Blaulichtmärchen - Auch Schutzengel fallen mal vom Himmel!

GeschichteAbenteuer, Drama / P18
30.07.2017
13.04.2019
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Liebe Leser,

herzlich willkommen beim zweiten Teil meines "Blaulichtmärchens". ;-)

Gewidmet ist diese Geschichte den Polizisten der Spezialeinheiten, die tagtäglich in unzähligen Extremsituationen ihr Leben riskieren und mit Schicksalen konfrontiert werden, die nicht selten als Ballast auf der Seele liegenbleiben. Ich habe unglaublichen Respekt vor eurer Berufung!

Und jetzt wünsche ich allen Lesern viel Spaß beim Prolog...

Liebe Grüße, Jule




Schweigend verharrte ich neben ihm auf der Bank. Minute um Minute, während die Sonne immer ein Stückchen tiefer sank und die Terrasse sich in ihrem Licht glutrot färbte. Er hatte den Blick starr auf die Berge im Westen gerichtet, doch ich wusste, dass er sie nicht wirklich sah – er hatte andere Bilder vor Augen. Die Bilder, die ihm nachts den Schlaf raubten.

Meine Stimme war vorsichtig: „Bitte flieg morgen nicht mit. Die Übung ist zu gefährlich...das schaffst du zurzeit nicht!“. Als er nichts darauf erwiderte, wurde ich eindringlicher: „Du kannst nicht ewig davor wegrennen. Du musst dich dem Ganzen stellen, Killian. Auch, wenn es schmerzhaft ist!“. Verächtlich lachte er auf: „Du klingst schon genau wie die anderen alle. Hast du dich jetzt doch von den Psychos bequatschen lassen, ja?!“.

Ich versuchte eisern, ruhig zu bleiben: „Nein, ich bin es gewohnt, mir meine eigene Meinung zu bilden. Aber auch ich kann nicht länger die Augen davor verschließen!“. Angriffslustig funkelte Killian mich an: „Wovor denn genau, he?! Willst du mir jetzt auch unterstellen, dass ich gestört bin?! Hochgradig traumatisiert? Willst du mich auch in die Klapse einweisen lassen?“. Ich atmete tief durch: „Darum geht’s doch gar nicht. Können wir uns vielleicht vernünftig unterhalten? Wird das möglich sein?“.

Als er daraufhin aufstand und sich, mir den Rücken zudrehend, an das Geländer lehnte, schüttelte ich langsam den Kopf: „Du machst nur noch dicht...ich hab überhaupt keine Chance mehr, irgendwie an dich heranzukommen. Keiner von uns schafft das noch. Du lässt uns alle außen vor!“.

Ich erhob mich ebenfalls und stellte mich neben ihn an die Brüstung. Der kühle Abendwind strich mir durch die Haare, der Ausblick über Bad Ems war atemberaubend. Doch meine Augen galten einzig dem Mann neben mir. „Killian, du brauchst Hilfe. Dringend. Du wirst damit nicht alleine fertigwerden. Das funktioniert nicht mit Vergessen. Du musst endlich darüber sprechen!“.

Freudlos lachte er auf: „Ich sehe schon, sie haben dich jetzt also auch fest am Haken. Genau wie Stefan und die anderen!“. Verbittert sah er mich an: „Und ich dachte, du bist die Einzige, die hinter mir steht!“. Entrüstet erwiderte ich seinen Blick: „Das tu ich auch, ich stehe hinter dir! Und ich hab dir wirklich viel Zeit gelassen...den anderen immer wieder gesagt, dass sie dich in Ruhe lassen sollen, du schon selbst weißt, wann der richtige Zeitpunkt gekommen ist. Aber das mit Moritz ist jetzt ein halbes Jahr her. Und es wird immer schlimmer. Dir geht’s doch immer dreckiger!“.

Als er mir energisch widersprechen wollte, fiel ich ihm ins Wort: „Du schläfst nicht mehr, du isst nichts mehr, dann diese Flashbacks, die immer wiederkommen...dir geht’s total beschissen! Du gehst daran zugrunde...Stück für Stück!“. Seine Stimme war kühl und abweisend: „Flashbacks. Hast dich bei Dr. Google schlaugemacht, ja? Ich hab keine Flashbacks! Ich träume auch völlig normal...ich weiß überhaupt nicht, was ihr alle von mir wollt!“.

Ich versuchte, mich wieder herunterzufahren: „Du hast einen Freund sterben sehen. Das würde jeden aus der Bahn werfen!“. Killian rastete sofort wieder aus, es war ihm anzusehen, dass er meine Worte nicht ertragen konnte. „Hör auf damit, okay?! Hör auf mit dieser Psychoscheiße! Ich komm absolut klar! Ich bin in einer Spezialeinheit...das gehört zu unserem Job dazu! Ich kann das ab!! Das lässt mich völlig kalt!“.

Auch ich wurde jetzt laut: „Dass dein Kumpel vor deinen Augen erschossen wird?! Das gehört dazu?? Das ist doch Schwachsinn, Killian...das kannst du nicht ab!! Das kann niemand! Du hast ein Trauma...ob du willst oder nicht! Und es wird nicht besser, wenn du es immer noch abstreitest und so tust, als wäre nichts!“. Energisch funkelte ich ihn an: „Du hast eine Familie! Nina und deinem Sohn hast du eine verdammte Verantwortung gegenüber!“. Vernichtend fiel er mir ins Wort: „Lass Nina da raus!“, „Es stimmt aber! Du musst endlich was tun, so geht’s nicht weiter!!“. Ich holte tief Luft: „So bist du zurzeit nicht mehr in der Lage, deinen Job zu machen!“.

Stille. Fassungslos starrte Killian mich an. Ich schluckte kräftig, doch ich stand zu meinem Wort. Es wurde Zeit, dass ich ihm das einmal sagte.

Tiefe Enttäuschung lag in seinem Blick: „Ach, so weit sind wir jetzt, ja? Jetzt findest du also auch, dass ich den Job nicht mehr machen darf? Das ist echt das Letzte...!“. Es tat weh, doch ich blieb hart: „Nicht in deiner derzeitigen Verfassung. Körperlich und psychisch. Das ist unverantwortlich!“.

Verächtlich lachte er auf. Der tiefe Schmerz in seinen Augen schnitt mir ins Fleisch. Doch anders kamen wir nicht mehr weiter, es musste einmal gesagt werden.

Meine Stimme wurde weicher: „Ich will dir doch nur helfen. Du weißt, was du mir bedeutest!“. Zögernd setzte ich nach: „Deshalb...bitte versprich mir, dass du nicht mitfliegst morgen!“. Killian wandte den Blick schweigend ab. Zärtlich fasste ich nach seiner Hand: „Das Abseilen ist schon im gesunden Zustand extrem gefährlich und riskant. Aber so, wie es dir zurzeit geht...eine falsche Reaktion und du stürzt ab! Bitte sag für morgen ab, Killian! Bitte sei vernünftig!“.

Doch er machte wieder dicht. Seine feste Mauer, die er um sich herum errichtet hatte, war nicht zum Einsturz zu bringen. Flüchtig entzog er sich meiner Berührung und schüttelte eisern den Kopf: „Mir geht’s bestens. Ich bin absolut in der Lage, meinen Job vernünftig zu machen und das werde ich euch morgen beweisen!“.

Seine Art, mit der er jegliche Diskussion sofort abschmetterte, ließ mich ungemein hilflos agieren. Verzweifelt sah ich ihn an: „Tu´s bitte nicht! Wenn du den Halt am Hubschrauber verlierst...wenn dich die Kraft verlässt? Was dann...? Das ist doch kein Spaß mehr morgen!“.

Er schwieg einige Sekunden, mir den Rücken zugewandt. Als er sich zu mir umdrehte, lag etwas Merkwürdiges in seinem Blick: „Und wenn schon. Vielleicht ist es ja genau das, was ich will...?“.

Fassungslos starrte ich ihn an. Das konnte er nicht ernst meinen!

Sein Blick richtete sich wieder auf die Berge, seine Stimme klang seltsam resigniert: „Dann ist endlich Schluss mit allem. Und ich wäre endlich da, wo ich eigentlich sein müsste. Bei Moritz!“. Bevor ich noch irgendetwas dazu sagen konnte, wandte Killian sich schon wieder ab und ging Richtung Hotel. Immer auf der Flucht.

Im Gehen drehte er sich noch einmal zu mir um und sah mich beflissen an: „Ich flieg morgen mit! Davon wirst auch du mich nicht abhalten können...!“. Dann verschwandt er in der aufkommenden Dunkelheit und ich blieb allein zurück.

Plötzlich am ganzen Körper fröstelnd.
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