Die Raubkatze der Nacht

GeschichteRomanze, Schmerz/Trost / P16
OC (Own Character) Prosper Scipio Wespe
19.07.2017
22.08.2017
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8.156
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Raubkatze der Nacht


JANAS POV (nur im ersten Kapitel)

Venedig lag friedlich und still im sanften Mondlicht. Wie so oft in letzter Zeit waberte dichter Nebel durch die engen, kleinen Gassen. Hier und dort sah man eine Katze um die Ecke huschen, auf der Suche nach übergebliebenem Fisch vom Markt. Die Tauben auf den Dächern ringsum gurrten leise und schläfrig. Ja, so mochte ich Venedig am liebsten. In der Dunkelheit der Nacht fiel ich nicht weiter auf. Man sah nicht, dass ich nur alte, zerfetzte Kleider trug und zu dünn war als um Gesund auszusehen. Ich blickte auf. In meinen Augen spiegelte sich der Mond. Nur noch eine Nacht dann würde er voll sein. Ich musste meinen Blick jedoch auf das Knurren meines Magens hin wieder senken. In der Stille der Nacht kam es mir unheimlich laut vor und meine Arme schlangen sich automatisch um mich selbst um den Hunger zum Schweigen zu bringen.



Es war ein reichlich deprimierender Tag gewesen. Normalerweise war ich eine sehr gute Taschendiebin, die nicht oft erwischt wurde. Und wenn, dann hatten mich meine langen Beine und meine Ausdauer noch nie im Stich gelassen. Doch an diesem Tag war das Glück der Diebe nicht auf meiner Seite gewesen. Die Touristen waren zu aufmerksam und nicht so leicht abzulenken wie sonst. Meiner Vorteile beraubt und ohne auch nur einen Cent in der Tasche, strich ich nun hungrig durch die schwarze Nacht.



Natürlich hatte ich meinen Notfallplan, den ich allerdings nicht allzu sehr mochte. Ich klapperte alle Metzgereien und Bäckereien ab. Manche von ihnen hatten noch ein Herz und legten Nachts ihre Reste, die sie den Tag über nicht losgeworden waren, vor die Türen. Diese Geste sollte zwar eher den herumstreunernden Katzen zugute kommen und keinen Mädchen, die aus dem Waisenheim geflohen sind um sich als Diebin durch das Leben zu schlagen. Aber was machte das für einen Unterschied? Ich war genauso arm dran wie die vierbeinigen Bewohner dieser Inselstadt.



Meine Schritte in den hohen Stiefel mit dem kleinen Absatz klangen zu laut und machten mich selbst nervös und paranoid. Man wusste ja nie ob hinter der nächsten Ecke nicht irgendein betrunkener Penner lag, der nur auf so etwas wie mich wartete. Bei diesem Gedanken schüttelte es mich und ich schlang die Arme noch fester um meinen Bauch. Es war inzwischen so kalt geworden dass ich meinen eigenen Atem vor mir in der Luft sehen konnte. Ich zitterte und beschleunigte meine Schritte. Es war nicht mehr weit.



Plötzlich lief mir etwas zwischen die Füße und ich geriet ins Stolpern. Ich trat versehentlich gegen ein paar Eimer und konnte mich an einer Leiter an der Hauswand festhalten um nicht zu fallen. Ich sah mich panisch nach dem um, was mich so aus dem Gleichgewicht bringen konnte. Das Etwas schnurrte um meine dünnen Beine herum. Erleichtert atmete ich auf. Es war nur Antonio, ein pechschwarzer, struppiger Kater mit einem braunen und einem unglaublich leuchtenden blauen Auge. Er war mir zugelaufen. Er lebte mit mir zusammen in unserem kleinen Versteck über den Dächern von Venedig. Er tat zwar was er wollte und streunte durch die ganze Stadt aber er kam doch immer wieder zu mir zurück und fand mich wo immer ich auch war. Ich hatte ihn nach meinem großen Bruder benannt. Antonio. Er war nach zwei Jahren im Waisenheim an einer schlimmen Lungenentzündung gestorben. Danach war für mich eine Welt zusammen gebrochen. Das letzte, das mich dort noch hielt, war weg. Für immer. Er würde nie mehr zurückkommen und da beschloss ich abzuhauen und auch nicht mehr zurückzukommen!



Mein Magen knurrte zum wiederholten Mal und ich wischte mir die Hochsteigenden Tränen aus den see-grünen Augen. „Mann Toni, was machst du für Sachen! Mir einfach vor die Füße laufen...!“ ich lächelte den Kater an, der mir ein langgezogenes Miauen als Antwort gab, über ein paar Eimer sprang und dann vor mir her hinter einer Ecke verschwand. „Hey, nicht so schnell! Wart auf mich Kleiner!“ stolperte ich hinter ihm her. Ich wusste wo er hin wollte. Das war auch mein Ziel gewesen.

Ein paar schmale Gassen später standen wir vor der ältesten Bäckerei der Stadt. Sie gehörte einer sehr alten Seniora, die nicht nur ihr altes Brot sondern auch noch frischen Fisch für die Katzen vor der Tür lies. Ihr Gatte war vor fünf Jahren verstorben und da sie sonst niemanden mehr hatte, um den sie sich hätte kümmern können, hielt sie zumindest die Streunerkatzen Venedigs am Leben.



Antonio hatte sich schon auf eine große Forelle gestürzt und schnurrte zufrieden. Dieser Anblick entlockte mir ein glückliches Lachen. Ich war froh wenn es zumindest einem von uns gut ging und dank der Seniora musste auch ich heute Nacht nicht hungrig schlafen gehen. Das Brot und der Rest Ciabatta waren zwar hart aber dennoch war mein Magen zufrieden damit. Ich blickte wieder zum Mond hinauf und seufzte leise. „Komm Antonio, wir müssen noch ein paar Gesucht-Plakate auf der Piazza San Marco loswerden!“ Der Kater heulte zum Mond hinauf und folgte mir dann auf Samtpfoten.



Es war zwar bereits zwei Monate her dass ich dem Waisenhaus den Rücken zugekehrt hatte, aber die Nonnen gaben nicht auf, nach mir zu suchen. Auf den größeren Plätzen hingen Plakate „Haben Sie dieses Mädchen gesehen?“ inklusive Bild und ausführlicher Personenbeschreibung von mir.

Vor einem dieser lästigen Plakate blieb ich stehen und besah es mir genau. Mein Erscheinungsbild hatte sich inzwischen ein bisschen verändert. Meine Klamotten waren zerfetzt, ich war um einiges dünner und meine Haare waren schmutzig und hingen lang und glatt herunter bis zu meiner Taille. Einzig und allein meine Augen würden mich noch verraten wenn man genau hinsah. Grüne, Seelenschmerz-geprägte, mandelförmige Augen. Antonio miaute. „Was is? Willst du heim? Wir haben´s gleich Kleiner, dann können wir gehen!“ Ich bückte mich und streichelte ihn, wobei er mir seinen kleinen Kopf entgegenstreckte und mir einen vertrauensvollen Blick zuwarf.



Ein unangenehmer Wind zog auf und lies das Papier an der Wand flattern. Mit einem Ruck und ohne weiter hinzusehen riss ich es ab und knüllte es zusammen. Ich lief die gesamte Piazza ab und riss jedes weitere verräterische Bild von mir von den Wänden. Eines davon hatte ich Toni hingeworfen und er hatte seine Freude daran, das zum Ball geknüllte Papier in kleine Stücke zu zerfetzen. „Gut gemacht, so gefällt mir das schon viel besser!“ lachte ich als ich den Kater mitten in den Fetzen herumtollen sah.

„Domani wird alles besser!“ versprach ich ihm und er sah mich nur an. „Avanti Toni! Wir müssen die noch vernichten.“ ich nickte Richtung Kanal.



Am Kanal Grande angekommen ließ ich mich auf einer Brücke nieder und legte die Plakate neben mir auf den kalten Boden. Antonio sprang mir in den Schoß und rollte sich dort ein. Er warf mir noch einen Blick aus seinem blauen Auge zu und legte seinen Kopf dann auf seine Pfoten nieder. Ich machte mich daran meine Gesucht-Bilder in kleine, unerkennbare Stücke zu zerreißen und dann in den Kanal zu werfen.



Noch eine ganze Weile saß ich dort auf der Brücke und starrte Gedankenverloren auf das verzerrte Spiegelbild des Mondes im Kanalwasser.

Ach, was hatte meine Mutter mir früher wundervolle Geschichte erzählt. In der Lagune würden Meerjungfrauen leben, die bei Vollmond durch die Kanäle der Stadt ihre Wettschwimmen veranstalteten. Für mich hatte diese Stadt ihre Magie schon länger verloren. Einzig und allein in der Nacht und bei Mondschein überkam mich noch manchmal das Gefühl dass da noch mehr wäre, als nur die reichen Kaufleute und die vielen Touristen aus aller Welt. Dass die Häuser und Wasserwege der Stadt ihre ganz eigenen Geheimnisse hüteten und die Fabelwesen, von denen meine Mutter ihre bunten Geschichten zu erzählen wusste, irgendwo da draußen ihre geheime Existenz führten.



Ich atmete die klare Nachtluft ein und wieder aus und lauschte den Geräuschen des Wassers unter mir. Irgendwo in naher Ferne läutete eine Kirchenglocke drei Uhr. Gott, so spät war es schon! Nicht mehr lange und die Straßen würden wieder von denjenigen bevölkert sein, die es sich leisten konnten, hier zu sein. Ich würde mir den Sonnenaufgang von meinem Versteck aus ansehen und hoffen dass der anbrechende Tag mir mehr Glück bringen wird als der letzte.



Mit Antonio in den Armen brach ich auf. Auf der Piazza San Marco sah ich einen Schatten in eine kleine Nebengasse huschen. Dieser Jemand hatte eine ungewöhnlich lange Nase! Oder war es vielleicht eine der berühmten Karnevalsmasken? Spielten mir meine müden Augen nur einen Streich? Eigentlich war ich ein sehr, sehr neugieriger Mensch aber im Moment konnte mir der huschende Schatten nicht egaler sein. Ich wollte selbst nur noch nach hause und meine Beine und vor allem eiskalten Hände aufwärmen.



Antonio und ich lebten im Turm einer kleinen, alten Kirche. Alles was wir besaßen war entweder gestohlen oder mit gestohlenem Geld bezahlt worden. Ich ließ den Kater auf seinem Schlafplatz aus alten Kissen nieder und legte mich neben ihn. Die beiden Wolldecken zog ich über meinen Körper bis nur noch mein Kopf zu sehen war und legte eine meiner Hände in Antonios warmes Fell. Sofort begann er zu schnurren. „Schlaf gut mein Kleiner. Schön dass du bei mir bist.“ flüsterte ich ihm leise zu. Er gähnte und rollte sich dann um meine Hand herum zu einem Ball zusammen.

Mit einem letzten Blick zum Mond hinauf schlief ich schließlich ein.
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