fremde Welten.

GeschichteDrama, Fantasy / P16 Slash
Adam Parrish Joseph Kavinsky Noah Czerny Ronan Lynch
16.07.2017
16.07.2017
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Hey, ich habe vor einiger Zeit die Buchreihe verschlungen und mitten in einer schlaflosen Nacht einfach drauflosgeschrieben. Diese Geschichte hat einige Änderungen zur Originalstory, es könnten SPOILER für die Originalstory vorkommen und manche Charaktere wurden verändert. Tut mir leid, wenn sie zu OOC sind. Wenn ihr Fehler findet, irgendwelche Fragen habt oder einfach was sagen wollt, schreibt ein Review. Die Story ist bewusst so wie sie ist, es gibt Zeitsprünge und plötzlich zusammenhanglos-wirkende Absätze. Alles hat seinen Grund.

Viel Spaß beim Lesen, A-



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Ronan spürte die Sehnsucht obwohl er versuchte sie in Alkohol zu ertränken. Er hatte schon einiges intus, aber es war noch nicht genug, er war weiterhin in der Lage all diesen Mist zu fühlen.

Der Bass ließ den Boden beben und selbst auf der abgewetzten schwarz-grünkarierten Ledercouch konnte er die Vibrationen spüren.

Zigarettenrauch und Schweiß durchtränkten die stickige Luft, aber er fühlte sich wohl. Die Musik wechselte zwischen Punkrock und Elektro, die Leute waren entspannt und tanzten ausgelassen, niemand stellte Fragen.

Rotes Licht beleuchtete dampfend die Atmosphäre und am Geländer des oberen Stockwerkes hing ein ausgestopfter Hirschskopf mit neonblauen Augen.

Überall an den holzigen Wänden des schmuddeligen Raumes, in dem die Party stattfand, klebten Plakate, Sticker und Krizeleien, die jemand mit Edding hinterlassen hatte.

Das riesige „Anarchie!“ im oberen Stockwerk hatte er selbst bei seinem ersten Besuch im Old Mill hinterlassen.

Er genoss die Abenden hier, volltrunken mit Alkohol und Zigaretten, die rasanten Beats und die partyfreudigen Besucher.

Zu zugedröhnt um sich zu sorgen oder zu langweilen.

Kavinsky ließ sich neben ihn fallen. Diese Abenden waren der einzige Zeitraum in denen die beiden miteinander rumhingen, ohne ernsthaften Streit, nur ihre alltäglichen Beleidigungen und einem rumgereichten Joint zwischen ihnen.

Und allmählich war es eine Gewohnheit geworden mit Kavinsky feiern zu gehen, dieser war zwar meist auf irgendwelchen Hardcore-Drogen aber Ronan ebenfalls, also störte es ihn nicht.

Nur manchmal musste er bereits nach kurzer Zeit gehen um zu verhindern, dass er endgültig zu Speed oder Extasy griff – etwas, was er nie probiert hatte, weil er sich Ganseys Reaktion gut vorstellen konnte.

Und irgendwo in Ronan herrschte trotz Alkohol, Zigaretten, Cannabis und Schlaftabletten sowie gelegentlich Kokain ein gewisser Respekt vor Gansey, weshalb er vorrausschauend die Hände von dem illegalen Zeug ließ.

Es gab noch andere Mittel sich auszuknocken.

Der Vodka in seiner Hand war bereits leer, als Kavinsky begann, einen Filter aus seiner Hosentasche zu fischen, dann ein Stück Pape. Kurz darauf folgte eine ordentliche Prise Gras und mit geübter Routine drehte er einen perfekten Blunt. Ronan war es egal, ob Tabak vorhanden war oder nicht.

Hauptsache das Zeug betäubte.

Der erste Zug gehörte stets dem Baumeister des Blunts. Klebrig-süß schwängerte das brennende Gras die Ecke in der die beiden Jungs saßen mit ihrem Duft. Ronan erinnerte es stets an schales Bier.

Er nahm den Joint an, als Kavinsky ihn ihm hinhielt, inhalierte tief und hielt den Rauch in seinen Lungen; dann gab er ihn Kavinsky zurück.

Als er ausatmete, entspannte sich sein Körper. Alles löste sich auf, bis tiefste Entspannung zurückblieb.

Das Lied wechselte, es ging um das Auftauchen der Polizei, es schien ein gesellschaftskritischer Song zu sein mit einem einnehmenden Beat. [1]

Soweit sich sein trunkenes Hirn erinnern konnte hieß der Rapper mit der rauen Stimme Casper.

Vor ihnen auf dem Tisch standen bereits einige Bierflaschen und rote Becher, Ronan hatte seine Füße darauf abgelegt und beobachtete ruhig wie Kavinsky mit einer flachen Metallscheibe das weiße Pulver in schmale Linien unterteilte und dann das reine Kokain durch die Nase schniefte. Es war ein gewohnter Anblick.

Sie beide waren sich bewusst, das sie so niemals 50 werden würden, aber genauso wussten sie, dass sie lieber draufgingen als länger als nötig in dieser verkorksten Gesellschaft und unter der Fuchtel der beschissenen Regierung bleiben würden.

Für diese waren sie nur Teile eines festgelegten Systems, Aglionby-Schüler die später die vorgesehenen Jobs ihrer Väter einnehmen würden und ihre Familien noch reicher machten,

Kurz flackerte Kavinskys Blick zu ihm, doch er schüttelte den Kopf. Heute nicht. Sein Sitznachbar zuckte mit den Schultern, bevor er sich die nächste Line einverleibte.

Ronan ließ seinen Geist von der Musik forttragen, wie so oft wenn er stoned hier war.

Das Old Mill war eine heruntergekommender Lagerhalle mit zugenagelten Fenstern und verschiedenen Räumen, in denen unterschiedliche Dinge wie Partys, Drogenhandel und Poker oder andere Glücksspiele stattfanden und seltsamerweise hatte die Polizei von Henrietta noch nie eine Razzia hier gemacht. Vielleicht war diese Halle aber auch zu abgelegen, als das sich die Bullen darum scherten.

Vor allem war hier niemand, der Ronan kannte und das machte es zu seinem Lieblingsladen – ein bisschen drogenreiche Anonymität, einmal kein reicher Junge aus einer berühmten Familie und ein Aglionby-Schüler sein, nur ein weiterer Dude der mit einem Kumpel feiern ging. Auch wenn er Kavinsky nicht als Kumpel bezeichnen würde.

Seine Gedanken drifteten mit jedem weiteren Zug am Joint weiter ab, bis er irgendwann nur noch auf einen Punkt in die Leere starrte. Summende Stille, aus weiter Ferne merkte er wie die Songs wechselten, doch es kümmerte ihn nicht.

Bis er per Zufall auf die Uhr schaute. Es war vier Uhr morgens und es spielte keine wirkliche Live-Band mehr sondern Plattenspiel-Musik.

Das Zeichen für einen Aufbruch. Mit eingeschlafenen Gliedmaßen erhob er sich, streckte die taubgewordenen Muskeln und sah dann zu Kavinsky.

Der nicht mehr da war. „Arschloch“, knurrte Ronan. Anscheinend war dieser abgehauen. Er stolperte eher als das er ging, aus dem Raum hinaus, den Blick des Türstehers im Nacken.

Draußen angekommen sah er bereits wie die ersten Sonnenstrahlen über den Horizont krochen, ein kitschiges Rosa färbte den Himmel in verschiedene Nuancen.

Ronan kniff die Augen zusammen, sie mussten sich erst wieder richtig fokussieren, so stark war er seit langem nicht mehr abgedriftet.

Der Innnehof war in staubiges Morgenlicht gehüllt und die Autos glänzten wie wild und erschwerten die Suche.

Nach mehreren Minuten fand er seinen anthrazitgrauen BMW und öffnete die Tür. Ronan war es gewohnt betrunken oder high Auto zu fahren, weshalb er sich ohne groß nachzudenken hinters Steuer setzte und den Motor zündete.

Sofort erklang das Radio mit einem rasenden Elektromix und Ronan knallte die Tür zu, so wie er immer alles zuknallte.

Er fuhr den Weg entlang, den er in seinen Träumen stets entlangfuhr, ihm war gerade alles egal – und so machte er sich auf zur Schober, dem Landsitz seiner Familie und dessen Betreten ihm per Gesetz verboten war.



~°~




Ronan Lynch fühlte sich, als wäre er einem weißen Hasen in ein Loch gefolgt. Der ganze Ort hätte aus einer zerfledderten Version von Alice im Wunderland stammen können, dem Lieblingsbuch seines Vaters Niall.

Der Boden der Straße unter seinen bloßen, nackten Füßen war dunkel, schwarzer Marmor, auf Hochglanz poliert und doch von feinen weißen Rissen durchzogen.

Um ihn herum die Trümmer von zerstörten Häusern und alles wirkte so seltsam verlassen, als wären die Bewohner schon vor langer Zeit geflohen.

Verständlich, alles hier war  trostlos, wie ein Friedhof für vergessene Hoffnung.

Über ihm der weite Himmel, schwarz-lila, bedrohlich. Wenn Ronan lange genug hinsah konnte er ganze Galaxien mit dem bloßen Auge ausmachen. Ein roter Mond hing am Himmel.

Die Bäume am Rande der Straße wirkten alt, sie schienen aus dem Marmorboden empor zu wachsen, über die Stämme zogen sich dunkle Auswülstungen, wie Adern, die im Takt eines fremden Herzschlages in einen dunklen lilanen Ton pulsierten.

Ein Herzschlag, der so fremd wirkte in dieser toten Stadt, abstrakt und irritierend so wie alles hier um Ronan.

Diese Bäume erinnerten ihn seltsamerweise an die anderen Bäume, die aus Cabeswater.

Als wären beide Spiegelbilder, die sich ihre Gegensätze spiegelten. Der mystische Wald voller Leben und Wunder und die tote Stadt, zerstört und verlassen.

Beide Orte so unendlich alt und voller Magie, das Geflüster der Bäume im kalten Wind bereitete ihm eine Gänsehaut. Sie tuschelten miteinander, er konnte spüren wie sie ihn beobachteten.

Ob es hier auch eine Ley-Linie gab, die dies möglich machte?

Lampions hingen an den Bäumen, sie wirkten wie Irrlichter, die sich in den Ästen verfangen hatten und ihr kalter Schein schien ihn in die nebligen Wälder locken zu wollen.

Schnell wandte Ronan sich ab. Langsam wanderte er die Straße entlang, entgegengesetzt zu der Allee mit den Herzschlag-Bäumen und folgte dem Glanz des roten Mondes über ihm, der sich im schwarzen Marmorboden spiegelte und alles in einen Rotton tauchte, der ihn an das Gefühl von pulsierender Wut erinnerte.

Vor ihm erstreckte sich ein großer kreisrunder Platz, der Boden war ein riesiges Schachbrettmuster in dessen Mitte eine menschengroße Statue auf einem Sockel stand. Er ging auf sie zu. Die Statue trug einen großen Mantel und sie streckte beide Hände gen Himmel aus, als würde sie den blutenden Mond preisen.

Da sie von hinten beschienen wurde, sah sie mit jedem Schritt, den Ronan näher kam, nur umso bedrohlicher aus, es war eine steinerne Drohung, eine Warnung an jeden der glaubte, diese Stadt sei ohne Grund so ausgestorben und man könnte hier leben. Aber Ronan war es gewohnt.

Manchmal erinnerte ihn die Statue an ihn selbst, giftig und drohend. Ohne seinen Vater war es anders. Hier war der Tod der Herrscher und der Wahnsinn die Religion.

Normalerweise wachte er auf bevor er die Statue erreichte, doch heute war es anders.

Auf dem Sockel standen lateinische Worte, doch bevor er diese lesen konnte, erschreckte ihn etwa so schrecklich alltägliches: ein Husten.

Er wirbelte herum und sah eine kleine, dünne Gestalt in einer zertrümmerten Ruine links von ihm hocken.

Überraschung erfüllte ihn. Er war ständig hier gewesen, so oft, dass er sogar mit verbundenen Augen zu der Statue finden würde und nie war jemand lebendes in der toten Stadt gewesen.

Vorsichtig näherte er sich der kauernden Gestalt. Es könnte ein Monster sein, seine Albträume waren bevölkert von ihnen.

Lautlos kletterte er mit geübten Handgriffen über das Geröll, er hatte schon lange gelernt wie man die Balance hielt, wie man nicht fiel, so oft hatte er diese Stadt durchstreift und die Ruinen durchsucht. Nach etwas, was ihm seinen Vater zurückbrachte. Doch alles was ihm begegnet war, war Einsamkeit und Stille und eine Stadt, die ohne ihren Herrscher war.

Verwundert beobachtete Ronan wie die Person irgendwas vor sich auf den staubigen, hölzernen Hausboden schrieb.

Druckbuchstaben in einer vertraut-geschwungenen Schrift.

Die Gestalt hatte lange, feingliedrige Hände, die Ronan ebenfalls seltsam-vertraut waren. Er erinnerte sich dunkel, wie er sie in einem Traum an den Mund hob.

Hinter ihm tuschelten die Bäume.

Die Person sah ihn an. Braune Haare, blaue Flecken, graue Augen die die Farbe von Rauch hatten und mit einem Veilchen verziert waren.

Es war ein Junge, ein vertrauter Mensch aus der Realität. Erst nach einer Weile fiel Ronan der Name ein: Adam Parrish.

Etwas zog sich in Ronans Magen zusammen, als er sich erinnerte. Wie hatte er bloß den Namen von ihm vergessen können?!

Gerade Parrish, sollte nicht an diesem Ort sein.

Er wollte ihn anschreien, Parrishs Blick senkte sich und Ronan tat es ihm automatisch gleich. Es war als wäre er mit Eiswasser übergossen worden. Die Worte vor Parrish waren lateinisch. Ich weiß was du bist.





Ronan schlug die Augen auf, sein Blick irrte haltlos über die dunkle Deckenwand, die sich in schwindelerregender Höhe über ihm befand. Noch immer fühlte er den kalten Hauch von Entsetzen, hörte die Stimmen der Herzschlag-Bäume und er wollte sich die Hände auf die Ohren pressen um sie zum verstummen zu bringen.

Aber sein Körper reagierte nicht.

Erneut befand er sich in der allmorgendlichen Starre, die stets nach seinen Träumen und dem späteren Aufwachen folgte.

Er fühlte sich seltsam, die Verbindung zur Realität war noch nicht hergestellt und er schien über sich selbst zu stehen, sah sich selbst.

Einen Jungen, der innerlich so zerbrechlich und äußerlich so scharfkantig und gefährlich war, denn jeder der sich nicht durch die waffengespickten Worte, die diese spitze Zunge sprach, verletzen lassen ließ, würde sich an der rasiermesserscharfen Augenbraue aufschneiden und von dem Tattoos erwürgt werden.

Dann war die Starre vorbei und er konnte langsam seine Zehen wieder spüren.

Mit routinierter Bewegung warf er seine Kopfhören neben sich, die Uhr in seinem Handy zeigte 03:54 und 6 verpasste Anrufe von seinem älteren Bruder Declan und 1 von Joseph Kavinsky an. Eine Nachricht von Kavinsky:

hast nicht nur was rennen fahren angeht kein durchhaltevermögen Kein wunder das du 111 in den Arsch kriechen musst

Ronan erhob sich schwerfällig, warf sein Handy neben sich und musste sich kurz darauf irgendwo festhalten, damit ihm sein schwächelnder Kreislauf nicht von den Füßen riss.

Die Schwärze vor seinen Augen lichtete sich. Er schnappte sich ein Muskelshirt.

Seufzend verließ er in Boxershorts sein Zimmer.



~°~




Adam starrte ihn schon eine Weile an. Eigentlich wollte er an seinem Bericht über die französische Revolution arbeiten, aber dann war der Andere in die Bibliothek gekommen und Adam hatte ihn nicht ausblenden können.

Es war schon seltsam, dass er überhaupt hier war, denn normalerweise besuchte der andere Junge die Bibliothek nicht.

Dies war der letzte Ort, den man hatte, wenn man vor dem Anderen seine Ruhe haben wollte oder einmal ohne seine Präsenz sein wollte. Denn normalerweise war der andere Junge mit seiner Ausstrahlung und seinem Aussehen einfach nicht zu ignorieren.

Sein Schädel war kahlgeschoren, er hatte dunkles Haar und helle, reine Haut und alles an ihm wirkte bedrohlich. Und seltsamer Weise gleichzeitig gutaussehend.

Die komplett dunkle Kleidung, bestehend aus einer engen schwarzen Skinny Jeans, Springerstiefeln und einem Muskelshirt, unter dessen Rändern ein Tattoo hervorragte, welches Adams Augen hypnotisch anzog.

Es zog sich über den Nacken, über die Schultern, unter den dunklen Stoff. Er konnte nicht genau ausmachen, was die genaue Abbildung war, doch was er bis jetzt mit bloßem Auge erkennen konnte, bereitete ihm eine Gänsehaut: Dornenbestickte Ranken die aus aufgerissenen Mündern hervorwuchsen und monochrome Linien.

Um seinen Hals hing ein silbriger Anhänger.

(ein kleiner Vogel, der einen Skelettschädel mit leeren Augenhöhlen als Kopf hatte, es war ein Rabe; eine Spezialanfertigung die Gansey ihm geschenkt hatte)

An einer ebenfalls silbernen Kette, welche mithilfe einer dunkelblauen Sicherheitsnadel geschlossen wurde – bei jedem hätte es lächerlich oder gar seltsam ausgesehen und auch der Anhänger wirkte unglaublich makaber und skurril, aber der Junge trug es als wäre es selbstverständlich.

Und irgendwie passte es ja: Manchmal war es als wäre die Sicherheitsnadel das letzte, was ihn davon abhalten würde, die Kette und somit das Versprechen an dessen besten Freund abzureißen und alles kurz und klein zu schlagen und die Schule zu schmeißen.

Denn so war er: bedrohlich, abgebrüht, wütend – ein Soldat im Krieg gegen die ganze Welt.

Oder im diesen Falle gegen die gesamte Bibliothek.

Adam konnte sich gut vorstellen, dass der Brand in der Bibliothek vor zwei Monaten, als er selbst an die Schule gekommen war, Schuld des Anderen gewesen war, auch wenn es niemand beweisen konnte.

Und alles was ihn abhält Amok zu laufen sind eine Kette und alte Worte, schoss es Adam durch den Kopf und seine Gänsehaut verstärkte sich.

Der kahlgeschorene Junge lehnte an einem Tisch in der Nähe der Tür, die geballte Faust auf der Tischplatte abgestützt und ließ seinen Blick umherschweifen um die Renovierungsarbeiten zu begutachten.

Ein Mundwinkel des tätowierten Jungen zuckte verächtlich hoch, eine Augenbraue höhnisch nach oben gezogen, noch immer waren viele Regale rußverschmiert.

Sein Blick streifte Adams.

Adam hatte den Impuls sich zu ducken und hinter seinem Computer zu verstecken, aber das hätte noch auffälliger gemacht, dass er ihn beobachtet hatte.

Der Junge runzelte leicht die Stirn – wäre Adam nicht so ein guter Beobachter, wäre ihm die veränderte Miene entgangen – und starrte ihn dann ebenfalls an.

Ein unangenehmer Schauer lief Adam über den Rücken.

Er wollte weggucken, doch der blinzellose Blick des anderen hielt ihn fest, keinen Zentimeter Luft schien mehr zwischen sie zu passen, trotz der paar Meter und die vielen Tische die sie trennten.

Etwas zuckte über das Gesicht des Jungen, eine Sekunde lang und dann wandte er sich ab.

Doch Adam starrte ihm nach, seine Wangen brannten ein bisschen.

Auch noch als der andere Junge schon lange fort war, starrte er auf die Stelle und dachte über dieses seltsam erleichtert wirkende freundliche Lächeln auf den Lippen des Anderen nach. Als wäre es schön, Adam zu sehen inmitten der zerstörten Bibliothek. Dieses Lächeln von Ronan Lynch war für Kriege gemacht.



~°~




Ronan fühlte die Müdigkeit. Er hatte nach dem Traum von der toten Stadt nicht mehr geschlafen. Wie sein Mitbewohner Gansey litt er an Schlaflosigkeit, jedoch führte es bei ihm eher zu nächtlichen Autorennen mit seinem BMW oder alkoholdurchtränkten Nächten als zu Produktivität und Lese-Sitzungen wie bei Gansey.

Früher wäre er zuhause geblieben und hätte Musik gehört oder anderweitig die Zeit und seine Gedanken totgeschlagen, doch seit dem erweg war, hatte er es in seinem Zimmer nicht mehr ausgehalten, zu viele Erinnerungen geisterten durch das zu große Haus und als dann noch die Halluzinationen begonnen hatten, hatte sich Ronan dazu entschieden lieber zum Unterricht zu gehen.
Die Schule lenkte ihn ab und er machte Gansey damit glücklich.

Es war keine wirkliche Fehlentscheidung gewesen, jedoch fehlte ihm die Motivation, etwas für den Unterricht zu tun. Zu mehr bin ich nicht da oh gott was bin ich bitte sag mir wer bin ich wer bin ich

Es war einfach nicht genug.

Ronan hatte es Gansey nie gegenüber erwähnt, wusste jedoch, dass dieser es vermutete, aber er hatte einfach das Gefühl, dass der Raum zu klein für ihn war, dass er sobald ihn jemand piksen würde, er aus allen Nähten platzen würde und in die Luft gehen würde wie eine Atombombe, er konnte sich nicht konzentrieren, da war zu viel Energie in ihm als hätte er ADHS und immer häufiger war da nur noch stickige Luft zu atmen und diese leere Dunkelheit in seinen Gedanken, die ihn lähmte, bis er aus der Stumpfheit wieder erwachte. Wo ihn die Wut wieder erwartete. Ein ewiger Teufelskreis.

Manchmal betete er zu Gott, mit der Hoffnung auf eine Antwort und manchmal suchte er verzweifelt nach einer Lösung, aber manchmal wollte er auch einfach aus dem Klassenraum rausstürmen und etwas zertrümmern, einfach weinen, schreien, sterben, doch er riss sich zusammen.

Er durfte Gansey nicht enttäuschen, konnte nicht zulassen, noch einmal diesen Blick in den Augen seines besten Freundes zu sehen. Er hatte es ihm versprochen.

Also ließ er seine Hilflosigkeit in Form von roher Gewalt und Wut raus, auch wenn er somit immer am Ausrasten war um all diese surrende Energie abzubauen, die ihm den Schlaf raubte und ihn einengte und ihn solange weiterjagte, bis er betrunken und bewusstlos ins Bett fiel und es half ihm einfach nicht, wenn er versuchte sich zu verausgaben, denn er konnte nicht stillsitzen und die Energie hatte sowieso eine Quelle, die mit normalen Mitteln nicht zu erschöpfen war und es war nicht genug und deswegen suchte er nach den Adrenalinkicks, die ihm für kurze Zeit den Druck von der Brust nahmen, denn he! er konnte dann zu mindestens freier atmen und er betete um Hilfe, um Hoffnung und ja, auch um ein Zeichen und dennoch fühlte er sich die meiste Zeit innerlich taub und verzweifelt genug um allem ein Ende zu setzen, und wenn er dann betrunken am Rande des Monmouth Manufacturing- Dach stand und unter ihm die tödliche Tiefe, dann war dies so aber dies alles war hilfreicher und einfacher als „darüber zu reden“, vor allem mit Gansey.

Mittlerweile neigte er nicht mehr dazu mit alles und jedem einen Streit anzufangen, das Nikotin der Zigaretten und die gelegentlichen Joints hielten ihn ruhig, weshalb er einfach so gut wie immer schwieg. Ronan hatte der Welt nichts mehr zu sagen, er würde es eh nicht bis ins 30-igste Lebensjahr schaffen.

Er spürte ein paar Blicke auf sich liegen. Aus dem Augenwinkel sah Ronan, das es ein paar Mädchen waren, welche die Köpfe tuschelnd zusammengesteckt hatten und kurze, intensive Blicke in seine Richtung warfen.

Innerlich seufzend ignorierte er sie. Er konnte nichts mit ihrem Interesse anfangen, sie waren wie nervige Fliegen, er wurde sie trotz all seiner plumpen Versuche (also ein Arschloch sein) sie abzuschrecken nicht los.

Er wusste selbst, dass er ganz ansehnlich war, trotz der düsteren Ausstrahlung und dem furchteinflößenden Tattoo, welches sich über Schulter, Nacken und seinem oberen Rücken zog.

  In den letzten Wochen war er gewachsen und war mit 1,86m einer der größten Jungs an der Aglionby, dazu kamen seine eisblauen Augen, betont durch die hohen Wangenknochen und dunklen Wimpern.

Er hatte eine tiefe Stimme, die zwar bei Leuten ankam, er selbst spürte sich dadurch nur in seinen Gründen fürs Selbsthassen bestätigt. Klare Haut. Eine berühmte Familie, auch wenn so gut wie die Hälfte davon tot war.

Und auch wenn er sehr dünn war, und man seine Rippen zählen und sich an seinen Schlüsselbeinen beinahe aufschlitzen konnte, hatte er Muskelandeutungen.

Einmal hatte sein Bruder Matthew scherzhaft gesagt, dass Ronan ein anorektischer T-Rex sei: nie hungrig, aber dafür mit einer enormen, allesverschlingenden Wut und einer Wirbelsäule, die wie Dinosaurierstachel unter seiner Haut hervorragte.

Würde er seine Haare wieder wachsen lassen, hätte er garantiert gar keine Ruhe vor kichernden, gaffenden Mädchen mehr und da würde ihm noch nicht mal seine normale, ronanhafte Art helfen.

(Seine Haare ringelten sich dann in rabenschwarzen Locken um seinen Kopf, ähnlich wie bei seinem Bruder Matthew; etwas, was er seit dem Tod seines Vaters nicht mehr gehabt hatte)

Aber auch Jungs sahen ihn an. Meistens ängstlich. Manche aber auch anders.

Anders wie zum Beispiel Joseph-Kavinsky-anders, selbsternannter Meister der Kopien und Drogen und legendären 4ter-Juli-Partys, denn Ronan war sich mittlerweile ziemlich sicher das Kavinsky schwul war oder Adam-Parrish-anders, auch wenn dieser es eher zu verbergen versuchte.

Aber vielleicht war es von Adams Seite auch nur dieser komische Beobachtungstick, den dieser bei alles und jedem an den Tag legte: Als wäre man ein Stück Fleisch, dass analysiert werden müsste.

Adam Parrish war neu, nun seit ungefähr 2 Monaten an der Aglionby; ein Stipendiums- und Landstreicherkind und hatte sich vor einer Weile mit Ronans besten Freund Gansey angefreundet und war nun ein Teil von Ronans Alltag, ein Teil der verlorenen Jungs, wie ein Lehrer mehrmals Ganseys Freundeskreis scherzhaft bezeichnet hatte.

(Bis Ronan es mitbekam und einen Stuhl nach dem Lehrer geworfen und einen einmonatigen Schulverweis kassiert hatte. Noch immer war diese Tat verrufen und legendär, es hatte Ronans Ruf an der Aglionby unsterblich gemacht)

    Adam Parrish war einen Kopf kleiner als Ronan, hatte helle braune Haare, graue Augen, die Ronan an nebelverhangene Hügel in der Schober oder rauchenden Zigarettenqualm erinnerten.

Sein Henrietta-Akzent zeigte seine Herkunft – ein Bauer unter Adeligen. Und seine Züge zeugten davon, auch wenn sie ihm eine seltsame Attraktivität verliehen.

Ein strebsamer, manischer Junge war Adam. Er hatte drei Jobs, trug einen Secondhand-Aglionby-Pullover mit Rabenenblem und hatte ständig ab und zu blaue Flecken, die er mit der sorgsam gerichteten Schuluniform verdeckte. Genauso wie seine Herkunft.

Und auch wenn Adam dies wie so vieles zu verstecken versuchte, wusste Ronan von Adams Geheimnissen.

Ronan war zwar ein nicht ganz so geschickter Beobachter wie Adam,

(Doch er war gut genug um sicherzustellen, dass seine Worte andere so stark und treffend verletzen konnten und ihm einen gewissen Schutz vor menschlichen Kontakt schufen.) aber dafür ein so viel besserer Geheimniswahrer.

Einer der Gründe warum man am besten ihm die dunkelsten Geheimnisse anvertraute.

Ronan log nicht, niemals, aber wenn der Suchende nicht die richtigen Fragen stellte, würde er niemals an das Geheimnis kommen.

Niemand kam auf die Idee, dieses Geheimnis ausgerechnet bei ihm, einen so brutal ehrlichen Menschen zu vermuten.

Ronan hatte das starke Verlangen irgendwo gegenzutreten.



~°~




Für Adam war die Schule einer der wenigen Auswege um von seinem betrunkenen Vater und seiner apathischen Mutter wegzukommen. Hier hatte er Zeit um seine Zukunft fern von dem Doppel-Wohnwagen seiner Eltern zu planen und hin und wieder zu träumen. Hier konnte er glänzen und seinen Status als Musterschüler pflegen. Und er hatte Freunde.

Wie zum Beispiel Gansey.

Den faszinierenden Gansey aus der berühmten Familie Gansey, welcher nicht nur das Kind einer Senatorin war sondern auch der Liebling der Lehrer– neben Adam, dem Musterschüler. Sein eigentlicher Name war Richard Campell Gansey 111, jedoch verabscheute Gansey sowohl seinen hochtrabenden Namen sowie den familieninternen Spitznamen „Dick“, weshalb ihn jeder nur Gansey rief (die Lehrer und Henry Cheng hingegen sagten Richard Gansey).

Auch Adam rief ihn nur bei seinen Nachnamen, denn er hatte einmal einen Nervenzusammenbruch bei Gansey gesehen, als ihn jemand „Dick“ nannte.

Und, das musste Adam zugeben, er würde an Ganseys Stelle auch nicht gerne Dick genannt werden wollen.

Und so hatte es sich eingespielt, das ihn Gansey ebenfalls nur „Parrish“ nannte.

Gansey war einer der besten Freunde, die man sich wünschen konnte und nett, zuvorkommend, allseits beliebt und mit einer Palette an Talenten gesegnet.

Feingefühl gehörte zu Adams Leidwesen leider nicht dazu, denn im Gegenzug zu Ganseys steinreicher Familie (und der Tatsache, dass Gansey den Wert von Geld nicht zu schätzen wusste oder sich dessen überhaupt bewusst war) musste Adam jeden Cent umdrehen um über die Runden zu kommen und die Schulkosten stemmen zu können.

Und Gansey konnte in dieser Hinsicht auch unwillentlich verletzend sein, da er nicht nachvollziehen konnte warum Adam seine Hilfe in Sachen Geld so vehement ablehnte.

Doch Adam hatte halt seinen Stolz und nicht einmal Gansey konnte ihn dazu bringen, diesen hinunterzuschlucken.

Das er genau Adam zu einen seiner Freunde erkoren hatte, war ein kleines Wunder.

Das Klingeln der Glocke beendete den Unterricht und Adam stand auf um seine Sachen zusammen zu packen. Der Lautstärkepegel stieg stark an, als die Jungen der Aglionby die Schule verließen und in die Ferien fuhren. Gansey hatte sich nach vorne begeben um noch etwas mit dem Lehrer zu besprechen

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Schräg neben ihm packte Ronan ebenfalls seine Sachen, doch anstatt sie wie Adam fein säuberlich und vorsichtig in seinen Rucksack zu packen, schmiss sie Ronan hinein. Er würde sie eh nicht über die Ferien anrühren.

Der Raum war fast leer.

Ronan war neben Adam Ganseys bester Freund und hatte das Talent, alles so wirken zu lassen, als wäre es vollkommen beabsichtigt.

Selbst wenn ihm per Zufall ein Stift runter fiel, es wirkte, als hätte Ronan es zu 100% beabsichtigt.

Wieder erinnerte sich Adam an den Moment vor einem Monat in der Bibliothek und erneut spürte er wie sein Magen flau wurde.

Ronan“, sagte Gansey plötzlich in einer seltsamen Tonlage. Es war eine Tonlage, die Adam stets scherzhaft die „Ronan-Tonlage“ nannte, sie erklang nicht häufig, meist nur dann, wenn Gansey Ronan wegen irgendwas ermahnte.

Es war ein Klang, der kleine Kinder dazu bringen konnte ihm überall hinzu folgen. Ein Klang, der für Befehle geschaffen war.

Der Tonfall riss Adam aus seinen Gedanken und er sah zu Ronan hinüber. Dieser sah seltsam starr aus dem Fenster, den Kiefer zusammengepresst und die Stirn gerunzelt.

Langsam schüttelte Ronan den Kopf, ballte die Hände zu Fäusten und sah dann Gansey an.

In seinem Blick lag etwas lauerndes, fremdes. Dies war keine Wut, sondern reine, pure … Verzweiflung?

Es schien eine gewisse Spannung in der Luft zu liegen. Was war passiert?

Als wäre nichts passiert sah Gansey zu Adam und fragte betont fröhlich: „Kommst du mit ins Nino’s?“

Das Nino’s war ein Restaurant mit dem besten Eistee in ganz Henrietta in der Nähe von Ronans und Ganseys Zuhause.

(Irgendwann, irgendwann werde ich mir auch eine WG mit meinen Freunden leisten können, wie so oft kam die Sehnsucht auf, der Wunsch nach etwas, was zeigte, dass Adam stolz auf sich sein konnte. Dass er es aus seinem alten Leben raus geschafft hatte.)

Und dazu arbeitete Ganseys Freundin Blue Sargent dort, auch wenn der Job ihr verhasst war.

Sie kellnerte im Nino’s und behauptete, dass der Eistee nur so gut sei, da sie zuvor da reinspucken würde.

Sie war eine exzentrische Persönlichkeit, deren Familie aus Hellsehern bestand und die einzige Person in ihrer Familie ohne hellsichtige Fähigkeiten war.

Adam hatte nie an das Übernatürliches geglaubt, aber durch die Freundschaft mit Blue und den dadurch entstandenen Kontakt mit den hellsichtigen Frauen aus dem Fox Way - Blues Zuhause - hatte sich sein Weltbild geändert.

Außerdem hatte Gansey eine Obsession mit toten walisischen Königen und hatte es irgendwie geschafft, es total logisch wirken zu lassen, dass diese mit dem Übernatürlichen in Verbindung standen.

„Ja.“, antwortete Adam, auch wenn er ein bisschen verwirrt wegen dem stummen Blickwechsel von Gansey und Ronan war. Diese reine Verzweiflung, die so gar nicht in Adams Bild von Ronan passte.

Sie ließ ihn so … normal, gar menschlich wirken und nicht wie die Personifikation von Aggression und Gift.

Er fühlte sich seltsam ausgeschlossen, auch wenn er – wie er sich direkt in Erinnerung rief – nicht das Recht dazu hatte, da Gansey und Ronan sich viel länger kannten und es natürlich war, dass sie sich ohne Worte verständigten.

Als Joseph Kavinsky – einer der überheblicheren Jungen, oder kurz: Arschloch, des Aglionby-Internats Ronan wie üblich beleidigte, erwiderte dieser es nur mit einem verächtlichen Blick.

Darin war er ungeschlagener Meister.

Das Verhältnis der beiden war ein Wechselbad aus Beleidigungen, adrenalindurchzechten Nächten in Form von Autorennen und Drogen.

Auch wenn Gansey dies nicht gerne sah, so tat, als käme es nicht vor und Kavinsky mied als wäre dieser der Teufel.

Was er im Gegenzug zum engelsgleichen, wohlerzogenen Gansey wahrscheinlich auch war.

Manchmal hatte Adam das Gefühl, dass Kavinsky nach Ronans Aufmerksamkeit letzte.

Ronan zeigte allem und jedem seine Verachtung und gab einen das Gefühl, etwas besonderes zu sein, wenn er denn dann einen seine volle Aufmerksamkeit schenkte.

Auf eine seltsame Art und Weise konnte er Kavinsky verstehen.

Doch bevor er weiter darüber nachdenken konnte verwickelte Gansey ihn in eine Diskussion über einen toten König namens Glendower.

Ronan folgte ihnen wie ein dunkler, bedrohlicher Schatten.

Das letzte was Adam sah bevor die Tür zufiel, war der zusammengekniffene Blick Joseph Kavinsky´, welcher auf den gleichen Punkt wie Ronan zuvor starrte.





~

Keuchend stützte sich Ronan auf das Waschbecken. Hinter seinen Augäpfeln pulsierten dröhnende Kopfschmerzen. Kurz blitzte vor seinen inneren Augen das unwillkommene Bild auf. Helle, fast weiße Haare, braune Augen.

Ein Junge mit hängenden Schultern, eine schmuddelige Schuluniform, der ewige Schmuddelfleck an seiner Wange.

"Me iratum reddis.“ Tote Worte. Du machst mich zornig.

Ronan ballte die Hand zur Faust. Muskelgedächtnis.

Wut entflammte in ihm, seine einzige Möglichkeit den Schmerz zu bekämpfen. Alles färbte sich schleiernd-rot vor seinen Augen, wie die tote Stadt im Lichte des Blutmonds und wie ein Feuer fraß die Wut ihn auf. Ein Klingeln in seinen Ohren, aus weiter Ferne hörte er seine eigenen rasselnden Atemzüge.

Dann flog seine Faust gegen das Spiegelbild, es splitterte, immer wieder rammte er seine Faust gegen den Spiegel und heißes Blut trat aus der brennenden Wunde.

Sein Körper spannte sich an. Risse zogen sich in Spiralen über die Oberfläche des Spiegels.

In Hunderten von Spiegelungen sah er sich selbst. Blutsprenkel zierten manche Scherben. Schwach schwach schwach hämmerte sein Herzschlag.

Abscheu überkam ihn. Er wollte schreien, aber ihm fehlte die Stimme. Ronan spürte wie ihm Galle in den Mund stieg. Er spuckte aus, Speichel lief in den Abfluss. „Doleo.“

Es tut mir leid.

Ronan wollte sich zusammenkrümmen, zu einem kleinen Ball und einfach darum weinen. Um alles. Nur würde er sich danach noch weniger ertragen können.
Selbstmitleid war ekelhaft, so einfach wars. Er zwang den Kloß in seinem Hals zurück, er würde nicht weinen, nicht wenn nur ein paar Meter weiter Gansey und Blue und Adam saßen.

Seine letzten Tränen waren an diesem einen Donnerstag geflossen, als er seinen Vater ermordet in der Auffahrt gefunden hatte.

Es war so viel einfacher wütend zu sein und etwas zu zertrümmern. So viel einfacher als die stumme, mottenzerfressene Traurigkeit zu spüren, die sich wie Staub über alles legte.

Ronan atmete tief durch, grub die Fingernägel in die Handballen, bevor er sich diese auf die Augen presste, so fest, dass er danach Sternchen sah.

Nur langsam beruhigten sich seine Atemzüge, auch wenn die Wunde im Takt seines rasenden Herzschlages pochte.

Er schnappte sich ein paar Papiertücher von dem Spender und wischte mit fahrigen Bewegungen das Blut fort. Das Papier landete im übervollen Mülleimer.

Danach verließ er das Klo, verbarg seine Emotionen unter der lässigen Verachtung und dem Hass, der mittlerweile zu seiner zweiten Haut geworden war.

Manchmal vergaß er, wen er nun eigentlich alles hasste. Aber vielleicht gab es auch einfach nur zu viele Menschen, die man hassen konnte. Sie alle und ihr Scheißmitleid.

~

Beim Tisch am Fenster angekommen ließ er sich neben Adam gleiten.

Vom Fenster aus konnte man auf den dunklen Parkplatz sehen, wo ein einsames Neonschild das Restaurant in leuchtend grünen Neonfarben anpries. Seit 1976.

Adam gegenüber saß Gansey auf der orangenen Kunstlederbank, daneben lehnte sich Blue gegen den Tisch. Ihre Haare waren schwarz und unterschiedlich kurz, ein strubbeliger Bob, gebändigt durch viele unterschiedlich bunte Klammern.

Sie trug ihre grüne Arbeitsuniform und ein Lächeln auf den pinken Lippen, während sie Gansey von irgendeinem Besuch im Fox Way erzählte.

Wahrscheinlich Dean, dem festen Freund von Blues Mutter Maura.

Sie hielt einen Krug Eistee in den Händen. Mit einer leicht gehobenen Augenbraue sah sie kurz auf den durchsichtigen Krug, dann Ronan an. Möchtest du was?, fragten ihre blauen Augen.

Fast unmerklich schüttelte er den Kopf. Die verletzte Hand hielt er unter den Tisch versteckt, hoffentlich würde das Personal erst später den Schaden auf der Männertoilette bemerken und irgendeinen Betrunkenen dafür verantwortlich machen.

Und wenn er dafür verantwortlich gemacht werden würde, würde er einfach einen Schein hinlegen.

Und auch wenn Blue eins und eins zusammenzählen könnte, würde sie schweigen, da sie Gansey nicht unglücklich machen wollen würde und ihren Job hier zu sehr hasste.

Ronans und Blues Beziehung beruhte auf Sarkasmus; dennoch waren sie einander wichtig. Und sich im stillen Abkommen darüber einig, Gansey keine Sorgen zu bereiten.

Ronan begann mit den fünf Lederbändern an seinem Arm zu spielen, eine Angewohnheit, die ihn beruhigte.

Er spürte Adams Blick, Rückstande von Wut flossen durch seine Adern,  kurz war er versucht ihn mit seinem Starren einzuschüchtern

(Ronan hatte es perfektioniert; Menschen fühlten sich durch dieses blinzellose Starren stark verunsichert, ebenso wie durch Schweigen und Stille)

einfach weil er es konnte und er Ronan fucking Lynch war, und kein verdammtes Tier im Zoo, aber dann sah er Ganseys sorglos-glücklichen Gesichtsausdruck und wie dieser sich fröhlich mit Gelato vollstopfte und unterließ es.

Es gab noch genug Gelegenheiten sich mit Parrish zu streiten.

Unbewusst hob Ronan den Arm und fing an, auf seinen Lederbändern herumzukauen.

Sie schmeckten nach Benzin und Leder. Der vertraute Geschmack beruhigte ihn und gleichzeitig turnte es ihn auch ein wenig an. Er war halt ein Autofreak.

„Möchte jemand von euch noch etwas?“, fragte Blue laut. Ronan schüttelte den Kopf. Sie seufzte zwar leise, aber sie war es von ihm gewohnt, dass er stets eine Bestellung verweigerte. Gansey presste kurz die Lippen zusammen und sah auf seinen leeren Becher. „Magst du mir einen Smoothie machen? Mit Johannisbeeren, bitte.“, fragte Adam schüchtern.

Ronan sah, wie Blue kurz überrascht wirkte. Adam bestellte selten etwas. Lag aber eher an mangelnden Geldressourcen als an nicht vorhandenen Hunger wie bei Ronan. Aber selbst er musste zugeben, dass Johannisbeeren geil waren.

„Klar“, murmelte sie.

Sie drehte sich um und Gansey stand auf und folgte ihr. „Ich geh mir kurz die Karte angucken.“, sagte er. Wahrscheinlich wollte er bloß ungestört mit Blue knutschen. Leise kicherte er.

~

Adam fuhr sich durch die hellen Haare. In ihm war eine gewisse Unruhe.

Auch versuchte er das schlechte Gewissen zu ignorieren, dass er den Smoothie bestellt hatte. Jedoch war er nur seiner Intuition gefolgt und auf die verließ er sich, seit dem er mit Gansey und Blue und Ronan befreundet war.

Er trommelte mit den Fingern eine Melodie auf die Tischplatte, die ihn schon seit letztem Monat verfolgte. Erneut waberte der seltsame Traum von der letzten Nacht durch Adams Geist:

Sie saßen dort, im Ninos, die Pizzen waren vernichtet, wodurch Gansey glücklich aussah, Ronan jedoch genervt. Adam unterhielt sich mit Gansey über irgendeine Sache. Während der kompletten Mahlzeit hatte Ronan an kleinen Wunden gepiddelt und dann zu Adam gesehen, wie als würde er bei ihm weitermachen wollen. Adam hatte auch überall diese kleinen Schürfwunden. Er hatte es ihm aber nicht erlaubt.

Kurz darauf hatte Gansey Ronan raus geschickt, damit dieser sich abreagieren ging.

Der Traum hatte sich seltsam-vertraut angefühlt, jedoch konnte Adam sich an keine derartige Situation erinnern.

Manchmal fragte er sich, warum Ronan so gerne auf den Bändern rumkaute. Schmeckten die Teile nicht einfach nur nach altem Leder? Aber dies war einfach eine Angewohnheit Ronans und er schien in Gedanken versunken.

„Gansey macht sich Sorgen um dich.“, sagte Adam ohne nachzudenken, während sein Blick überallhin irrte, nur nicht zu Ronan. Er würde nur seinen Blick nicht wieder lösen können. Der

Angesprochene zeigte keine Reaktion, nur das Rumkauen auf den Armbändern hörte auf. Innerlich seufzte Adam. Mit Ronan ein Gespräch zu haben, war wie als würde man mit vollem Bewusstsein auf ein Mienenfeld treten und nicht wissen, wann eine davon hochgehen würde. (Man wusste nur drei Sachen: 1. Es waren Abertausende von Mienen dort und 2. Ein falscher Tritt und alles flog in die Luft – 3. und man war tot. Metaphorisch gesprochen.)

War es Mut oder Todeswunsch?

„Du bist … in letzter Zeit seltsam drauf. Und zu dünn. Und Gansey sagt er macht sich Sorgen, da du nichts isst und du auch nicht schläfst, zwar gehst du zum Unterricht und so, aber du bist nicht wirklich da und -“ Adams Stimme wurde immer schneller und auch leiser, denn wie immer machte Ronans Schweigen ihn nervös. So wie alles an Ronan ihn nervös machte, dieser gefährlich, adrenalin- und autobesessene Typ mit schlechtem Musikgeschmack  (Punk Rock. Elektro. Metal.) und einem latenten Aggressionsproblem.

Warum auch immer er dieses Gespräch mit Ronan führte, er wusste es nicht.

War es eigentlich ein Gespräch, wenn das Gegenüber nichts sagte?

Er wusste nur, dass Gansey seltsamerweise nicht der Einzige war, der sich Sorgen machte.

Stille umhüllte sie, es war, als wäre die Zeit plötzlich stehen geblieben.

Adams Herz schlug bis zum Hals.

Erneut setzte er an um etwas zu sagen, brach dann aber ab.

Schritte näherten sich ihrem Tisch, die Zeit lief wieder normal. Gansey ließ sich wieder auf seinen Platz nieder und Blue setzte sich neben ihn, obwohl ihre Schicht noch nicht vorbei war.

Das dunkle Tablett mit den Getränken und einem Teller stellte sie vor sich.

Gansey hatte sich anscheinend einen Teller voll Fettuccine bestellt, zuvor hatte er schon einiges an Gelato verdrückt. Die dampfenden Nudeln waren mit einer Pilzrahmsoße bedeckt. Da das Nino’s hauptsächlich mit Aglionby-Schülern gefüllt war, bekam man mittlerweile auch so etwas Extravagantes.

Blue goss sich ein Glas Cola light ein und schob Adam einen dunkelroten Smoothie zu.

Er bedankte sich leise.

In Blues Gegenwart war er immer ein bisschen zurückhaltend, da er mal in sie verliebt gewesen war und einen Korb kassiert hatte. Es war nicht schön und nach so einer Aktion ungezwungen und locker zu handeln war schwierig und es war ihnen beiden zunächst schwer gefallen noch normal befreundet zu sein.

Auch wenn seine Gefühle für sie verblasst waren, war es für ihn manchmal weiterhin unangenehm mit ihr rumzuhängen.

Blue und Gansey schienen nichts von der seltsamen Stimmung am Tisch mitzukriegen, da sie fröhlich drauflos quatschten.

Diesmal erzählte Gansey ihr von dem Artikel, den der Lehrer ihm am Morgen gezeigt hatte. Ronan löste sich aus seiner Starre. Gansey began zu essen.

Adam rührte in seinem Smoothie herum. Die Eiswürfel klirrten leise vor sich hin und Kondenswasser lief ihm über die Hand, die Früchte waren bei der Zubereitung gekühlt gewesen.

Kurz zögerte er. Er litt eindeutig an einem Todeswunsch und Stockholm-Syndrom, aber das wusste er bereits selber und eigentlich hatte dies nichts mit der Situation derzeitig zutun.

Ohne weiter drüber nachzudenken hielt er den Smoothie in Ronans Richtung. Ein Angebot.

Dessen Blick wanderte zu Adam, eisblau traf auf rauchgrau, und seltsamerweise erinnerten Ronans Augen ihn an den kleinen See im alten Wald, von dem er seit ungefähr einem Monat träumte.

Seit dem Tag in der Bibliothek um genau zu sein.

Er erinnerte sich an das Rauschen der Blätter, das Plätschern des Baches, der in den See mündete, mit den kleinen silbernen Fischen und es war als hätte der Wald eine Stimme und die Bäume flüsterten und zwischen den Schatten verbargen sich Träume.

Die Wolken hatten einen bronzenen Rand. Und es schien warm-goldenes Sonnenlicht, ein Wald voller Licht. Adam hatte das Gefühl gehabt, dass alles möglich war, dass Freiheit nicht nur ein ferner Traum war. Er hatte sich mächtig und berauscht von der magischen Atmosphäre des Waldes gefühlt. Wie ein König.

Ronans Blick war, als würde Adam erneut im Wald stehen.

Als würde man ihn zu einem Kräftemessen herausfordern.

Ronan gab ihn seit dem damaligen Tag in der Bibliothek das Gefühl, dass sich etwas verändert hatte und Adam konnte nicht nur zahllose ausbleibende Ausraster als Grund nennen. Sondern auch dieser Blickkontakt passierte immer häufiger und dieses zunehmende Gefühl mit ihm auf einer Augenhöhe zu sein. Und hin und wieder Ronans Aufmerksamkeit würdig zu sein. Auch dies war ein berauschendes Gefühl.

Dessen Blick wanderte kurz zu dem Smoothie, Adam erinnerte sich an das Wort, dass in einen Baum geritzt war. Cabeswater. In dem Moment flackerte Ronans Blick zurück zu ihm.

Die blauen Augen weiteten sich ein kleines Stück. Als hätte er es gehört. Adams Härchen an den Armen stellten sich bei diesem Gedanken auf. Die Bank unter ihnen knarzte leise als Ronan sich abrupt vorbeugte und mit seinen langen, schlanken Fingern den Becher umfasste und dem Mund um den Strohhalm schloss.



~°~




Adam war nicht der größte Fan vom Bestellen im Nino‘s, denn er musste sparsam mit seinem Geld sein, und es war halt ein überteuerter Laden für zu reiche Leute.

Er hatte über Ganseys Worte nachdachte und wie er diesem helfen könnte.

„Ich mache mir Sorgen um Ronan. Nicht nur, dass seine Wut immer schlimmer und unkontrollierbar wird… aber er wird auch immer dünner. Er isst nichts. Ich kann mittlerweile seine Rippen zählen, es sind übrigens 24 … und er schläft nicht mehr und immer wenn ich aus dem Fenster sehe ist sein BMW weg und ich glaube er geht zu Kavinsky und – ach verdammt! Das kann nicht möglich sein, den Kavinsky ist ein gottverdammter Idiot und Ronan würde sich niemals dazu herablassen, richtig? Oder gar mit dem befreundet sein, oder? Ich habe einfach Angst. Ich dachte, es wäre vorüber! Ich weiß einfach nicht mehr weiter, es ist so viel schlimmer geworden seit-“ Kurz war der Wortschwall unterbrochen worden und ein Schatten war über Ganseys Gesicht gehuscht. Jetzt gerade war er nur ein Junge mit einer zu großen Last und einem Herzen voller Sorgen.

Nichts war mehr zusehen von seiner glatten Art, die er in der Schule an den Tag legte. Jetzt gerade war er ein fragiler Gansey, der sich Sorgen um seinen bester Freund machte.

Und Adam fragte sich, was der Grund für Ganseys kurze Unterbrechung war. Höchstwahrscheinlich Niall Lynchs Tod. Aber das würde er nicht verschweigen, davon wusste Adam bereits ja.

Adam, ich bin hilflos…. Ich habe Angst … um ihn.“ Ganseys Stimme war immer leiser geworden, fast tonlos. Adam hatte ihn nur ratlos angeguckt.

Wenn Gansey hilflos war, stand es wirklich schlimm um Ronan.

Und in dem Moment war dieser wieder aufgetaucht vom Toilettengang, er hatte hasserfüllt gewirkt - und wie immer so verdammt schweigsam.

Adams Magen knurrte leise und das Wort „Smoothie“ leuchtete wie ein Signalfeuer in seinem Kopf. Adam hatte sich angewöhnt auf solche Impulse zu hören und zu handeln.

Wenigstens damit konnte er sich selbst einen Gefallen tun.

Er hatte nach der Bestellung versucht das Thema anzusprechen und als Blue ihm den Smoothie gab hatte er ihn Ronan hingehalten.

Er hatte nicht erwartet, dass Ronan wirklich trinken würde. Es war nur eine verrückte spontane Idee seinerseits gewesen.

(Scheiße verdammt, Ronan nahm nie irgendwelche Nahrungsmittel zu sich, er hatte ihn nie essen oder irgendwas trinken sehen, solange er ihn kannte! Außer in dem Traum…)

Die rote Flüssigkeit floss durch den durchsichtigen Strohhalm, Ronans lange Wimpern warfen Schatten auf seine hohlen Wangenknochen. Sein Kehlkopf bewegte sich als Ronan schluckte. Es war einfach ein wirklich faszinierender Anblick.

Adam spürte wie sich seine Ohren röteten. Er sollte Ronan nicht so anstarren. Dennoch wandte er den Blick nicht ab. Er konnte nicht.

Er war sich nur zu deutlich den Blicken ihrer Sitzpartner bewusst, aber diese waren eher auf Ronan gerichtet als auf Adam, worüber dieser froh war.

Blue erstaunt und Gansey fast schon schockiert, gleich würde diesem noch der Mund aufklappen.

Dann sahen sich die beiden an und fingen an sich zu unterhalten, auch wenn das Gespräch mehrmals stockte, und Adam fühlte eine gewisse Erleichterung, als deren Blicke nicht mehr so offensichtlich waren.

Und in dem Moment als beide nicht hinguckten, hob Ronan leicht den Blick vom Becher und Adams Blick wurde fast schon fassungslos. Unruhig verlagerte er seine Position auf der Bank.

Kondenswasser tropfte ihm über die Finger auf die alten Plastikbezüge ihrer Sitzbank. Warum war er nur so leicht aus der Fassung zu bringen?

Durch die halbgeschlossenen Augen sah Ronan ihn von unten an, blaue Augen, wie Frost, diese provozierende Attraktivität und dieser starre Blick, der mal auf seinen Augen und dann kurz zu seinen Lippen wanderte, dieser Blick, der fast schon lasziv war und dann schluckte Ronan einen weiteren Teil Saft und Adams Mund wurde seltsam trocken.

Langsam ließ Ronan den Strohhalm aus seinem Mund gleiten, die schmalen Lippen gerötet vom Smoothiesaft.

Schneewittchen, auch wenn der Gedanke lächerlich war, wenn man ihn mit Ronan in Verbindung brachte. Doch das dunkle Haar, die bleiche Haut und die roten Lippen…  Adam spürte wie seine Ohren sich noch mehr röteten.

Nein, das war keine Einbildung gewesen: Ronan Lynch hatte ihn angemacht.

Der tätowierte Junge ließ den Becher los. Adam blinzelte mehrmals.

Ronan wandte den Kopf zur Seite, die Ruhe selbst, als wäre es jetzt und hier vollkommen normal, dass er etwas zu sich nahm oder jemanden anmachte. Ihn, Adam Parrish, anmachte.

Kurz schwebte seine Hand mit dem Smoothie immer noch in der Luft, dann stellte er ihn ab.

Aus dem Augenwinkel sah Adam wie Ronan sich über die Lippen leckte.

Sofort fokussierte Adam die Tischplatte und versuchte Ronans Blick beim Schlucken aus seinem Kopf zu verdrängen oder wie dessen Zunge über die rötlichen Lippen glitt.

Unruhig spielte er mit dem Strohhalm herum, aber nun davon zu trinken war ein unvorstellbarer Gedanke für ihn.

Er würde nie wieder einen Smoothie trinken können. Nicht ohne Ronans Blick vor den Augen.

Kurz fing er Ganseys Blick auf – so voller Dankbarkeit. Hatte er nicht mitbekommen, was passiert war? Anscheinend nicht und so erlaubte sich Adam ein kleines Lächeln – mit einen seltsamen Flattern im Bauch und auch ein bisschen Scham, weil er sich so leicht in Verlegenheit bringen ließ.





Ronan spürte noch immer den Geschmack von Johannisbeeren auf seiner Zunge. Er hatte eigentlich ablehnen wollen, als Parrish ihm den Smoothie hinhielt. Ihm hatten schon die Worte auf der Zunge gelegen, irgendwas gehässiges und er sah ihn in die grauen Augen – aber dann hatte er ein Flackern am Rande seines Bewusstseins gefühlt. Bilder vor seinen Augen.

Adam Parrish inmitten der Ruinen der toten Stadt. Die lateinischen Worte im Staub.

Hängende Schultern, ein Fleck an der Wange. Inmitten einer sommergrünen Lichtung, gehüllt in Sonnenlicht. Cabeswater.

Er hatte Parrish gesehen, wie er inmitten der Ruinen stand, wie er glücklich gelacht hatte. So voller Glück.

Seine Augen weiteten sich, dieses Lachen, wunderschön und rein, so voller Leben, inmitten des Ortes, wo er nie Leben erwartet hätte … und er hatte sich vorgebeugt und getrunken. Hatte die gehässigen Worte mit Saft fortgespült.

Süß schwabbte ihm die Flüssigkeit in den Mund und er schluckte. Sein Blick hob sich ohne sein Zutun. Parrish starrte ihn an. Seine Augen geweitet, die Ohren gerötet und seine Atmung war etwas unregelmäßig.

Ronan war von diesem Anblick gefesselt genug, zudem war er einfach so sehr ans Provozieren gewöhnt, um ganz kurz alle Schutzmauern fallen zu lassen und Adam Parrish in sein Geheimnis einzuweihen.

Ronan schluckte erneut und die Ohren Parrishs wurden noch röter unter seinem Blick. Begreifen in seinem Blick.

Er konnte Ganseys und Blues zwanghaft intensives Gespräch hören und die Gänsehaut auf Parrishs Armen sehen.

Dann lehnte er sich zurück und ließ den Becher los. Und da er Parrish kannte, wusste er auch, dass dieser ihn aus dem Augenwinkel beobachten würde.

So wie er es immer tat. So wie man es bei einem Tier tat, von dem man nicht wusste, was dieses als nächstes tun würde. Ronan leckte sich über die Lippen. Adam war leicht aus der Fassung zu bringen.

Und er fühlte sich gut, als er Adams kleines schamvolles Lächeln sah.

Innerlich musste er sogar ein wenig über die Blicke seiner Freunde lachen, die sie sich gegenseitig zuwarfen.

Jedoch äußerlich hielt er seine Maske der Ruhe und Gleichgültigkeit aufrecht.

Adams kleines Lächeln weckte in ihm das Verlangen, es noch häufiger auf Adams Gesicht zu zaubern.

Aber dies mussten sie nicht wissen.

Denn auch wenn er Lügen hasste, wahrte er Geheimnisse besser als der eigentliche Geheimnisinhaber. Aber was erwartet seine Freunde? Ronan war unberechenbar.

Nur die Toten konnten besser schweigen als er.



~°~




Adam stand draußen vor dem Restaurant und wartete, dass Gansey fertig wurde drinnen zu bezahlen. Gleich musste er wieder nachhause. Er fühlte eine gewisse Traurigkeit. Aber nicht ganz löschte sie den Hauch von Glücklichkeit und den Schwall an Verwirrung aus. Sechs Wochen Hölle.

Niemand kann mich kennen.

Das Bimmeln des kleinen Glöckchen von der Tür des Nino’s sagte ihm, dass jemand heraustrat. Stille. Anscheinend Ronan, schweigsam wie schon den kompletten Tag über. Nicht einmal hatte er heute etwas gesagt. Ein tiefer Atemzug ein, ein leiser zischender Ton, als die Luft zwischen den Lippen rausgepresst wurde, bestätigte Adams Vermutung – Ronans Raucheratmung, wie Gansey sie nannte und wahrscheinlich einer der Gründe warum die Frauen des Fox Ways Ronan als „die Schlange“ bezeichneten.

Es klang wie das Zischen einer Schlange.

Adam wusste nicht, was er sagen sollte, als Ronan neben ihn trat.

Fast musste er lachen, aber dann sah er wieder Ronans Blick vor sich und er starrte auf seine Schuhsohlen. Dafür hatte es sich gelohnt, dass überteuerte Getränk zu holen.

Schweigen umgab sie weiterhin und noch hatte Adam keine Toleranz dagegen entwickelt so wie Gansey.

Er schabte mit seinem Fuß über den Kiesboden, ein kratzendes Geräusch entstand dabei.

„Nun, ich fand das Essen sehr lecker.“, hörte er Ganseys Stimme. Anscheinend redete er mit Blue. Adam verdrehte die Augen.

Pärchen waren anstrengend.

Dann fiel sein Blick auf Ronans Hand. Es war die ohne Bändchen, die er die ganze Zeit unter dem Tisch gelassen hatte, wie Adam auffiel und nun sah er auch warum.

Sie war blutig. Adam erinnerte sich an Ronans seltsame Ausstrahlung nach dem Toilettengang. Eine Präsenz die nur auftrat wenn er ausrastete. Fuck.

Ronan bemerkte seinen Blick, er hob eine rasiermesserschafe Augenbraue und seine komplette Ausstrahlung schien zu sagen: Frag nach und ich zerfleische dich.
Keinerlei Freundlichkeit lag darin, niemand würde je vermuten, das Adam vor nicht ganz einer halben Stunde noch von Ronan angemacht worden war.

Adam schluckte und sah nach hinten. Auch wenn er es nicht zugeben würde, die Ablehnung tat weh. „Alter, Gansey! Wie lange brauchst du noch?“, rief er gezwungen fröhlich auch wenn ihm nach Weinen zumute war. Er war ein guter Schauspieler.

Sechs Wochen ohne seine Freunde, angefüllt mit betrunkenen Vätern und Arbeit.

Zum Glück tauche Gansey nun auf. Ronans  Handy vibrierte in dem Moment. Vor einiger Zeit war es zu Gewohnheit geworden, dass Adam Ronans Handy hatte, da Ronan nie dran ging und man dagegen zu mindestens Adam erreichen konnte.

Er zog es hervor und seine Gesichtszüge gefroren bevor er sie unter Kontrolle bringen konnte. Eine vertraute verhasste Nummer. Lisa Parrish.

Eine Stimme schrie in seinem Kopf, nein nein nein, aber ihm kam dies alles so weit fern vor. Sechs Wochen Hölle. Er schluckte schwer, als sich ein Kloß in seinem Hals bildete. Nicht weinen, Adam!, ermahnte er sich selbst, doch der Boden verschwamm bereits vor seinen Augen. Ich will nicht, flüsterte ein leises Stimmchen in ihm.

Er fühlte sich hundeelend.

Sein Mund öffnete sich, um banale Abschiedsworte zu sprechen, damit er gehen und weinen konnte.

Dann spürte er kühle Hände, die ihm das Handy aus der starren Hand entwanden, sein Mund entkam kein Ton (Nicht, Gansey! Tues nicht), doch dann hörte er bereits das vertraute Piepsen eines angenommenen Anrufes. Verdammt.

Warum musste Gansey nur so ein Kontrollfreak sein?

Niemand kann mich kennen. Niemand kommt gegen meinen Vater an. Es war vorbei. Sechs Wochen Hölle.

Adam, wo bist du? Hallo? Hallo! Wer ist da?! Adam, komm sofort nach Hause, erklang die Stimme seiner Mutter. Geheuchelt besorgt.

Fast täuschend glaubwürdig über die Lautsprecherversion.

„Adam kommt heute nicht. Er übernachtet bei mir.“, erklang eine so tiefe Stimme, die garantiert nicht Ganseys war. Überraschung breitete sich in Adam aus. Das war unmöglich! Nur langsam drangen die Worte in sein betäubtes Hirn.

Er hörte wie sein Vater neben seiner Mutter redete. Mit wem redest du?

Ronan Lynch, er sagt, dass Adam bei ihm übernachtet. -

Ah, der. Nun Arschloch, wenn das so ist, sag meinen missratenen Sohn das er es die Ferien über nicht wagen soll aufzutauchen, wenn er gleich nicht zuhause ist! und der Ton eines aufgelegten Anrufs erklang. „Selber Arschloch“, brummte Blue. Ihr Freund nickte zustimmend.

Gansey hatte einmal zu Adam und Blue gesagt, dass Ronan seine Stimme deshalb so selten nutzte, weil einmal etwas sehr schlimmes passiert war. Was genau, wollte er nicht sagen. Blue hatte damals gelacht (Hallo? Es war Ronan, der ließ sich doch nicht von irgendeinem Mist beeindrucken!)  bis sie begriff, dass es die Wahrheit war. Eine seltsam beunruhigende Wahrheit.

Jedes Mal wenn Ronan redete, war Adam trotz der Beunruhigung, die Ganseys Aussage in ihm auslöste, fasziniert.
Dieser tiefe Basston, rau und beruhigend.
Eine Stimme, die fürs Reden gemacht war. Ronan war in der Lage mit seiner Stimme einen gesamten Saal zum Verstummen zu bringen, einfach nur dadurch, dass er redete, was er jedoch so gut wie nie tat.

Auch wusste er, dass Ronan Telefonieren hasste. Er rief niemals zurück, ging niemals dran. Ein ewiger Streitpunkt, besonders in Notfällen.

Auch einer der Gründe warum Adam das Handy hatte.

Und jetzt war Ronan dran gegangen. Für Adam.

„Ich..“ Ihm fehlten die Worte, dass waren zwei Wochen ohne den Zwang zurück zu müssen. Er konnte es kaum begreifen, nur langsam kam die ganze Bedeutung des vorangegangenen Gespräches in sein Bewusstsein.

Adam sah diesen Jungen an. Diesen kaputten, seltsamen, gefährlichen Jungen, der ihm allein durch seine eindrucksvolle Stimme und seinen Namen Freiheit erkauft hatte.

Dankbarkeit überflutete Adams komplettes Sein.

Gansey lachte laut auf, sprang auf Adam zu, wuschelte ihm durch die Haare und rief: „Das wird so geil. Excelsior!“

Auch Blue stieg in das Lachen mit ein, und Adam nach dem er den Schock überwunden hatte, auch. Er lachte, weil er (wenn auch nur begrenzt) frei war und weil er glücklich war; nur ein kleines Stimmchen in ihm fragte WARUM?

Ronan stand dort, mit seinem Handy in seiner Hand und sah undefinierbar in die Leere.


~



Ronan stand am Fenster und streichelte Chainsaw. Der weibliche Rabe kuschelte sich an seine Hand. Hinter ihm unterhielten sich Adam und Gansey.

In den letzten Wochen war Chainsaw gewachsen und schwer geworden, sie passte nun vollends in eine Handfläche Ronans.

Einige Minuten nach dem Telefonat hatte Adam naiv gefragt, wo er nun schlafen würde und Ronan hatte ihn nur spöttisch angesehen: „Nun, ich würde sagen, du übernachtest bei uns im Monmouth Manufacturing.“

Adam hatte erst ihn dann Gansey mit großen Augen angesehen. Blue hatte Adam in die Seite gestoßen und irgendwas von „Ich bin ja so neidisch“ gefaselt.

Adam hatte nervös aufgelacht. Ronans Blick war kurz zu ihm geflackert, wie schon seit Monaten. Adam hatte erwidert, wie schon seit Monaten.

Kurz darauf waren sie alle – bis auf Blue, welche mit ihrem Fahrrad in den Fox Way fuhr – in den quietschorangenen Camaro von Gansey (Pig genannt) gestiegen. Gansey hatte natürlich hinter dem Steuer gesessen, er gab niemals den Schlüssel an andere weiter, besonders Ronan würde niemals hinter dem Steuer sitzen, dass hatte Gansey klargestellt, solange Pig in Ganseys Besitz war und Adam hatte sich auf den Beifahrersitz gesetzt.

Ronan saß hinten. Parrishs ganzes Gesicht hatte glücklich gewirkt.

Allein dafür hatte es sich gelohnt, einmal seinen Hass auf Telefone zu ignorieren und Adam ein paar Tage Freiheit zu erkaufen, fand Ronan. Für dieses glückliche Lächeln.

Die irritierten Blicke hatte er ignoriert. Im Licht der Straßenlaternen wirkten die hellen Haare fast weiß und die Schatten ließen seine Augenhöhlen bodenlos schwarz wirken. Der Fleck an seiner Wange stach durch die permanent wechselnden Lichtverhältnisse fast schon obszön hervor.

Noah drehte den Kopf und das Rabenenblem der Aglionby reflektierte das Licht auf dem dunklen Pullover.

Entsetzen packTe Ronan, seine Hand brannte wieder von der Wunde, die er sich beim Zerschlagen des Spiegels zugezogen hatte.

Da waren sie wieder, glühende Blicke und dieser eine Laut, ein heiseres fast lautloses Lachen, „Ich verrate keine Geheimnisse“, Herbstlaub und Gänsehaut und ein leuchtend roter Mustang.

Sehnsucht ließ sein Herz schmerzen.

Ronan kniff die Augen zusammen und konzentrierte sich auf den Schmerz in seiner Hand. Zwang sich dazu ruhig zu atmen, auch wenn der Druck auf seiner Brust schwarze Flecken am Rande seines Gesichtsfeldes aufflammen ließ. Das ist nicht er, das ist Adam!

Sein Blick wandte er nach draußen. Kälte kroch ihm unter die Haut. Er wollte seine Schande nicht sehen, wollte die alte Sehnsucht nicht fühlen.

Erneut spürte Ronan diese vertraute Situation: vorne seine Freunde, ausgelassen und trunken vor Glück und hinten er, allein, der alte Schmerz glühend in seiner Brust und die Gedanken an Alkohol und eine verstaubte Kirche und kühlen Parkettboden, die ihn wieder einnahmen und unter die Wasseroberfläche zogen, alles verband sich zu einer bodenlosen Schwärze als Ronan das Bewusstsein verlor.



~°~




Ronan fuhr über Chainsaws Köpfchen und der Rabe gurrte glücklich. Natürlich darfst du den Raben behalten.

Er hätte sie sowieso nicht abgegeben! Sie war seine, ganz und gar.

Aber gleichzeitig hatte er noch eine andere Erinnerung an diesen Tag (Und was ist, wenn ich eine Anti-Haustierregel festlege?, hatte Gansey gesagt. Und er hatte gelacht, Verdammt, alter du kannst ihn doch nicht vor die Tür setzen. Gansey hatte nicht gelacht.) – obwohl diese niemals stattgefunden hatte.

Aber eigentlich hatte Ronan sich schon daran gewöhnt, er hatte sich seit dem damaligen Gespräch mit den Frauen aus dem Fox Way gefestigt, aber nie hatte er später jemand anderem davon erzählt.

Es gab ja sonst niemanden, der auch unter fremden Erinnerungen litt.

Nicht mehr, seitdem sein Vater ermordet worden war.

„Wo schlafe ich jetzt eigentlich?“, fragte Adam und riss Ronan damit aus seinen Gedanken. Im Monmouth gab es keine Couch, da Ganseys Bett direkt im Raum stand und sich irgendwie nie jemand hinsetze. Außer an den Schreibtisch.

Darüber hatte Ronan gar nicht nachgedacht.

Und mit Gansey ein Bett zu teilen war unmöglich, das wussten alle im Raum, den Gansey schnarchte. Auch wenn dieser jedes Mal heftig widersprach, wenn er darauf angesprochen wurde.

Und sonst gibt es noch mein Bett und - er unterbrach den Gedanken. Das einzige andere Zimmer im Mormount konnte niemand betreten, dafür hatte Ronan ohne Ganseys Wissen gesorgt – er konnte es nicht ertragen jemanden dort drin zu wissen.

Und sein Bett teilen?! Nun, Ronan war niemand, der besonders viel schlief und auch noch mit Adam in einem Raum…

„Ich kann auch geh-„ „Nein!“ unterbrach ihn Gansey und Chainsaw stieß einen zustimmenden Laut aus. „Du könntest … bei …Ronan-“

Gansey beendete den Satz nicht und beäugte eine Seite in irgendeinem Notizbuch von ihm durch seine Brille. Da es Abend war hatte Gansey seine Kontaktlinsen ausgezogen, auch wenn ihn die Brille unwahrscheinlich alt wirken ließ. Das Licht der kleinen Nachttischlampe beleuchtete die krakelige Schrift in dem Buch.

Adam wurde rot, was man trotz der Dunkelheit im Raum sehen konnte und Ronan musste insgeheim darüber schmunzeln, auch wenn er gerne Gansey irgendwas an den Kopf geworfen hätte.

Dieser wusste anscheinend nichts von der Aktion mit dem Smoothie. Gut so, Ronan mochte es nicht, seine Geheimnisse zu offenbaren. Wie als wüsste sie voran er dachte stieß Chainsaw einen seltsam keckernden Laut aus, der sich fast wie ein Lachen anhörte.

„Hör auf zu lachen, Mistvieh“, murmelte er ihr leise auf Lateinisch zu. Sie zwickte ihm liebevoll in den Finger. Dann flog sie in sein Zimmer.

Er ging los, an Ganseys Bett vorbei und blieb vor seiner Zimmertür stehen. Ronan drehte sich nicht um, er konnte den Blick der beiden auf sich spüren. „Was ist jetzt?“





Adam spürte die Nervosität im ganzen Körper. Noch immer glühten seine Wangen und er hatte den Verdacht, dass Ronan dies wahrgenommen hatte. Ronan. Langsam erhob er sich von Ganseys Bett und ging in Richtung Ronans Zimmer. „Gute Nacht“, sagte er zu Gansey. Dieser nickte bloß und sagte trocken „Fühl dich geehrt. Normalerweise lässt er niemanden in sein Zimmer, geschweige denn in seinem Bett pennen. Selbst mich nicht, als ich einmal einen Albtraum hatte.“

Adam sah ihn mit gemischten Gefühlen an, schwieg, denn was sollte er schon darauf antworten?

Er wusste, dass Gansey und Ronan sich so nah wie Brüder waren. Näher, als sich Ronan und seine eigenen Brüder je kommen würden. Das bekam er immer wieder, wenn auch unbewusst von den beiden, zu spüren.

Er war halt stets der Nachzügler, sowohl in der Welt der Reichen als auch in der Welt der Freundschaften.

Adam ging in Richtung von Ronans Zimmer. Insgeheim jedoch (auch wenn er sich dafür schämte) erfüllte es ihn mit einer perversen Art von Stolz und auch einer kleinen glühenden Freude, Ronan hatte heute etwas zu sich genommen, eine Tatsache die von außen betrachtet total lächerlich wirkte, da sie für normale Menschen so normal war, aber wer Ronan kannte, wusste wie ungewöhnlich – ja gar unmöglich – sowas war. Und er war an ein Telefon gegangen. Und er ließ Adam in sein Zimmer.

Adam klopfte aus Höflichkeit, auch wenn das bei Ronan total unnötig war und öffnete die Tür, trat aber zunächst nicht ein. Das Zimmer war dunkel, die Decke hing hoch über ihm. Die Wände waren blank, nur eine einsame, gruselige Maske lehnte verdreht in einer Ecke, dazu gab es fast nur weiße Möbel im Raum.

Ihm gegenüber war ein weißer Kleiderschrank, daneben zwei Regale mit Büchern auf Lateinisch und dem Käfig von Chainsaw.

Rechts von ihm nahm ein großes schwarzes Boxspringbett unter dem großen Fenster Platz, es war so groß, dass locker drei Menschen darin schlafen könnten und es war mit einem dunkelgrauen Laken und schwarzer Bettwäsche bezogen.

An der linken Wand hing ein großes Bild: Die Schober.

Das ursprüngliche Zuhause und der Landsitz der Familie Lynch. Dort war Ronan mit seinem Vater Niall (ermordet), seiner Mutter Aurora (verstorben) und seinen zwei Brüdern: Declan (der ältere; zurzeit in Washington) und Matthew (der jüngere; ebenfalls in Washington) aufgewachsen.

Jedoch wurden die drei Lynch-Brüder nach dem Tod ihres Vaters vom Anwesen verbannt und mit jeweils 3 Millionen Dollar abgespeist sowie mit den Worten, das sie das Anwesen nicht mehr betreten dürften.

Ronan war nicht im Zimmer. Vorsichtig betrat Adam den Raum. Er betrachtete das Bild der Schober. Die grünen Felder. Es war seltsam zu wissen, dass der sonst so abweisende Ronan einst als fröhliches Kind dort gelebt hatte.

Adam wusste nicht so genau was er jetzt machen sollte. Er hatte keine Klamotten dabei. Aber vielleicht könnte er ja duschen.

Die Tür ging auf und Adam beobachtete, wie Ronan herein trat. Er wirkte ruhig. Entspannt. Ein seltener Anblick und Adam fühlte sich seltsam befangen.

Ronans Hände fuhren zu seinem schwarzen Muskelshirt und zogen es aus. Adam starrte ihn an.

Auch wenn er wusste, dass Gansey nicht wirklich zu Übertreibungen neigte, hätte er nicht erwartet, dass es wirklich stimmte, was er beschrieben hatte.

Ronan sah schon in seiner Kleidung so dünn aus, aber dies hatte ihn immer eine Art Schärfe gegeben, als wäre er ein hauchfeines Messer, dass einen jederzeit aufschlitzen konnte.

Doch nun wirkte er auf fast schon kindliche Art verletzlich. Die Rippen stachen hervor, die Wirbelsäule wirkte wie der gestachelte Rücken eines Dinosauriers und das Tattoo wand sich um die spitzen Schulterblätter.

Ronan griff nach seinen Gürtel, dann hielt er inne und schien sich erst wieder bewusst zu werden, dass er nicht alleine im Raum war.

Dennoch wirkte es keineswegs so, als wäre dies unüberlegt passiert.

Erneut trat das Talent der Lynchs in Kraft, alles wie zu 100% gewollt wirken zu lassen – als wäre Adam so unwichtig, um sich an ihn zu erinnern.

Ein verletzender Gedanke.

„Schläfst du in deiner Straßenkleidung? Oder willst du mir weiterhin beim Ausziehen zusehen?“, fragte er ihn spöttisch.

Adam zuckte zusammen, wurde wieder rot (Warum schaffte es ausgerechnet Ronan ihn so in Verlegenheit zu bringen?) und begann zögerlich sich ebenfalls auszuziehen. Mit Gansey oder sonst jemanden wäre es ganz normal gewesen, aber dies hier war Ronans Zimmer und Ronan selbst und irgendwie machte diese Tatsache alles so unglaublich seltsam.

Zuerst folgte sein altes graues T-Shirt und dann zog er seine Hose aus. Ein Glück hatte er eine neutrale Boxershorts (weiß) gewählt.

Ronan sah ihn nicht an, er öffnete seinen Gürtel und zog diesen dann aus den Schlaufen der Jeans heraus. Der Rand einer schwarzen, einfarbigen Boxershorts lugte hervor. „Möchtest du irgendwelche Schlafsachen? Shorts, Oberteile?“, fragte Ronan ihn, während er Chainsaw in ihren Käfig trug. Als wäre dies eine völlig normale Situation, alltäglich.

„Ich würde gerne duschen“

Ronan nickte nur und wies auf die Tür. „Ich leg dir Zeug raus.“

Die Rabendame kräzelte liebevolle Laute, immer mal wieder „Kerah“ (Adam hatte das seltsame Gefühl, dass es ihr Name für Ronan war) und der Rabe kletterte dann auf die Stange in ihrem Käfig.

Dort plusterte sie sich auf und schloss ihre schwarzen Knopf-Äugelein.

Ronan sah sie an und sagte leise auf Lateinisch „Schlaf gut, du Mistvieh“.

Ein beinah sanfter Ausdruck war auf seine Züge getreten und Adam spürte einen aufkommenden Fluchtinstinkt.

Er war hier halbnackt in Ronan Lynchs Zimmer. Und ein Bauchgefühl sagte ihm, dass er gerade einen Ronan zusehen bekam, den Gansey als verloren geglaubt hatte.

Beinah fluchtartig verließ Adam das Zimmer, sein Kopf war wirr und sein Herz schlug wie wild in seiner Brust. Vor seinen inneren Augen sah er Ronans Blick im Ninos und diese Sanftheit gegenüber Chainsaw, die seinen sonstigen kantenhafter Attraktivität eine anziehende Schönheit verlieh. Irritierend. Wunderschön.





Ronan setzte sich auf den Boden, lehnte sich ans Bett, die Beine angewinkelt. Er beobachtete, wie Adam Parrish leise in sein Zimmer schlüpfte. Er trug nur ein Handtuch um die Hüften, die Haare dunkel vor Nässe.

Schamlos beobachtete Ronan, wie ein Tropfen Wasser von seinem Haar über Adams Oberkörper lief und im Stoff des Handtuchs versank.

Dann noch einer.

„Ähm-“ Adam sah sich suchend um, seine linke Hand hielt fast schon krampfhaft das Handtuch fest.

    „Liegt dort.“, murmelte Ronan schon fast, seine Stimme war ein dunkler Ton.

Er erinnerte sich an einige ihrer ehemaligen Streitereien, wie Adam ihn nach einigen spöttischen, mit tiefer Stimme gesagten Kommentaren anstarrte und dann im nächsten Moment vor Wut schäumend irgendwelche Argumente zurück pfefferte.

 Höflich wandte Ronan den Blick ab, als Adam sich umzog. Auch wenn er ein respektloses Arschloch war, hatte selbst er Anstand. Irgendwo. „Es ist kalt hier. Könnten wir die Heizung anmachen?“, fragte Adam.

Er füllte Ronans Kleidung gut aus, sie stand ihm ausgezeichnet und irgendwie schien es, als hätte er sich nicht nur Ronans Kleidung sondern auch Selbstbewusstsein übergestreift.

„Tut mir leid. Die Heizung befindet sich im Hauptraum. Ich habe hier keine.“





Adam hatte sich das dunkle T-Shirt und die Jogginghose übergestreift, ein Glück war er nicht so breit gebaut wie Gansey, dem hätte dies nicht gepasst. Ronan saß auf dem Boden.

Ronans Kleidung roch nach Waschpulver, männlichem Parfüm (auch wenn der Gedanke seltsam war, dass Ronan Parfüm benutzte) und einem fremdartigen Geruch, der ihn verrückterweise an Licht erinnerte. Auch wenn dies nicht sein konnte, da Licht keinen Geruch hatte. Adam fühlte sich wohl.

Langsam krabbelte Adam auf die linke Seite des Bettes und auch wenn es lächerlich war so einen riesigen Abstand zu erzeugen tat er es. Das Bett war ja groß genug, um es wie zufällig wirken zu lassen. Ronan schien an die Decke zu starren.

Adam erinnerte sich daran, dass Ronan  starke Schlafprobleme hatte; er wechselte sprunghaft zwischen Schlafsucht und Schaflosigkeit hin und her.

„Warum kannst du nicht schlafen?“, flüsterte er in den leeren Raum zwischen ihnen. Die Dunkelheit schien die normalen Grenzen zwischen ihnen aufzulösen.

Ronan drehte den Kopf und sah ihn an, blaue, gleißende Augen in der Dunkelheit, erhellt vom Mond.

Stille. Er war schon kurz davor zu denken, Ronan würde mit offenen Augen schlafen oder ihm nicht antworten wollen.

Da erklang seine tiefe Stimme, bitter vor Hohn. „Als ich das letzte Mal wirklich schlief, starb mein Vater, keine zwei Räume entfernt von mir.“

Ein kalter Schauer lief Adam über den Rücken. Er wusste nicht was er sagen sollte.

Diese brutale Ehrlichkeit und Direktheit war einfach Ronan, aber darunter, wurde Adam klar, verbarg sich ein kaputter Junge, der sich nicht anders schützen konnte als dadurch, andere vor den Kopf zu stoßen oder zu verletzen.

Ronan zog ein paar teure Kopfhörer hervor und steckte einen in sein Ohr, der andere baumelte vor sich hin. Eine unterbewusste Geste falls Adam noch etwas sagen wollte. Ein Schatten lag über dem Gesicht des am Boden sitzenden Jungen. Wie geht man mit einem Ronan um?, fragte Adam sich.

Das Tattoo lief über Ronans Rücken, nun konnte Adam es in seiner gesamten Pracht sehen.

Schnabel. Krallen. Münder. Dornen. Ornamente. Keltische Knoten.

Cabeswater. Flüsterte eine geisterhafte Stimme in ihm. Cabeswater. Cabeswater.

Sehnsucht nach dem Frieden des Waldes erfüllte ihn.  Ohne das er es kontrollieren konnte, hob er die Hand und strich über die tintenschwarze Haut.

Ronan zuckte zusammen, erstarrte wie ein Reh im Scheinwerferlicht, drehte sich jedoch nicht um.

Adams Hand hing in der Luft, er legte sie auf die dunkle, luftige Decke ab.

„Du erinnerst mich an einen Wald.“, flüsterte er oder dachte er es nur? Ronan neigte den Kopf, ein Zeichen, dass er zuhörte oder er war einfach eingeschlafen. Das Verlangen, Ronan an dem Wunder teilhaben zu lassen, dass er in dem Wald gespürt hatte, wurde übermächtig.

Dann überschritt er das ungesprochene Tabu, was Ronan, ihn und Gansey verband. Sie fassten sich nicht an.

Niemals mehr als ein Schlag gegen den Arm oder ein kurzes Schulterklopfen. Er wusste nicht genau was ihn dazu verleitete.

Seine Hand legte sich auf Ronans schmale, knochige Schulter. Ein kleiner Versuch, Beistand zu leisten gegen die Dunkelheit, die die Gedanken des rasierten Jungen befiel. Und Ronan ließ ihn gewähren.

Ronan sah ihn nicht an.

Adam spürte den Drang weiterzureden. Banalitäten, die einen von düsteres Gedanken fernhielten.

„Ich habe davon geträumt. Von dem Wald. Ich war dort. Allein. Und … es war wundervoll. Überall die Bäume und alles rauschte, und nenn mich verrückt aber ich hatte das Gefühl Stimmen zu hören.“ Adam lachte nervös auf, doch er konnte die Worte nicht stoppen. „Ich habe mich frei gefühlt. Unabhängig. Wie ein König. Ich habe mich endlich-.“ Er brach ab. Das vor ihm war immer noch Ronan. Und er hatte sich zu tiefgründigen Gedanken verleiten lassen.

Stumm rann ihm eine Träne über die Wange. Sie sahen einander an. Ronan musste die Träne sehen, schwieg jedoch dazu.

„Du träumst davon?“, fragte Ronan, ein seltsamer Ausdruck im Gesicht.

„Ja. Ständig.“

Ronans Gesichtsausdruck war unergründlich. Er schien ihn nicht als verrückt zu empfinden.

Wahrscheinlich wegen Mauras (Blues Mom) Aussage über irgendwelchen übernatürlichen Kräften und der Ley-Linie, die aus irgendeinem Grund seit kurzem in Henriette erwacht und aktiv war. Sie ließ alles in Henrietta verrückt spielen.

Die komplette Situation war surreal. Dieser sanfte Ronan, der Körperkontakt, dieser Frieden im Raum.

„Ich träume, dass die Bäume mit mir auf Latein reden. Ich weiß, dass klingt so verrückt aber auf einen der Steine dort stand: Arbores loqui latino und ich hab dann halt mit denen geredet.“

„Und über was?“, fragte Ronan.  Adam erwartete Hohn oder Spott auf seinem Gesicht zu sehen, doch Ronans Gesicht war ernst und vertrauenserweckend. „Über Magie.“





~°~




Als er erwachte, schien die Sonne in den Raum. Staubkörnchen tanzten im Sonnenstrahl und beschienen Ronans Gesicht. Er hatte die Augen geschlossen und den Kopf nach hinten gelehnt.

Die Stirn war gerunzelt, aus den Kopfhörern plärrte eine basslastige Elektromusik. Wie auch immer sein Kumpel damit schlafen konnte.

Adam hatte geträumt: Von dem staubigen Parkplatz vorm Mormount, die heiße Sonne und die beinah grasüberwachsene Parkfläche. Ronan war da gewesen und hatte zusammen mit einem anderen Jungen Holzrampen gebaut.

Er erinnerte sich an Ronans Lächeln, echsengleich und ein so ungewohnter Ausdruck auf dem sonst so abweisenden Gesicht, und an die Worte Rampe. BMW. Der Mond, verdammt.

Sie hatten ein bissiges Gespräch geführt, es war so ein Ronan-Verhalten, es war so laut, impulsiv und wortgewandt, aber immerhin genauso verletzend mit den Worten und doch so vertraut-ungewohnt.

(Aber es war der alte Ronan, der es führte, der Junge, der immer mal wieder bei den Streitereien mit Gansey durchgeschimmert war, als Adam noch neu war und der er vor dem Auftauchen Adams gewesen war.  Der Ronan, der er zwischen Nialls Tod und Adams Auftauchen gewesen war.)

(Adam erinnerte sich manchmal an den schwermütigen Tonfall Ganseys, wenn er den alten Ronan erwähnte, den der noch aus vollem Herzen gelacht hatte und lange Haare gehabt hatte, damals als Niall Lynch noch lebte. So viele Versionen und Adam kannte nur den alten Glanz des wütenden Ronans und die Stille des stummen Ronans. – ein trauriger Gedanke)

Der andere Junge auf dem Parkplatz, bleich, mit unnormal weißem Haar und braunen Augen hatte sich ebenfalls an dem Gespräch beteiligt und obwohl Adam ihn nicht kannte, waren sie miteinander umgegangen als wären sie Freunde.

Dieser Junge war wie ein schüchterner, kleiner Welpe, den man sofort ins Herz schloss. Adam hatte Blue angerufen und dabei immer mal wieder mit Ronan rumgezankt.

Auch der Name des weißhaarigen Jungen war gefallen, doch es war, als hätte jemand ihn ausradiert und alles woran sich Adam noch erinnern konnte waren weiße Haare und ein heiseres, fast lautloses Lachen – so eine Situation hatte es nie gegeben, jedoch fühlte der Traum sich an wie ein Déjà-vu.

Ob er Ronan fragen sollte?

In dem Moment wandte Ronan den Kopf und sah ihn an. Die Augen waren rot gerändert von einer schlaflosen Nacht. Distanzierte Frostaugen, die alle Wärme auffressen.

Die komplette Nähe, die in der Nacht geherrscht hatte, war verschwunden. Die Sanftheit war weg, genau wie die Dunkelheit im Raum.

Dennoch hatte Adam ein schlechtes Gewissen, da Ronan nun nicht geschlafen hatte. Er wollte sich entschuldigen, aber dieser kalte Blick hielt ihn davon ab – alles was er als Antwort bekommen würde, wäre ein höhnischer Blick.

Nun war es wieder der Ronan, mit dem er so Probleme hatte.

Adam sah weg, versuchte den Anflug von Niedergeschlagenheit zu unterdrücken und murmelte etwas von „Gansey nach Frühstück fragen“. Er sah nicht nach, ob Ronan reagierte sondern verließ so schnell wie möglich den Raum.



~°~




Ronan hatte nicht schlafen können. Die Musik hatte ihn durch die Nacht gebracht. Die altvertrauten Beats hatten seinen Kopf von gedanklichen Gefilden ferngehalten, an die er nicht denken wollte.

Sein Nacken schmerzte. Als er ein Rascheln neben sich bemerkte, sah er zu Adam hinüber.

Dieser musterte ihn und Ronan konnte förmlich dabei zusehen, wie er begann sich unwohl zu fühlen.

Kurz darauf faselte Adam etwas von Frühstück und verschwand. Ronan seufzte leise und erhob sich. Sein Rücken meldete sich mit einem schmerzhaften Ziehen, eine Beschwerde über die stundenlange starre Haltung.

Er hatte nicht träumen können. Er war beinahe eingenickt und dann heftig zusammengezuckt als er das Lachen gehört hatte – es war heiser, fast lautlos und so unendlich vertraut.

Ronan war herumgewirbelt und hatte Adam angestarrt, hatte gesehen, wie dessen Augen unter den geschlossenen Liedern hin und her rollten, das Zeichen für Träume. Und er hatte die Kopfhörer lautergestellt. Er wollte nicht erneut in Adams Traumwelt sinken, nicht die Traumstimmen hören. Konnte er gar nicht. Nicht, wenn die Musik die Träume fernhielt.

Chainsaw fiepte leise, ein Zeichen, dass sie Hunger hatte und raus wollte. Ronan öffnete die Käfigtür und sie hüpfte seinen Arm entlang auf seine linke Schulter, ihren Stammplatz.

Das vertraute Gewicht beruhigte ihn, er hatte sich schon so an die Rabendame gewöhnt, dass er ohne sie kaum noch irgendwohin ging.

Sie war seine ständige Erinnerung an das Unmögliche.

(Wo sagtest du, hast du den Vogel nochmal gefunden? – In meinem Kopf.)

Kurz überkam ihn das Verlangen zu weinen. Er hatte so viele Beweise, aber dennoch, dennoch konnte er nicht glauben. Nicht, solange er nicht handfeste Beweise hatte. Chainsaw war einer, das Mitträumen von fremden Träumen ein weiterer – und er wusste, solange er nicht wusste was er war, würde dies nie ausreichen.

Sein Vater hätte ihm weiterhelfen können. Aber er war tot und hatte Ronan zurückgelassen, zwar mit einigen Andeutungen, doch es war nicht genug. Genau wie alles andere.

Das Adam von der zweiten Realität träumte – nach allem sollte es Ronan nicht schockieren. Das es nicht anders sein konnte, hatte er an dem Lachen gehört. Adam konnte ihn gar nicht kennen. All dies war vor seiner Zeit gewesen, hier in dieser Realität.

Allein die Zusammensetzung seines Freundeskreises

( Gansey mit seiner Obsession für obskure Dinge, Blue mit ihrer hellseherischen Familie und mit ihrer Fähigkeit, Dinge zu verstärken und Adam, der Junge, der es geschafft hatte, von Cabeswater zu träumen) und die seltsamen Dinge, die in seiner eigenen Familie und auch Henrietta abgingen sollten ihn schon abgehärtet haben.

Doch es war so seltsam.

Segundus veritas [2], die zweite Realität, eine Parallelwelt in der Realität, die sich hin und wieder mit dieser überschnitt. Sie war genauso unmöglich wie Cabeswater, die tote Stadt, Chainsaws Existent oder das Eintauchen in fremde Träume – aber dennoch irgendwie möglich.

Sein Vater hatte sie auch gesehen.

Diese zweite Realität überlagerte sich mit Ronans Erinnerungen, oder eher gesagt: mit allem und sein Vater hatte ihm erklärt, dass alles was passiert war, auch anders hätte passieren können – wie ein alternativer Weg und dies spiegelte sich in der zweiten Wirklichkeit.

Was bin ich?

Maura, die Mutter von Blue, hatte es ihm angesehen. Nach der Warnung wegen der aufgeweckten Ley-Linie hatte er wieder angefangen zu „halluzinieren“ – die Fragmente der anderen Welt hatten ihn bis in den Fox Way verfolgt.

Sie hatte ihn gefragt, was er war – doch er hatte keine Ahnung gehabt. Die Wahrsagerinnen hatten erwähnt, dass sie spüren konnten, dass er Dinge (wie Chainsaw; aber das hatte er später erst selber herausgefunden) erschaffen konnte, aber zu was genau es ihn machte, wussten auch sie nicht.

Es war ein Ding der Unmöglichkeit.

Sie hatten gesagt, dass als einzige von ihnen Persephone – die weißhaarige Schreckschraube, wie Ronan sie nannte – die zweite Wirklichkeit warnehmen konnte. Wahrscheinlich drehte sie deshalb auch so am Rad.

Diese Sicht befähigte ihn, laut ihnen, Sachen aus seinen Träumen holen zu können. Aber so wirklich verstanden hatte Ronan es nicht.

Er hatte Chainsaw erträumt, die Maske in der Ecke seines Raumes, auch wenn er sich nicht daran erinnern konnte sie jemals in der Schober gesehen zu haben, wusste er, dass sie aus der Schober der zweiten Wirklichkeit war. So viele Beweise, niemals genug.

Er hatte eine Erinnerung an einen Albtraum den er nie geträumt hatte, daran, wie Adam sie aufzog und zum Monster wurde.

Eine Gänsehaut erfasste ihn. Was bin ich?

Chainsaw fing an, an Ronans Kette zu zerren. „Kerah!“, meckerte sie ihn an. „Jaja“, murmelte er und verließ sein Zimmer.

Die helle Stimme, die aus dem Hauptraum ertönte, sagte ihm, dass Blue da war. „Sind das Ronans Klamotten? Als ob du da reinpasst“

Sie saß mit unterschlagenen Beinen auf dem Boden, der mit einem flauschigen Teppich ausgekleidet war (kurz schob sich ein anderes Bild vor Ronans Augen, die zweite Realität. Eine riesige Miniaturnachbildung von Henrietta; die kniehoch war und mindestens den halben Raum einnahm; ein Zeugnis von Ganseys schlaflosen Nächten) und hatte ein paar Tüten vom Nino’s dabei. Der Geruch von Bacon stieg Ronan in die Nase. Sein Magen drehte sich um. Chainsaw fiepte leise vor Hunger.

Blue lehnte mit dem Rücken an dem Gestell von Ganseys Bett, während dieser sich auf dem Bett lümmelte.

Adam saß ein bisschen abseits, er hatte eine Tüte vor sich stehen und trug immer noch Ronans Sachen.

Dieser Anblick ließ Ronan innerlich lächeln.

Sie hatten Ronan noch nicht bemerkt, er jedoch beobachtete leicht belustigt wie Adams Ohren rot wurden wie immer wenn man ihn in Verlegenheit brachten.

„Neidisch, Sargent?“, sagte Ronan sarkastisch. Sie zuckte zusammen und sah zu ihm hoch. Selbst wenn sie stehen würde, würde er sie um stolze 36cm überragen.

Sie stieß ein pfff aus. Ihr Blick wanderte über sein Erscheinungsbild: Der Rabe auf seiner Schulter, die Schlüsselbeine, die spitzen Knochen, die Rippen und die dunkle Jeans. „Nun zu mindestens sehe ich nicht aus wie der Tod persönlich!“

Er ignorierte es. Vorsichtig, um seinen Rücken nicht noch mehr zu quälen, ließ er sich neben Adam nieder.

Chainsaw beäugte die Tüte. Gansey sagte: „Nun auf jeden Fall würde ich gerne mal mit dem Helikopter über Henrietta fliegen.“

Adam verzog das Gesicht. So weit Ronan wusste konnte Adam das Fliegen nicht leiden.

Ronan liebte es, wie alles andere das ihm Adrenalin verlieh.

Seelenruhig griff Ronan nach der Tüte und fischte ein Stück Bacon heraus, was er dann Chainsaw hinhielt. „Nun nimm schon, Mistvieh“, sagte er auf Lateinisch. Darauf reagierte sie immer noch am besten. Er spürte Adams Blick.

„Willst du Henrietta nun endgültig heiraten?“, fragte Ronan spöttisch und beobachtete, wie Chainsaw anfing das Stück Bacon zu fressen.

„Natürlich!“, sagte Gansey. Blue sah ihn empört an. So friedlich.

Sie lachten. Adam schien über irgendetwas zu grübeln, er hatte wieder seine Denkerfalte.

Ronan fragte sich, was sie nun tuen würden. Hier, in dieser Welt, gab es keinen Glendower, nach dem sie suchen würden.

„Wovon hast du geträumt?“

Fragte Ronan Adam leise auf Lateinisch. Gansey verstand eh kaum Lateinisch und Blue gar nichts.

Adam sah ihn an, seine Miene wirkte unschlüssig.

„Von einer Situation, die nie passiert ist. Aber sie wirkte so vertraut. Du warst da. Du hast eine Rampe gebaut und die Schule geschwänzt. Wir haben uns gestritten, aber nicht wirklich … ernst. Ich habe Blue angerufen. Du warst sauer.“

Ronan lachte leise. Vorsichtig hob er Chainsaw von seiner Schulter und setzte sie auf den Boden. Adam schwieg kurz, sein Blick hing an Ronan.

„Und-“ Ein lauter Knall erschreckte alle.

„Ups!“, murmelte Gansey. Sein Notizbuch war vom Bett gefallen.

Adam redete weiter.

„Und da war ein anderer Junge. Ich kenne ihn nicht. Er hatte weiße Haare. Und wirkte ziemlich schmuddelig. Aber wir waren wie Freunde. Mehr weiß ich nicht mehr.“

Ronans Miene war erstarrt. Weiße Haare. Schmuddelig. Eine Situation die nie passiert war. Eine Realität, in der es eine Alternative gab. Wir waren wie Freunde.

Er verzog das Gesicht und sprang auf. Ihm war alles zu viel. Wie Freunde. Der Raum engte ihn ein, er musste hier raus, weg, weg, von alle dem und seinen Erinnerungen. „Ronan?“, drang es aus weiter Ferne zu ihm durch. Er ignorierte es und rannte hinaus.



Adam fühlte sich verwirrt. Ronans seltsame Reaktion als er den Jungen erwähnte. „Adam? Was hast du zu ihm gesagt?“, fragte Gansey ernst. Sämtliche Entspannung war aus ihm gewichen. „Ich – er hat gefragt, wovon ich geträumt habe und ich meinte, dass es von irgendeiner banalen Situation war und dann wurde er so komisch, als ich den Jungen erwähnt habe!“

Jungen?!“, Nun machte Gansey ihm ebenfalls Angst.

Chainsaw fing an unruhig zu flattern und hüpfte unters Bett um sich zu verstecken.

„Adam, WELCHER JUNGE?!“ Nun brüllte Gansey schon fast, etwas so dermaßen untypisches für ihn, dass Blue ihn nur entsetzt anstarrte.

„KEINE AHNUNG!“, brüllte er zurück. „ICH KENNE IHN NICHT. EINER MIT WEIßEN HAAREN UND SCHMUDDELIGER UNIFORM!“

„Weiße Haare?“, flüstere Gansey, sein Gesicht war fassungslos. Er atmete tief durch. „Du … Schmuddelige Uniform?… Du …Du hast von Noah geträumt?!“



~°~



„Wer ist Noah?“, fragte er, verwirrt über den Namen. Er hatte ihn noch nie gehört, zu mindestens nicht aus den Mündern seiner Freunde. Doch Gansey antwortete nicht. Sein Blick war in die Ferne gerichtet. Nun wirkte er vollends wie ein müder alter Mann. Ein tiefes Seufzen erklang, als er sich über die Augen fuhr. Ernst nach einigen Minuten fiel Adam auf, dass Gansey weinte.

Blue sprang auf und umarmte ihren Freund. Ihr Gesicht spiegelte reine Verwirrung und Sorge wieder. Gansey schien nach Fassung zu suchen.

„Noah war da, bevor du kamst.“ Gansey erzählte stockend, als würde er versuchen etwas hervorzuwürgen, nichts war mehr da von seiner sonst so selbstsicheren, beeindruckenden Art. „Er war ein … guter Freund und … wäre es damals … anders gewesen, dann wäre Ronan niemals-“ Gansey brach ab und weinte nun vollends los. Adam wollte nachfragen was Gansey mit dieser kryptischen Aussage meinte, doch Blue schüttelte den Kopf. „Geh Ronan suchen“, formte sie mit den Lippen.

Er nickte nur stumm. Ganseys Gefühlsausbruch war schwer zu verdauen. Genauso wie der Verdacht seinerseits, dass dieser Noah schuld daran war, dass sich jedes Mal, wenn Gansey Ronans Vergangenheit erwähnte, dieser Schatten über sein Gesicht legte.

Er rappelte sich auf, sein Appetit war vergangen. Kurz ging Adam noch in Ronans Zimmer und nahm sich einen Kapuzenpulli, damit Ronan diesen später anziehen konnte, da dieser ja oberkörperfrei rausgerannt war.

Er durchquerte das Hauptzimmer wo Blue versuchte ihren Freund zu beruhigen und schloss lautlos die Tür hinter sich.

Seine Verwirrung war nun unendlich groß und er fühlte sich mies, weil er diesen Noah angesprochen hatte. Und wer auch immer dieser Noah war, er wollte einerseits Noah kennenlernen um zu verstehen, was passiert war aber gleichzeitig wollte er ihn niemals kennenlernen. Wer auch immer es schaffte, Gansey außer Ronan solchen Kummer zu bereiten, war garantiert kein guter Mensch.

Dann schloss er die Augen und ließ sich von seinem Instinkt leiten. Dieser war wie ein sechster, übernatürlicher Sinn, auf den Adam sich verlassen konnte.





Ungefähr 10 Minuten später erreichte er eine kleine Kirche, die mitten im Wald lag. Vorsichtig öffnete Adam das leicht knarrende Kirchentor und trat ein. Es war still wie bei einer Andacht und er hörte leise Atemzüge.

Die Kirche war klein und schäbig, ein leichter Geruch nach abgebranntem Weihrauch hing in der Luft und an manchen Fenstergläsern wucherte Moos und Efeu entlang. Adam ging bis ganz nach vorne, die Kirche war beleuchtet durch tropfende Kerzen und obwohl es draußen ein strahlender Morgen war, herrschte hier eine zwielichtige Dunkelheit. Er entdeckte Ronan.

Er lag ausgestreckt auf einer alten Bank und hatte einen Arm über die Augen gelegt, der andere hing herab.

„Ronan?“, flüstere Adam.

Dieser reagierte nicht. „He“

Er berührte ihn an der Schulter. Ronan schnellte hoch wie eine Viper, plötzlich war er Adam ganz nah. Erschrocken zuckte dieser zusammen. Ihre Gesichter waren nur ein paar Zentimeter voneinander entfernt.

„Warum du?“, flüsterte Ronan, sein Gesicht schmerzverzerrt. „Warum jetzt?“ Adam zuckte mit den Schultern, Verwirrung erfüllte ihn. Ronan wirkte seltsam, seine Stimme so leer.

Er spürte wie Ronans Hände sich unangenehm fest in seine Schultern krallten.

Verzweiflung stand in seinem Gesicht. Dann beugte sich Ronan hinab.

Adams Herz fing an zu rasen.

Doch Ronans Kopf senkte sich nur auf Adams Schulter, ein Akt der Kapitulation. Ein Zeichen, wie sehr dieser Junge am Ende war.

Adam konnte Ronans warmen Atem an seinem Hals spüren. Ein leichtes Kribbeln durchfuhr ihn.

Er ließ sich auf die Bank sinken, eine Gänsehaut zierte den knochigen Körper. Adam sank mit ihm nieder, noch immer lag Ronans Kopf an seiner Schulter.

So saßen sie da, ein sitzender, halbnackter Junge und ein kniender, inmitten von Stille und Staub und ungesprochenen Worten.

Den Pulli hatte Adam bereits vergessen.

Er hielt still, horchte auf die Atemzüge Ronans und fragte sich, warum ausgerechnet er derjenige war, der diese verletzliche, fragile Seite an Ronan zu sehen bekam. Wann war er so wichtig oder gar relevant für Ronan geworden?

Adam wollte gerade anfangen sich zu entspannen, da fühlte er plötzlich erst eine seidenweiche Berührung, dann etwas warmes, nasses und dann Druck und Schmerz an seinem Hals.

Entsetzen überkam ihn, bis er irritiert realisierte – Ronan Lynch biss ihm gerade in den Hals.





Adam war hier. Er kniete vor ihm, ließ zu, dass Ronan seinen Kopf auf die Schulter stützte. Doch in ihm tobte ein Sturm. Sein Herz schmerzte und jetzt gerade hatte Ronan wirklich das Verlangen irgendwas zu zerstören. Sein Herzschlag wummerte, Noah Noah Noah und er konnte die andere Realität sehen, wenn er die Augen schloss.

Er musste sich verankern, jetzt sofort. Ansonsten würde er hier noch wahnsinnig werden. Und dann handelte er, spontan, geleitet von Impulsen.

Ronan spürte die warme, weiche Haut und strich mit den Lippen drüber, bis er die Stelle fand, die er suchte, er öffnete den Mund und – biss zu. In dem Moment war er wirklich mehr dieses andere als Mensch.

Er hörte Adam Keuchen, konnte den rasenden Puls der Hauptschlagader unter seinen Mund spüren.

Doch er ließ nicht los. Adam fing an zu zappeln, doch Ronan packte seine Handgelenke, die ihn wegdrücken wollten. Langsam zog er sich zurück, sah wie sein Speichel auf Adams Haut glänzte, der leuchtendrote Abdruck seiner Zähne auf der gebräunten Haut.

Ronan lehnte sich ein Stück zurück, begutachtete sein Werk und sah dann Adam an.

Dessen graue Augen waren geweitet, wie bei einem Kaninchen, dass von einer Schlange im tödlichen Biss gefangen wurde, und er starrte Ronan an.

Gerötete Wangen, Entsetzen. Sein Mund öffnete sich, wütende Worte, doch Ronan ignorierte es, genauso wie Adams Versuche, seine Handgelenke freizukriegen.

Alles was jetzt gerade wichtig war, war das Gefühl eines rasenden Herzschlages in seinem Mund und die zittrigen Atemstöße seines Gegenübers.

Adam spannte sich an. Wortlos senkte Ronan erneut den Kopf, biss erneut zu. Ein leises, schmerzerfülltes Keuchen erklang neben seinem Ohr, Adam.

Ronan lockerte den Biss, saugte sich dennoch fest. Immer und immer wieder löste er sich, sah Adam an, dessen Wiederstand und auch der Wortschwall immer mehr nachließen und senkte erneut den Kopf, versah Adams Haut auf seine eigene Art und Weise mit leuchtend roten Flecken.

So wie er es in seinen Träumen machte.





Adam spürte erneut wie Ronan den Kopf senkte, sein Atem kühlte die mältrierte Haut an Adams Hals und dann fühlte er erneut Ronan Mund, das streifende Gefühl von Ronans Lippen, dann ein saugendes Gefühl, wenn er erneut einen Knutschfleck hinterließ. Das Gefühl der warmen Zunge, die immer wieder die Haut streifte.

Adam hatte aufgehört sich zu wehren.

Dafür, dass Ronan so dünn war, war er erstaunlich stark und auch wenn die ganze Prozedur am Anfang weh getan hatte, ließ Adam ihn gewähren.

Ronan reagierte direkt, sobald er einen Schmerzlaut ausstieß, lockerte sich der Biss. Kopf heben, Blick, Kopf senken, erneute Markierung.

„Warum?“, flüsterte Adam mit Ronans Munde erneut an seinem Hals. Sofort bohrten sich Ronans Zähne in seinen Hals.

Dann löste Ronan sich. „Es ist dumm einem Monster an einen dunklen Ort zu folgen, Adam.“, hauchte Ronan in sein Ohr, die Lippen streiften seine Ohrmuschel. Adam wollte antworten, doch die Art wie Ronan seinen Namen aussprach, dieser dunkle Klang ließ ihn nur stumm dasitzen.

Dann sah er Ronans Augen, eisblau und voller Schmerz. Es waren keine Tränen zu sehen, aber allein der Schmerz reichte schon, um Adam die Verletztheit Ronans zu zeigen.

Diese Verzweiflung, die ihn unkontrollierbar handeln ließ. Es war so still und beinah konnte er Ronans Traurigkeit auf der Zunge schmecken und deshalb neigte Adam den Kopf, präsentierte die andere Seite seines Halses, die reine, ohne irgendwelche Flecken.

Es war ein stummes Angebot. Ronan sah ihn an, mustere ihn. Alles an ihm wirkte kantig, wie eine Statue, die jemand in die Ecke geworfen hatte, ohne sie zu beenden.

So etwas wie Dankbarkeit huschte über seine Züge.

Dann fühlte er erneut Ronans Lippen an seinem Hals.

Zähne die sich in die Haut bohrten, der Anflug von Schmerz. Doch dies war besser als weiterhin Ronans Traurigkeit zu sehen.

Und irgendwo hatte Adam es ja auch verdient, nicht wahr? Hätte er nicht Noah angesprochen, wären sie jetzt immer noch beim Frühstück.

Ronans Traurigkeit wegen jemanden, den Adam nicht kannte. Er fühlte einen Stich Eifersucht. Auch wenn er es hasste Menschen traurig zu sehen, widerstrebend musste Adam zugeben das es ihn beeindruckte, dass jemand es schaffte, so etwas bei Ronan hervorzurufen. Erneuter Schmerz.

Adam schloss die Augen. Schmerz. Wärme. Das saugende Gefühl. Kühler Atem. Schmerz. Wärme. Saugen. Kühler Atem.

Er versank in der Monotonie dieses Prozesses und tauchte erst wieder irritiert auf, als es aussetzte.

Verwirrt öffnete er die Augen. Und begegnete Ronans Blick.

Noch immer waren Ronans Augen so voller Trauer und kurz fragte Adam sich, ob Ronan eigentlich jetzt gerade voll und ganz bei ihm war oder einfach nur an Adam seine Wut und Trauer raus ließ, ob er an Noah –warum auch immer- dachte.

Doch bevor er fragen konnte, senkte sich Ronans Kopf. In Erwartung, dass Ronan seinen Prozess fortsetzte, neigte er den Kopf. Doch Ronan packte sein Kinn und hielt es fest. Sie waren sich so nah.

Ronans Blick war fragend und er ließ nun vollends Adams Handgelenke los.

Diesmal war es ein Angebot seitens Ronan – du kannst mich wegstoßen.

Aber Adam blieb sitzen, Ronan kam ihn näher, ihre Lippen berührten sich fast. Da erklang plötzlich ein knallendes Geräusch. Beide zuckten zusammen und jemand öffnete die Kirchentür. Adam riss den Kopf hoch, doch Ronan verharrte, nur seine Iris zuckte als wäre er auf Kokain.

Es waren Gansey und Blue, die eintraten und nun aufgrund des seltsamen Szenario erstarrt stehen blieben.

Aber Adam musste zugeben, sie gaben auch ein seltsames Bild ab. Ein unberechenbarer Ronan, ohne Oberteil, ein wandelndes Skelett, das auf der Bank saß und Adam, der vor ihm kniete, mit geröteten Wangen und wahrscheinlich einem Hals der ein einziger Knutschfleck war. Und beide einander so nah, dass es nicht mehr anders zu deuten war, als das sie gerade dabei waren, sich zu küssen.

Gansey öffnete den Mund, hielt aber inne, als Ronan tief seufzte.

Ronan schloss die Augen. „Dein Ernst?“ sagte er, ohne aufzusehen. Gansey wirkte irritiert und öffnete protestierend den Mund.

Er redete weiter ohne auf Gansey zu achten. „Das ist total gruselig, wie du da hinten rumstehst, Noah".


~°~




Gansey drehte den Kopf in Richtung Kirchentür. Dort stand er. Noah Czerny.

Musternd sah er seinen ehemaligen Freund an. Wie so vieles hatte sich auch dieser verändert.

Noah war nicht mehr wie ein treuloser Welpe süß sondern attraktiv wie ein verblichenes Bild, das mit der Zeit an Schönheit gewann.

Seine weißblonden Haare waren nach hinten gekämmt, er trug ein weißes Hemd zu einer hellgrauem Paar Chino, seine Ausstrahlung war selbstbewusster geworden.

Ordentlich. Gepflegt.

Er wirkte wie ein reiner Lichtfleck inmitten der Kirche – und wie das exakte Gegenteil von Ronan.

Beide waren groß und hatten diese untrügliche, seltsame Attraktivität.

Genau wie Ronan war er gealtert, beide schienen innerhalb von den wenigen Monaten von kleinen herumalbernen Kindern zu Erwachsenen geworden, die kampfbereit ihre Kriege fochten.

Und so war auch Noah seiner Unordentlichkeit entwachsen – nur der Fleck an seiner Wange erinnerte an seine frühere Schmuddeligkeit.

Er trat aus dem Schatten heraus, wie ein Geist, bleich. Seine Schritte zeugten von Selbstbewusstsein, Arroganz und dem Wissen um sein eigenes Aussehen.

Gansey sah wieder zu Ronan. Er spürte die alte Angst in sich hochkriechen.

Ein weiteres Mal würde Ronan den Verlust nicht überstehen und jetzt ihn hier zu haben, ließ alles auf eine Katastrophe zulaufen.

Noch immer saß Adam vor Ronan und sein Hals … wirkte seltsam gerötet. Erst nach einigen Sekunden fiel Gansey es auf, das waren Knutschflecke!

Sein Blick flackerte zwischen den beiden hin und her. Doch Ronan sah ihn nicht an, sondern starrte mit zusammengebissenen Zähnen an Adam vorbei und Adam mied seinen Blick.





Adam fühlte sich eingeschüchtert. Dieser gutaussehende Junge sollte Noah sein? Der Junge vor Adam in der Clique um Gansey?

Er strotzte nur so vor Selbstbewusstsein und strahlendem, weißem Glanz. Im Gegensatz zu Adam würde dieser Junge nicht wie jemand aussehen, der sich verkleidete, wenn er einen Anzug anzog!

Ronan über ihm wirkte angespannt. Keine Emotionen waren in seinem Blick vorhanden.

Noah näherte sich der ersten Reihe und ignorierte Gansey und Blue vollkommen. Der Blick schweifte verächtlich über Adam, als würde er ihn analysieren und lag eine Sekunde zu lang auf den Knutschflecken.

Scham brannte auf Adams Wangen. Er fühlte sich, als hätte er etwas unerlaubtes getan.

Wie als würde er Blue küssen, im vollem Bewusstsein, dass sie mit Gansey zusammen war.

Langsam stand Ronan auf. Er stellte sich vor Adam und verschränkte die Arme. Seine Präsenz schien zuzunehmen, es war als würden zwei Naturgewalten versuchen, sich in einen Raum zu quetschen.

Der weiße Noah, makellos bis auf einen Fleck an der Wange und Ronan, überall Ecken und Kanten und Schatten, pure Schwärze.

Noah ließ seinen Blick über Ronan wandern, anzüglich - Schlüsselbeine, Rippen, der entblößte Oberkörper und die Rabenkette, die Hüftknochen und die tiefsitzende Jeans.

„Lass das.“, erklang Ronans tiefe Stimme ablehnend. Dann drehte er den Kopf zu Gansey und Blue: „Geht.“

Seine Stimme ließ keinen Raum für Einwendungen und Ganseys Blick, so voller Verzweiflung. Blue streckte die Hand aus: „Adam?“, fragte sie. Eine Aufforderung, wie ihm auffiel.

Doch er konnte sich nicht rühren. Zu sehr fesselten ihn die beiden dominanten Auren an Ort und Stelle. „Blue, Gansey! Geht.“, wiederholte Ronan, seine Stimme war nun so tief und bedrohlich, dass sich Adams Nackenhaare aufstellten.

Doch auch ein kurzer Moment der Freude wallte in ihm auf, Ronan wollte ihn da haben. Blue zuckte zusammen, ihr Blick war verwirrt. Gansey flüsterte was und zog sie hinter sich her.


~


Ronan fühlte sich erschöpft. Zuerst die schlaflose Nacht, dann die kleine Line Kokain, die er sich in der Kirche gezogen hatte und dann hatte er nicht aufhören können Adam Knutschflecken verpassen zu können.

Er bereute es nicht, er hatte halt einen kleinen Faible was blaue Flecken und Unterwürfigkeit anging – doch gerade, als er sich Adam genähert hatte, hatte er es gespürt. Die altvertraute Präsenz. Noah. Nur tausendmal intensiver als früher.

Anscheinend war der Junge ebenfalls an den letzten Monaten gereift.

Dann waren Gansey und Blue aufgetaucht. Kurz hallte eine vertraute und gleichzeitig fremde Erinnerung durch seinen Geist.

Die zwei gespaltenen Erinnerungen: Wie Gansey ihn in einer Lache aus seinem eigenen Blut gefunden hatte, ihn mit blutverschmierten, aufgeschnittenen Armen, sturzbetrunken, halbtot; doch in der anderen war er mit Blut bedeckt gewesen, seine Albträume hatten ihm diese in seine Haut gerissen und der andere Noah hatte ihn gefunden.

Was ihm im Traum verletzte, kam mit in die Realität.

Doch in der jetzigen Realität war er selbst es gewesen, der sich so verletzt hatte. Und Noah war damals bereits fort gewesen.

Er war genervt, dass sie alle gerade jetzt auftauchen mussten.

Adam vor ihn wirkte verunsichert, er kannte Noah nicht und anscheinend war es ihm auch ein bisschen peinlich, was zwischen ihnen angelaufen war.

Noah näherte sich. Und Ronan hatte das Gefühl Adam schützen zu müssen, weshalb er sich vor ihn stellt und seine gewohnte Verachtung zur Schau stellte.

Noahs Blick wanderte über ihn, anzüglich – doch Ronan unterbrach ihn harsch. Er versuchte Gansey und Blue aus der Kirche zu kriegen. Die Angelegenheit würde gleich ziemlich hässlich werden.

Als beide weg waren sah er Noah an. „Halte die beiden daraus, dass ist nicht deren Angelegenheit.“

„Ach, aber die deines kleinen Schoßhündchen?“, fragte Noah spöttisch. Ronan schnalzte mit der Zunge, ein knallender Ton, verächtlich.

Auch wenn es niemand sonst rausgehört hatte, er kannte Noah einfach gut genug um den Unterton herauszuhören. Neid.

Er beugte sich herab, ohne einen Funken Zweifel.

Und spürte wie Adam sie ergriff um aufzustehen. Nun standen sie nebeneinander. Ebenbürdig.

Noah, komplett in weiß; Ronan nur in schwarzen Jeans und Adam in Ronans Klamotten.  

Der Schock saß tief, doch die Wut war der Kern seiner momentanen Gefühlslage. Aus dem leidenschaftlich-traurigen Sturm war ein tosender, wütender Hurrikan geworden, der beinahe die Nähte seines Körper sprengte und Noah hatte sich in seine Netzhaut gebrannt.

Warum jetzt? Warum war Noah da, hatte allein mit seiner Präsenz die düstere, alte Atmosphäre zu seiner Bühne gemacht und darin die eigene bleiche Gestalt wie ein Kunstwerk hervorgehoben, sein dramatischer Auftritt, der selbstbewusste Gang – alles diente ihm zur Show.

Früher hätte es ihm gereicht einer von vielen zu sein, nur in einer Sache nicht. Und dann war die unerfüllte Gier übermächtig geworden.

Ronan hatte Adam angesehen, dass er eingeschüchtert war. Noah hatte in dem letzten Jahr dazu gelernt, wo früher Unsicherheit in Bezug auf Menschen herrschte war nun stahlharte Kontrolle und unterschwellige Dominanz.

Und all dies lies er auf Adam niederprasseln, zeigte ihm die Verachtung, die Noah schon damals für niedere Lebensformen (ergo: so gut wie alle normalen Menschen, die nicht so steinreich wie Ronan, Gansey oder er waren), für Leute wie Adam in der Kleidung eines Fremden empfand, oder noch schlimmer: in teurer Kleidung, die 100% Ronan Lynch schrien!

Ronan fühlte die Wut, sie trieb seinen müden Körper zusammen mit dem Kokain an und all seine Muskeln waren angespannt.

Er wusste zwar, dass er irgendwo (oder eher der Teil in ihm, der Noah vermisst hatte, der ihn verloren hatte) seine Tat bereuen würde, doch innerhalb eines Wimpernschlages fand er sich mit den Konsequenzen ab und holte aus. Muskelgedächnis.

Noah war nicht Declan, denn unter der aufgelegten Maske war da noch der kleine Noah, der sanfte, gutmütige und verpeilter Noah und dieser war niemand, der gegen Ronan ankommen konnte.

Nur ein Lynch konnte einen anderen Lynch zu Fall bringen und bei Ronan war das Declan, doch sowohl dieser als auch der jüngere Lynch-Bruder Matthew waren in Washington.

Doch dann hörte er Adams Stimme. „Ronan!“ So ungewohnt herrisch. Er spürte eine Hand, wie sie seinen ausgeholten Arm festhielt. Lateinische Worte drangen an sein Ohr, Cabeswaters Essenz erwachte in ihm und flutete seinen Geist, umspielte seine Wut und dann war da nichts mehr. Garnichts.

Sowohl der Geist des Waldes als auch Ronans Wut waren einfach weg!

Verwirrt blinzelte Ronan und sah sich um. Erneut erfasste ihn das zweite Gesicht, der Blick, der ihn befähigte die zweite Wirklichkeit zu sehen und er sah sich selbst und seine Freunde (Gansey, Blue, Adam und Noah!) inmitten einer Lichtung von Cabeswater. Ein merkwürdiges Ritual fand statt, da war sein Lateinlehrer Barrington Whelk und Blues schräge Tante Neeve, er hörte Gansey Adams Namen schreien und sah wie Adam inmitten des Ritualkreises stand. Sein ganzer Körper zitterte, er hielt eine Pistole in der Hand.

„Ich werde deine Augen sein. Ich werde deine Hände sein. Schließe den Pakt mit mir, Cabeswater!“, sagte Adam.

Ronan blinzelte und war wieder in der alten Kirche. Und Adam – seine Augen waren nach oben verdreht und sein Mund zusammengepresst, der mältrierte Hals bog sich unnatürlich. Cabeswater schien ihn aus jeder einzelnen Pore zu dringen.

Der Wald sucht sich seine Hülle, seinen Zauberer, schoss es Ronan erstaunlich nüchtern durch den Kopf.

Dann fühlte er Unruhe in sich aufsteigen. „Adam!“, rief er, Noah war für kurze Zeit vergessen. Sein Kumpel öffnete beim Klang seines Namens die Augen und schwankte kurz.

Erkenntnis lag in dieses Blick. Adam neigte den Kopf leicht zu Noah, eine derartig hochmütige Geste, die so gar nicht Adam-haft war.

Er wirkte wie ein König, eine flirrende Energie umgab ihn. Ähnlich wie die, die Ronan selbst bei sich spürte.

„Tote sollten nicht umherwandeln!“ erklang Adams Stimme, doppel-Hallig, als würden Cabeswaters flüsternde Bäume alle gleichzeitig aus ihm sprechen.

Er wirkte jung, alt – zeitlos und erst nach einigen Sekunden fiel Ronan auf, dass Adams Worte lateinisch waren. Die Bäume kannten ja keine andere Sprache.

Tote…Er sieht es!, erkannte Ronan. Er sieht es! Und nun wusste er nicht ob er weiterhin entsetzt sein sollte oder sich freuen konnte.





Adam spürte es, wie der Wald Cabeswater ihn umhüllte, sein Bewusstsein begann zu wachsen, verwuchs mit dem der alten Bäume und obwohl er erschrocken sein sollte, war er es nicht.

Cabeswater öffnete ihm die Augen.

Er konnte Ronan sehen, als würden dort zwei Personen stehen: Der kaputte, stille Junge den er kannte und gleichzeitig ein stolzer, ungebrochener Mann, Rabenkönig flüsterte Cabeswater in ihm.

Und dann sah er zu diesem Noah und auch hier war es als würde er zwei Versionen sehen. Sein Kopf brauchte ein paar Sekunden um das Bild vor ihm zu begreifen.

Adam sah die bleichen Haare, die blasse makellose Haut bis auf diesen einen Fleck an seiner Wange, die reinweiße Kleidung und die beeindruckende Ausstrahlung – und gleichzeitig sah er einen unscheinbaren Jungen in Aglionby-Uniform mit hängenden Schultern und ebendiesem Fleck an der Wange. Nur war der Fleck gar kein Schmutzfleck, sondern die Stelle, an dem ihn der Schädel eingeschlagen worden war, eine Dämonenfratze, leere Augenhöhlen.

„Ich bin seit sieben Jahren tot. Wärmer werden die nicht.“ hallte Noahs Stimme in seinem Kopf, wieder eine Erinnerung, die nicht die seine war. Vor ihm stand ein Geist oder was auch immer dieser Noah war. Aber dann sah er wieder den anderen Jungen, der vor ihm stand. Immer mal wieder blitze der Tote aus ihm hervor, als würden sich die beiden Visionen überlagen. Adam fühlte sich etwas überfordert, spielten seine Augen ihm einen Streich? Übelkeit stieg in ihm auf. Es sah so widernatürlich aus.

Die Worte kamen ohne sein Zutun, seine Lippen bewegten sich, Cabeswater nutze ihn als Sprachrohr. Noah kniff die Augen zusammen. Adam blickte kurz zu Ronan, auch bei ihm schien mal der Junge und dann wieder der Rabenkönig zu stehen. Es war schwer die Kontrolle über das pulsierende Bewusstsein von Cabeswater zu behalten.

Ronan sah ihn ebenfalls an. Seine jungen Augen schrien nahezu Es tut mir leid, doch der Rabenkönig-Ronan sah ihn nur mit unnahbarer, königlich ruhiger Miene an.

Plötzlich lachte Noah auf, es war ein kalter Laut, ohne jegliche Freude. Und gleichzeitig erklang das vertraute Geräusch aus Adams letztem Traum; ein heiseres, fast lautloses Lachen.

Hatte er von dem toten Noah geträumt?

„Amüsant!“, zischte Noah. „Nun mischt sich auch noch dieser öde Wald mit ein?“

Die braunen Augen wirkten schwarz und immer wieder waren es leere Augenhöhlen, die von den flackernden Kerzenschein der Kirche beleuchtet wurden.

Ronans Augen verengten sich ebenfalls, doch seine Wut schien verpufft zu sein. Nur noch dieser Ausdruck auf Ronans Gesicht, diese zwanghafte Ruhe zeugte davon, wie sehr er sich versuchte, zusammenzureißen. Ganseys Kette blitzte kurz auf, der Rabenschädel schien Adam höhnisch zu mustern.

Und erneut fragte Adam sich was zwischen den beiden passiert war. In der anderen Version der Realität, die Cabeswater ihm gerade zeigte, waren sie alle Freunde gewesen, auch wenn Noah dort anscheinend so etwas wie ein Zombie, nein, ein Geist gewesen war, der durch die Ley-Linie gestalt annehmen konnte.

Hier wirkte er sehr lebendig, nur der verblasste Glanz ähnelte dem aus der fremden Erinnerung, aber Noah trug ihn wie eine funkelnde, anziehend wirkende Aura.

Noah neigte den Kopf, sein Blick voll und ganz auf Ronan fixiert. Er strahlte etwas hungriges aus. Es war eine Herausforderung an Ronan, dass konnte selbst Adam sehen.

Er fühlte sich wie ein Eindringling, unwichtig, wie jemand, der etwas unglaublich privates gesehen hatte -  ähnlich dem Umgang, den Ronan gegenüber Chainsaw hatte, wenn er sich unbeobachtet fühlte.


~


Ronan wusste nicht mehr wo ihm der Kopf stand. Noah war hier, Adam war hier und beide sahen ihn an. Der Blick Noahs war fesselnd, so unglaublich intensiv und er erinnerte Ronan an früher, an damals, bevor Adam an die Aglionby gekommen war und als die Welt noch halbwegs so getan hatte, als wäre Ronan wichtig.

Jetzt war er nur ein weiterer reicher Junge, der irgendwann an Drogen oder einem Autounfall sterben würde oder gar an sich selbst draufging, ein weiter Skandal inmitten all der anderen der die Reichen betraf.

Er spürte wie er kapitulierte, all seine Macht und Kontrolle über sich selbst und die Situation versiegte, früher hätte er solange weiter um den längeren Hebel gekämpft bis er zusammenklappte, das Bewusstsein verlor und im Krankenhaus wieder zu sich kam.

Doch all dies war der alte Ronan gewesen, der der mit Noah Witze gerissen hatte und irgendwelchen Mist verzapft hatte, der nie im Unterricht gewesen war und sich mit Parrish und Gansey gestritten hatte und welcher in seinen Träumen von einem Waisenmädchen begleitet wurde. Der Junge aus der anderen Welt.

Hier war er nur noch müde, allein und er hatte nicht mehr die Kraft auf Knopfdruck Gift zu sprühen oder Wunder zu träumen, denn alles was ihn noch aufrecht hielt war die Gewissheit, dass draußen Gansey war, dass Adam hier bei ihm war und das er wenigstens für einen kleinen, mickrigen Monat einen gewissen Sinn in seinem Leben gesehen hatte. Dank Adam.

Erneut erinnerte er sich an Adams Puls unter seinen Zähnen, an das stumme, verlockende Angebot und die kleine aber auch schöne Sekunde, in der es nur ihn und Adam gegeben hatte.

Er war ein selbstsüchtiger Mensch – aber es hatte keinen Gansey mit seinen Erwartungen gegeben, keine Blue, die Adam den Korb gegeben hatte und so verzweifelt ihre Sorgen um Ronan unter scherzhaft-sarkastischen Aussagen verstecke.

Es war ein Moment ohne Noah gewesen, ein seltsam freier Moment ohne das ewige Gefühl der Schande, die ihn sonst zu Boden drückte.

Ronan schnaubte verächtlich und packte Adam an der Schulter. „Gehen wir“, murmelte er leise auf lateinisch – wissend, dass Noah trotz all der Versuche miserabel in Fremdsprachen war.

Adam sagte nichts, wandte sich nur um und gemeinsam ließen sie Noah stehen.

„Ein Geheimnis ist eine schwierige Sache, nicht wahr, Rabenkönig?“, erklang Noahs sanfte Stimme, ein vertraulicher Ton, ein vertrauter Name. Ronan erstarrte wie so oft an diesem Tag. Er sah flüchtig zurück, doch Noah war verschwunden, als hätte der Wind seine Konturen mit sich genommen.

Seine Hand krallte sich in Adams Schulter – und er verlor wie am Tag zuvor im Auto das Bewusstsein.



~



Drei Tage war Ronan bewusstlos. Er schien zu fiebern und mit jeder Stunde, die er nicht aufwachte, wurde Ganseys Sorgenfalte im Gesicht größer.

Adam fühlte sich wie benommen, er schien alles aus weiter Ferne wahrzunehmen.

Unterdessen verwurzelte sich Cabeswater immer mehr in ihm und er nahm alle Informationen, die er während dieses Prozesses bekam, in sich auf wie ein trockener Schwamm Wasser.

Nach und nach konnte er die beiden Realitäten unterscheiden und er fühlte einen seltsamen Stich von Trauer, als er all die nicht-wahrgewordenen Chancen und Möglichkeiten sah!

Sie waren dort ebenfalls Freunde, verbunden durch Gansey, ihrem König. Sie alle hatten nach einen walisischen König namens Glendower gesucht und noch immer empfand Adam es als seltsam, wie unterschiedlich die beiden Realitäten ihre Schicksale knüpfte.

Warum ist es nur so weit gekommen?, dies war nur eine der Fragen die ihn im Zusammenhang mit der momentanen Situation beschäftigten. Was war passiert, warum hatte sich alles so katastrophal entwickelt? Und was war der Kern des Ganzen? Weshalb war die Freundschaft von Ronan und Noah so in die Brüche gegangen? Gabe s Gründe, warum Adam ihn nie kennengelernt hatte?

Adam war gerade mit Gansey daran beschäftigt, an dessen Camaro herumzuschrauben, als er den Kopf hob und Ronans eisblauen Augen begegnete. Langsam wischte er sich die ölverschmierten Hände an dem mitgebrachten Lappen ab und schloss die Motorhaube. Ronan war blass, noch blasser als sonst und wirkte geschwächt.

Ein unangenehmes Grinsen zierte sein Gesicht, denn es war so … leer. „Wie lange war ich weg?“, fragte Ronan heiser.

Gansey antwortete ihm. Ronan stieß einen anerkennenden Pfiff aus. Dann atmete er tief durch und sagte: „Magst du uns kurz alleine lassen, Gansey?“

Dieser sah verwirrt zwischen den beiden hin und her, nickte dann jedoch verwundert, als Ronan ein kaum hörbares „Bitte“ hinterherschob. Gemeinsam beobachteten sie, wie Gansey sich entfernte.

„Du willst sicher Antworten, richtig?“, fragte Ronan ihn. Adam zuckte mit den Schultern.

Ein Drei-Tage-Bart lag auf Ronans Gesicht, es verlieh ihm einen schwerverbrecherischen Glanz. „Cabeswater hat mir einiges gezeigt.“

Ronan nickte langsam. „Also weißt du bereits von meinen Träumen und woher ich Chainsaw habe?“ Adam nickte zu jeder Aussage und Ronan fuhr fort: „Du weißt, dass es eine zweite Wirklichkeit gibt, ich schätze du kannst sie auch sehen, so wie du …“ Ronan hustete kurz. „angesehen hast. Sie überlagert sich mit unserer Realität und zeigt uns die andere Möglichkeit unserer Entscheidungen und gelegentlich auch die Konsequenzen. Das berühmte Was-wäre-wenn“ Ronans Stimme nahm kurz einen sarkastischen Klang an, dann redete er weiter. „Du hast den anderen Gansey gesehen, und mein anderes Ich und Noahs-“ totes Ich, ergänzte Adam stumm. Er fragte: „Warum-“

„Blue kein anderes Ich hat? Weil sie ein Spiegel ist, sie spiegelt und verstärkt Sachen, es kann sie nicht anders geben. Ihr Sein ist stets nur der Spiegel der momentanen Realität. Mehr gibt’s für sie nicht.“

„Irgendwie klingt das traurig.“, murmelte Adam.

„Wieso suchen wir nicht nach Glendower?“, stellte er seine nächte Frage. „Gansey ist niemals in das Wespennest getreten, er wurde nur per Zufall von einer kleinen, mickrigen Wespe im Sommer gestochen. Sein Herz hat niemals aufgehört zu schlagen und deshalb gab es für ihn auch niemanden, der seine Aufmerksamkeit auf Glendower richtet. Aber er kam nach Henrietta, weil sein Vater die bestmöglichsten Chancen für ihn wollte. Und weil wir anscheinend wirklich alle zusammengehören, in beiden Welten. Karma fickt jeden, Adam. Und wenn nicht in der jetzigen Realität, dann in der anderen – das Schicksal wird man nicht los.“  Ronan zog eine Grimasse und räusperte sich.

Redest du von dir selbst, wenn du vom nicht loswerdenden Schicksal redest? Oder von ihm?, fragte sich Adam. Geistesabwesend fuhr er über seinen Hals und zuckte zusammen, als die aufgeraute Haut aufkribbelte.

Ronans Blick flackerte zu ihm. Manche Dinge änderten sich in beiden Welten nicht: Ronans überhebliches Grinsen auf den schmalen Blicken, der beinahe stolze Blick als er sein Werk begutachtete. „Hör auf zu grinsen, Idiot!“, knurrte Adam.

Als Blue seinen Hals gesehen hatte, hatte sie nur hinter vorgehaltener Hand gekichert und gleichzeitig die Augenbrauen nach oben gezogen – während Gansey verlegen gehüstelt hatte und dann höflicherweise weggesehen hatte.

Adams Hals war ein einziger Knutschfleck, kaum ein Streifen gebräunter Haut war noch zu sehen, nur lilablaue rötliche Flecken.

Aber Ronan fing nur an zu lachen, ein tiefes, ehrliches Lachen und Adam stieg kurz darauf mit ein. Da standen sie nun, zwei Jungs, die an einem empörendes orangefarbenen Auto lehnten und glücklich waren.

Dann legte Ronan ihn die Hand auf die drahtige Schulter, sie sahen einander an. „Lass dich nicht von Noah … Ignorier ihn. Er ist mein Problem.“

Adam erwiderte den Blick unbeeindruckt, seine Augenbrauen hoben sich. „Doch.“, antwortete er ernst. Sah die Überraschung in Ronans blauen Augen. „Er ist ein Problem. Besonders dann, wenn er versucht, mir eine mir wichtige Person zu nehmen.“

Cabeswater hatte sich mit solcher Dominanz in den letzten Tagen in ihn vergraben, dass in Adam nun kein Funken Schüchternheit oder gar Zweifel mehr Platz gehabt hatte.

„So so, eine wichtige Person“, erklang Blues Stimme urplötzlich neben ihnen, triefend vor unterdrücktem Kichern. Doch keiner der beiden Jungs zuckte zusammen, sie waren daran gewöhnt, dass ständig irgendwelche Störfaktoren aus dem Nichts auftauchten.

Adam lächelte nur sanft und sah Blue an, sein Lächeln bildete Grübchen in seinem Gesicht und verliehen ihm eine herbe Niedlichkeit.

Er nickte nur. Es war ihm egal, ob sich jemand über ihre seltsame Freundschaft wunderte. Diese Verbindung war angefüllt mit Kleinigkeiten, die sich zu einem großen Ganzen zusammensetzen: Ronan und er hingen miteinander rum. Sie gaben aufeinander acht. Sahen sich immer mal wieder an, minutenlang. Ronan hatte ihm einen Hals voller Knutschflecken verpasst. Adam hatte mit ihm essen geteilt. Und den Beinahe-Kuss aus der Kirche durfte man auch nicht vergessen. Es waren sie beide gegen Noah gewesen. Innerhalb dieser ersten Ferienwoche war aus der unangenehmen Sache von vor einem Monat in der Bibliothek eine „Irgendwas was Adam nicht definieren konnte“-Sache geworden.

In der anderen Welt hatte sich der andere Adam alleine von den anderen angekapselt, nachdem er den Pakt mit Cabeswater geschlossen hatte. Hier war es nun eine Ronan-und-Adam-Abkapselung.

Der tattowierte Junge starrte auf Blue herab, ein dunkler Riese gegenüber einem kleinen, bunten Zwerg. In diesem Moment ähnelte Ronan dem anderen, ihm fremden Ronan - dem Jungen, der mit Noah rumgehangen hatte - so sehr, dass Adam es nicht ertragen konnte und ihn gegen die Schulter boxte.

Es wirkte wie ein Schwall Wasser auf schmutzigem Boden, die gruselige Ähnlichkeit verschwand, die Überschneidung löste sich auf und ließ den kranken, müden Ronan zurück, der Adam so vertraut war.

Auch wenn es ihm kurz wehtat, ihn geschlagen zu haben. Doch auch dieses Mitgefühl hörte sofort auf, als Ronan zurückschlug.

Es schmerzte, Ronan hatte einfach so viel mehr Kraft als Adam, fing Adam erneut an zu lachen.

Das Blue da stand und sie beide beobachtete, hatte er total verdrängt. Jetzt gerade gab es nur Ronan und ihn.

Dieses gegenseitige Auf-die-Schulter-boxen war eine so vertraute Geste, eine Sache, die sie beide in der anderen Wirklichkeit gemacht hatten und er fühlte sich erleichtert. Auch dies war eine Sache, die einen Teil zu ihrer Freundschaft beitrug: Cabeswater und segundus varitas, die fremden Erinnerungen und die Träume.

Ronan war da, auf dem Weg der Besserung; Adam hatte zwei Wochen frei und ein warmer Sommer lag vor ihnen.

Adam fühlte sich glücklich. Nur der Gedanke an Noah hinterließ ein seltsam kaltes Gefühl, als würde man ihm sämtliche Energie entziehen.



~°~






Es war nicht einfach für Adam hier zu sein. Hier, an dem Ort an dem ein knallroter Mustang stand, der trotz das er von Pflanzen und Staub eingehüllt war mit jedem einzelne Zentimeter GELD schrie.

Auch wenn er schon vor langer Zeit abgestellt worden war, schien es, als hätte man ihn noch vor kurzem erst bewegt.

Gansey schien nichts auffälliges zu sehen, er bewunderte gerade die Farbe – Gansey hatte halt einen Faible für alte, auffällige Autos. Blue schien ihn gerade damit aufzuziehen, denn er sah ihr mit einem ernsten Gesichtsausdruck entgegen.

Und Ronan, der starrte auf irgendeinen Punkt.

Dies war eigentlich ein Auto, bei dem er ähnlich wie Gansey hätte ausflippen sollen. Ronan war ähnlich wie die beiden anderen Jungs ein Autofreak, aber Adam fühlte sich unwohl.

Dieser Wagen hatte etwas seltsames an sich. Unwirkliches. Zudem hatte Adam das Gefühl, dass er den Wagen kannte und für einen kurzen Moment … verschob sich sein Blickfeld, nein, die ganze Welt schien sich zu verrücken, denn plötzlich sah Adam die andere Seite.

Er sah sich selbst neben einer Blue im grünen Kleid, er sah wie ein anderer Gansey die beiden beobachtete.

Er hörte diese andere Blue sagen: Noah ist schlecht.

Der andere Gansey harkte nach, andere-Blue sagte: Kann ich ihn gerne fragen, sobald er mit Kotzen fertig ist.

Anderer-Ronan klinkte sich ein: Wo ist er denn? Noah?

Und verschwand.

Ihre Stimmen verhallten seltsam, als würde er sie von weiter Ferne hören.

Adam schluckte, ihm waren die Erinnerungen an einen netten, liebevollen und besorgten Ronan und Noah als ein Freund nicht geheuer, er wandte den Kopf zum Wagen und dann klinkte sich die Realität wieder ein.

Was gab es hier für eine Verbindung zwischen dem Wagen, Noah und überhaupt Cabeswater?

Ihm behagte der surreal-wirkende Mustang wirklich nicht und irgendwas war auf die pollengrüne Windschutzscheibe geschrieben worden, in großen zornigen Druckbuchstarben ERMORDET.

Wer?, fragte sich Adam.

In dem Moment setzte sich Ronan in Bewegung, doch es war nicht nur er, es war Ronan, Anderer-Ronan und der Rabenkönig in einem, die sich vorbeugten und UNVERGESSEN drunter schmierten.

„Doleo Noah“ erklang diese tiefe Stimme, angefüllt voller Schmerz und Trauer. Es tut mir leid Noah.

Natürlich. Noah. Wer sonst?

Und Adam wandte den Blick ab, seine Brust brannte und sein Hals schmerzte – wie oft musste er noch jemanden an irgendwen verlieren?

Erst die andere Blue, die mit Gansey zusammen kam? Dann Gansey in der anderen Welt fast an einem Wespenstich; den Noah, den er nie kennengelernt hatte und nun auch Ronan, an diesen fremden Noah, der wie ein Schatten über allem thronte.

Doch dann spürte er eine Hand auf seiner Schulter, es war Blue und sie flüsterte: Wir sind da, Adam. Hier, bei dir. Und du musst Ronan verstehen, jeder würde aufgrund so etwas leiden.

Adam schloss die Augen. Die Traurigkeit Ronans, diese Ablehnung eines Toten.

Und nun fühlte Adam Parrish nur noch eins. Scham. Weil er einen Toten beneidete.



~°~






Ronan war noch immer schwach, er musste sich ab und zu setzen oder irgendwo abstützen, wenn sein Kreislauf wieder schwächelte und seine Brust schmerzte.

In seinen Träumen irrte er durch den Wald der toten Stadt, immer häufiger drehte er sich im Kreis, wusste nicht mehr wohin und die Irrlichter taten ihren Job und führten ihn in die Irre.

Überall waren die Herzschlag-Bäume, deren fremder Puls in aufs neue beunruhigte. Aus diesen Träumen erwachte er stets schweißnass gebadet und voller Panik, aus Angst erneut ein Monster mit in die Realität zu nehmen. Deshalb hielt sich Ronan zwanghaft wach.

Noah war in Henrietta, irgendwo in den staubigen Straßen und der flirrenden Hitze – und es machte Ronan kirre.

Wann immer es sein Kreislauf zuließ, schlich er sich raus, auf den grasbewucherten Parkplatz, zu Adam.

Dieser reparierte zurzeit ein Auto, dass irgendjemand dort abgestellt hatte.

Träges Schweigen umgab die beiden, es war friedlich hier, die Sonne schien und brannte mit unermüdlicher Hitze.

Heute hatte Adam ein weißes Shirt an, das wie so gut alle Klamotten, die er zurzeit trug, Ronan gehörte. Der dunkle Overall hatte Adam sich von der Arbeit geliehen, damit er nicht zu viele teure Klamotten versaute.

Auch wenn dies Ronan verdammt egal war. Manche Dinge änderten sich nie.

Es war, als hätte die Zeit Erbarmen mit ihnen, alles was gerade wichtig war, war die Reparatur des Autos, die angenehme und mittlerweile vertraute Zweisamkeit und der Versuch nicht vollends von der Sonne gegrillt zu werden.

Ronans Haut blieb trotz der sengenden Strahlen blütenweiß, Adam hingegen hatte nun eine tiefbraune Haut, die seinen Zügen schmeichelte und seine grauen Augen noch mehr zur Geltung brachten.

Eine Tatsache, mit der Ronan überhaupt kein Problem hatte.

Ronan lümmelte auf einem alten, abgenutzten Skateboard herum, sein Blick ruhte auf Adams routinierten Handgriffen. Wie ein Chirurg einen Patienten operierte, so flickte Adam das Auto – es war eine hingebungsvolle Prozedur, bei der er hin und wieder vor sich hin summte.

Es waren hin und wieder ein paar Takte des Murder Squash Songs. Er freute sich zwar darüber, dass es diesem Adam gefiel, jedoch erinnerte es ihn in schlimmeren Momenten auch an Noah.

Aus einem Impuls heraus hob Ronan den Kopf und sah hoch zur Glasfront des Manufacturing, welche sich im Hauptraum befand und begegnete Ganseys Blick.

Er wusste, dass sein Freund ihn nicht hören konnte, nicht wenn er die Worte nur dachte, doch innerlich hoffte er es dennoch.

Ich weiß, dass du gerne eine Antwort von mir hättest, Gansey. Warum er hier ist, was es mit den Knutschflecken auf sich hat und warum nun ebenfalls Adam so voller unnatürlicher Energie ist. Warum wir uns von euch entfernen. Aber bitte, gib mir noch etwas Zeit. Nur ein klein wenig. Das jetzt, hier, ist die Ruhe vor dem Sturm!

Noah wird alles was du aufgebaut hast in Sekunden niederreißen. Gib mir nur ein wenig Zeit in dieser Idylle. Mit Adam...

Ein Zischen ließ Ronan den Kopf drehen, es kam aus Adams Richtung. Dieser lehnte mit dem Rücken zur offenen Motorhaube und hatte eine Dose Cola geöffnet.

Adam nahm einen Schluck und ließ dann wie zufällig seinen Blick zu Ronan gleiten. Sie sahen sich einige Sekunden an, so wie sie es seit Tagen taten. Dann hielt ihm Adam die kalte Dose hin.

Ronan ergriff sie, ihre Hände streiften sich und er spürte das geisterhafte Flüstern Cabeswater in seinem Geist nachhallen.

Er nahm ebenfalls einen Schluck, fühlte die prickelnde Flüssigkeit seinen Hals hinabgleiten. Noch immer wusste er nicht, wie er den Geschmack von Cola beschreiben sollte. Er hatte nichts zu vergleichen.

Mit der linken Hand wühlte er in seiner Hosentasche und zog ein Päckchen Zigaretten hervor. Mit der anderen hielt er die Dose und nippte ab und zu, minimale Schlücke um seinen Magen nicht zu irritieren.

Er ließ die Packung aufschnappen, schüttelte eine Kippe hervor und schob sie sich in den Mund. Nach kurzem Gewühle fand er ein kleines Feuerzeug und zündete die Zigarette an.

Während er inhalierte, hielt er Adam die Dose wieder hin. Dieser nahm sie, stellte sie jedoch neben sich ab.

Der vertraut-beißende Geruch von Tabak stieg Ronan in die Nase. Künstliche Ruhe erfüllte ihn, als er inhalierte, den Rauch ausstieß und wieder am Filter zog.

Adam beobachtete ihn dabei, keinerlei Empörung wie es bei Gansey der Fall gewesen wäre.

Die letzten Tage hatte etwas verändert zwischen ihnen, eine Veränderung voller gegenseitigem Respekt, Toleranz und Vertrauen.

Es war etwas, was Gansey mit ihm niemals haben konnte, doch Ronan war nicht sonderlich traurig darum. Gansey war für ihn wie ein Bruder, aber Adam war etwas ganz anderes.

Dann, gerade als Ronan erneut inhaliert hatte und die Zigarette sinken ließ, beugte sich Adam vor und entwand ihm die Zigarette.

Ronan verriet durch nichts seine Überraschung. Nur seine Augen weiteten sich ein Stück, ein Anflug von Anerkennung huschte über sein Gesicht, als Adam die Zigarette an den Mund hob und inhalierte, als würde er seit Jahren rauchen und nicht jetzt gerade seinen allerersten Zug nehmen. Insbesondere, weil Adam danach nicht hustete wie die meisten.



Adam war ein grandioser Beobachter. Er entließ den Rauch, wie er es seit Jahren seinen Vater und seit kurzem auch Ronan hatte tun sehen. Ronan zog einen Mundwinkel hoch. „Respekt, Frischling.“, sagte er mit dunkler Stimme.

Diese bekam er immer, wenn er etwas anzügliches sagte oder beeindruckt war.

Adam lächelte sanft. Er hielt Ronan die Zigarette hin und dieser nahm sie an. Es war kein Spiel zwischen ihnen, aber Adam konnte nicht aufhören die Grenzen auszutesten,  tief in Adams Inneren hörte er den fremden Gansey sagen: Mach ihn nicht kaputt, Adam.

„Mach ich nicht“, dachte er. „Denn zuvor macht Ronan mich kaputt.“



Ronan rauchte die Zigarette auf und schnippte den Stummel weg. Er sah ruhig und entspannt aus. Adam beobachtete ihn. Vorsichtig erhob Ronan sich und stellte sich vor Adam. „Parrish, hast du eine Idee was wir nun machen werden?“, fragte Ronan. Erwartungsvoll betrachtete er den Jungen, gab ihm die Zeit um nachzudenken.

Adam ging in Gedanken alle Orte in Henrietta durch, die ihm interessant erschienen. Auch wenn er so tat, als bemerke er es nicht, achtete er darauf, dass es abgelegene Orte waren.

Wo es nur ihn und Ronan gab, gestohlene Zeit und kostbare Momente, die ihnen leider so schnell davonliefen.

„Vertraust du mir?“, sagte er leise, seine Stimme hatte einen rauen Klang angenommen. In ihm glühte die Hoffnung, dass Ronan bejahte.

Und das tat dieser mit einem hinterlistigen Grinsen, das Adam eine Gänsehaut bereitete.



Im stillen Übereinkommen gingen sie zu Ronans BMW. Hoch über ihnen beobachtete Gansey die beiden.

Er hatte das Gefühl, als hätte jemand Ronan und Adam zu Beginn der Ferien gegen jemand fremdes eingetauscht, die nur so aussahen wie seine beiden besten Freunde. Doch dann tauchte Blue hinter ihm auf und lenkte ihn ab.



~°~




Adam saß auf dem Beifahrersitz und beobachtete Ronan beim Fahren. Eine fremde Erinnerung zeigte ihm, wie der andere Ronan dem anderen Adam versuchte die Gangschaltung beizubringen, daran scheiterte und ausrastete.

In dem Moment sagte Ronan: „Du bist einfach ein miserabler Fahrer.“ Adam lachte nur und bemerkte aus dem Augenwinkel, wie Ronan ihn kurz ansah, ein faszinierter Glanz in den blauen Augen.

Ein zufriedenes Glücksgefühl umhüllte Adam.

Die Landschaft zog an ihnen vorbei und nach einigen Minuten fuhr Ronan einen Waldweg entlang, der an einer offenen Lichtung endete. Sie stiegen aus und kletterten auf die Motorhaube des anthrazitfarbenen Wagens. „Merkst du eigentlich, wenn ich das zweite Gesicht nutze?“, fragte er ihn neugierig. Ronan nickte, zuckte aber gleichzeitig mit den Schultern. „Ja und nein. Ich spüre es, wie als wäre mein Bewusstsein ein Teich und am Rande würde etwas das Wasser streifen. Genauso wie ich Cabeswaters Stimmen höre, wenn du mich anfasst.“

Es war ein normaler Satz, doch plötzlich klang es in Adams Ohren verdammt zweideutig und er spürte, wie sich ein spöttisches Grinsen auf seinem Gesicht ausbreitete.

Cabeswaters Präsenz war zu enorm um Platz für so etwas wie Schüchternheit oder Befangenheit zu lassen. „Tatsächlich?“, er wusste das Ronan den Unterton heraushören würde. Das hatte er auch beabsichtigt.

Wachsam sah Ronan ihn an, ein Funkeln brachte die blauen Irden zum Strahlen. In den letzten Tagen hatte er keinerlei Ansprüche erhoben, er überließ es Adam, ob er ihre Verbindung vertiefte oder nicht.

Genau wie bei dem Beinahe-Kuss in der Kirche.

Jetzt gerade wirkte Ronan so gelöst wie noch nie, als wäre eine Last von seinen Schultern genommen worden. Hier, inmitten ihrer Zweisamkeit, war kein Platz für Noah.

Adam wusste, dass er sich damit das Leben nur selbst schwer machte, doch noch immer kam er von diesem Jungen nicht los. Diese Verachtung gegenüber Adam und diese Blicke, die Vertrautheit, wie Noah mit Ronan sprach und wie Noah Ronan angesehen hatte, der Schimmer von all diesen nicht zur Stande gekommenen Möglichkeiten der zweiten Wirklichkeit waren wie Gift in Adams Adern – als wäre Noah eine schmerzende Wunde, die ihn daran hinderte, Fortschritte zu machen.

Adam beugte sich über Ronan, betrachtete ihn, nahm seinen Anblick in sich auf. Diese seltsame, düstere Schönheit, die seine Brust schmerzen ließ, all diese gefährlichen Ecken und Kanten, die Ronan zu Ronan machten. Der dünne Körper. Die Knochen. Das Tattoo, dass sich jedes Mal beim erneuten betrachten zu verändern schien.

Ob es Ronan insgeheim erträumt hatte, damit es diese Wirkung hatte?

Sein Blick glitt über den Drei-Tage-Bart, die gerade Nase und die hohen, hohlen Wangenknochen. Ronan sah ihn an, aus diesen eisblauen Augen. Und in Adam kochte das Verlangen hoch, ihn zu küssen.

Doch stattdessen neigte er den Kopf und legte seinen Mund auf Ronans Hauptschlagader.

Dessen Puls raste, wie immer angetrieben von der übernatürlichen Energie Cabeswaters, fing nun aber an, hin und wieder auszusetzen.

Adam flüsterte leise. „Hörst du nun Cabeswater?“

Ronan lag still da. Adam konnte hören wie er schmunzelte als er antwortete: „Ich glaube, dafür spüre ich dich noch zu wenig.“

Adams Augen weiteten sich, in ihm kroch etwas eigentümlich starkes hoch. Hunger.

Er lehnte sich zurück und sah Ronan erneut an. Legte alles, was er gerade fühlte in diesen einen Blick. Es war ein Akt der Verzweiflung, weil er hoffte, dass Ronan dies auch spürte.

Adam schloss alle Ängste fort, sämtliche Bilder in denen sein schleichender Verdacht, dass zwischen Noah und Ronan etwas gelaufen war, ganz tief in sein Unterbewusstsein.

Er war nicht wirklich dominant, aber selbst ihm wurde bei diesem Blick Ronans heiß: er war offen und obwohl er oberflächlich unterwürfig wirkte, so wie Ronan zu ihm hochsah, lag darunter etwas rohes, wildes.

Ronan drehte den Kopf, präsentierte seinen Hals.

Adam beugte sich vor und biss zu.



Ronan gab nicht gerne die Kontrolle ab. Aber Adam hatte ihn auf eine Weise angesehen, die er sich niemals hätte erträumen können. In dem Blick hatte Verzweiflung gelegen, vermischt mit etwas derartig Hungrigem, dass er widerstandslos den Kopf gedreht hatte.

Und Adam enttäuschte ihn nicht. Schmerz zuckte durch seinen Hals, als sich die fremden Zähne in das weiße Fleisch bohrten. In ihm, nein in ihnen erblühte Cabeswater. Doch diesmal war der Wald stumm, die Bäume ließen den Zauberer und den Träumer gewähren.

Ronan zog Adam näher heran, bis dieser breitbeinig auf seinem Schoß saß. So saßen sie da, zwei verlorene Jungs im Nirgendwo, die sich aneinanderklammerten, als würde morgen die Welt untergehen.

Vorsichtig hob Ronan die Hände und drückte Adam weg. Dieser ließ sofort los, Panik stand ihm ins Gesicht geschrieben.

Ronan ignorierte es und zog Adams Hemd – eigentlich sein Hemd- ein Stück herunter. Kurz flackerte sein Blick zu dem Jungen in seinem Schoß, als würde er sich dessen Zustimmung versichern wollen, dann drückte er seine Lippen auf die Stelle wo Adams Puls schnell und unregelmäßig pochte.

In seinem Kopf zwang er sich Bilder heraufzubeschwören. Erinnerungen, seine eigenen als auch die fremden, an glückliche Tage.

Fremd: Wie er und Adam sich gegenseitig auf den alten Skateboard mit dem BMW über den Parkplatz gezogen hatten. Wie Chainsaw sich von Adam kraulen ließ.

Eigenes: Wie Adam ihn in der Bibliothek ansah. Wie sie zusammen lachten. Wie Adam ihn mit einem glühenden Blick bedachte und an der Zigarette zog. Adams Anblick als er von dem Smoothie trank.

All dies beschwörte er herauf und er konnte beinahe spüren, wie sich die Bilder hinter Adams Liedern manifestierten. Adam keuchte leise. „Das ist der Wahnsinn.“, hauchte er voller Erstaunen. Ronan lachte leise; es klang beinah wie als wäre ihm Chainsaw unter die Haut geschlüpft und hätte sich seiner Stimme bemächtigt.

Und so saßen sie da, sonnten sich in Erinnerungen, die sowohl die ihren als auch die von anderen Adams und Ronans waren.



~°~




Adam war nervös. Nicht nur, dass er zugestimmt hatte Gansey auf eine dieser noblen Partys seiner Eltern zu begleiten, sondern auch deshalb, weil Ronan Lynch ebenfalls hier war.

Er wirkte wie ein Wolf zwischen Schafen.

Während Adam sich fühlte, als würden alle ihm seine zweitklassige Herkunft ansehen war Ronan ein bedrohlicher Schatten an Ganseys Seite – er strahlte etwas absolut herablassendes, düsteres aus und seine bissigen Kommentare taten diesem nicht ab.

Adam hingegen bemühte sich wenigstens einen guten Eindruck zu machen. Aber eigentlich wollte er diese Masken alle ablegen. Früher hätte er versucht sich zu benehmen, wohlerzogen und höflich zu wirken und bei dem ganzem Theater mitzumachen, die die Reichen einander vorspielten – aber nicht jetzt. Jetzt wo sogar Ronan hier war.

Ganz kurz durchzuckte ihn ein alter Gedanke, wie der Raum abbrannte und Ronan „ANARCHIE“ brüllte. Ein leises Kichern entfloh ihm.

Der tätowierte Junge sah ihn an. Adam beugte sich vor und flüsterte ihm seinen Gedanken zu. Ronan fing an zu grinsen, ein verschlagenes Funkeln trat in seine Augen. Anscheinend gefiel ihm die Vorstellung.

Gansey war gerade beschäftigt irgendwem die Hand zu schütteln.

Adam sah sich um, der prunkvolle Raum, die zarte Geigenmusik und das exquisite Essen, all diese reichen Leute, zu denen er damals hatte gehören wollen.

Doch seine Ansichten hatten sich verändert.

Jetzt verstehe ich, warum Ronan rebelliert. Dies alles hier ist eine verdammte Farce und wir könnten jetzt woanders sein, mit Pig durch die Gegend fahren und einfach rumhängen.

Er erhob sich von dem teuren Sofa und als wäre es selbstverständlich löste sich Ronan von der Wand, and der er gelehnt hatte und folgte ihm.

„Willst du immer noch zu ihnen gehören, Parrish?“, erklang Ronans tiefe Stimme neben ihm als sie auf den Balkon zusteuerten.

Adam schüttelte den Kopf leicht. „Und mir langweilige Klatschgeschichten anhören und dazu Fischeier, pardon Kaviar essen? Nein danke. Ich wäre jetzt lieber anderswo.“ Ronan lächelte kalt.

In ihm flüsterte Cabeswater, es war ein Angebot in das sanfte Dämmerlicht des Waldes einzutauchen, sich von den Blättern umhüllen und im Schatten zu versinken.

Kurz erwägt er es, dem zuzustimmen aber dann fiel ihm ein, dass seine und Ronans Anwesenheit Gansey Beistand leisten sollte also vertröste er sich auf später.

Sie standen eh schon im Mittelpunkt.

Als die besten Freunde des Sohnes der Senatorin und Aglionby-Absolventen, als Sprössling der Lynch-Familie und als Aglionbys bester Schüler seit langem waren sie eines der Top-Gespräche des Abends.

Dazu kam noch ihre Aura: so fremd, als wären sie niemals völlig da, voller surrender Energie und einem Wissen in ihren Augen, als hätten sie bereits alles gesehen und alles erlebt, als wüssten sie etwas, was allen anderen auf ewig verschwiegen blieb.

Auch das Ronan hier war, der zweitälteste Sohn des Niall Lynchs, ein schweigsamer junger Mann, dessen Verachtung einem förmlich entgegen schrie – ein Skandal.

Der Balkon war leer. Ronan setzte sich aufs Geländer, während sich Adam neben ihn lehnte, mit dem Rücken zum Inneren des Hauses.

„Wie hält man das aus? So blind und klatschsüchtig“, fragte er leise.

Ronan schnaubte. „Sie wissen es nicht besser. In ihrer heilen Welt dreht sich alles nur um sie. Wer trägt welche Mode von Louis Viton oder Michael Kors oder Chanel, wessen Kind hat wieder eine Anzeige bekommen, mit wem man befreundet ist, etc.“

Dann sah er ihn an. „Wenn es dir zu viel wird, frag Cabeswater. Der Wald bringt Frieden.“ „Aber was ist mit dir?“

„ich habe meine Mittel und Wege.“

„Kannst du nicht auch-“

Ronan lachte leise: „Nein, Adam. Cabeswater gehört jetzt dir. Ich war nur derjenige, der ihm eine Form gegeben hat. Der Wald hat dich ausgesucht als seinen Zauberer, seinen Magier. Aber keine Angst, mein Ort ist da, meine tote Stadt ist da, wenn ich sie brauche.“

„Tote Stadt?“, harkte er nach. Irgendwie klang dies nicht besonders tröstlich. Ronan sah in die Ferne. „Die tote Stadt ist … ähnlich wie Cabeswater. Sie ist das Gegenstück, die verdrehte Form.“

Aber wenn .. er fing an zu reden: „Aber wenn die tote Stadt das Gegenteil von Cabeswater ist, heißt das nicht, dass … die Stadt tot ist? Cabeswater ist voller Leben. Licht.“

„Deswegen tote Stadt. Dort lebt niemand. Der Wald dort treibt dich in die Irre, wer sich zulange dort aufhält, nun der fällt dem Wahnsinn zum Opfer. Es ist nicht schön, aber so ist es halt.“

„Lass uns irgendwo hingehen.“, murmelte Adam etwas niedergeschlagen und Ronan lächelte anzüglich. „Ich gebe Gansey Bescheid.“, sagte Ronan und verschwand. Adam ging. Sein Kumpel würde ihn eh finden.



Adam saß auf einer Bank, sie war vor Jahren hier im Garten der Familie Gansey abgestellt worden und es war ein guter Rückzugsort.

Er musste einfach mal seine Gedanken ordnen. In ihm herrschte Chaos, die Erinnerungen vermischten sich gerne und meist merkte er erst dann, dass es nicht seine war, wenn Noah darin auftauchte.

Adam wusste nicht was er von dem anderen-anderen Jungen halten sollte. Dieser wirkte wie ein kleiner, trotteliger Welpe, den man einfach in sein Herz schloss.

Aber dann sah er wieder Ganseys traurigen Blick; Ronan wie er mit diesem verlorenen Gesichtsausdruck in die Ferne starrte und dann riss die Vernunft an ihm -  er kannte Noah nicht, warum verurteilte er ihn?; gleichzeitig war er wütend, dass seine Freunde an der Situation litten.

Er hatte in der anderen Welt nicht viel mit ihm zutun gehabt, selbst dort waren Ronan und Noah sich näher, sie hatten den selben Humor, Musikgeschmack und Probleme mit Menschen.

Sie alberten herum, Ronan hatte ihn sogar aus dem Fenster geworfen!

Und sie achteten aufeinander.

„Was soll ich tun?“, fragte Adam Cabeswater. Vor seinem inneren Auge erblühten Bilder, Cabeswaters liebste Art zu kommunizieren:

Er und Ronan im BMW, Noah im Wald, Ronan der durch eine seltsame Stadt taumelte, ein weinender Noah inmitten des alten Waldes, ein lachender Adam in der seltsamen Stadt, Ronan, der Noah küsste –

Adam riss die Augen auf. Ronan, der Noah küsste. Sein Herz brannte.

Er hörte ein Knacken, spürte eine Hand, die er nicht mehr rechtzeitig wegschlagen konnte.

Ronans zischende Atmung erklang. Adam riss den Kopf hoch, sie starrten sich an.

In Ronans geschockten Blick lagen so viele Emotionen, die sich innerhalb einer Millisekunde hinter einer meterhohen Mauer aus Gleichgültigkeit verbargen.

Er zog seine Hand weg, als Adam sich schnell erhob. Worte in seinem Kopf, doch sein Mund war wie zugeklebt also setzte er sich langsam, oder war es doch ein Nach-hinten-kippen?

Sein Kopf war gesenkt. „Ich weiß nicht wohin.“, hauchte er. Ronan schwieg. Anscheinend war er noch zu geschockt von dem Bild in Adams Kopf.

„Ich weiß nicht mehr, was ich denken soll. Die Welten überlagern sich. Ich will ihn hassen, für all dies – aber dann ist da der andere, der der mein Kumpel war, unser. Und es kommt der Zweifel. Was soll ich fühlen, Ronan!? Gib mir eine Antwort, Rabenkönig!“ Das letzte Wort, der andere Name für den anderen Ronan schrie er beinah, so schnell pochte die Wut hoch.

Ronan war zusammengezuckt, doch sein Blick war hart. Adam sah ihn wütend an. Er hatte keine Lust mehr auf Verstecken, auf Ausreden oder sonstigen Mist.

Hatte er keine Antworten verdient? Ronan war doch sonst nicht so verschlossen!

Impulsiv schoss er vor, presste seine Lippen auf Ronans. Der Kuss war voller Wut, Verzweiflung – alles, was er gerade fühlte steckte er hinein, ließ hinter seinen Augen Bilder erscheinen.

Ganseys Blick als er von Noah erzählte, dessen Aura und die Verachtung, sein Blick gegenüber Ronan, der diesen aufzufressen schien, die drei Versionen Ronans die UNVERGESSEN auf die Scheibe schrieben,  Ronan der Noah küsste.

Ronan schien sich lösen zu wollen, sein Geist baute Mauern auf um die Flut an Bildern aufzuhalten.

Aber Adam brannte bereits, er hatte dies alles in sich aufgestaut, hatte Opfer gebracht und es reichte. Er war ein Magier, dagegen hatte ein Träumer keine Chance.

Selbst einer mit Ronans Potenzial.

Und dann griff er nach noch mehr Bildern. Zwang sie alle in Ronan hinein.

Ronans Blicke, die Situation in der Kirche, in der Bibliothek, seine Träume, alles, alles – das Spiel zwischen ihnen, das keins mehr war.

Seine Gefühle waren echt.

Er ließ die Erinnerung hochsteigen, wie Ronan ihn immer wieder biss, den Schmerz, all diese glühenden Blicke, Lachen, Schreien, das Kribbeln in seinem Bauch, der brennende Hunger, der sich in ihm befand, Hunger nach Liebe, nach Aufmerksamkeit, nach Ronan, Lippen, die auf weiche Haut trafen und die Erinnerung an ein Lächeln, dass ihn verrückt machte.

Ronan stolperte keuchend zurück. Sein Blick war nicht fokussiert.

Adams Lächeln war bitter. „Ich hatte die Hoffnung, dass du mich ebenfalls magst. Aber immer wenn ich die Zuversicht hatte, tauchte irgendwer auf. Kavinsky. Und jetzt Noah. Ich habe kein Recht neidisch zu sein, aber weißt du wie schwer es für mich ist zu sehen, wie ihr einander anseht? All diese Andeutungen Ganseys? Die Erinnerungen aus der anderen Zeitlinie? Ich weiß nicht wo ich gerade dran bin und ich glaube, du weißt nicht was du willst, Rabenkönig.“

Ronan sah ihn an. Er beugte sich vor, griff harsch in Adams Nacken und presste seine Lippen auf Adams Mund, so voller Hunger.

Beide brannten in Zorn. Dann riss der tätowierte Junge sich los, er sprach Worte, doch Adam verstand sie nicht. Es war Ronans Traumsprache und im wachen Zustand fehlte Adam die Übersetzung dieser Worte.

Erneut küsste Ronan ihn hart.

Sie lagen auf dem Sofa, er sah sich selbst, erst nach kurzer Zeit begriff Adam, dass er all dies aus Ronans Sicht sah. Adam/Ronan beobachtete wie Adam sich über ihn beugte, ein hungriger Glanz in den Augen, sie küssten sich.

Adam/Ronans Gefühle überschwemmten ihn. Er schien zu brennen, ein Ozean an heißer, wütender Liebe, die ihn zu verschlingen drohte.

Sein Kiefer schmerzte, dass Verlangen Adam zu verletzen, ihn als Sein zu makieren war übermächtig, doch er drängte es zurück, das hier war Adam, der stolze Junge, der sich niemanden untertan machte. Kühle Hände, die über seinen Körper glitten, ihn wahnsinnig machten. Adam/Ronan öffnete die Augen, Adam war über ihm, eine leuchtende Lichtquelle, er schien aus reinem Licht zu bestehen. Er hob Adams Hand an seinen Mund.

Adam hatte die Augen geschlossen, Tränen brannten auf seinen Wangen.

Ronan träumt gerne vom Licht, flüsterte der andere-Gansey irgendwo in seinem Geist.

Dieses brennende Gefühl in Ronan, die Angst, dass es erneut wieder nur ein Traum sein könnte, dieses Verlangen, der Adrenalinkick, Liebe?

Ronan hatte seine Stirn an Adams gelehnt, beide atmeten keuchend. „Du bist ein Idiot, Adam Parrish“, flüsterte Ronan.

Aber es klang viel eher nach Ich liebe dich als nach einer Beleidigung.



ENDE



[1] Sirenen von Casper, aus seinem neuem Album „Lang Lebe Der Tod“

[2] Ich habe leider kein Latein, alles was hier an Latein herrscht, musste ich mir aus dem Internet und der Buchreihe klauben  

Die ursprüngliche Idee ging noch viel weiter, ich belasse es jetzt erstmal so. Eventuell schreibe ich weiter - vielleicht bleibt es aber auch ein One-Shot.


Gehört wurde unter anderem beim Schreiben:
lil aaron, Nothing but Thieves, Dylan Brady, Bring Me the Horizon, Written by Wolves

Einzelne Lieder:
Maldito - Wolves
Lorde - Green Lights
Halsey - Gasoline
Bohnes - Middle Finger
Dark Piano - Suicide

Und damit, lieber Leser, hast du gerade (wenn du komplett alles gelesen hast) 117 Word-Seiten und ungefähr 30.000 Wörter gelesen.

Danke fürs Lesen, ich hoffe es hat dir gefallen ^^
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