On The Roof

von taetum
GeschichteRomanze, Thriller / P18
26.07.2017
14.06.2019
23
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Noah

Heute war es endlich soweit. In ein paar Stunden würden wir uns endlich auf dem Weg in unsere Flitterwochen befinden! Zuerst würde es nach Paris gehen, da Bo schon immer mal den Eiffelturm besteigen wollte – zwar wusste ich noch nicht wirklich, wie er das mit seiner Höhenangst anstellen wollte, aber jedem das Seine – und danach würden wir noch für eine Woche puren Erholungsurlaub in der Karibik machen. Im Grunde genommen klang alles viel zu perfekt, als was es eigentlich wirklich wahr sein könnte.

Keine Sekunde später wurde ich von Bo wieder aus meinen Gedanken gerissen, indem er immer wieder auf seinen Koffer einschlug, in der Hoffnung, dass er ihn dann endlich schließen könne, während ich einfach nur dumm mit einem Tanktop in der Hand herumstand, es aber letztendlich in meinen Koffer stopfte und ihn anschließend zuklappte und zuschloss.
„Wie machst du das?“, fragte mich mein Mann plötzlich, woraufhin ich nur verwirrt meinen Kopf schief legte und meine Augenbrauen zusammenzog. „Was meinst du?“
„Du weißt ganz genau was ich meine, du Assi. Wie kannst du deinen Koffer so einfach zubekommen, während ich hier schon einer halben Stunde versuche, den scheiß Reißverschluss zu schließen?!“, fluchte ich, doch konnte ich ihn nicht wirklich ernst nehmen – er sah einfach viel zu niedlich aus, wenn er gestresst war. Ich schob ihn zur Seite und öffnete seinen Koffer nochmal, um einige Sachen anders zu platzieren und schloss ihn anschließend, ohne weiter Probleme.
Mit offenstehendem Mund schaute mich der Asiate an, was mich zum Lachen brachte. „Komm jetzt, wir wollten doch noch kurz meiner Mutter auf Wiedersehen sagen, bevor wir diesen Kontinent endgültig, für ein paar Wochen, hinter uns lassen.“

Meine Mutter hatte die Nacht mit ihrem Freund in einem Hotel übernachtet, nachdem die Hochzeit zu Ende war, da sie nicht noch fast eine Stunde lang nach Hause fahren wollte, während ihr Freund sie zu laberte, da er komplett besoffen gewesen war, als sie die Feier wieder verließen.

Zirka eine halbe Stunde später standen wir nun schließlich vor dem Hotel, in welchem Abigail übernachtet hatte. An der Rezeption fragte ich nach ihrem Zimmer und bekam, nach minutenlanger Diskussion endlich die Zimmernummer. Alleine stiefelte ich die, mit roten Teppich belegten, Treppenstufen herauf in die zweite Etage. Bo bestand darauf, dass ich alleine zu ihr gehen und mich verabschieden sollte, warum auch immer.
Ich stand kaum vor ihrer Tür, da wurde sie auch schon aufgerissen und ich hielt sofort in meiner Bewegung inne, da ich eigentlich vorhatte zu klopfen und sogar schon meine Hand angehoben hatte. Allerdings war meine Mutter natürlich schneller. Wahrscheinlich hat sie irgendwo Geheimkameras angebracht, sodass sie auf die Sekunde genau sehen konnte, wann ich ankomme.
Schnell zog sie mich fest in eine Umarmung, die ich natürlich sofort erwiderte. „Versprich mir, dass ihr auf euch aufpassen werdet und, dass ihr heil wieder zu Hause ankommt, wenn eure zwei Wochen um sind..“, weinte sie leise und strich mit ihrer rechten Hand durch meine Haare. Sie hatte Glück, dass ich diese heute nicht gestylt hatte, sonst hätte sie jetzt mit meiner wütenden Seite rechnen können. „Ja, wir werden auf uns aufpassen und ich verspreche dir hiermit feierlich, dass ich mich ab und zu bei dir melden werde und sofort zu dir kommen werde, sobald wir wieder zurück in Australien sind“, beruhigte ich sie mit einem liebevollen Lächeln und küsste ihre Wange sanft, bevor ich schließlich die Umarmung abbrach und meine Hände stattdessen in meine Hosentaschen stopfte. Als ich mich dann wieder auf den Weg nach unten machen wollte, hörte ich sie nochmal ein: „Pass auf dich auf! Ich liebe dich!“, rufen, was mich nur kichernd den Kopf schütteln ließ. Gott, sie war so süß.

Sobald ich die letzte Treppenstufe herunter spazierte, kam auch schon mein Ehemann angerannt und umarmte mich fest, bevor er uns einmal lachend im Kreis drehte. Grinsend ließ ich wieder von ihm ab, als ich wieder festen Boden unter meinen Füßen spürte. „Flitterwochen, Baby!“, rief er quer durch die Lobby und ergriff meine Hand, nur um mich dann wieder aus dem Hotel herauszuziehen und mich zurück in meinen Wagen zu schubsen. „Was bist du so ungeduldig?“, fragte ich ihn schließlich skeptisch, als ich mir den Gurt umlegte und den Motor startete und zum Flughafen fuhr.
„Was ich so ungeduldig bin? Oh, lass mich überlegen … ich habe gestern den wunderbarsten Mann im gesamten Universum geheiratet und fliege heute schon mit ihm nach Paris, die Stadt der Liebe“, murmelte er mit einem teilweise französischem Akzent, woraufhin ich allerdings nur seufzend meinen Kopf schütteln konnte. „Denk daran, dass wir über achtundzwanzig Stunden unterwegs sein werden, mit zwei verdammten Zwischenstopps in Sydney und Abu Dhabi“, erinnerte ich ihn und rollte mit den Augen, als wir auch noch an einer verdammten Ampel halten mussten. „Ja, aber wenigstens haben wir in Abu Dhabi genügend Zeit uns nochmal richtig auszuschlafen, da wir über Nacht bleiben, bevor wir wieder in einem Flugzeug festsitzen!“, spottete Bo genervt und verschränkte seine Arme vor seiner Brust.
„Ist gut, ist gut. Lass uns jetzt bitte nicht auch noch streiten“, flüsterte ich leise.

Zehn Minuten später kamen wir dann endlich am Flughafen an, allerdings brauchten wir noch an die vierzig Minuten, um überhaupt einen Parkplatz zu finden, da einfach fast jeder einzelne besetzt war. Noch etwas, was ich an Gold Coast so sehr hasse. Diese vielen Menschen. Konnten die nicht einfach irgendwo anders hinziehen und ihre scheiß Autos mitnehmen?!

Nachdem wir dann endlich unsere Koffer am Check-In abgegeben haben, liefen wir noch durch die Sicherheitskontrollen und gingen schließlich schon einmal zu unserem Gate, da wir nur noch um die dreißig Minuten warten mussten. Bo war gerade auf der Toilette verschwunden als ich zum Fenster lief und die ankommenden Flugzeuge beobachtete. Zwar studierte ich Medizin und würde irgendwann als Arzt in einem Krankenhaus arbeiten, allerdings könnte ich aber niemals auch nur in meinen Träumen so ein Ding fliegen mit hunderten von Passagieren drin. Dafür hätte ich viel zu viel Angst, etwas falsch zu machen und jeden einzelnen Menschen umzubringen.

Zirka fünfzig Minuten später war es dann endlich soweit. Die Maschine würde jeden Moment starten, nachdem jeder eingestiegen und seinen Platz gefunden hatte. Bo und ich saßen, leider, neben einer alten Frau, die aussah, als wäre sie schon vor einigen Jahren verstorben. Ihr würde ich definitiv keinen Einlass in einem Flugzeug erlauben, immerhin könnte sie wahrscheinlich jede Sekunde einfach umfallen und dann wäre das Chaos groß, besonders, wenn es während eines Flugs passieren würde.

Gerade als das Flugzeug abhob, spürte ich, wie sich Bo stark verkrampfte und sich sofort in meinen Arm krallte, was mich gleichzeitig zum keuchen brachte, da es einfach viel zu fest war und es sich so anfühlte, als wären seine Fingernägel durch meine Haut gedrungen, bis zu meinem Unterarmknochen. Schnell blickte ich zu ihm und entfernte vorsichtig seine Hand von meiner Hand bevor ich ein paar Mal über die Wunde rieb. „Geez, wann hast du deine Nägel zuletzt geschnitten, du Vollidiot?!“, fauchte ich ihn, als ich sah, dass mein Arm sogar blutete und seine Krallen mehr als sichtbar waren. „Weißt du, ich hätte dich auch so irgendwie beruhigt, wenn du Flugangst hast, ohne, dass du meinen gesamten Unterarm amputierst!“
Er jedoch schaute mich nur ausdruckslos an bevor er seinen Kopf schüttelte und spottend wieder wegschaute. „Arschloch“, hörte ich ihn nur noch fauchen und mein Kiefer klappte automatisch auf. Wow, was für ein fucking großartiger Start in die Flitterwochen!

Nach einiger Zeit später, in der nichts zu hören war, außer Kinder, die mit ihren Eltern redeten oder die Frau neben uns, die das gesamte Flugzeug mit ihrem Schnarchen unterhielt, blickte ich vorsichtig zu Bo, nachdem ich ihn die ganze Zeit gekonnt ignoriert hatte, selbst nachdem er versucht hatte, sich zu entschuldigen. Sofort schaute er auch zu mir, doch in dem Moment, in dem sich unsere Augen trafen, schaute er sofort wieder weg. Seufzend streichelte ich ihm sanft über den Oberarm bevor ich mich auch wieder von ihm wegdrehte und stattdessen aus dem Fenster blickte und die Wolken unter uns beobachtete. Alles könnte gerade schon so verdammt schön sein, aber nein. Wir mussten uns natürlich jetzt schon streiten. Vielleicht war die Hochzeit doch einfach mehr als übereilt und wir passten eigentlich gar nicht zusammen?

Eine Durchsage ertönte, dass wir uns bitte wieder anschnallen sollten, etc. da wir bereits in wenigen Minuten in Sydney ankommen würden. Sofort stöhnte ich genervt. Das würde heißen, dass wir verdammte vier Stunden warten müssten, bevor es weiter nach Abu Dhabi ging, wo wir sogar eine gesamte Nacht in einem Hotel übernachten müssen, nur um dann am nächsten Morgen weiter nach Paris zu fliegen. Ich hasste es jetzt schon. Besonders, weil immer noch mehr als dicke Luft zwischen meinem Ehemann und mir herrschte. Fuck. My. Life.

Die alte Frau wartete geduldig, bis alle Passagiere bereits das Flugzeug verlassen hatten, bis sie sich endlich entschied, auch herauszulaufen. Meine Geduld und Nerven waren jetzt schon völlig am Ende und ich wusste nicht, wie ich alles jemals je überleben sollte. Vielleicht wäre es einfach besser, wenn ich mir einen anderen Flug zurück nach Hause buchen und einfach wieder zurückgehen würde, damit ich nicht noch auf die Idee kam, jemanden umzubringen.

Eigentlich war ich ein mehr als geduldiger Mensch, aber heute war einfach alles anders und das trieb mich in den Wahnsinn. Zuerst ging mir Bo auf die Nerven, als er seinen Koffer nicht zubekommen hat, dann die ganze Sache in dem Flugzeug, insbesondere unser Streit und das verdammt nervige Schnarchen der Frau. Gott; ich musste wirklich irgendwo meinen Frust ablassen, aber da wir uns schon wieder an einem scheiß Flughafen befanden, war dies gar nicht so einfach. Normalerweise hätte ich mir einfach meinen Mann schnappen und mit ihm auf dem Klo ficken können, nur war der seit unserer Ankunft wie vom Boden verschluckt. Vielleicht hatte er auch schon die Schnauze voll und ist gerade einen Rückflug buchen? Innerlich hoffte ich es, doch wurden meine Hoffnungen – wieder einmal – getötet, als ich ihn eventuell zurückkommen sah, mit einem Kaffee von Starbucks in seiner Hand.

Ich schüttelte meinen Kopf, noch genervter als vorher, und setzte mich anschließend auf einen der freien Stühle, während ich auf eine Uhr starrte, die an einer Wand befestigt wurde und betete, die Zeit würde schneller vergehen, sodass ich aus dieser unangenehmen Situation rauskommen könnte. Und tatsächlich war Gott dieses eine Mal gütig zu mir, denn einige Stunden später merkte ich, wie mich jemand rüttelte. Verwirrt öffnete ich meine Augen und schaute sofort meinen Mann an, der sich augenblicklich wieder von mir entfernte. War ich etwa eingeschlafen?

Gähnend stand ich dann auf und folgte Bo in ein anderes Flugzeug, bekam aber sofort wieder schlechte Laune, als ich die alte Frau wieder in unserer Platzreihe sitzen sah. Konnte mich endlich bitte jemand umbringen?!  Falls wir doch noch irgendwann in Frankreich ankommen sollte, konnte man mich in eine Psychiatrie stecken, soviel stand schon mal fest, wie das Amen in der Kirche.
Als das Flugzeug dieses Mal abhob, krallte sich zum Glück niemand in meinen Arm, was mich ziemlich enttäuschte, weil ich eigentlich damit gerechnet hatte. Ich drehte meinen Kopf zu Bo und musterte ihn aufmerksam. Er jedoch machte nicht mal einen Ansatz, auch zu mir zu blicken. War es nicht unglaublich, wie schnell jemand seine komplette Ängste verlieren konnte, mit bloßer Genervtheit? Oder er war einfach nur ein wahnsinnig guter Schauspieler und gab einfach nur vor, komplett entspannt zu sein. Mit einem traurigen Lächeln, wandte ich mich wieder von ihm ab und ließ meine Augen stattdessen mehrmals über die Abdrücke auf meinem Arm wandern, bevor ich schließlich auch darüber strich. Ja, ich wollte mich wieder mit ihm vertragen. Ja, ich wollte auch mit weiterhin in die Flitterwochen. Aber ich dachte nicht einmal daran, ihm wieder in den Arsch zu kriechen und mich zu entschuldigen, wenn er derjenige war, der seine verdammte Schnauze nicht öffnen und etwas sagen konnte.


Gerade als ich mich weiter, innerlich, über ihn echauffieren wollte, hörte ich plötzlich seltsame Geräusche neben mir. Mein Kopf schnellte sofort zu Bo, welcher aber auch nur genauso verwirrt wie ich, neben uns schaute. Erst dachte ich, die Dame neben uns, würde wieder schnarchen, allerdings sah ich nur noch, wie sie sich gegen irgendetwas wehrte, bevor sie schließlich zurück in ihren Sitz fiel und sich ihre Augen schlossen. Was zur Hölle? War sie gerade neben uns erstickt? Was passierte hier?!
Ohne groß darüber nachzudenken, schnallte ich mich ab und krabbelte über Bo‘s Schoß, um danach meinen Zeige-und Mittelfinger an ihre Halsadern zu halten, jedoch fühlte ich wortwörtlich nichts mehr. Panik machte sich in mir breit und sofort stand ich auf, zwang mich durch die engen Sitze nur mich dann direkt neben die, anscheinend, tote Frau zu hocken und leicht ihre Wange zu schlagen; in der Hoffnung, dass sie wieder zu sich kommen würde – jedoch ohne weiteren Erfolg. Fuck, was sollte ich denn jetzt tun?! Ich konnte schlecht im Flugzeug herumschreien, dass jemand gestorben sei. Doch das war exakt was ich tat. Ich schrie um Hilfe. Klar denken konnte ich sowieso nicht mehr.

Schnell kamen zwei Stewardessen aus ihrem kleinen Raum gerannt und hievten die alte Frau irgendwie mit sich, bevor sie wieder in ihrem Raum verschwanden und, nur Gott wusste was, mit ihr anstellten.
Nach einen Minuten jedoch, kam die Ansage, dass wir Notlanden würden und sofort verfluchte ich mich selbst. Tschüss, Abu Dhabi. Tschüss, Leben. Das war es. Schön, euch alle gekannt zu haben.
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