Blaulichtmärchen - Auch Schutzengel fallen mal vom Himmel!

GeschichteAbenteuer, Drama / P18
30.07.2017
13.04.2019
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Killian:

Mit Vollgas bretterte ich quer durch die Stadt zu unserem Haus – ich hatte wieder einmal richtig Schiss, dass Nina Scheiße baute! Dass sie sich selbst oder Matthis in ihrer Wut etwas antat.

So wie ich aufs Gaspedal drückte, brauchte ich keine zehn Minuten nach Hause – ich war mal wieder mit Sonder- und Wegerechten unterwegs!

Mit quietschenden Reifen bremste ich auf dem Hof ab und stürmte zur Haustür. Scheiß-Schlüssel, geh endlich in das Türschloss, verdammt!

Ich stolperte in den Hausflur und weiter ins Wohnzimmer. „Nina?“. Totenstille. Niemand da. Auch die  Küche war wie ausgestorben. Panisch rannte ich die Treppe ins Obergeschoss hoch und platzte in unser Schlafzimmer – da saß Nina auf dem Bett, zitternd und tränenüberströmt – doch so weit ich das sehen konnte unverletzt. Gott sei Dank!

Eilig blickte ich mich nach Matthis um, doch er war nirgendwo. „Wo ist das Kind? Wo ist Matthis, Nina?“. Mit schmerzverzerrtem Gesicht sah sie mich an, während ihr die Tränen nur so vom Kinn tropften: „Das ist das Einzige, was dich interessiert, ´ne?! Wo Matthis ist. Was mit mir ist, ist dir doch scheißegal!“. Atemlos erwiderte ich ihren Blick: „Das stimmt nicht, Nina...und das weißt du!“. Schluchzend schüttelte sie den Kopf: „Er ist nebenan in seinem Zimmer und schläft. Was dachtest du denn?! Dass ich ihn aus dem Fenster geworfen habe...?!“.

Ich atmete tief durch und versuchte, mich etwas herunterzufahren. Zögernd ging ich auf sie zu: „Hast du irgendwas gemacht? Dir was angetan...dich geritzt oder so?“. Nina zuckte die Schultern und hielt den Blick auf die gegenüberliegende Wand gerichtet: „Als ob dich das interessiert. Du warst doch mal wieder anderweitig unterwegs!“.

Seufzend hockte ich mich vor sie und wollte sie gerade zum Aufstehen bewegen, als sie urplötzlich ein Küchenmesser hervorzog (wo auch immer sie dieses vorher versteckt hatte, ich hatte es nicht gesehen) und es mir drohend entgegenhielt. Außer sich vor Wut starrte sie mich an, ihre Stimme war so hysterisch, dass ich sie kaum wiedererkannte: „DU SCHEISSKERL!! DENKST DU, ICH WEISS NICHT, MIT WEM DU HEUTE WIEDER ZUSAMMEN WARST?! ICH WAR EBEN AUF DER LIEGENSCHAFT, UM DICH ZU KONTROLLIEREN – WEIL ICH DAS GANZE SCHON GEAHNT HABE!!“.

Instinktiv machte ich einen Schritt von ihr weg und rappelte mich auf, hob abwehrend die Hände, doch auch Nina sprang ruckartig auf die Füße und ging mit dem Messer in der Hand drohend auf mich zu. Ihre Stimme klang gefährlich, ihr Gesicht hatte einen leicht wahnsinnigen Ausdruck angenommen: „Ich hab dich gewarnt, Killian...ich hab es dir immer gesagt. Du hast mir versprochen, jetzt treu zu bleiben. Und immer noch läufst du hinter ihr her!“. Hysterisch schrie sie wieder los: „VERDAMMT, DU HAST EINE FAMILIE, DU ARSCHLOCH!! DU HAST MICH NICHT ZU BETRÜGEN!“.

Ich war vor ihr zurückgewichen, ohne es zu bemerken, doch jetzt war hinter mir die Wand – weiter zurück ging nicht mehr. Nina stand jetzt dicht vor mir und hielt mir mit einem merkwürdigen Blick in den Augen das Messer an die Kehle. „Ich könnte es tun, verstehst du? Ich könnte es jetzt wirklich machen. Du hättest keine Schnitte – innerhalb von wenigen Minuten würdest du verbluten. Ich könnte dir einfach die Kehle durchschneiden!“.

Ich atmete schwer und hielt ihrem Blick stand, versuchte verzweifelt, mir irgendeine Lösung einfallen zu lassen. Ninas Stimme klang fast zärtlich: „Verdient hättest du´s ja, mein Schöner!“.

Ich presste den Hinterkopf gegen die Wand und versuchte, so weit es möglich war, vor der scharfen Klinge zurückzuweichen, doch ich spürte sie bereits an meinem Hals. Eine falsche Bewegung und Nina könnte völlig wutentbrannt und hysterisch zustechen. Mehrfach hintereinander. Und das zu überleben wäre wohl nicht ganz so einfach!

Eisern versuchte ich, Ruhe auszustrahlen: „Nina, lass uns vernünftig reden! Über alles. Aber leg jetzt das Messer weg! Bitte mach nichts, was du in zwei Minuten schon wieder bereust!“, „Reden?!“. Verächtlich sah sie mich an: „Wir reden doch nie wirklich miteinander! Zum Reden ist es jetzt zu spät, mein Schatz! Du hast mich nie ernst genommen – jetzt kommt der Zeitpunkt, an dem du das bereuen wirst!“.

Ich spürte die spitze Klinge ganz langsam an meinem Hals entlang kratzen, ohne dass es wirklich wehtat. Noch immer wagte ich es nicht, mich auch nur einen Zentimeter zu rühren, während sie das Messer wie in Zeitlupe an meinem Hals entlang bis zum Herzen führte. „Ein Stich und es ist innerhalb von Minuten vorbei. So, wie du mein Herz seit Jahren zerreißt, immer wieder nachtrittst...so hättest du es absolut verdient, dass ich dich dafür bluten lasse. Im wahrsten Sinne des Wortes!“. Verächtlich erwiderte ich ihren Blick: „Und dann? Was ist dann, he? Dann gibt’s keinen Killian mehr, der dich tagtäglich vor allem retten kann! Dann ist dein „Sinn des Lebens“ weg – deine große Liebe! Dann hat Matthis keinen Daddy mehr. Glaubst du wirklich, dass du dann endlich glücklich wärst...?!“. Energisch schüttelte sie den Kopf: „HÖR AUF! HÖR AUF DAMIT, DEN STARKEN OBERCOOLEN ZU SPIELEN!! DU HAST GERADE RICHTIG SCHISS...TU DOCH NICHT SO!!“.

Drohend hielt sie mir das Messer wieder an die Kehle und flüsterte: „Eine falsche Bewegung – ich warne dich! Dann stech ich wirklich zu. Wag es nicht, irgendetwas zu versuchen...lass es nicht drauf ankommen!“. Ihre Hände zitterten, nervlich war sie gerade mal wieder in einem derartigen Ausnahmezustand, dass ich ihr alles zutraute.

Okay, besser erstmal abwarten, bis sie sich ein wenig heruntergefahren hatte! Wenn ich jetzt versuchen würde, das Messer an meinem Hals irgendwie abzublocken und sie zu Boden zu bringen, wäre das eine verdammt heikle Situation, die zu neunzig Prozent in einer schweren Verletzung enden würde – wenn nicht sogar noch schlimmer! So wie Nina gerade drauf war, traute ich ihr auch zu, dass sie plötzlich wie von Sinnen anfangen würde, auf mich einzustechen – und dann konnte ich noch so viel stärker sein als sie oder Mitglied einer Spezialeinheit – dann hatte ich nicht die geringste Chance!

Auffordernd sah Nina mich an: „Los...runter auf den Boden! Beweg dich!“, „Was?!“. Sprachlos starrte ich sie an. Was sollte das denn jetzt werden?! Sie drückte die Klinge an meinen Hals: „RUNTER AUF DEN BODEN HAB ICH GESAGT!!“.

Noch immer hatte ich keinen Peil, was sie eigentlich von mir wollte, doch das Messer war mir gerade deutlich zu nahe an meiner Halsschlagader, also machte ich lieber, was sie sagte: „Okay, okay“. Ich hob beschwichtigend die Hände und ließ mich neben unserem Bett auf dem Boden nieder. „Und nun?“.

Ohne das Messer von mir abzuwenden, nickte Nina mit dem Kopf und zog aus der Schublade ihres Nachttischs Handfesseln hervor: „An die Wand...neben den Pfosten!“. Ungläubig starrte ich sie an: „Wo hast du die denn her?!“. Beflissen lächelte sie: „Von dir. Die hast du hier vor Monaten liegenlassen...unten im Flur, als du dein Handy mal hier vergessen hattest. Und irgendwann dachte ich mir, wenn du sie nicht auf der Liegenschaft vermisst, können wir sie ja auch hier behalten. Das eine oder andere Mal hätte ich dich nur zu gerne ans Bett gekettet, als du spät abends noch meintest, unbedingt Joggen gehen zu müssen oder so was! Tja...heute kamen sie mir sehr gelegen. Streck deinen rechten Arm aus!“.

Mit eisigem Blick legte sie das eine Ende der Handschellen um mein Handgelenk und das andere um das Bettgitter, ohne das Messer von meinem Hals zu entfernen. Mit triumphierenden Gesichtsausdruck sah sie mich an: „Das kommt davon, wenn der Husky immer wieder wegläuft! Irgendwann kommt er an die Kette!“. Verächtlich schnaubte ich auf: „Du hast doch echt nicht mehr alle Nadeln auf der Tanne! Und jetzt? Was haste jetzt vor?! Willst du mich jetzt zum Sex zwingen...ein zweites Kind zeugen? Oder mich auspeitschen für meine Fehltritte?! Was soll das jetzt werden...?!“.

Nina schüttelte den Kopf und drückte die Handfesseln so fest zu, dass sie mir tief ins Fleisch schnitten: „Keine Ahnung...vielleicht will ich einfach nur Rache? Rache für all das, was du mir angetan hast in all den Jahren! Wie oft du mich hast fallenlassen...obwohl ich alles für dich tun würde! Ich würde für dich sterben, Killian!“. Ihr kamen schon wieder die Tränen: „Und du! Du trittst mich immer nur mit Füßen! Wir waren doch mal so glücklich – was ist nur passiert?! Warum lebst du eigentlich nur für deinen Scheiß-Job?! Warum liebst du mich nicht so, wie ich es verdient habe?! Du wolltest mich verlassen, hast mich bei unserer Hochzeit so was von hängenlassen...mich so gedemütigt vor allen Leuten damals. Ich weiß nicht, was ich getan habe, dass du mich so fertigmachst!“. Inzwischen schluchzte sie schon wieder: „Und dann diese Katja!! Ich kann machen, was ich will – immer noch machst du mit ihr rum!“.

Wieder deutete sie drohend mit dem Messer auf mich: „Wie oft hast du´s mit ihr getrieben, he?! Hinter meinem Rücken? Wart ihr auch hier...in unserem Bett?! Ist sie besser als ich?! Kann sie´s dir besser besorgen? Es wird ja ´nen Grund geben, warum du mit mir schon so lange nicht mehr willst!!“.

Müde sah ich sie an: „Wenn wir uns einfach mal vernünftig unterhalten könnten, würde ich dir alles erklären. Wo ich heute war, warum ich so viel Zeit mit Katja verbringe...und warum ich glaube, dass du dringend Hilfe brauchst!“, „ICH WEISS, WO DU WARST, OKAY?! KOLLEGEN VON DIR HABEN SICH EBEN VERPLAPPERT! ICH HAB´S JA SCHON GEAHNT...DIE GANZE ZEIT. DU HAST NIE WIRKLICH MIT IHR SCHLUSS GEMACHT, ODER?! DIE GANZE ZEIT ÜBER...EIN GANZES JAHR GEHT DAS SCHON SO MIT EUCH! ICH BIN DOCH NICHT BLÖD!!“.

Kopfschüttelnd erwiderte ich ihren Blick: „Nina, nein. Wir sind wirklich nur befreundet. Ich hab ihr für den Test beim Mek geholfen – deshalb war ich gestern und heute mit in Hannover!“, „DU LÜGST!! ICH GLAUB DIR KEIN WORT MEHR!! DU HAST MICH HINTERGANGEN! UND DAFÜR WIRST DU BEZAHLEN!“.

Ohne eine Miene zu verziehen, erwiderte ich ihren Blick: „Und was heißt das? Willst du mich jetzt abstechen? Aufschlitzen? Mir die Eier abschneiden...?!“. Verächtlich lachte sie auf: „Könnte ich alles machen! So hab ich jedenfalls keine Kraft mehr weiterzumachen – wenn du mir jeden Tag nur aus dem Weg gehst, mich eiskalt auf Abstand hältst...und in Wirklichkeit an eine andere denkst!“. Wieder kamen ihr die Tränen: „Das ist so mies, Killian! Das hab ich echt nicht verdient! Ohne dich kann und will ich nicht leben – wie oft muss ich dir das noch sagen? Du bist mein Leben...nur du!“. Sie schluchzte verbittert: „Aber wenn du mich nicht liebst...dann will ich so nicht mehr leben! Vielleicht wäre es also an der Zeit, dass wir beide gemeinsam Schluss machen...?!“.

Ihre Stimme klang leise und gefährlich: „Ich habe dir schon einmal gesagt, wenn ich dich nicht behalten darf, bekommt dich niemand! Ich könnte also erst dich ausbluten lassen...und anschließend mich selbst!“.

Stumm starrte ich sie einfach nur an. Gerade fiel mir nichts ein, was ich dazu sagen konnte. Jetzt bekam ich wirklich Schiss! Nina zweifelte gerade an allem, war noch immer völlig neben der Spur und so voller Enttäuschung und Hass, dass ich ihr beide Taten durchaus zutrauen würde.

Meine Stimme klang recht heiser: „Und was soll dann aus Matthis werden...? Wenn du uns beide ins Jenseits befördern willst?! Oder bringst du ihn auch um?“.

Schweigend sah sie mich an. Sie machte auf mich den Eindruck, als wüsste sie selber nicht, wo das alles hier eigentlich enden sollte. Sie hatte überhaupt keine Ahnung, was sie jetzt als Nächstes tun und bezwecken wollte, aber mit aller Gewalt wollte sie ein Zeichen setzen, zeigen, dass sie so nicht mehr mitmachen wollte. So ein bisschen wie ein kleines Kind, dass sich auf die Erde wirft und mit den Fäusten auf den Boden trommelt, wenn es nicht nach seiner Nase läuft. Doch genau das war das Brandgefährliche an der Situation!

Nina wusste weder ein noch aus, eigentlich hatte sie null Peil, was sie mit mir, ans Bett gekettet, jetzt anstellen sollte – aber sie hatte mich schockiert und genau das befriedigte sie. Daher würde ich ihr auch zutrauen, im Brass auf mich einzustechen und es hinterher zutiefst zu bereuen.

Scheiße, wie bekam ich uns alle drei heile aus dieser Situation wieder heraus? Matthis, Nina und mich selbst?

Ihre Stimme zitterte: „Ich würde Matthis niemals was antun!“. Angestrengt versuchte ich, ruhig zu bleiben: „Soll er dann ohne Eltern aufwachsen? Bei Oma und Opa...oder wie hast du dir das gedacht? Und die müssen ihm dann eines Tages erzählen, dass seine Mama ihn willentlich verlassen hat? Vorher noch seinen Vater abgestochen hat – und das alles nur, weil sie nicht verlieren kann? Weil sie mit aller Gewalt jedem ihren Willen aufzwingt? Und wenn das nur im Tod enden kann, dann ist das eben so...?“.

Ich schüttelte verabscheuend den Kopf: „Das sind die klassischen Familiendramen, zu denen wir ständig gerufen werden. Wo Väter oder Mütter nicht mit sich klar kommen und dafür Kinder und Ehepartner bezahlen lassen!“. Meine Stimme wurde etwas brüchig: „Ich hätte nur niemals geglaubt, dass meine eigene Familie irgendwann zum Schauplatz für ein solches Verbrechen wird!“.

Für einige Sekunden sah Nina mich schweigend an. Meine Worte schienen etwas in ihr auszulösen, denn schließlich ließ sie die Hand mit dem Messer sinken: „Ich will dich eigentlich gar nicht umbringen, Goldi! Du bist viel zu schön dafür...!“. Wieder fing sie an zu schluchzen: „Aber ich will dich nicht verlieren! Ich will, dass du mir gehörst! Nur mir!!“. Kopfschüttelnd sah sie mich an: „Ich ertrag den Gedanken einfach nicht, dass du gehst und dich eine andere bekommt. Da will ich lieber, dass du tot bist...ganz ehrlich!“. Freudlos lachte ich auf: „Na, vielen Dank! Da spricht die wahre Liebe aus dir, ich merk schon!“.

Scheiße, derzeit war es noch immer kein Stück möglich, vernünftig mit ihr zu reden! Es war inzwischen schon kurz nach halb Elf, die Wahrscheinlichkeit, dass noch irgendjemand um diese Zeit bei uns zuhause vorbeikommen würde, lag wohl unter fünf Prozent. Eher noch niedriger. Mein Handy lag auf dem Beifahrersitz meines Volvos – ich hatte in meiner Hektik nicht daran gedacht, es mit ins Haus zu nehmen.

Tja, was tun? Ohne Schlüssel bekam ich die Handfessel nicht los und das Bett konnte ich auch nicht quer durchs Haus hinter mir herziehen – ganz abgesehen davon, dass Nina keinerlei Anstalten machte, mich alleine lassen zu wollen. Es ging also nur über sie selbst. Ich musste sie wieder zur Vernunft bringen, sie dazu überreden, mich loszumachen und dieses Scheiß-Messer wegzulegen!

Tief durchatmend sah ich sie an: „Nina, bitte mach keinen Scheiß! Bitte versuch jetzt, dich zu beruhigen! Noch ist nichts passiert...noch kann alles wieder werden. Aber wenn du irgendeinen Shit mit dem Messer anstellst – dann ist es vorbei! Und dann kannst du es auch nicht mehr rückgängig machen, egal, wie sehr es dir leid tut! Ob du mir was antust...oder dir selbst...dann war´s das. Deshalb...“, mein Blick wurde flehentlich, „leg das Messer weg und mach mich los! Und dann reden wir in Ruhe, ja?“.

Stumm erwiderte sie meinen Blick. Durchdringend sah ich sie an: „Ich will dir helfen, okay? Ich will nicht, dass dir irgendwas passiert. Ich bleib bei dir und wir versuchen gemeinsam, eine Lösung zu finden. Damit es dir wieder besser geht und du nicht ständig so verzweifelt bist...okay?“. Nina bedachte mich mit einem liebevollen Blick und hockte sich vor mich, strich mir zärtlich mit der Hand übers Gesicht: „Du bist ein Guter!“. Seufzend sah sie mich an: „Nur leider hilft das alles nichts mehr! Ich ertrag es einfach nicht mehr, dass du mich nicht liebst...dass du in Wirklichkeit an eine andere denkst. Und ich kenne dich inzwischen gut genug, um zu wissen, dass du gerade einen Notfallplan im Kopf hast, der garantiert damit enden wird, dass du Matthis an dich nimmst und hier verschwindest...wie schon vorher viel zu oft! Ich stehe hier mit einem Messer vor dir, ich hab´s dir an die Kehle gehalten – und du willst mir erzählen, dass ich dich nur losmachen muss und dann ist alles wieder wie vorher?! Das glaubst du dir doch selber nicht!“.

Ihre Stimme wurde wieder hysterischer, Tränen traten erneut in ihre Augen: „Du willst mich wieder verarschen! Sobald ich dich losgemacht habe, nimmst du mir das Messer weg und haust ab! Rufst meine Eltern an, damit sie aufpassen...aber dann wirst du dich trennen von mir...mit Sicherheit! Ich wäre doch schön blöd, wenn ich dich jetzt also befreien würde, oder...?“.

Mit gezwungen ruhiger Stimme erwiderte ich ihren Blick: „Und was willst du stattdessen? Mich eine Nacht hier ans Bett ketten und aus mir rauspressen, dass ich dich liebe oder was?! Morgen früh spätestens musst du mich wieder losmachen – wenn ich nicht beim Job erscheine, stehen die Jungs hier vor der Tür!“.

Nina erhob sich und sah mich mit einem gefährlichen Funkeln in den Augen an: „Ich könnte dich auch Schlafen legen...die Medikation hab ich hier. Du hast ja schon mehrfach erfahren, wie wirkungsvoll sie ist und wie gut du darauf anspringst“. Sie zuckte die Schultern: „Ich könnte sie dir spritzen. Für irgendwas muss meine Ausbildung und mein halbes Medizinstudium ja auch mal gut sein, oder?“.

Fassungslos starrte ich sie an, sämtliche Worte waren mir soeben abhanden gekommen. War das jetzt ihr Ernst? Ohne mich aus den Augen zu lassen, fuhr Nina fort: „Dann wirst du ganz schläfrig und benommen...und machst alles, was ich dir sage. Eine schöne Abwechslung zum Alltag, kann ich dir sagen!“.

Ihr Blick wurde wieder liebevoll: „Ich hab dich beinahe am liebsten, wenn du krank bist. Wenn du einfach nur hier liegst, ich mich den ganzen Tag um dich kümmern kann, dir beim Schlafen zusehen darf...und du zur Abwechslung mal kaum Widerworte gibst, sobald ich mit dir kuscheln oder dir durchs Haar streicheln will. Ich liebe es, wenn du den ganzen Tag zuhause bist und nicht diesem schrecklich gefährlichen Job nachgehst. Wenn ich die ganze Zeit kontrollieren kann, was du tust und was nicht, ich dich den ganzen Tag für mich alleine habe – das ist tatsächlich mit die schönste Zeit des Jahres!“.

Sie hatte wahrhaftig nicht mehr alle Latten am Zaun!

Ich konnte sie nur sprachlos anstarren, während sie weiter philosophierte: „Im Frühjahr...als du verletzt warst...ich weiß, das klingt gemein, aber ehrlich gesagt hat mir die Zeit echt gut gefallen. Vor allem, als du wieder Zuhause warst und noch nicht arbeiten durftest. Und ich muss leider ehrlich sagen, dass uns beiden auch die drei Male, als ich dir K.O.-Tropfen ins Getränk gemischt habe, äußerst gutgetan haben. Du hast keinen Blödsinn mehr gemacht, warst lammfromm und hast alles getan, was ich von dir wollte. So gefällst du mir viel besser, als wenn du mir ständig erzählen willst, dass ich eine Gefahr für Matthis bin!“.

Sie zuckte schlicht die Schultern: „Deshalb wäre es, glaub ich, das Beste, wenn ich dir jetzt einfach eine ordentliche Dröhnung verabreiche. Dann brauche ich dich nicht mehr länger anketten, dann liegst du einfach im Bett und schläfst...und wir können kuscheln. Und das über Tage hinweg, vielleicht sogar Wochen? Ich muss dir ja eigentlich immer nur was nachspritzen...von dem Zeugs hab ich genug da, das kann ich dir sagen!“.

Fassungslos starrte ich sie an – sie war irre genug, um ihren Plan in die Tat umzusetzen.

„Wo hast du das Zeug her? Und wo bitte versteckst du das?!“. Ninas Gesicht verzog sich zu einem hinterlistigen Lächeln: „Bestellt im Internet...ist nicht sehr schwierig, das krieg sogar ich hin! Was denkst du denn, was ich den ganzen Tag hier mache, mein Süßer? Wenn man ständig von seinem Partner alleine gelassen wird, kommt man eben auf dumme Gedanken, kann ich dir sagen! Ich hab´s unten im Keller im Vorratsraum...da gehst du ja eh nie hin, außer um deine Bierkisten dort zu stapeln. Tja, ich würde sagen, da ist es gut aufgehoben, oder?“.

Ich schüttelte den Kopf und versuchte angestrengt, cooler und gefasster zu wirken, als ich mich tatsächlich fühlte: „Dein toller Plan hinkt aber gewaltig! Glaubst du im Ernst, dass kein einziger meiner Kollegen misstrauisch werden würde, wenn du mich über Wochen krankmeldest, aber keiner etwas von mir persönlich hört?! Die sind nicht blöd, Nina, die wissen sehr wohl, was zwischen uns beiden abgeht. Stefan und Katja würden auf jeden Fall persönlich hier auf der Matte stehen, wahrscheinlich sogar noch morgen im Laufe des Tages. Und dann? Weigerst du dich, sie reinzulassen, trau ich spätestens meinen Jungs vom Mek zu, dass sie die Tür auch gewaltsam öffnen würden, um zu wissen, was mit mir ist. Und wenn sie mich dann völlig ausgeknockt im Bett finden, wird garantiert keiner von denen dir glauben, dass ich einfach nur ein bisschen krank geworden bin und jetzt meine Ruhe brauche oder so was! Die wissen sofort, was hier abgeht! Und dann hast du ein richtiges Problem, meine Liebe – die werden dich ohne Umschweife anzeigen! Das ist Gefährliche Körperverletzung, Nötigung, Freiheitsentziehung...oh, da käme einiges zusammen! Würde ich mir gut überlegen an deiner Stelle...!“.

Stumm erwiderte sie meinen Blick, dann zuckte sie schließlich die Schultern: „Und...? Was hab ich denn noch großartig zu verlieren? Goldi, du glaubst irgendwie immer noch, dass alles wieder rückgängig zu machen ist. Aber wie soll das gehen?“. Ihre Stimme wurde lauter: „Ich weiß, dass du mich nicht liebst, okay?! Ich weiß, dass du mich verarschst...die ganze Zeit über! Und jetzt ist das Fass übergelaufen, ich hab die Schnauze voll davon, stets die heiter lächelnde Ehefrau zu spielen, die so tut, als wüsste sie nichts davon, dass ihr Ehemann sie am laufenden Band betrügt! Die so tut, als würde er ihr nicht jedes Mal ein Stückchen weiter mitten ins Herz treten, wenn er ihr subtil unter die Nase reibt, dass er sie eigentlich gar nicht liebt und nur aus Erpressung...was ich als Notwehr bezeichne...mit ihr zusammen ist! Allein für deine Art und Weise bei unserer Hochzeit sollte ich dir schon die Kehle durchschneiden!!“.

Wütend blitzte sie mich an: „Für deine unvergleichliche Art mich wegzustoßen, wenn ich deine Zärtlichkeit möchte. Für deine lieblose Art, mit mir zu schlafen...und das schon so lange! Nein, damit ist jetzt Schluss, Killian, ein für allemal!! Ab heute...ab dieser Minute geht unsere Ehe neue Wege, das sag ich dir!“. Mit einem fieberhaften Funkeln in den Augen ging sie wieder auf mich zu: „Wir könnten abhauen, weg von hier...alles hinter uns lassen. Bis irgendwer morgen davon erfährt, sind wir schon lange über alle Berge. Nur wir drei. Irgendwohin ins Ausland...wo uns keiner findet. Und wo wir für immer glücklich sein werden!“.

Sie redete wie eine Geistesgestörte! Völlig weg von jeder Realität!

Energisch versuchte ich, ruhig zu bleiben: „Und wo soll sich dieser fantastische Ort befinden?! In deinem verwunschenen Königreich irgendwo zwischen Sagaland und Entenhausen...?!“. Wutverzerrt herrschte sie mich an: „DU NIMMST MICH NICHT ERNST!“. Freudlos lachte ich auf: „Du hättest es nicht besser ausdrücken können! Man, Nina, schalt dein Hirn wieder ein! Das alles kann doch überhaupt nicht funktionieren! Abgesehen davon, dass es keinen Ort auf dieser Welt gibt, wo du endlos glücklich bis an dein Lebensende sein wirst – wovon genau willst du da leben?! Woher nimmst du deine Aufenthaltsgenehmigung...oder willst du illegaler Einwanderer werden?! Und das soll deine perfekte Zukunft für Matthis sein, ja?! Mich wirst du nur mitkriegen, wenn du mich vorher mit deinen Drogen plattgemacht hast...okay. Aber soll ich dann bis an mein Lebensende in irgendeiner Berghöhle in Liechtenstein...oder wo immer du auch hinwillst...zugedröhnt auf meinem Feldbett liegen und vor mich hin vegetieren? Das verstehst du unter Glück und einer perfekten Beziehung...?!“.

Kopfschüttelnd sah ich sie an: „Merkste selbst, ´ne?! Wie dein absurder Plan hinkt?! Und was ist mit deiner heiligen Familie, ohne die du kaum einen Tag kannst? Willst du die alle für immer hier zurücklassen?“.

Ich konnte mir den spöttischen Ton nicht verkneifen: „Nina, im Ernst – du fährst noch nicht einmal von hier bis nach Hamburg, weil dir – im O-Ton – die Autobahn „suspekt“ ist. Wie willst du denn überhaupt aus Osnabrück herauskommen?! Sorry, wenn ich dich da enttäuschen muss – aber den Plan vom „Durchbrennen“ nehm ich dir nicht ab! Da lach ich genau dreimal!!“.

Nina wurde fast weiß vor Wut: „DU ÜBERHEBLICHES ARSCHLOCH!! DU GLAUBST AUCH WIRKLICH, ICH KRIEG NICHTS GESCHISSEN, ODER?! FÜR WEN HÄLTST DU MICH EIGENTLICH?!“. Drohend stellte sie sich vor mich und hielt mir von oben das Messer wieder an die Kehle: „Willst du lieber, dass ich es jetzt und hier beende, ja?! Willst du, dass ich dich absteche?! Und dir dann beim Sterben zusehe? Kann ich auch machen – erst du, dann ich!“.

Schweigend sah ich sie an. Scheiße, noch immer hatte ich es nicht geschafft, sie zu beruhigen, immer wieder fuhr sie sich hoch! Heute war wirklich ein ganz schlimmer Tag, wobei ich ehrlich zugeben musste, dass ihr Zustand sich in den letzten Monaten spürbar deutlich verschlechtert hatte. Nicht umsonst hatte ich ständig Angst um sie und um Matthis!

Allerdings...ja, vielleicht war das naiv von mir, aber ich hatte irgendwie immer geglaubt, ich könnte sie zumindest einschätzen, was meine Gefährdung betraf. Gut, vielleicht war ich da auch ein Stück weit überheblich und sorglos gewesen, dachte immer, dass ich es doch als Meki eigentlich mit jedem aufnehmen könnte und hatte meine Frau, die ständig heulend und schutzbedürftig an meiner Schulter hing, schlichtweg nicht ernst genommen in dieser Hinsicht.

Ja okay, vergangenes Jahr hatte es diese eine Situation gegeben, in der sie mich mit einem Messer bedroht hatte, doch das Ganze war damals eher im Affekt unten in der Küche passiert, als ich mich von ihr hatte trennen wollen. Da war bei ihr die Sicherung durchgebrannt, eine Kurzschlussreaktion aus Verzweiflung, die ich damals recht schnell mit meinen AZT-Kenntnissen hatte bereinigen können.

Seitdem war ich vielleicht ein wenig misstrauischer ihr gegenüber geworden, doch mit so etwas wie heute hatte ich im Leben nicht gerechnet. Dass Nina so kalkuliert und berechnend diese Tat hier vorbereiten würde – oder warum hatte sie ansonsten das Messer zu Anfang versteckt gehalten? Die Handfesseln im Nachtschrank. Und scheinbar sogar für den möglichen Fall des Falles Einwegspritzen und dieses Scheißzeug gehortet.

Ja, sie schien sich tatsächlich gründlich auf dieses Vorhaben hier eingestellt zu haben!

Und je länger ich hier auf dem Boden saß und darüber nachdachte, desto mehr musste ich mir eingestehen, dass ich die drohenden Zeichen der vergangenen Monate übersehen hatte. Oder sagen wir, nicht hatte sehen wollen.

Wie eiskalt und berechnend sie sein konnte, hatte sie mir ja schon letztes Jahr bewiesen, als sie sich die Pulsadern aufgeschnitten hatte: Du bleibst bei mir oder ich bring mich um! Mein Leben liegt in deinen Händen! Das hatte sie so im O-Ton zu mir gesagt. Und auch auf die Tat hatte sie sich damals lange im Vorfeld drauf vorbereitet, es war stets ihr Plan B gewesen, wenn ich eines Tages nicht mehr so wollte, wie sie es verlangte. Er hatte funktioniert, einwandfrei. Ich hatte sie unter dieser Art von Erpressung geheiratet, war bei ihr geblieben und hatte sie sogar geschwängert. Doch das Ganze war von Anfang an zum Scheitern verurteilt – wo einfach keine Liebe mehr ist, kann man auch mit Gewalt keine erzwingen!

Genau das hatte sie zwar jahrelang versucht, doch es hatte nicht geklappt. Aber Nina gab nicht einfach kampflos auf oder akzeptierte, dass sie verloren hatte. Niemals! Sie war es stets gewohnt, mit dem Kopf durch die Wand zu kommen und ihre Vorstellungen wurden dabei immer extremer. Wenn ich dich nicht bekomme, bekommt dich niemand! Da will ich dich lieber tot sehen...!

Bis eben hätte ich solch verrückte Worte niemals für voll genommen, hätte jeden, der mich genau davor warnen wollte, für verrückt erklärt – doch nun, angekettet ans Bett, mit einer messerscharfen Klinge an der Halsschlagader und mit einer völlig verzweifelten und rachesüchtigen Ehefrau vor mir, die nach eigener Aussage „nicht mehr viel zu verlieren hatte“...ja, ich muss zugeben, ich hatte innerlich richtig Schiss! Schiss um mein Leben, aber auch um das meines Sohnes und meiner Frau! Sie stand heute dermaßen neben sich und verrannte sich immer weiter in ihren Hass, dass ich ihr jetzt alles zutraute.

Ich hatte versagt in sämtlichen Sicherheitsaspekten. Was mir im Job und bei Katja und Carsten noch nie passiert war, wo ich normaler Weise eher zu misstrauisch als zu gutgläubig war...genau das hatte ich zuhause in meiner eigenen Familie nicht wahrhaben wollen. Ich hatte stets geglaubt, ich würde damit schon fertigwerden, hätte alles im Griff. Jetzt war ich eiskalt aufgewacht. Verdammt, wie kamen wir hier heile wieder heraus?

Mit einem gefährlichen Lächeln sah Nina mich an. Das Messer noch immer an meinen Hals haltend, flüsterte sie: „Ich hab die ganze Nacht Zeit, mir zu überlegen, was ich mit dir mache. Ich könnte uns auch beide einfach mit Benzin übergießen und das ganze Haus abfackeln. Ja, ich muss sagen, Möglichkeiten gibt’s genug!“.

Ich schluckte kräftig und versuchte eisern, meine Stimme fest klingen zu lassen: „Du könntest mich auch einfach losmachen und wir unterhalten uns...wie wär´s?“, „Ha, glaubst du wirklich immer noch, dass du mich verscheißern kannst?! Nee, mein Liebster...so naiv bin ich dann doch nicht!“.

Sie setzte sich demonstrativ auf meinen Schoß und funkelte mich provokant an: „Weißt du eigentlich, dass du mir ewige Treue versprochen hast? In Gesundheit und Krankheit und so weiter und so weiter. Bis dass der Tod uns scheidet. Das hast du bei Gott geschworen!“. Ich hielt ihrem Blick stand: „Ich weiß. Und da ich immer noch bei dir bin, trotz allem was war...würde ich sagen, ich hab mich dran gehalten!“. Freudlos lachte Nina auf: „Willst du mich verarschen?! Du hast diese Katja gevögelt...erzähl mir doch nichts! Und wer weiß, wen noch alles?“.

Sie kam meinem Gesicht ganz nahe und flüsterte beschwörend: „Aber damit ist jetzt Schluss...für immer! Du gehörst mir, mir ganz allein!! Ich hab dich zuerst gesehen...du bist mein Freund, mein Mann! Und deshalb wird dich auch niemals irgendeine andere kriegen!“.

Sie ließ die Hand mit dem Messer sinken und küsste mich stattdessen auf den Mund: „Wir beide gehören zusammen! Bis dass der Tod uns scheidet...!“. Zärtlich strich sie mir mit der Hand durchs Haar und übers Gesicht und flüsterte: „Du bist so schön! Manchmal glaub ich, du bist nicht von dieser Welt. Deine Augen sind es zumindest nicht...!“.

Ich ließ ihre Berührungen und das Gefasel ohne eine Regung über mich ergehen – um mich zu wehren oder ihr auszuweichen, war mir die Hand mit dem Messer noch immer zu nahe!

Sie küsste mich voller Leidenschaft, ihre linke Hand wanderte an meinem Bauch entlang in den Schritt meiner Jeans: „Schlaf mit mir...jetzt!“. Scheiße, ich hatte es geahnt! Aber vielleicht konnte ich ihren Wunsch ja zu meinem Vorteil nutzen?

Kühl erwiderte ich ihren Blick: „Nur, wenn du mich losmachst! Hier auf dem Boden ist das nicht sehr bequem!“. Lächelnd sah Nina mich an: „Ach Goldi, du bist so süß!“. Küssend wanderte sie meinen Hals entlang und ich schloss die Augen: Verflucht, was sollte ich jetzt machen? Sie ließ sich nicht mehr von mir bequatschen, sie wusste nur zu gut, was ich mit ihr machen würde, sobald sie die Handfesseln öffnete.

„Dann vergiss es! Vergewaltigen kannst du mich zum Glück nicht – da haben wir Männer euch eindeutig was voraus!“. Mit einem drohenden Blick richtete Nina sich auf: „Okay, du willst es also drauf ankommen lassen? Du glaubst immer noch, dass du mit mir machen kannst, was du willst, ja?! Und mich mit Liebesentzug strafen kannst?! Tja, mein Süßer, da irrst du dich – ich bekomme immer, was ich will!“. Sie erhob sich von meinem Schoß und ging Richtung Flur: „Ich schau eben nach Matthis...und dann dreh ich ´ne kleine Runde durch den Keller. Bin gleich wieder da“.

Scheiße! „Scheiße, scheiße, scheiße!“. Planlos fuhr ich mir mit der linken Hand übers Gesicht. Was nun?

Mit aller Gewalt zerrte ich an der Handfessel, versuchte meine Faust durch die enge Öffnung zu zwängen, doch es nutzte nichts. Außer, dass meine Aktion verdammt schmerzte und mir ordentliche Kratzer beibrachte, passierte überhaupt nichts. Wo hatte sie eigentlich den Schlüssel? Fieberhaft blickte ich im Zimmer umher, doch ich fand ihn nirgendwo. Hatte sie ihn in die Hosentasche gesteckt? Wahrscheinlich. Wieso hatten wir eigentlich keinen Bolzenschneider im Schlafzimmer hängen?! Wobei...selbst damit würde man die „Acht“ nicht aufkriegen, das müsste schon ein stärkeres Werkzeug sein. Vielleicht ´ne Kreissäge oder (wie wir spätestens seit dem Untergang der „Titanic“ wissen) ´ne Axt – aber all das gehörte leider nicht zu unserem Schlafzimmer-Inventar!

Abgesehen davon, dass ich alleine mit meiner linken Hand arbeiten musste – könnte also sowohl mit ´ner Axt als auch mit ´ner Kreissäge schwierig werden!

Wenn ich meine Knarre dabei gehabt hätte, hätte ich es wohl probiert – die Handfesseln zu durchschießen. Gut, dass sie nicht dabei war, überlege ich jetzt gerade...das hätte ziemlich ins Auge gehen können!

Allerdings wäre ich dann gar nicht erst in so eine bekackte Situation geraten: Wenn ich die Glock dabei gehabt hätte, hätte Nina mir so viele Messer entgegenhalten können, wie sie hätte tragen können – dann wäre es niemals so weit gekommen, dass ich mich von ihr an den Bettpfosten hätte ketten lassen!

Scheiße! Wie ich die Dinge auch drehte, es war nicht möglich, hier wegzukommen. Es ging nur über Nina selbst. Und dafür war es das Allerwichtigste, bei klarem Verstand zu bleiben und sie somit irgendwie überwältigen zu können. Ich musste also dieser verfluchten K.O.-Medikation entgehen, Nina aber dennoch nahe genug an mich heranlassen, um sie schließlich auf den Boden zu kriegen und ihr den Schlüssel abzunehmen. Ohne Arme und Hände würde das schon mal verdammt schwierig werden, aber hinzu kam noch, dass ich sie, sollte ich den Schlüssel bei ihr finden, solange in Schach halten musste, bis ich das Schloss (mit links) aufgeschlossen hatte. Oh man, wie sollte das denn gehen?!

Dazu müsste ich mich schon mit dem ganzen Körper auf sie drauf werfen. Angestrengt versuchte ich, mir eine Bodentechnik einfallen zu lassen, bei welcher ich beide Arme nicht brauchte. Okay, es ging wirklich nur, wenn sie unter mir lag, ich ihre beiden Arme jeweils mit den Knien am Boden fixieren und mit links nach dem Schlüssel suchen würde. Das müsste funktionieren. Nur...wie bekam ich sie erstmal dahin?

Ich hörte, wie Nina die Treppe wieder hochkam und kurz in Matthis´ Kinderzimmer schaute, doch er schien tief und fest zu schlafen. Also gut, das Beste war tatsächlich, sie wieder dazu zu bringen, mir zu vertrauen. Ich musste so tun, als würde ich mich auf sie einlassen – und dann im richtigen Moment den Spieß umdrehen. Oh man, das würde ein hartes und schweres Stück Arbeit werden und war nebenbei ziemlich riskant! Aber eine andere Option hatte ich nicht, wenn ich nicht wieder völlig high und willenlos auf dem Bett liegen wollte und mit mir wer weiß was anstellen lassen würde!

Ich hörte Nina zurückkommen und richtete mich wachsam auf: Jetzt ging es darum, möglichst überzeugend zu sein!

„So, mein Schatz...hab hier was für dich. Jetzt machen wir´s uns gemütlich, oder?“. Skeptisch sah ich zu, wie sie einen Packen Einwegspritzen und eine recht große Medikamentenflasche mit braunem Glas auf die Kommode stellte und nun damit begann, eine der Spritzen auszupacken und mit diesem tückischen Zeugs aufzuziehen.

„Das sollte erstmal reichen. Davon geht’s dir gleich viel besser, Goldi!“. Misstrauisch sah ich sie an: „Du weißt schon, dass dieses Scheißzeug saugefährlich ist?! Da sind schon Leute dran krepiert – Überdosis!“. Lächelnd wandte Nina sich mir zu: „Keine Angst, ich hab das im Griff. Ich hab doch nicht umsonst mal Medizin studiert. Ich weiß, wie viel du vertragen kannst!“.

Auf keinen Fall wollte ich diese Nadel im Arm haben! So viel, wie Nina gerade davon aufgezogen hatte, würde ich einen hundertjährigen Schlaf wie Dornröschen abhalten – und wahrscheinlich nie wieder aufwachen! Die würde mich glattweg einschläfern!

Eisern versuchte ich, ruhig zu bleiben: „Maus, meinst du nicht, wir können auf diesen Scheiß verzichten? Was hast du denn davon, wenn ich gleich voll in den Seilen hänge?! Du kriegst mich doch nicht mal alleine aufs Bett hoch, geschweige denn sonst irgendwohin! Ich dachte, du willst unbedingt mit mir schlafen? Das geht gleich nicht mehr...das kann ich dir sagen!“. Beinahe mitleidig sah sie mich an: „Brauchst keine Angst haben, Goldi...das tut nicht doll weh, ehrlich!“.

Ich streckte die Hand zu ihr aus: „Komm her zu mir...ich verspreche dir, ich mach alles, was du willst! Aber tu mir den Gefallen und leg das Zeug weg...bitte! Ich will noch ich selbst bleiben!“. Skeptisch erwiderte sie meinen Blick, doch ich nickte energisch: „Du musst mich ja nicht losmachen, wenn du mir nicht vertraust! Dann haben wir halt Sex auf dem Boden...wird ein bisschen härter, was soll´s?! Ist vielleicht mal ´ne nette Abwechslung?“.

Zögernd sah Nina mich an – dann lächelte sie breit: „Du hast Recht. Eigentlich ist es mir ja auch viel lieber, wenn du du bist. Real bei der Sache und nicht unter Droge gesetzt!“.

Puh, Gott sei Dank, erste drohende Gefahr erfolgreich abgewendet! Ich sah zu, wie Nina die Spritze zurück auf die Kommode legte und dann langsam, mit einem verführerischen Ausdruck im Gesicht, auf mich zu kam. Okay, the show must go on!

Ich versuchte, möglichst so auszusehen, als hätte ich tatsächlich Bock darauf, heißen Sex mit ihr auf dem harten Laminat unseres Schlafzimmers zu haben, während ich mit einer Hand an den Bettpfosten gekettet war, und ging angestrengt auf ihr Spielchen ein. Ich musste sie nur nahe genug bei mir haben und sie bestmöglich ablenken, dann konnte ich sie vielleicht wie geplant überwältigen.

Mit triumphierenden Gesichtsausdruck öffnete sie Knopf für Knopf ihrer Bluse und setzte sich schließlich wieder provokant auf meinen Schoß. Ihre Hände fassten fest in meinen Nacken und ich erwiderte ihren leidenschaftlichen Kuss so gut es ging, setzte extra viel Zunge ein (ich glaub, so hab ich sie in all den Beziehungsjahren noch nie geküsst – eigentlich hätte sie spätestens jetzt misstrauisch werden müssen!) und presste sie mit dem linken Arm fest an mich. Ich ließ die Hand tiefer sinken, während unser Kuss gleichzeitig immer stürmischer wurde, und rutschte über ihre Jeans zu ihrem Hintern.

Der Plan war, unauffällig ihre Hosentaschen zu überprüfen, während ich ihr zwischen die Beine fasste – und bevor ihr jetzt die Augen verdreht, ich hatte keine andere Möglichkeit, um da wegzukommen, okay?!

Ja, das war zumindest der Plan. In der Theorie durchaus schlüssig klingend, hakte er in der Praxis leider gewaltig: Kaum, dass meine Hand den Schlüssel in Ninas rechter Hosentasche ertastete, hatte ich schon das Messer wieder am Hals. „ICH WUSSTE ES!!“.

Außer sich vor Zorn funkelte Nina mich an: „Ich wusste, du versuchst wieder, mich zu verarschen!! Wäre ja auch zu schön gewesen, wenn deine Zärtlichkeit und Leidenschaft einmal echt gewesen wäre!! Nein, natürlich spielst du wieder mal nur ein Spiel, um mich zu hintergehen!! Du mieses Arschloch, echt!!“. Ihr liefen die Tränen über das Gesicht, während sie fassungslos den Kopf schüttelte: „Oh Killian, du lässt mir echt keine andere Wahl! Ich will das eigentlich gar nicht, aber was soll ich tun? Du bettelst ja geradewegs danach!“.

F*CK, F*CK, F*CK!! Eine Riesen-Scheiße, das alles! Mein Plan war nach hinten losgegangen und mit nur einer Hand zur Verfügung konnte ich sie mir einfach nicht so schnell vom Leib halten. Zumal sie das Messer in einer Rekordgeschwindigkeit gezückt und mir wieder an die Kehle gehalten hatte.

„Ich hab´s schon befürchtet...ich wusste irgendwie, dass du mich wieder einmal hintergehen willst. Deshalb hab ich auch mit dem Messer vorgesorgt. Ich wusste, dass man dir nicht mehr vertrauen kann, Goldi! Ist das nicht traurig? Dass unsere kaputte Ehe so endet...?!“. Hysterisch schluchzend sah sie mich an: „Es ist vorbei...ich will nicht mehr! Unsere Liebe steht einfach unter keinem guten Stern! Es soll nicht sein – du hast einfach alles zerstört!“. Ihre Augen blitzten gefährlich, ihr Atem ging schneller: „Deshalb werde ich es jetzt beenden! Jetzt und hier. Bevor dich eine andere kriegt!“.

Ich konnte nur noch wie erstarrt ihren Blick erwidern – eine falsche Bewegung und die Klinge saß in meinem Hals. Fast zärtlich sah Nina mich an und flüsterte: „Schnitt für Schnitt, Tropfen für Tropfen von deinem Blut. Du wirst bluten für das, was du mir angetan hast, Killian Falk! Aber keine Angst – bis zum Ende bleib ich bei dir. Und dann werde ich dir folgen!“.

Ihre Hand an meinem Hals zitterte, doch sie sah mir fest in die Augen: „Auf dass der Tod uns scheidet!“.
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