Sterne über Cartanica

OneshotFreundschaft, Schmerz/Trost / P12
Gladiolus Amicitia Ignis Scientia Prompto Argentum
19.07.2017
19.07.2017
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Er hatte es gewusst. Es war die dümmste Idee und gleichzeitig die dümmste Entscheidung, die er je in seinem Leben getroffen hatte. Er war sich nicht mal sicher gewesen, ob es überhaupt funktionieren würde. Gladio hatte ihn davon abhalten wollen, da war er schon auf und davon. Unbeabsichtigt. Ignis hat noch irgendwas gerufen. Dann hatte er zu seinem besten Freund gesagt, dass er einfach runterspringen soll. Von hoch oben.

Er hatte sich keine Sorgen gemacht. Nicht um Noctis. Der hätte sich selbst retten können, wenn es nicht geklappt hätte. Aber er selbst? Alles oder nichts, hatte er sich gesagt. Jetzt oder nie.

Immerhin war er nah genug an Leviathan rangekommen. Nah genug, um dafür zu sorgen, dass es wert hatte, seine Angst zu überwinden. Angst vor der Höhe. Angst vor dem Fallen. Angst davor zu sterben.

Prompto fuhr erschrocken zusammen. Sein Herz raste, schlug ihm so sehr gegen die Brust, dass es weh tat und das Gefühl, nicht atmen zu können, umgriff ihn, als würde Ramuh selbst ihn packen und zerquetschen wollen. Zitternd legte er sich die Hand auf seine nackte Brust und blinzelte, starrte angestrengt an die Decke des Schlafwagens, in dem er sich befand.

Seit Altissia hatte er Albträume. Schlimmer noch als die, die ihn seit dem Fall Insomnias plagten. Sie sorgten dafür, dass seine Bettdecke noch mehr an ihm klebte und er meistens sogar nackt schlief. In Altissia hatte er seine Klamotten noch mal waschen können, jetzt war es nicht mehr ganz so einfach. Bei jedem Stopp den Waggon mit der Regalia öffnen zu lassen, war auch nicht sein Plan. Gladio würde die Krise kriegen. Ob Noctis was sagen würde, wusste er nicht. Prompto seufzte und fuhr sich über die schweißnasse Stirn. Ignis würde ihn vielleicht belehren. Oder ihn einfach machen lassen. Der Schütze drehte sich auf die Seite und blickte vorsichtig über die Kante seines Bettes.

Der Schlafwagen war alles andere als groß. Zwei Doppelstockbetten und gerade mal genug Platz, dass zwei Leute stehen konnten, ohne sich im Weg zu sein. Noctis schlief oben, gegenüber von ihm. Gladio unter dem Prinzen und Ignis…

Wo ist Iggy?, fragte er sich und befreite sich von der Bettdecke. Müde griff er nach seinen Klamotten, die er alle ordentlich am Fußende zusammengelegt hatte. Die Bettdecke nutzte er, um sich wenigstens noch ein bisschen abzutrocknen, bevor er seine Sachen anzog und so leise wie möglich runterkletterte. Er hielt inne und sah zu seinem besten Freund hoch. Er lag mit dem Rücken zu ihm und schnaufte leise. Wenigstens er konnte schlafen.

»Hey«, murmelte er leise, als er den stummen Blick Gladios bemerkte. Das schwache Licht, das in den Wagen drang, machte es ihm gerade so möglich, die kurze Bewegung im Gesicht des königlichen Schilds zu sehen. Prompto lächelte kurz und deutete mit dem Daumen hinter sich: »Brauchst du was?«

Der Ältere rückte etwas hoch, achtete darauf, nicht mit dem Kopf gegen das obere Bett zu stoßen und wedelte, in einer für ihn ungewöhnlichen Geste, mit der Hand. Prompto verringerte die Distanz mit einem lautlosen Schritt und setzte sich auf die Kante der harten Matratze.

Er hatte nie wirklich die Chance gehabt Gladios Tattoo so genau zu betrachten, auch wenn die Laternen doch recht spärlich aufgestellt waren. Prompto war sich immer noch ziemlich sicher, dass es eine einzige Tortur war, aber demnach was Ignis ihm erklärt hatte, müsse das ausnahmslos jeder Amicitia, der zum königlichen Schild wurde, über sich ergehen lassen. Der Berater hatte ihm schon so viel erklärt, aber Prompto hatte immer noch das Gefühl eigentlich gar nichts zu wissen.

Etwas unbeholfen legte er seine Arme um den muskulösen Körper und bettete sein Kinn auf der nackten Schulter. Gladio reagierte nicht, aber Prompto fand es okay. Er hatte es nicht erwartet. Schließlich war nicht er derjenige, der gerade Trost brauchte oder gar wollte. Der große Typ, den er nur zu gerne Behemoth nannte, brauchte das. Selten. Stumm. Nie drüber geredet. Aber der Schütze wusste es. Er sah, wenn jemand mehr brauchte, als nur ein aufmunterndes lächeln. Er schnaubte leise. Von Aufmunterung konnte man kaum mehr sprechen.

Prompto ließ nach einer schier endlosen Weile los. Er würde nie ein Wort darüber verlieren. Niemals würde er irgendwem sagen, dass der königliche Schild so verletzlich war wie ein Kujata-Kalb. Das hatte er ihm versprochen, als sie davon hörten, dass Regis gefallen war. Denn mit ihm und an seiner Seite war Gladios Vater gestorben. Clarus Amicitia.

Prompto hatte schon immer Respekt vor ihm gehabt, doch zu wissen, dass er selbst in dieser aussichtslosen Situation an der Seite von Nocts Vater geblieben ist, bewies mehr, als nur Schild des Königs zu sein. Freundschaft. Stolz. Charakterstärke.

Der Schütze hatte sich damals einfach wortlos neben Gladio gesetzt und seine Schokoreiswaffeln mit ihm geteilt. Dann hatte er ihn ganze zwei Sekunden umarmt. Der Behemoth sollte wissen, dass er da war. Sie alle. Auch Iggy und Noctis. Wenn er wollte, würde er selbst reden, das war für Prompto vorher schon klar gewesen.

Mit einem Lächeln verließ er den Schlafwagen und trat an die kühle Nachtluft. Niflheim. Succarpe. Cartanica. Das Lächeln verschwand und er griff sich unsicher ans rechte Handgelenk. Kopfschüttelnd richtete er den Blick den Bahnsteig entlang. Er brauchte keinen Trost. Nicht dafür. Das war nichts, wofür er so etwas verdient hätte.

Jeder brauchte das, nur er nicht. Obwohl er fand, dass Trost momentan genauso wie Aufmunterung relativ war. Tröste jemanden, der seine Familie verloren hat. Tröste jemanden, der eigentlich zu stolz dafür ist, dachte er und sah in die andere Richtung des Bahnsteigs. Tröste jemanden, der jetzt blind ist. Unsicheren Schrittes bewegte er sich auf die schmale Figur zu, die am Geländer stand.

Ignis bemerkte ihn schon, bevor er überhaupt in Reichweite war. Dennoch ließ er den Kopf im Nacken, den Blick gen Himmel gerichtet. Er hörte, wie Prompto sich neben ihn ans Geländer lehnte.

»Schön, nicht wahr?«, fragte Ignis in einem sanften Ton und drehte sich nun doch zu dem Schützen, der mit einem schmerzlichen Blick auf die geschlossenen Augen seines Freundes sah. »Kannst du nicht schlafen?«

»Kannst du?«, gab Prompto zurück und verzog den Mund. Ignis beantwortete die Frage nur mit einem seichten Lächeln. Der Schütze strich sich eine blonde Strähne aus dem Gesicht und stützte sich erschöpft auf dem Geländer ab. Er konnte das. Er konnte alle beisammen halten. Stück für Stück wieder zusammensetzen. Es würde nicht so werden wie früher, aber Mosaik konnte auch etwas Schönes sein. Wehmütig richtete er den Blick gen Himmel.

Das Sternenzelt blitzte und leuchtete über ihm. So fern und unantastbar, dennoch zum Greifen nahe. Eigentlich wollte er nicht fragen. Jede Frage, die er hier und jetzt stellen würde, wäre dämlich, aber irgendwas musste er tun. Um sich von seinen Träumen abzulenken. Um dafür zu sorgen, dass sie ihr Ziel erreichten. Gemeinsam. Er seufzte und drehte sich wieder zu Ignis: »Was machst du hier draußen?«

»Ich sehe mir die Sterne an.«

Prompto schwieg. Lange. Er hatte gewusst, dass er einfach seine Klappe hätte halten sollen. Er wusste, dass Ignis seine Antwort ernst meinte. Er sah die Sterne. Immer und zu jeder Zeit. Doch seine Antwort krallte sich in der Brust des Schützen fest und raubte ihm die Luft zum Atmen. Ihm wurde schwindelig und er musste sich am Geländer festhalten, um einen möglichen Zusammenbruch im Voraus schon weniger schmerzhaft enden zu lassen.

Er zuckte, als er die Hand des Beraters auf seiner spürte. Sie rutschte hoch auf seine Schulter und dann war da wieder dieses warme Lächeln. Ohne die aufmerksamen grünen Augen. Nur das Lächeln. »Komm, wir setzen uns.«

Prompto war für jedes einzelne Worte und jeden Schritt, den er nicht alleine gehen musste, dankbar. Er ließ sich auf einer der Steinbänke auf dem Bahnsteig nieder. Ignis nahm neben ihm Platz, lehnte den dunklen Mahagoniestock neben sich an die Kante und seufzte leise.

Seine Bewegung war entschlossen, etwas ruckartig. Er drehte sich zu Prompto und nahm die Brille mit den getönten Gläsern ab, die seine Narbe etwas verdeckte. Ignis griff ins Leere, bis er Promptos Arm gefunden hatte. Er drehte den Kopf und öffnete sein rechtes Auge einen Spalt breit. Er bemerkte die Anspannung unter seiner Hand sofort, war sich somit sicher, dass sein Blick den von Prompto kreuzte. Er atmete langsam ein und ein ernster Ausdruck lag in seinem Gesicht, als er fragte: »Was siehst du?«

»Dich?«, fragte Prompto überfordert. Er konnte seinen Blick von dem milchigen Auge und der Narbe über dem anderen einfach nicht abwenden. Es war da, er sah es, er hatte es direkt vor sich und doch konnte er es immer noch nicht glauben. Er wollte es nicht glauben. Prompto wollte nicht, dass das alles hier die Realität war.

»Eben«, kam die Antwort und Ignis schob sich die Brille wieder auf die Nase. »Ich bin immer noch ich. Sagst du mir wo das Brandherz ist? Ifrits Stern.«

»Uh…« Prompto biss sich auf die Unterlippe, um ein Schluchzen zu unterdrücken. Ich hab versagt… Ich kam nicht her, um zu heulen… Suchend blickte er in den Himmel. Den deutlich rot schimmernden Fleck hatte er schnell gefunden. Er seufzte leise und so sehr er es auch versuchte, er konnte das Zittern in seiner Stimme nicht unterdrücken: »Wie soll ich dir das denn erklären…«

»Nimm meine Hand und zeig in die Richtung.« Ignis hielt seine Hand mit ausgestrecktem Zeigefinger hoch. Unsicher blickte Prompto auf die Narbe, die sich über den Handrücken zog, bevor er mit fahrigen Fingern die Hand des Blinden nahm und anhob, bis sie auf den magmaartig glühenden Stern ausgerichtet war.

»Dort, über den Bergen«, erklärte Prompto leise und ließ Iggys Hand los, um sich Tränen aus dem Gesicht zu wischen. Er wusste ganz genau, worauf das hinauslief.

»Dann ist dort Shivas Frostbiss«, murmelte Ignis nachdenklich und deutete auf eine in hellem Blau leuchtende rissige Ausdehnung am Nachthimmel. Prompto folgte neugierig dem, worauf Ignis zeigte. »Davon ausgehend Leviathans Flutmeer…« Er richtete seinen Finger auf eine Ansammlung von Sternen, die mehr Farbtöne beherbergte, als dem Schützen vorher aufgefallen war. »Und der Donnerriss müsste direkt über uns sein.«

»Ist er.« Prompto sah erst zu Ignis, der den Blick zum Himmelszelt gerichtet hatte und sah dann selbst zu der Verästelung, die sich aus hellen rosatönen formte. Er erinnerte sich nur zu gerne daran, wie Ignis ihm mitten in der Nacht von den Sternen erzählte, wenn er nicht schlafen konnte. Nur irgendwie waren sie da nie so deutlich gewesen. Seufzend legte er den Kopf schief: »Die Radiantenscheibe ist-«

»Nicht sichtbar«, beendete Ignis den Satz. »Dafür ist es schon zu spät. Zumindest dachte ich mir, dass der Tag schon vorangeschritten ist, wenn du hier draußen bist.«

»Kurz vor sechs«, murmelte Prompto, nachdem er einen Blick auf sein Smartphone geworden hatte. Eine Sache fehlte noch. Zeitgleich mit Ignis drehte er sich um.

»Bahamuts Silberschuppe«, kam ihnen gleichzeitig über die Lippen und sorgte dafür, dass sie auch beide lächelten.

»Hast dir ja alles gemerkt«, sagte Ignis und nickte. Erneut tastete er nach dem Jüngeren; fand dieses Mal direkt den Arm und drehte ihn dann an den Schultern zu sich. Sorgsam strich er über die nassen Wangen und lächelte wieder: »Gibt es etwas, das du loswerden möchtest?«

»Ja«, schoss es sofort aus dem Schützen. Der unsichere Griff an sein Handgelenk folgte. Er wollte doch nicht derjenige sein, der getröstet werden muss.»Ich… Aber ich kann nicht. Nicht jetzt. Das… äh… wäre… suboptimal.«

»Suboptimal?« Ignis musste ein Lachen unterdrücken. Bei Prompto waren solche Ausdrücke einfach Gold wert. Er war eher Beschreibungen wie „dingsens“ gewohnt. Lächelnd legte er seinen Arm um den Jüngeren und zog ihn zu sich. »Egal, was es ist. Ich verurteile dich nicht.«

Das solltest du aber… Ihr alle solltet das…, dachte Prompto. Er wollte fliehen. Fliehen vor der Wahrheit. Fliehen vor dem Ort, auf den sie mit viel zu großem Tempo zuhielten. Gleichzeitig aber wollte er auf seine Freunde vertrauen. Darauf vertrauen, dass er nicht nur ein lästiges Anhängsel war. Er wollte mit voller Sicherheit glauben können, dass er dazugehörte.

Er wollte nur einfach nicht weiterfahren. Sein Gefühl sagte ihm, dass das nicht gut ausgehen würde.

Müde sah er zu den Sternen auf.

»Iggy?«

»Ja, Prompto?«

»Danke.«
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