Feuerwellen

OneshotAbenteuer / P6
06.07.2017
06.07.2017
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Juli 1816, über dem Nordatlantik

Die Sonne näherte sich dem Horizont und steckte den gesamten Himmel in Flammen. Ich staunte immer wieder über die intensiven Farben, die die Sonnenuntergänge dieses Jahr hatten. Selbst Kapitän Bjarne hatte mir schon versichert, so etwas noch nie gesehen zu haben, dabei war er drei Mal so alt wie ich. Und aus der Luft sahen sie noch beeindruckender aus. Das leuchtende Rot spiegelte sich im weiten Meer, über das unser Luftschiff zog und verwandelte so auch die Wellen in Feuer.
Ich wünschte mir Pinsel und Leinwand her. Doch diese waren in Kopenhagen, wie auch der Rest meiner Sachen.
Ein wenig melancholisch liess ich meinen Blick über den Ozean schweifen. Eigentlich hatte ich mich der Crew gar nicht verpflichten wollen, doch ich brauchte das Geld. So flog ich nun mit ihnen im Auftrag der dänischen Krone nach Island, um die Auswirkungen der Nahrungsknappheit zu beurteilen. Wie aufregend.
Plötzlich bemerkte ich eine Bewegung auf dem Wasser. Ich stellte mich näher ans Fenster, um besser sehen zu können. Da war ein wegfahrendes Schiff... Und weiter drüben – da war ein loderndes Leuchten, ein brennendes Wrack! EInige Sekunden lang war ich wie erstarrt. Doch dann sprang ich auf und eilte zu den anderen.
„Leute, da unten brennt ein Schiff, wir müssen nachgucken, ob alles okay ist!“
Die Crew zuckte nur mit den Schultern. „Was interessieren uns die Wasserschiffe, Jerrik“, meinte einer. „Wir können nicht alle retten“, bestätigte ein anderer.
Kurzentschlossen marschierte ich in die Pilotenkabine. Warum hielt ich mich auch mit der Crew auf? „Kapitän Bjarne!“ Ich nahm meine Mütze ab und ging noch einen Schritt auf ihn zu.
„Jerrik, was willst du?“, fragte er leicht gereizt.
„Ich möchte eine Beobachtung melden. Im Ozean treibt ein brennendes Wrack. Wir sollten nachsehen, ob es Überlebende gibt.“
„Das ist nicht unsere Mission.“ Das klang entschlossen.
„Das Schiff steht unter dänischer Flagge!“, beeilte ich mich zu sagen. „Es würde doch auch unserem Ansehen guttun, oder nicht?“, fügte ich vorsichtig hinzu. Ich wusste, dass der Kapitän alles tat, um beim Königshaus gut dazustehen.
Kapitän Bjarne brummte etwas, dann wandte er sich dem Steuermann zu, um ihm seine Anweisungen zu geben. „Du bleibst hier“, stellte er mir gegenüber klar.
Angespannt beobachtete ich die Wasseroberfläche, während das Luftschiff über dem Wrack kreiste.
„Da ist jemand!“, rief der Steuermann plötzlich.
Ich folgte seinem Blick. Tatsächlich, dort bei dem Balken, der im Wasser trieb. „Das ist eine Frau“, stellte ich überrascht fest.
„Jerrik, du holst sie“, beschloss der Kapitän und verliess die Kabine, um sich an die Crew zu wenden. Es dauerte einen Moment, bis der Satz in meinem Gehirn angelangt war. Wie sollte –
Doch dann siegte der Wille, die Frau zu retten, über mein Zögern. Schnell zog ich Mütze und Stiefel aus und setzte meine Fliegerbrille auf. An der geöffneten Luke wartete ich, bis wir genug nah dran waren. Der starke Wind warf mich fast um. Sobald sich die Frau fast unter uns befand, sprang ich.
Warum musste dieses Jahr nur so ein verdammt kalter Sommer sein? In mir zog sich alles zusammen, als ich untertauchte. Ich spürte das Wasser wie Nadeln auf der Haut. Das waren bestimmt noch 15, 20 Meter Höhe gewesen. Ich musste mich erst einmal wieder orientieren. Als ich auftauchte, drang mir der Geruch nach Salzwasser und verkohltem Holz in die Nase. Das Luftschiff über mir war ein grosser Schatten im orangeroten Himmel. Während ich mich am Ort über Wasser hielt, sah ich mich nach der Frau um.
Sobald ich sie entdeckt hatte, war ich in wenigen Schwimmzügen bei ihr. Während ich mich mit der Linken an der Planke festhielt, versuchte ich mit dem rechten Arm, sie oben zu halten. Sie hatte spürbar kaum noch Kraft. So trieben wir passiv in den Wellen, herumgeworfen vom Wind, der mit dem Dröhnen der Motoren zu einem lauten Rauschen verschmolz.
„Ich helfe Ihnen“, teilte ich der Frau mit. Ich war mir nicht sicher, ob sie mich verstand. Sie bewegte den Kopf ein wenig, dann begann sie zu husten. Ihr aschblondes Haar klebte nass an Kopf und Schultern.
Vom Luftschiff wurde nun eine Strickleiter herabgelassen. Am Anfang war sie zu hoch und sie schwankte stark im Wind. Fast rutschte ich von der Planke, als ich mich danach ausstreckte. Erst nach mehreren Anläufen bekam ich sie an der Seite zu fassen. Nun griff auch die Frau danach. Es gab einen Ruck, als das Luftschiff uns ein Stück mitzog, doch wir hielten uns fest. Als ich mir sicher war, dass ich die Frau halten konnte, liess ich die Planke los und stellte einen Fuss in die Strickleiter.
Bald begann man, uns hochzuziehen und als wir oben waren, hievte ich erst die Frau, dann mich an Bord. Hustend lag sie am Boden und ich setzte mich daneben, um einen Moment zu verschnaufen.
Sofort hatten wir die ganze Crew um uns. „Sie sollte sich sofort trockene Sachen anziehen“, empfahl jemand. „Das hättest du wohl gerne“, entgegnete ein anderer.
„Verschwindet“, brummte ich und hob die tropfende Frau von der Erde auf. Ich musste sie an einen ruhigeren Ort bringen.
Als der Kapitän meine Aufforderung wiederholte, verliessen alle schlagartig den Raum. „Jerrik, sie bekommt deine Kammer.“ Ich nickte nur. Meinetwegen, dann würde ich mir irgendwo eine Hängematte suchen.
„Danke“, murmelte die neue Passagierin auf Dänisch. „Für alles.“
„Du sprichst unsere Sprache“, stellte ich erleichtert fest und trug sie hinüber. Sie lächelte leicht gequält.
Als ich die tropfende Frau wieder abgelegt hatte, setzte sie sich sofort auf. Ich sah, dass sie zitterte und reichte ihr eine Decke. „Wir haben keine Frauenkleidung zum Wechseln, aber du kannst etwas von mir haben“, bot ich an.
Ihre Stimme war leise, erschöpft. „Du solltest dich auch umziehen, Jerrik.“
Ich blickte an mir herunter. Meine Kleidung war so klatschnass wie ihre. „Ja, das sollte ich vielleicht“, murmelte ich und begann verwirrt, in meinem Schrank nach neuen Sachen zu wühlen.
Sie hatte mich Jerrik genannt.
„Wer bist du eigentlich? Wie heisst du?“
„Mein Name ist Njola“, antwortete sie. „Njola Brandsdóttir.“
„Isländerin?“, vermutete ich. Sie nickte.
Das würde auch die dänische Flagge erklären. Island gehörte zu Dänemark.
Bevor ich die Kabine verliess, drehte ich mich noch einmal zu ihr um. „Na dann, willkommen auf der Grif, Njola.“
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