Wolfsblut

GeschichteThriller, Angst / P18
14.07.2017
22.05.2019
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Wolfenried im Allgäu, 21.08.1998, das Haus der Stürers
- 11 Tage bis zu Lucrezias Verschwinden -


Während der vergangenen drei Wochen hatte ein eigenartiger, unheilvoller Stillstand geherrscht. Eine Hitzewelle hatte die kleine Gemeinde im Griff, ließ sie ächzen, flimmerte orangerot über den ausgedörrten Wiesen.

Sissi war auf Distanz zu dem Rest des Wolfsrudels gegangen. Quirin hatte sich nicht dazu durchringen können, sich endlich von Lucrezia abzuwenden, also sprach Sissi nicht mehr mit ihm und ignorierte seine gelegentlichen, bittenden SMS, bis er es aufgab. Zwar hätte sie sich gerne mit Evi getroffen, aber diese schien kein Interesse daran zu haben: Sie führte sich auf, als habe Sissi persönlich ihr etwas getan, reagierte giftig und geradezu feindselig, sobald Sissi versuchte, auf sie zuzugehen.

Sissi zermarterte sich das Hirn darüber, was das zu bedeuten haben könnte, aber sie konnte es sich nicht erklären. Kurz erwog sie, dass Lucrezia Evi dafür hatte büßen lassen, dass Sissi sie angegriffen hatte - schließlich wäre es nicht das erste Mal gewesen, dass Lucrezia ihren Unmut wegen Sissis Aufmüpfigkeit an Evi ausließ, dem letzten Glied in der Kette. Sie hatte kurz nach ihrer Genesung von der Grippe Quirin danach gefragt, der aber angab, von nichts etwas zu wissen und keine Ahnung zu haben, woher Evis Verletzungen rührten. Wie Sissi selbst, so vermutete auch er, dass Evis Vater zugeschlagen hatte; immerhin habe Evi selbst das ja gesagt. Auch eine Nachfrage bei Arabella war erfolglos verlaufen, denn diese behauptete gleichfalls, nichts Näheres zu wissen.

Allerdings hatte Sissi das Gefühl, dass Arabella etwas vor ihr verheimlichte. Da war eine seltsame Anspannung um ihren Mund herum gewesen, und sie hatte hartnäckig an Sissi vorbeigeblickt.

So oder so, Evi verweigerte regelrecht den Kontakt mit Sissi und schien lieber mit Arabella herumzuhängen. Sissi war wütend und traurig, verspürte plötzlichen Groll auf Arabella, die ihr - so empfand sie es - die beste Freundin ausgespannt hatte. Sissi fühlte sich einsam und ausgeschlossen, wahrscheinlich würde nicht einmal zu ihrem sechzehnten Geburtstag jemand vorbeikommen. Deshalb hatte sie ihre Eltern breitgeschlagen, über ihren Geburtstag ein paar Tage auf einen Campingplatz am Bodensee zu fahren.

Nachdem sie ansonsten die vergangenen drei Wochen weitgehend alleine in ihrem Zimmer zugebracht hatte und darüber immer sauertöpfischer und deprimierter geworden war, hielt sie es nicht länger aus. Sie schrieb Quirin kurzerhand eine SMS: "Können wir uns treffen?" Längst hatte die couragierte Stimmung, in welcher Sissi sich einer Auseinandersetzung mit Lucrezia gewachsen gefühlt hatte, sich verflüchtigt. Statt dessen hatte sich recht schnell die alte Beklommenheit wieder eingestellt, gepaart mit neuer Angst davor, was Lucrezia wohl ausheckte. Verrückt und durchtrieben, wie sie war, würde sie es glatt fertigbringen, den anderen beispielsweise die Sache mit der abgebrannten Hühnerfabrik in die Schuhe zu schieben und selbst als Kronzeugin davonzukommen.

Die Angelegenheit war nach wie vor in aller Munde, inzwischen war ein Rechtsstreit zwischen dem Unternehmen "Weidenhof" einerseits und dem Bauunternehmen und dessen Haftpflichtversicherung andererseits vor dem Landgericht Kempten anhängig. Einem weiteren Versicherungsunternehmen war der Streit verkündet worden. Die ganze Sache wirbelte in der Presse eine Menge Staub auf, nicht zuletzt wegen der gewaltigen Summe, die als Schadensersatzforderung im Raum stand. Es galt als aussichtslos, den oder die Brandstifter zu fassen; Lucrezia würde mit einer Beichte offene Türen einrennen. Und Sissi konnte sie regelrecht sagen hören: "Es war Elisabeth Stürer, die darauf bestand. Ich will etwas brennen sehen, hat sie gesagt. Etwas Großes, hat sie gesagt. Sie war nicht davon abzubringen."

Da Sissi selbst sich mit entsprechenden Bedenken trug, konnte sie Quirin wohl kaum einen Strick daraus drehen, dass es ihm ähnlich ging. Vermutlich hatte er von Anfang an recht gehabt. Außerdem musste sie sich eingestehen, dass sie ihn schlicht und einfach vermisste.

Er antwortete nicht direkt, und Sissi befürchtete schon, er habe kein Interesse mehr an einer Versöhnung mit ihr. Endlich, nach über einer Stunde, piepte ihr Handy doch noch. "Klar. Ich weiß nur nicht genau, wann ich Zeit habe. Ich melde mich." Enttäuscht legte Sissi das Handy weg. Sie hatte gehofft, dass sie sich gleich - oder spätestens in der kommenden Nacht - treffen könnten. Aber natürlich ging das nicht; es waren Ferien, und sicherlich klebte Lucrezia wieder rund um die Uhr wie eine Klette an Quirin. Sissi schnaubte angewidert.
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