Nach dem Vorhang

GeschichteDrama / P12 Slash
Josef "Jupp" Schatz Klaus Taube
28.07.2017
28.07.2017
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28.07.2017 3.367
 
Titel: Nach dem Vorhang
Autor: Lady Charena (Juli 2006)
Fandom: SK Kölsch

Episode: Tod eines Tänzers (09/02)
Charaktere: Jupp Schatz, Klaus Taube, Erik Voss, OCs
Pairing: --
Rating: gen

Beta: T'Len
Worte: 3362

Summe: Erik Voss versucht sich in der U-Haft das Leben zu nehmen. Klaus besucht ihn.


Hintergrund: Kleines Sequel zu „Tod eines Tänzers“. In dieser Folge haben Jupp und Klaus die Ermordung eines Dealers aufzuklären, der hauptberuflich in einer Men-Strip-Show auftrat. Während Jupp, der den Mann auf einer Broschüre wiedererkannt hat, hinter der Bühne herumschleicht und den Dealer schließlich tot in der Toilette findet – amüsieren sich seine Kollegen Klaus und Jenny ahnungslos auf der anderen Seite des Vorhangs, denn ausgerechnet an diesem Abend besuchen die beiden die Show. Und als wäre Jupps Stimmung nach einem Zusammenstoß mit den Düsseldorfer Kollegen und einem verpatzten Drogendeal am Morgen nicht schon mies genug, erwischt er seinen Partner auch noch bei dieser „peinlichen Eierschaukelei“ (Originalzitat Herr Schatz). Am Ende stellt sich jedoch heraus, dass nicht die Drogen dem Stripper – im wahrsten Sinn des Wortes – das Genick gebrochen haben, sondern seine Affäre mit der Maskenbildnerin, die ein Kind von ihm erwartete. Eine Neuigkeit, die Erik - der Lebensgefährte des Dealers und ebenfalls Tänzer in der Show - gar nicht gut aufnahm.

Disclaimer: Die Rechte der in dieser Fan-Story verwendeten geschützten Namen und Figuren liegen bei den jeweiligen Inhabern. Eine Kennzeichnung unterbleibt nicht in der Absicht, damit Geld zu verdienen oder diese Inhaberrechte zu verletzen.



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Ain´t no sunshine
When he’s gone
It’s not warm when he’s away
Ain´t no sunshine
When he’s gone
And he’s always gone too long
Any time he goes away


Lyrics: 4 The Cause

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„Ja, ich verstehe. Vielen Dank für Ihren Anruf.“

„Was ist los? Schlechte Nachrichten?“, fragte er, als Taube den Hörer auflegte und einen Moment gedankenverloren vor sich hin starrte. Jupp saß auf der Kante von Klaus‘ Schreibtisch und hatte gerade seinen Partner bearbeitet, lieber mit ihm zu einem FC-Spiel zu gehen, als sich wieder von Jenny zu irgendwelche zweifelhaften Tanzshows verführen zu lassen, als das Telefon klingelte und Klaus abnahm.

„Ein Anruf aus der U-Haft“, entgegnete Taube nachdenklich. „Erik Voss hat versucht, sich umzubringen.“

„Kann ich jetzt echt nicht sagen, dass mich das wirklich wundert“, erwiderte Jupp. „Der ist doch völlig durchgeknallt, seit wir ihn geschnappt haben. Und diese Pappnasen in der U-Haft hatten sicher irgendwas besseres zu tun, als ihn unter Beobachtung zu halten. Was für ein Saftladen!“ Er stand auf und streckte sich. „Warum rufen die überhaupt bei uns an? Wir haben ihn geschnappt, der Rest ist nicht mehr unsere Sache.“

„Wir sind immerhin die ermittelnden Beamten. Es muss in die Akte aufgenommen werden“, wandte Klaus ein.

„Der Schreibkram kann warten.“ Jupp sah ihn erwartungsvoll an. „Also was ist? Kommst du jetzt morgen mit zu dem Spiel?“

„Ja. Ja, natürlich“, erwiderte Taube gedankenverloren.

Jupp ging seine Jacke holen, doch als er zurückkam, fand er seinen Partner noch immer am Schreibtisch. „Worauf wartest du?“, fragte er. „Wir wollten uns doch alle im Rättematäng treffen.“

„Ich weiß.“ Klaus klappte die Akte zu und stand auf, um seinen Mantel zu holen. „Jupp, kannst du mir einen Gefallen tun und mich vor dem Untersuchungsgefängnis absetzen?“, fragte er auf dem Weg zur Tür und schob seine Krawatte zurecht.

„Ne nicht, oder? Du willst da jetzt doch nicht wirklich nochmal hin?“, erwiderte Jupp mit merklichem Mangel an Begeisterung.

„Du musst ja nicht mitkommen. Setz’ mich einfach da ab. Ist doch kein großer Umweg.“

Jupp schwieg, bis sie die lange Treppe hinuntergingen. „Okay, ich komm’ mit“, sagte er dann und hielt die Tür auf, damit sie beide hindurch treten konnten. „Ich würde nur gerne wissen, was du dir davon versprichst“, fuhr er fort, während sie zu seinem Wagen gingen. „Hast du auf einmal Mitleid mit Voss? Er hat seinen... seinen...“

„Lebensgefährten“, soufflierte Klaus mit einem schmalen, ironischen Lächeln.

„Was auch immer. Auf jeden Fall hat er Hank Sodewick umgebracht, weil der dieser Stein ein Kind gemacht hat. Und natürlich wegen der Kohle aus dem Drogendeal, ne’ Viertelmillion für seinen großen Traum vom eigenen Tanztheater“, fuhr Jupp fort, als er hinter dem Steuer saß und losfuhr.

Klaus blickt aus dem Seitenfenster. „Ich will einfach wissen, was passiert ist“, erwiderte er nach einem Moment. „Und ich möchte wissen, wieso es überhaupt so weit kommen konnte. Ich habe die Kollegen, die ihn übernommen haben, ausdrücklich darauf hingewiesen, dass er als selbstmordgefährdet gilt und überwacht werden muss.“

„Hast du?“ Jupp blickte seinen Partner überrascht an. „Und die haben nichts getan? Was ist das für eine Schlamperei.“

„Deshalb will ich ja hin.“

Jupp trommelte mit den Handflächen aufs Lenkrad, während sie an einer Ampel warten mussten. „Ist das so ne Solidaritätskiste, oder so was? Ich meine, er ist schwul und du bist...“ Er brach ab, als die Ampel auf Grün sprang.

Klaus blickte ihn misstrauisch an. „Nein, das ist keine schwule Solidaritätskiste. Ich finde den ganzen Fall nur... traurig.“

„Häh? Mensch, Klaus, was ist mit dir los? Wir sind Polizisten. Wir haben uns bei unseren Ermittlungen an Fakten zu halten und kein Mitleid mit den Tätern zu haben.“ Jupp fluchte und ging auf die Hupe, als ihn ein anderer Wagen schnitt. „Und überhaupt, seit wann hast du eine persönliche Meinung zu einem Fall?“

„Seit wann muss ich aufhören, ein Mensch zu sein, weil ich Polizist bin?“

Glücklicherweise erreichten sie in diesem Moment den Parkplatz vor dem Untersuchungsgefängnis, denn Jupp trat abrupt auf die Bremse. „Was ist das denn für ne’ ganz neue Masche?“, fragte er erstaunt. „Machst du jetzt hier plötzlich einen auf Romantiker?“ Er drehte sich Taube zu, gerade noch um eine Mischung aus Enttäuschung und Resignation auf dessen Gesicht zu sehen.

Dann wandte sich sein Partner ab, löste den Gurt und stieg aus. „Entschuldige mich bitte bei den anderen im Rättematäng“, sagte er mit einem Blick über die Schulter, ließ die Autotür zufallen und ging.

Ein paar Schritte später holte Jupp ihn ein. Er zuckte mit den Schultern, als Taube ihn fragend ansah. „Ich sagte doch, ich komme mit.“

Klaus nickte nur.

Sie wiesen sich aus, erklärten den Grund ihres Hierseins und brachten rasch und mit Routine die Besuchsformalitäten hinter sich. Aber sie wechselten kein Wort miteinander, während ein Beamter sie in den Krankentrakt führte.

Mit der Schusswunde an der Schulter war Erik Voss direkt vom Krankenhaus in dieses separat gelegene Gebäude auf dem Gelände des Untersuchungsgefängnisses gebracht worden, wo er unter medizinischer Betreuung stand.

Gerade das machte es Klaus so schwer zu glauben, dass Voss schon am ersten Tag seines Aufenthaltes die Gelegenheit zu einem Selbstmordversuch gefunden hatte.

Während Klaus sich auf die Suche nach dem diensthabenden Arzt machte, blieb Jupp neben dem Schließer stehen und blickte durch ein in die Tür eingelassenes Plexiglasfenster in den Raum, in dem nur Voss lag. Er schien zu schlafen. Seine Haut war so weiß, dass sie sich kaum von dem Verbänden um seine Schulter und seine Unterarme abhob.

Er sah erst wieder auf, als Klaus ihm auf die Schulter tippte und winkte, ihm zu folgen. Wenig später saßen sie sich an einem wackeligen Plastiktisch gegenüber. Der Raum war mit einem Überwachungsmonitor versehen, vor dem ein Zivi saß und ab und zu einen Blick darauf warf, während er ein Kreuzworträtsel ausfüllte. Gleichzeitig handelte es sich wohl um den Pausenraum des medizinischen Personals. Es roch geradezu betäubend nach abgestandenem Essen, Rauch und Desinfektionsmitteln.

Jupp blickte seinen Partner fragend an.

„Er hat es offensichtlich geplant“, sagte Klaus und schob Jupp Blatt Papier mit dem Bericht des Arztes über den Tisch zu. „Heute Mittag versuchte er sich den Schulterverband abzumachen. Der Pfleger bemerkte es und holte den Arzt, damit der sich die Wunde ansieht, bevor Voss neu verbunden wird. Er wehrte sich und die beiden hatten alle Mühe, ihn festzuhalten, dann bekam er eine Beruhigungsspritze. Irgendwie ist es ihm aber während der Rangelei gelungen, eine Schere vom Behandlungswagen zu nehmen. Zum Glück nur eine dieser stumpfen Scheren mit den runden Spitzen, die in jedem Verbandskasten sind, mit denen man Verbandsmaterial schneidet. Aber es war trotzdem ein eklatanter Verstoß gegen die Sicherheitsvorschriften, dass niemand nachgezählt hat, ob noch alles da ist, bevor sie den Raum verlassen haben.“ Er stoppte kurz, zuckte mit den Schultern. „Das wird noch ein Nachspiel haben. Als die Wirkung der Spritze nachgelassen hatte, bemerkte der Pfleger am Monitor zwar, dass er auf die Toilette ging – wunderte sich aber erst darüber, als Voss nach einer Viertelstunde nicht wieder in seinem Bett lag.“

„Und wie schlimm hat er sich verletzt?“, fragte Jupp. Er hätte es zwar selbst im Bericht nachlesen können, aber er überließ es lieber Klaus, die ellenlangen medizinischen Fachausdrücke auseinander zu sortieren und verständlich wiederzugeben.

„Nicht so schlimm, wie es auf den ersten Blick aussah – oder klang.“ Klaus rieb fast unbewusst an seinem Ärmel, der mit einem eingetrockneten Kaffeefleck auf der Tischoberfläche in Berührung gekommen war. „Die Schere ist nicht besonders scharf, um die Haut nicht zu verletzen, wenn man damit einen Verband aufschneidet. Aber Voss war ziemlich entschlossen. Er hat es geschafft, sich an beiden Unterarmen Wunden damit zuzufügen. Aber er wäre daran nicht gestorben, sagte der Arzt. Sie haben ihm eine weitere Beruhigungsspritze verpasst und ihn verbunden. Und ab jetzt ist dauernd jemand im Überwachungsraum und achtet auf ihn. Er ist zur Zeit wohl der einzige Patient, deshalb die Nachlässigkeit.“

Jupp schnaubte. „Sicher, und wenn er mit dem Ding einem Pfleger ein Auge ausgestochen oder sonst irgendwie verletzt hätte, dann wäre das Geschrei groß.“ Er warf einen zweifelnden Blick auf den jungen Mann beim Monitor, der offensichtlich mit dem Schlaf kämpfte. „Dann können wir jetzt ja gehen.“ Jupp stand auf und schob den Stuhl geräuschvoll unter den Tisch. Der Zivi schreckte hoch und blickte ihn dann sauer an.

„Ich werde noch bleiben“, sagte Klaus, ohne aufzusehen.

„Wieso? Wir wissen doch jetzt, was passiert ist.“

Taube schüttelte den Kopf. „Ich will mit Voss reden, wenn er wach ist. Der Arzt meinte...“, er warf einen Blick auf seine Armbanduhr. „...in ungefähr einer Stunde. Aber du musst natürlich nicht bleiben. Ich nehme mir ein Taxi nach Hause, wenn ich hier fertig bin.“

Jupp wog das Rättematäng und seine Kollegen gegen einen längeren Aufenthalt in diesen gastlichen Hallen ab – und setzte sich seufzend wieder in den unbequemen Plastikstuhl.


* * *


Jemand schüttelte ihn an der Schulter und Jupp schreckte hoch. „Was...?“ Er sah sich um. „Oh, verdammt“, murmelte er und rieb sich mit der einen Hand übers Gesicht, während er mit der anderen den Kaffeebecher nahm, den ihm sein Partner unter die Nase hielt. „Ich bin eingeschlafen.“

Er blinzelte die unerfreuliche Gegenwart an, schloss die Augen wieder und sehnte sich nach einer Zigarette. Aber es war nicht erlaubt, Rauchwaren mit auf die Krankenstation zu bringen, nicht mal einem Kriminalbeamten. Er trank einen Schluck Kaffee und stellte den Becher angewidert weg.

„Nicht nur das“, hörte er Klaus sagen. „Du hast sogar geschnarcht.“

Jupp klappte ein Auge auf. „Und?“, fragte er, als er das Grinsen auf dem Gesicht seines Partners sah.

„Nichts Und?.“ Klaus lehnte sich zurück, die Arme hinter dem Kopf verschränkt. „Du sahst richtig süß auf, so mit offenem Mund und zusammengesackt in deinem Stuhl.“

„Süß?“ Auch das zweite Auge klappte auf und mit einmal ziemlich wach, beäugte Jupp Klaus misstrauisch. Er entschied, dass es ein Witz war, schloss die Lider wieder und grinste breit. „Mit Süßholzgeraspel machst du auch nicht wieder gut, was dieser Stuhl meinem Rücken angetan hat.“

„Es ist schon nach sechs. Warum gehst du nicht nach Hause? Ich bringe das hier alleine zu Ende. Und die anderen wundern sich sicher auch, wo du bleibst. “

„Ich bin nicht müde“, erwiderte Jupp und unterdrückte ein Gähnen. „Ich hasse es nur, irgendwo herumzusitzen und zu warten, ohne was zu tun zu haben.“ Er setzte sich auf. „Hey, wo ist der Bursche hin, der auf den Monitor achten soll?“

„Bei Voss. Ich habe ihn gebeten, seine Werte zu kontrollieren.“ Klaus machte eine Notiz auf dem Schreibblock, der vor ihm lag und blätterte dann die Seiten zurück, die er mit der seltsamen Kurzschrift gefüllt hatte, die niemand außer ihm lesen konnte.

„Woher hast du den Block?“, fragte Jupp. „Hast du die ganze Zeit über gearbeitet?“

„Ich habe danach gefragt, was sonst. Es sind nur ein paar Notizen zu den Berichten, die ich morgen an Haupt geben muss und zu anderen Dingen, die ich nicht vergessen will. Jupp, es ist für ein menschliches Wesen tatsächlich möglich, auf etwas zu warten und sich gleichzeitig mit etwas anderem zu beschäftigen.“

„Nicht für menschliche Wesen – aber für ein wandelndes Lexikon schon.“

Klaus sah auf. So hatte ihn Jupp seit dem Anfang ihrer Partnerschaft nicht mehr genannt – vielleicht auch, weil er von da an mehr darauf achtete, keine unerwünschten Erklärungen abzugeben. Er hatte schnell verstanden, dass Jupp es als eine kränkende Anspielung auf seine weniger... breitgefächerte... Bildung ansah. Aber dieses Mal sagte das Grinsen auf dem entspannten Gesicht seines Partners, dass es nur ein Scherz gewesen war. Er lächelte zurück, plötzlich froh darüber, dass Jupp sich entschieden hatte, zu bleiben.

„Okay, ich schätze, du hast Recht. Ich werde gehen und mal ausnahmsweise den Abend mit Flo verbringen, anstatt zu arbeiten.“ Jupp stand auf und zog seine Jacke an. „Wenn irgendwas ist, ruf’ mich an, klar?“

„Klar“, bestätigte Klaus. Er sah seinem Partner nach, dann vertiefte er sich wieder in seine Notizen.



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You know the reason

It´s alright he enticed you
With that pillow talk
Not you this time it´s him
Who´s going to take a walk
Right down memory lane

Cause he ain´t real

Lyrics: 4 The Cause

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„Er ist jetzt wach, noch nicht ganz aufnahmefähig, aber er kann mit Ihnen sprechen.“ Der Zivi kam zurück, nicht besonders überrascht, es jetzt statt mit zwei Polizisten nur noch mit einem zu tun zu haben. Diese Warterei war ätzend.

Klaus nickte, nahm seinen Mantel, der er sorgfältig über einen zweiten Stuhl gehängt hatte, um Knitterfalten zu vermeiden und seinen Block, dann folgte er ihm.

Obwohl ein Besucherstuhl neben dem Bett stand, nahm Klaus dort nicht Platz. Das Licht war ein wenig gedämpfter als im Flur, vielleicht um einen natürlicheren Nachtrhythmus zu simulieren. Voss drehte den Kopf, als er eintrat.

„Guten Abend“, sagte er leise und studierte das Gesicht des Tänzers. Es schien jetzt noch hagerer und eingefallener, als damals er ihn zum ersten Mal gesehen hatte. Seine Haut war so blass wie bei ihrem ersten Verhör in der Garderobe, die er mit seinem toten Partner geteilt hatte, so als würde er wieder das weiße Make-up tragen. Die Augen, die damals den seinen im Spiegel begegneten, waren die gleichen – dunkel und leer, ohne Lebensfunke.

„Hank?“, fragte der Tänzer mit schläfriger Stimme. „Es tut mir so leid...“

„Nein“, unterbrach ihn Taube. „Taube, Klaus Taube ist mein Name. Hank ist tot.“

„Ich wollte ihn nicht töten“, flüsterte Voss, jetzt merklich wacher. „Ich wollte ihm doch nur helfen. Aber er...“

„Er wollte Ihre Hilfe nicht.“

„Nein. Er... ich...“ Voss wandte sich von ihm ab. „Haben Sie schon einmal jemanden so sehr geliebt, das Sie sicher waren, Sie würden sterben, wenn er Sie verlässt? Ich bin gestorben, als Trellweg mir sagte, dass Miriam ein Kind von Hank bekommt.“

„Aber Hank ist tot und Sie leben, Erik.“

„Das macht keinen Unterschied mehr.“

Klaus wartete noch eine Weile, doch von der stillen Gestalt im Bett kam nichts mehr – und er wusste auch keine weiteren Fragen zu stellen.

Er verließ den Raum wortlos.


* * *


Jupp stopfte die Hände in die Taschen und ging langsam auf die einsame Gestalt am Geländer zu. Der Wind zerrte an Taubes Mantel, aber zumindest schien es nicht wieder regnen zu wollen, wie die Abende zuvor, als sie Voss und Trellweg überwachen mussten. Die Pommesbude hatte geschlossen, bei dem Wetter war keine Kundschaft zu erwarten.

Es schien eine Ewigkeit vergangen zu sein, seit er hier neben Klaus am Geländer stand und ihm vom negativen Ergebnis seines HIV-Tests erzählt hatte. Er war so erleichtert gewesen, dass er seinen Partner um den Hals fiel und ihn um ein Haar geküsst hätte. Klaus überraschtes Gesicht würde er sowieso nie vergessen: Er hatte fast die Pommes, die er geholt hatte, während Jupp im Institut das Ergebnis abfragte, fallen lassen, als er sich plötzlich umarmt sah. Und sich dann mit Jupp gefreut. Sie waren dann noch lange hier gestanden, ohne viel zu sprechen, hatten den Rhein beobachtet, während die Sonne langsam unterging und alles orange tönte.

Heute verdeckten Wolken die untergehende Sonne und alles wirkte nass und wie mit einem grauen, harten Schimmern überzogen.

Klaus wandte den Kopf, sah ihn an, als Jupp neben ihn trat. „Woher wusstest du, dass ich hier bin?“

„Intuition?“, entgegnete Jupp mit einem Grinsen. Tatsächlich war es ganz einfach gewesen, Klaus rief immer das gleiche Taxiunternehmen an. Und als es immer später wurde, und Taube nicht auftauchte, fand er unter dem Vorwand einer dienstlichen Ermittlung so heraus, wohin sich Klaus hatte bringen lassen. Vielleicht war es eine dumme Idee gewesen, sein Partner war ein erwachsener Mann und wenn er Zeit alleine verbringen wollte, stand es Jupp nicht zu, ihm nach zu rennen. Andererseits piesackte ihn nach Taubes komischem Verhalten am Nachmittag die Neugier.

„Er hat es von Anfang an gestanden, Jupp“, sagte Klaus leise und richtete den Blick auf den Fluss unter ihnen. „Wir wussten es nur nicht zu deuten. Das weiße Make-up in seinem Gesicht. Es war ein Hinweis. Ich habe es im Internet recherchiert. Weiß ist nicht nur die Farbe der Trauer; in der klassischen chinesischen Oper tritt die Person, die den Mörder, Dämon oder Verräter eines Stückes darstellt, immer weiß geschminkt auf. Voss hat Theaterwissenschaften studiert. Er wusste es. Und er wollte es uns zeigen, dass er der Mörder ist, weil er nicht in der Lage war, es auszusprechen.“

„Dafür konnte er aber eine ziemliche Menge an Lügen aussprechen. Er schob alles auf Trellweg, und er war verdammt überzeugend“, entgegnete Jupp. „Es sah ja auch danach aus.“

„Voss wusste natürlich, dass er Sodewick getötet hatte - aber wenn Trellweg ihn wegen des Drogengeschäfts nicht bewusstlos geprügelt hätte, wäre das alles nicht passiert. Also klammerte er den kleinen Augenblick seiner Anwesenheit aus und so wurde in seiner Vorstellung Trellweg der Mörder. Deshalb klang er so überzeugend. Sogar die Stein glaubte ihm und sie kannte die beiden besser und länger als wir.“ Klaus verschränkte die Arme vor der Brust, als wäre ihm kalt.

„Es könnte sein, dass man ihn nur wegen Totschlags verurteilt. Niemand kann beweisen, dass er in der Absicht Sodewick zu töten in die Toilette ging.“ Jupp zündete sich eine Zigarette an, hatte aber wegen des auffrischenden Windes mit dem Feuerzeug zu kämpfen.

„Ich glaube nicht, dass er ihn töten wollte. Erinnere dich, was Erik Voss zur Stein gesagt hat – er wollte ihm helfen, als er ihn bewusstlos fand, doch als Sodewick)zu sich kam, fragte er nach Miriam Stein. Und erst daraufhin hat er ihm das Genick gebrochen.“

„So übel wie Sodewick zu der Zeit bereits zugerichtet war, hatte er es einfach“, meinte Jupp nach einer Weile.

Klaus drehte den Kopf, sah ihn an. „Er muss ihn abgöttisch geliebt haben.“

„Hat er das gesagt?“

Klaus schüttelte den Kopf, wandte den Blick wieder ab. „Ich habe sein Gesicht gesehen, bei der Show. Sie tanzten eine Figur zusammen und Sodewick hob Voss hoch. Und für einen Augenblick hattest du das Gefühl, nur die beiden wären auf der Bühne, niemand sonst. Der Ausdruck auf Voss‘ Gesicht... war wie der Ausdruck in den Gesichtern von Märtyrern auf diesen Gemälden aus dem Mittelalter. Ich kann das nicht beschreiben. Völlig hingegeben und zugleich völlig verzweifelt. Ich dachte damals, er wäre einfach nur ein leidenschaftlicher Tänzer. Aber nach ihrer gemeinsamen Tanzszene war nichts mehr in seinem Gesicht zu sehen. Ich hatte es vergessen. Bis wir ihn in der Garderobe verhört haben und er für einen Augenblick mit dem gleichen Ausdruck in den Spiegel starrte.“ Er holte hörbar Atem. „Lass uns gehen“, fuhr er dann mit normaler Stimme fort, vielleicht ein wenig rauer als sonst. „Es ist kalt und spät.“

„Ja, war ein langer Tag“, meinte Jupp und sah ihm nach. Erst als Klaus fast den Wagen erreicht hatte, stieß er sich vom Geländer ab und folgte ihm.



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Ain´t no sunshine
When he’s gone
Only darkness every day
Ain´t no sunshine
When he’s gone
This house just ain´t no home

Any time he goes away…

Lyrics: 4 The Cause

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Ende
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