‚Der wahren Liebe erster Kuss...‘

GeschichteDrama, Romanze / P12
Hitomi Kanzaki Van Fanel
24.07.2017
08.08.2017
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1.
Der junge Mann wälzte sich gemächlich in seinem großen Bett, das inmitten seines geräumigen Schlafgemachs stand. Das dünne Laken, das seinen nackten Körper bedeckte, raschelte etwas, als er die Beine von sich streckte und den kühlen Stoff der Matratze unter sich dankend entgegennahm. Er bereute augenblicklich, am gestrigen Abend nicht nur die schweren Vorhänge zugezogen zu haben, sondern auch kein einziges der hohen Fenster zu seinem Balkon offen gelassen zu haben. Die kalte Morgenluft könnte jetzt angenehm über seinen Rücken wehen und ihn etwas abkühlen. Warum hatte er es noch mal sein lassen? Ach ja, der Lärm. Zwitschernde Vögel oder lautes Treiben auf den Straßen Fanelias in den frühen Stunden des Tages, konnte er heute ausnahmsweise nicht ertragen. Aber er wollte seine Ruhe haben, wenigstens an diesem einen Tag im Jahr.
Die schnellen Schritte auf dem Gang vor seinem Zimmer verrieten ihm, dass er sich zu früh gefreut hatte. Er hörte das leise Quietschen der Türklinke, die von nur einer einzigen Person ohne Anklopfen betätigt wurde. Vielleicht würde sie ja auch einfach wieder verschwinden, wenn er so tat, als würde er noch tief und fest schlafen?
„“Vaaaan…“, flüsterte das Katzenmädchen dicht an seinem Ohr. Wann hatte er ihr erlaubt, auf sein Bett zu klettern?
Er knurrte schläfrig zur Antwort, aber so einfach ließ sie sich selbstverständlich nicht wieder abwimmeln.
„Ich weiß, dass du gesagt hast, dass du ausschlafen willst, aber… Im Speisesaal wartet ein riesiges Büffet auf dich, und du hast ein paar Überraschungsgäste, die extra für dich angereist sind. Die willst du doch nicht etwa warten lassen, oder?“
„Is‘ mir egal, wer da ist. Entweder, sie warten, oder gehen wieder. Lass mich schlafen.“
Obwohl seine schwarzen Haarsträhnen seine Sicht verdeckten, konnte er sich genau vorstellen, wie sie verärgert die Hände in die Hüften stemmte.
„Und wag‘ es ja nicht, die Vorhänge aufzu- sag mal, nuschle ich?“
Das gleißende Sonnenlicht erhellte den Raum und er kniff die Augen zusammen.
„Merle, was soll das?“, fuhr er sie genervt an, als sie gerade die letzte Gardine zur Seite schob.
„Komm doch einfach zu uns nach unten. Hör auf, dich hier zu verkriechen, du bist ja schlimmer als dieser Maulwurftyp von damals! Außerdem, ich habe gehört, dass viel royaler Besuch gekommen ist. Vielleicht ist ja diesmal ein Mädchen dabei, das dir gefällt.“
Vans Miene verdunkelte sich augenblicklich, und Merle wusste genau, dass ihr der letzte Satz besser nicht über die Lippen gerutscht wäre. Erschrocken blickte sie in das wütende Gesicht ihres Königs, das im verschlafenen Zustand sogar noch schlimmer aussah, als sonst. Sie folgte schnell ihrem inneren Bedürfnis, sich eilig aus seinem Zimmer zu verziehen, und schloss die Tür hinter sich, die mit einem lauten Krachen ins Schloss fiel. Van zuckte zusammen und vergrub ächzend das Gesicht in seinem weichen Kissen. Genau das, was er nicht wollte. Ungebetene Gäste, Lärm und die Erinnerung daran, dass er noch immer ledig war. Er hasste es. Manchmal war es gar nicht so einfach, erwachsen werden zu wollen, während man ein Land zu führen hatte. Schicksalsergeben gab er sich geschlagen, einschlafen war jetzt sowieso unmöglich.
„Bei den Göttern… Nicht einmal an seinem eigenen Geburtstag hat man seine Ruhe…“

~

Noch immer müde schritt Van durch den hohen Flur zum Speisesaal. Er hoffte inständig, sich nach dem Frühstück wieder möglichst schnell verziehen zu können. In seinem Arbeitszimmer lagen ja wenigstens genügend Gründe, sich nicht zu lange mit langweiligen Gesprächen aufhalten zu müssen. Geburtstage gingen ihm schon immer auf die Nerven. Was war denn auch so besonders daran, wenn man älter wurde? Weshalb mussten alle einen daran erinnern, dass man wieder einen Schritt näher an seinem eigenen Tod war? Van schob den makabren Gedanken zur Seite und zwang sich, eine freundliche Miene aufzusetzen, in der Hoffnung, es würde nicht allzu sehr nach einem unterdrückten Anflug von Flatulenzen aussehen. Die Wachen an der Flügeltür öffneten gleichzeitig die Pforte und ließen ihren König eintreten. Wie Merle es gesagt hatte, war der Tisch reich gedeckt. Diverse Früchte und Süßspeisen, zarte Pasteten und bunte Törtchen, alles Dinge, die Van verabscheute. Er hasste Zucker. Aber die Gäste, die die ellenlange Tafel bis zum letzten Stuhl besetzt hatten, schien dieser Umstand weniger zu stören und sie griffen gierig zu. Van trat näher zu dem verzierten Stuhl am Kopfende des Tisches, der dem König vorbehalten war. Die Unterhaltungen verstummten und etwa einhundert Augenpaare richteten sich auf ihn. Oh, wie er sich jetzt ein kleines Wunder wünschen würde, um einfach ganz weit weg zu reisen…
Wie der Anstand es von ihm verlangte, hob er sein bereits gefülltes Glas, erhob sich und begrüßte, so wenig halbherzig wie möglich, seine Gäste, die ihm daraufhin Applaus schenkten und die Becher erhoben, um anzustoßen. Endlich konnte er sich ansehen, wer alles gekommen war. Merle hatte offensichtlich die Hälfte der Regentschaft von Gaia eingeladen, darunter Millerna mit ihrem Mann Dryden, daneben Ritter Allen, der sich angeregt mit dem jungen Ding neben sich unterhielt, die schon ganz rote Wangen bekommen hatte. Zu seiner Rechten saß Merle selbst sowie seine Unterstützer und Berater des Hofes, außerdem auffällig viele junge Damen aus offensichtlich reichem und angesehenem Hause in Begleitung ihrer Zofen, die zusammen mit Vans Dienerinnen versuchten, jeden Wunsch der Gäste zu erfüllen. Er fühlte sich unwohl, so als hätte man ihm Steine in den Magen gelegt. Von gerade einmal einem Viertel der Gäste kannte er Name und Abstammung, und es sollte ein langer Tag werden, den Rest kennen zu lernen. Seufzend leerte er sein Glas, in dem sich zu seiner Überraschung kein verdünnter Saft befand, wie er ihn jeden Morgen bekam, sondern  roter Wein, den er nun im Ganzen heruntergekippt hatte. Wenn das so weiterging, würde er aber noch einige davon brauchen…
Auf einmal wurde es wieder leise im Saal, als einer von Vans Beratern aufstand und sein Glas zu einem weiteren Toast erhob.
„Geehrte Gäste, im Namen unseres Königs möchte ich Euch allen danken, so kurzfristig und doch zahlreich erschienen zu sein. Offenbar ist uns die Überraschung ja gelungen!“
Die Anwesenden lachten und tuschelten, bevor er weitersprach.
„Heute wollen wir den 18. Geburtstag Ihrer Majestät feiern, einem wahrlich wichtigen Ereignis im Leben eines jungen Menschen. Viele Herrscher finden in diesem Alter Gefallen an Frauen, doch nicht so unser Van. Stattdessen hat er in seinen knapp drei Jahren seiner jungen Regentschaft unser Land wieder zu dem geführt, wie sein Vater vor ihm sie uns hinterlassen hatte, als er von uns ging. Lasst uns darauf trinken, dass Fanelia erst am Anfang seiner Wiedergeburt aus der Asche des Krieges feiert! Prost!“
Wieder stießen die Gäste an und applaudierten begeistert. Der Küchenchef gab den Hinweis, dass es heute besonders auserlesene Speisen geben würde und Appetithappen später im Ballsaal bereitet werden würden. Innerlich brodelte Van. Natürlich hatte man es sich nicht nehmen lassen, auch noch einen Ball zu seinen Ehren zu organisierten. Dabei hatte er überhaupt keine Lust darauf, die halbe Nacht lang gezwungen freundlich mit all den – zugegeben recht hübschen – angereisten Damen zu tanzen. Aber das mit Abstand langweiligste an Geburtstagen war das Überreichen der Geschenke. Jeder Gast hatte sich mit Sicherheit mehr oder weniger teure Ideen einfallen lassen, um in einem besonders guten Licht zu stehen, wenn er morgen wieder abreiste. Er würde sich auf seinen Thron begeben und sich den Hintern wundsitzen müssen, bis die Tortur endlich vorbei war. Und nie passierte etwas Spannendes, die Geschenke waren jedes Jahr dasselbe. Eine Landgutschrift, das äußerst verführerische und auf jeden Fall moralisch richtige Angebot der Hand der eigenen, aus unerfindlichen Gründen nicht selbst anwesenden aber mit Sicherheit wirklich gut aussehenden Tochter, eine Viehherde, Reittiere in allen Farben…
Van beugte sich möglichst unauffällig zu Merle und seinem Berater neben sich.
„Ich dachte, ich hatte mich mit ‚Dieses Jahr unter keinen Umständen irgendeine Form von Feier‘ klar genug ausgedrückt?“, zischte er mit einem gefährlichen Funkeln in den Augen.
Merle wurde um ein paar Zentimeter kleiner, als sie in ihrem Stuhl zusammensank.
„Ich dachte, vielleicht freust du dich mehr darüber, wenn es eine Überraschung ist…“
„Zudem gehört es sich, Majestät, zu einem Fest zu laden, wenn es der Anlass bedarf“, fügte der Berater hinzu.
„Ich hätte mich mehr gefreut, wenn dieser Raum leer geblieben wäre. Nicht einmal den Ball konntet ihr ausfallen lassen. Was denk ihr eigentlich, wieso ich heute um Ruhe gebeten habe? Das einzige Geburtstagsgeschenk, das ich mir gewünscht habe, war ein klein wenig Zeit für mich allein, und nicht einmal das habt ihr hinbekommen.“
Er lehnte sich genervt zurück und freute sich jetzt schon auf seinen wohlverdienten Schlaf am Abend. Oder besser, am frühen Morgen, so, wie er einige der Saufbolde unter den Gästen kannte.
Ein eisiger Schauer durchfuhr ihn plötzlich, und er sah sich stirnrunzelnd um. Die Fenster waren geschlossen, die kalte Aprilluft konnte es also nicht gewesen sein. Die Türen waren ebenfalls nicht geöffnet. Aber was war es dann? Die Gäste schienen davon nichts mitbekommen zu haben, aber Van war sich sicher, sich das nicht eingebildet zu haben. Die schweren Vorhänge an den Säulen neben den Fenstern fingen auf einmal seinen Blick. Zur Hälfte verdeckt, blickten kalte, blaue Augen ausdruckslos in seine. Ein schwarzes Gewand umhüllte die schmale Gestalt von den Füßen bis zum Hals, schwarzes dünnes Haar umrahmte das blasse Gesicht mit den schmalen Lippen. Seine Kopfhaut prickelte vor Anspannung und sein Mund wurde trocken. Wer war diese Frau? Sie sah nicht aus, als wäre sie mit guten Absichten hier, und adelig schien sie auch nicht zu sein.
Er drehte sich zu seinem Berater, der mit Merle in einem Gespräch verwickelt war.
„Tramus? Wer ist diese Frau?“
„Verzeiht? Welches Mädchen hat es Euch angetan, Hoheit?“, fragte dieser begeistert, doch Van winkte ab.
„Nicht in diesem Sinne. Sie sieht weder aus, als wäre sie ein Gast, noch Personal. Da, sie steht genau bei-“
Er wandte sich zu dem Vorhang, an dem die Frau ihn beobachtet hatte. Doch sie war spurlos verschwunden. Dass sie durch eine Tür gegangen war, war ebenfalls ausgeschlossen, das hätte Van gehört. Ihm blieb der Mund offen stehen, bis ihn Tramus aus den Gedanken riss.
„Ein ungebetener Gast? Wie kann das sein? Wo ist sie?“
„Ich… ich habe keine Ahnung. Sie stand gerade eben noch am Fenster und hat mich ganz seltsam angesehen. Als könnte sie direkt in meine Seele blicken…“
Er schauderte. Mittlerweile hatten auch Merle, Allen und Millerna von der ungewöhnlichen Erscheinung Wind bekommen.
„Van, fühlst du dich nicht gut? Hast du Halluzinationen?“, fragte Millerna besorgt, erhielt aber ein energisches Kopfschütteln.
„Das ist es nicht. Wo ist sie hin? Und warum hat sie mich so komisch angesehen?“
Er bemerkte Merles besorgtes Gesicht.
„Bist du sicher, dass du dir das nicht nur eingebildet hast?“
„Ganz bestimmt nicht! Sie hatte-

‚Du wirst sterben, Fanel…!‘

Das zischende Flüstern drang in seinen Kopf und füllte ihn aus. Er erstarrte schockiert und riss die Augen auf. Jegliche Farbe wich aus seinem Gesicht, während das Echo der kalten, giftigen Stimme in seinem Schädel widerhallte. Er sollte sterben? Warum? Wem hatte er etwas getan? Und weshalb war er sich so sicher, dass es die Stimme der Frau gewesen war, die er gehört hatte? Eine Hand erschien vor seinen Augen und riss ihn aus seiner Schockstarre.
„Van! Was ist los?“
Merle klang fast panisch, als er sie mit noch immer glasigen Augen ansah.
„Du bist ja fast wie weggetreten! Was ist denn bloß los mit dir?“
„Ich… ich glaube, ich ziehe mich kurz zurück, wenn ihr erlaubt…“
Er musste seine Gedanken ordnen. Schließlich bekam er nicht jeden Tag eine Morddrohung per Telepathie. Schwankend stand er auf, erhielt aber sogleich strafende Blicke von Tramus, der von seiner Horrorvision offenbar nichts mitbekommen hatte.
„Oh. König Van! Ihr seid bereits auf dem Weg in den Ballsaal, wie ich sehe! Dann können wir ja mit den Glückwünschen der Gäste beginnen! Bitte, werte Damen und Herren, in den Ballsaal!“
Verdattert zog Van ihn am Ärmel zu sich und zischte ihm ins Ohr:
„Was soll das, ich sagte doch gerade, ich müsste mich kurz ausruhen!“
Tramus sah ihn an, als hätte seine Majestät den Verstand verloren.
„Aber mein König, ihr habt doch nicht anderes zu tun, als Euch auf Eurem Thron niederzulassen und die Geschenke Eurer Gäste entgegenzunehmen.“
„Die ich wohlgemerkt nicht um ihre Anwesenheit gebeten habe!“
Die Masse an Leuten bewegte sich bereits durch die breiten Türen in den Ballsaal. Seufzend gab Van sich geschlagen. Heute lief definitiv nichts so, wie er es sich gewünscht hatte. Absolut gar nichts. Er nahm sich im Vorbeigehen ein gefülltes Weinglas vom Tablett einer der unbekannten Dienerinnen und folgte seinen Gästen. Die rote Flüssigkeit brannte unangenehm in seinem Rachen, doch er akzeptierte es resigniert. An langen Tischen an den Seiten des Saals wurden weitere Köstlichkeiten und kulinarische Finessen aus der Küche bereitet, während sich kleine Grüppchen bildeten, in denen die Gäste fröhlich quatschten. Dachten die Leute hier denn nur ans Feiern und Essen? Am Ende des Saals befand sich eine kleine Bühne, die Van über zwei Stufen erreichte, und setzte sich auf den großen Stuhl, der mit roter Seide gepolstert war, und besah sich das Spektakel aus einer leicht erhöhten Position. Immer wieder bemerkte er die Blicke einiger junger Damen, die ab und zu ein Auge auf ihn warfen und daraufhin tuschelnd und kichernd die roten Wangen hinter Fächern oder Handflächen versteckten. Nur Ritter Allen schaffte es, mit seinem Charme einige der hoffnungsvollen Bewerberinnen von ihrem eigentlichen Ziel abzuhalten und insgeheim merkte Van sich, ihm nach der Feier dafür zu danken. Auch Merle schlich ab und an durch die Reihen, verwickelte sich aber in kein Gespräch, sondern schien eher nach etwas bestimmten Ausschau zu halten.

Die nächsten drei Stunden zogen sich wie Schmieröl, und Vans Hintern machte sich mittlerweile bemerkbar. Zu gern würde er aufstehen und sich die Beine vertreten, und glücklicherweise war der Großteil der Glückwünsche schon vorbei. Jeder der Gäste hatte eine Reihe mehr oder weniger lustiger Anekdoten seiner jungen Herrschaft vorgetragen, Geschenke präsentiert und Van nur noch mehr gelangweilt, doch er zwang sich, zu jedem der Anwesenden aufgeschlossen und freundlich zu bleiben. Ein Seitenblick auf Tramus verriet ihm, dass sein Berater sehr zufrieden mit ihm war, auch wenn er wusste, dass er mal wieder nicht im Sinne seines Herrschers gehandelt hatte. Mit zunehmender Erleichterung erkannte Van, dass der letzte Gast seine Glückwünsche vortrug, und entspannte sich zusehends. Dankend nahm er sich ein weiteres Glas und erhob sich, um den Anwesenden zuzuprosten, und nahm den Applaus geduldig entgegen. Er sehnte sich nach frischer Luft oder ganz einfach etwas Ruhe. Doch ein nervöses Zupfen an seinem Ärmel ließ ihn verwundert umdrehen. Merle stand hinter seinem Stuhl und sah ihn ängstlich an.
„Was ist, Merle?“, fragte er leise, den Kopf halb zu ihr, halb zum Saal gewandt, wo ein Mensch am anderen Stand und zu den vorherigen Unterhaltungen zurückkehrte.
„Mir steigt ständig so ein komischer Geruch in die Nase, Van. Irgendwie fühle ich mich unwohl, als wäre etwas Gefährliches im Anmarsch… Vielleicht ist es diese Frau, die du vorhin gesehen haben willst. Van, ich hab ein ganz schlechtes Gefühl, wenn du weiter hier bleibst!“
„Was glaubst du, wie es mir geht. Ich wäre jetzt auch gern woanders. Aber ich glaube nicht, dass uns Gefahr droht, du irrst dich bestimmt. Der Palast ist gut bewacht, das weißt du doch.“
Merle legte trotzdem die Ohren an. Vans Beruhigungsversuche hatten nicht allzu gut funktioniert, denn sie war sich sicher, dass etwas nicht stimmte. Er schritt zu seinen Gästen in die Menge und begann, sich mit Millerna zu unterhalten, in der Hoffnung, sich andere Frauen damit vom Halse zu halten. Sie waren mitten im Gespräch, als sich auf einmal gespenstische Stille um sie auf die Leute senkte, und beide sahen verwundert auf. Alle Blicke waren zur Tür gerichtet, die sich gerade mit einem lauten Knarren schloss. Man hätte eine Feder zu Boden fallen hören, nicht einer der Anwesenden schien, zu atmen. Van vernahm das Geräusch von Schuhen, die sich langsam auf ihn zubewegten, doch er konnte nicht über die Köpfe der anderen hinwegsehen, die der Gestalt ängstlich Platz machten. Die Menge kam in Bewegung, teilte sich mit großen Augen und angehaltenem Atem. Wieder kroch der kalte Schauer wie ein bedrohlicher Schatten an Van hinab, legte sich wie eine schwere  Decke eisig um seine Schultern. Millerna folgte seinem Blick und drehte sich um, nur um ebenfalls erschrocken zur Seite zu springen, bevor die in schwarz gehüllte Person vor Van Halt machte. Ein siegessicheres Grinsen formte ihre schmalen Lippen zu einer schiefen Kurve.
„So sieht man sich wieder, Fanel!“, zischte sie. Ihre Stimme war genauso kühl wie ihre Ausstrahlung.
„Was... Was willst du von mir?“, kam Van zittrig über die Lippen. Irgendjemand in der Menge wisperte etwas von den Wachen, die einfach nicht auftauchen wollten. Plötzlich griff die Frau in die Ledertasche an ihrer Hüfte, die Van vorher nicht aufgefallen war, und zog eine Hand voller ausgerupfter Hühnerfedern hervor, die durchtränkt waren von dem Blut des Tieres. Mit einer schnellen Bewegung landete der Inhalt ihrer Hand in Vans überraschtem Gesicht, der zu spät reagierte und einen Schritt zurück machte. Das Blut verklebte seine Augen und Haare, in denen sich die braunen Federn verfingen, und der abstoßende, metallische Geruch nach der roten Flüssigkeit stieg ihm in die Nase. Schockiert trafen seine braunen Augen in ihre blauen, bevor sie die knochige Hand nach ihm ausstreckte und auf seine Stirn legte. Egal wie sehr Van sich wehrte, sein Körper wollte nicht gehorchen, sondern stand wie zur Salzsäule erstarrt vor ihr. Sogar ihre Hand war kalt wie Eis.
„Ich verfluche dich, Van Fanel, König von Fanelia, bei dem Blute dieser unschuldigen Kreatur. In einem Mond soll dein Leben enden, und damit Fanelia ins Verderben stürzen! Das Land, das meine Familie vertrieben hat, nur weil wir den Bürgern helfen wollten! Na los, versucht doch, mich als Hexe zu verbrennen, so wie meine Mutter! Aber dafür müsste der König den Befehl aussprechen, nicht wahr? Na los, lass mich verhaften!“
Sofort öffnete Van den Mund, um nach den Wachen zu rufen, doch die Worte blieben ihm buchstäblich im Halse stecken. Kein Ton kam ihm über die Lippen, so sehr er sich auch bemühte. Panisch sah er sie Hexe an, die lauthals anfing zu lachen.
„Nicht so einfach, wenn man nicht mehr reden kann, nicht wahr? Ha! Dreißig Tage, und du bist unter der Erde! Und dank deiner Stummheit wird dir auch niemand mehr helfen können. Vergiss es ruhig schon mal, nach jemandem zu suchen, der den Fluch brechen kann, und genieß deine letzten Tage unter den Lebenden!“
Sie nahm die Hand von seinem Kopf und trat ein wenig zurück, noch immer amüsiert von Vans geschocktem Gesichtsausdruck.
„Egal, was du tust, niemand wird dich retten können. Du musst den Fluch schon selbst lösen, ohne irgendjemandes Hilfe! Man sieht sich in der Hölle, Fanel!“
Sie griff wieder in die Tasche, holte eine Handvoll schwarzes Pulver heraus und warf es vor sich auf den Boden. Eine dunkle Rauchwolke hüllte sie ein, und als sie sich wieder legte, war sie spurlos verschwunden. Es schienen mehrere Minuten zu vergehen, bis sich endlich jemand rührte. Tramus rief nach den Wachen, sie sollen doch sofort die Hexe verfolgen und nicht wie angewurzelt herumstehen, und endlich kam Bewegung in den Saal. Bedienstete rannten aufgeregt umeinander, umsorgten ihre Herren, die ebenfalls noch ganz verdattert waren. Van taumelte rückwärts, und wenn Allen und Millerna ihn nicht an den Armen festgehalten wären, hätte sein Hintern mit Sicherheit den Boden geküsst. Er hörte alle Geräusche nur noch dumpf und irgendwie ganz weit weg, bekam am Rande noch mit, wie Merle nach dem Leibarzt rief, und mit Tränen in den Augen vor seinem Gesicht auftauchte, bevor die Welt um ihn herum schwarz wurde.

Nach einer traumlosen Stunde Schlaf erwachte Van in seinem Bett. Offenbar hatte man ihn nach seinem Zusammenbrechen nach oben in sein Zimmer gebracht, um ihn abseits der Gäste zu umsorgen, worum er mehr als froh war. Millerna saß auf einem Stuhl neben ihm und hielt sein Handgelenk, um seinen Puls zu fühlen, und Van entdeckte Merle am Fußende des Bettes. Als sie seine wachen Augen entdeckte, kam Bewegung in ihren Körper und sie kroch über die Matratze an seine Seite.
„Oh, mein Van! Wie fühlst du dich?“, fragte sie ihn mitleidig und hielt seine andere Hand in ihren Pfoten.
„…“
Vans Mund schloss sich sofort wieder, als er versuchen wollte, zu sprechen. Es wäre ja auch zu schön gewesen, wenn er sich diesen Fluch und die Hexe einfach nur eingebildet hätte.
„Kannst du wirklich nicht mehr sprechen, Van?“
Millerna versuchte, ruhig zu bleiben und ihn mit Fragen erst einmal zu untersuchen. Den in ihren Augen unfähigen Leibarzt hatte sie fortgeschickt, um ihr vermeintlich wichtige Arznei zu Vans Genesung zu besorgen, doch sie hatte die Befürchtung, dass die Frau von vorhin tatsächlich nicht gescherzt hatte. Van schüttelte den Kopf und sah sie fragend an. Er vertraute ihr und ihrem Urteil über seine Lage, hatte aber dennoch Angst vor der Gewissheit.
„Tut mir Leid, deine Wachen haben die Frau nicht auffinden können. Ich kann leider auch nicht sagen, ob das alles nur ein Streich war oder ob sie das ernst meinte. Schließlich bedroht man nicht jeden Tag einen König mit dem Tod. Meine letzte Hoffnung ist, dass dein Zustand nur temporär ist, und von selbst wieder verschwindet. Deine Stummheit ist die eine Sache, dein angekündigter Tod in dreißig Tagen ist um einiges schlimmer.“
‚Schlimmer? Wie soll ein König denn regieren, wenn er nur Ja-und-Nein-Fragen beantworten kann?‘
Und doch gab Van ihr Recht. Sein Land jetzt ohne Herrscher zu lassen wäre fatal, und sterben wollte Van mit 18 Jahren noch lange nicht.
„Ich schwöre dir, wenn ich diese Frau noch einmal treffe, kratze ich ihr persönlich die Augen aus! Und ihre Haare werd‘ ich ihr ausreißen, bis sie eine Glatze hat, und-“
Van Hand griff nach ihrem Unterarm und brachte sie so zum Schweigen. Es brachte rein gar nichts, auf Rache zu sinnen, denn das löste sein Problem noch lange nicht.
„Entschuldige. Aber wir müssen doch irgendetwas tun können! Millerna, gibt es keine Möglichkeit, ihn zuheilen?“
„Ich habe Medizin studiert, nicht Hexerei. Vans Problem ist nicht körperlicher Natur, und sollte es tatsächlich ein Fluch sein, gibt es dagegen kein Heilmittel, das ich bieten kann. Die Frau sagte ja bereits, dass ihm niemand helfen kann.“
„Aber sie meinte doch auch, er könnte sich selbst vor dem Fluch befreien, oder nicht?“
„Das wird sich als äußert schwer erweisen, wenn er nicht reden kann. Und so wie ich das sehe, ist Van jetzt schon davon genervt, dass er sich selbst nicht am Gespräch beteiligen kann.“
Die beiden Frauen sahen Van an, der sich im Bett aufgesetzt hatte und sie mit verschränkten Armen und Schmollmund beobachtete. Es klopfte an der Tür und Millerna bat den Besucher herein. Allen kam mit einer bedrückten Miene in den Raum.
„Die Wachen haben noch immer keine Spur von ihr. Sämtliche Gäste wurden nach Hause geschickt und gebeten, den Vorfall fürs Erste nicht zu erwähnen. Die Berater sind in heller Aufruhr und haben bereits nach Männern schicken lassen, die sich mit Zauberei und Flüchen auskennen. Die Gelehrten durchforsten bereits sämtliche Bibliotheken, auch die des Palastes. Vielleicht gibt eines der alten Bücher Aufschluss auf die Frau oder ihre Verwünschungen. Aber mehr können wir im Moment nicht tun. Ich fühle mich furchtbar machtlos, gegen etwas anzukämpfen, gegen das ich das Schwert nicht ziehen kann. Aber das wird dir genauso ergehen, nicht wahr, Van?“
Der junge König nickte frustriert. Zu gern würde er allen Anwesenden für ihre Unterstützung danken, doch ihm fehlten buchstäblich die Worte. Mit Händen und Füßen gab er zu verstehen, dass er gern für einen Moment allein wäre, und trat auf den Balkon seines Zimmers, als Merle hinter sich leise die Tür schloss. Unvermittelt schien sich sein Herz zu verkrampfen und er fasste sich an die schmerzende Brust, während er sich mit der anderen Hand am Geländer festkrallte. Eine furchtbare Vermutung schlich sich in sein Unterbewusstsein. Der Fluch schien bereits Wirkung zu zeigen, denn der Schmerz durchfuhr langsam seinen gesamten Körper, bevor er schließlich ganz verschwand. Irgendetwas sagte ihm, dass dies erst der Anfang gewesen war. Und viel Zeit, eine Lösung zu finden, gab es nicht mehr.

‚Dreißig Tage, Van… Tick, Tock!‘, zischte die Frau in seinem Kopf.
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