Wolfsblut

GeschichteThriller, Angst / P18
14.07.2017
17.08.2019
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Der Rest des Wolfsrudels erfuhr erst am darauffolgenden Tag von dem Überfall auf Paula.

Letztere hatte mit ihrem Leben abgeschlossen gehabt, die Augen fest zusammengekniffen und den tödlichen Schlag erwartet, der allem ein Ende setzen und ihren Kindern die Mutter nehmen würde.

"Paula?" erklang da Konrads geschäftige Stimme. Die Haustür wurde aufgeschoben und Konrads gefütterte, grüne Crocs gerieten in Paulas sich trübendes Sichtfeld. Paula hörte, wie der Angreifer sich prompt unter Knacken und Knistern durchs Gebüsch davonmachte. "Du weißt doch, dass du nach der Entbindung nicht schwer heben sollst. Ich mache das schon." Konrad trat ins Freie und erblickte seine am Boden liegende, blutüberströmte Frau. "Was zum Teufel?" schrie er.

Konrad hatte sofort die Polizei angerufen und seine Frau ins Krankenhaus gefahren. Paula hatte Glück im Unglück gehabt - außer einer hässlichen Platzwunde und einer Gehirnerschütterung hatte sie keine Schäden davongetragen. Anscheinend hatte der Pelzkragen ihres Anoraks die Wucht der Schläge zumindest etwas abgefangen.

"Unfassbar", konstatierte Harald ratlos, als Paula sich gegen Mittag per WhatsApp meldete und die übrigen ehemaligen Wölfe über den Angriff auf sie unterrichtete.

"Nein, eigentlich überhaupt nicht unfassbar", widersprach Sissi, die seit heute wieder arbeitete. "Wir alle wussten doch, dass Lulu weitermachen würde."

"Hast du irgendwas vom Täter erkannt?" verlangte Max zu wissen.

"Nein, das habe ich auch der Polizei schon mitgeteilt", schrieb Paula. "Er hat sich von hinten angeschlichen. Und dann lag ich am Boden, mit dem Gesicht nach unten. Ich konnte ihn nicht sehen. Wäre Konrad nicht auf der Bildfläche erschienen, wäre ich jetzt tot, davon bin ich überzeugt. Als er auftauchte, hat der Täter sofort Fersengeld gegeben und ist abgehauen. Und schnell war der... Konrad hat kurz darüber nachgedacht, dem Täter nachzurennen, aber wir wussten ja nicht, mit wem wir es zu tun hatten, also hat er es lieber gelassen. Und besonders sportlich ist Konrad sowieso nicht."

"Konrad hat auch niemanden erkannt?"
hakte Quirin nach.

"Nein", bestätigte Paula. "Er sagt, er habe nur noch gehört, wie jemand die Straße entlang davongerannt sei und sich dann wieder in die Büsche geschlagen habe. Der Täter hatte im Gebüsch direkt neben dem Auto gelauert. Mag sein, dass es ein paar Fußspuren gab, aber die sind wahrscheinlich zerstört worden, als Konrad mir aufgeholfen hat. Die Polizei hat jedenfalls nur zertrampelten Schnee vorgefunden."

"Wir wissen doch alle, wer es war"
, tippte Harald. "Natürlich war das Lucrezia. So ein hinterfotziges Vorgehen passt doch genau zu ihr."

Es dauerte nicht lange, bis die Polizei bei der Harald Lenzen GmbH & Co. KG aufkreuzte. "Sie werden ja wissen, weshalb wir hier sind", sagte Bernd Rohmer mühsam beherrscht. "Gestern abend hat jemand versucht, Paula Schatt zu ermorden."

"Nicht jemand, Lucrezia", korrigierte Harald ihn aufreizend ruhig.

"Lucrezia hin oder her, Sie sagen uns jetzt, wo Sie gestern abend um achtzehn Uhr waren", entgegnete Vitucchi ungnädig und schaute zwischen Harald und Sissi hin und her.

"Ich war hier, bis ungefähr sieben Uhr. Ich bin immer der Letzte, der geht", gab Harald Auskunft. "Und um sechs Uhr, ich weiß nicht mehr genau, aber ich glaube, ich saß hier an meinem Schreibtisch und habe den Ablauf des neuen Projekts drüben in Dornbirn geplant. Dort soll eine Jugendherberge errichtet werden, komplett aus Holz, und ich habe den Auftrag an Land gezogen", prahlte er.

"Na, Glückwunsch", quittierte Rohmer das trocken. "Wer kann bestätigen, dass Sie um sechs Uhr hier gesessen haben?"

"Niemand", meinte Harald zerknirscht. "Alle Angestellten waren schon weg."

"Dachte ich es mir doch", hielt Rohmer fest.

"Was soll das eigentlich?" empörte Harald sich. "Welchen Grund hätte ich denn, Paula etwas anzutun?"

"Wir wissen es nicht", gab Vitucchi unumwunden zu. "Was wir aber wissen, ist, dass Sie und der Rest Ihrer Clique schon eine ganze Menge Unheil angerichtet haben, ohne dass es dafür jemals triftige Gründe gab. Welchen Grund hatten Sie denn zum Beispiel, Christine Schuhler so zu terrorisieren, dass sie schließlich Selbstmord beging? Welchen Grund hatten Sie, Jimmy Klein wiederholt zu verprügeln und ihm eine Insignie in den Arsch zu schnitzen? Welchen Grund..."

"Schon gut, schon gut", winkte Harald ab. "Wie ich schon sagte, ich war hier. Mehr kann ich nicht zur Aufklärung beitragen, und..."

Die Tür wurde aufgerissen, einer der Arbeiter stand auf der Schwelle, das Gesicht gerötet - ob dies von der Kälte herrührte oder von der Aufregung, die der Mann verströmte wie Fieber, wusste Sissi nicht zu sagen. Eisige Luft schwappte herein, ein paar Schneeflocken trudelten auf den Fußabtreter. "Chef!" keuchte der Arbeiter atemlos. "Chef, da... da draußen..."

"Stanislav, was ist denn?" fragte Harald ungehalten. "Ich bin gerade sehr beschäftigt."

Der Mann rang nach Luft. "Aber da draußen, da... im Hinterhof... der Bagger... Sie müssen sich das ansehen."

Harald seufzte. "Na schön", murrte er und erhob sich schwerfällig, um nach seinem Mantel zu greifen. "Wir sind ja hier sowieso fertig." Er warf den beiden Polizisten genervte Blicke zu.

Die schienen zu überlegen, ob sie Harald und den Arbeiter begleiten sollten, wandten sich dann aber lieber Sissi zu. "Also nun zu Ihnen, Frau Stürer", sagte Vitucchi. "Wo sind Sie gestern zur fraglichen Zeit gewesen?"

"Ernsthaft?" blies Sissi sich auf. "Ich habe nicht den kleinsten Grund, Paula etwas anzutun. Wie Harald schon sagte."

"Oh, man könnte sich schon Gründe ausmalen, wenn man wollte", hielt Vitucchi dagegen. "Ich bin nach wie vor davon überzeugt, dass Sie alle etwas verschweigen. Informationen zurückhalten. Vielleicht wollte Paula ja endlich reden, und das hat irgendeinem von Ihnen nicht gepasst, weil er dann mit am Fliegenfänger gehangen hätte."

"Blödsinn", fauchte Sissi. "Es gibt nichts, was Paula hätte ausplaudern können."

"Das behauptet sie selbst auch. Heute zumindest. Wer weiß, vielleicht dachte sie vor dem Überfall ja anders... Wie wäre es, wenn Sie uns einfach sagen, wo Sie waren?" schlug Rohmer vor. "Wir können das hier natürlich auch auf dem Revier fortsetzen, wenn Sie darauf bestehen."

Sissi seufzte. "Ich war beim Arzt in Fischen, der mir die Fäden gezogen hat, und anschließend bin ich noch einkaufen gefahren, zum REWE in Fischen", erläuterte sie. "Alleine", fügte sie resigniert hinzu. "Ich war gegen halb acht daheim."

"Haben Sie im Supermarkt bar bezahlt?" erkundigte Rohmer sich.

Sissi nickte. "Leider ja."

"Also ist nicht sicher nachprüfbar, dass und wann Sie dort waren", fasste der Kriminalbeamte zusammen. "Haben Sie den Kassenzettel noch?"

"Nein, den habe ich liegenlassen. Ich habe Paula jedenfalls nicht niedergeschlagen, wenn Sie darauf hinauswollen", sagte Sissi giftig.

"Na, wären Sie es gewesen, würden Sie es jetzt ja wohl kaum zugeben, oder?" versetzte Chiara Vitucchi. Das traf natürlich zu, und Sissi kniff verärgert die Lippen zusammen. Eine Angewohnheit, die sie sich besser abgewöhnen sollte: Zu ihrem Unmut hatte sie vor kurzem haarfeine, von ihren Mundwinkeln nach unten verlaufende Linien entdeckt. Noch waren diese nicht sonderlich lang oder tief, aber der permanente Stress und die damit verbundene, angespannte Mimik erwiesen sich offensichtlich nicht gerade als Jungbrunnen. "Und wo war Ihr Verlobter?"

Sissi zuckte mit den Schultern. "Woher soll ich das wissen, ich bin nicht an Quirin festgewachsen, und ich unterhalte auch keine telepathische Verbindung zu ihm", meinte sie aufsässig. "Normalerweise füttert er um achtzehn Uhr die Tiere und macht die Stallungen für die Nacht dicht. Ich nehme an, dass er das auch gestern getan hat; jedenfalls war er zu Hause, als ich dort ankam, und die Tiere waren bereits versorgt. Aber wenn Sie es genau wissen wollen, müssen Sie Quirin schon selber fragen. Wenn Sie mich fragen, sollten Sie aber lieber Ihre Suche nach Lucrezia intensivieren, und..."

Erneut wurde die Tür aufgestoßen. Dieses Mal sah Harald abgehetzt und erschrocken aus. Hinter ihm drückte sich Stanislav herum, anscheinend zufrieden, dass sein Chef sich angemessen schockiert gebärdete. "Ich... ich denke, das sollten Sie sich anschauen", krächzte Harald, als sei er plötzlich erkältet. Sissi überlief es kalt, und die beiden Beamten tauschten einen alarmierten Blick, ehe sie Harald ins Freie folgten. Sissi zögerte nur kurz, dann rannte sie hinterher und schlüpfte im Laufen in ihren Mantel. Harald führte sie um die Ecke des Gebäudes herum, auf den hinteren Teil des Geländes, wo sich zahlreiche Baumaschinen befanden. Im Schatten zweier großer Kräne, ganz in der Nähe des rückwärtigen Zauns, stand ein Caterpillar-Bagger, und direkt vor einem seiner mächtigen Reifen lag zusammengekrümmt eine Leiche.

Die Haut der toten Frau wies einen marmorweißen Ton auf, ihr Gesicht war nicht zu sehen, eine voluminöse, lange blonde Lockenmähne verbarg es komplett. Die Kleidung der Toten war dem eisigen Winterwetter völlig unangemessen: Die Leiche trug einen türkisfarbenen Minirock, ganz ähnlich dem, den Lucrezia einst besessen hatte, und ein schwarzes Top. Ihre Füße steckten in hellbraunen Wildlederstiefeln, die Sissi ebenfalls vage bekannt vorkamen. Unter ihrem Kopf hatte sich eine Blutlache ausgebreitet, die bereits gefroren war. An ihrem schneeweißen, linken Ringfinger steckte ein Wolfsring.

Lucrezia. Die Tote war Lucrezia. Sissi wunderte sich über das schrille hohe Geräusch, welches ihr in den Ohren schmerzte, bis ihr bewusst wurde, dass sie selbst es war, die da schrie. Dann wurde ihr schwarz vor Augen, und das Letzte, was sie wahrnahm, war, wie Kriminalkommissar Bernd Rohmer den Arm ausstreckte und sie auffing, bevor sie auf das Pflaster knallen konnte.
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