Siehst du vor dir das weite Land

GeschichteRomanze, Familie / P18 Slash
Cole Cullen Dorian OC (Own Character)
31.07.2017
25.04.2019
52
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20
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VORWORT

Ich möchte vorab ein paar Dinge loswerden, damit ihr eine ungefähre Vorstellung davon habt, was euch hier erwartet. :) Zum Einen ist die Geschichte als Slash getaggt, weil eine gleichgeschlechtliche Beziehung eine große Rolle spielen wird. Sie ist aber nicht die einzige beschriebene Beziehung. Mein Schwerpunkt liegt sehr auf dem Zwischenmenschlichen, bei dem das Geschlecht eigentlich keine große Rolle spielt. Meine Figuren sind sehr offen gegenüber allem und jedem, und auch wenn sich anfangs Pärchen bilden, werden diese im Laufe der Handlung flexibel und verschmelzen vielleicht sogar zu einer Einheit. Dabei ist mir eine glaubwürdige Charakterdarstellung und -entwicklung sehr wichtig, ich bleibe immer nah an meinen Figuren, verurteile sie nie, sondern lasse sie einfach ganz natürlich miteinander agieren. Hier wird nichts beschönigt, alle haben ihr Päckchen zu tragen, haben ihre Ecken und Kanten, ihre Ängste und Sorgen, aber auch ihre ganz eigenen positiven Eigenschaften, die sie am Ende hoffentlich über sich selbst hinauswachsen lassen. Es gibt Kummer, Frust, Trauer, aber ebenso ganz viel Liebe, Mut und Vertrauen. Es gibt explizite Sexszenen zwischen Männern, aber auch zwischen Mann und Frau. Es gibt eine Bedrohung, die zunächst nur im Hintergrund schwelt, mit der Zeit aber weiter in den Vordergrund rückt. Es gibt Spannung, aber auch ruhige Momente, die Himmelsfeste, Halamshiral, Rückblicke in Cullens Kindheit ...

Falls ihr jetzt noch nicht weggeklickt habt, würde ich euch gerne mit auf den Weg geben, einfach offen zu bleiben. Diese Geschichte hält viele Überraschungen bereit, wenn ihr euch darauf einlasst. Was ihr hier definitiv nicht finden werdet, sind langweilige, starre, stereotype Beziehungen, weil ich denke, dass die Charaktere das auch gar nicht hergeben. Die Figuren sind schon von sich selbst aus so komplex, dass ihnen alles andere nicht gerecht werden würde. Und jetzt entlasse ich euch aus diesem viel zu lang gewordenen Vorwort und wünsche euch viel Spaß beim Lesen. :D

Wiederkehrende Charaktere (nach Alphabet): Cassandra Pentaghast, Cole, Cullen Rutherford, Dorian Pavus, Mia Rutherford, Solas, Yavrenne Lavellan



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SIEHST DU VOR DIR DAS WEITE LAND
von Cailleach Dhubh


TEIL 1


I – Verschwunden


SPÄTSOMMER 9:41, Zeitalter der Drachen

Wenn er auf all das zurückblickte, was ihm bisher widerfahren war und seine Existenz in ihren Grundfesten erschüttert hatte, wunderte er sich darüber, dass er überhaupt noch etwas empfand. Dass es ihn immer noch berührte, wenn vor seinen Augen ein Leben ausgelöscht wurde. Jeder einzelne Soldat, den sie im Kampf verloren, hinterließ eine weitere, winzige Brandmarke auf seinem Herzen.
    »Deine Suppe wird kalt«, drang plötzlich eine vertraute, männliche Stimme an sein Ohr und zerriss die wohltuende Stille, welche ihn eben noch umgeben hatte.
    Auf einmal nahm er den Lärm wahr, der die gesamte Taverne von oben bis unten auszufüllen schien: Besteck klapperte auf Geschirr, Krüge wurden gegeneinandergestoßen, Menschen unterhielten sich laut, lachten, jemand spielte Musik.
    Und dann die verschiedenen Gerüche. Die Kohlsuppe direkt vor seiner Nase, frisch gebackenes Brot, Knoblauch, geröstete Zwiebeln, gebratenes Nugfleisch, alkoholgetränkter Atem vermischte sich mit penetrantem Schweiß und dem Gestank von mangelnder Körperhygiene.
    Cullens Augen flackerten ziellos umher, unfähig, die ganzen Sinneseindrücke zu verarbeiten, das Licht und die bunte Hektik, die nun auf ihn einprasselten.
    Es war zu viel. Zu intensiv. Die gewaltsame Rückkehr aus seinen Gedanken, wo der Schmerz nur mit halber Kraft an ihm gezerrt hatte, hineingeworfen in die bittere Realität.
    Ihm wurde übel, und mit einem Mal fing alles um ihn herum an zu schwanken. Seine zittrigen Hände griffen instinktiv nach der Tischplatte, um sich daran festzuklammern wie an einem Stück Treibholz auf rauer See. Eine grauenvolle Welle von Panik überrollte ihn, er atmete nur noch flach, um so wenig wie möglich riechen zu müssen, und er presste die Lider zusammen, in dem Versuch, wieder in die lindernde Dunkelheit abzudriften. Das letztliche Scheitern verschlimmerte seinen Zustand allerdings nur.
    Bis sich starke Hände auf seine Schultern legten und ihn festhielten.
    »Cullen. – Cullen. Es ist alles gut. Niemand tut dir etwas. Du bist in Sicherheit.«
    Und langsam, ganz langsam klang die Geräuschkulisse ab, die Gerüche verflogen, wurden erträglich, das Gefühl, zu fallen, verebbte, er konnte tiefer atmen und kam schließlich zur Ruhe. Als seine Muskeln sich entspannten, merkte er erst, wie sehr er sich in seiner Angst verkrampft hatte: Zwei seiner Fingernägel waren unter dem enormen Druck auf das Holz gesplittert, und er hatte sich die Zunge blutig gebissen, ohne es zu spüren.
    Die Hände, die ihn eben noch aufgefangen hatten, zogen nun den noch unberührten Teller näher zu ihm hin und legten den Löffel demonstrativ daneben.
    »Du musst essen. Und danach gehst du ins Bett, der Tag war lang genug.«
    Cullen starrte auf die Speckgrieben, die zwischen dem zerkochten Kohl in der schon kalt gewordenen Brühe schwammen. Erneut stieg Übelkeit in ihm auf.
    »Ich kann nicht. Mir ist schlecht.« Seine Stimme war ganz heiser, weil er nach dem Brüllen beim mittäglichen Training mit den neuen Rekruten kein Wort mehr gesprochen hatte.
    »Dir ist schlecht, weil du noch nichts gegessen hast, Dummerchen«, sagte der Mann in seinem Rücken nicht ohne einen liebevoll anklagenden Unterton, nahm den Löffel, lud etwas Suppe mit Speck darauf und hielt ihn Cullen vor den Mund.
    »Muss ich dich füttern wie einen Säugling, oder schafft unser Herr Kommandant das auch alleine? Weißt du, es ist gar nicht so schwierig, du tauchst den Löffel unter, fischst ein wenig nach der Einlage, dann hebst du den Ellbogen an und –«
    »Ich weiß, Dorian.«
    Ein schwaches Lächeln zeichnete sich auf seinen Lippen ab.
    »Ich schaff das. Danke.«
    Nachdem er die ersten Bissen hinuntergewürgt hatte, bekam er plötzlich solch einen Hunger, dass er am Ende sogar noch Nachschlag orderte und alles bis auf den letzten Tropfen leer schlürfte. Dorian saß neben ihm und beobachtete ihn amüsiert.
    »Dass man dir auch immer erst in den Hintern treten muss.«
    Cullen unterdrückte ein Aufstoßen und nahm einen Schluck von dem Bier, das zwar lauwarm war, aber wenigstens den Durst vom salzigen Essen stillte. Er war müde, und das sah man ihm auch an.
    »Geh schlafen«, seufzte Dorian zufrieden, klopfte ihm kurz auf die Schulter und stand auf. »Den Weg zu deinem Zimmer findest du ja hoffentlich.«
    Als er sich schon ein paar Schritte entfernt hatte, hörte er Cullens leise Stimme.
    »Danke, Dorian.«
    Er musste sich nicht umdrehen, um zu wissen, dass Cullen es ehrlich meinte.

~~~


»Wenngleich vor mir nur Dunkelheit liegt, wird das Licht des Erbauers mich leiten. Ich werde nicht verlassen auf den gewundenen Wegen des Jenseits wandern. Denn es gibt keine Dunkelheit im Lichte des Erbauers, und keine seiner Schöpfungen wird je verloren gehen.«¹
    So oft er diese Worte auch schon gesprochen hatte, die Inbrunst, mit der er zu Andraste betete, war nach all den Jahren immer noch die gleiche. Wie jeden Morgen kniete er vor ihrem steinernen Abbild, das segnend die Hände über seinem Haupt ausbreitete und ihm selbst in den schwärzesten Augenblicken Trost zu spenden vermochte.
    Er hatte den Kopf ehrfürchtig zur Erde geneigt und betrachtete vollkommen in sein Gebet versunken die unsteten Flammen der weißen Kerzen auf den Stufen vor ihm. Er kam mindestens einmal am Tag hierher, morgens, wenn es in dem an die Kapelle grenzenden Garten noch still war und die vom Tau feuchten Pflanzen in der aufgehenden Sonne glitzerten. Manchmal auch abends, wenn die Ereignisse des Tages ihm zu viel abverlangt hatten und die Vergangenheit schwer wie ein Amboss auf ihm lastete, so wie gestern. Bevor er Dorians Rat gefolgt und erschöpft ins Bett gefallen war, hatte er hier einen Augenblick lang Frieden finden können.
    Er vernahm jemanden durch den Kreuzgang eilen.
    »Kommandant«, der Bote war hörbar außer Atem, »bitte entschuldigt die Störung.«
    Er hasste es, in diesen kostbaren Momenten der Zwiesprache mit dem höchsten aller Wesen und dessen Repräsentantin unterbrochen zu werden, doch da er nie einen Hehl daraus gemacht hatte, musste es einen triftigen Grund für diese Dreistigkeit geben. Es dauerte eine Weile, in der er dem Erbauer wie immer für seine Geduld dankte, bis er sich schwerfällig erhob und aus der Kapelle trat.
    Die frische Morgenluft legte sich angenehm kühl auf sein Gesicht.
    »Was gibt es?«
    Der junge Mann überreichte ihm eine Notiz.
    »Schwester Leliana schickt nach Euch. Sie erwartet Euch im Konferenzraum.«
    Cullen nickte zur Bestätigung und der Bote entfernte sich so schnell, wie er gekommen war. Dann faltete er den Zettel auseinander und überflog die kurze Nachricht mit einem zunehmenden Stirnrunzeln.

Du hattest mich darum gebeten, etwas für dich zu untersuchen.
Es gibt Neuigkeiten. Und sie werden dir nicht gefallen.


~~~


Cullen fand die Meisterspionin der Inquisition über den Kartentisch gebeugt, an dem bereits mehr als ein direktes oder indirektes Todesurteil gefällt worden war. Als er eintrat, schaute sie kurz auf, ungewohnte Sorge in ihren sonst unergründlichen Gesichtszügen. Bereits auf dem Weg hierher hatte Cullen versucht, sich innerlich gegen das Schlimmste zu wappnen, trotzdem sank ihm unwillkürlich das Herz bei ihrem Anblick. Vielleicht wollte er doch nicht wissen, was ihre Spione herausgefunden hatten.
    »Du wolltest mich sprechen.«
    Es gab immer noch Hoffnung. Solange niemand von ihnen es aussprach, konnte er auf ein Missverständnis hoffen, auf einen anderen Grund dafür, dass sie ihn herzitiert hatte.
    Er konnte sehen, dass sie sich ihre Worte sorgfältig zurechtlegte, bevor sie sprach.
    »Deine Schwester hat den Südhang verlassen. Niemand weiß, warum sie fortgegangen ist und wo sie sich zurzeit aufhält. Nicht einmal deinen anderen Geschwistern hat sie etwas von eventuellen Plänen erzählt.«
    Cullen presste die Kiefer aufeinander und atmete tief ein. Er hatte die Hände auf dem Rücken verschränkt und begann, vor dem Tisch auf und ab zu laufen, während Leliana die Arme vor der Brust kreuzte und wartete.
    »Kann sie entführt worden sein?«, fragte er schließlich, die Furchen auf seiner Stirn so tief wie die Schluchten in den Westlichen Graten.
    »Ausgeschlossen. Sie hat Kleidung mitgenommen, Tagebücher, Briefe, Essen. Entführer hätten sich nicht die Mühe gegeben, es wie eine Abreise wirken zu lassen. Außerdem hätten sie sich bereits gemeldet, um Forderungen zu stellen. Es sieht alles danach aus, dass sie freiwillig gegangen ist.«
    Lelianas sachliche Art machte Cullen rasend. Er schlug seine Faust mit einer derartigen Wucht auf den massiven Tisch, dass dieser gefährlich wackelte.
    »Unsinn! Mia würde nie –«
    Sie würde mich nie im Stich lassen.
    Und doch waren all seine Briefe der letzten Wochen unbeantwortet geblieben. Er hatte öfter zur Feder gegriffen als sonst, schließlich jeden zweiten Tag. Er hatte sich für Dinge entschuldigt, die er nicht einmal geschrieben hatte, die nur in seiner Phantasie zwischen ihm und seiner Schwester standen, für harmlose Streiche in ihrer Kindheit, für einfach alles, er war sprichwörtlich vor ihr auf die Knie gegangen und hatte sie angefleht, ihm wenigstens mitzuteilen, dass sie ihn hasste und nie wieder etwas von ihm hören wollte.
    Nichts.
    In seiner Verzweiflung war er schlussendlich an die Meisterspionin herangetreten – wenn jemand aufdecken konnte, warum Mia plötzlich jeglichen Kontakt mit ihm mied, dann sie.
    Das Ergebnis wütete jetzt in seinem Herzen, und jeder, der ihm über den Weg lief, konnte das Feuer in seinen Augen brennen sehen.





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¹Originaltext aus Dragon Age: Inquisition
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