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Schatten der Vergangenheit

von Deverless
GeschichteAbenteuer, Fantasy / P16 / Gen
Ashe Ezreal Quinn Udyr
09.07.2017
05.06.2018
43
124.158
7
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KAPITEL ZWEI


Ashe



Rakelstake


Ihre schlanken Finger flogen geübt die Verschnürungen ihres Stiefels entlang. Ashe liebte diese Stiefel, die sie einst von ihrer Mutter erhalten hatte. Auch wenn sie als Königin des Stammes der Avarosa, dem zahlenmäßig größten der drei Stämme Freljords, inzwischen kaum noch auf die Reisestiefel zurückgreifen musste, hegte sie eine tiefe Bindung zu ihnen. Über endlose Schneefelder war sie mit ihnen schon gewandert, über umgestürzte Baumstämme gesprungen oder durch seichte Flussbetten gewatet.
Als die Stiefel fest verschnürt waren, richtete sie sich auf und griff sich ihren Bogen aus Wahrem Eis. Mit ebendiesen Stiefeln war sie damals vor den Verrätern aus ihrem eigenen Stamm geflohen, die nach ihrem Leben getrachtet hatten. Auf der Flucht hatte sie ein Falke zu dieser legendären Waffe geleitet, der Waffe ihrer Vorfahrin, Avarosa. Seitdem führte sie den Bogen und setzte ihn für das eine gleiche Ziel ein, wie schon ihre Vorfahrin: die Einigung Freljords.
Die Waffe aus Wahrem Eis war kunstvoll gefertigt und wie immer wenn Ashe sie berührte, durchströmte sie eine eisige Kälte, die jedoch nicht unangenehm war. Tief in ihrem Inneren regte sich dann etwas, was sie nicht in Worte fassen konnte. Jetzt schnallte sie sich den Bogen allerdings auf den Rücken: Hier, in ihrem Quartier in Rakelstake, der Hauptstadt ihres Stammes, würde sie ihn vermutlich nicht benutzen müssen.
Ashe war nun in voller Montur gerüstet, um ihre Reise anzutreten. Sie ging zu ihrem Schreibpult, an dem sie eben noch gesessen hatte. In der Mitte der Tischplatte lag ein Brief mit wenigen Worten, die sauber und beherrscht aufgeschrieben waren. Ihr Onkel Heilos, Statthalter des Tals Snödal, hatte ihr geschrieben und sie dringend gebeten, ihn bei etwas zu unterstützen, was er nicht schriftlich ansprechen wollte. Ashe hatte ihn lange nicht gesehen, aber wenn ihr Onkel, ein erfahrener Krieger und langjähriger Anführer der Stadt, nicht mehr weiter wusste, musste etwas Schlimmes passiert sein.
Sie rollte den Brief zusammen und steckte ihn in eine Innentasche ihres Wams, den sie unter ihrem Reisemantel trug. In dieser Tasche, ganz nahe an ihrem Herzen, befand sich ein weiteres Schriftstück, welches sie bereit war, mit ihrem Leben zu beschützen.
Doch sie riss sich von den Gedanken daran los und ging zum Fenster, einem der wenigen aus Glas in Rakelstake. Sie war absolut gegen unnötigen Protz, der ihr als Königin immer wieder angeboten wurde, die Glasfenster allerdings waren eine Wohltat, denn sie erlaubten viel Tageslicht im Inneren der Gebäude. Und da sie als Königin viel Zeit drinnen verbringen musste, wo sie doch so sehr ein Kind der rauhen Natur Freljords war, bot ihr das wenigstens hin und wieder gedankliche Ausflüchte.
Während sie nach draußen starrte, dachte sie an diesen merkwürdigen Morgen bisher. Der Brief war erschienen und fast zeitgleich drei unerwartete Gestalten. Zuerst war Braum, ein Volksheld Freljords und ein selbsterklärter Unterstützer der Avarosa, am Hof aufgetaucht. Er schien zu wissen, dass sie vorhatte, eine Reise anzutreten und bat darum, sie begleiten und dabei beschützen zu dürfen. Ashe freute sich darauf, ihn kennenzulernen. Sie hatte natürlich schon viel von ihm gehört, wie wahrscheinlich jeder im ganzen Land, aber sie hatte ihn bisher nur flüchtig getroffen.
Dann war außerdem noch Udyr vom Stamm der Winterklauen in Rakelstake angekommen. Da es zwischen den beiden Stämmen Spannungen gab und einige schon von einem verdeckten Krieg sprachen, war dessen Erscheinen umso erstaunlicher gewesen. Offensichtlich wusste er etwas zu den Angelegenheiten im Snödal. Er sei hier, um sie zu begleiten und so sicherzustellen, dass die Geschehnisse nicht gegen die Winterklauen ausgelegt würden. Ashe musste zugeben, dass sie zuerst an eine Beteiligung des rivalisierenden Stammes gedacht hatte, auch wenn ihr Onkel im Brief keine Andeutung in die Richtung gemacht hatte. Sollte Udyr sie nur begleiten, dann konnte sie ihn im Auge behalten und versuchen, Informationen von ihm zu gewinnen. Er hatte vermutlich dasselbe Ziel, aber so war es nun einmal. Es hieß außerdem, er habe ein gutes Verhältnis zur Anführerin der Winterklauen, Sejuani. Vielleicht ließen sich diplomatische Beziehungen aufbauen. Ashe verfolgte genau wie ihre Vorfahrin Avarosa den Traum eines geeinten Freljords. Wenn es sich vermieden ließ, wollte sie diesen ohne die Benutzung von Waffen erfüllen.
Und zu guter Letzt war ein unbekannter Magier aus dem Süden aufgetaucht. Er nannte sich Ezreal und bat um Zugang zu den Archiven der Frostzitadelle, welche der Hauptsitz des dritten großen Stammes Freljords war, den Frostwachen. Deren Anführerin Silardnas hatte den Avarosa die Treue geschworen. Ashe wollte allerdings noch keine Entscheidung treffen, was Ezreals Anliegen anging. Sie hatte ihm deswegen zu verstehen gegeben, dass sie erst Bedenkzeit brauche. Da Snödal auf dem Weg zur Frostzitadelle lag, hatte sie ihm angeboten, sie zu begleiten. Auf dem Weg konnte sie sich ein Bild von ihm machen und versuchen, seine Motive hinter der Bitte zu erfahren.
Als sie an die drei heute Erschienenen dachte, mischte sich eine weitere Begegnung in ihre Gedanken. Vor zwei Tagen war eine Gesandte des südlich angrenzenden Königreichs Demacia aufgetaucht. Es war eine leichtfüßige Kriegerin mit Handarmbrust gewesen, der die Erfahrung im Kampf ins Gesicht geschrieben stand. Vorgestellt hatte sie sich als Quinn und darum gebeten, das Land bereisen zu dürfen. Für Ashe war es sofort klar gewesen, dass sie geschickt worden war, um die Lage in Freljord einzuschätzen. Sicherlich waren Berichte über die angehende Einigung, aber auch den schwelenden Konflikt mit den Winterklauen, in den Süden vorgedrungen. Die Königin der Avarosa hatte ihr die Erlaubnis zur Durchreise gegeben, so wusste sie wenigstens, dass die Gesandte im Land war. Hätte sie ein Verbot ausgesprochen, hätte dies die Spionin sicher nicht davon abgehalten, ihrem Auftrag nachzugehen. Abgesehen davon hegte Ashe den Wunsch eines friedlichen Zusammenlebens mit Demacia. In der Geschichte hatte es mit den Nachbarn schon häufig Auseinandersetzungen gegeben, mit beiden Seiten als Verantwortlichen. Aber wenn Freljord erst einmal vereint war, sollte dem ein Ende bereitet werden. Demacia konnte dann ein wichtiger Verbündeter und Handelspartner werden. Schon jetzt mit dem Erstarken der Avarosa wurde viel Handel getrieben.
Die Königin riss sich abermals aus ihren Gedanken und ging zurück zu ihrem Schreibtisch. Dort nahm sie sich ein kleines Stück Papier, Feder und Tinte. Für ihren Gemahlen Tryndamere schrieb sie auf: “Karlsson wird dir alles erklären, ich bin mindestens für eine Woche weg, vielleicht auch länger. Pass mir gut auf unser Reich auf, bis ich wiederkomme.”
Ashe war mit dem fast doppelt so alten Tryndamere nun schon etwa ein Jahr verheiratet. Der jetzige Winter war der achtzehnte seit ihrer Geburt und er hatte schon mindestens dreißig erlebt. Er war als Anführer einer großen Gruppe von Barbaren aus dem Norden nach Rakelstake gekommen. Mitleidig dachte sie daran, dass sein Heimatdorf in einem schrecklichen Kampf vernichtet worden war. Deswegen verfolgte er ebenfalls die Vision, Freljord zu einen, um solchem unnötigen Blutvergießen endlich ein Ende zu bereiten. Das war auch der Grund, warum er mit den anderen Barbaren vor etwa einem Jahr zur Hauptstadt der Avarosa aufgebrochen war. Sie beide waren also eine Zweckehe eingegangen, was ihre beiden Stämme zusammengebracht hatte. Bis jetzt waren sie vor allem förmlich miteinander verblieben. Nichtsdestotrotz hatten sie sich inzwischen gut kennengelernt.
Bevor sie das Papier zur Seite legte, fügte sie noch hinzu: “Und auf dich.” Verträumt lächelnd stellte sie sich vor, was ihm durch den Kopf gehen würde, wenn er die Nachricht fand, während sie diese gut sichtbar auf der Tischplatte platzierte. Sie kam sich ein bisschen kindisch vor, wie die Mädchen, die früher Liebesbotschaften den Jungs zugesteckt hatten. Sie selbst war nie so gewesen. Ihre Gedanken hatten immer Größerem gegolten: der Vereinigung der Menschen dieses Landes. Und mit 15 war ihre Mutter gestorben. Seitdem war Ashe Anführerin und musste sich um ganz andere Dinge kümmern. Dass sie das Schwärmen nun nachholte, war also nur gerechtfertigt!
Sie straffte sich, griff sich den Handspiegel, den ihr ein wohlhabender Bürger Rakelstakes geschenkt hatte und betrachtete sich selbst in dem etwas unscharfen Abbild. Die Kapuze ihres weinroten Reisemantels lief an ihrer Stirn spitz zu. Mit den goldenen Ornamenten darauf war es ein praktisches wie auch schönes Kleidungsstück. Auch der Rest von dem was sie trug war mit goldenen Rändern und Verzierungen versehen. Der Reisemantel verdeckte ihre jugendliche, zierliche Figur. Sie lies ihn vorerst offen und schlug ihn ein wenig zurück. Ihre silbernen, langen Haare strich sie sich aus dem Gesicht. Selbstbewusst blickten sie ihre blauen Augen an. Sie war zwar nicht darauf angewiesen, gut auszusehen, aber warum sollte sie es denn nicht trotzden tun? Sie zupfte hier und da an sich herum, dann legte sie den Spiegel zurück und verließ das Zimmer.
Sie verabschiedete sich von den Wachen vor der Tür zu ihrem und Tryndameres Gemächern und folgte dem steinernen Gang eine Weile, bevor sie eine Treppe nach unten nahm. Die Wände waren in regelmäßigen Abständen mit Fackeln gesäumt, die Licht und Wärme verstrahlten. Immer wieder kam sie auch an Flaggen mit dem Wappen Avarosas vorbei: ein nach oben zeigender Pfeil, in der Mitte ein horizontal angedeuteter Bogen, der in die Umrisse einer Krone überging.
Die Königin betrat die Eingangshalle. Die zweiflüglige Tür stand offen und Tageslicht fiel herein. An den Wänden befanden sich zahlreiche abgehende Türen und es herrschte allgemeine Betriebsamkeit. Bedienstete eilten umher, transportierten alltägliche Waren oder Speisen, Boten überbrachten Nachrichten, Wachen liefen Patrouille. In der Mitte des Treibens, etwas verloren dreinblickend, warteten ihre Reisebegleiter.
Der riesige und muskelbepackte Braum mit Glatze und Schnurrbart stützte sich auf seinen legendären Schild, welcher fast so hoch und breiter war als sie selbst. Von allen wirkte er noch am erheitersten und überblickte das Gewusel aus Menschen belustigt.
Dann war da noch Udyr, der ebenfalls groß war, aber trotzdem nicht an Braum heranreichte. Udyr war ein Geistwanderer, ein vor allem im Norden des Landes respektierter Titel. Er trug ein braunes Gewand voller Risse und verschiedene Ketten und Armbänder. Auf seinem Haupt ruhte der Oberkiefer und Kopf eines Bären, dessen Fell als kurzer Umhang auf Udyrs Rücken fiel. Das Gesicht der Winterklaue war von einem verfilzten, schwarzem Vollbart umrahmt. Dadurch und wegen dem Bärenkopf wirkten seine Augen wie tief im Gesicht liegend und waren kaum einzuschätzen. Mit seiner wilden Art ähnelte er Tryndameres Barbaren mehr als den restlichen Avarosa.
Als drittes und etwas abseits stand der Magier Ezreal, der ein ganz anderes Bild bot. Er war kleiner gewachsen als die anderen beiden, schmächtiger und hatte kurze, gold-blonde Haare, die in alle Richtungen abstanden. Ein Stoffhemd und eine Hose mit vielen angenähten Taschen war alles, was seine Kleidung darbot. Außerdem trug er Handschuhe und einen kurzen Umhang aus Leder, sodass er vor allem in braun gekleidet war. Er passte mit seinem ganzen Aussehen einfach überhaupt nicht nach Freljord, dachte sich Ashe. So wie er da stand, fürchtete sie, würde er bei dem kleinsten Schneesturm elendig erfrieren. Er wirkte wie ein Kind, welches das Land noch nicht einschätzen konnte. Aber er war wohl nach eigenen Aussagen ein recht passabler Magier, also wer wusste schon, was wirklich in ihm steckte.
Königin Ashe näherte sich der Gruppe und Braum war der Erste, der sie bemerkte.
“Eure Majestät”, grüßte er sie mit einer angedeuteten Verbeugung. Als Ezreal das sah, verbeugte auch er sich, wohingegen Udyr nur nickte. Sie gab nicht viel auf Förmlichkeiten, vor allem, da jeder von ihnen selbst eine ehrwürdige Person war. Nun ja, bei Ezreal vermutete sie es zumindest.
Ashe bot den anderen an, Proviant sowie weitere nützliche Dinge für die Reise zu stellen. Dafür stoppten sie vorbeieilende Bedienstete, welche ihnen dann die erbetenen Dinge brachten. Jeder von ihnen erhielt einen Rucksack, der aus einem Lederbeutel mit Riemen zum Schultern auf dem Rücken bestand und mit zusätzlichen kleineren Taschen versehen war. Enthalten war jeweils Proviant für drei Tage, Feuerstein und Zunder und ein Dolch. Allen wurden zusätzlich Decken für die Nacht gebracht. Auf Nachfrage von Braum hin wurde jeder mit einem Paar Schneeschuhe ausgerüstet. Es war Ezreal, der außerdem um Felle und einen Wintermantel bat. Ashe war froh darum, dass er erkannt hatte, dass seine bisherige Kleidung kaum Isolation bot.
Aber im Anschluss fragte er dann einen Bediensteten, ob es Papier und etwas zu Schreiben gab. Ashe schaute ihn daraufhin etwas entgeistert an und Ezreal führte weiter aus: “Ihr wisst schon, Papier als Unterlage und zum Beispiel Feder und Tinte. Damit kann man dann Schreiben oder Zeichnen.”
“Ich weiß was Papier und Stift sind”, entgegnete Ashe etwas gereizter als geplant, “aber wofür in aller Welt brauchst du das auf unserer Reise?” Je länger sie darüber nachdachte, desto absurder erschien ihr das. “Das wird ein mehrtägiger Marsch durch Kälte, Schnee und Sturm. Wir müssen immer wachsam sein, weil da draußen in der Natur Freljords viele Gefahren lauern!”, sagte sie fassungslos.
Der ebenfalls recht junge Magier schien etwas eingeschüchtert, hielt jedoch an seiner Bitte fest: “Und eben dieses schöne Land möchte ich kartografieren…”
Ashe seufzte hörbar und nickte dem Bediensteten zu, den Ezreal zuvor angesprochen hatte und so erhielt er, wonach er gefragt hatte. Udyr ließ sich darüber hinaus ein Seil bringen und die Königin nahm außerdem 20 Goldstücke mit auf die Reise. Diese waren neben Silber- und Kupfermünzen die wertvollsten Münzen im Währungssystem Freljords. Ein Goldstück entsprach dabei etwa der Monatseinkunft eines durchschnittlichen Arbeiters hier. Ihre Schatzkammer hätte natürlich noch mehr Gold geboten, aber im Moment kamen viele Flüchtlinge nach Rakelstake, die ihre Dörfer oder Gehöfte an den Grenzen zu den Winterklauen verlassen hatten, da sie Krieg fürchteten. Als Königin war es ihre Pflicht diese zu versorgen und das kostete.
Schnell wischte die Königin den Gedanken beiseite, sie war jetzt die nächsten Tage vom Regieren entbunden. Jetzt war es an Tryndamere, das Land zu führen. Um ehrlich zu sein, freute sie sich auf die bevorstehende Reise. Endlich kam sie mal wieder in die freie Natur, mit nur einer kleinen Gruppe anderer. Außerdem würde sie ihren Onkel wiedersehen, auch wenn sie mit Schlimmem rechnen musste.
Die Gruppe verließ nun das Steingebäude, welches Sitz des königlichen Paares war. Sie kamen auf einen schneefreien, aber matschigen Weg, über den täglich Hunderte Menschen schritten. Die Stadt Rakelstake wurde im Norden von einer Bergflanke überragt. Am Fuße des Felsens stand eine Statue von Avarosa, die von überall in Rakelstake zu sehen war. Noch weiter im Norden war etwas undeutlich eine Bergkette zu erkennen, hinter der größtenteils das Gebiet der Winterklauen folgte. Allerdings gab es keine festen Grenzen, das erschwerte das Nebeneinanderleben umso mehr.
Sie machten sich nun aber zu viert gen Osten auf. Dort würden sie die Stadt durch ein Tor im Holzwall verlassen und leicht Richtung Südosten marschieren, da sie dort eine Brücke über den Fluss nehmen konnten, von dem ein kleinerer Seitenarm auch nahe Rakelstake floss. Danach würde eine bewaldete Schlucht folgen an deren Ende eine zweite Brücke vorzufinden war. Hatten sie die überquert, waren sie im Tal Snödal angelangt und würden nur noch knapp einen Tag bis zum Erreichen der gleichnamigen Stadt im Zentrum des Tals benötigen.
Während die Gruppe dem matschigen Hauptweg folgte, sammelten sich immer mehr Menschen, die sie dabei beobachteten. Sicherlich hatte sich schon herumgesprochen, dass die Königin auf unbestimmte Zeit ohne Prozession auf Reisen ging. Und selbst wenn jemand das nicht wusste, bot die Gruppe einen ungewöhnlichen Anblick. Kinder liefen lachend neben Braum her und löcherten ihn mit Fragen. Ein Mädchen hatte er sogar auf seine Schulter gesetzt, wo es jauchzend auf sie alle herabblickte. Ashe hörte Fragen, die an sie gerichtet waren: “Wohin geht Ihr, Majestät?”, “Wann kommt Ihr zurück nach Rakelstake?” und “Müsst Ihr ausgerechnet vor Ausbruch des Krieges fort?”.
Um dem ein Ende zu setzen, hielt sie an und wandte sich an die Menge: “Menschen Avarosas!” und alle Augen richteten sich auf sie. Sie fühlte sich wie immer unwohl mit all der Aufmerksamkeit, aber andererseits war sie die auch schon lange gewohnt. “Ich würde nicht abreisen, wenn es nicht absolut dringlich wäre. Aber bitte sorgt euch nicht, mein Gemahl Tryndamere wird die Amtsgeschäfte an meiner statt weiterführen und mich über jegliche Neuigkeiten unterrichten.”
Aus der Menge trat ein großer, blonder Krieger mit forschen Augen hervor. Bei genauerem Hinsehen erkannte Ashe ihn als Loke, einem Mitglied ihrer königlichen Leibwache. “Eure Majestät”, richtete er das Wort an sie, “wollt ihr wirklich mit diesem… Tier reisen?” Dabei zeigte er auf Udyr. “Lasst euch doch durch eure Krieger begleiten!”
Ashe schaute kurz zu dem Stammesmitglied der Winterklauen. Wenn er die Beleidigung verstanden hatte, dann zeigte er erstaunlich wenig Reaktion. Er blickte einfach nur ausdrucklos aus seinen tiefliegenden, dunklen Augen zu Loke. “Deine Sorge ehrt dich”, begann die Königin dem Krieger zu antworten, “aber sie ist vollkommen unberechtigt. Ich werde das Gebiet der Avarosa nicht verlassen.”
Bevor sie weitersprechen konnte, schaltete sich Braum in das Gespräch ein, der inzwischen das Mädchen wieder auf ihre Füße gesetzt hatte: “Ihr braucht euch keine Gedanken um unsere Königin machen. Mein Schild und ich stehen zwischen ihr und ihren Feinden”, polterte seine Stimme über den Platz.
Ashe bewunderte die Diplomatie hinter der Aussage und fragte sich, ob diese intendiert war. Loke würde es so interpretieren, dass Braum sich zwischen Udyr und sie stellen würde, sie also vor der Winterklaue beschützen würde, da Loke diese als Feind sah. Aber gleichzeitig hatte Braum den Geistwanderer Udyr nicht als Feind bezichtigt und mit seiner Aussage nicht angegriffen. Und natürlich hatte er auf effektive Weise die Menge beruhigt.
Loke schien diesen Sachverhalt nicht durchschaut zu haben, sondern pries Braum als Volksheld und bedankte sich bei ihm. Das Einschreiten von diesem hatte die Stimmung der Menschen merklich gebessert. Ashe fiel außerdem auf, dass kaum jemand Ezreal eines Blickes würdigte und das, obwohl er fremdländischer Magier war. Andererseits überlagerte die Legende vom stärksten Mann im ganzen Land vielleicht einfach alles andere.
Die vier Reisenden setzten also ihren Weg fort, war es inzwischen immerhin schon mittags. Ashe hatte vor, möglichst schnell bei ihrem Onkel Heilos anzukommen, um zu erfahren, was passiert war. Was konnte es nur sein?


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