Gewissensbisse

OneshotDrama, Schmerz/Trost / P16
Winter Soldier / James Buchanan "Bucky" Barnes
28.07.2017
28.07.2017
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1770
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Gewissensbisse


„Es liegt tief in unserer Seele ein angeborenes Prinzip der Gerechtigkeit und der Tugend, nach dem wir unsere Handlungen und die anderer beurteilen, ob sie gut oder böse sind. Und diesem Prinzip gebe ich den Namen Gewissen.“
- Jean-Jacques Rousseau (1712 – 1778)

Sie sind im Schlaf gestorben.
Im Schlaf gestorben.
Dieser Satz wiederholt sich ununterbrochen in seinem Kopf, wie ein widerwärtiges Stakkato, das wie Gewehrkugeln durch sein Gehirn hämmert.
Als wäre es gnädig, sie im Schlaf zu töten. Als wäre es gnädig, überhaupt jemanden zu töten. Ein schräges Theater, in dem einem das Schlimmste als das Beste verkauft wird. Applaus für die Entscheidung und für das konsequente Einhalten der Prinzipien.
Sein Blick wandert über den ersten Toten, der auf dem Stuhl in der Gefrierkapsel sitzt und in dessen Stirn ein Loch klafft.
Die Augen des Toten sind ein winziges Stück geöffnet und sie starren ins Leere. Sie sehen nun die Ewigkeit und das Unausweichliche.
Sie sehen das, was er nicht sehen kann, denn er wandelt immer noch quicklebendig durch den Sauerstoff und den Geruch von Kühlmittel. Er lebt noch, obwohl er so viel älter ist als die Leiche, die ihn mit ihrem starren Blick verhöhnt.
Im Schlaf gestorben.
Blüht ihm dieses Schicksal auch noch? Wird er eines Tages im Schlaf sterben, ohne dass er es merkt? Ohne dass er die Chance auf Gegenwehr hätte?
Er weiß es nicht.
Er will schlafen.
Aber will er sterben?
Verdient hat er das vielleicht. Auch der Tote vor ihm ist kein Unschuldiger. Zusammen haben sie destabilisiert, zerstört und getötet. Sogar noch vor dem Serum.
Dieser Mann mit dem Loch in der Stirn ist nicht immer so gewesen. Er war vorher sicherlich ein guter Soldat, der für ein Ziel zu kämpfen glaubte, für das es sich zu töten lohnte.
Heute ist er tot. Von der Hydra im Eis vergessen und dann von einem rachedurstigen Mann im Schlaf getötet.
Dieser Mann versichert ihm gerade, dass der Tote und die vier anderen Leichen bloß das Produkt einer Tat sind, die man als Gnade bezeichnen könnte.
Gnade – für wen?
Für die Eingefrorenen, die es nicht gemerkt haben, dass man sie tötete?
Gnade für den Mann, der glaubt, dass er der Welt einen Gefallen tut, wenn er das hier durchzieht? Bevor er zu einem Ergebnis kommt, beantwortet der Mann seine Fragen, ohne dass er sie laut hätte stellen müssen.
Er sagt, dass er nicht noch weitere von 'seiner Sorte' auf dieser Erde haben will. So als hätte er das zu entscheiden.
Niemand sollte darüber entscheiden dürfen, aber er kann das nicht verlangen. Denn niemand hört ihm zu, er ist ein Flüchtiger und nichts anderes als die Männer und die Frau, die mit Löchern in der Stirn vor ihm sitzen.
Im Schlaf gestorben.
Er fragt sich, warum es ihm so viel ausmacht, dass sie tot sind. Warum er sich darüber ärgert und nicht einmal unterdrücken kann, dass ihm ein leises 'Verflucht' entfährt.
Er weiß nämlich mehr als gut, dass Steve und sein Freund Tony auch anwesend sind. Diese beiden Menschen, die nicht unterschiedlicher sein könnten und mit denen ihn jeweils die Vergangenheit verband.
Doch auf höchst unterschiedliche Weise.
Das schlechte Gewissen nagt an ihm, denn er fühlt sich verlogen und falsch. Er fühlt sich bevorzugt, wo es doch keinen Grund dazu gibt.
Schon nach der Verabreichung des Serums waren die anderen stärker gewesen als er. Sie hatten ihn in Sekundenschnelle ausgeschaltet und dingfest gemacht. Trotzdem war er mit ihnen losgeschickt worden.
Warum?
Er hatte sie nämlich nicht im Griff gehabt, weder vor dem Serum noch danach. Sie waren nie ebenbürtig gewesen.
Doch jetzt steht er vor ihnen und sieht ihre Leichen an. Die Löcher, die in ihrer Stirn sind und kein Blut ausspucken, weil es gefroren ist.
Er müsste genau so tot sein wie sie es gerade sind. Denn er ist nicht besser als sie, aber auch nicht harmloser.
Sie waren stark gewesen und skrupellos. Er ist es auch und nach der Programmierung immer noch. Er ist ein solches Monster, wie sie welche gewesen waren.
Er hatte auch Regierungen destabilisiert, lange bevor sie überhaupt geboren worden waren. Er ist ein Relikt und längst überholt.
Und doch leben sie nicht mehr, während er vor ihnen steht und atmet.
Im Schlaf gestorben.
Sein Herz pulsiert schnell und seine Finger klammern sich hilfesuchend an dem Gewehr fest, das er durch die Halle trägt.
Es wird ihm keinen Schutz geben können, das weiß er. Dennoch bildet er sich ein, die Kontrolle zu behalten, solange er es in den Händen hält.
Er ist nervös, wie er sich selbst eingestehen muss.
Wenn der Mann hinter der Glasscheibe mit diesen Menschen angefangen hat, dann wird er auch vor ihm keinen Halt machen.
Dieser Gedanke tröstet ihn seltsamerweise. Er will nicht anders behandelt werden, nur weil er der erste Winter Soldier ist. Er will in diesem Falle sogar dieselbe Strafe erhalten, wenn schon die anderen sterben mussten.
Ein vages Gefühl sagt ihm allerdings, dass das nicht geschehen wird. Es wird schlimmer werden, denn er ist der erste von ihnen.
Der, der noch ausprobieren musste, wie weit Hydra gehen konnte. Bis zu dem Moment, in dem das erste Staatsoberhaupt gestorben war.
Danach war es nur noch schlimmer geworden, er kann sich daran erinnern. Immer schlimmer und immer komplizierter und dann hatte er zwei Menschen in einem Wagen ermordet, in dem sich das Serum für die fünf Leichen befunden hat.
Nicht nur die fünf sind tot, sondern auch Tony Starks Eltern. Sie sind völlig umsonst gestorben, weil die fünf Soldaten nun nicht mehr existieren.
Aber sie sind im Schlaf gestorben...
Die Schuld lastet schwer auf seinen Schultern, denn er weiß um die Sinnlosigkeit seiner Vergangenheit. Hätte er diesen Moment doch nur vorausahnen können, dann hätte er anders gehandelt.
Hatte er aber nicht.
Und jetzt steht er hier, sieht sich die fünf Leichen sehr genau an, denn ihre Position verrät viel über seine.
In der leeren Kapsel müsste normalerweise er stehen und er müsste tief und fest schlafen. Genau wie sie müsste er ruhen und warten.
Er wartet aber nicht, er beobachtet und schwitzt. Er verachtet und trauert. Er bangt und wütet. Gleichzeitig und ungefiltert.
Der Widerwille durch diese Halle zu gehen, schwillt immer weiter an und er fragt sich, ob er einfach verschwinden könnte, ohne dass es einer bemerkt.
Steve und Tony würden ihn nicht aufhalten können und er würde so schnell laufen wie er nur könnte. Er würde laufen, bis seine Füße aufgescheuert wären und selbst dann würde er nicht Halt machen.
Dann würde er sich wieder alleine irgendwo verkriechen. Auch wenn er tief in seinem Inneren das Gewissen rumoren hört.
Es mahnt ihn zur Gerechtigkeit. Er müsste genau so tot sein wie sie. Er müsste für seine Taten büßen, denn er hatte mehr begangen als sie alle zusammen.
Sie wiegen schwer und drücken ihn auf den Boden. Reißen ihm das Gewehr aus den Händen und zerpflücken es in seine Einzelteile.
Er kann sich nicht wehren, aber das will er eigentlich auch gar nicht mehr. Trotzdem kann er nicht schwören, dass er nicht doch um sein Leben laufen würde, wenn es nötig wäre. Denn er schläft nicht, er ist ein Mensch.
Er ist hier.
Das waren die fünf Menschen nicht, denn sie haben geschlafen. Sie waren verstummt und erblindet, sehen jetzt in die Ewigkeit und ins Unausweichliche.
Sie sehen etwas, das er nicht sehen kann.
Er beneidet sie, irgendwo tief in sich vergraben. Er beneidet sie und er flucht über ihren Tod. Nicht, weil er ihnen etwas ersparen will, sondern weil es unfair ist, dass er noch lebt.
Er hasst sie, denn sie haben etwas, das er nicht hat.
Ruhe.
Frieden.
Aber hätten sie dasselbe über ihn gedacht? Hätten sie nicht vielmehr gehässig über seiner Leiche gestanden und erleichtert dreingeschaut? Froh darüber, dass der eingerostete alte Mann endlich tot ist?
Er weiß es nicht. Es ist auch egal, denn es ist zu spät.
Sie sind im Schlaf gestorben.
Das ist die einzige Information, die ihm ununterbrochen durch den Kopf schießt und ihn in den Wahnsinn treibt.
Jetzt ist er alleine mit der Schuld, die sie alle teilten.
Sie haben ihn alleine gelassen und liefern ihn jetzt der Welt aus, die seinen Tod will. Er hätte vielleicht gerne ein Beispiel dafür gehabt, dass es noch schlimmere als ihn gibt.
Es ist weniger das Gewissen, das sich meldet, sondern vielmehr die Selbstsucht, die es gerade verdrängt und in seine Schranken weist.
Er beneidet sie um ihren Tod im Schlaf.
Er findet es unfair, dass sie tot sind.
Denn er ist es nicht.
Er ist nämlich hier.
Und er wird nicht entkommen können.
Niemals, egal wie schnell er läuft, egal wie rücksichtslos er sich durchschlägt.
Er wird nicht entkommen können...

Anmerkung: Mich beschäftigt Buckys Reaktion auf den Tod der Winter Soldiers schon länger, als er sie zusammen mit Tony und Steve in Sibirien findet. Ist euch das auch aufgefallen? Und was sagt ihr zu diesem Text?
Demnächst wird ein Schwester-OS hierzu erscheinen, da geht es ein wenig mehr um die anderen Winter Soldiers und ihre Interaktion. Den werdet ihr unter dem Titel Ein ganzes Land in einer Nacht im Fandom finden.
LG, Erzaehlerstimme
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