Blaulichtmärchen - Auch Schutzengel fallen mal vom Himmel!

GeschichteAbenteuer, Drama / P18
30.07.2017
13.04.2019
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Killian:

Ich hielt den Atem an – jetzt wurde es wirklich brenzlig! Nina saß nach wie vor auf meinem Schoß und kam mir ganz nahe, mit der rechten Hand hielt sie das Messer an meinen Hals, mit der linken umfasste sie umständlich meinen linken Arm und versuchte diesen, an der Wand zu fixieren. Ihre Stimme bebte, noch immer liefen Tränen über ihr Gesicht: „Du bist so schön. Zum Sterben schön!“.

Schwer atmend erwiderte ich einfach nur ihren Blick, während sie sich wohl noch unsicher darüber war, wo sie am besten als Erstes zustechen konnte. Doch die Sekunden vergingen, während die Stille im Haus schwer über uns lastete und noch immer war nichts passiert, Nina schien sich nicht zu ihrer wahnsinnigen Tat durchringen zu können. Unsicher sah sie mich einfach nur an, während sie mir weiter das Messer an die Kehle hielt.

Nach weiteren Sekunden fand ich schließlich meine Stimme wieder: „Leg das Messer weg, Nina...komm!“. Hastig schüttelte sie den Kopf, ihre Hand an meinem Hals zitterte immer mehr: „Nein...es ist zu spät! Ich will, das du stirbst!!“. Beherrscht ruhig versuchte ich auf sie einzureden: „Das bist nicht du...du bist keine eiskalte Mörderin. Du liebst mich – du willst mich nicht umbringen!“, „HÖR AUF! HÖR AUF DAMIT, KILLIAN! WAS WEISST DU SCHON...?! NACH DEM, WAS DU MIR ANGETAN HAST, WILL ICH DURCHAUS DEINEN TOD!!“.

Mit gezwungener Ruhe erwiderte ich ihren Blick: „Das glaub ich dir nicht. Wenn das so wäre, hättest du es längst getan und würdest nicht seit drei Minuten unbeweglich vor mir sitzen!“.

Ablenkung war das Manöver. Ich versuchte sie abzulenken, zum Nachdenken zu bewegen...was auch immer. Zumindest so weit, dass ich sie jeden Moment überwältigen konnte. Alle Muskeln in mir waren angespannt – ich wartete auf die Gelegenheit.

Wutverzerrt sah Nina mich an: „Du traust mir das nicht zu, was?! Du traust mir nicht zu, dass ich dir wehtue! Dann wollen wir doch mal sehen, wer zuletzt lacht!“. JETZT! Mit einem kräftigen Ruck umfasste ich mit meiner linken Hand ihren Arm, mit dem sie meinen an der Wand fixiert hatte, nahm sie  blitzschnell in den Schwitzkasten und rang sie zu Boden – gegen meine Kraft hatte sie keine Chance.

Hysterisch schreiend versuchte sie, mich irgendwie mit dem Messer zu erwischen und gleichzeitig mich abzuwehren, meine linke Hand musste ich jetzt dazu einsetzen, das Messer in Schach zu halten und Ninas Arm weg zu tappen, was mit nur einem zur Verfügung stehenden Arm doch verdammt schwer war.

Nach einigen schweißtreibenden Sekunden des Bodenkampfes befreite Nina ihren Arm aus meinem Griff, indem sie ihr Knie mit voller Wucht in meinen Magen stieß und ich somit (nach Luft schnappend) für eine Sekunde locker ließ. Schon war sie mit dem Messer über mir, doch ich nahm geistesgegenwärtig alle Kraft zusammen, die ich hatte und schubste sie kräftig mit dem linken Arm zurück. Davon überrascht verlor sie das Gleichgewicht und fiel hintenüber, schlug dabei mit dem Hinterkopf gegen das Bettgestell und blieb regungslos mit geschlossenen Augen auf der Seite liegen.

Keuchend stürzte ich zu ihr und riss das Messer aus ihren Händen, warf es quer über das Bett auf den Flur hinaus. Dann zog ich eilig den Schlüssel für die Handfesseln aus ihrer Hosentasche und mühte mich mit zitternder linker Hand ab, das verfluchte Schloss zu öffnen.

Als es mir endlich geglückt war und ich mich befreit hatte, stopfte ich die Handschellen in meine Jeans und beugte mich vorsichtig über Nina. Sie atmete recht gleichmäßig, vielleicht hatte sie eine Gehirnerschütterung von dem Aufprall erlitten?

Ich sprang auf die Füße und räumte zuerst die K.O.-Medikation und Einwegspritzen weg, in dem ich sie zusammen mit dem Messer nach unten in die Küche trug, dann griff ich zum Telefon und rief Christoph an. Es dauerte einige Zeit, bis er abnahm, inzwischen war es kurz vor Mitternacht und Anke und er waren schon am Schlafen. In knappen Sätzen berichtete ich ihm, was hier heute Abend vorgefallen war und dass ich jetzt dringend seine Hilfe bräuchte. Ich fragte nach Ninas Eltern, doch die waren seit heute Morgen mit Kollegen von Werner in München, wie Christoph mich aufklärte, und daher derzeit nicht anwesend. Okay, vielleicht war das sogar besser!

Christoph versprach mir, so schnell wie möglich zu uns zu kommen und ich legte auf und schaute nach Matthis. Der Kleine schlief tief und fest und schien von dem ganzen Drama in unserem Schlafzimmer nichts mitbekommen zu haben – Gott sei Dank!

Mit einem nassen Waschlappen ging ich zurück zu Nina, die immer noch regungslos auf dem Fußboden lag und kniete mich zu ihr. Nachdem ich mich noch einmal genauestens vergewissert hatte, dass keine gefährlichen Gegenstände mehr in unmittelbarer Nähe waren und auch Nina keine versteckt irgendwo am Körper trug, drehte ich sie vorsichtig auf den Rücken und legte ihr behutsam den Waschlappen auf die Stirn. „Nina? Kannst du mich hören?“.

Sie bewegte den Kopf leicht und blinzelte, ich hörte sie heiser stöhnen. „Hey...mach mal die Augen auf!“. Nina blinzelte noch einmal, dann öffnete sie die Augen und sah mich mit glasigem Blick an: „Goldi“. Erleichtert atmete ich auf – wenigstens war sie wieder bei sich. Hoffentlich hatte ihr Kopf nicht allzu viel abgekriegt bei meiner Attacke!

Ich schob meine Arme unter ihren Körper und die Kniekehlen und hob sie vorsichtig hoch, legte sie behutsam auf dem Bett ab und rückte den Waschlappen auf ihrer Stirn zurecht. Zögernd setzte ich mich halb auf die Bettkante. „Bleib einfach ganz ruhig liegen, ja? Ich hab Christoph Bescheid gesagt...der kommt jeden Augenblick. Und dann schauen wir mal, was wir machen, okay?“.

Ich spürte, dass ich selbst am ganzen Leib zitterte – wahrscheinlich der Schock. Auch Nina war nahezu am Beben, ihr Gesicht war kalkweiß und Tränen traten in ihre Augen: „Oh Killian! Was hab ich nur getan...?“. Ich atmete tief durch und zog es vor, darauf erstmal nicht zu antworten.

Es klingelte an unserer Haustür und ich erhob mich eilig: „Das ist Christoph. Ich lass ihn eben rein...bleib du hier liegen, ja?“. Nina weinte stumm vor sich hin und reagierte nicht, doch ich lief trotzdem zügig die Treppe hinunter und öffnete die Haustür: „Komm rein...sie ist oben“.

Ich wollte Nina so kurz wie möglich nur alleine lassen, ich hatte zu viel Angst, dass sie sich gleich etwas antun würde. Vor der Tür zum Schlafzimmer blieb ich stehen und erzählte Christoph noch einmal mit gedämpfter Stimme, was hier heute Abend abgegangen war. Mit fassungsloser Miene hörte er mir zu, ohne mich ein einziges Mal zu unterbrechen und allein das rechnete ich ihm schon hoch an.

Als ich merkte, dass er mir die Geschichte ohne viel nachzufragen glaubte, war mir deutlich leichter ums Herz. Durch den Türspalt warf ich einen prüfenden Blick auf Nina, die noch immer unbeweglich auf dem Bett lag und leise vor sich hin schluchzte, dann sah ich Christoph tief durchatmend an: „Sie muss ins Krankenhaus...dringend. Einmal wegen ihrem Kopf...und dann...“, ich holte tief Luft, „eigentlich muss sie dringend auf einer Psychiatrie untergebracht werden. Zumindest vorübergehend“.

Erschüttert erwiderte Christoph meinen Blick: „Psychiatrie? Meinst du nicht, dass es noch andere Wege gibt?“. Ich schüttelte hilflos den Kopf: „Welchen denn?! Sie war gerade kurz davor, mich abzustechen...und ich bin mir ziemlich sicher, dass sie versuchen wird, sich selbst etwas anzutun, sobald wir sie aus den Augen lassen. Christoph, ich hab echt Schiss um Matthis! Der wäre der Nächste, da bin ich mir ziemlich sicher! Auch wenn sie das hinterher alles zutiefst bereut...in diesen Momenten wie eben knallen bei ihr alle Sicherungen durch. Und dann ist sie zu allem fähig...das kannst du mir glauben!“.

Ich erwartete, dass Christoph mir vehement widersprechen und die Schuld bei mir suchen würde, so wie er und seine Familie das bisher stets getan hatten, doch erstaunlicher Weise erwiderte er einige Sekunden schweigend meinen Blick und nickte dann schließlich: „Ja...ja, vielleicht hast du Recht. Nina...sagen wir, es hat sich drastisch verschlechtert mit ihr...das stimmt wohl. Als sie auf Sylt mit dem Kinderwagen so rabiat umgegangen ist...das hat Anke ziemlich schockiert. Wir machen uns alle Sorgen um sie...aber auch um Matthis, wie du schon sagst. Mama schaut ständig bei euch rein, wenn du unterwegs bist, weil sie und Papa sich ebenfalls schon länger wieder um Nina sorgen...und damit verbunden auch um Matthis´ Sicherheit. Dass sie ein großes Problem hat...psychisch krank ist...das wissen wir alle. Aber dass sie gemeingefährlich wird...zumindest, wenn es um dich geht...das ist echt krass!“.

Unsicher sah ich ihn an: „Du glaubst mir aber, oder?“. Christoph nickte: „Ja, natürlich. Du würdest so etwas nicht sagen, wenn es nicht stimmen würde...dafür kenn ich dich zu lange. Abgesehen davon, dass du ziemliche Kratzer am Hals hast. Und es ist auch nicht so, dass ich Nina so was in ihrer blinden Wut nicht zutrauen würde. Ihre Liebe für dich ist...extrem. Das war immer schon so, wurde aber im Laufe der Jahre schlimmer, oder?“. Ungehalten schüttelte ich den Kopf: „Ihre Liebe ist nicht extrem, sondern einfach nur krank! Extrem erdrückend...das trifft es vielleicht. Ich behaupte nicht, dass ich alles richtig gemacht habe in den vergangenen Jahren...weiß Gott nicht. Aber ich bin da so tief rein geraten, dass ich keinen Peil hab, wie ich da wieder rauskommen soll!“.

Entschieden sah ich Christoph an: „Das Wichtigste ist Matthis. Dass es ihm gutgeht und wir nicht täglich Angst um ihn haben müssen. Wir müssen uns echt was überlegen!“. Christoph nickte zögernd: „Das stimmt wohl“. Fragend hob ich die Augenbrauen: „Kann ich auf dich zählen, Einstein?“.

Einstein war Christophs Deckname beim Mek gewesen, weil er sich mit dieser ganzen Überwachungs-Technologie extrem gut auskannte und des Öfteren ziemlich hochgestochen daher laberte. Heute würden wir ihn wahrscheinlich Sheldon nennen – von der Big Bang Theory abgekupfert.

Christoph erwiderte stumm meinen Blick, dann nickte er: „Kannst du!“, „Sehr gut. Ich will wirklich nur das Beste...für Matthis und für Nina!“, „Ich weiß“.

Wir einigten uns schließlich darauf, dass Christoph zunächst allein versuchen sollte, mit Nina zu reden, die immer noch heulend auf unserem Bett lag. Ich würde auf Matthis aufpassen und natürlich auch darauf, dass Nina Christoph nicht angriff, doch darum brauchte ich mir garantiert weniger Sorgen machen – eigentlich richtete ihre Wut sich hauptsächlich gegen mich.

Nachdem Christoph Anke angerufen und geschildert hatte, was hier heute passiert war, setzte er sich vorsichtig zu Nina ans Bett, während ich planlos unten im Wohnzimmer saß und darüber nachgrübelte, was ich jetzt tun sollte. Es war alles ein riesengroßes Chaos! Wie sollte das denn jetzt weitergehen? Ich hatte Angst um meinen Sohn, aber auch um mein eigenes Leben nach den letzten zwei Stunden. So etwas würde wieder passieren, da war ich mir sicher. Sobald Nina nicht mehr mit ihrem Willen durchkam. Scheiße, wie sollte ich das bloß alleine wieder in den Griff kriegen? Ich hatte überhaupt keine Ahnung.

Doch während ich noch planlos auf dem Sofa saß und an die gegenüberliegende Wand starrte, fiel mir plötzlich ein, dass es auch noch Freunde in meinem Leben gab, die mir in jeder erdenklichen Minute mit Rat und Tat zur Seite stehen würden – wenn ich ihre Hilfe nur mal annehmen würde!

In den vergangenen Wochen hatte ich eigentlich öfter schon die Erfahrung gemacht, dass es nicht immer falsch war, Probleme zu besprechen, Sorgen mit anderen zu teilen. Mit Katja. Entschieden griff ich zum Handy und rief sie an, auch wenn es Ein Uhr in der Nacht war und sie garantiert tief und fest schlief nach diesem anstrengenden Tag. Egal, ich brauchte jetzt ihren Rat!

Es dauerte etwas, bis sie ans Handy ging, doch als sie abnahm, klang ihre Stimme hellwach: „Killian, was ist passiert?“, „Alles gut, entspann dich erstmal. Es ist nur...es gibt da was...ich brauch deine Hilfe! Kannst du herkommen?“. Ich erzählte ihr knapp, was vorgefallen war und dass ich nicht wüsste, wie es jetzt weitergehen sollte. „Natürlich komm ich. Ich bin gleich bei euch!“.

Gut, das war gut. Der Gedanke, dass Katja kam und ich nicht ganz alleine vor diesem riesigen Scherbenhaufen stand, war irgendwie tröstend. Komisch, das hätte ich mir vor ein paar Monaten niemals eingestanden!

Wie die Zeiten sich doch ändern können...

                                                                                                         ***

Während ich auf Katja wartete, schaute ich leise bei Christoph und Nina rein. Er war immer noch dabei sie zu trösten, da sie fix und alle schien und nur am Heulen war. Eigentlich hatten wir besprochen, dass er versuchen sollte, sie zu überreden, ins Krankenhaus zu fahren...und dann vielleicht sogar freiwillig einer kurzweiligen Unterbringung auf der Psychiatrie zustimmen würde. Das wäre für alle Beteiligten das Beste!

Zwischendurch wurde Matthis wach und ich holte ihn aus seinem Bett, machte ihm eine neue Windel und eine warme Nuckelflasche, als Katja vor unserem Haus parkte. „Hi, komm rein. Danke, dass du gleich gekommen bist!“, „Natürlich. Das hättest du für mich genauso gemacht! Hey, kleiner Matthis“.

Als sie mich genauer ansah, wurde ihr Blick besorgt: „Hey...was hast du gemacht?“. Mit ihrer Hand berührte sie meinen Hals, wo ich anscheinend einige Kratzer von dem Messer hatte – war mir noch gar nicht aufgefallen.

„Nix Schlimmes. Erzähl ich dir gleich in Ruhe. Ich versuch eben, den kleinen Scheißer hier wieder zum Schlafen zu bewegen. Setz du dich schon mal ins Wohnzimmer, okay?“, „Alles klar“.

Während ich Matthis nach oben brachte, stellte ich erstaunt fest, dass es mir wirklich unheimlich viel bedeutete, dass Katja jetzt da war. Dass ich wusste, dass es guttun würde, gleich mit ihr darüber zu sprechen, was hier heute Abend abgegangen war und ihre Sicht auf die Dinge zu hören. Weil sie einfach inzwischen so herrlich unkompliziert war, mir keine Vorschriften machte und mir einfach nur mit Rat und Tat zur Seite stand. Und unser Verhältnis zueinander von Tag zu Tag enger wurde.

Das hätte ich früher niemals für möglich gehalten. Dass eine Frau es schaffen würde, mich dazu zu bewegen, freiwillig meine Probleme mit ihr zu besprechen – ich, der eigentlich alles im Alleingang lösen wollte und von den Kollegen oft als „eigenbrötlerisch“ bezeichnet wurde.

Tja, Frauen können für uns Männer echt unheimlich werden!


                                                                                                          ***

Ich war innerlich so glücklich darüber, dass er mich angerufen hatte. Dass ihm meine Hilfe wichtig war und er sie tatsächlich einmal annehmen wollte. Das zeigte mir enorm, wie unser Verhältnis zueinander in diesem ganzen Jahr gewachsen war. Aber auch, dass er  an seinen Problemen gewachsen war, dass er dazu gelernt hatte.

Er sah schlecht aus, unheimlich mitgenommen, was kein Wunder war, nachdem, was sich hier ereignet hatte! Nina hatte ihn schockiert. Was sich so lange angebahnt hatte, für uns Außenstehende deutlich zu sehen, hatte Killian nicht wahrhaben wollen. Ich konnte es nachempfinden, mir war es damals bei Carsten nicht viel anderes ergangen. Auch ich hatte damals fest geglaubt, meinen Ex-Freund zu kennen und einschätzen zu können, die Situation im Griff zu haben, während sämtliche Außenstehende, Killian allen voran, mich immer wieder vor der drohenden Gefahr gewarnt hatten.

So war es jetzt auch: Spätestens seit Ninas Selbstmordversuch und ihrer anschließenden Erpressung, aber vor allem durch die Sache mit den K.O.-Tropfen auf der Blaulicht-Party wurde sie mir immer suspekter und unheimlicher. Daher hatte ich ihr schon lange eine Tat wie diese heute zugetraut – im Extremfall ging sie über Leichen!

Gott sei Dank hatte Killian es geschafft, sie zu überwältigen und heile da wieder herauszukommen. Einmal Meki, immer Meki! So kühl durchdacht und nervenstark wäre nicht jeder in solch einer Situation.

Während Ninas Bruder Christoph noch immer oben bei seiner Schwester war und versuchte, mit ihr vernünftig zu sprechen, saßen Killian und ich unten im Wohnzimmer und redeten. Über Nina, über ihre Beziehung zueinander, die im Laufe der Jahre immer extremer geworden war, der Druck und die Unzufriedenheit, die auf beiden Seiten stetig zunahm.

Ich hatte das Gefühl, es tat ihm gut, darüber zu sprechen, endlich einmal alles rauslassen zu können, was er schon so lange mit sich herumtrug. Killian war kein Mensch, der gerne und viel über seine Probleme und das, was ihn beschäftigte, sprach, doch heute Nacht war eine Grenze erreicht worden, das war deutlich zu merken. Nina hatte ihn zutiefst schockiert und er hatte jetzt große Sorge um Matthis´, aber auch um Ninas Leben.

„Ich hab´s unterschätzt. Ich hab wirklich unterschätzt, wie drastisch das Ganze schon ist, wie sehr wir uns unsere Beziehung schöngeredet haben, obwohl eigentlich jeder wusste, wie krank diese Ehe ist. Wir beide sind zutiefst unglücklich. Sie auch...auch wenn sie allen immer was anderes eingeredet hat. Heute Abend hat sie mir zu deutlich gesagt, dass sie so nicht weiterleben will. Dass sie weiß, dass ich sie nicht liebe und sie das so nicht länger ertragen kann. Und sie hat ja Recht – unsere ganze Beziehung ist für´n Arsch! Ich bin nur mit ihr zusammen, weil sie mich erpresst. Wenn´s nach mir gegangen wäre, hätten wir uns schon lange getrennt. Was ist denn das bitte für eine Ehe?! Das kann doch auch nicht gut für Matthis sein, oder?“.

Er erzählte mir von Ninas erster Messer-Attacke auf ihn, damals, als er sich nach Sylt für mich hatte von ihr trennen wollen und beschrieb mir noch einmal genau, unter welchen Umständen er sie schließlich geheiratet hatte. Auch von den drei Malen, als Nina ihm K.O.-Tropfen untergejubelt hatte, erzählte er mir. Dass er es einfach nicht nach außen hin wahrhaben wollte, er stets versucht hatte, seine Beziehung zu schützen und sich das Eheleben mit Nina schön geredet hatte.

„Das war große Scheiße, echt! So oft hatte ich Angst um sie und um Matthis, so oft hab ich mit meiner Schwiegermutter abgesprochen, dass sie ständig bei den Zweien vorbeischaut während des Tages, solange ich arbeiten muss...“. Kopfschüttelnd sah er mich an: „Aber stell dir vor, da wäre trotzdem was passiert! Wir haben Nina ja nicht sekündlich beschattet. Sie hätte ja trotzdem sich oder Matthis etwas antun können...jederzeit. Oh man...was bin ich eigentlich für ein Vater?! Das war so verdammt fahrlässig...nur weil ich die Dinge nicht sehen wollte!“.

Energisch schüttelte ich den Kopf: „Nein Killian, hör auf damit, dir wieder so was einzureden! Es ging nicht darum, dass du die Dinge nicht sehen wolltest, sondern schlichtweg, weil du keine Lösung hattest. Sie ist Matthis´ Mutter und ein eigenständiger Mensch. Ein Stück weit Vertrauen musstest du ihr einfach entgegenbringen...das ist doch ganz normal. Ja okay, sie hat ein psychisches Problem...aber dafür ist sie seit Jahren in Behandlung, geht zweimal die Woche zu einer geschulten Psychotherapeutin. Es ist also nicht so, dass irgendjemand vom Fach sie als fremd- oder selbstgefährdend derzeit einstuft. Was hättest du denn machen wollen? Mit welcher Begründung hättest du ihr den Umgang mit dem Kind verbieten wollen? Das wäre doch gar nicht gegangen. Zumindest bis heute Abend nicht!“.

Ich sah ihm fest in die Augen: „Du bist ein guter Vater für Matthis...ein sehr guter! Gib dir nicht die Schuld an dem, was passiert ist. Du hast eben mal wieder bewiesen, dass du sein Wohl bestens im Griff hast. Jetzt müssen wir uns nur noch überlegen, wie wir Nina helfen können!“.

Er erwiderte meinen Blick stumm einige Sekunden, dann nickte er schließlich und fuhr sich müde mit der Hand über das Gesicht. „Ich hoffe, dass Christoph sie überzeugen kann, freiwillig ins Krankenhaus zu gehen. Sie sollte ihren Kopf anschauen lassen...vielleicht hat sie ´ne Gehirnerschütterung?“. Er atmete tief durch: „Und dann...so, wie sie zurzeit redet...nach dem, was heute gewesen ist...sie sollte für einige Zeit echt in psychiatrische Behandlung. Ich hab so keine Möglichkeit mehr, auf sie aufzupassen...abgesehen davon, dass unser Verhältnis zueinander...unsere Basis jetzt eine ganz andere ist. Nachdem sie mich abstechen wollte und mir gesagt hat, dass sie am liebsten will, dass ich tot bin, damit mich niemals eine andere kriegt – ich kann ihr nicht mehr vertrauen, wie soll ich das machen?“.

Ich nickte langsam: „Nein, das kannst du auch nicht mehr. Sie muss wirklich in Behandlung! Bevor ihr beide annähernd wieder miteinander umgehen könnt, muss sich bei ihr etwas getan haben...irgendetwas in die richtige Richtung. So geht’s zumindest nicht weiter. Und wie du schon sagst: Sie redet von Selbstmord, ist derzeit hochgradig suizidal...du kannst es gar nicht leisten, nonstop auf sie achtzugeben. Es muss wirklich was passieren!“.

Killian atmete tief durch: „Weißt du, ich dachte immer...ich hab geglaubt, sie würde mir niemals wirklich etwas antun wollen. Dass es allerhöchstens im Affekt dazu kommen würde...so wie damals mit dem Messer. Aber das hier heute – das war von ihr vorbereitet. Geplant, völlig durchdacht. Das ist schon echt krank! Du hättest sie mal erleben sollen – wie sie mir das Messer an den Hals gehalten hat. Ich kann immer noch nicht sagen, ob sie wohl tatsächlich zugestochen hätte oder nicht. Später in unserem Gerangel hat sie es definitiv versucht...aber vorher, als sie mir damit gedroht hat, mein Leben nun zu beenden...ich hab keine Ahnung, ob sie es wirklich durchgezogen hätte. Keinen Peil. Es hat sich zumindest verdammt ernst angefühlt. Ich trau ihr inzwischen alles zu – auch, dass sie Matthis etwas antun würde!“.

Wir verfielen in Schweigen. Ich hielt es für positiv, dass er nun anscheinend endlich eingesehen hatte, dass es Zeit für ihn war zu handeln, doch natürlich fühlte ich auch mit ihm mit. Eine Lösung zu finden war unglaublich schwierig.

„Killian?“. Christoph rief vom Treppenabsatz und ich folgte Killian in einigem Abstand. Leise flüsternd wandte Christoph sich an uns: „Sie ist völlig fertig, will aber partout nichts von Klinik oder Psychologen hören. Sie redet die ganze Zeit davon, dass sie jetzt alles zerstört hätte und nicht mehr leben wolle...dich nun für immer verloren hätte. Ständig fängt sie wieder an zu weinen und schluchzt deinen Namen vor sich hin. Weiß nicht, ob sie unter Schock steht oder was das ist...zumindest hab ich sie leider kein Stück überzeugen können. Vielleicht hätte Anke eine Chance...aber die musste zuhause bei den Mädels bleiben. Ich könnte sie anrufen. Wir könnten auch meine Eltern anrufen...aber bis die da sind, ist es Morgennachmittag!“.

Killian schüttelte entschieden den Kopf: „Das bringt nichts...dann müssen wir  das jetzt irgendwie klären!“. Er atmete tief durch: „Ich versuche nochmal mit ihr zu sprechen!“. Zögernd sah ich ihn an: „Okay...aber pass auf dich auf! Lass am besten die Tür auf...damit wir alles mitbekommen!“. Er nickte und sah mich fragend an: „Könnte einer von euch sich vor Matthis´ Zimmer stellen? Zum einen kriegt ihr dann mit, wenn er schreit...zum anderen trau ich Nina auch zu, plötzlich aufzuspringen und zu Matthis zu laufen – und das will ich heute Nacht auf keinen Fall mehr!“, „Ja klar, ich mach das“.

Auf Zehenspitzen schlich ich zu Matthis´ Zimmertür, damit er nicht aufwachte, während Christoph noch einmal zum Handy griff und unten im Wohnzimmer mit seiner Frau sprach. Killian ging zögernd ins Schlafzimmer, ließ die Tür jedoch sperrangelweit auf, so dass ich jedes Wort hören konnte.

„Goldi!“. Ninas Stimme klang verheult und zittrig. „Oh Goldi...es tut mir alles so leid! Jetzt hab ich alles kaputtgemacht, oder?“. Ich hörte, wie Killian mit ruhiger, geduldiger Stimme antwortete und ich konnte ihn innerlich nur mal wieder dafür bewundern, wie durchdacht und gelassen er in solchen Momenten war. Entweder war das dem MEK zu verdanken oder er war einfach vom Charakter so – zumindest schaffte er es wieder einmal, sich für andere zurückzunehmen, Stärke auszustrahlen, wo eigentlich gar keine mehr sein konnte!

Ich an seiner Stelle hätte diese Person geschüttelt, angeschrien und am liebsten gegen die Wand geklatscht – aber gut, erstens war seine Reaktion die deutlich bessere in diesem Moment und zweitens hatte er Nina gegenüber natürlich auch ganz andere Gefühle als ich. Immerhin war sie seine Frau und die Mutter seines Sohnes. Seit beinahe fünf Jahren gab es sie in seinem Leben und er hatte stets auf sie aufgepasst – da waren natürlich Emotionen im Spiel.

Er versuchte, mit ruhiger Stimme auf Nina einzureden, sie davon zu überzeugen, dass es wirklich besser wäre, ins Krankenhaus zu fahren. „Ich mach mir Sorgen um dich. Wir alle, Nina. Bitte lass dich von einem Arzt anschauen...und sprich anschließend mit einem Psychologen. Es ist doch nicht gut zurzeit, alles andere als das...das haben wir doch heute Abend beide gemerkt. Du brauchst Hilfe...dringend. Ich kann das nicht mehr alleine stemmen, ich schaff das nicht! Wir müssen jetzt beide sehen, dass es wieder besser wird. Bitte komm mit...bitte geh freiwillig ins Krankenhaus!“.

Ich hörte Nina wieder schluchzen und tausend Entschuldigungen stammeln. „Wenn ich dich habe, ist alles gut. Dann brauche ich keinen Psychologen. Ich brauch nur dich, Killian! Solange du bei mir bleibst, ist alles gut. Du und Matthis – dann wird das auch alles wieder!“.

Ich machte ein paar leise Schritte auf das Schlafzimmer zu und lugte vorsichtig hinein: Nina hockte wie ein Häuflein Elend auf dem Bett, das Gesicht tränenüberströmt, am ganzen Körper zitternd. Killian stand in einigem Sicherheitsabstand zum Bett mit dem Rücken zum Fenster und sah sie skeptisch an: „Das stimmt doch nicht, Nina. Ich kann dir auch  nicht helfen, ganz im Gegenteil: Du bist doch todunglücklich in unserer Beziehung! So geht’s nicht mehr weiter, bitte...du musst was tun! Du musst dir professionelle Hilfe suchen...bessere als bislang. Tu´s für Matthis, bitte!“. Schluchzend schüttelte Nina den Kopf: „Ich will nur, dass du bei mir bleibst! Ich brauch kein Krankenhaus...und schon gar keinen neuen Psychiater! Ich brauche nur dich, Killian! Ich will nicht in irgendeine Klinik! Ich will hier bei dir bleiben...!“.

Ich sah, wie Killian sich hilflos mit der Hand über das Gesicht fuhr. Das würde in der Tat eine schwierige Geschichte werden.

Ich zog mich wieder zurück und unterhielt mich gedämpft mit Christoph, der von unten zu mir stieß und mir bestätigte, dass seine Familie sich ebenfalls große Sorgen um Nina machen würde. „So wie es zurzeit ist, kann es nicht bleiben, das ist mal klar. Killian hat ja Recht: Nina ist zutiefst unglücklich in dieser Beziehung, ständig beklagt sie sich über Killians Rücksichtslosigkeit und seine egoistische Art...seinen Job. Er liebt sie nicht so, wie sie ihn!“.

Er warf mir einen flüchtigen Blick zu: „Eigentlich, glaub ich, liebt er sie gar nicht...zumindest nicht mehr auf diese Art. Und sie...sie liebt ihn einfach zu sehr.  Zu extrem. Das ist nicht mehr gesund. Im Grunde wissen wir das alle, aber sie hat halt immer darauf bestanden...uns immer versichert, dass sie nur Killian in ihrem Leben bräuchte, dann würde es ihr gutgehen. Meine Eltern haben von Anfang an nichts von dieser Beziehung gehalten, aber Nina hat natürlich ihren eigenen Kopf. Was im Grunde ja auch gut ist, sie ist schließlich ein eigenständiger Mensch. Da hat ihr eigentlich auch niemand in ihre Beziehung reinzuquatschen. Und trotzdem...im Laufe der Zeit wurde ihre Liebe immer extremer und je mehr meine Eltern versucht haben, ihr Killian auszureden, desto mehr hat sie an ihm festgehalten. Und dann mussten wir das natürlich akzeptieren. Ja...und als dann die Rede von Hochzeit und Kind war, kam es uns allen eh als längst besiegelt vor!“.

Fragend zog ich die Augenbrauen hoch: „Aber dass Killian nicht hinter der ganzen Sache steht, das habt ihr schon mitbekommen, oder? Dass er durchaus auch schon vor Jahren versucht hat, sich von ihr zu trennen...?“. Christoph zuckte gequält die Schultern: „Ja, schon irgendwie. Ich wusste, dass ihre Beziehung schon recht früh in einer Krise steckte...sowohl Nina als auch Killian waren unzufrieden damals. Und dann...ja, Killian wollte den Schlussstrich ziehen, doch für Nina wäre das der Weltuntergang gewesen. Sie hat immer gesagt, dass sie ohne ihn nicht leben will. Dass sie sich umbringen wird. Deshalb ist er bei ihr geblieben und wir dachten halt, dass sie sich schon wieder fangen würden irgendwie. Zu dem Zeitpunkt haben die zwei das alles hauptsächlich unter sich ausgemacht. Erst bei Ninas erstem Selbstmordversuch mit den Schlaftabletten damals hingen auch meine Eltern und ich immer tiefer mit drin. Das hat uns alle damals unheimlich schockiert, vor allem, weil Nina so deutlich gesagt hat, dass Killian der Grund war. Er wollte sich erneut trennen und deshalb wollte sie sich das Leben nehmen. Ab da haben wir alle extrem Angst um sie bekommen und meine Eltern haben in Killian so etwas wie Ninas Lebensretter gesehen. Deshalb wurde die Beziehung auch von unseren Seiten geschürt...weil wir dachten, dass Nina so eine feste Konstante im Leben bekommt. Meine Eltern haben den beiden das Haus hier spendiert und sie sind zusammengezogen. Auf diese Weise dachten wir, dass Nina sich fangen würde. Mit Killian an ihrer Seite!“.

Er nickte seufzend: „Deshalb...ja, wir alle wussten, dass Killian diese Beziehung nicht mehr wollte und wir alle haben ihm trotzdem immer zugeredet, gefälligst bei Nina zu bleiben. Das, was sie ihm täglich gesagt hat, haben wir wiederholt. Dass ihr ganzes Leben nur auf ihn aufgebaut sei und er sich nicht einfach aus der Verantwortung stehlen könnte. Im Grunde haben wir ihn für unsere Zwecke missbraucht...das stimmt schon. Ihm gegenüber war das alles andere als fair!“.

Schweigend sah ich ihn an. Im Schlafzimmer hörten wir Killian noch immer mit Engelszungen auf Nina einreden, sie davon zu überzeugen, freiwillig ins Krankenhaus zu gehen. Ja, allerdings, Familie Höfer hatte Ninas Probleme nur zu gerne auf Killians Schultern ausgetragen. Allerdings war ich zutiefst überrascht, dass Christoph dies anscheinend wusste und dem Anschein nach auch bereute. Wahrscheinlich merkte die Familie auch inzwischen immer deutlicher, dass Ninas psychischen Probleme nicht mit Killian erledigt waren. Dass das eigentliche Problem sie selber war und sie dringend einen Weg finden musste, um selbstständig zu werden und sich selbst glücklich zu machen.

Entschieden sah Christoph mich an: „Fakt ist, so wie es zurzeit zwischen den beiden läuft, tut diese Beziehung weder Killian noch Nina gut, ganz im Gegenteil: Sie leidet immer mehr darunter, dass er sie eigentlich gar nicht liebt und nur aus Erpressung...ein besseres Wort fällt mir gerade nicht ein...mit ihr zusammen ist. Das geht so nicht weiter...sie geht daran kaputt!“. Ich nickte langsam: „Ja, das glaube ich auch. Das ganze Drama muss endlich ein Ende haben!“.

Nach einigen Minuten stieß Killian wieder zu uns auf den Flur und schüttelte frustriert den Kopf: „Keine Chance, wir drehen uns permanent im Kreis. Sie behauptet nach wie vor, dass ich ihr nur versprechen müsste, auf ewig bei ihr zu bleiben, dann würde es ihr wieder gutgehen. Das typische Gefasel halt – das, was sie immer  sagt! Aber eigentlich trotzdem nicht so meint,  denn dass sie mega unglücklich ist, hat sie mir heute Abend nicht nur einmal ziemlich deutlich gesagt!“. Ungehalten fluchte er vor sich hin: „Abgef***te Scheiße, echt mal!! Ich hab keinen Plan, was ich jetzt machen soll! Ich will nicht, dass alles wieder von vorne losgeht und wir so tun, als wäre nichts Schlimmes passiert heute Nacht – ich hab die Schnauze voll davon, immer die Augen zuzumachen und innerlich zu hoffen., das nichts passiert! Das geht so nicht weiter!!“.

Im Schlafzimmer hörten wir Nina verzweifelt schluchzen und Christoph ging alarmiert zu ihr. Beschwichtigend streichelte ich Killian über den Arm: „Wir kriegen das hin, hörst du? Es gibt eine Lösung. Nina muss jetzt als allererstes dringend in eine Klinik – sie braucht therapeutische Hilfe, auf jeden Fall! Sie legt nicht nur suizidales, sondern auch fremdgefährdendes Verhalten an den Tag...eindeutig!“.

Hilflos sah Killian mich an: „Ich müsste sie zwingen...von selbst will sie auf gar keinen Fall. Egal, was ich sage, sie will nichts davon hören!“. Entschieden erwiderte ich seinen Blick: „Dann müsst Christoph und du es ihr deutlich sagen. Entweder, sie willigt ein oder aber ihr zwingt sie dazu. Killian, ich weiß, dass das total scheiße ist und ich verstehe absolut, dass du das nicht willst, aber mal ganz ehrlich – was hast du noch für eine Wahl? Sie ist mit einem Messer auf dich losgegangen, sitzt jetzt seit Ewigkeiten völlig fertig auf eurem Bett und schluchzt, dass sie ohne dich nicht mehr leben will. Auf gut Deutsch: Sie ist gerade völlig hinüber! Wenn sie  nicht auf die Psychiatrie gehört, wer dann...?! Worauf willst du noch warten?! Du hast verdammt Glück gehabt, dass dir eben nichts passiert ist...das hätte auch anders ausgehen können! Du musst jetzt handeln, es gibt keinen anderen Weg! Wenn du dich wieder von ihr bequatschen lässt, ändert sich rein gar nichts! Du wirst weiterhin täglich Angst um sie und Matthis haben, sie wird dich weiterhin bis zum Äußersten erpressen – damit hilfst du ihr auch nicht!“.

Kopfschüttelnd sah ich ihn an: „Du kannst ihr Problem nicht für sie lösen, Killian – du bist Teil  dieses Problems. Ninas krankhafte Liebe zu dir lässt sie glauben, dass sie ohne dich nicht existieren kann und dass nur du dafür verantwortlich bist, sie glücklich zu machen. Das stimmt aber nicht, in erster Linie ist sie selbst für ihr eigenes Glück zuständig! Eure Beziehung zueinander, die schadet euch beiden gleichermaßen. Du hilfst ihr nicht, wenn du mit ihr zusammenbleibst, du siehst ja, wie weh es ihr jedes Mal tut, wenn sie realisiert, dass du sie eigentlich gar nicht liebst. Darauf wird sie doch jeden Tag immer wieder aufs Neue gestoßen. Und das macht sie fix und fertig...würde mir garantiert genauso gehen. Sie hat versucht, mit Gewalt aus dir herauszupressen, dass du sie liebst, dir ein Leben aufgezwungen, das du so niemals führen wolltest – und muss sich aber letztendlich eingestehen, dass manche Tiere in Gefangenschaft niemals glücklich werden. Und da gehört der Husky wohl auch zu...!“.

Schweigend erwiderte er meinen Blick, während ich bekräftigend nickte: „Im Ernst, wenn du Nina helfen willst, dann beende die Beziehung! Und das sag ich jetzt nicht, weil ich  stattdessen mit dir zusammenkommen will, sondern weil ich dir als Freundin den besten Rat geben möchte. Du kannst ihr nicht helfen, solange ihr pseudomäßig zusammen seid und du immer wieder mit der Auslöser bist. Sie muss ihr Leben in den Griff kriegen, sie muss endlich lernen, auf eigenen Beinen zu stehen – das kannst du nicht für sie leisten! Ich sage nicht, das du ihr nicht helfen kannst...aber wenn, dann nur mit genügend Abstand. Als guter Freund, als Vater eures gemeinsamen Kindes...da kannst du ihr vielleicht eine Stütze sein. Aber nicht mehr auf diese Art und Weise wie bislang, wo du quasi ihr Leben mitleben und für sie deichseln musstest! Sie dich zum Dank dafür auf Teufel-komm-raus unter Druck gesetzt hat. Es wird Zeit, dass sich was ändert in eurer beider Leben, meinst du nicht...?“.

Killian schwieg noch immer, tief in Gedanken versunken. Schließlich nickte er entschieden: „Doch, es muss was passieren. Allein schon wegen Matthis. Ich darf nicht länger zuschauen und nur hoffen, dass schon alles irgendwie gutgehen wird. Nina muss ins Krankenhaus, dringend!“. Er holte tief Luft, dann griff er zu seinem I-Phone: „Ich ruf Stefan an...der muss mir helfen. Könntest du in der Zeit auf Matthis aufpassen?“, „Natürlich. Ich bleib, solange du willst“, „Gut...das ist gut“.

Während Killian Stefan anrief, kam Christoph wieder zu mir nach draußen auf den Flur. Seufzend schüttelte er den Kopf: „Nichts zu machen. Ich komm überhaupt nicht an sie ran. Sie ist durchweg nur am schluchzen und fleht vor sich hin, dass Killian ihr verzeihen soll. Wenn er sie verlassen sollte, würde sie sich umbringen...das hat sie mir eben noch einmal sehr deutlich gesagt. Von Krankenhaus und Psychiatrie will sie nichts hören. Wo ist Killian?“, „Der telefoniert unten“, doch ich hörte Killian bereits wieder die Treppe hochkommen. „So...Stefan kommt. Auf den ist echt Verlass!“.

Fragend sah Christoph ihn an: „Stefan? Wofür? Warum hast du ihn angerufen?“. Killian verzog keine Miene: „Weil ich seine Hilfe brauche, wenn ich Nina gegen ihren Willen ins Krankenhaus bringe. Allein würde das ziemlich schwierig werden. Katja passt auf Matthis auf...und ich möchte sie sowieso da raushalten. Und du...tja, es liegt natürlich bei dir, ob du mir helfen willst, aber ich kann auch verstehen, wenn du dich da lieber zurückhältst. Vielleicht wäre das besser, damit Nina weiterhin Ansprechpartner hat in der Klinik. Mich wird sie danach wahrscheinlich erstmal abgrundtief hassen!“.

Mit großen Augen erwiderte Christoph seinen Blick: „Wie bitte...stopp nochmal kurz! Du willst Nina zwangseinweisen...in die Psychiatrie? Gegen ihren Willen?! Killian, ist das dein Ernst...?!“. Killian nickte ohne eine Miene zu verziehen: „Ja. Es ist Zeit dafür, Christoph. Wenn sie nicht freiwillig geht...und das kommt mir zurzeit nicht so vor...dann werde ich dafür sorgen. Allein aus Gefahrenabwehr ist das schon mein Job...deiner übrigens auch! Sie zeigt akut sowohl eigen- als auch fremdgefährdendes Verhalten. Sie wollte mich vor zwei Stunden noch abstechen, ich hab Angst um unser Kind...und sie selbst redet sowieso die ganze Zeit von Selbstmord! Wir können hier nicht auf sie aufpassen...das können wir nicht leisten. Du und deine Familie auch nicht. Sie braucht Hilfe von außen. Das soll keine Strafe sein, ich will ihr damit helfen. Wir sind an einem Punkt angekommen, an dem es kein Zurück mehr gibt auf diese Art. Sie hat mich mit ´nem Messer bedroht, sie wollte uns beide umbringen – du kannst nicht ernsthaft von mir erwarten, dass ich noch länger in dieser Beziehung bleibe und so tue, als wäre nichts gewesen!“.

Schweigend sah Christoph ihn an. Ich hielt mich lieber zurück, das war eine Familienangelegenheit, in die ich mich lieber nicht einmischen wollte. Aber aus vollem Herzen stand ich zu Killian.

Killian atmete tief durch: „Unsere ganze Beziehung war die reinste Scheinsache. Wir haben uns gegenseitig tagtäglich verscheißert, uns dadurch nur noch tiefer reingeritten – das muss jetzt endlich ein Ende haben! Ich bin Vater, ich muss an meinen Sohn denken. Und ich will, dass Nina geholfen wird, weil sie mir wirklich alles andere als egal ist. Ich will nicht morgen nach Hause kommen und sie tot in der Badewanne auffinden, weil sie sich die Pulsadern aufgeschnitten hat oder was auch immer! Und deshalb muss ich jetzt handeln...auch wenn sie mich dafür hassen wird. Und du und deine Familie vielleicht auch – das nehm ich in Kauf!“.

Christoph nickte schließlich wie in Trance: „Nein, du hast Recht. Es muss was passieren, es muss sich jetzt was ändern. Ich bin der selben Meinung wie du – eure Beziehung tut euch beiden nicht gut. Eigentlich sehen das inzwischen wohl alle von außen so...meine Eltern auf jeden Fall. Wie heißt es so schön? Besser ein Ende mit Schrecken, als ein Schrecken ohne Ende. Vielleicht geht es Nina tatsächlich wieder besser, wenn eure Ehe so nicht mehr existiert? Wenn sie auf eigenen Beinen stehen muss?“, „Ja, ich denke auch. In unserer Ehe geht es Nina zumindest überhaupt  nicht gut. Ich kann sie nicht retten...wie soll ich das machen? Sie muss sich selber retten!“.

Fragend sah Christoph ihn an: „Aber was wird aus Matthis?“. Gelassen erwiderte Killian seinen Blick: „Ich bin sein Vater...der kommt zu mir. Zumindest solange, wie Nina in der Klinik ist. Danach müssen wir mal schauen, wie es weitergeht“, „Aber du arbeitest doch den ganzen Tag!“, „Na und? Ich werd schon ´ne Lösung finden! Und wenn ich ´ne Nanny einstelle...was auch immer. Zumindest bleibt mein Sohn bei mir!“. Killian schüttelte den Kopf: „Ich will Nina nicht ihr Kind wegnehmen! Sobald es ihr wieder besser geht und es zu verantworten ist, werde ich ihr auf keinen Fall den Kontakt zu Matthis verwehren. Ich sag auch nicht, dass ich vor Gericht das alleinige Sorgerecht einklagen werde. Ich will nur das Beste für meine Familie! Und wenn ihr dabei auf meiner Seite seid und wir alle an einem Strang ziehen, könnten wir Nina garantiert am schnellsten helfen. Und auch für Matthis am besten sorgen – ich könnte eure aller Hilfe garantiert gut gebrauchen!“.

Sein Gesichtsausdruck wurde gefährlich: „Aber wenn deine Familie, allen voran meine Schwiegereltern versuchen sollten, mir irgendwelche Steine in den Weg zu legen...gerade in Bezug auf Matthis und das Sorgerecht...dann werde ich kämpfen bis aufs Blut, das versprech ich euch! Und dann wird auch meine Genügsamkeit und Fairness, was Ninas Verhalten betrifft, schneller ein Ende haben, als ihr noch Stopp  rufen könnt! Denn immerhin stehen hier auch einige Straftaten im Raum, mit denen gerade wir beide uns doch bestens auskennen sollten. Ich kann also auch die andere Seite aufziehen und den Weg der Strafverfolgung gehen!“. Seufzend sah er Christoph an: „Aber in erster Linie hoffe ich einfach, dass wir einen gemeinsamen  Weg finden, um Nina zu helfen. Es liegt an euch!“.

Stille. Christoph schwieg eine ganze Weile, tief in Gedanken versunken. Schließlich sah er Killian entschieden an und nickte: „Okay, ich glaube, du hast Recht. Ich steh zumindest hinter dir, Husky!“.

Killian lächelte erfreut und für zwei Sekunden schlugen die beiden Herrschaften ihre Handflächen ineinander und ließen ihre Schultern aneinander krachen (aus welchen Gründen Männer so etwas tun, blieb mir bis heute ein Rätsel).

Fragend zog Christoph die Augenbrauen hoch: „Wie willst du denn gleich vorgehen? Nina hat ja noch keinen gesetzlichen Betreuer oder so was. Reicht die Unterschrift als Ehemann aus?“. Killian zuckte die Schultern: „Wir gehen in erster Linie nach PsychKG vor: Selbst- und fremdgefährdendes Verhalten. So ist sie derzeit eine Gefahr für sich und die öffentliche Sicherheit und Ordnung. Da können Stefan und ich schon aus Berufsgründen...aus hoheitlichen Aufgaben, wie es so schön heißt...tätig werden. Müssen  wir im Grunde sogar. Wir bringen sie ins Klinikum und jeder normale Arzt dort wird eine Einweisung in die Psychiatrie veranlassen...hundertprozentig. Dass ich da wirklich noch als Ehemann oder deine Eltern irgendwas unterschreiben müssen, glaub ich gar nicht. Sie ist ja nicht entmündigt von uns. Das hier ist ja nur zur Gefahrenabwehr!“.

Wir hörten draußen ein Auto vorfahren. „Das ist Stefan“. Killian lief die Treppe hinunter, um Stefan ins Haus zu lassen. Nachdem sie sich begrüßt hatten und Killian noch einmal in kurzen Sätzen schilderte, was heute Abend passiert war, nickte er schließlich mit angespannter Miene: „Okay...dann geht’s jetzt los!“.
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