Verborgen in vier Himmelsrichtungen

von lupe
GeschichteDrama, Freundschaft / P16
22.07.2017
04.09.2017
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Disclaimer: Mir gehören weder die Haupfiguren noch eine finanzielle Bereicherung an ihnen.



„Trivial oder banal, was glauben Sie?“
Genau so lautete die Frage, die mir Holmes aufgeweckt stellte, als das stattliche Polizeipräsidium in unserem Sichtfeld auftauchte.
Man hatte uns nach Whitehall Place beordert, um ein paar letzte bürokratische Angelegenheiten zu regeln, bevor die polizeiliche Untersuchung der Gebrüder Hamperson als abgeschlossen betrachtet werden konnte. Die Bande war kurz zuvor dingfest gemacht worden und meines Freundes detektivische Mitarbeit hatte nicht unerheblichen Anteil daran gehabt.
Jack, Ian und Sean lauteten die Namen, auf die die Geschwister dieses Clans gemeinhin hörten. Schwindelgeschichten über mehrere Register zogen sich durch die Schundseiten ihrer Biografien. Das ganze Spektrum, von nächtlichem Einbruch über gierigen Raub bis hin zu hinterhältigem Betrug.

Ich genoss es, neben der vertrauten Gestalt meines Freundes entlang zu schlendern. Noch viel mehr hätte ich es genossen, dabei einfach seinen Worten zu lauschen und hin und wieder eine Bemerkung fallen zu lassen. Kurz und ungezwungen.
Wir hatten uns seit dem Morgen nicht gesehen und für das Ende eines, zumindest für mich, arbeitsreichen Tages hier in der Nähe des Polizeihauptsitzes verabredet.
Den Gehweg, an dem entlang die Bäume aufgereiht in voller Blüte standen, immer geradeaus laufend, waren wir hergelangt. Ein laues Lüftchen wehte mir ihren frischen Geruch, der nach Stunden in stickigen Räumen mehr als willkommen war, in die Nase. Vom Winter übergebliebener Ruß in den Ritzen der Häuser wurde übertüncht von einer aromatischen Milde, die der frühe Abend übermittelte. Und eine milde Stimmung war auch dabei, Besitz von mir zu ergreifen.
Wäre mir bewusst gewesen, welch Epoche traurigen Schicksals folgen würde, ich hätte sie regelrecht aufgesogen und mir einen heimlichen Vorrat angelegt. Zu jenem Zeitpunkt, zu dem unser Gang noch von einer Leichtfüßigkeit an den Sohlen gekennzeichnet war, ahnte ich jedoch nicht, welch grauenvoller Herausforderung unserer allerletzten Kraft im Kampf gegen die Hamperson-Familie und im Gefecht mit uns selbst wir uns dadurch, dass wir ihren Lebensweg gekreuzt hatten, auf lange Sicht noch stellen würden müssten.

Macht unserer Gewohnheit allabendlicher Konversation, hatte ich mich darauf gefreut, zu erfahren, mit welchen Rätseln Holmes den Tag über konfrontiert gewesen war oder welcher geheimnisvolle Klient unsere Schwelle gekreuzt hatte. Was auf dasselbe herauskam.
Stattdessen sah ich mich nun vor der Herausforderung, den Sinn hinter seinen Worten mit dem ausklingenden Fall in Zusammenhang bringen und wohldurchdachte Rede und Antwort stehen zu müssen, während wir selbst stehenblieben. Eine Kutsche kreuzte die Straße, die wir zu überqueren gedachten.
Etwas überrumpelt von seiner Frage, drehte ich meinen Kopf und schaute Holmes an. Musterte ihn. Was ich im Glanz seiner quirlig ansteckenden Aura registrierte, war eine erwartungsfrohe Spannung über die Ungewissheit, welche Richtung ich dem Gespräch nun verleihen würde.
Das kleine Flackern, das ich gut kannte, lag heute in seiner dunklen Iris, welche die Strahlen der Abendsonne reflektierte und dadurch noch stärker leuchtete. Mitunter war das Spiel dieses filigranen Leuchtfeuers auch ein Spiel mit dem Feuer, wenn man keine zuverlässige Aussage darüber treffen konnte, ob er seine Fragen ernst meinte oder einen überhaupt ernst nahm.
Die Variablen seiner tiefsten Empfindungen waren lange dem Prinzip des Geheimnisses gefolgt, denn er hielt seine Gefühls- und Gedankenwelt vor der Umgebung gern verborgen. Nach allen möglichen Seiten machte er dicht und ließ niemanden hindurchschauen.
So hatte er es auch mit mir gemacht. Zuerst hatte ich das zur Kenntnis genommen und mich still gefragt, ob es irgendwann aufbrechen würde. Langfristig jedoch, konnten wir es gar nicht umgehen, auch wenn wir uns dazu entschlossen hätten. Mit jedem Mal, dass ich damit konfrontiert wurde, vielleicht bereit gewesen wäre, diese Sperre auszuhalten und doch gezwungen war, Präsenz zu zeigen und zu reagieren, gelang es uns weniger. Es dauerte Jahre und brach in zarten Nuancen auf. Allerhöchstens und ganz vorsichtig, da wo ich mich zeigte. Aber jeden Tag ein bisschen mehr.
Gegenwärtig signalisierte mir das verräterische Flackern, dass er mir mit seiner merkwürdigen Nachfrage, die sich auf unseren im Vorfeld geführten Dialog bezogen hatte, eine Stellungnahme abverlangte. Die Unterhaltung hatte das Herleiten seines Lösungsansatzes thematisiert, wovon die unmittelbare Festnahme der Hampersons die Folge gewesen war.
Und da ich in all meiner Bescheidenheit beteiligt gewesen war und meinem Freund viel über die Schulter geschaut und ein wenig unter die Arme gegriffen hatte, versuchte ich nun, während die Straße wieder unserem Weg freigegeben wurde, ehrlich empfundener Bewunderung angemessen Ausdruck zu verleihen, anstatt seiner leicht spöttischen Provokationshaltung Gegenwehr zu setzen.
War ich doch einer der Wenigen, die überhaupt um die genauen Umstände der Aufklärung wussten, die, wie so oft geschehen, durch die hohe Kunst von Holmes´ differenziertem Wahrnehmungsvermögen aller erdenklichen Kleinigkeiten eingeleitet worden war.

Dieser spezielle Fall hatte Zettelformate unterschiedlicher Größenordnungen zum Gegenstand gehabt, die ihn stutzig gemacht hatten. Relativ schnell und binnen der kurzen Zeit von achtundvierzig Stunden nachdem er von der Polizei kontaktiert worden war, konnte das geheime Vorhaben der drei Brüder von dem Ermittler auch schon durchschaut werden.
Zu einem von ihnen waren  wir an jenem Tag nach Hause gerufen worden, um dem Inspektor zu helfen, wo weitere Indizien zur geplanten Festnahme versagt geblieben waren.
Genau so klamm wie der Ort der Durchsuchung, sah eigentlich das ganze Hinterhaus aus, mit leichtem Schimmelbefall über dem Mauerwerk hinter dem Hof. Geschwungene Wendeltreppen mit dekorfeinen Handläufen suchte man hier vergeblich. In der spärlich eingerichteten Wohnung im East End gab es wenig an Mobiliar. Gerade mal eine alte Truhe, mit drei von vier fehlenden Beschlägen, einen Kübel unter einem Waschtisch und doch immerhin einer kleinen Schreibecke in dem kleineren der zwei dunklen Räume, waren vorhanden.
„Gemütlich“, murmelte ich spöttisch, durchschritt erst einen schmalen Flur und dann das Zimmer, um mich auf der anderen Seite niederzulassen und die detektivische Untersuchung nicht zu stören, beziehungsweise von dort aus zu beobachten und mit der Anfertigung einiger Notizen zu unterstützen.
„Sehr wohnlich“, pflichtete Holmes mir im selben Tonfall bei, bevor der Papierkorb unter dem wackeligen, von Holzwürmern zerfressenen Sekretär des dort wohnenden, ältesten Bruders durch die Anzahl und Größe der Papierschnipsel seine Aufmerksamkeit erregte. Das der Behälter an sich damit gefüllt war, wäre wohl auch jedem anderen Beobachter nicht entgangen. Aber Holmes´ zielgerichtete Untersuchung ergab eine kleine und leicht übersehbare Besonderheit: die Differenz der Blattformate. Während einige Schnipsel die übliche Größe aufwiesen, die man bei Zerreißen oder Zerknüllen eins herkömmlichen Briefbogens gängiger weise erzielt, gab es weitere, die um ein Vielfaches kleiner waren.
Mit Betätigung dieser Beobachtung schloss er letztendlich darauf, dass nur das Vorhaben, etwas Niedergeschriebenes verbergen zu wollen, dazu führen konnte, dass so winzige Schnipsel produziert wurden. Warum sonst sollte man sich die Mühe machen, so viele kleine Stücke zu fabrizieren? Mit dieser, etwas schnippisch vorgetragenen Frage, konfrontierte Holmes den Dienstältesten der anwesenden Polizeitruppe geradeheraus und gewann ihn damit sicherlich nicht zum Freund.
Aber das wollte er auch gar nicht. Und schon gar nicht wollte ich das, denn dieser Platz war belegt- und würde nicht geräumt werden!
Dann nutzte er die Gelegenheit, sämtlichen anwesenden Polizisten vom untersten bis zum höheren Rang besserwisserisch zu demonstrieren, wie man die Schnipsel seiner Meinung nach untersuchen müsse und verlor sich in seiner Vorliebe über die Deduktion derlei unscheinbarer Gegenstände.
Und er sollte richtig liegen. Nachdem wir alles zusammengesetzt hatten wie hunderte Puzzleteilchen, war eine Skizzierung eines in Kürze geplanten Raubüberfalls sichtbar und als Beweislast gegen die Hampersons geltend gemacht worden.

Er sah mich jetzt, da ich zunächst in Schweigen verharrte, während ich neben ihm herlief, mit einer Intensität an, als würde er jedes einzelne meiner Haare inspizieren. Zwar waren sie von etwas kürzerer Länge und hellerem Farbton als die seinen, dunkleren, jedoch meiner Meinung nach nicht der Rechtfertigung freigegeben, Objekt eines gesteigerten Interesses zu werden. Sein altbewährter Forscherdrang nach Andersartigem ließ zuerst vermuten, dass er jedes Haar sondiert betrachtete oder konzentriert abzählte, eher letzteres. Ich wurde mir allerdings schnell sicher, dass er in Wirklichkeit eine Antwort aus mir heraus zu zwingen oder von mir abzulesen versuchte.
Ich wusste darum, dass mein Freund -entgegen der landläufigen Meinung, ein wandelnder, verschlossener Logiker zu sein- durchaus empfänglich für Huldigung seiner Leistung war. Trotzdem er seinen Namen dafür nicht an die große Glocke hängte. Ich war auch gerne bereit, Holmes den Gefallen zu tun, ihm gebührend Beifall zu zollen, stellvertretend für alle, die sich nicht überwinden konnten oder seine Künste klein halten wollten. Auch wenn ich, offen gestanden, überzeugt davon war, dass er meinen guten Willen manchmal auskostete. Gravierend ausgedrückt kam es mir sogar so vor, als wären seine eingangs gesprochenen Worte in berechnender Absicht benutzt worden. Gewählt in dem Vorhaben, sich damit über den Horizont des Belanglosen zu erheben, anstatt, wie vorgegeben, ihm zu entsprechen und sein Können als trivial oder banal zu betiteln.
Er musste die Stille nicht auf andere Art unterbrechen, um zu untermalen, wie wichtig es ihm war, meine Ansicht dargelegt zu bekommen. Denn ich wies ihn aus eigenem Impuls heraus zurecht:
„Ich kenne doch Ihr Faible, mir genau das zu entlocken, was Sie hören wollen!“
„Also, werden Sie mir den Gefallen tun?“, stieg er blitzschnell darauf ein und nahm die erste Treppenstufe des Scotland Yard.
Wenn ich ein vorbeilaufender Passant gewesen wäre, der uns beobachtete, hätte ich geschworen, dass sein Erscheinungsbild -und vor allem seine Gesichtszüge- mir gegenüber während dieser Fragestellung alles ausstrahlten, was unschuldsvoll und ahnungslos war.
Da uns aber eine innige Verbundenheit trug und ich sein engster Begleiter war, wusste ich, das stimmte nicht ganz mit der Realität überein. Warum sollte er sich auch damit zufriedengeben, verschmitzt zu gucken und auf meine Anerkennung zu verzichten? Wo er mich gut genug kannte, um sich darauf zu verlassen, dass sie meiner Überzeugung entstammte.
Wir waren schon vielen Frauen und Männern begegnet, aus denen das Gegenteil gesprochen hatte. So war, wie sich in Kürze zeigen sollte, auch der Hüter des Gesetzes, personifiziert als Inspektor Lestrade, gerne bereit, die Hilfe des Privatermittlers anzunehmen. Vor allem, solange er sich entziehen konnte, die beanspruchte Leistung öffentlich zu würdigen.
„Spaß beiseite, Holmes…“, sagte ich auf dem obersten Absatz, „…Sie wollen doch nicht zum Ausdruck bringen, dass die Verfahrensweise der Auflösung in Ihren Augen unbedeutend war? Und konfrontieren mich damit, um es durch die Abgrenzung zur Inhaltslosigkeit herauszustellen? Also, mein Teuerster, bei aller Bescheidenheit, ganz so irrelevant war Ihr Anteil an der Aufklärung der ganzen Affäre bestimmt nicht.“
Er zuckte die Schultern und es machte nicht den Anschein, dass er es dabei belassen würde.
„Ja, da mögen Sie recht haben. Ich sehe nun mal Dinge, die den Leuten vom Yard gerne verborgen bleiben. Deshalb bin ich auch nicht so blind, mich darauf zu verlassen, dass die Auflösung eines Rätsels keine neuen Rätsel mit sich bringt.“
Er blieb kurz stehen und drehte sich mir bedeutungsschwer zu. Einen Augenblick lang versank ich in seiner Schuldentlastung suchenden Mimik, die still darum flehte, Abbitte für etwas leisten zu dürfen, was die Natur so eingerichtet hatte.
„Das klingt ja, als wären Sie noch immer nicht zufriedengestellt“, erwiderte ich schließlich und in seltsamer Weise sogar ein wenig betroffen von seinem Ausdruck.
„Mein lieber Watson, es geht nicht darum, was mich zufriedenstellt. Sondern darum, ob es schlüssige Beweise bis zum Ende durchhalten“, korrigierte er mich und ich hätte schwören können, dass er die Nase kraus zog. Kaum merklich, aber doch etwas.
„Und, können sie es?“, hakte ich nach.
„Intelligente Frage! Da drinnen…“, und sein Zeigefinger streckte sich zu dem Polizeigebäude empor, „…gibt es einige Leute, die noch von Ihnen und Ihrer Achtsamkeit lernen können, mein lieber Doktor! Ob die Beweise standhalten? Für´ s erste vielleicht. Aber ich werde nicht auch den Fehler begehen, mich darauf auszuruhen und wenn ich alleine gegen den Wind laufen muss.“
Ein wenig Mitgefühl für seine einsame Lage wurde freigelegt und rüttelte an meinem Gewissen. Die Ankündigung hatte sich eindeutig auf die Arbeitsweise der öffentlichen Gesetzeshüter bezogen und wurde noch weiter ergänzt. Zunächst rempelte er mich aber leicht mit der Schulter an, um mir dann verschwörerisch, als würde uns der ganze Yard bei unserer Unterredung belauschen, zuzuraunen: „Sie hätten nach der Verhaftung dableiben sollen, Watson. Dann hätte ich wenigstens ein verständnisvolles Gegenüber gehabt. Der Inspektor hatte so seine Probleme, meine Thesen zu akzeptieren.“
„Entschuldigung, das konnte ich nicht. Aber ich kann an Ihrer Seite bleiben, bis alles geklärt ist“, sagte ich und meinte es auch. Und doch wusste ich nicht, auf welch unbarmherzig grausame Art genau dieser Satz noch sein Recht fordern würde.
„Das kann sich hinziehen. Fast schon zu reibungslos ging mir der Ablauf der Aufdeckung der verbrüderten Schandtäter von statten, als das die Episode, ohne mein Misstrauen zu erregen, als abgeschlossen betrachtet werden könnte.“
Wie richtig er doch damit liegen sollte, dachte ich später, wenn ich mir die dann folgenden Ereignisse wieder ins Gedächtnis rief. Und dabei jedes Mal aufs Neue versuchte, den Kloß im Hals herunterzuwürgen.

Während wir nun einen der Zwischeneingänge im Scotland Yard passierten, setzte Holmes in einem ganz und gar aus dem Zusammenhang fallenden Satz, wieder zu sprechen an.
„Die Antwortet lautet nein!“
Seine Worte riefen Erstaunen in mir hervor und so brachte ich mein Erstaunen umgehend zum Ausdruck.
„Wie meinen?“
„Die Antwort auf die Frage, die soeben Gestalt in Ihrem Hirn angenommen hat. Es war ein Kinderspiel für mich, sie zu registrieren, also kann ich sie ebenso gut gleich beantworten. Das spart uns kostbare Zeit einer überflüssigen Diskussion.“
Er sagte das in einer Art und Weise, dass ich das Gefühl bekam, er würde einfach durch mich hindurchsehen, da ich ihm zuvor keinerlei Fragen gestellt hatte, auf die er sich hätte beziehen können.
„Hat sich jetzt zu Ihren deduktiven Kompetenzen auch noch die der Hellseherei gesellt?“, stichelte ich.
Zu gerne wollte ich erfahren, woher er überhaupt wissen konnte, worüber ich nachgesonnen hatte und desweiteren, ob er damit im Recht lag. Denn seine vorwitzige Antwort traf haargenau auf meine Überlegungen zu, die ich eben angestellt hatte. Ich nahm an, er würde gleich mit einer völlig simplen Erklärung aufwarten und erneut die Kunst dahinter absichtlich herab spielen, damit ich sie emporhob, deswegen zügelte ich meine Ungeduld vor ihm.
„Hatte ich denn recht?“, beantwortete er meine Frage stattdessen einfach mit einer Gegenfrage und wies mich an, vorzugehen.
„Womit?“, fragte ich ihn, während ich mich zurückdrehte. Die Beleuchtung auf dem Revier ließ zu wünschen übrig, aber ich registrierte dennoch, wie er ungeduldig seufzte. Dann ließ er sich auf mein Denktempo herab und ratterte seine Darlegung in einer Art leierndem Singsang herunter.
„Sie sehnen Erholung für uns herbei und sinnen darüber nach, wie Sie mir entlocken, dass ich mich dem Müßiggang füge. Sie sind am Zug!“
Nachdem ich seiner Aussage verdutzt gelauscht hatte, sah ich ihm streng ins Gesicht.
„Ganz geheuer ist mir Ihr Mimik lesen nicht.“
„Also Watson, hatte ich?“
Da! Er war sich also selbst nicht sicher.
„Zuerst verraten Sie mir, was mich verraten hat!“
„Also ja, ich hatte recht!“, schnalzte er siegessicher mit der Zunge. „Und nein, die Antwort lautet immer noch nein! Ach Watson, immer diese Untätigkeitsphasen auszukosten, liegt nicht im Interesse meiner Person. Nicht nach Abschluss dieses Falles und auch nicht vor Beginn des nächsten.“
So schnell wollte ich nicht klein beigeben und versuchte angestrengt, mich zu behaupten.
„Das herauszulesen war doch wahrlich kein Kunststück“, hörte ich mich zischen. Allmählich wurde mir sein ständiges Herunterspielen zu viel. Möglicherweise war es auch die Erkenntnis, dass mein eigenes Kontra, das sich permanent und allerorts mit seinem verknüpfte, darauf ansprang, was er von sich gab, anstatt es hinzunehmen, ihn einfach machen zu lassen und ohne Wertung zu registrieren, welche Wege er einschlug.
„Schon gut, schon gut, das war kein Heldenschlag. Diesmal sollen Sie recht bekommen.“ Er klopfte mir auf den Arm, als hätte ich Großes vollbracht. „Weil Sie einfach ständig versuchen, mich zu Rast und Ruhe zu überreden. Wie sollte ich es Ihnen gleichtun und die Füße wie Sie in den frischbesohlten Schuhen hochlegen? Aus diesem Holz bin ich einfach nicht geschnitzt.“
Nun, das war mir  leidlich bekannt. Und weil ich diesen Umstand mehr als einmal hörbar bedauert hatte, wurde ich nun mit einem Schmunzeln entlohnt, dem ich wohl eine reuevolle Geste darüber abgewinnen sollte.
„Empfinden Sie es denn nicht als Befreiung, einen Fall zum Abschluss gebracht zu haben? Und das Bedürfnis, die Energiereserven danach neu zu füllen?“, fragte ich entsprechend meines ewigen Versuchs, ihn genau davon zu überzeugen und ließ meine Hände in die Taschen gleiten.
In meiner Vorstellung sah ich uns schon weit weg von der Hektik der lärmenden Großstadt mit ihren vollgestopften Winkeln, aus denen an jeder zweiten Ecke beißende Dünste quollen. Ländliche Ruhe mit malerischen Dörfern, weit verteilt wie Punkte auf der Landkarte. Alternativ täte es auch das Rauschen der tosenden Meeresböschung und ihr klatschendes Unterbrechen an steilen Klippen, das uns allabendlich in einen langen Schlaf wiegen würde, der bis zur Mittagsstunde währte.
„Ganz und gar nicht.“ Holmes war nicht zu solchen Assoziationen aufgelegt, er seufzte. „Die Befreiung ist ein Opfer der Unbeständigkeit, sie ist nämlich von kurzer Dauer“, kam die ernüchternde Antwort und mir schien, es lag durchaus ein wenig Wehmut in ihr.
„Dann sollte man sie umso intensiver auskosten.“
„Ach, mein Freund…, „antwortete er, etwas zu getragen für meinen Geschmack. „das sagen Sie doch nur, weil es Ihren eigenen Bedürfnissen entspricht.“
Das tat es mit Sicherheit und einzig aus diesem Grund wurde ich auch noch einmal vom Ehrgeiz gepackt, ihn doch von einer erholungstankenden Pause zu überzeugen.
„Denken Sie darüber nach, Holmes! Eine kleine Sommerfrische in nächster Zeit würde uns unser beider Drahtigkeit schon nicht abspenstig machen und bringt einen doch auf andere, weniger schwermütige Gedanken. Etwa so, als würde man an so einem milden Tag wie heute befreiend die Übergarderobe abwerfen und zu Hause zurücklassen.“
„Nein, nein so dürfen Sie das in meinem Fall nicht sehen, auch wenn Sie selbst dazu neigen, schließen Sie nicht unbedacht von sich auf andere!“
„Was Sie natürlich niemals tun würden…“
„Das brauche ich nicht. Ich kann in jeder Person für sich genommen lesen“, sagte er abschließend und hinterließ in mir ein unangenehmes Gefühl, das ich bald in Zusammenhang mit anderen stellen würde. So wahr er auch gesprochen hatte, so stark war leider doch der altbekannte Eindruck entstanden, eine überhebliche Selbstgefälligkeit hinter seiner Wortwahl herausgehört zu haben.
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