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Die Raubkatze der Nacht

GeschichteSchmerz/Trost, Liebesgeschichte / P16 / Gen
OC (Own Character) Prosper Scipio Wespe
19.07.2017
22.08.2017
5
8.156
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02.08.2017 1.819
 
Als Jana am nächsten Morgen erwachte, hatte der Kater Antonio sie bereits wieder verlassen. Er war eben ein echter Streuner. Sie begann den Rest Brot zu essen, den sie sich eingesteckt hatte und dachte über die vergangene Nacht nach. Nun da sie ausgeschlafen war, fiel ihr wieder der huschende Schatten mit der langen Nase ein. Wenn sie ehrlich war, war es nicht das erste mal gewesen, dass sie ihn bemerkt hatte. Er schlich durch die Nacht wie sie selbst aber sie wusste nicht wer er war. Sie hatte nie einen richtigen Blick auf ihn werfen können, da er immer damit beschäftigt war, zu verschwinden sobald er bemerkt worden war. Jana hatte auch keine Angst vor ihm. Während die meisten vor nächtlichen schwarzen Schatten mit langen Nasen zurückschrecken würden, war sich Jana sicher dass er ihr nichts antun wollte. Soweit sie das beurteilen konnte, wollte er unerkannt bleiben. Das war ihr nur recht, schließlich wollte sie auch nicht erkannt werden. Aber ein kleines bisschen Neugierde blieb immer bestehen.

Es war ein schöner, warmer Tag in Venedig und Jana beschloss sich ins Touristengetümmel zu werfen und diese um ein paar Euro zu erleichtern. Es stellte sich heraus dass die Touristen an diesem Tag sehr unaufmerksam waren und sich das Stehlen schon beinahe wie ein Spiel anfühlte bei dem sie nicht verlieren konnte.

Gerade schlenderte sie über die Piazza San Marco um sich ihr nächstes Opfer auszusuchen, als sie ihn sah! Den Schatten mit der schwarzen Vogelmaske! Nur dass er im hellen Sonnenschein kein Schatten mehr war. Es war ein Junge der eine schwarze Karnevalsmaske trug. Warum trug der am helllichten Tag und mitten im Sommer eine schwarze Maske. Vielleicht war er auch nur ein Tourist und sie bildete sich nur ein er sei der huschende Schatten von letzter Nacht. Touristen kauften beinahe alle so eine Maske als Urlaubssouvenir, aber sie hatte noch nie einen damit rumlaufen sehen.

Als sie so auf der Piazza stand und in ihren Gedanken versunken war, sah sie etwas dass sie erstaunte. Der Junge mit der Maske hatte einen dickeren Mann von hinten im Vorbeigehen angerempelt und sich dann sehr freundlich bei dem Mann entschuldigt. Was der Mann nicht bemerkt hatte, war, dass der Junge beim Anrempeln den Geldbeutel des Mannes aus dessen rechter, hinterer Hosentasche geklaut und in seine eigene Jackentasche gesteckt hatte. Die Bewegung war klein und schnell gewesen aber Jana hatte sie gesehen. Ihr Kopf ließ nur einen Gedanken zu. Er war der Schatten! Und er war ein Taschendieb wie sie!

Der Junge unterhielt sich noch immer freundlich mit dem Mann. Jana schlich sich näher an die beiden heran, blieb stehen und zog einen kleinen Stadtplan von Venedig aus ihrer Tasche um unauffällig zu wirken. Sie hielt den Plan vor sich, ihre Augen beobachteten allerdings den Jungen und jede seiner Bewegungen. Sie schienen sich zu verabschieden. Der Junge reichte dem Mann die Hand, er schüttelte sie und klopfte dem Mann dann mit der anderen Hand auf die rechte Schulter. Als sich die Hände losließen und sich der Mann zum weitergehen wandte, glitzerte die breite Uhr die er getragen hatte für einen kuren Augenblick in der Hand des Jungen auf und verschwand ebenfalls in seiner Jackentasche. Mit schnellen Schritten begann der Junge in die entgegengesetzte Richtung zu gehen und Jana packte die Panik. Sie würde ihn aus den Augen verlieren, sie musste hinter ihm her! Die Entscheidung war gefasst. Sie würde ihn nicht mehr fliehen lassen, sie musste wissen wer er war!



Am Nachmittag stand Scipio dann vor Barbarossas Laden um ihm die Rolex zu verkaufen, die er zuvor so meisterhaft erbeutet hatte. Bevor er eintrat, wollte er sie sich noch einmal ansehen um abzuschätzen wie viel sie wirklich wert war um von Barbarossa nicht wieder über den Tisch gezogen zu werden. Er griff in seine Jackentasche, fühlte zwei Geldbeutel aber keine Uhr. Er griff in die andere Tasche fühlte einen Geldbeutel, einen Papierschnipsel, aber keine Uhr. Die Uhr war weg!

Scipio raufte sich frustriert die Haare. Er musste sie wohl verloren haben! Wie konnte ihm das nur passieren? Er hätte mit dem Geld das die Uhr ihm einbringen hätte können, ein riesiges Lächeln auf die Gesichter seiner Freunde gezaubert. Er hatte sich schon ausgemalt was er alles einkaufen würde um am Abend ein richtiges Festmahl zu feiern. Den Trick jemanden die Uhr direkt vom Handgelenk zu stehlen hatte er ewig lange mit Wespe geübt. Sie hatte ihn an ihrem eigenen Handgelenk üben lassen, so lange bis sie es nicht mehr spürte wie er ihr die Uhr abnahm während er sie mit Konversation ablenkte. Prosper hatte diesem Schauspiel immer eher skeptisch zugesehen und missbilligte es insgeheim dass Wespe Scipio auch noch ermutigte. Das wusste Scipio auch und er würde Wespe, Prosper zuliebe, nie tiefer in sein Leben als Dieb ziehen, obwohl Scipio wusste dass Wespe ein paar eigene Tricks auf Lager hatte von denen Prosper nichts wusste.

Scipio entfernte sich ein paar Schritte von Barbarossas Laden und begann noch einmal alle seine Innentaschen zu durchsuchen. Die Uhr war definitiv nicht mehr da. Er fluchte leise, steckte dann beide Hände in die Taschen und machte sich auf den Weg zurück ins Sternenversteck. Zumindest hatte er noch die Geldbeutel, die, so wie er die Touristen Venedigs kannte, sicher nicht leer waren. Während er den altbekannten Weg durch die Gassen verfolgte, spielte seine rechte Hand mit einem kleinen Stück Papier, das sich in seiner Jackentasche befand. Als es ihm bewusst wurde, zog er es heraus. Er konnte sich nicht erinnern Papier in seine Tasche gesteckt zu haben, vielleicht war es aus dem Geldbeutel herausgefallen. Er betrachtete es. Es war ein kleines abgerissenes Eck eines Stadtplans von Venedig. Er drehte es um und erstarrte. In schwarzer Schrift stand da: 01:00 Uhr Piazza San Marco, León

Es war eindeutig ein Treffpunkt. Wollte sich jemand mit ihm treffen? Um ein Uhr Nachts auf der Piazza San Marco? Und León, damit war der Löwe gemeint. Es gab in Venedig viele Löwenstatuen und Löwenmotive. Der Löwe war immerhin ein Wahrzeichen der Stadt des Mondes. Scipio war unsicher. Hatte ihm jemand den Zettel zugesteckt ohne dass er es gemerkt hatte? Von wem kam er? Hatte ihn jemand beim Stehlen beobachtet und wollte ihn nun erpressen oder einsperren? Oder war der Zettel nur dem gestohlenen Geldbeutel entfallen und der Besitzer wird jemanden mitten in der Nacht auf dem Markusplatz treffen?

Ohne es bemerkt zu haben, war er am Sternenversteck angekommen. Noch einmal besah er sich den mysteriösen Papierschnipsel, atmete einmal tief durch und stopfte ihn grob in seine Jackentasche bevor er das Sternenversteck betrat. Drinnen befanden sich nur Prosper, Wespe und Bo. Bo und Wespe spielten mit den Katzenbabys, die Scipio ihnen einmal mitgebracht hatte und Prosper saß nur mit einer Tasse Tee in der Hand daneben und sah den beiden zu. Als der Herr der Diebe auf sie zuging, dachte er bei sich dass die drei doch aussahen wie eine kleine glückliche Familie und gleichzeitig versetzte ihm das einen kleinen Stich. Er hatte Angst vor dem Tag an dem Prosper einen Job annehmen würde und sich von ihm und der Stehlerei abwenden würde. Bo würde er mitnehmen und Wespe wahrscheinlich auch. Er wusste dass sich Prosper nach einem normalen Leben sehnte. Nach ehrlichem Verdienst und einer Familie. All das gönnte Scipio ihm auch aber er wusste nicht ob er selbst ein Teil von Prospers Zukunftsplan war oder nicht. Er schrak aus seinen Gedanken als die drei ihn bemerkten und überschwänglich begrüßten. „Scipiiioooo!“ kam es aus allen drei Mündern. Bo sprang auf ihn zu und umarmte ihn, Wespe lächelte ihn warm an und Prosper nickte ihm zu und grinste. Vielleicht machte er sich auch Sorgen um nichts… denn immerhin gehörte er auch zu dieser kleinen zusammengewürfelten Familie.

Während Wespe zusammen mit Bo die Geldbeutel ausleerte, die Scip den Tag über gestohlen hatte, wandte er sich leise an Prosper, der eines der Kätzchen streichelte. „Kann ich mal kurz mit dir reden Prop? Ich muss dir was erzählen…“ Prosper sah auf „Was is los?“ Daraufhin erzählte ihm Scipio in Flüsterton, damit Wespe und Bo davon nichts mitbekamen, von der verschwundenen Uhr und der Notiz die er stattdessen in seiner Tasche gefunden hatte. Prosper schien alamiert. „Und du willst da jetzt wirklich heute Nacht hingehen ohne zu wissen was dich erwartet??? Ich halte das für keine gute Idee. Das könnte eine Falle sein… von wem auch immer…“

Scipio seufzte genervt „Wo ist deine Neugierde geblieben Prop? Komm schon, komm mit mir! Du kannst dich irgendwo in der Nähe verstecken und alles beobachten und wenn es Probleme geben sollte, bin ich zumindest nicht alleine…“ Prosper verdrehte die Augen und atmete einmal tief durch. Er fand ja auch, dass es sicherer wäre wenn Scipio nicht alleine dort auftauchen würde aber er ließ Bo und Wespe Nachts wirklich sehr ungern alleine. Mosca und Riccio waren zwar auch noch da, aber wenn es um die Sicherheit von seinem kleinen Bruder und seiner… na ja Wespe eben ging, vertraute er nur sich selbst. „Oh mann Scipio…. Ja, von mir aus, ich komme mit!“

Um halb 1 Uhr morgens schlichen sich Scipio und Prosper dann leise auf die Tür des Sternenverstecks zu. Scipio hatte schon seine Hand auf der Klinke als sich hinter ihnen jemand räusperte. „Wo wollen wir denn so spät Nachts noch hin?“ fragte Wespe misstrauisch. Die beiden Jungs drehten sich ertappt zu ihr um. „Ich dachte zumindest heute Nacht wäre mal schluss mit rumschleichen?“ sie sah streng von Scipio zu Prosper. Letzterer wich ihrem Blick unbehaglich aus. Scipio ließ seine Hand von der Türklinke sinken und ging auf Wespe zu. Er legte ihr einen Arm um die Schultern und sah sie eindringlich an. „Wespe, Liebes, Prosper und ich müssen etwas erledigen, es wird nicht lange dauern und ich verspreche dir dass wir gesund wieder kommen!“ Er drückte sie kurz. Wespe war immer noch nicht ganz überzeugt, ihr Blick lag jetzt auf Prosper.

Scipio ließ sie los und bedeutete Prosper mit einer Handbewegung in Wespes Richtung ihr ebenso zu versichern dass alles in bester Ordnung sei. Prosper ging wackeligen Schrittes auf Wespe zu und nahm ihre rechte Hand in seine als er vor ihr stand. „Wespe, wirklich, es ist nichts, wir sind bald wieder da!“ Er sah auf sie herunter und drückte ihre Hand. Auf einmal überrumpelte sie Prosper und ließ sich fest in seine Arme fallen und drückte ihren Kopf an seine Brust. Prosper legte ganz langsam seine Arme um das Mädchen und drückte sie an sich. „Ich mag Scipios nächtliches umherstreichen nicht! Und ich mag es erst recht nicht wenn er dich da mitreinzieht…“ flüsterte Wespe gegen seine Brust so dass er Gänsehaut davon bekam. „Ist nur heute, ich versprechs dir!“ Hinter ihnen räusperte sich nun Scipio etwas genervt „Prop! Können wir dann?“ Prosper ließ Wespe ruckartig wieder los und drehte sich mit rotem Kopf zu Scipio um. „Passt auf euch auf!“ rief ihnen Wespe noch nach, ehe die Tür hinter ihnen ins Schloss fiel und Wespe absperrte.
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