank, Webmeisterin Ranrem. Vielleicht hast du etwas gewebt, was Abrot aufhalten wird.“
„Das weiß ich wohl“, sagte sie. „Drum habe ich diesem Mantel mein Alles gegeben und mein bestes Stück gemacht. Es ist der dickste Mantel, den ich je gewebt habe.“

Arlic Zan sah die alte Frau an und ergriff ihre Hände. Er zog sie zu sich heran und öffnete die Hände. „Einen hohen Preis hast du bezahlt, Webmeisterin“, sprach er. Sie waren fast schwarz, vergiftet von der Dunkelheit, vom Schlechten. Es erschien dem Ban-Tarner ein Wunder, dass die Frau nicht längst dem Verderben anheim gefallen war und noch immer vor ihnen stand.
Sie sah fort. „Das ist nichts, Herr. Ich webe schon so lange und war auf so vielen Wallfahrten, das Verderben war und ist mein täglicher Begleiter. Ich bin es gewohnt und kann es kontrollieren. Dies erlernt man nach ein paar tausend Jahren.“
Arlic Zan strich über die Dunkelheit, die ihm, der gar nicht in der Hölle sein musste, nichts anhaben konnte, aber sie blieb, egal wie hart er rieb. „Ein paar tausend Jahre. Dann hast du Taran noch gekannt?“
Sie sah ihn wieder an, überrascht und erstaunt. „Du weißt...?“
„Ich vermute, Mernar Zaubersegen. Und du hast es nun bestätigt.“

Arlic ließ ihre Hände fahren und senkte sein Haupt in Respekt vor ihr. „Du musst nicht in den Höllen sein, Magica, nicht?“
„Nein“, gestand sie. „Aus freien Stücken bin ich hier, sodass ich die Dunkelheit weben kann, ohne dass sie mir etwas tut. Und geschworen habe ich dies zu tun, bis wir in Abrot siegen.“
„Bruder? Willst du mir die Webmeisterin nicht vorstellen?“, fragte Treanor.
„Als ich den Namen Ranrem hörte, dachte ich gleich an ein Anagramm oder einen umgekehrten Namen. Als ich aber die Hände voller Dunkelheit sah, die aber unsere Weberin nicht verheeren und in den Abgrund reißen können, war mir klar, dass die Wallfahrt schon immer großartige Helfer hatte und auch heute hat. Immerhin war auch Eguial schon auf der einen oder anderen“, wies er auf seine Gefährtin, die Traumfresserin, hin.
„Wen also haben wir hier vor uns?“
Die alte Frau sah den Weltenwanderer einen Moment an, so als sähe sie ihn zum allerersten Mal, dann neigte sie das Haupt vor ihm. Als sie wieder aufsah, war das Alter verschwunden und einer strahlenden Jugend gewichen. Die Frau vor ihnen war nicht die schönste, die sie je gesehen, aber sie war jung. „Wie der junge Welpe es schon gesagt hat, bin ich Mernar Zaubersegen.“ Sie nahm eine Hand in ihr Haar und strich es zurück. Spitze Ohren waren zu sehen. „Einst war mein Name Mernar von Mellengadrir, und eine große Schuld lud ich auf mich. Als die Drachen und die Dämonen den zweiten Krieg ausfochten und so viele tapfere Elben an der Seite der Drachen kämpften, war ich es, die mein Volk, die Mellenner, in die Festung unter der Erde führte und die Zugänge versiegeln ließ. Dort warteten wir die Kämpfe ab, ohne unseren Teil der Hilfe zu leisten, obwohl es auch um unsere Welt ging.

Als das Toben vorbei war, da öffnete ich die Pfade wieder und fand den ganzen Kontinent Mellengadrir stark vertobt vor. Die Leichen von Drachen und Dämonen waren weit über das Land verstreut, doch viele waren es nicht. Da dämmerte mir, dass wir so vielen Drachen die Leben hätten retten können, wären wir nur geblieben und hätten wir gekämpft.
Ich entschloss mich, da es meine Entscheidung gewesen, all die Schuld auf mich zu nehmen und sie abzudienen. So gab ich mein Oberhaupt an meine Schwester ab, sagte mich von meinen Mellennern los, damit sie mir nicht folgen würden, und schritt über das Meer und über die Kontinente auf der Suche nach Hafnir, um in seinem Dienst Buße zu tun. Und Hafnir befahl mir, das neue Volk zu beschützen, das diese Welt erreicht hatte: Die Menschen. So diente ich viele hunderte Jahre lang als Weggeber und Berater des Menschenvolkes und nahm den Namen Mernar Zaubersegen an. Denn ich gründete die Schulen der Magie, die viel Segen für das Neue Volk brachten. Dann starb ich an Alter, kurz bevor mein bester Schüler, Taran, den man heute den Großen nennt, Tarania gründete und den Menschenvölkern den Frieden brachte.
Hier, im Jenseits, war mir mein Platz im Paradies sicher. Und so wie du, Schwertmeister, wollte ich ihn nicht annehmen, da in meinen Augen meine schwere Schuld noch nicht beglichen. Drum ging ich in die Höllen und versuchte auch hier zu dienen und meine Schuld zu begleichen. So wurde ich die Webmeisterin, die die Umhänge aus Finsternis erstellt und andere diese hohe Kunst lehrt, welche die Wallfahrer weiter in die Höllen vordringen lässt als sie eigentlich könnten. Aber es ist nicht genug. Es ist nie genug. Niemals ganz genug.“ Sie ballte die Hände zu Fäusten und sah zu Boden.

Arlic Zan aber ergriff wieder ihre Hände. „Sieh auf, Mernar Lichtblick. Sieh auf und schau mich an.“
Sie tat wie geheißen, und Arlic Zan gab ihr einen Kuss. „Nimm dies hin als mein Pfand und mein Siegel dafür, dass der, der Hafnirs Atem trägt, deinen Dienst anerkennt und jedem Gotte gegenüber bestätigen wird, wie gut du gedient hast. Denn dies ist Abrot, und mit diesem Mantel mag mir gelingen, was ich plane. Doch dies hast du gewusst, nicht?“
Die nun jung anzuschauende Frau sah den Achtelelben voller Wehmut an. „Als ich mein Volk unter die Erde geführt, war ich blond wie der Neumond. Als ich aus der Erde hervor trat, war ich rot wie die untergehende Sonne. Als ich in die Hölle trat, war ich schwarz wie eine Sturmnacht. Deinen Pfand, Schwertmeister, nehme ich gerne, doch lindert er mich nur.“
Da trat Treanor vor und nahm ihre Hände von Arlic Zan ab. Er küsste ihre Hände mit Inbrunst, denn verdient hatte Mernar sich dies. „Mernar Lichtblick soll in der Tat dein Name sein, und bis zum Ende von Abrot sollst du dienen und allem, was gut ist und die Dämonen zurücktreibt, Rückgrat und Halt sein. So spricht Treanor der Träumer, der sich bis in die Höllen geträumt hat. Doch ich weiß, dass dies nichts nützen wird, denn dein größter Feind hält dich, der du doch jederzeit ins Paradies gelangen kannst, hier in den Höllen gefangen.“
Arlic Zan zog die Klinge der Ersten Hölle, die sein Vater ihm gegeben, Lokket. „Wo?“, brauste er. „Wo ist dieser ruchlose Feind, der Mernar daran zwingt, hierzubleiben?“
„Hier ist er“, sagte da die Elbin mit tonloser Stimme und hob die Hand, um sich zu diffamieren. „Hier, ganz allein hier ist er. Ich bin es selbst, denn ich selbst halte mich hier fest und finde das, was ich tue, nie für genug. Keine Tat reichet mir, um mir zu vergeben.“

Sir Treanor zog an ihren Händen, sodass sie ihm ganz nahe kam. Kaum ein Haar hätte zwischen die Nasenspitzen der beiden gepasst. „Doch du bist dabei, so etwas zu tun, was vor deinen eigenen Augen ausreicht, nicht? Ich sehe die Wut über dich selbst in deinen Augen, die Verzweiflung darüber, dass nie etwas vor dir selbst genug ist. Aber ich sehe auch den Funken der Hoffnung in ihnen funkeln.“
„Nun, da Ihr das ansprecht, Sturmari...“, sagte sie, löste eine Hand und griff in einen Beutel, „so habe ich diesen für Euch genäht. Und einen weiteren für jeden Gefährten, auch für den tapferen Twahreg, der Euch weiterhin begleiten wird. Nicht so stark wie jener vom Schwertmeister sind sie, weil sie das nicht müssen.“
„Sprich, Frau. Aufmerksam wollen wir dir lauschen.“
Arlic Zan stak sein Schwert wieder weg und nickte. „Wir werden zuhören.“
Da fasste sie sich ein Herz, gürtete Treanor mit dem Umhang aus Finsternis und Licht und gab ihm dabei einen Kusse, der aus ihrem Herzen kam. Dann ließ sie von ihm ab. „Ein Gesicht wurde mir gesandt, vom Träumer selbst, von Draumar, mit dem Auftrage, so viel davon zu verraten, wie mir angemessen erscheint. Ein Wort zu wenig, und Ihr, Sir Treanor, werdet vergehen. Ein Wort zu viel, und Ihr werdet vergehen.“
„Ich nicht?“, frug Arlic da.
„Dein Schicksal, junger Schwertmeister, wurde mir im Gesicht nicht ganz offenbart. Ich sah dich, aber nicht weit genug. Nur bis zur großen Sünde, die du in der Neunten Hölle aufgezwungen bekommst.“ Wehmütig, schmerzerfüllt wurde ihr Blick. „Drum will ich sprechen, so weit wie ich mich traue, in der Hoffnung, im richtigen Wort zu enden.“
Treanors Miene wurde hart. Wieder war ein Gott im Spiel, und wieder fühlte er sich wie ein Spielball dieser Mächte. Er tröstete sich selbst damit, dass eine solche Hilfe in Abrot wichtig und richtig war, auch wenn er sie nicht mochte und sich vorkam wie eine umher geschobene Spielfigur. „Sprich dann, Mernar Lichtblick. Sag mir, soweit du es wagst.“

Da atmete sie tief ein, fasste sich ein Herz, versagte doch, und setzte erneut an. Ihr Blick ging zu Sir Treanor, und er war erfüllt mit wilder Hoffnung und großem Schmerz. „Ihr, Sir Treanor, seid nur im Traume hier, aber dies ist unwesentlich in einer Welt, in der wir alle nur Träume ohne Körper sind. Drum mag Euer Ende hier in dieser Hölle kommen, und ich kann nicht sagen, wie und wann. Ich weiß aber zwei Dinge, die das Gesicht Draumars mir verraten: Die erste Sache ist, dass Ihr, Sir Treanor, mit Euren Gefährten von Arlic Zan und dem Wachtmeister getrennt, in der Siebten oder Achten Hölle, denn obwohl teuer Ihr bezahlt, die Todeselfen sollt Ihr überwinden. Die zweite Sache ist, dass Ihr am Tor zur Neunten Hölle wieder zusammenfindet. Dort soll sich Euer Schicksal entscheiden und in der Hand Eures Bruders wird es liegen. Wenn Ihr hier in den Neun Höllen verloren geht, Sir Treanor, ist das gleich mit dem Tod, und auf ewig werdet Ihr ein Schatten sein, der die Finsternis durchwandert. Meidet dieses Schicksal und sucht Euren Bruder Arlic.“

Der Schwertmeister und der Bogenschütze tauschten einen Blick, weil Mernar Eguial nicht genannt. Hieß das vielleicht, sie war der Preis, der in der Sechsten Hölle bei den Todeselfen zu bezahlen ward? Dies dachten beide, und beide schienen nicht dazu bereit. „Weiter. Was habt Ihr noch gesehen? Wie weit wird uns Sahed begleiten? Wird Ayla uns begleiten, wird sie ihren Gatten finden?“
Da lächelte die tote Elbin das erste Mal. „Nein. Sie wird ihn nicht finden, und dann doch. Bedenkt, Sir Treanor, sie ist im Leibe hier in der Hölle, nicht nur bloße Gedanken und Magie wie unsereins. Ihr Schicksal wird sich erfüllen, und es wird nicht schlecht sein.“
„Aber auch nicht gut?“, frug Arlic mit schroffer Stimme.
„Teils, teils. Ich denke, es wird gut sein. Gut genug.“ Ihr Lächeln verblasste. „Gut genug, Ayla.“
Sie sah wieder auf. „Dies ist alles was ich gesehen von Draumar, und was ich wage zu berichten. Die Zeit wird zeigen, ob ich gut getan habe. Um Eurer Willen, Sir Treanor, wünsche ich vom ganzen Herzen darum.“
„Ich muss gestehen, du machst mir ein wenig Angst, junge Dame“, lachte der Sturmari da. „Aber wenn es Vertrauen in meinen Bruder ist, was ich brauche, dann sage ich, daran mangelt es mir nicht.“
Dies ließ sich doch wieder lächeln. Sie verbeugte sich mit einem tiefen Knicks vor den beiden. „Dann habe ich alles gesagt, wie es scheint. Drum gehe ich, mit Eurer beider Siegel bekleidet, zurück zu meiner Aufgabe, die ich bis zum Ende von Abrot inne halte. Mein Herz ist leichter, jetzt wo ich Euch gesprochen habe. Vielleicht reicht es, um mir selbst zu verzeihen.“
Sie sah auf aus ihrem Knicks und war wieder alt, uralt. Doch währte das nur für eine Sekunde, und als ihre Augen jene des Achtelelben und des Sturmaris trafen, da war sie erneut jung vor ihnen. So schritt sie fort, und die beiden dachten, dass sie sich vielleicht schon ein wenig mehr verziehen hatte.

Da ging ein Horn und rief Sir Treanor und Arlic Zan zum Ratszelt, wo die anderen vier Anführer der Thuron mit ihren Leutnants und mit Eguial, Ayla, Sahed und Togrir Rat gehalten hatten. Eine Entscheidung war gefallen, ob man schnell oder langsam durch die Vierte Hölle marschieren sollte, denn noch immer lauerte die faule Brut der Dämonenhelfer in den Gassen und wartete nur auf eine Blöße der Wallfahrer. Doch drei Aufstiege, die sie alle gesehen, beflügelten sie alle und machten die Angst vor der Verderbnis etlich geringer.
So sie auf das Zelt der Führer der sechs Thurons schritten, sah Arlic Sahed vor das Zelt treten und ihnen winken, und da trat der Kampf wieder vor sein geistiges Auge...
***
Gerade erst hatte er den Lich niedergestreckt – Colidan, der bemitleidenswerte Magus, den Quel erst vor wenigen Wochen niedergestreckt hatte, auf den Feldern vor Madras. Es war nicht erstaunenswert, dass er in den Höllen gelandet war, und noch weniger erstaunlich, dass er mit den Dämonen paktiert hatte. Dass er aber bereit gewesen war, seine Seele fressen zu lassen, um ein Lich zu werden, das hatte Arlic überrascht. Doch schon im nächsten Augenblick hatte er sich einem Sheikh der Sandteufelvernichter gegenübergesehen, einem Anführer der Söhne der Wüste, die Arlic eigentlich ob ihrer Ritterlichkeit stets gepriesen hatte. Dass dieser Mann sein Feind war, hatte er klar gemacht, als er mit gezogenem Schwert versucht hatte, ihn daran zu hindern, den Lich zu vernichten. Doch Arlic war dem Schwert entgangen und hatte sich ihm gestellt, ihm und den anderen vier Sheikhs, die ihm gefolgt waren.
Doch bevor sie ihre ersten Hiebe hatten austauschen können, war zu ihren sechs Klingen eine siebte gewirbelt und war auf den Sheikh derart niedergefahren, dass einen Schritt zurück er wich.
„OMAL!“, hatte der Träger dieses Schwertes voller Inbrunst gerufen, so als wäre es ein Fluch. Und vielleicht war es dieses Wort auch. „OMAL! Sheikh der Sheikhs! Vater des Stamms! Ritter der Wüste! Du liderlicher Schuft!“
Erstaunt sah Arlic ausgerechnet Sahed seine Klinge gegen die des Sheikhs pressen, mit einer Wut und einem Zorn in den Augen, die geringere Männer hätte verrauchen lassen. Doch anstatt sich lange zu wundern, wehrte er lieber mit Lokket eine zweite und eine dritte Klinge ab, die Sahed in die Seiten fahren wollten. „Oppala! Wir wollen Omal und Sahed doch nicht stören!“, rief er, aber gegen vier Klingen kämpfen und Saheds Rücken zu beschützen war schon eine Herausforderung.
„OBACHT!“, rief da eine klare, schöne Frauenstimme von oben nach ihm. Arlic sah hoch und erkannte wie erwartet die geflügelte Fee Ayla, die sich über die Front der Verdammten gewagt hatte und nun mit ihren scharfen Krallen, die Pfeile und Lanzen, die nach ihr trachteten ignorierend, den Weg zu ihm suchte. Bei sich hatte sie Treanor getragen, den sie kurz vor dem Ruf losgelassen; mit durchfederndem Körper kam er hinter Arlic Zan zu Boden und zog sein Schwert aus Mondlicht. „Treanor von Stormarn tritt dem Kampf bei!“, verkündete er mit lauter Stimme. Er richtete sich auf und deutete auf die Sheikhs. Neben ihm landete Ayla und zog ihre eigenen, gebogenen Klingen. „Eure Kinder, meine Königin.“
„Ja. Und tief sind sie gefallen. Fünf Sheikhs der Sandteufelvernichter, fünf Generationen von Verderbtheit bei meinen Twahregs, das ist bittere Medizin für mich. Erlaubt, Schwertmeister, dass wir uns ebenfalls mit ihnen messen.“
„Seid meine Gäste, Freunde!“, rief Arlic, der mit zwei Twahregs schon sehr gut zu tun hatte.

Derweil waren Omal und Sahed im Ringen miteinander. Kaum bewegten sie sich, aber ihre Klingen lagen aufeinander, und ein jeder presste mit all seiner Kraft dagegen. So war es ein Duell der Stärke, aber nicht nur.
„Vertraut habe ich dir, Vater des Stamms, vertraut haben alle wir dir!“, klagte er an. „Und wohin hast du uns geführt? Tiefer und tiefer in die Dunkelheit!“
„Das Beste für den Stamm habe ich stets gewollt!“, rechtfertigte sich Omal. „Stets nur das Beste!“
„Die Dunkelheit, die du und deine Vorgänger über die Sandteufelvernichter gebracht habt, war niemals das Beste! Ich habe euch geglaubt, habe euch vertraut! Bin den Weg mit euch gegangen! Jeden einzelnen dunklen Meter bin ich mit euch geschritten! Und nun sieh mich an! Die Dritte Hölle hat mich gerufen, und die Vierte lockt nach mir! Meine Schuld ist so schwer und so schwarz, dass selbst die Fünfte ich schon nach mir tasten spüre! Und all dies nur, weil Deinesgleichen, Sheikh, die Dämonen angerufen hat!“
„Nicht einfach angerufen! Sie unterworfen! Sie gezwungen, ihre Gaben in den Dienst des Clans zu stellen! Von ihrer Stärke zu profitieren! Sich ihre Macht zunutze, zu unserer eigenen zu machen! Ihre Magie zu lernen, und endlich den Platz einzunehmen, der dem Stamm zusteht: Den der Könige der Twahregs!“
Arlic, der mit seinen beiden Gegnern Hiebe ausgetauscht und dabei vergeblich nach seinem Ogertöter gelangt hatte, was ihn fast einen Arm gekostet hätte, pfiff erstaunt auf. „Nun. Das nenne ich interessant!“
„Rede nicht so viel, kämpfe mehr!“, rief Sir Treanor, der seinen Gegner zurückgedrängt hatte und sich nun nicht nur dessen Klinge, sondern auch der einer Gruppe von Dämonenhelfern erwehren musste.
Erst eine Klinge, von Ayla geworfen und zu ihr zurückkehrend, beendete deren Einmischung mit ihrem endgültigen Vergehen. Dies ließ alle anderen Schritteweit zurückeilen. Mit der anderen ihrer Klingen hielt sie ihren Gegner auf, der der Älteste ihrer Gegner war, weil er am ehesten gestorben war. „Nun, Kind, was hast du mir zu sagen?“, frug sie, ihm in die Augen schauend.
Der alte Sheikh erwiderte den Blick, wenn auch nur für einen Moment, bevor er fort sehen musste. „Nichts habe ich zu sagen, Majestät, nichts habe ich zu rechtfertigen!“
Ayla lachte kurz und rau auf. „Von Rechtfertigung sprichst du ganz alleine, Sandteufelvernichter!“
Dies ließ ihn wütend aufheulen, und so drang er auf die Königin des Güldenen Meers mit seiner Klinge ein, den Dämonenfreund deutlich machend.

„Sehe ich dies richtig?“, rief Sir Treanor. „Diese fünf Männer sind fünf Sheikhs, die nacheinander gelebt und nacheinander regiert, und die versucht haben, mit der Finsternis der Dämonen ihren Clan zu stärken?“
„NEIN! Das alleine wäre nicht verwerflich!“, rief Sahed da außer sich. „Das wäre zu verzeihen, denn im Wettstreit stehen alle Twahreg, und alle wollen sie die Besten sein! Was aber nicht zu verzeihen ist, das ist, dass seit Rotals Zeiten die Dämonen gefüttert wurden!“ Er deutete auf Aylas Gegner. „Seit er regiert hat, erlangten wir das Wohlwollen der Dämonen durch Opfer! Aber Dämonen sind keine genügsamen Empfänger! Kriegen sie Wein, wollen sie Blut! Kriegen sie Blut, wollen sie Fleisch! Kriegen sie Fleisch, muss es Fleisch von einem Menschen sein! Ist es das Fleisch eines Menschen, wollen sie auch sein Leben! Kriegen sie eines Menschen Leben, dann... Dann...“ Sahed schluchzte auf, Tränen schossen ihm in die Augen. Omal wollte dies nutzen und ihn aufspießen, Arlic gedachte schon einzugreifen, aber Sahed zwinkerte die Tränen fort und parierte. „Und kriegen sie erst einmal Menschenleben, dann wollen sie die Menschenleben von Twahregs! Und bekommen sie die Leben von Twahregs, dann wollen sie die Leben von Mitgliedern des Clans! Und du, Omal, und Ihr alle, Ihr Verfluchten, Ihr fünf Verdammungswürdigen, habt ihnen die Leben unserer Stammesmitglieder gegeben! Seit fünf Sheikhs regieren, opfern wir unsere Kinder, unsere Eltern, unsere Brüder und unsere Schwestern! Die Magie, die wir dafür haben erhalten, ist mächtig, aber auch verderbt! Weil es die Magie der Dämonen ist, die uns zerfrisst! Seht mich an, zum Fünften Kreis will ich freiwillig gehen! Und Ihr, Ihr abstoßenden Verdorbenen, seid Ihr aus dem Siebten, aus dem Achten oder gar aus dem Neunten Kreis der Hölle ausgebrochen, um an der Invasion teilzunehmen?“
Der Sheikh antwortete darauf nur mit einem wütenden Knurren und griff an, vehement, mit der Absicht, den anderen Sandteufelvernichter zu zerstören und damit zum Schweigen zu bringen.

Arlic indes trug Lokket, die Klinge der Ersten Hölle, die sein Vater Zorgal Mikan ihm selbst umgegürtet und focht damit. Doch war die Klinge ein Stück kürzer als sein Seelenräuber, und der Bruder Leichtfuß lauschte mehr den Worten Saheds, als auf den Kampf zu achten. So kam es, dass einer seiner beiden Gegner von Lokket nicht getroffen wurde, was er aber mit dem Seelenräuber gewesen wäre, so kam er in eine gute Angriffsposition und stieß sein Schwert wie einen Spieß nach dem Hals des Ban-Tarners. Dieser fluchte Gotteslästerlich auf, als er die Klinge auf sich zufliegen sah und bemühte sich, auszuweichen. Doch ging dies nicht, ohne sich dem zweiten Gegner zu öffnen, und ein Twahreg, der eine solche Gelegenheit erhielt, würde sie nutzen und ihn töten. So nahm er den Streich hin, der gegen seinen Hals geführt, und versuchte, ihn so gut er konnte abzudämpfen. Ihm wurde eine Wunde gerissen, aber keine tiefe Wunde. Dennoch trat aus der aufgerissenen Haut Reinheit hervor, so als wäre sie Blut aus einer aufgeschnittenen Hauptader im Halse. Die Reinheit traf den einen Sheikh, und obwohl Reinheit das war, was sie rauben wollten, bekam sie dem Sandteufelvernichter nicht gut. Da, wo sie ihn traf, durchlöcherte sie ihn und trieb schwarze Partikel aus ihm hervor. So verlor der Sheikh einen Arm an die Reinheit.
„ARLIC!“, rief Treanor und eilte an seine Seite, gerade rechtzeitig, um den zweiten Sheikh daran zu hindern, die nun blinde Seite des Ban-Tarners auszunutzen. Sein eigener Gegner setzte ihm nach, aber nur für einen Moment. Dann traf ihn die eine Halbmondklinge der Königin des Güldenen Meeres in den Rücken und beendete seine finstere Existenz. Sein Entsetzensschrei und sein Ende, das sich in einem Schwall von Dunkelheit manifestierte, ließ die Dämonenfreunde wieder etliche Schritte zurückweichen, denn der Dunkelheit war so viel, so unglaublich viel.
„Sei doch vorsichtiger, Bruder Leichtfuß!“, tadelte Treanor den Ban-Tarner.
„Verzeih“, sprach Arlic da zerknirscht, „aber weißt du nicht, was Saheds Worte bedeuten?“
Treanor fintierte seinen Gegner, der noch immer die Klinge der Ersten Hölle gewohnt schien, und dann trieb er sein Schwert aus Mondlicht durch den Schädel, durch die Brust und dann durch den Leib, bis die Waffe zwischen den Beinen wieder austrat. So starb auch der zweite Sheikh in einem Regenschwall aus Finsternis. „Was, Bruder, was bedeutet es?“
„Überlege doch mal! Was liegt südlich des Güldenen Meeres?“ Arlics letzter Gegner hatte Entsetzen im Blick, als er diese Worte vernahm.
„Tarania. Im Süden des Güldenen Meeres liegt Tarania!“, rief Sir Treanor. „Natürlich, jetzt macht so vieles einen Sinn! Die Dämonen haben die Sandteufelvernichter verführt, um ihren Plänen dienlich zu sein, haben sie dazu gebracht, ihre eigenen Kinder zu opfern! Es waren die Sandteufelvernichter, die Moareds Sohn beschworen und auf Tarania losgelassen; es war ihr Fehlen, das es ermöglicht hat, dass Tarans Stadt eines Tages viertgespalten war! Es war ihr Werk und ihre Schande, und deshalb sind sie allesamt zur Hölle gefahren!“
„Das ist aber noch nicht alles!“, schrie Sahed! Seine Klinge fuhr Omal in die Kehle, und er stemmte sich in seine Waffe, während der Sheikh mit der Linken versuchte, die Klinge zu stoppen. „Als Rug kam, der Finstere, das böse Wesen, da kam er nicht durch Zufall über uns! Er war nur ein ausführendes Wesen des WILLENS DER GÖTTER!“ So brüllte er es hinaus, und über ihrer aller Köpfe donnerte und krachte es in der Luft, als wären der Donnerer und der Kriegsgott dabei, ihre Waffen aufeinander zu schlagen. „Die Götter wussten, dass wir verführt wurden, um Abrot herbei zu führen, um des Hassdämons Fesseln zu lösen! Sie wussten, dass wir Golle beschworen und auf die Welt losgelassen! Sie schickten Rug nicht aus Zufall zu uns! Niemand kann einen Twahreg in der Wüste finden, wenn dieser es nicht will, aber Rug tat dies gleich mit einem ganzen Heer! Nein, oh nein, die Götter sandten ihn, weil er darzeit der Einzige war, der die Aufgabe angenommen, die Verräter der Sandteufelvernichter, die Abrot beschworen, auszulöschen, um wenigstens diesen Teil der Gefahr zu beenden!“ Mit Wut stützte er sich in sein Schwert und trieb es Omal weiter in die Kehle. „Wir waren Feinde der Götter und Gefolgsleute der Dämonen! Unser ganzer Stamm war durch und durch verdorben! Niemand konnte verschont werden, denn jene, die unschuldig waren, die haben wir geopfert!“ Da hielt der tapfere Twahreg inne und nahm Druck von der Klinge. „Ja. Wir haben Schuld auf uns geladen. Wir alle, auch wenn wir die Magie nie gewirkt und die Dämonen nie beschworen... Wir haben es geduldet und wir haben geglaubt, es wäre für das Wohl des Stammes, als wir zusahen, wie Brüder und Schwestern den Gang zur Opferung antraten... Wir haben es geduldet. ICH habe es geduldet! Und dafür schickten die Götter Rug über uns und löschten den Stamm aus! Und siehe da, dafür fuhr ich in die Hölle! Und was sehe ich hier?“ Sahed parierte den Angriff Omals, der seine Chance gewittert hatte, mit der flachen Hand und wischte die Klinge weg. „Ich sehe meinen Sheikh und seine Vorgänger, die noch weit tiefer in die Hölle gefahren sind! Ich sehe sie als Teil der Dämonenmeute, sehe sie als Feinde all dessen, was ein Twahreg als gut bezeichnet, als erstrebenswert, als schützenswert! Und da erkenne ich... Hier erkenne ich, warum mich der Ruf in die Höllen lockt!“ Wut, Hass und Unnachgiebigkeit flammten in seinen Augen. „Dies ist für Rukka, meine junge Schwester!“ Ein Stoß auf den Knauf. „Dies ist für meinen Onkel Taffid!“ Noch ein Stoß tiefer in den Hals. „Und dies ist für Kahvel, die ich innig geliebt, und deren Tod ich ansah, ohne ihr zu helfen, weil ich zu feig' war, mich gegen meinen Stamm zu stellen!“ Mit brachialer Gewalt landete er den letzten Stoß und zerbrach den Hals Omals.
Zur gleichen Zeit geschahen zwei weitere Dinge: Treanor tötete den zweiten Gegner Arlics, als dieser Omals Tod sah und zurückweichen wollte, um nicht von mehr Finsternis getroffen zu werden; und Ayla sah ihren Gegner das Gleiche tun und trieb ihm ihre Klingen in die Brust. Omal aber verging in einer Fontäne aus Dunkelheit und Schlechtigkeit, explodierte geradezu in den verderbenden Partikeln, und es war Arlic Zan, der sich schützend vor Sahed stellte und die Dunkelheit an sich abprallen ließ, denn ebenso wenig wie die Königin des Güldenen Meeres und der Träumer aus Stormarn musste er die Dunkelheit fürchten. Die Reihen ihrer Feinde aber, durch die dreifache Fontäne der Dunkelheit ins Mark erschrocken, fluteten nun zurück in die Vierte Hölle Malochan.
Da hob Arlic Zan, als er sah, dass Sahed sicher war, die Klinge Lokket über seinen Kopf und wandte sich den Wallfahrern zu. „SIEG! SIEG FÜR DIE WALLFAHRT!“
Die Wallfahrer, auf der Suche nach Reinheit und Vergebung, auf ihren Weg aus den Höllen hinaus, nahmen den Ruf auf. „SIEG! SIEG FÜR DIE WALLFAHRT!“
Viermal wurde der Ruf wiederholt, dann erst übernahmen die Kommandanten und Leutnants, ließen den Platz vor dem Tor zur Dritten Hölle vollends von allen Feinden räumen und Barrikaden errichten. Einen großen Sieg hatten sie errichtet und die erste Attacke von Abrot abgewehrt. Doch war dies noch nicht das Ende, noch lange nicht das Ziel. Die Wallfahrer hatten noch immer keine Vergebung erlangt, und Arlic Zan musste noch immer zum Siegel hinter der Neunten Hölle. Auch wenn, wie er sich eingestand, es nun wenig Sinn machte, die Dämonen noch zu belauschen, um zu erfahren, was sie planten, denn es war Abrot, so war es dennoch sinnvoll herauszufinden, ob sie schon hervorgebrochen waren oder das Siegel noch hielt. Und es würde hilfreich sein zu erfahren, wie genau ihre Schlachtpläne waren. Mit Treanor an seiner Seite, so dachte er, würde dies gelingen.

Arlic Zan aber legte eine Hand auf die Schulter des letzten Sandteufelvernichters. „Dann hast du also erkannt, dass auch du von den Göttern entsandt worden bist. Nämlich, um hier und jetzt die verderbten Sheikhs zu töten.“
Die Augen des Twahregs, tot und glasig, bekamen wieder Leben. „Ja, Schwertmeister. Das ist wahr. Und meine Aufgabe ist noch nicht beendet. Die Höllen locken mich nicht länger. Aber sie sagen mir, dass sie mich passieren lassen.“
„Drum“, sagte da der Sturmari, „begleite uns, solange du es vermagst oder willst.“
Da lächelte der Wüstenritter vielleicht das erste Mal, seit er zur Hölle gefahren. „Das will ich tun, Sir Treanor, Weltenwanderer, Hauptmann. Das will ich tun, auch wenn es keine Sandteufelvernichter mehr gibt, die ich zerstören kann.“ Damit hatte er einen gewichtigen Schwur getan.
„Dann knie nieder!“, verlangte Ayla mit herrischer Stimme.
Der Mann tat wie geheißen, denn vor ihm stand die Fee-Königin.
Als er auf dem rechten Knie zur Ruhe kam, legte sie beide Klingen auf seine Schultern und küsste ihn auf beide Augen. „Und jetzt erhebe dich, Sahed, der zur Wahrheit zurückgekehrt ist, Sheikh der Sandteufelvernichter!“
„Ich bin geehrt, aber es gibt keine Sandteufelvernichter mehr“, sprach er.
„Nein. Einen gibt es noch, und er kann es sein, der den Stamm neu gründet“, sagte Sir Treanor. „Noch immer gibt es deinen Körper in Astin Koj, der auf deine Seele wartet, und ich sehe, ich spüre, dass die Götter dir vergeben und du zurückkehren kannst, so du willst, Sahed.“
Das erleichterte das Herz des letzten Sheikhs der Sandteufelvernichter, und ein fröhliches Gesicht blühte auf ihm auf. Aber Wehmut löste es ab. „Nein. Ich darf nicht. Noch nicht. Nicht, bevor Ihr sagt, dass es genug ist, Sir Treanor. Nicht, bevor ich selbst dies sage.“
„So soll es sein“, tat auch Treanor einen Schwur.

„Meine Herren!“, rief da eine Stimme, die einer Frau gehörte, die eine gepanzerte Hundertschaft anführte, die Barrikaden beschützte. „Oberbefehlshaber Marot ruft zum Rat!“
Arlic und Treanor wechselten einen Blick. Dann nickten sie einander zu.
„Togrir und Eguial sollen für mich gehen“, entschied er, „da ich nicht auf dem vollen Weg bei der Wallfahrt sein kann.“
„Majestät, geht Ihr und unser Sheikh an meiner Statt, weil ich hier nur ein Träumer bin“, sagte Sir Treanor.
So kam es, dass den beiden die Entscheidung zwar verkündet wurde, sie aber nicht an ihr teil hatten.
Und so kam es, dass die Vierte Hölle zwei Stunden lang erbarmungslos bombardiert wurde und dann alle sechs Thurons so schnell sie konnten, geführt von der Karte des Prongus Danteri, bis zum Tor der Fünften Hölle fix durchmarschierten. Die Wallfahrer wurden erst von hinten angegriffen, als sie das Tor bereits erreicht und hatten schon eine feste Phalanx errichtet; und von ihrer Position konnten sie sehen, dass das Heer der Dämonenfolglinge wieder gegen die Mauer zur Dritten Hölle brandete, im Versuch, zu breschen und aus den Höllen zu entkommen.
Doch der Pfad von Sir Treanor und Arlic Zan von Ban-Tarn führte vorerst nicht dorthin zurück, sondern tiefer in die Höllen.
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