Komm zu mir, Judas

OneshotAngst, Suspense / P12
Cassian Andor
18.07.2017
18.07.2017
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Komm zu mir, Judas


„Verräter sind selbst denen, deren Sache sie dienen, verhaßt.“
- Publius Cornelius Tacitus (um 55 – 120 n. Chr.)

Der schwarze Sack über seinem Kopf bewegte sich unangenehm hin und her und das Sonnenlicht drang nur in winzigen Punkten durch den dichten Stoff. Er hörte nichts, bis auf seinen eigenen Atem, der ihm heiß und feucht entgegenschlug, weil er nicht aus dem Stoff entweichen konnte. Insgesamt kam Cassian sich vor, als würde er ersticken.
Seine Lunge blähte sich immer wieder schmerzhaft auf und versuchte so viel Sauerstoff wie möglich einzusaugen, doch schienen sie sich eher mit einer stickigen Mischung aus hektischem Atem und der Angst zu füllen, die sich unter dem Stoff sammelte.
Konzentriert versuchte er die Geschwindigkeit seines Atems zu zügeln und sich zu beruhigen, doch fiel es ihm schwerer als er zunächst gedacht hatte. Nicht einmal mit der Angst, die gerade in ihm aufstieg, hatte er gerechnet.
Das Kratzen seiner Stiefel auf dem sandigen Boden Jedhas war alles, was er nun noch außer seines Atems wahrnehmen konnte. Das Kratzen und die gegrunzten Befehle des Anführers dieser Truppe von Terroristen, die sie in Jedha City überwältigt hatte.
Cassian kniff die Augen zusammen und hörte genauer hin, doch verstand er die Sprache des einen immer noch nicht und seine Schritte wurden immer schwerfälliger, sodass er beinahe über die eigenen Füße gestolpert wäre, hätte ihn der Mann nicht hochgerissen, der ihn schon seit gut einer Stunde durch die Wüste führte.
Der Griff des Mannes war um seinen Arm gelegt und er war so hart und erbarmungslos wie ein Sommer in dieser Einöde des Planeten. Hier überlebte niemand und auch dieser Mann machte nicht den Eindruck, als würde er gerne Gefangene machen.
Jyns Verwandtschaftsverhältnisse waren der einzige Grund, warum Cassians Kopf gerade in einem schwarzen Stoffbeutel steckte und nicht schon sein ganzer Körper in irgendeinem Loch außerhalb der Stadt verscharrt war.
„Geh schneller“, befahl ihm der Mann und Cassian bemühte sich um Aufmerksamkeit und vollste Konzentration, aber es war eben nicht einfach blind zu sein. Im Gegensatz zu diesem Wächter des Tempels war es nämlich gewohnt zu sehen.
Ausnehmend elegant sah er gerade wohl nicht aus, aber Cassian hatte ohnehin andere Sachen, an die er seine Gedanken verschwenden konnte.
Gleich zu Beginn ihres Marsches hatte er versucht sich zu merken, wo sie hingingen und wo sie abbogen, doch war es alles andere als eindeutig gewesen. Er hätte schwören können, dass sie sich schon nach kürzester Zeit Richtung Osten bewegt hatten, aber er hatte durch den Stoff ungefähr erahnen können, wo gerade die Sonne dieses Systems stand.
Dann noch die ungefähre Tageszeit, mit der hier gerechnet wurde und er war zu dem Ergebnis gekommen, dass sie sich nach Norden bewegten. Im Prinzip hätte man ihn auch vorher im Kreis drehen können, er hätte ein ähnlich abstruses Ergebnis zu Tage befördert.
Die Fesseln um seine Handgelenke schnitten ihm allmählich ins Fleisch und er biss die Zähne zusammen, bis ihm die Innenseite der Wange zu schmerzen anfing.
Irgendwann schmeckte Cassian Blut und er fragte sich, ob das ein gutes oder ein schlechtes Zeichen war.
Solange er Blut schmeckte, lebte er noch – und das war gut.
Was aber, wenn diese Terroristen ihn nur noch mehr bluten lassen wollten? Was, wenn sie von seinem Kontaktmann erfahren hatten, den er am Ring von Kafrene erschossen hatte?
Sie würden ihn dann sicher nicht nur bluten, sondern auch leiden lassen. Und zwar ohne Gnade und ohne Aussicht auf ein Ende.
Blieb nur zu hoffen, dass es sich nicht herumgesprochen hatte, wer den Verletzten getötet hatte, weil er einfach ein viel zu großes Risiko gewesen war. Wenn er ihn noch hätte retten wollen, dann wäre er jetzt auch tot.
So einfach war die Erklärung, aber er würde sich nicht darauf verlassen, dass es irgendjemand nachvollziehen konnte. Jedenfalls niemand außer General Draven. Der akzeptierte die Kollateralschäden meistens anstandslos und beauftragte Cassian mit ähnlichen Missionen wie der am Ring.
Wer sich nicht vorsah und ein Risiko darstellte, der starb eben. So einfach war das und Cassian wusste, dass er immer der nächste sein konnte.
Die Hierarchie verschob sich ständig und jetzt gerade verschob sie sich zu Gunsten Saw Gerreras, der in Cassians Augen nichts anderes als ein Irrer war.
Ein Mann, der die guten Prinzipien der Rebellion verraten hatte, um selbst chaotische und nicht weniger zerstörungswütige Soldaten in den Krieg zu schicken, den man nicht mit Anarchie gewinnen konnte.
Cassian war sich dessen bewusst und deshalb hasste er diese Extremisten auch so sehr. Sie verrieten alles, wofür er seit seiner Kindheit kämpfte und sie taten es mit einem reinen Gewissen. Ein Luxus, den er sich schon lange nicht mehr gestattete.
Ein reines Gewissen hatte er nicht mehr gehabt, seit er sich der Rebellion angeschlossen hatte und es war ihm klar gewesen, dass der Preis sehr hoch sein würde.
Diesen Männern hier war es wahrscheinlich egal, was sie geben mussten und sie taten es einfach nur, weil sie Spaß an Zerstörung hatten oder weil sie glaubten, die Allianz wäre zu weich und das trieb Cassian zur Weißglut.
Sein Gesicht verzog sich unter dem Stoffbeutel und er begann zu schnaufen, so sehr hatte sich seine ohnehin angespannte Laune noch verschlechtert.
Es war, als würden diese Anarchisten noch eins draufsetzen und das Imperium in Sachen Widerwärtigkeit noch haushoch übertrumpfen.
„Du sollst schneller gehen“, wiederholte sein Fremdenführer zischend und verstärkte den Griff um Cassians Oberarm, sodass der sich dazu genötigt sah sich dagegen zu wehren. Er zappelte etwas herum, was es nur noch unangenehmer machte.
Der Stoff seines Hemdes hatte einige Falten geworfen und drückte sich unangenehm in sein Fleisch. Er spürte, wie ihm der Arm einzuschlafen begann und sein Protest wuchs.
Unangekündigt krachte eine Faust in seinen Solar Plexus und ihm blieb schlagartig die Luft weg. Röchelnd krümmte er sich nach vorne und wäre beinahe auf die Knie gefallen, da hielt ihn der Mann fest.
Sein Gesicht musste nun direkt vor Cassians sein, denn das Licht der Sonne wurde verdeckt und ein dumpfer Atem schlug ihm entgegen. Saws Männer lebten wohl tatsächlich so abgeschieden, dass sie nicht einmal so etwas wie fließendes Wasser zu sehen bekamen, um sich zu waschen oder dergleichen.
Als ob sein eigener stickiger Atem reichen würde...
„Wenn du dich noch einmal bemerkbar machst, dann stirbst du. Für mich bist du nichts weiter als ein weiterer toter Junge, kapiert? Nur weil du die Kleine kennst, rettet dir das noch lange nicht den Hals“, gab der Fremde deutlicher zu verstehen.
Aus einem Impuls heraus nickte Cassian und ließ sich wieder auf die Füße ziehen und weiter durch die Wüste führen.
Ihr Fußweg dauerte sicherlich noch weitere zwei Stunden und irgendwann dachte er einfach an gar nichts mehr. Da war nichts mehr, das durch seinen Kopf ging, nicht einmal die unbändige Wut, die ihn vorhin noch zu zerfressen gedroht hatte.
Wenn sie ihn töteten, dann wollte er wenigstens mit ruhigem Kopf sterben. Sich jetzt der Versuchung hinzugeben in Selbsthass und Ekel vor den eigenen Taten zu zergehen, konnte er sich nicht erlauben.
Er musste wachsam bleiben, denn es gab immer einen Ausweg. Sobald er konnte, würde er K-2SO kontaktieren und sich den Weg freischießen.
Er hatte einmal einen von ihnen getötet und er würde es wieder tun. So wie sie ihn töten würden, ohne sich auch nur eine Sekunde lang den Kopf darüber zu zerbrechen, wer er war und warum er gegen das Imperium rebellierte.
Im Gegenzug interessierte ihn nämlich auch nicht, was diese Männer hier dazu trieb, die Allianz durch ihre blinde und unkoordinierte Gewalt zu verraten.
Saw Gerrera trieb sie sicherlich dazu und deshalb war Saw auch ein Mann, den Cassian nicht im Kreise der Allianz wissen wollte. Sollte er doch hier draußen in seiner Wüste verrotten und weiterhin kleine unbedeutende Attentate ausüben.
Cassian nahm ihn jedenfalls nicht ernst.
Genau so wenig wie Saw ihn ernst nahm.
Verräter wurde zu Verräter gebracht. Denn das konnte Cassian nicht leugnen – in den Augen des jeweils anderen und vor allem den Augen des Imperiums waren sie alle nichts anderes als Verräter, die dachten für das Richtige zu kämpfen.
Und sie alle gedachten dieses Richtige mit ihren Mitteln zu erreichen. Egal wie viele Menschen und Wesen dabei starben.
Denn am Ende zählte nur, wer gewonnen hatte.
Einer der Verräter würde sich als dieser Gewinner herausstellen. Bis dahin musste Cassian hier noch viel Überzeugunsarbeit leisten oder sich zur Not den Weg freischießen.
Sein Gewissen bliebe aber auch dabei rein.
So rein es eben ging.

Anmerkung: Mir war gar nicht bewusst, wie viele Lücken dieser Film eigentlich gelassen hat, die man dann wiederum wunderbar literarisch verarbeiten kann. Was meint ihr dazu?
Mein letzter OS hat auch versucht, eine dieser Lücken zu füllen. Wer also Lust hat, kann mal bei Spione, Saboteure, Attentäter vorbeischauen. :)
LG, Erzaehlerstimme
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