Schmetterlingsflügel

von irish
OneshotDrama, Freundschaft / P12
Kamui Shiro Kotori Muno
13.07.2017
13.07.2017
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  Schmetterlingsflügel  

Cover
Charakterbeschreibung

. . . 「✽」 . . .

Vergangenheit und Zukunft, und dazwischen die schreckliche, grausame Gegenwart.
Der Kampf war gewonnen, das Ende der Welt vereitelt,
doch die Erinnerungen hinterlassen schmerzhafte Narben, auf Körper und Seele.


. . . 「✽」 . . .


Sanft wehte die leichte Brise über das Grün. Wiegte die Halme so zart, wie eine Mutter ihr Kind in den Armen. Ein Bild der Unschuld und tiefster Zufriedenheit, gezeichnet vom Wandel der Zeit.
Langsam entließ er die angehaltene Luft, nahm den frischen Atem der Natur in sich auf. Den Blick über die Wiese schweifend, erhob sich der kleine Hügel vor ihm, mit dem hiesigen Kirschbaum in der Mitte stehend, wie ein König sein Reich betrachtend.
Kinderlachen ließ ihn herumfahren, doch der Wind erlaubte sich einen Scherz mit ihm. Denn keine Stimmen waren zu vernehmen, nur das leise Rauschen der Gräser um ihn herum. Sein bedauerndes Seufzen wurde vom aufkommenden Lüftchen davongetragen.
Dieser Ort, er beherbergte so viele Erinnerungen. Schöne und leidvolle Erfahrungen. All die Schmerzen, die ihn des Nachtens aus den Träumen rissen ... Es schien ihm, als wöge jener Ort all den Kummer auf, der ihm widerfahren war. Und doch hallte ihm noch immer das Lachen in den Ohren nach.

Bedächtig setzte er einen Schritt vor den anderen. Die Zukunft, hier und zum Greifen nahe. Das Leben auf dieser Erde bewahrt, gerettet. Doch hatten es die Menschen verdient, zu existieren? Der Kampf war gewonnen, doch zu welchem Preis, wenn die Menschheit sich nicht um das Wohlergehen dieser Welt scherte?
Kriege, Verschmutzung, so viel Leid und Qual. Menschen verletzten, bestiehlten, mordeten, konsumierten Gift, jagten Substanzen durch ihre Venen, verschandelten Körper, Geist und Seele.
Ein Trauerspiel, es zog sich fort. Damals, wie heute.
Ein Kreislauf, wiederkehrend, erbarmungslos.
Liebe, Vertrauen, Mut, Vernunft ...
Worte, Tugenden, so bedeutungsvoll, und doch nur Körnchen in einem reißenden Strom.
Ein Strom aus Zeit und Schmerz.

»Schlägt ein Schmetterling hier mit den Flügeln, so kann er anderswo damit einen Orkan auslösen«, rief der kleine Junge und stieß sich vom Boden ab.
»Was redest du denn da?«, kicherte Kotori und sah von ihrem Werk, einen Blumenkranz zu flechten, auf.
»Das ist die Chaostheorie«, erklärte Kamui stolz. »Geringfügig veränderte Anfangsbedingungen können im langfristigen Verlauf zu einer völlig anderen Entwicklung führen.«
»Wo hast du das denn her?« Neugierig geworden, legte das Mädchen den halbfertigen Kranz neben sich ins Gras.
»Aus dem Fernsehen«, sagte Kamui schlicht und holte erneut Schwung, um noch höher auf der Schaukel in den Himmel zu steigen.
»Wenn du runterfällst, dann ...«, beschwor Kotori ihn und sah mit banger Miene dem Vorhaben des Jungen zu.
»Ich möchte ganz hoch fliegen ... und den Himmel anfassen!« Bei seinen Worten zuckten ihre Mundwinkel für einen flüchtigen Augenblick.
»Aber ... Kamui!«, ereiferte sich das Mädchen und klammerte sich an das Gestänge der Schaukel. Ihre Hände umschlossen das kalte Metall, sie spürte die sich abblätternde Farbe unter ihren Fingerspitzen. Nervös knibbelte Kotori die Lackreste von den Streben. Mutter würde sie wieder schimpfen, wenn ihre Nägel diese hässlichen, bunten Schnipsel unter sich bargen.
Mit den Augen folgte sie jeder Bewegung, die von ihrem Freund und Spielkameraden ausging. Gern wäre sie wie er in die Lüfte aufgestiegen, doch ein solches Benehmen ziemte sich nicht. Kotori war kein Raufbold, sie war ein Mädchen, das sich zu benehmen hatte. Dennoch schien ein aufgeregtes Kitzeln von ihr Besitz zu ergreifen.
Schnell war sie, und flink ihre Schritte, als Kotori darauf wartete, die andere der beiden Schaukeln zu besetzen. Prompt saß sie auf dem Plastiksitz und stieß sich, wie Kamui nur wenige Minuten zuvor, kraftvoll vom Boden ab, sodass eine kleine Sandwolke unter ihren Sandalen aufstob. Dass der Gegenwind ihr das Kleid samt Unterkleid anhob, quittierte sie mit einem Kichern, ausgelöst durch das kribbelnde Gefühl in der Magengegend.
Erst schwangen beide in einem unterschiedlichen Rhythmus den Wolken entgegen. Kamui versuchte jedoch, die Geschwindigkeit seinerseits ein wenig zu mildern, damit beide im Gleichklang nach den watteweichen, weißen, und scheinbar flauschigen Gebilden greifen konnten.
Er streckte die Finger nach ihr aus und Kotori zögerte, aus Angst, dann nicht mehr genug Kontrolle über sich und das schwingende Gefährt zu haben.
»Nun überleg' doch nicht so lange!«, rief Kamui ihr zu. »Ich bin doch bei dir!«
Durch seine Worte ermutigt, hielt sie ihm ihre Hand entgegen und Kotori spürte nicht nur den kühlen Wind, sondern die Wärme Kamuis in ihren Fingern.
»Auf drei!«, hörte sie ihn plötzlich rufen.
»Was 'auf drei'?«, echote Kotori, doch da begann er auch schon zu zählen.
Bei drei, und am höchsten Punkt, den sie durch Auftrieb und Schwung erreichen konnten, zog er sie von dem Sitz, sodass das Kribbeln durch ihren gesamten Körper schoss. Aufregung und Angst, gemischt mit einem Hochgefühl, mündeten in einem erstickten Aufschrei, ehe Kotori glaubte, die Wolken zu berühren und wie ein Vögelchen fliegen zu können.

Ein tiefer Fall, der eine unsanfte Begegnung mit dem sandigen Boden zur Folge hatte, nahm den  Kindern all die Euphorie. Schmerzvolles Keuchen, krächzen nach Luft und Tränen, die sich in ihren Augen sammelten, waren Zeugnis jener unvernünftigen Tat.
»Mein Knie!«, klagte Kamui und zischte, als er dem Versuch erlag, die Körner von seinen Beinen zu fegen. Ein wenig Blut trat aus der kleinen Schürfwunde hervor, doch auch der kühle Hauch des Windes vermochte es nicht, ihm Linderung zu verschaffen. Heiß brannte jene Stelle, schmerzend wie Stiche.
Ein leises Wimmern, das zu einem Jaulen anschwoll, ließ ihn von seinem eignen Schrecken Abstand nehmen. Tränen quollen ihr aus den großen, kindlichen Augen, liefen ihr die geröteten Wangen hinab, fielen auf Kleidung und mischten sich mit dem Sand unter ihren Fingern. Kotori weinte, als sie sich dem Elend und Schreck gewahr wurde.
»Hast du dir etwas getan?«, verlangte Kamui zu wissen, doch eine Antwort blieb ihm verwehrt. »Hast du Schmerzen? Kotori, bitte, sag mir doch, was du hast!«
Verzweifelt versuchte er zu erkennen, was ihr widerfahren war. Zaghaft langte er nach ihren Schultern und versuchte Kotori dazu zu bewegen, ihn anzusehen.
»Ich ... ich habe nichts«, wimmerte sie. »Glaube ich ...«
Erleichtert atmete Kamui auf.
»Aber mach das nie wieder!«, rief sie ihm entgegen und entließ somit all jene, vom Schrecken gefangenen Gefühle.
»Aber du bist geflogen, wie ein Schmetterling«, versuchte sich Kamui zu erklären.
»Eher wie ein Vogel«, korrigierte sie und wischte sich die Tränen von den schmutzigen Wangen.

Schweigend gingen beide nebeneinander her. Der Weg nach Haus war zwar nicht weit, doch die Angst, sich den mahnenden, erbosten Eltern zu stellen, schien ihre Schritte zu verlangsamen.
»Du, Kotori?«, hob Kamui an und versuchte das Brennen in seinem Knie tapfer zu ignorieren.
»Was?«, zischte das Mädchen wütend, doch sobald Kotori neben sich blickte, tat ihr die barsche Anfeindung leid. »Bitte entschuldige.«
Doch Kamui schüttelte den Kopf. »Ich möchte nicht, dass du weinst!«, erklärte er mit fester Stimme und blinzelte, als Kotori seine Hand ergriff.
»In Ordnung, dann weine ich nicht mehr«, sagte sie und nickte tapfer. Dann nahm sie still den halbgeflochtenen Blumenkranz und band diesen um sein Handgelenk. »Und wehe du nimmst ihn ab! Er muss von allein abfallen!«
»Versprochen«, erwiderte Kamui und spürte ein seltsames Brennen auf seinen Wangen, das vom plötzlich aufkommenden Wind fortgeküsst wurde.

Die Erinnerung schickte ihm ein flüchtiges Lächeln auf die Lippen. Sein Blick ging den Hügel hinab, und dort, wo einst die Schaukel stand, war jener Flecken längst mit Gras bewachsen. Friedvoll, ein Paradies, selbst für die kleinsten Lebewesen. Bienen, Käfer, Schmetterlinge ...
Es war ihre Entscheidung zu gehen, und die seine, ihr sein Herz zu schenken und es ihr zu erlauben, es mit sich zu nehmen.
Morgen schon würden ihn seine Schritte erneut hierher lenken.
Ein neuer Tag, eine neue Hoffnung.
Hoffnung auf Besserung,
Hoffnung auf Leben,
Hoffnung, dass all das nicht vergebens war.
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