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Together we stand, together we fall

von Alex B
GeschichteAllgemein / P18 / Gen
Crixus Gannicus OC (Own Character)
19.07.2017
09.08.2017
6
36.988
3
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19.07.2017 3.659
 
Prolog

Hustend stolperte sie vorwärts, beißender Rauch machte sie blind und nahm ihr den Atem, der Geruch nach verbranntem Fleisch ließ sie würgen. Dazu kamen die Schreie. Schreie von Männern, die ihre Brüder und Frauen zu retten versuchten. Schreie von Frauen, die nach ihren Schwestern und Männern suchten. Schreie um Hilfe, Schreie voll Angst und Schmerz. Die Stille des Todes ihr Echo.
Sie tastete sich an der Mauer entlang, verließ sich auf ihren Orientierungssinn, der sie ins Freie führen würde. Wo waren ihre Brüder und Schwestern? Wo war ihr Mann? Immer wieder hustete sie, ihre Lungen brannten und schrien nach Luft. Sie brannten ebenso wie das Versteck, in dem sie sich zusammen mit den anderen aufständischen Sklaven sicher gewähnt hatte. In dem sie bis vor ein paar Stunden noch ruhig geschlafen hatte bis sie die Schreie und das Klirren von Metall geweckt hatten. Sie hatten sie gefunden, griffen sie bei Nacht an. Warum wurden sie nicht gewarnt? Wo war die Wache als die Römer in ihr Lager einfielen und sie abschlachteten als wären sie nichts weiter als das Vieh, als welches sie so lange behandelt wurden? Viele von ihren waren ebenso gebrandmarkt worden, waren der Peitsche ihrer Herren ausgeliefert gewesen. Und ihrem unbarmherzigen Willen, den ihren zu brechen und sie zu dem zu machen, wofür sie gekauft wurden: Sklaven. Nicht mehr wert als Vieh. Geboren um Rom und seinem riesigen Reich zu dienen. Keiner von ihnen war aus freiem Willen in die Sklaverei geraten. Keiner von ihnen vermisste dieses Leben. Keiner von ihnen war nicht voller Hass gegen die Römer, die sich als die Herrscher der Welt brüsteten und sich über das Leben aller Völker stellten. Keiner von ihnen wollte dem kein Ende bereiten. Keiner von ihnen hatte nicht wenigstens einen Verlust erlitten. Keiner von ihnen war mehr zu hören.
Sie trat ins Freie, wankte auf den Hof des brennenden uralten Tempels und sank hustend auf die Knie. Der Rauch hatte ihre Lunge vergiftet und ließ keinen Atemzug tief genug hinein. Um Luft ringend sah sie sich um, schleppte sich schließlich zu einem großen Tonkrug und trank gierig ein paar Schlucke ehe sie inne hielt. Da war eine Stimme im Wind. Erneut sah sie sich um, es war niemand zu sehen. Das lodernde Feuer und die unter ihm knackenden Holzbalken des Gemäuers machten es unmöglich den Ursprung eines jeden Geräusches zu erkennen. Doch die Stimme rief erneut.
„Spartacus“, rief sie so laut es ihr mit ihrer von Rauch gefüllten Lunge möglich war. Sie hustete erneut, füllte den Eimer neben sich mit Wasser und schleppte ihn mit sich als sie erneut den Namen ihres Anführers rief und die Quelle der Stimme suchte. Sie kam ihr näher.
„Naevia!“
Sie blieb stehen, versuchte in den Rauchschwaden jemanden zu erkennen, der noch nicht von den Flammen verschlungen und als verkohlte Leiche auf dem Steinboden lag. Ein dumpfes Hämmern, erneutes Rufen. Vorsichtig, ihr Gesicht mit dem Arm vor den Flammen schützend, trat sie näher und schüttete das Wasser auf die Flammen um sie zu ersticken. Eimer um Eimer leerte sie ehe sie sich zurück in den Tempel wagte und der Stimme folgte, die nicht nach ihr rief.
„Crixus“, antwortete sie ihr trotzdem und rannte die Flure entlang, „Crixus!“
Er antwortete, doch es war wieder der Name seiner Frau, nicht ihrer. Sie hastete weiter, versuchte durch die Flammen näher zu ihm zu gelangen als sie ihn entdeckte. Er sah sie einen Moment erleichtert an, dann trat die übliche Kälte in seinen Blick, mit der er sie immer bedachte. Er hegte keinerlei freundliche Gefühle für sie.
„Hilf mir hier raus“, forderte er sie auf. Sie warf ihm einen ebenso kühlen Blick zu und trat zu ihm. Er lag unter einem der eingestürzten Dachbalken, nur durch einen bereits zu Asche werdenden kleineren Stützbalken davor bewahrt von ihm zerquetscht zu werden. Er rang nach Atem, lange würde er das schwere Holz nicht mehr über sich halten können.
„Ich bin nicht mit großer Kraft gesegnet.“
„Heb den Balken an! Nur so lange bis ich mich darunter befreien kann.“
„Selbst wenn ich ihn anheben könnte, könnte ich ihn nicht lange genug halten.“
„Heb den verdammten Balken an, Pikte“, herrschte er sie an.
„Was willst du mir androhen, Gallier? Dass du mich mit deinem Hirn bewirfst, wenn es dir aus dem Schädel quillt?“ Sie kletterte über die Balken zu ihm, packte den Dachbalken, um den sie nicht einmal ihre Arme schlingen konnte und versuchte ihn mit aller Kraft hochzuheben. Ohne Erfolg. Sie sah ihn hilflos an.
„Verzeih mir, ich krieg ihn nicht angehoben.“
„Geh in die Knie und leg ihn dir auf die Schulter, stemme dein Gewicht dagegen“, gab er ihr Anweisungen. Seine Arme zitterten bereits bedrohlich. „Mach schon!“
Sie tat was er sagte, versuchte erneut den Balken anzuheben und scheiterte ebenso. Sie sah ihn verzweifelt an, sie konnte ihm nicht helfen. Und doch musste sie. Sie konnte ihn nicht zurücklassen. Er sah sie ruhig an, offenbar sein Schicksal akzeptierend und einen prüfenden Blick auf den brüchigen Stützbalken werfend, der bald unter dem Gewicht nachgeben und Crixus somit in den Tod führen würde. Sie sah sich um, hastig suchten ihre Augen den Raum ab und brachten sie auf eine Idee.
„Halte durch, ich komme wieder“, versprach sie.
„Beeil dich“, keuchte er und kämpfte um seine letzten Kraftreserven. Sie beeilte sich aus dem Tempel zu gelangen, sammelte ein paar Seile ein, die an ihrem üblichen Platz bei den nun verschwundenen Waffen lagen, und holte ihren Bogen und den Köcher aus dem Versteck. Sie hatte ihn immer fern der Waffen der Anderen aufbewahrt. Und sie wusste nur zu gut warum. Sollten sie überfallen werden, würde ihr Bogen nicht zusammen mit den anderen Waffen in die Hände der Römer gelangen. Viele hatten über ihre Ansicht gelacht, sie belächelt. Geglaubt, sie würden niemals gefunden werden. Sich für klügere und stärkere Menschen gehalten. Doch sie waren nur ein Haufen Bauerntrampel, blutdurstig und übereifrig, von Hass, Selbstüberschätzung und falschen Hoffnungen beherrscht.
„Wo warst du so lange“, knurrte er bei ihrer Rückkehr.
„Einen Weg suchen um deinen Arsch zu retten“, gab sie zurück. Sie sah ihn nicht an, beachtete ihn kaum als sie anfing die Seile um den Balken zu knoten und eins nach dem anderen an einem Pfeil zu befestigen. Sie beeilte sich sie über einen noch intakten Dachbalken zu schießen, die Seile wieder zu verknoten und sie um einen umgestürzten Pfeiler der Tür zu binden.
„Kannst du den Wiederaufbau auf eine Zeit verschieben, in der ich hier nicht um mein Leben kämpfen muss“, schrie er sie an als sie ihre Konstruktion gerade fertiggestellt hatte. Sie antwortete nicht, warf ihm nur einen kurzen Blick zu bevor sie den an den Seilen in der Luft hängenden Pfeiler umfasste und sich mit ihrem ganzen Gewicht ebenfalls an das Seil hängte. Der Pfeiler kam dem Boden näher, die Seile spannten sich. Unter dem Knarzen der Seile hob sich der Dachbalken. Sie hatte den Pfeiler bis auf den Boden gezogen, zog ihn weiter in den Raum hinein und stemmte sich nun gegen ihn. Schritt für Schritt kämpfte sie gegen das Gewicht des Dachbalkens, der mit jedem Zentimeter schwerer zu werden schien und Crixus nach und nach frei gab.
„Weiter! Zieh“, feuerte er sie an. Sie atmete schwer von der Anstrengung, ihre Kräfte verließen sie. Doch sie wusste, dass sie nicht aufgeben durfte. Dass sie nicht aufgeben konnte. Dass es sein Tod wäre wenn sie versagte und der Pfeiler ihr entglitt, der Dachbalken hinabstürzte. Sie schrie und versuchte sich selbst mehr Kraft zu verleihen. Sie musste ihn befreien. Er durfte nicht sterben.
„Ich bin frei“, hörte sie ihn endlich rufen und sah über die Schulter. Er rappelte sich auf und humpelte zur Tür, bereits auf dem Weg nach draußen. Sie ließ den Pfeiler los und ging etwas in Deckung als der Dachbalken auf den Boden krachte und zerbarst. So wie Crixus Körper es getan hätte. Es knackte über ihr, sie sah nach oben. Der Dachbalken, über dem sie die Seile gespannt hatte, drohte herabzustürzen und sie und Crixus unter sich zu begraben. Sie sah zu ihm, er sah ebenfalls nach oben. Seine Augen wurden größer als das Dach erneut knackte und der Balken ein paar Zentimeter abrutschte. Sie rannte los, direkt auf ihn und die Tür zu. Der Balken raste auf den Boden zu.
„Raus hier“, schrie sie und schob ihn zur Tür hinaus, bereit hinter ihm her ins Freie zu rennen. Doch er rannte nicht los. Er kämpfte sich humpelnd und mit Schmerz verzerrtem Gesicht den Flur entlang.
„Lauf“, rief er ihr zu als sie den Arm um ihn legte um ihn zu stützen. Er stieß sie vorwärts als sie seiner Aufforderung nicht folgte, aber sie gehorchte ihm nicht.
„Ich hab dich nicht unter dem Dachbalken hervorkriechen lassen um dich jetzt krepieren zu lassen. Jetzt reiß dich zusammen und lauf um dein Leben, du stinkender Gallier“, fauchte sie ihn an und legte erneut den Arm um ihn. Er wollte etwas erwidern. Der Raum, in dem er eben noch gefangen war, existierte nur noch als staubige Ruine. Der Rest des Tempels würde ihm schon bald folgen.
„Jetzt komm endlich“, fordert sie ihn auf und führte ihn so schnell wie ihnen beiden möglich auf den Hof, dessen Sand sich rot gefärbt hatte. Viele ihrer Brüder und Schwestern sowie etliche Römer hatten hier ihren Tod gefunden. Sein Blick wanderte von Leiche zu Leiche, blieb an manchen länger hängen als an anderen. Schließlich sah er sie fragend an.
„Wo ist Naevia?“
„Ich weiß es nicht. Ich weiß auch nicht wo Spartacus oder mein Mann sind. Ob jemand überlebt hat.“
„Sie muss überlebt haben“, murmelte er, sein Blick zunehmend von Qual erfüllt. Sie verdrehte die Augen. Naevia. Der Gallier kannte kein anderes Thema, hatte keine andere Sorge. Einzig und allein Naevia war ihm wichtig. Wie lange waren sie alle seinetwegen umhergezogen, auf der Suche nach der süßen Naevia? Wie viele ließen dabei ihr Leben? Wie oft hatte er sich mit Agron gestritten, der seine Vernarrtheit nicht teilte und verstand? Wie oft hatte sie selbst die Blicke gesehen, die er ihr zuwarf? Wie oft hatte er seine Beherrschung verloren wenn es um ihre Ehre ging?
„Verschwinden wir hier“, sagte sie schließlich als sie noch ein paar Pfeile und Vorräte zusammengerafft hatte und wieder zu ihm trat, der er nur auf der kleinen Mauer gesessen und sich gesorgt hatte statt sich nützlich zu machen. Sie half ihm auf, er humpelte neben ihr her.
„Was ist mit deinem Bein“, fragte sie nach ein paar Schritten.
„Der Balken“, erklärte er, „er hatte mein Bein eingeklemmt.“
„Ich bin kein gelernter Medicus, aber ich habe ein wenig von ihm gelernt“, bot sie an.
„Ach“, wehrte er mit einer wegwerfenden Handbewegung ab, „keine Wunde, die nicht heilen würde. Ich habe schon Schlimmeres ertragen. Als Naevia mir entrissen wurde –“
„Still“, befahl sie flüsternd und hob eine Hand als sie stehen blieb. Sie lauschte, bereits einen Pfeil auf die Sehne gespannt. Da war es wieder. Das Geräusch eines Schwertes, das gezogen wurde. Sie spannte den Bogen, zielte auf das zersprengte Tor und in den Rauch, der den angreifenden Römern Sichtschutz verschaffte. Sie warf einen kurzen Blick zu ihrer Rechten. Crixus Blick war starr auf das Tor gerichtet, bereit zu töten was auch immer es passierte. Auch wenn er verletzt war, der Gallier war tödlich. Vielleicht auch gerade verletzt noch mehr, sein Überlebenswille und sein Ziel, Naevia wieder in die Arme zu schließen, machten ihn zu einer unaufhaltsamen und unberechenbaren Gewalt, die kein Hindernis und keinen Feind stehen ließ. Sie sah wieder zum Tor, ein Schatten wandelte durch die dichten Rauchschwaden. Gefolgt von einem weiteren. Und noch einem.
„Auf die Mauer“, flüsterte sie und zog sich dorthin zurück. Er folgte ihr, sein Blick immer noch auf das Tor gerichtet. Vor der Treppe zur Mauer blieb er stehen, sie drehte sich zu ihm um als sie seine Schritte nicht mehr hörte. Eine Bewegung am Tor zog ihre Aufmerksamkeit auf sich. Römer. Der Hof war binnen Sekunden voll von schimmernden Rüstungen und roten Umhängen, jeder mit einer glänzenden, Tod bringenden Klinge bewaffnet. Sich ihnen entgegen stellte sich der Gallier.
„Sieh an…Crixus“, ertönte eine Stimme aus einer Menge Rüstungen. Der Mann trat ein wenig hervor, ein selbstgefälliges Grinsen im Gesicht. Crixus Blick verhärtete sich, Hass und Abscheu lagen darin.
„Ashur.“ Er spuckte vor sich in den Sand, das Schwert fest umklammert.
„Wie schön, dich zu sehen, Bruder.“
„Du bist nicht mein Bruder“, erwiderte der Gallier. Ashur lachte.
„Hast du das denn schon vergessen? Wir stammen beide aus Batiatus Haus.“
„Ich entstamme nicht diesem Haus und nicht diesem Ludus! Ich war ein Sklave, genau wie du, falsche Schlange.“
„Lass uns nicht in der Vergangenheit verweilen. Schon längst bist du nicht mehr Crixus, der erste Kämpfer Capuas. Crixus, der unbesiegbare Gallier. Vermisst du sie nicht, die Rufe der Menge? Wie sie deinen Namen in ihrer Gier nach Blut schreien? Ich kann sie noch sehr gut hören. Crixus…Crixus…“
„Du hast keine Ahnung von der Arena! Keine Ahnung, was es heißt, ein Gladiator zu sein!“
„Aah“, machte Ashur und lächelte überlegen, „du siehst dich immer noch als gefeierter Held des Volkes. Der Menge bist du egal, sie will nur noch deinen Tod. Aber nun gut. Du wolltest immer in der Arena fallen, das Gesicht blutüberströmt im Dreck. Die Götter scheinen dir gewogen zu sein, denn das hier wird deine letzte Arena. Und dein letzter Kampf.“ Er breitete halb die Arme aus, bezeichnete so den Hof des noch immer schwelenden Tempels als Arena, in der er den Gallier fällen würde.
„Crixus“, sprach sie ihn an und schüttelte leicht den Kopf als er ihr einen Blick zuwarf.
„Hör auf deine kleine Schlampe, mein Freund. Aber warte…wo ist die süße Naevia? Ich kann noch immer ihre Lippen schmecken…ihre Wärme spüren…wie sie ihre Schenkel um mich schlang…“
Mit jedem Wort, das er über Naevia verlor, verlor der Gallier an Nerven. Er traf ihn an seinem wundesten Punkt, und das wusste er offenbar nur allzu gut. Crixus war der innere Kampf zwischen Beherrschung und Rache anzusehen.
„Crixus! Nein“, schrie sie als er mit einem Kampfschrei losstürmte, das Schwert unheilvoll über dem Kopf erhoben. Sie spannte erneut den Bogen, zielte und traf einen Römer am Oberschenkel. Ein schmerzerfüllter Schrei und der Verletzte ging zu Boden. Pfeil um Pfeil schoss sie ab, Römer um Römer schlug er das Schwert in die menschliche Hülle und schickte sie ins Totenreich. Sie sah zu ihm als er aufschrie, sah die Klinge ihm den Rücken aufschneiden. Einer ihrer Pfeile traf den Römer am Hals und kam in seinem Genick wieder heraus. Er schlachtete viele weitere ab. Ihr gingen die Pfeile aus, die Römer bedrängten sie zunehmend und zwangen sie zum Rückzug auf die Mauer.
„Crixus“, rief sie um Hilfe als sie einen Römer von der Mauer stieß und einem weiteren mit ihrem Messer die Kehle durchtrennte. Er sah zu ihr, kam ihr mit wütendem Gebrüll zu Hilfe und kämpfte sich die Treppe hinauf den Weg zu ihr frei, wehrte Römer um Römer ab.
„Seil dich von der Mauer ab und lauf“, rief er ohne sie anzusehen.
„Ich lass dich hier nicht zurück“, entgegnete sie, „dafür hab ich nicht mein Leben riskiert.“
„Das war keine Bitte! Verschwinde hier!“
Er packte sie grob am Oberarm und stieß sie an den Rand der Mauer. Sie sah hinunter, ein paar unbewaffnete Männer hielten ein paar Meter entfernt Pferde fest. Waren die Römer so leichtsinnig, dass sie ihre Pferde nicht besser bewachten? Oder so siegessicher?
„Worauf wartest du noch“, schrie er und trennte einem Römer den Kopf von den Schultern. Sie verzog angewidert das Gesicht, wandte sich schnell wieder ab und begann sich von der Mauer abzuseilen, das Seil um ihren Körper geschlungen um weiterhin schießen zu können. Und das tat sie als sie bereits auf den Zinnen der Mauer stand, direkt in das Gesicht eines Crixus von hinten angreifenden Römer. Er wandte sich erschrocken um als er den nahen Schrei hinter sich hörte, warf ihr einen Blick zu. Gefolgt von einem Nicken. Sie erwiderte es, verschwand über die Mauer und tötete die beiden Jungen, die auf die Pferde aufpassten, band zwei der Tiere los und führte sie an die Mauer, wo sie auf eines aufsprang. Sie sah nach oben, noch immer hörte sie Crixus wütende Schreie.
„Crixus“, rief sie und sah ihn kurz darauf von der Mauer springen, sich abrollen und nur wenige Momente später wieder auf den Beinen stehen. Er rannte zu ihr und den Pferden, sprang auf und trieb das Tier eilig an, galoppierte aus dem Lager und den Vesuvius hinauf. Sie folgte ihm.

„Wir müssen zu Fuß weiter“, bestimmte er und stieg ab, „die Pferde kommen hier nicht rauf.“
„Aber mit ihnen sind wir schneller.“
„Und schneller zu finden. Lass es laufen.“
Er wandte sich um und erklomm den Berg. Sie seufzte und stieg ebenfalls vom Pferd, strich dem Tier über die Stirn und schickte es den Berg wieder hinunter. Etwas wehmütig sah sie ihm nach.
„Komm schon! Die Römer werden nicht warten bis du dich von deinem Gaul verabschiedet hast und bereit bist weiterzugehen.“
Sie warf ihm einen kurzen bösen Blick zu, er kletterte weiter. Aus der Wunde auf seinem Rücken floss in gemächlichen Strömen das Blut und tropfte zu Boden.
„Du bist verwundet“, bemerkte sie und schloss zu ihm auf.
„Ein Kratzer, nichts weiter“, wehrte er ab. Er ließ sich nicht aufhalten.
„Ein Kratzer, der blutet und eine Spur zu uns legen wird, wenn ich ihn nicht behandle.“
„Später. Wir haben jetzt keine Zeit dafür.“
„Ihr Gallier seid so verdammte sture Böcke“, herrschte sie ihn an.
„Ihr Pikten seid nicht weniger stur! Ich hätte dich gleich von der Mauer stoßen sollen.“
„Ohne mich wärst du nicht einmal mehr hier.“
„Und das werde ich dir auch nicht vergessen, sofern du lernst meinen Befehlen zu gehorchen.“
„Ich werde mich niemals deinem Willen beugen, du verfluchter Gallier! Ich bin nicht aus dem Haus geflohen, an das ich verkauft wurde, um nun dir Gehorsam zu schwören!“
Sie funkelte ihn drohend an, den Dolch bereits gezückt. Er sah sie an, sein Blick glitt zu dem Dolch in ihrer Hand, dann wandte er sich von ihr ab und ging weiter. Sie starrte noch einen Moment seinen blutenden Rücken an, ihr Blick folgte der rot glänzenden Spur darauf und den Tropfen, die die Erde tränkten. Was war er doch für ein Narr zu glauben, niemand würde sie bemerken. Sie wandte sich erschrocken um als sie Kampfgeschrei vernahm. Die Römer holten sie ein. Wenige zwar, schließlich waren sie kein Reitervolk, doch es folgten sicher hunderte zu Fuß. Sie spannte den Bogen, wurde jedoch hart zur Seite gestoßen als Crixus an ihr vorbei den schmalen Bergpfad wieder hinunterwütete um die Leben ihrer Verfolger zu beenden. Sie blinzelte und stöhnte vor Schmerz auf als ihr Kopf gegen die Felswand schlug. Ein wenig benommen sah sie zu ihm, er trat soeben einem Römer gegen die Brust und stürzte ihn so den Fels hinunter. Sie spannte erneut den Bogen, schoss an ihm vorbei auf ihren gemeinsamen Feind. Er ließ niemanden an sich vorbei, in seinem Rücken war sie sicher. Und sie würde ihm diesen schützen sie gut sie konnte.
„Hoch“, rief er ihr zu und rannte ein Stück den Berg hinauf, immer wieder seine Stellung und ihrer beider Leben verteidigend. Sie schoss Pfeil um Pfeil ab, entdeckte den Mann wieder, der Crixus so verhasst schien. Sie zielte auf ihn, der Schuss streifte ihn und hinterließ eine lange blutige Spur auf seiner Wange. Er sah sie wütend an, stieg vom Pferd als sie erneut auf ihn schoss. Er nahm den Speer des Römers neben sich, den Blick auf Crixus gerichtet. Sie folgte seinem Blick. Er holte zum Wurf aus. Ohne zu überlegen sprang sie dem Gallier in den Rücken, ließ sich nach hinten fallen und riss ihn mit sich zu Boden, sah ebenso wie er den Speer über sich hinwegfliegen und an der Felswand zerbersten. Er sah sie an, die Hände auf ihren Armen, die um seinen Oberkörper gepresst waren, um sich von ihrem Angriff zu befreien. Außer Atem vom Kampf und dem Wissen, gerade erneut dem Tod entkommen zu sein, sah er sie an. Ein leichtsinniges Grinsen breitete sich auf seinem Gesicht aus.
„Verschwinden wir“, meinte er und sprang auf, schlug ein paar weitere Römer zurück und zog sie auf die Beine, schob sie vor sich her weiter den Pfad hinauf. Sie verschaffte sich einen Vorsprung, nahm die ihnen noch immer folgenden Römer unter Beschuss bis er wieder bei ihr war und ihren Weg sicherte. Die Leichen türmten sich auf dem Bergpass und stürzten in die Tiefe bis das Signal zum Rückzug ertönte und die wenigen Überlebenden den Abstieg begannen, vorbei an ihren gefallenen Kameraden und über sie hinweg tretend. Sie beeilte sich weiter den Berg hinauf, sah zurück als sie um einen hervorstehenden Felsen bog. Der Tempel, ihr einstiges Versteck, war von Rauch umgeben, durch den kein Blick drang. Um ihn herum Römer, der Wald war voll von ihnen. Wo waren die anderen alle? Waren sie entkommen? Getötet? Gefangen genommen? Wo war ihr Mann? Ihre Landsleute? Ihre Freunde? Warum hatte sie keinen weglaufen sehen? Warum hatte sie nicht gehört, dass sie überfallen wurden? Warum hatte sie keinem helfen können? Sie spürte die Tränen stumm über ihre Wangen rinnen, spürte die Verzweiflung, die über sie kam. Und seine Hand auf ihrer Schulter als er vor sie trat und ihr so die Sicht auf das Unheil, dem sie soeben entkommen waren, nahm. Sie wischte sich über die Wangen, er sollte ihre Schwäche nicht sehen.
„Komm“, forderte er sie auf und sah sie an, „wir müssen Spartacus und die anderen finden.“
Sie antwortete nicht, gab nur dem sanften Druck nach, mit dem er sie vor sich hier den Berg hinauf schob. Ihre Gedanken drehten sich um immer dieselben Fragen. Wie konnte es sein, dass sie nicht eher wach geworden war? Warum hatte ihr Mann sie nicht geweckt und beschützt? Warum schien es keine Spur von ihm und den anderen zu geben? Und warum war sie ausgerechnet mit dem ihr verhassten Gallier allein auf einem Berg auf der Suche nach ihren Freunden?
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