Kälte

OneshotDrama / P16
12.07.2017
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Ich kann es nicht mehr wagen den Neve- Stab auch nur anzusehen. Die glänzenden Eiskristalle lassen mein Herz einfrieren. Ich fühle nichts. Nicht mehr. Das Eis nimmt einem alles. Mit dieser ruhigen Kälte stiehlt es dir alles was dir wichtig ist, und du merkst es nicht einmal. Erst wenn es zu spät ist. Neugierig nehmen die kleinen Kinder in einem Kreis um mich Platz. Sie wollen wissen, warum ich aufgehört habe zu Jagen. Wollen wissen, was damals geschehen ist. Keine Geschichte für Kinderohren. Eher eine Geschichte für unerfahrene Jäger die es zu Warnen gilt. Meine Geschichte soll alle warnen, was es zu Verlieren gilt wenn man sein Leben den Monstern widmet. Denn genau das tun wir. Wir jagen sie. Jeder der meint wir würden Ihnen nicht unser Leben widmen ist blind. Fast mein ganzes Leben habe ich mehr Zeit mit ihnen verbracht als mit den Menschen um mich. Mit ihren großen Augen starren mich die Kinder sehnsüchtig an. Sie wollen hören was ich zu sagen habe. Seufzend erhebe ich meine Stimme.

Ich war damals blind. Die Jagd war gut verlaufen. Ohne jegliche Vorfälle hatten wir es zu Ende gebracht. Nicht, dass ein Höllenzinogre ein leichter Gegner war. Aber ich und mein Partner, waren ein eingespieltes Team. Ohne auch nur ein Wort zu wechseln wusste jeder von uns was der andere vorhatte. Wir hatten einen Traum. Also, ich hatte einen Traum. Er unterstützte mich nur wo er konnte. Ich wollte die Welt zu einer besseren machen. Ich wollte eine Stadt errichten. Aber nicht dort wo alle anderen lagen. Ich war auf der Suche, eine Stadt in einem der Jagdgebiete zu errichten ohne, dass die Monster angriffen. Wyvern waren vom Prinzip her recht einfach zu verstehen. Verstand man, was uns Menschen antrieb, so verstand man meist auch was sie antrieb. Ich bemerkte das, als ich mich zum ersten Mal einem Seregios gegenüber fand. Alles was es wollte, war einen Ort um dort friedlich zu leben. Etwas zu Essen und Macht. Genauer betrachtet, eigentlich wie wir Menschen. Also dachte ich mir, warum sie töten? Wir mussten nur herausfinden wie man in Frieden mit Ihnen leben konnte. Meine Meinung sollte sich bald ändern. Zurück zu jenem schicksalshaften Tag. Lächelnd stützte ich mich auf meinem Grongigas Hammer und beobachtete meinen Partner beim Ausnehmen. „Hast du schon was von der Gilde gehört?“, fragte er. Ich schüttelte den Kopf. „Ich hab zwar das Signal gegeben aber sie sind immer noch nicht hier. Wahrscheinlich sind sie auf dem Weg hier her ausgerutscht!“, sagte ich lachend und versuchte die Unsicherheit herunter zu spielen. Sobald ein Hunter das Signal abgab, dass er die Quest erfüllt hatte, machten sich die Beauftragten auf den Weg ihn abzuholen. Da sie meist in der Nähe des Lagers warteten auch im Falle einer Niederlage, brauchten sie nie lange. Aber an dem Tag war es anders. Sie kamen nicht.

Noch knappe fünf Minuten warteten wir. Dann entschieden wir uns zu gehen. Irgendetwas stimmte offensichtlich nicht. Da war es nicht gerade klug neben einem verwesenden Körper zu warten. In der Welt der Monster war man Jäger oder Gejagter. Und Aas lockte immer etwas Neues an. „Wo willst du hin?!“, schrie mir mein Partner nach, als ich mich auf den Weg zu Areal 3 aufmachte. „Na was wohl?! Ich gehe zurück ins Lager. Wenn du mitkommen willst mach nur!“ Er folgte mir. Areal 3 war im Gegensatz zu den anderen willkürlich von der Gilde eingezeichneten Arealen relativ groß. Mit einer leichten Steigung und immer wieder kleinen Schanzen gab es ein wundervolles Jagdgebiet ab. Das einzige, was mich daran störte, war die fehlende Deckung. Man lag quasi wie auf dem Präsentierteller und genau dort waren wir. Als wir 3 betraten sahen wir anfangs noch nichts von dem Massaker. Erst als wir uns weiter in die Fläche vor wagten sahen wir es. Unsere Verstärkung. Sie waren tot. Überall war Blut. Vorsichtig hob ich einen zerbeulten Schild auf. „Bei allen Göttern!“, murmelte mein Partner. „Was ist hier nur passiert?!“ Ich sah mich fragend um. Das ganze Blut hätte zu einem Seregios gepasst. Allerdings hätten sich dann Luftschuppen finden müssen. Feuer hatte auch keines getobt. Sonst wäre die Eisdecke leicht geschmolzen gewesen. Das Zinogre hatten wir stets im Blick. Mein Blick wanderte weiter durch das Areal. An einem Ende erkannte ich einen jungen Mann. Panisch hatte er sich zusammen gerollt. „Hey! Alles okay! Du bist in Sicherheit!“, rief ich vorsichtig. Noch ehe ich etwas anderes machen konnte, packte der Mann meinen Arm. „NEIN! Es… Es ist immer hungrig. Ihr habt keine Chance. Wir werden alle sterben. Nein… wir sind bereits tot. Es kommt wie der Donner und ehe ihr euch umwendet…Blut… überall…BLUT…“, brabbelte er verwirrt. Ich hätte es wissen müssen. Hätte die Warnung verstehen sollen. Hätte uns weg bringen sollen. Aber ich tat nichts dergleichen. Ich war blind. Sah das Offensichtliche nicht. „Wir sollten ihn hier weg bringen. Das wäre nicht unsere erste Geleitschutzmission.“, schlug ich vor. Mein Partner allerdings hatte andere Pläne. „Das Zinogre! Was auch immer das hier angerichtet hat wird den Kadaver aufsuchen.“

Einige Mütter reißen mich zurück an das Lagerfeuer an dem ich sitze. Sie ziehen ihre Kinder weg von mir. Als wäre ich das Monster. Endlich. Endlich erkennen alle meine wahre Natur. Es war meine Schuld was damals geschah. Was für ein Monster musste man sein um seine Kameraden solch ein Schicksal erleiden zu lassen? Meine Hände zittern. Dasselbe taten sie damals. Als wir die Kreatur erblickten. Tropfen. Das war das erste was wir hörten. Blut tropfte aus seinem Maul. Hautfetzen hatten sich zwischen seinen Zähnen und an den Stacheln an seinem Kinn verhängt. Monster waren wie Menschen. Das dachte ich. Doch als wir zusahen wie der Dämon- nein. Der Teufel selbst, Fleischfetzen aus dem Kadaver riss versuchte ich vergebens einen Vergleich zu ziehen. Es hatte doch bereits gefressen. Wie konnte es immer noch nach Fleisch hungern? Ich kann mich längst nicht mehr erinnern wer von uns es war. Irgendwer machte einen Schritt rückwärts und das Knacken des Eises unter unseren Füßen alarmierte das Biest. Ich erinnere mich an seine Augen. Hatte ich einen vergleichbaren Ausdruck schon mal gesehen?

Ich bin dankbar für die Frage denn einen Moment dachte ich, ich würde von der Erinnerung verschlungen. Die Antwort ist ja. Das war der Ausdruck eines Jägers, der stets weiter jagte obwohl er nicht musste. Der Ausdruck eines Mörders. Ich verstand in dem Moment, dass mein Plan nie mehr als ein Traum sein würde. Einer, sei es Monster oder Mensch würde stets den Frieden brechen. Ich war damals wie angewurzelt. Mein Partner stieß mich gerade noch zur Seite sodass wir dem Angriff entgehen konnten. Jeder Schritt, den das Monster tat, ließ die Erde erbeben. Wir kämpften. Mit aller Kraft die wir noch aufbringen konnten. Ich erinnere mich an unser Jubeln als wir es schafften das Biest in das nächste Areal zu verjagen. Die Freude jedoch hielt nicht lange an. Unsere Gesichter wurden bleich mit Panik als wir den Schrei hörten. Der Überlebende! Wir hatten auf ihn vergessen. Wir hatten ihn im Stich gelassen. Es wäre gelogen würde ich behaupten wir waren beide unverletzt. Im Gegenteil. Unsere Kräfte drohten zu schwinden. Dennoch rannten wir. Ich stürzte mich vor den Mann. Es war ein Fehler. Ich war der Jäger. Nicht der Gejagte. Ich hätte ihn angreifen sollen. Nun standen wir beide direkt vor dem Biest. Knistern erfüllte die Luft als schwarze Blitze um sein Maul spielten. Ich war mir sicher wir würden sterben. Doch mein Partner brachte das ultimative Opfer.
Der Neve Stab ist eine Eissäule. Rammt man ihn in den Boden zerstäubt er wie Schnee und lässt seine Beute gefrieren. So sagt man zumindest. Ich hatte zuvor noch nie gesehen, dass jemand etwas dergleichen tat. Mein Partner tat es. Der Neve Stab löste sich augenblicklich auf und Schnee rieselte zu Boden. Als wäre nichts gewesen. Zurück blieben zwei Eisstatuen. Eine größer als die Andere. Mit spitzen Zähnen. Die andere klein mit den Händen vor der Brust. Das Leuchten in den Augen des Monsters war erloschen genauso wie der Herzschlag meines Partners. Eis verschlingt alles.

Menschen. Sie nannten mich ein Monster weil ich nicht weinen konnte. Doch übersahen sie, dass ich auch nicht in der Lage war andere Emotionen zu zeigen. Ich erwähnte es zu vor. Das Eis. Verschlingt. Alles.
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