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Die Raubkatze der Nacht

GeschichteSchmerz/Trost, Liebesgeschichte / P16 / Gen
OC (Own Character) Prosper Scipio Wespe
19.07.2017
22.08.2017
5
8.156
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22.08.2017 2.460
 
Am Stella angekommen, hämmerte Prosper ungeduldig das Klopfzeichen an die Tür um Wespe zu versichern, dass sie es waren und sie sie hereinlassen sollte. Wenn weder Scipio noch Prosper zuhause waren, ließen sie Wespe immer von innen absperren. Innerhalb einer Minute war das schwarzhaarige Mädchen an der Tür und öffnete einen Spalt breit.

Ihre Augen trafen Prospers. „Lass uns rein. Sie ist verletzt…“

Wespes Augen wanderten an Prosper vorbei und sie sah Scipio hinter ihm mit einer leblosen Person in den Armen. Sie entsperrte auch die letzte Sicherung und ließ die beiden Jungen schnell eintreten. Sie sperrte die Tür wieder ab und lief ohne weitere Fragen zu stellen zu ihrem Medizin- und Verbandskasten.

Prosper half Scipio das verletzte Mädchen auf eine der Matratzen zu legen. Wespe kam mit dem Verbandskasten zurück und kniete sich neben Jana. „Was ist passiert?“ fragte sie leise um nicht auch noch die anderen aufzuwecken. Ihr Blick sprang zwischen Prosper und Scipio hin und her. Als Scipio kein Wort herausbrachte, begann Prosper zu erklären was auf der Piazza de San Marco vorgefallen war.  Er zeigte Wespe Janas angeschwollenen Knöchel.

Wespe tastete ihn vorsichtig ab. „Sie ist ganz kalt.“ stellte sie erschrocken fest. „Scip! Hol mir ein Kissen und ein paar Decken aus der Truhe dort!“ befahl sie dem Herrn der Diebe, der ihr auch sofort gehorchte und aufsprang. Wespe wendete sich wieder Jana zu. „Wenn der Köchel gebrochen ist, haben wir ein Problem. Da kann ich nichts tun…“ Sie kramte in dem Verbandskasten und zog seine Salbe heraus. Vorsichtig strich sie das abschwellende Schmerzgel auf die geschundene Stelle und verband sie anschließend notdürftig mit dem was sie zur Verfügung hatte.

Scipio hatte derweil mehrere Decken und ein fluffiges Kissen zu ihnen gebracht. Sie legten das Kissen unter ihren Kopf und deckten sie zu, so dass sie sich wieder aufwärmen konnte. Plötzlich strich etwas weiches an Wespes Arm vorbei und sie zuckte so heftig zusammen dass sie beinahe die Balance ihrer Sitzposition verlor. Keiner hatte bemerkt wie der schwarze Kater mit durch die Tür geschlichen war.

„Meine Güte, wo kommt der denn her?“ schnaufte Wespe als sie sich von ihrem Schock erholte. „Er folgt ihr… überallhin.“ Flüsterte Scipio. Seine Augen lagen auf dem zierlichen Mädchen. Der Kater umkreiste nun Janas Kopf, legte sich direkt neben sie und begann zu schnurren. Das verletzte Mädchen atmete ruhig. Sie musste wohl schlafen.

„Gut.“ Begann Wespe. „Mehr können wir heute nicht mehr für sie tun.“

„Wir sollten schlafen gehen.“ Stimmte ihr Prosper zu. Er stand auf und hielt Wespe seine Hand hin um ihr zu helfen aufzustehen. Wespe sah hoch in seine Augen und ihre Wangen färbten sich mal wieder rosa. Doch in der Halbdunkelheit des nächtlichen Kinos, konnte das niemand sehen. Nicht einmal Scipio hatte Zeit einen dummen Kommentar zu Prosper Geste abzugeben. Gedankenverloren strich er dem schlafenden Mädchen vor ihm sanft über die Stirn. Wespe ließ sich von Prosper auf die Beine ziehen und wandte sich dann noch einmal an den Herrn der Diebe. „Du solltest über Nacht bei ihr bleiben. Falls sie aufwacht und Panik bekommt, weil sie nicht weiß wo sie ist.“

Dann entfernten sich die beiden Teenager und ließen Scipio allein.

Scipio nickte. „Ich kann eh nicht schlafen.“ Murmelte er. Trotz seiner Aussage legte er sich seitlich auf der Matratze neben Jana nieder, so dass er sie ansehen konnte. Der Kater behielt ihn dabei fest im Blick. „Schau nicht so! Ich tu ihr nichts! Ich will nur helfen.“ erklärte ihm Scipio leise. Der Kater gähnte und legte den Kopf auf die Pfoten, seine leuchtenden Augen hatten Scipio allerdings noch immer fixiert.

Prosper und Wespe waren derweil zu ihren Nachtlagern auf der Gallerie des Kinos geschlichen. „Was ist mit Scipio los? So hab ich ihn noch nie gesehen…“ flüsterte Wespe. „Ich hab keine Ahnung…“ gab Prosper leise zu. Das war eine Halbwahrheit. Er wusste, dass Scipio von Jana fasziniert war. Seit er sie zum ersten Mal Nachts durch Venedig streifen gesehen hatte. Warum, wusste wahrscheinlich nicht einmal Scipio selbst so genau.

„Wir sollten schlafen.“ bemerkte Prosper ein weiteres Mal in dieser Nacht. „Gute Nacht Wespe.“

„Gute Nacht Prop“ hörte er ihre sanfte Stimme in der Dunkelheit. Hier oben war es noch dunkler als unten und Prosper konnte gerade einmal ihre Umrisse erkennen. Völlig unerwartet spürte er plötzlich Wespes warmen Körper an seinen gedrückt und ihre Arme um seinen Oberkörper geschlungen. Sein Atem blieb einen kurzen Moment in seinem Hals stecken, bevor sein Körper instinktiv reagierte und er seine Arme ebenfalls um sie schloss. Er musste zugeben, dass er das Gefühl von ihr in seinen Armen mochte und dass es ihn irgendwie zur Ruhe kommen ließ. Ein paar sorglose Momente lang verweilten sie so. Dann ließ Wespe ihn langsam los und verschwand wortlos in die Richtung ihrer Matratze.



***

Die Morgendämmerung nahte und Jana begann sich auf ihrer Schlafstätte zu bewegen. Als erstes spürte sie ihren schmerzenden Knöchel. Dann spürte sie eine unbekannte aber erstaunlich weiche Matratze unter sich. Sie spürte eine sanfte Katzenpfote auf ihrem Haar und hörte Antonios leises Schnurren als er bemerkte, dass sie langsam wach wurde. Sie schlug die Augen auf.

Die Welt um sie herum war verschwommen, kam jedoch ganz langsam wieder in den Fokus. Sie lag auf einer Matratze auf einer Art…Bühne? Vor ihr befanden sich rote, bequem aussehende Sesselreihen, darüber eine Galerie. Wo war sie? Ihr Herzschlag erhöhte sich unangenehm. Ruhig bleiben Jana! Erst einmal die Lage checken! Sagte sie sich selbst. Es beruhigte sie ein kleines bisschen dass Antonio hier war und dass sie augenscheinlich allein zu sein schien. Doch war sie das? Sie hörte eine Bewegung hinter sich und schreckte herum.

Da lag der Schatten! Der Schatten mit der Vogelmaske. Nur ohne Maske. Er schlief. Was war gestern passiert? Sie konnte sich noch an die Konfrontation auf dem Markusplatz erinnern. Er war auf sie zugekommen. Sie wollte ihn zurückhalten, doch ihr Knöchel schmerzte zu sehr… Mit klopfendem Herzen und so leise wie möglich schlug sie die Decken zurück und starrte ihren Knöchel an. Sie trug keine Schuhe mehr und ihr Knöchel war verbunden worden. Hatte er sie etwa gekidnappt und verarztet? Das war ja creepy!

Jana bemerkte ihre Schuhe am Ende der Matratze. Sie griff danach, zog sie an so gut es ging mit dem schmerzenden Fuß und stand auf. Sie sah sich um. Wo war hier der Ausgang? Sie schlich sich trotz Schmerzen die Sitzreihen entlang auf die schwarze Tür am Ende zu. Das Adrenalin ihres Willens so schnell es ging abzuhauen, hielt ihre aufkeimende Panik zurück.

Doch bevor sie die Tür erreichte, huschte blitzschnell etwas an ihr vorbei. Es war Antonio. Er stellte sich genau zwischen Jana und die Tür. Er fauchte sie leise an.

„Toni, was ist los mit dir? Wir müssen hier raus!“ flüsterte sie dem Kater zu. Sie ging weiter auf die Tür zu. Der magere Kater stellte die Haare auf und fauchte lauter. Jana blieb abrupt wieder stehen. So etwas hatte er noch nie getan, was ging hier nur vor? Langsam durchbrach die Panik das Adrenalin und Janas Atem wurde flacher.

„Toni, was zum Teufel, wir müssen hier raus!“ fauchte sie ihn an und schritt auf die Tür zu. Sie war verschlossen. Antonio fauchte. Und es war nicht mehr so leise. Mit zitternden Fingern zog Jana eine Haarklammer aus ihren Haaren und begann das Schloss der Tür zu bearbeiten. Sie warf einen nervösen Blick zurück zu den Matratzen auf der Bühne.
Sie erstarrte. Der Schatten war weg!

Panisch drehte sie sich wieder zum Schloss um. Sie bekam es nicht auf und Antonio fauchte und ihr Knöchel pochte schmerzhaft. Tränen der Verzweiflung begannen aus ihren Augen über ihr Gesicht zu laufen. Sie musste hier raus!

„Jana…“ hörte sie eine angenehm tiefe und sanfte Stimme. Das Herz schlug ihr bis zum Hals dass es schmerzte. Ihr Instinkt ließ sie das versteckte Messer, das sie an ihrem Bein festgebunden trug, ziehen und sie wirbelte herum. Der Schatten stand in einigen Metern Abstand von ihr und hob ganz langsam seine Hände.

„Jana bitte lauf nicht weg! Wir wollen dir nichts tun! Ich will nur helfen…“ er beäugte das Messer in ihrer Hand.

„Keinen Schritt weiter!“ drohte sie. Noch immer liefen Tränen über ihre Wangen.

Scipio tat wie ihm geheißen. Noch immer hielt er die Arme in die Höhe um ihr zu zeigen, dass er sie nicht angreifen würde. „Ich bin Scipio. Ich bin ein Dieb wie du. Und ich wohne hier… mit meinen Freunden.“

Erstaunt und geschockt zugleich beobachtete Jana wie Antonio plötzlich schnurrend um Scipios Beine herum schlich. Scipio sah zu dem Kater herunter und grinste ihn an. „Das Vertrauen deines Katers hab ich wohl schon.“

Jana starrte den schwarzen Kater entgeistert an.

„Wir sind alle Waisenkinder musst du wissen. Und wir passen aufeinander auf. Ich weiß, dass du aus dem Waisenhaus weggelaufen bist und dich seitdem alleine durchschlägst.“ Scipio nutzte ihre Sprachlosigkeit um ihr eine Erklärung zu geben.

„Wie geht es deinem Knöchel? Wespe hat ihn gestern ein wenig verarztet.“Scipio plapperte einfach weiter um sie davon abzuhalten einen weiteren Versuch zu unternehmen abzuhauen.

Neue Tränen fluteten aus Janas Augen. „Halt die Klappe! Du hast keine Ahnung! Ich brauche deine Hilfe nicht!“ fauchte Jana ihn plötzlich an. Ihr Fauchen war nicht unähnlich dem einer Katze und ihre Augen waren trotz Tränen dunkle Schlitze. Sie hob das Messer wieder ein bisschen höher. „Sperr die Tür auf, lass mich gehen!“ knurrte sie. „Ich weiß wie man ein Messer wirft! Und es wird weh tun…“ drohte sie Scipio mit gefährlich funkelnden Augen.

Als Scipio nicht reagierte, schrie sie ihn an. „JETZT!“

Er setzte sich langsam in Bewegung. Sie erinnerte ihn an ein in die Ecke getriebenes wildes Tier. Aber er bewunderte auch irgendwie ihre Stärke. Sie war tough! Was hatte sie wohl so werden lassen? Fragte sich der Herr der Diebe als er mit gehobenen Händen langsam an ihr vorbei ging und den Schlüssel aus seiner Hosentasche zog. Sie drehte sich mit ihm, um ihn weiterhin im Auge zu halten.

„Eine schwarze Katzeeeeeee!“ kam plötzlich eine Stimme von der Treppe, die auf die Galerie führte. Jana zuckte zusammen und wandte sich und ihr Messer in die Richtung aus der der Schrei gekommen war. Es war Bo. Er lief auf Antonio zu und begann ihn zu knuddeln. Antonio ließ es sich bereitwillig gefallen und schnurrte.

Scipio hatte inne gehalten. Er beobachtete Jana. Wie würde sie nun reagieren? Als sie den kleinen blonden Jungen sah, der den schwarzen Kater streichelte, versteckte sie instinktiv das Messer hinter ihrem Rücken. Ihre erschrockenen Augen huschten zu Scipio.

„Ich hab es dir gesagt. Wir leben hier. Das ist Bo! Er und sein Bruder sind auch vor einiger Zeit zu uns gestoßen weil sie Hilfe brauchten.“ Erklärte Scipio leise. „Niemand hier will dir was tun.“

Er ging vorsichtig an ihr  vorbei und auf Bo zu. „Bo! Das ist Jana! Der Kater gehört zu ihr.“ Er kniete sich neben den sechsjährigen Jungen. Bo blickte von Scipio zu Jana und lächelte sie freundlich an. „Hat er einen Namen?“ fragte Bo und deutete auf den Kater. Jana war komplett der Wind aus den Segeln genommen worden. Unsicher trat sie von einem Fuß auf den Anderen, bemerkte dabei den verletzten Knöchel und ihr Gesicht verzog sich kurz vor Schmerz. Dann antwortete sie Bo mit gebrochener Stimme. „Er heißt Antonio.“

Janas Schrei von vorher hatte mittlerweile auch die Anderen auf den Plan gerufen. Langsam traten sie aus den Schatten des Kinos heraus. Prosper ging langsam zu Bo, Wespe dicht dahinter. Riccio und Mosca traten ebenfalls näher. „Wer ist das und warum schreit sie hier so rum?“ fragte Riccio gereizt und zeigte auf Jana. Scipio ignorierte ihn. Sein Blick lag auf Jana und sie begegnete endlich seinen Augen.

„Bleib ein paar Tage hier. Lern uns kennen und lass deinen Knöchel heilen. Und dann kannst du immer noch abhauen wenn du das willst. Hier wird niemand gegen seinen Willen festgehalten.“ Mehr traute er sich nicht zu sagen. Und wenn sie jetzt gehen wollte, konnte und würde er sie nicht aufhalten.

Janas Augen hielten Scipios Blick einige Momente stand. Er meinte es ernst. Sie konnte es sehen. Dann fiel ihr Blick auf Antonio, der mittlerweile von Bo, Prosper und Wespe gleichzeitig gestreichelt wurde und es sehr genoss. Der Kater hätte ihr nicht klarer zu verstehen geben können, dass er diesen Kindern vertraute. Dass er dem Schatten vertraute. Dass er wollte dass sie hier blieb. Und da er seit Monaten ihr einziger Freund war, vertraute sie seinem Instinkt. Sie steckte das Messer wieder in die Vorrichtung an ihrem Bein und seufzte. Scipio bewertete das als positive Reaktion und erhob abermals die Stimme.

„Das sind Riccio und Mosca!“ er deutete auf die beiden Kinder, die nicht unterschiedlicher sein könnten. „Bo kennst du ja schon. Und das sind Prosper, Bos großer Bruder, und das ist Wespe.“ Stellte er alle vor. Jana nickte ihnen leicht zu.

Wespe ließ von dem schwarzen Kater ab und wandte sich an Jana. „Wie geht es deinem Knöchel?“ fragte sie vorsichtig.

Jana schluckte. Plötzlich spürte sie den Schmerz wieder in seiner vollen Kraft. Sie knickte ein wenig ein und ihr Gesicht verzog sich angesichts des Stechens in ihrem Bein. „Nicht so gut, denke ich…“ Jana biss sich auf die Lippe. Wespe war in einem Satz bei ihr, stützte sie und begann sie wieder Richtung Bühne zu leiten. „Setz dich hin und ruh dich aus. Es gibt gleich Frühstück. Du hast bestimmt Hunger oder? Und danach schauen wir uns den Knöchel noch mal an.“

Wespe bugsierte Jana in einen der bequemen Kinosessel in der ersten Reihe und begann dann Frühstück zuzubereiten. Antonio war den Mädchen gefolgt und sprang nun auf Janas Schoß. Er rollte sich auf ihr ein und begann zu Schnurren. „Toni, du kleiner Verräter!“ flüsterte sie ihm liebevoll zu und kraulte ihn hinter den Ohren.

Riccio, Mosca und Bo halfen Wespe mit dem Frühstück während Prosper Scipio in einem dunklen Eck des Kinos zur Seite gezogen hatte. „Bist du sicher, dass das eine gute Idee ist? Ich hab das Messer hinter ihrem Rücken gesehen Scip!“ zischte Prosper besorgt und sah seinen Freund eindringlich an. „Prop, sie hatte Angst!“ verteidigte sie der Herr der Diebe.

„Wir hatten auch alle Angst, aber keiner von uns hat je jemanden mit einem Messer bedroht…!“ fauchte Prop.

„Du weißt ja nicht, was sie schon alles durchgemacht hat!“ schnappte Scipio zurück.

„Ich behalte sie im Auge! Ich will nicht dass Bo was passiert… oder Wespe… oder irgendwem!“ zischte Prosper.

„Sie wird niemandem was tun Prop!“ versicherte ihm Scipio und legte eine Hand auf die Schulter des Anderen. Prosper sah den entschlossenen Ausdruck in Scipios Augen und nickte leicht. Dann schlug er Scipio kumpelhaft auf die Schulter „War ja klar, dass du auf die gefährlichen Frauen stehst Scip!“ neckte er seinen Freund, bevor er sich der Truppe und vor allem Wespe anschloss um das Frühstück vorzubereiten.
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