Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Roter Lehm

von Glimmer
OneshotAllgemein / P6 / Gen
16.07.2017
16.07.2017
1
408
1
Alle Kapitel
3 Reviews
Dieses Kapitel
3 Reviews
 
 
 
16.07.2017 408
 
Roter Lehm



Das nächste Haus ist meilenweit entfernt, die nächste Stadt einen halben Tagesmarsch.

Es steht allein auf dem Hügel, ringsumher nichts als Kälte und Schnee. Nichts wächst auf seinem Land, nichts blüht - als wäre immer schon Winter gewesen.

Wie ein Gerippe reckt sich der Zaun in den Himmel, das hohe Tor gibt dem Haus seinen Namen, erzählt von der Pracht längst vergangener Zeiten.

Allerdale Hall.

Schwarze Motten tummeln sich im Zwielicht, das schwache Flattern ihrer Flügel füllt die Schatten mit Geflüster. Die Kälte macht sie langsam, die Düsternis lässt sie gedeihen.

Da sind Türen und Zimmer hinter Türen, die auf Menschen warten, die niemals kommen werden und Geheimnisse verbergen, die schrecklicher sind als die Stille, die alles hier erdrückt.  

Altes Laub liegt in den Ecken, keiner kümmert sich mehr darum. Staub und Spinnweben erobern das Haus, ihrem Vormarsch stellt sich schon lange keiner mehr in den Weg.

Durch die langen Korridore wandeln die Schatten der Vergangenheit. Manche Dinge finden niemals Ruhe, manche Dinge bleiben. Und wenn die Dunkelheit kommt kannst du ihr Klagen hören wie den Wind, der sich durch jeden Spalt ins Haus schleicht und längst zu einem Dauergast geworden ist. Du wirst ihn nicht mehr los. Er verfolgt dich selbst im Schlaf und er flüstert von Verzweiflung, Schuld und Tod.

Die Welt vor den alten Toren hat sich weitergedreht, ist schneller, lauter, heller geworden. Doch hier drinnen ist es still, die Zeit ist stehengeblieben, scheint sich rückwärts zu drehen. Die Zeit dieser Hallen ist schon lange abgelaufen, wie Sand gleitet sie dir durch die Finger, unaufhaltsam, immer schneller.

Doch das Haus mit all seiner düsteren Schönheit lässt dich nicht los. Du musst weitermachen, immer weiter. Denn es ist längst zu spät.

Die alte Welt versinkt in feuchter, roter Dunkelheit. Du hast schon lange aufgegeben, dagegen anzukämpfen, weißt, dass du den Verfall nicht aufhalten kannst.  

Die alte Welt gibt dir nichts mehr außer Fäulnis und Tod und doch klammerst du dich daran, weil sie alles ist was du kennst. Du bist ein Teil von ihr und sie lässt dich nicht gehen. Du kannst nirgendwohin. Das Haus stirbt langsam und du stirbst mit ihm, du weißt es längst.

Du hörst es atmen, wenn du die Augen schließt, hörst sein Stöhnen, während es immer tiefer in den roten Grund sinkt. Das Haus verbraucht dich, zehrt dich aus und es ist hungrig, immer hungrig. Wie der Lehm, der es verschlingt.

Roter Lehm.

Crimson.

Crimson Peak.
Review schreiben
 
 
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast