Farbenspiel

von yezz
OneshotRomanze / P12 Slash
Phichit Chulanont Victor Nikiforov Yuri Katsuki Yuri Plisetsky
23.07.2017
23.07.2017
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Hallo zusammen,

ein Lebenszeichen mit einer kurzen Geschichte, die ich vor der OP geschrieben habe. Besser gesagt, sah es damit eher so aus: Ich lag im Bett und sage zu mir selbst: "Du hast morgen die OP, du musst schlafen." Doch mein Hirn so: "Ich habe die Idee für eine Victuuri-OS! Dies und das und so weiter und das passiert... We were born to ship Victuriiiiiiiii!" *hust*
Nun ja. Meine OP war für den 19.07. 14 Uhr angesetzt, hatte schon diesen feschen Kittel an und die Tablette vorab genommen, als der Arzt vor mir stand und sagte, dass ich wegen einem Notfall erst am nächsten Tag operiert werden kann... Narf... Habe mich also noch einmal abholen lassen und hatte dann am 20.07. die OP. Soweit ist alles gut verlaufen. Habe einen Beutel voller Gallensteine bekommen, hat sich also sehr gelohnt. Eine Zimmernachbarin war einen Tag später dran und zeigte mir stolz danach ihre 5 Steinchen und bei mir ist die halbe Tüte voll xD

Also unterm Strich bin ich noch ziemlich k.o. Was vermutlich nicht zuletzt daran lieg, dass ich mich mit zwei Schnarchern im Zimmer war... Ohropax haben zwar geholfen, haben mich aber auch massiv gestört.

Noch eine kurze Bemerkung zur Geschichte: Zum ersten Mal auf das Thema gestoßen bin ich bei DragomirPrincess und war sehr fasziniert. Ich habe immer mal wieder was dazu gelesen und wollte auch mal etwas dazu schreiben. Und nun ja. Plötzlich war da diese eine Nacht ^^

Ich hoffe, euch gefällt es. Wie immer freue ich mich über Lob, Kritik, Sternchen, Kommentare oder Verbesserungsvorschläge xD

LG
yezz
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Das war der schlimmste Tag seines Lebens. Davon war Yūri fest überzeugt. Vor wenigen Minuten hatte er seinen Traum, sein Lebensziel, platzen lassen. Er hatte es vermasselt und er hatte keine Ahnung, wie er seiner Familie zu Hause unter die Augen treten sollte. Die theoretische Aufnahmeprüfung hatte kein Problem für ihn dargestellt. Und genau deswegen war er heute hier. Hier in Barcelona, um die praktischen Prüfungen zu absolvieren. Die erste Prüfung verlief gut, unerwartet gut. Doch die zweite Prüfung... Diese letzte Prüfung war der Grund, warum er nun hier saß. Hier, in der Toilette der Halle und heulte sich die Augen aus dem Kopf.

Ob er bestanden hatte oder nicht, wurde ihm noch nicht gesagt, doch wie sollte er bestanden haben? Alle drei Prüfungen waren wichtiger Bestandteil der kommenden Jahre, würde er angenommen werden. Doch er hatte einmal total versagt. Sein Traum war nichts weiter mehr als eine verkohlte Ruine, jenseits jeder Reparatur. Yūri krümmte sich auf dem Toilettendeckel zusammen, zog seine Beine nah an den Körper. Er versuchte sich zu beruhigen, doch es ging nicht. Jedes Mal, wenn sein Atem ein klein wenig ruhiger wurde, sah er vor seinem inneren Auge wieder seinen Traum zerplatzen. Warum musste ihm das passieren?

Mit bebenden Händen nahm er sein Handy aus der Hosentasche und wählte die Nummer seiner Eltern. Er erfuhr, dass sie alle aufgeregt auf seinen Anruf gewartet hatten. Seine Wegbegleiter und seine Lehrerin waren dort. Der Gedanke daran schnürte Yūri die Kehle zu. Er schluckte schwer. „Entschuldige... Ich habe versagt“, schaffte er es gerade noch zu sagen, bevor er erneut in Tränen ausbrach. Schnell beendete er das Telefonat und schlug die Hände vor seine Augen. Der Weinkrampf rüttelte seinen Körper durch, er bekam nur schlecht Luft. Doch ein plötzlicher, lauter Knall gegen die Tür der Kabine ließ ihn zusammenfahren. Er riss sich schnell zusammen, richtete seine Brille und mit einer Entschuldigung auf den Lippen, öffnete er die Kabinentür.

Vor ihm stand ein Junge, einige Jahre jünger als er, mit stechendem Blick. Yūri kannte ihn. Jeder in der Szene kannte dieses Nachwuchstalent. Es war Yuri Plisetsky. Im Rampenlicht genoss er den Ruf als junger Virtuose, doch hinter den Kulissen nannte man ihn einen verzogenen und jähzornigen Bengel. Was davon wahr war und was nicht, konnte Yūri bisher nicht einschätzen. Doch ihm wurde schlagartig klar, dass in den Gerüchten mehr als nur ein Funken Wahrheit steckte. Yuri hob seine Hand und zeigte mit dem Finger auf ihn. „Hey! Im Sommer gehöre ich zur ersten Stufe. Wir brauchen keine zwei Yuris. Du hast kein Talent, also verschone uns mit deinem Mist!“ Yūris Gehirn konnte die Worte noch nicht ganz erfassen, als er ihm schon „Idiot!“ ins Gesicht schrie und sich abwandte.

Erst als die Tür ins Schloss fiel, kam wieder Bewegung in Yūri. Doch vielleicht hatte er recht und er hatte wirklich kein Talent. Schnell wusch er sich das Gesicht und trocknete es mit Papierhandtüchern ab. Sollte er schon vor der Bekanntgabe gehen? Nein. Er entschloss sich, das Ganze nun bis zum bitteren Ende durchzuziehen. Gerade setzte er einen Fuß vor die Toilette, da ertönte die Durchsage, dass sich alle Prüflinge nach ihrer Prüfnummer bereit halten sollten. Yūri hatte die Nummer 58. Er war der letzte Prüfling gewesen. Es gab jährlich über 1.000 Bewerber, doch nur so eine Geringe Anzahl hatten es dieses Jahr zu der praktischen Prüfung geschafft. Durchschnittlich wurden in den letzten Jahren um die 30 Plätze vergeben. Doch er war sicher keiner davon.

Mit hängendem Kopf beobachtete er die glücklich oder auch traurigen Gesichter, wie sie nach und nach aus dem großen Saal kamen. Einige gingen sofort, manche blieben zurück, weil sie entweder auf einen Freund warteten oder sie mit ihrer Aufnahmebestätigung angeben wollten. Doch wer konnte es ihnen verübeln? Immerhin war es ein hartes Stück Arbeit, diesen Zettel zu ergattern. Als die Nummer 57 aufgerufen wurde, fuhr er vor Schreck zusammen. Hatte er geträumt oder ging es wirklich schnell? Er stand vor der großen Doppeltür und wartete. Als sich diese öffnete und eine tränenüberströmte junge Frau den Weg freigab, fürchtete er kurz, seine Beine würden ihren Dienst quittieren und er würde einfach bis in alle Ewigkeit dort stehen bleiben. Nicht fähig, sich auch nur einen Millimeter in irgendeine Richtung zu bewegen.

Entschlossen riss er sich aus der Schockstarre. Je schneller er hier fertig war, desto schneller konnte er nach Hause fliegen und dort seine Wunden lecken. Er dachte an das leckere Katsudon seiner Mutter. Noch bevor Yūri es realisiert hatte, stand er wieder vor der Jury. Die Jury war vom Feinsten. Nur Kenner der Szene. Er blickte sie nach einander an. Celestino Cialdini, der wohl zurzeit gefragteste Cellist der Welt. Yakov Feltsman, Dirigent des besten, klassischen Orchesters der Welt. Lilia Baranovskaya, weltweit renommierte Sopranistin. Kein Wunder, dass Yūri bei solchen Personen nervös wurde.

„Yūri Katsuki“, begann Celestino Cialdini. „Deine schriftliche Prüfung war fehlerfrei, aber dein Klavierspiel war miserabel.“ Er kratzte sich am Kopf, als sei er ratlos. Yakov Feltsman saß dort mit versteinerter Miene und Lilia Baranovskaya sah aus, als versuche sie mit bloßem Blick Löcher durch Yūris Körper zu bohren. „Ich denke, du warst ziemlich nervös. Wofür es keinen Grund gibt, denn dein Vortrag im Gesang war hervorragend. Also warum hast du dir gerade so ein schweres Klavierstück ausgesucht, wenn du technisch noch nicht bereit dafür warst?“ Yūri schluckte. Also Fragen zu diesem Thema gingen immer nur auf eine Antwort zurück. Diese Antwort war so simpel, dass er sie einfach nicht aussprechen konnte: Victor Nikiforov. Das erste Mal, als er einen Auftritt von ihm im Fernsehen gesehen hatte, war es wie eine Offenbarung gewesen. Seine langen, grazilen Finger waren über die weißen und schwarzen Tasten geglitten und die Töne, die er dem Instrument damit entlockte...

Aber Victor Nikiforov war nicht nur Pianist. Nein, natürlich konnte er auch noch eine Reihe weiterer Instrumente spielen. Über seine Accounts in den sozialen Medien hatte er bereits viele Aufnahmen mit diversen Streichinstrumenten oder sogar als Bariton gesehen. Und es gab Gerüchte, dass er von seinem Mentor eine Stradivari vermacht bekommen hat. Für manche mochte es falsch klingen, aber diese Person war der Grund dafür, warum Yūri auf diese Musikschule wollte. Die beste der ganzen Welt. Und Victor Nikiforov besuchte im nächsten Schuljahr die letzte Stufe. Den Abschluss hatte er aber im Prinzip in der Tasche.

Celestinos abwartender Blick brachte ihn wieder in die Gegenwart. „Ich... ähm...“, er kratzte sich den Nacken. „Ich hatte einen Blackout. Das Stück habe ich bereits einige Male fehlerfrei gespielt, warum ich einen solchen Aussetzer hatte, kann ich mir nicht erklären und ich schäme mich zutiefst dafür.“ Um seinen Worten noch einmal Ausdruck zu verleihen, verbeugte er sich vor den Juroren. „Ich bedauere, dass ich ihnen ihre Zeit geraubt habe“, setzte er noch selbstkritisch hinzu. „Hmm... höflich ist er zumindest“, knurrte Yakov und Celestino blickte seine beiden Mitjuroren an. „Das heißt, du kannst es besser?“, hakte er nach und Yūri nickte mit mehr Selbstvertrauen, als er verspürte. „Gut, dann lass uns unsere Entscheidung nicht bereuen. Du bist auf Bewährung aufgenommen. Erfüllst du den hier angegebenen Notenschnitt am Ende des Schuljahres, bist du auch für die restlichen Jahre dabei. Ansonsten musst du die Koffer packen.“

Yūris Augen wurden groß. „Ich weiß nicht, wie ich mich bei ihnen bedanken kann“, sagte er und verbeugte sich noch einmal. „Bedanke dich nicht bei uns, sondern bei deiner Stimme und deinem Fachwissen. Hättest du nur auf deine Fähigkeiten am Flügel gesetzt, wärst du gnadenlos gescheitert“, murrte Yakov, als Yūri die Aufnahmebestätigung abholte. Noch immer fassungslos verließ Yūri den Konzertsaal und schlussendlich auch die große Konzerthalle, doch er war sich sicher, das Gewicht eines mordlüsternen Blicks in seinem Rücken zu spüren.

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Victor schloss gerade alle Instrumente und Utensilien vom Unterricht im Schrank des Klassenzimmers ein. In der Klasse ging es Reihum, sodass jeder mal diese Aufgaben übernahm. Heute hatte er sich besonders viel Zeit gelassen. Sein Zimmergenosse Chris hatte heute noch einen Termin bei einem Lehrer und er mochte die Einsamkeit des Zimmers nicht. Ausgehen war unter der Woche nicht erlaubt und auch wenn sein Leben nur aus Üben bestand, war ihm heute einfach nicht danach. So Trist der Alltag unter der Woche war, am Wochenende hatten die in der 4. Stufe freie Hand und konnten machen, was sie wollten. Und da die Wohnheime nach Stufen getrennt waren, hatten sie jedes Wochenende Narrenfreiheit, solange sie nichts zerstörten.

Er seufzte, als er die letzte Violine fachmännisch verstaut hatte. Doch etwas ließ ihn inne halten. Ave Maria Vergin del ciel Sovrana di grazie e madre pia. Unweigerlich schloss Victor die Augen. Reglos stand er da, bis die Stimme verklungen war und gleichzeitig kam Bedauern darüber in Victor auf. "Erde an Volltrottel", erklang eine wohlbekannte Stimme in seinem Rücken. Victor blinzelte und legte dann den Kopf schief. "Was ist Yuri?", fragte er etwas mürrisch, da er so grob aus seinem Tagtraum gerissen wurde. „Ich habe gefragt, ob du weiter wie ein alter Opa da stehen willst und alten Opern zuhören willst. Wusste gar nicht, dass du so auf 'Ave Maria' stehst“, schnaubte er verächtlich. „Ich habe noch nie so eine klare Stimme gehört“, Victor war noch etwas benommen vor Fassungslosigkeit. Yuri hingegen blickte ihn nur verärgert-perplex an.

„Im Ernst, Yuri. Ich habe noch nie so ein klares Gelb in so einem Farbverlauf gesehen!“, Victor war zu ihm rüber gekommen und blickte aus dem Klassenzimmer den Flur hinaus. „Wer war das?“, fragte er. „Klares Gelb? Farbverlauf? Bei dir sind nicht mehr alle Tassen im Schrank! Bist du senil, oder was?“, langsam war die Verärgerung in Yuris Stimme nicht mehr zu ignorieren. „Wer hat da gesungen?“, wollte Victor noch einmal, aber energischer wissen. „Ach, dass ist der Loser aus unserer Stufe. Yūri Kazuke oder so. Der Typ ist aber nur ein Jahr dabei. Und jetzt beantworte mir meine Frage! Was redest du über beschissene Farben?“, Yūri nahm die Hände aus seiner Jackentasche und baute sich vor Victor auf. Zumindest soweit er das mit deutlich geringerer Körpergröße tun konnte. Victor legte verwundert den Kopf schief. „Nur ein Jahr? Warum?“ „Weil der ein Loser ist und das Zweitinstrument nicht richtig beherrscht. Deshalb. Ich sage jetzt nichts mehr, bis du mir meine verdammte Frage beantwortest!“

„Synästhesie“, erklärte eine Stimme hinter Yuri. Die Tonlage, die danach klang, als wäre damit alles gesagt, machte Yuri nur noch wütender. „Synes-was? Ist das eine Krankheit? Geht einem immer eine ab, wenn man Ave Maria hört?“, wollte er gereizt wissen. Victor legte einen Finger an die Unterlippe und grinste. „Bei so einem Gelb, vielleicht möglich“, doch da Yuri aussah, als würde er gleich irgendwen verprügeln, half ihm die Stimme hinter ihm auf die Sprünge. „Mein Zimmergefährte hier kann Töne sehen“, klärte ihn Chris nun auf. Yuri klappte der Mund auf, ungläubig schaute er wieder zu Victor, der nickte und reckte erklärend seinen Zeigefinger in die Luft . „Gelb steht für D, rot zum Beispiel für C. Wenn ich meine Augen schließe, habe ich die Farben vor Auge. Gerade beim Singen ist das Problem mit dem Vibrator, dass... sozusagen die Kanten der Farben in andere Farben überlaufen. Verstehst du, was ich versuche zu erklären?“, Victor lächelte mild. Yuri hingegen blickte ihn immer noch reglos an. Doch dann kam etwas Leben in den jungen Mann. „Ja... Nein. Also... Warum hast du das nicht erzählt?“

Victor zuckte mit den Achseln. „Die Meisten glauben mir es entweder nicht und halten mich für einen Lügner oder andere halten mich dann für so etwas wie einen Autisten. Halte von beidem nicht viel. Aber diesen Yūri... Den muss ich mir mal genauer anschauen. Du sagtest, du bist in seiner Klasse? Kannst du uns bekannt machen?“, er setzte seinen berüchtigten Dackelblick auf. „Nie im Leben!“, keifte Yuri nun und verschwand im Flur. Dabei ließ er Chris und Victor einfach stehen. „Meinst du, wir könnten es trotzdem in das Wohnheim der ersten Stufe schaffen?“, fragte Victor. „Ich meine, wir könnten ja Mentorentätigkeiten vorgeben, dass wir wissen wollen, wie die Neuen sich eingelebt haben.“ Doch Chris schüttelte den Kopf. „Cialdini wird deinen Mentor anrufen. Und der wird das nicht lustig finden.“ Victor seufzte. „Yakov schafft es immer wieder, mir einen Strich durch die Rechnung zu machen. Dann muss ich ihn eben in der Schule abfangen!“

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„Und wie schaut es bei dir aus?“, wollte Phichit wissen. Yūri blickte von seinem Notizblock auf. „Ich habe noch Einiges am Klavier aufzuholen, aber ich muss einfach üben“, er stand auf und packte seine Sachen weg, dann warf er sich die Schultasche um die Schulter und ging mit seinem Zimmergefährten aus dem Klassenraum. Hast du gehört, dass Yuri und Otabek Ärger bekommen haben, weil sie mit Otabeks Motorrad unterwegs waren? Manche tuscheln sogar, dass die beiden was miteinander hätten“, flüsterte ihm Phichit verschwörerisch zu. Doch Yūri zuckte nur mit den Achseln, da ihn Klatsch und Tratsch nicht sonderlich interessierten. „Ach ja, ich vergaß. Dich interessieren keine Bettgeschichten. Du bist ja victor-sexuell“, zog Phichit ihn auf, hatte er doch schnell davon Wind bekommen, wie sehr Yūri Victor anhimmelte. Doch dieser funkelte ihn nur böse an.

„Yūri Katsuki?“, ertönte eine Stimme hinter ihnen und Yūri blieb wie angewurzelt stehen. Er kannte diese Stimme. Er hatte sie noch nie in seinem Leben 'live' gehört, doch der Akzent und die Stimmlage war nicht zu verwechseln. Wie in Zeitlupe drehte er sich um und sah, wie tatsächlich jener Grund für seine Mühen auf ihn zukam. Und hatte er sogar seinen Namen gekannt? Unweigerlich glitt sein Blick über die schlanke, aber kraftvolle Form des Ausnahmetalents. Wie der Stoff der Hose die Oberschenkel umschloss und wie das Sakko des Anzuges offen hing und durch die Weste die perfekte Taille betont wurde. „Ja...?“, brachte er leise heraus. Konnte er ihm ins Gesicht gucken? Was würde dann passieren? Und warum, um alles in der Welt, kannte er seinen Namen? Yūri war doch ein Niemand! Ohne Talent!

Victor kam vor Yūri zum stehen. Überrascht stellte Yūri fest, dass der Andere ihn körperlich gar nicht so überragte, wie er vermutet hatte. „Du! Du hast gestern Ave Maria gesungen, oder? Nach dem Unterricht!“, klang da etwa Begeisterung mit? Nein, das bildete er sich nur ein. Vermutlich würde er nun einen Spruch kassieren, der seine ganze Welt einbrechen ließ. Gut, dass Yūri nur für ein Jahr an dieser Schule angenommen wurde. „Ja...“, gab er kleinlaut zu und ließ den Kopf hängen. „Das war großartig! Das war so wunderbar und klar gesungen! Ich möchte mehr davon hören! Bitte“, erst jetzt traute sich Yūri, Victor anzublicken. Seine eisblauen Augen strahlten vor Begeisterung. Konnte das wirklich sein?

„Ich... ähm... Tut mir leid, ich muss weiter Klavier üben“, presste Yūri hektisch hervor, drehte sich auf den Absatz um und verschwand. Was machte er da? Schlug er die Chance aus, Victor Nikiforov nahe zu kommen? Aber was würde Victor schon an ihm finden? Vielleicht konnte er ganz gut singen, aber mehr war da leider auch nicht. Jemand wie er war völlig uninteressant für ein musikalisches Wunderkind, wie es Victor war.



War das gerade wirklich passiert? Victor stand mit offenem Mund da und blickte auf den, sich entfernenden, Rücken von Yūri. Dann blickte er zu seinem Begleiter. Zumindest war er das bis eben noch gewesen, bevor Yūri ihn einfach hatte stehen lassen. Dieser lächelte entschuldigend und zuckte mit den Achseln. „Er ist ziemlich schüchtern und ist von deinem Talent begeistert. Ich denke, das war gerade zu viel für ihn.“ Victor nickte leicht. Ja, das machte durchaus Sinn. „Hast du einen Tipp für mich?“, wollte er wissen. Phichit lachte. „Ich würde sagen, einfach hartnäckig bleiben. Er übt heute im gleichen Raum wie gestern. B-26, meine ich.“ Damit drehte er um und verschwand ebenfalls.

Victor grinste. Hartnäckig bleiben, ja? Das konnte er besonders gut. Er setzte sich wieder in Bewegung. Wo die Räume in dieser Schule waren, hatte er mittlerweile verinnerlicht. Victor war eher von der vergesslichen Sorte, zumindest was Dinge anging, die ihn nicht ständig umgaben. Als er auf der Etage ankam, konnte er bereits die warmen, rhythmischen Töne eines Klaviers hören. Im Gehen schloss er die Augen. Rot verlief ins Dunkelrot, um ins Gelbe oder Blassgrüne überzugehen. Das plötzliche Aufblitzen von Pink brachte ihn kurz ins Stolpern, als er an der Tür war. Er öffnete sie beschwingt und Yūris Spiel verstummte sofort. Er sah ihn mit großen Augen an, während Victor einen Finger an seine Unterlippe legte und den Kopf etwas zur Seite beugte. „Wenn du vor der langsameren Stelle statt Gis ein G spielst, klingt es besser“, schlug er ihm vor und zog die Tür hinter sich zu.

Dann ging er um das Klavier herum und setzte sich auf einen Stuhl. Er beobachtete, wie Yūri mit zittrigen Fingern erneut ansetzte. Wieder schloss Victor die Augen und genoss das Farbenspiel. „Ja, viel besser“, nickte er zu sich selbst, als Yūri fertig war. „Jetzt muss nur noch deine Technik besser werden.“ „Das schaffe ich aber nicht bis zum Ende des Schuljahres“, gab Yūri mit hängendem Kopf zu. „Pah. Natürlich schaffst du das! Immerhin werde ich dein Mentor!“, Victor stand auf und lehnte sich an das Klavier, um Yūri ins Gesicht sehen zu können. „Häää?“, Yūris Augen waren groß und der Ausdruck verzerrte eher das sonst recht hübsche Gesicht, stellte Victor fest. Generell war Yūri nicht nur im Thema Gesang ein Leckerbissen. Doch das spielte für Victor erst einmal eine untergeordnete Rolle. Er wollte diese Stimme weiter hören. Und die beste Möglichkeit war, mit ihm zu üben.

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Erschöpft fiel Yūri ins Bett. Seit einigen Monaten hatte er nun schon Victor als Mentor und er verlangte ihm alles ab. Yūri hatte gehofft, dass zumindest in der Phase der Abschlussprüfungen von Victor die Intensität etwas abnahm. Aber die Rechnung hatte er ohne Victor gemacht. Doch das Engagement zahlte sich aus. Yūri war nicht nur besser als der Durchschnitt, der als Ziel für seine Verlängerung an der Schule ausgerufen worden war, er war sogar Klassenbester. Allerdings lieferte er sich da ein Duell mit Yuri Plisetsky. Immer wenn der andere einen Punkt liegen ließ, stieß der andere ihm vom Klassenthron. Doch er machte sich ein paar Sorgen um die Zeit nach Victor. Victor würde dieses Jahr abschließen und dann? Er sagte zwar immer, dass er bereits an einer Lösung arbeitete, aber wie sollte sie aussehen?

Von Phichit war noch nichts zu sehen, aber der junge Thailänder war dafür bekannt, abends noch einmal die neusten Gerüchte auszutauschen. Yūri vielen langsam die Augen zu, als sich die Tür öffnete. „Yūri! Da bist du ja wieder! Hast du schon gehört, angeblich soll Victor...!“, er wurde durch ein Klopfen an der Tür unterbrochen. Sofort öffnete sich diese und Celestino Cialdini schaute in das Zimmer der beiden. „Yūri? Könntest du bitte kurz kommen? Da ist jemand, der mit dir reden möchte.“ Verdutzt schauten die beiden Freunde sich an, bevor sich Yūri vom Bett aufstand, wenn auch nur sehr widerwillig. Celestino führte ihn an den Haupteingang. Vor der Tür stand... Victor.

„Victor? Was machst du hier?“ Als sich der Angesprochene zu Yūri umdrehte, strahlte er über beide Ohren. „Du solltest es als Erstes erfahren!“ Celestino schloss die Tür hinter Yūri und Victor kam ein paar Schritte näher. „Ich bleibe die nächsten drei Jahre als Aushilfslehrer an der Schule und bleibe so weiter dein Mentor!“, Victor strahlte, als hätte er gerade den wichtigsten Musikpreis der Welt gewonnen. „Und... deine Karriere?“, Yūri war platt und konnte keinen klaren Gedanken fassen. „Geht dann mit dir an meiner Seite erst so richtig los!“ „Was?“, Yūri riss die Augen auf. „Du singst, ich begleite dich! Wir rollen die Klassikwelt neu auf! Wir nehmen die Klassiker wie Nessun Dorma oder Caruso neu auf, arrangieren sie so, dass sie dir wie auf dem Leib geschnitten sind. Oh! Und natürlich Ave Maria. Oh mein Gott, ich würde töten um dein Ave Maria noch einmal zu hören! Aber du weigerst dich ja...“, der letzte Satz kam nur noch schmollend heraus, während der Rest mit einer überwältigenden Euphorie gesprochen war.

„Aber... werde ich überhaupt gefragt?“, Yūri versuchte es mit Humor, weil er einfach so perplex war. Victor Nikiforov, DER Victor Nikiforov wollte mit ihm zusammen Musik machen? Dauerhaft?! Das war zu viel für Yūri. „Du hast keinen Grund abzulehnen. Du schätzt mein Talent und ich schätze deines. Und du hättest nie das Selbstbewusstsein, mich zu fragen. Also mache ich das.“ Yūri musste leise lachen und schüttelte den Kopf. Konnte das wirklich so sein? War es wirklich am Ende so einfach? „Was fasziniert dich so an mir?“, die Frage hatte sich Yūri die ganzen Monate über nicht getraut zu fragen.

Victor runzelte die Stirn. „Du willst die schonungslose Wahrheit?“, hakte er nach und Yūri konnte nur nicken. Die Angst vor dem, was da kommen könnte, ließ seine Stimme versagen. „Dein Gelb! So schön strahlend und klar. Ich habe noch nie so ein Gelb gesehen! Das gesamte Farbenspiel, wenn du singst. Es ist wie eines dieser Festivals, wenn die Leute mit diesen Farbpuder um sich werfen. Nur sind die Kanten viel klarer und...“, Victor unterbrach sich selbst, als er den Blick in Yūris Gesicht sah. Augen geweitet, Mund offen. „Entschuldige, ich habe mich von meiner Euphorie treiben lassen“, er legte peinlich berührt die Hand über den Mund.

Yūri arbeitete daran, dass gehörte zu verstehen. Als alle Puzzleteile zusammengefügt waren, kam die Erkenntnis. „Synästhesie?“, fragte er leise. Victors Kopf ging mit einem Ruck hoch, die Hand fiel nach unten. „Du glaubst mir?“, fragte er erstaunt. Yūri zuckte mit den Achseln und lächelte. „Es würde, ehrlich gesagt, so Einiges erklären.“ Victor lachte erleichtert.

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Der Abschlussjahrgang stellte immer seine Werke aus der Abschlussprüfung in einem Konzert für die anderen Stufen vor. Außerdem durften die Schüler auch andere Projekte aus ihrer Schulzeit vorführen. Doch das Highlight des Abends war ganz eindeutig der Auftritt von Victor Nikiforov. Es hatte einen Aufschrei in der Schule ausgelöst, als es herauskam, dass er weder ein Stück für Klavier noch für die Violine als Abschlussarbeit komponiert hatte. Er hatte alle damit überrascht, ein Stück für einen männlichen Tenor zu schreiben und es dann auch noch selbst vorzutragen. In der Prüfung selbst hatte es Bestnoten erhalten und so waren nun alle gespannt darauf. Im Programmheft stand nur „Aria: Stammi vicino, Non te ne andare".

Als Yūri Victor während der Abschlussprüfung gefragt hatte, worum es in dem Text ginge, hatte Victor immer wieder verträumt gelächelt und gesagt: „Um das Beste, was mir bisher in meinem Leben passiert ist.“ Doch genauer wollte er es nicht ausführen. 'Bleib nah bei mir', war die Übersetzung und der Gedanke daran, dass Victor es für eine Geliebte geschrieben haben könnte, versetzte ihm einen eigenartigen Stich in der Brust. Sie waren sich in seinem ersten Schuljahr näher gekommen, als es sich Yūri nicht in seinen kühnsten Träumen hätte auszumalen gewagt hätte. Und doch hatten sie den größten Teil ihrer gemeinsamen Freizeit miteinander verbracht gehabt. Schlussendlich hatte es nicht dafür gereicht, dass Yūri Klassenbester geworden ist, aber er brauchte ja auch noch Ziele für die anderen Schuljahre.

Die Gespräche im Saal verstummten, als Victor in einem tiefroten Anzug auf die Bühne trat. Das Sakko hatte er, wie so oft offen, sodass die Weste über dem Hemd zur Geltung kam. Das Stück begann ohne viele Vorgeplänkel:

Sento una voce che piange lontano
Anche tu, sei stato forse abbandonato?

Orsù finisco presto questo calice di vino
e inizio a prepararmi
Adesso fa’ silenzio

Con una spada vorrei tagliare quelle gole che cantano d'amore
Vorrei serrare nel gelo le mani che scrivono quei versi d'ardente passione

Questa storia che senso non ha
Svanirà questa notte assieme alle stelle
Se potessi vederti dalla speranza nascerà l’eternità

Stammi vicino, non te ne andare
Ho paura di perderti

Le tue mani, le tue gambe,
le mie mani, le mie gambe,
e i battiti del cuore
si fondono tra loro

Partiamo insieme
Ora sono pronto


Der letzte Ton verstummte und der Applaus brach los. Victors Augen schien das Publikum abzusuchen, bis sie kurz bei Yūri hängen blieben. Er lächelte, verbeugte sich und verschwand.

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Es war viel passiert in den letzten Jahren. Der Abschluss von Victor kam Yūri noch vor wie gestern, während er selbst an seinem Prüfungswerk arbeitete. Er hatte das Lied selbstironisch 'Yūri on Ice' genannt. Bedeutete 'On Ice' ja auch so etwas, wie einen Plan auf Eis zu legen. Wenn er bedachte, wie oft er ins straucheln gekommen war, wie oft er hinwerfen wollte, fand er es doch irgendwie passend. Und ähnlich wie sein Mentor, wollte er alle überraschen, indem er nicht sang, sondern sein vermeintlich schlechteres Instrument auspackte. Doch da war er, dank Victors unermüdlichen Einsatzes, viel besser geworden.

Seit er an seinem Stück für den Abschluss schrieb, durfte er nicht mehr mit Victor alleine sein. Sie vermieden es generell, sich zu sehen, damit keine Gerüchte in Umlauf kamen, dass Victor ihm half. Außerdem teilte er sich nun ein Zimmer mit Yuri, den Victor mittlerweile Yurio nannte, damit sie nicht verwechselt worden. Mit seinem letzten Werk an dieser Schule hatte er es endlich geschafft: Er hatte Yurio vom Thron des Klassenbesten geschubst und ihn selbst erklommen. Sein Klavierstück wurde bei der Aufführung auf dem Abschiedsfest mit Standing Ovations bedacht. Victor schien kurzzeitig nicht zu wissen, ob er vor Freude weinen oder strahlen sollte. Alleine dieses Gefühlschaos in seinem Gesicht machte jede Mühe, die dieses Stück ihm gekostet hatte, wett. Beim Komponieren hatte er versucht sich vorzustellen, welche Farben Victor sehen würde und er hatte versucht, ein ganz besonderes Farbenspiel mit schwarzen Noten auf weißem Papier zu erschaffen.

Yūri hatte seinen Mentor in der Zeit seines Abschlusses sehr vermisst. Nicht nur als Mentor an sich, sondern auch als Vertrauten, als Freund. Er hatte das Gefühl, dass etwas zwischen ihnen passiert ist, doch war sich nicht sicher, wie Victor dazu stand. Doch sie hatten Pläne. Gemeinsame Pläne. Das Jahr war für sie beide das letzte Jahr an dieser Schule. Victor hatte ein gutes Angebot für ein Filmprojekt bekommen und nachdem Victor den Verantwortlichen ein paar Aufnahmen von Yūri vorgespielt hatte, wollten sie ihn unbedingt als Tenor dabei haben. Vor seiner Ausbildung an der Schule, hätte er sich das niemals getraut, doch nun... War er ein anderer Mensch. Nicht zuletzt durch Victor. Vor ihrem ersten großen Auftrag würden sie noch seine Familie in Japan besuchen. Yūri hatte Victor so viel von den heißen Quellen, dem Katsudon und allem drum herum erzählt, dass der es nicht mehr abwarten konnte. Einzig und alleine die Tatsache, dass Victor darauf bestanden hatte, seinen Hund mitzunehmen, den er nach seinem Schulabschluss von Russland nach Barcelona geholt hatte, hatte ihre Reise erschwert. Doch die Formalien waren nun endlich geklärt und es war nicht mehr lange hin.

„Yūri?“, fragte Victor leise in Yūris Ohr. Die Weise, wie er den Namen aussprach, bereitete ihm vielleicht sogar noch mehr Gänsehaut, als der heiße Atem an seinem Ohr. „Ja, Victor?“, er schluckte. „Du wolltest damals wissen, für wen ich Stammi Vicino geschrieben habe, nicht wahr? Es ist ein bisschen gemein, aber willst du es jetzt wissen?", seine Tonlage klang verspielt. Yūri nickte nur, er musste es wissen. Wer war die unbekannte Schönheit, die Victor immer an seiner Seite wissen wollte? „Für dich.“ Er küsste Yūri auf die Wange und begab sich im gleichen, tiefroten Anzug auf die Bühne, den er damals schon getragen hatte. Mit großen Augen blickte Yūri ihm nach. Nervös strich er seinen eigenen, dunkelblauen Anzug glatt, den er in gleicher Weise wie Victor trug. Die Musik setzte ein. Victors kraftvolle Stimme erklang.

Sento una voce che piange lontano
Anche tu, sei stato forse abbandonato?

Orsù finisca presto questo calice di vino
e inizio a prepararmi
Adesso fa’ silenzio


Festen Schrittes kam Yūri auf die Bühne, Victor streckte seine Hand nach ihm aus und sie beide setzten ein.

Stammi vicino, non te ne andare
Ho paura di perderti


Victor wandte sich zu Yūri. Le tue mani, Yūri wandte sich zu Victor le tue gambe,
Mit der freien Hand ergriff Victor nun auch noch die andere Hand von Yūri. Le mie mani, Und Yūri drückte lächelnd zu. le mie gambe,

Ihre Stimmen bildeten eine perfekte Einheit. Zu oft hatten sie es geprobt.
e i battiti del cuore
si fondono tra loro


Yūri löste eine Hand aus Victors Griff und strich über dessen Wange.
Partiamo insieme

Mit funkelnden Augen sang Victor den Schluss.
Ora sono pronto
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