Queer as Folk ... der Pulsschlag, der nie aufhört

GeschichteRomanze / P18 Slash
02.07.2017
14.07.2017
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„Mister Taylor, bitte kommen Sie für einen Moment in mein Büro.“

Die Sonne blendet durch die großen Milchglasscheiben der „Gallery of queer Arts“ in New York und schickt ihre wärmenden Strahlen in die sonst kalt wirkenden Hallen. Justin folgt Direktor Simmons, einem halbglatzigen, etwas untersetzten Mann in den Fünfzigern.

„Gibt es etwas Wichtiges, Mister Simmons? Ich habe heute noch eine Menge vor.“

„Setzen Sie sich bitte, Taylor“, fordert ihn der Direktor auf und macht eine entsprechende Handbewegung.  

Ein wenig angespannt nimmt Justin auf dem schmalen Stuhl vor dem pompösen Eichenschreibtisch Platz, auf dem sich ein wildes Durcheinander von Zeichnungen und Akten erkennen lässt.

„Nun, ich sitze!“

„Justin! Ich darf doch Justin sagen?“

„Ja, klar!“, gibt ihm dieser zur Antwort.

„Also Justin, ihre Bilder … ich meine, Ihre Bilder sind schon echte Kunstwerke. Diese Präzision, mit der Sie die Feinheiten detailgetreu auf das Zeichenpapier bringen, die hat tatsächlich etwas Besonderes.“

Mit diesem Satz deutet Simmons auf eines von Justins Kunstwerken, das sich ebenfalls auf dem Schreibtisch befindet.

„Ich stehe nicht nur auf Schwänze, ich male sie auch gern.“

Simmons nickt mit leicht hämischem Blick.

„Justin … obwohl ich Ihre Kunst sehr schätze, muss ich Ihnen leider heute die Mitteilung machen, dass Ihre Ausstellung am Samstag nicht stattfinden wird. Sie muss verschoben werden, ich dachte da an nächsten Do…“

„Bitte was? Verschoben? Aber warum?“, unterbricht Justin den Direktor leicht aufbrausend.

„Nun, wir sind eine Kunsthalle, die sich mit diversen queeren Themen auseinandersetzt. An diesem Wochenende ist ein Künstlertreffen geplant, das in der Form nur einmal im Jahr in New York stattfindet. Es kommen Größen aus aller Welt, italienische Maler, bekannte Zeichner von überall her. Und die haben eine Möglichkeit gesucht, ihre Werke zu präsentieren. Das konnte ich nicht absagen. Sie müssen verstehen …“

„Moment!“, unterbricht Justin abermals. „Sie haben mir nun bereits zum dritten Mal etwas versprochen, was Sie nicht gehalten haben. Erst war es die Ausstellung auf der Kunstmesse, ein paar Tage danach das geplatzte Treffen mit dem Kunstgutachter und nun das. Warum kann ich meine Werke nicht ebenfalls am Samstag mit den großen Künstlern, wie Sie sie nennen, präsentieren? Wieso verwehren Sie mir diese Chance?“

Der Direktor zögert einen Moment mit der Antwort.

„Nun Justin, ich habe wirklich versucht, Sie ebenfalls unterzubringen. Aber …“

„Nichts aber!“, ruft Justin dazwischen und greift nach seinem Bild auf dem Schreibtisch. „Ich bin nicht mehr gewillt zu warten. Mit Sicherheit stehen mir auch woanders einige Türen offen. Also werden Sie glücklich mit dem, was Sie wollen. Ich für meinen Teil bin jetzt erst einmal weg.“

Ohne sich umzuschauen, rennt Justin aus dem Büro und knallt lautstark die Tür.

„Fick dich, Simmons! FICK DICH!“, ruft er lautstark auf dem Flur. Dabei schämt er sich nicht der Tränen, die ihm in diesem Moment in den Augen stehen.

*


„Brian?“

„Was gibt’s, Theodore?“

Ein wenig abwesend schaut Brian Ted an, der seinen Kopf zur Tür hereinsteckt.

„Ich wollte nur wissen, ob du mich heute noch brauchst, sonst würde ich sehr gern jetzt Feierabend machen. Weißt du, Blake hat …“

„Schon gut, Teddy, schon gut. Hau ab, ich schließe nachher zu. Ich muss noch ein bisschen was erledigen“, unterbricht Brian seinen Buchhalter, der inzwischen seine rechte Hand geworden ist.

„Und es stört dich wirklich nicht, wenn ich …?“, beginnt Ted einen weiteren Satz, den er jedoch wiederum nicht zu Ende bringen kann.

„Nun sieh, dass du wegkommst, zu deinem Frauchen oder was auch immer. Bye, bye Teddy.“

„Na dann, ein schönes Wochenende Brian.“

„Dito Teddy, und nun hau endlich ab. Sonst überlege ich mir das noch anders“, knurrt Brian und atmet erleichtert auf, als er hört, dass die Tür leise ins Schloss ploppt.

Aufseufzend schiebt er seine Sachen auf dem Schreibtisch ein wenig nach hinten und lehnt sich in seinem Stuhl zurück. Alle haben am Wochenende etwas vor – und er? Mit großen Augen starrt er vor sich hin. Wie sehr er Justin vermisst. Es wäre schön, jetzt nach Hause in sein Loft gehen zu können und dort jemanden vorzufinden, der ihn erwartet. Das Landhaus hatte er schließlich nach Justins Abreise wieder verkauft. Was hätte er mit dem Riesending auch anfangen sollen, zumal er sich auf dem Land ohnehin nur eingeschränkt wohlfühlt. Somit bleibt ihm wie jeden Abend lediglich das Babylon als Zuflucht. Gut, dass er sich vor einiger Zeit anders besonnen und es nach der Explosion renoviert und neu eröffnet hat. Dafür hatte er sich letztlich entschieden, um zu zeigen, dass sie, die gesamte Community, sich nicht unterkriegen lassen würden. Nicht von einem solchen Idioten, der eine Bombe gelegt hatte, und erst recht nicht von Politikern, die alles daransetzten, Homosexuelle zu diskreditieren.

Ein wehmütiges Lächeln umspielt seine Mundwinkel und in seinen Augen flammt Sehnsucht auf, als er sich eingesteht, dass er derzeit seine angebliche Freiheit, zu ficken, wen er will, liebend gern gegen zwei Arme eintauschen würde, die ihn umschlingen. Wie sehr wünscht er sich, über einen blonden Haarschopf zu streichen und in diese faszinierenden Augen, die strahlen können, als würde die Sonne durch eine Wolkendecke brechen, zu blicken. Wann hat er dieses Leuchten das letzte Mal gesehen?

Nickend fummelt sich Brian eine Zigarette aus der Packung, entzündet sie und inhaliert den Rauch tief, um anschließend kleine Kringel in die Luft zu pusten. Vor knapp vier Wochen ist er das letzte Mal bei Justin gewesen. Zunächst hatte er mit Mel und Lindsay Gus’ Geburtstag gefeiert. Dafür war er kurzfristig nach Toronto geflogen und hatte damit unter anderem Melanie bewiesen, dass er seinen Sohn niemals vergessen würde, selbst wenn sie das nach wie vor steif und fest behauptet.

Kurzentschlossen hatte er seinen Rückflug abends umgebucht, war gegen zehn Uhr in New York eingetroffen und hatte sich mit einem Taxi zu Justins Atelierwohnung bringen lassen. Na ja, eigentlich eher eine ziemlich abgewrackte Halle mit einem winzigen Bad, einer Kochnische, einem Bett und jeder Menge Platz für Bilder und Leinwände, fast wie diese erste Bruchbude, die Justin in Pittsburgh angemietet hatte. Es war erst das zweite Mal gewesen, dass sie sich seit Justins Umzug vor sechs Monaten gesehen hatten. Wie ausgehungert hatten sie sich geküsst, einander gehalten, sich die Kleider vom Leib gerissen und sich die ganze Nacht lang bis zum Morgengrauen heftig geliebt.

Das schmerzliche Lächeln wirkt jetzt noch eine Spur trauriger. Ja, sie hatten nicht nur gefickt. Es war wesentlich sehnsuchtsvoller gewesen als je zuvor, verzehrend, heiß, alles verschlingend. So gern hätte er Justin erzählt, wie sehr er ihn vermisste. Doch er hatte es nicht getan. War es, weil er gespürt hatte, dass auch Justin nicht vollkommen glücklich war und er ihn nicht beeinflussen wollte, aus einer Laune heraus alles erneut infrage zu stellen? Warum nur hatte er sich mit seinem Antrag damals bloß derart lange Zeit gelassen, zu lange, als dass er Justin wohl komplett davon hatte überzeugen können, dass es für ihn wirklich kein Opfer bedeutet hätte. Doch nun war es zu spät. Er liebte diesen kleinen Scheißkerl und er … würde weiterhin versuchen, ihm garantiert nicht im Weg zu stehen, das tat ein Brian Kinney niemals. Immerhin würden sie sich nie verlieren.

Wann hatte er eigentlich angefangen, Justin zu lieben? Liebe auf den ersten Blick war es zumindest nicht gewesen, aber … es hatte ihn ziemlich beeindruckt, dass dieser Junge, der Justin damals definitiv noch gewesen war, eine stringente Beharrlichkeit an den Tag gelegt hatte. Und dann hatte ihn ausgerechnet Justin mit dem Auftritt bei seinem Vater davon überzeugt, dass er die Courage hatte, für das, was er war und ist, jederzeit einzutreten. Dieser Mut in dem Alter – damals hatte er ihm nur Respekt gezollt, doch in diesem Augenblick spürt er, dass er genau dort angefangen hat, mehr in Justin zu sehen als nur den Fick der letzten Nacht.  

Entschlossen erhebt sich Brian, löscht sämtliche Lichter in den Büros und sichert zum Schluss sein Eigentum mit der Alarmanlage. Er wird jetzt ins Babylon gehen und versuchen, sich seine Gedanken von jemand Geilem aus dem Kopf saugen zu lassen, selbst wenn es dazu gezwungenermaßen einen kleinen Umweg über seinen Schwanz geben würde. Eines hatten Justin und er nämlich beibehalten: Jeder durfte ficken, wen er wollte, solange es einmalig war, keine Telefonnummern ausgetauscht wurden und … es wurde nicht auf den Mund geküsst. Deal bleibt eben Deal.

*


Mit hastigen Schritten stürzt Emmett ins Liberty Diner und lässt sich, allem Anschein nach einem Herzinfarkt nahe, auf eine der Sitzbänke fallen. Sein Atem geht schwer und selbst als Debbie ihn augenblicklich besorgt fragt, was denn los wäre, bringt er zunächst kaum einen Ton heraus.

„Debbie, du … du glaubst es nicht, was ich dir jetzt erzähle. Ich habe … habe ein …“

Debbie grinst Emmett schelmisch an und legt ihre Hand auf seine zitternde Schulter.

„Ein Date?“

„Nein Debbie! Das ist es nicht. Es ist einfach … ich weiß gar nicht, mir fehlen die Worte.“

„Emmett, du solltest erst einmal etwas essen. Ich hätte frischen Thunfischauflauf oder wie wäre es zumindest mit einer Zitronenschnitte?“

Emmett schüttelt den Kopf.

„Wenn ich in meiner Verfassung jetzt etwas zu mir nehme, kannst mich gleich im nächsten Krankenhaus besuchen. Ich bin viel zu aufgeregt.“

Debbie zieht ihre Augenbrauen zusammen und stellt Emmett einen Teller voll mit Leckereien hin.

„Und du isst das jetzt! Schätzchen, du musst doch bei Kräften bleiben.“

Bei diesen Worten ändert sich Debbies Mimik von einer Sekunde auf die nächste und sie zaubert erneut ein Lächeln hervor.

„Nun erzählst du mir, wo der Schuh drückt, Süßer! Was ist geschehen? Hat dich jemand belogen oder betrogen? Dann gnade ihm Gott!“

Abermals verneint Emmett und stochert mit der Gabel auf dem Teller herum, jedoch ohne sich etwas Essbares zum Mund zu führen.

„Ich habe eben einen Anruf vom Pittsburgh-Radio erhalten. Sie haben mich zu einem Casting eingeladen. Gleich am Montag soll das stattfinden. Die wollen mich für den Late-Night-Talk. Man sagte mir, dass ich denen aufgefallen wäre, während ich als Queerguy gearbeitet habe. Und nun suchen sie eine neue Besetzung.“

Von jetzt auf gleich strahlt Debbie über das ganze Gesicht. Kurz darauf legt sie die Hände auf Emmetts Wangen, zieht seinen Kopf zu sich und drückt ihm einen festen Schmatzer auf die Lippen.

„Das ist doch wundervoll. Schätzchen, ich freue mich so für dich“, fügt sie dem hinzu und ruft im Anschluss lautstark durch das gesamte Diner, dass Emmett nun ein Radiostar würde, was diesem sichtlich peinlich zu sein scheint, da alle Gäste sich augenblicklich zu ihm umdrehen und ihn anstarren.

„Aber ich weiß doch gar nicht, was ich anziehen soll. Sollte ich lieber ein grünes Tanktop zu einer pinken Jeans mit schwarzweißem Schal tragen oder besser schlicht und ergreifend ein nabelfreies Shirt mit der Aufschrift QUEER?“

„Ach Süßer, du siehst in allem davon klasse aus. Außerdem sieht dich dort sonst niemand. Du bist doch im Radio.“

Mit diesem Satz verschwindet Debbie wieder hinter die Theke, da die Küchenglocke signalisiert hat, dass das vor einer halben Stunde bestellte Essen für zwei Gäste, die bereits ungeduldig darauf warten, fertig zubereitet ist. Emmett hingegen schaut etwas ratlos drein, da seine Frage tatsächlich ernst gemeint war.

Einen Moment später betreten Michael und Ben das Diner und setzen sich zu ihm. Emmett möchte auch ihnen erzählen, was bei ihm in naher Zukunft ansteht, doch Michael berichtet derart enthusiastisch von einem neuen Comic, dass Emmett nicht ein Wort dazwischen bekommt und Ben lediglich leicht amüsiert die Gesichter der beiden verfolgt.

„Nun …“, beginnt Emmett irgendwann einen Satz, als Michael kurz Luft holt, „… da hier manche ja derart im Comicfieber sind und andere nur mit ziemlich wenig Ernsthaftigkeit die Anliegen ihrer Freunde beäugen, ziehe ich es vor, mich nun zurückzuziehen, um mir die Fingernägel zu maniküren und eine Gesichtsmaske aufzulegen. Immerhin habe ich am Montagmorgen einen wichtigen Termin und muss frisch aussehen, obwohl mich ja sonst niemand dort sieht, wie Debbie gesagt hat. Also euch viel Spaß mit den Comicfiguren.“

Anschließend steht Emmett auf, wirft einen Fünf-Dollar-Schein auf den Tresen, verlässt das Diner mit ähnlichen Schritten, wie er es betreten hat, und lässt drei Freunde, die ihm ein wenig ratlos aus sechs Augen hinterhersehen und schulterzuckend miteinander in Blickkontakt treten, zurück.

*


Wütend wirft Justin die Tür zu seiner Wohnung hinter sich ins Schloss. Dieser verdammte Mistkerl Simmons. Ein weiteres Mal hat der sein gegebenes Wort nicht gehalten. Komisch, dass alle Menschen außer Brian Versprechen gaben, diese aber so gut wie nie erfüllten. War es damals Ethan gewesen, der ihn trotz Schwur bei der erstbesten Gelegenheit betrogen hatte, so sind es hier in New York eigentlich alle Menschen, die er bislang kennengelernt hat.

Mit einem tiefen Seufzer lässt sich Justin auf die Matratze fallen und verschränkt im Liegen die Arme im Nacken. Eine Weile starrt er die unverputzten Rohre an der Decke an. Irgendwie mag er das. Die Rohre sind nicht verborgen, jeder kann sehen, dass sie da sind und einen Zweck erfüllen. Nicht wie diese leicht verschrobenen und versnobten Leute, die sich nur zu gern mit falschen Verkleidungen umhüllen und vorgeben, ganz etwas anderes zu sein, als sie im wahren Leben sind.

Sechs Monate ist er nun inzwischen in dieser Stadt, doch diese haben ihm nicht das Glück beschert, das er sich nach dem lobhudelnden Artikel des Kunstkritikers, der eigentlich den Ausschlag dafür gegeben hatte, dass ihm alle, Lindsay vorneweg, dazu geraten hatten, hierher zu ziehen und eine Karriere in New York anzustreben, erhofft hat. Wohin hat ihn das alles gebracht? In eine ziemliche Absteige, dazu kommt ein eher winziges Einkommen, das gerade mal eben ausreicht, dass er sich über Wasser halten kann. Natürlich hat er keine Wunder erwartet und dass er über Nacht ein zweiter Picasso werden und als solcher auch entdeckt werden würde, ist ihm ebenfalls nie in den Sinn gekommen, bloß dass es in dieser verfickten Stadt nicht einen einzigen Menschen gibt, dem er wirklich vertrauen kann und der ein Wort, das er gibt, auch hält, das macht ihm inzwischen ziemlich zu schaffen. Hier ist alles mindestens ebenso verlogen wie damals in Los Angeles, als man ihm ebenfalls eine große Karriere versprochen hatte.

Nein, in dieser Umgebung wird er sein Glück nicht finden. Mit jedem Tag spürt er deutlicher, dass er einen Fehler gemacht hat, Brian und Pittsburgh den Rücken zu kehren, für etwas, das ihm zwar viel bedeutet, aber nichts ist gegen das Gefühl, wenn Brian ihn im Arm hält, verzehrend küsst und ihn anschließend fickt. Hart und heftig, zärtlich und liebevoll. Wie sehr fehlt es ihm, nicht mehr morgens neben Brian aufzuwachen und das Spielchen der Nacht oft unter der Dusche fortzusetzen.

In Justins Augen stehen abermals Tränen. Hat er Brian eventuell Unrecht getan, als er behauptete, dass dieser sich nicht für ihn ändern sollte? Konnte es sein, dass Brian sich für sich selbst geändert hatte, dass selbst ein Brian Kinney tatsächlich ab und zu nur kuscheln wollte? Er erinnert sich noch ziemlich gut an den Tag, als sie sich gegenseitig zwar ihre Liebe zueinander versichert, doch gleichzeitig einander sozusagen freigegeben hatten. Warum nur? War dieses Leben das wirklich wert?

Entschlossen erhebt sich Justin. Egal, ob er sich das leisten kann oder nicht, er wird noch heute Nacht nach Pittsburgh fliegen. Dort sind die Menschen, denen er vertraut, die allesamt seine Familie sind. Und dort ist Brian. Keiner der wenigen schlechten Ficks, die er in den letzten Monaten hatte – da schließlich jeder von ihnen das im damals festgelegten Rahmen darf – konnte auch nur für kurze Zeit diese fürchterliche Leere in ihm füllen. Einen Moment schließt Justin die Augen und denkt an Brians letzten Besuch zurück. Sie hatten nur wenige Stunden gehabt und doch war es ihm erschienen, als würde die Welt stillstehen. Natürlich weiß er, dass Brian wie eh und je fremdfickt, das tangiert ihn aber ebenso wenig, wie es Brian umgekehrt interessiert. Das ist nur Sex – was sie haben, ist Liebe. Seit mehr als fünf Jahren liebt er diesen Mann und … er wird jetzt zum gefühlt einhundertsten Mal darum kämpfen, dass er mit ihm zusammen sein kann, selbst wenn es gilt, einen Brian Kinney wieder aufs Neue davon zu überzeugen.

Mit wenigen Handgriffen packt Justin seine Tasche, schnappt sich Handy und Schlüssel und lässt sich gleich darauf mit einem Taxi zum Flughafen bringen.

*


Leise schließt Ted die Tür zu seiner Wohnung auf und blickt sich um. Bereits im Treppenhaus war der Duft eines exotischen Abendessens zu riechen gewesen. Es scheint, als ob Blake gekocht hat und ihn mit einem liebevollen Mahl verwöhnen möchte. Seine Vorahnung trügt Ted nicht. Mit einem von Liebe erfüllten Blick und einem anschließenden intensiven Kuss begrüßt Blake seinen Freund. Ted entdeckt den romantisch gedeckten Tisch – Blake hat mehrere Kerzenständer aufgestellt und für ihr bevorstehendes Dinner Teds bestes Geschirr herausgekramt. Im Hintergrund läuft Opernmusik. Natürlich La Traviata.

„Das ist ja … wunderbar!“, krächzt Ted heiser und umarmt den Mann, den er schon immer geliebt hat und der seit der ersten Begegnung – selbst in der Zeit, in der sie keinen Kontakt hatten – in seinem Kopf herumgeschwirrt ist.

„Ich möchte dich einfach zum glücklichsten Menschen der Welt machen, Teddy!“, lächelt Blake ihn an und drückt ihm ein weiteres Mal einen liebevollen Kuss auf die Lippen. „Weißt du …“, fährt Blake fort, „… eigentlich ist Drogensucht nicht unbedingt das, was ein Mensch durchgemacht haben sollte, ich kann jedoch von Glück reden, dass ich dich durch eben diese wiedergetroffen habe. Du hast mein Leben vom ersten Moment an bereichert und ich hätte mich selbst immer wieder ohrfeigen können, dich damals einfach so abserviert zu haben. Doch ich möchte dir zeigen, dass ich niemals aufgehört habe, dich zu lieben. Ted Schmidt, du warst vom allerersten Augenblick der Mann, den ich wollte. Und nun haben wir es geschafft. Keine Scheißdroge der Welt wird jemals wieder in meinem noch in deinem Leben dafür sorgen, dass unsere Beziehung darunter leidet. Dem sind wir entwachsen. Und aus diesem Grund möchte ich dir eine wichtige Frage stellen, mein Schatz.“

Ted beginnt leicht zu zittern. Blake geht unterdessen zur Garderobe und angelt ein kleines Kästchen aus seiner Jackentasche. Kurz darauf kehrt er zu Ted zurück und kniet vor ihm nieder. Als Blake das hervorgeholte Utensil öffnet, kommen zwei Bicolorringe zum Vorschein.

„Meine Frage lautet, ob du mich heiraten möchtest, mein liebster Ted. Möchtest du?“

Zunächst bringt Ted keinen Ton heraus. Seine Augen starren groß auf die leuchtenden Ringe. Dann nickt er leicht und haucht mehrfach ein leises „Ja!“ in Blakes Ohr. „Und ob ich das will!“

In den nächsten Minuten sind lediglich Knutsch- und Stöhngeräusche zu vernehmen. Schließlich steckt Blake Ted einen der Ringe auf den Finger und öffnet ihm das Hemd. Es vergeht nicht viel Zeit, bis sämtliche Hüllen bei beiden Männern gefallen sind und sie sich heftig auf Teds Sofa lieben. Als sie schließlich erschöpft aufeinanderliegen und glücklich zusammensinken, küssen sie sich noch eine Weile, bis Blake zu guter Letzt Ted den Wink mit dem Zaunpfahl gibt, dass es langsam an der Zeit wäre, zu speisen.

Während des Essens ist Ted jedoch mit seinen Gedanken woanders. Besorgt fragt Blake, ob denn etwas nicht stimmen würde, was Ted mit einem Kopfschütteln verneint.

„Mit mir ist alles in Ordnung, Blake. Ich mache mir nur ziemliche Sorgen um Brian. Er wirkte heute sehr konsterniert. Vielleicht sogar traurig, fast so, als ob er Hilfe bräuchte.“

Blake nimmt Teds Hand und küsst deren Rücken.

„Falls er tatsächlich Hilfe benötigt, dann wird er sie bekommen“, flüstert er.

Ted nickt.

„Er wird bestimmt im Babylon sein. Vielleicht wäre es nicht schlecht, wenn wir uns dort blicken ließen.“

Blake schaut Ted tief in die Augen.

„Ja, dann sollten wir das tun!“

*


„Sag mal Linds, weißt du eigentlich, wie sehr ich mich freue, dass wir uns jetzt endlich völlig korrekt und gesetzlich anerkannt das Ja-Wort geben? Unsere Hochzeit soll ein richtiger Traum werden. Immerhin wird es dieses Mal eine Zeremonie, die uns tatsächlich mit allen Rechten und vor dem Gesetz aneinanderbindet. Sag mal, meinst du, ich kann die Einladung zu unserer Hochzeit an Brian und Justin gemeinsam adressieren oder sollten wir besser getrennte Einladungen verschicken?“

„Zusammen natürlich, weshalb fragst du, Mel?“

„Na ja, immerhin wohnt Justin in New York und Brian in seinem Ficktempel. Meinst du, sie sind weiter ein Paar? Denkst du tatsächlich, dass Brian Justin treu ist, wenn der in seiner neuen Heimat mit der Kunst beschäftigt ist und er selbst die ganzen heißen Kerle in seinem Laden vor Augen hat?“

„Nein, sicher nicht, bloß … ich denke, dass auch Justin kein echtes Kind von Traurigkeit ist. Das hat bei den beiden nichts zu bedeuten. Nein, Mel, die trennen ganz klar zwischen Fick und Liebe, und ich kann dich insofern beruhigen, dass Brian Justin erst kürzlich besucht hat. Er hat seinen Rückflug neulich über New York gelegt. Weißt du eigentlich, dass die beiden sich mittlerweile nun auch schon über ein halbes Jahrzehnt kennen und sogar die meiste Zeit davon ein Paar gewesen sind? Wer hätte das anfangs gedacht?“

„Oh ja, Linds, ich erinnere mich, als er den Kleinen damals mit ins Krankenhaus brachte und davon erzählte, dass er ihn kurz zuvor zum Abspritzen gebracht hatte.“

„Typisch Brian, wie sollte ich das vergessen? Auch dass Gus seinen Namen Justin verdankt. Ich hätte nie gedacht, einmal zu erleben, dass ein Brian Kinney eine Beziehung eingeht, außer mit sich selbst. Weißt du noch, wie uns die Hochzeitseinladung der beiden ins Haus flatterte? Mister Justin Taylor und Mister Brian Kinney geben sich die Ehre.“

„Und dann haben sie trotzdem kalte Füße gekriegt.“

„Nein, Mel, das haben sie nicht. Brian hat mir das vor einiger Zeit erklärt. Sie hatten Angst, den anderen unglücklich zu machen, wenn sie ihn daran hindern würden, er selbst zu sein. Justin wollte nicht nach New York, um bei Brian sein zu können, und Brian hatte tatsächlich ein Landhaus gekauft, um Justin einen seiner größten Wünsche zu erfüllen.“

„Was denkst du, Linds, sind sie denn jetzt glücklich? Wenn sie sich wirklich lieben – was ich mir bei Brian tatsächlich nur schwer vorstellen kann – aber nicht zusammen sind? Ist es das, was sie wollten?“

„Ich weiß es nicht, Mel. Als ich zuletzt mit Brian telefoniert habe, hat er mir unter dem Mantel der Verschwiegenheit erzählt, dass ihm Justin sehr fehlt. Allerdings hat er mich auch dazu verdonnert, dass ich es keiner Menschenseele verrate, vor allem nicht Justin. Manchmal frage ich mich, ob wir Justin zu stark beeinflusst haben. Ich meine, wir wissen doch, dass er schnell zu begeistern ist. Keine Ahnung.“

„Ach Linds, wer weiß schon, was richtig ist? Wir haben für uns erkannt, was wir wollen, und ich hoffe, dass es den beiden ebenfalls gelingt, wenn ich auch nach wie vor nie verstehen werde, was ein süßer Bengel wie Justin an einem Typen wie Brian findet.“

„Mel, Süße, es ist Liebe, und ich vermute, bei Justin war es sogar eine auf den ersten Blick. Unser Mister „Ich-glaube-nicht-an-die-Liebe-sondern-nur-ans-Ficken“ hat dafür etwas länger gebraucht, doch wenn man die beiden in der letzten Zeit vor der geplanten Hochzeit beobachtet hat, konnte man deutlich erkennen, dass sogar ein Brian seine Gefühle für Justin zugelassen hat.“

„Na ja, Linds, ich wundere mich halt, dass Mister „Ich-ficke-alles-was-nicht-bei-drei-auf-dem-Baum-ist“ tatsächlich so etwas wie ein Herz hat.“

„Nun hör schon auf. Schreib die Einladung an beide, okay?“

*


„Oh, die zwei Turteltäubchen geben sich mal wieder die Ehre im frisch renovierten Babylon“, begrüßt Emmett Blake und Ted, lächelt und bestellt sich an der Bar einen Cosmo. Während er die Kirsche mit dem kleinen Stiel im Getränk mehrmals hin und her bewegt, versucht Emmett, den beiden von seinen Erlebnissen des Tages zu berichten, vor allem von dem bevorstehenden Casting bei Pittsburgh-Radio.

Blake und Ted schenken Emmett jedoch kein Gehör, zumal an diesem Abend die Musik derart laut ist, dass Emmetts Sätze lediglich in Wortfetzen ankommen.

„Wo ist Brian?“, ruft Ted Emmett mehrfach zu. Dieser verliert sich jedoch abermals in seinen Ausführungen und vergeblichen Erklärungen, wie nervös er wäre.

Ted wiederholt mehrfach seine Frage, während Blake lächelnd neben ihm steht und seine Hand hält. Schließlich hat Emmett Teds Frage vernommen und reagiert mit einem leicht empörten Blick.

„Also Teddy, ich versuche, dir seit gefühlten Stunden von meinem Erlebten zu berichten, möchte mich mit dir beziehungsweise euch austauschen und du reagierst mit einer simplen, nebensächlichen Frage, wo sich Brian aufhält. Ehrlich gesagt ist mir das gerade ganz egal wo sich BRIAN befindet. Wahrscheinlich hat er sich irgendwo im Darkroom ein Schoßhündchen seiner Wahl ausgesucht und bindet ihn an sein nimmersattes Leinchen, um mit ihm Gassi zu gehen. Da es allen einerlei zu sein scheint, was bei mir gerade angesagt ist, frage ich mich, weshalb ich überhaupt versuche, mit euch zu reden. Deshalb gehe ich jetzt auf die Tanzfläche und erzähle es der nächsten abgedroschenen Crystalqueen. Einen schönen Abend und viel Glück weiterhin auf der Suche nach BRIAN!“

Mit diesen Worten stellt Emmett sein Glas ab, lässt dabei noch den Stiel fallen, dreht sich leicht eingeschnappt um und verschwindet.

„Was ist denn mit dem los?“, ruft Blake laut in Teds Ohr, was diesen lediglich die Schultern zucken lässt.

„Ich weiß nicht, was er hat. Vielleicht läuft es gerade nicht so gut in seinem Leben. Ich schau mich mal um, ob ich Brian irgendwo entdecke.“

„Brian?“, kommt es plötzlich aus einer anderen Richtung. Es ist Michael, der hinter Ted steht und ihn anlächelt.

„Ja“, gibt Ted zur Antwort. „Ich möchte gern wissen, wo er steckt. War er heute schon hier? Ich hatte in der Firma den Eindruck, dass es ihm nicht gutgeht, deshalb wollte ich nach ihm sehen.“

Während dieses Satzes kommt auch Ben dazu und gibt zu verstehen, dass alle Sorgen unbegründet wären, denn Brian wäre soeben in Begleitung eines Typen aus dem Babylon verschwunden, was Ted mit einem leeren Blick und einem Kopfschütteln zurücklässt.

„Siehst du Ted? Solange ein Brian Kinney vögeln kann, geht es ihm nicht schlecht“, kommt es von Michael.

„Doch ich habe etwas in seinen Augen gesehen, das …“, deutet Ted an.

„… das auf Geilheit hindeutet?“, unterbricht Ben.

„Wahrscheinlich wird es das gewesen sein.“

*


Angespannt sitzt Justin im Flugzeug, das ihn in weniger als einer Stunde nach Pittsburgh bringt. Seit er sich in der Luft befindet, ist er am Grübeln. Ist dieser spontane Entschluss richtig gewesen? Immerhin hat das Ticket seine Finanzen ziemlich stark schrumpfen lassen. Für ein paar Tage reicht sein Geld zwar noch, doch danach muss er sehen, dass er schnellstmöglich einen Job findet, auch eine Unterkunft muss er sich besorgen, seine Bleibe in New York kündigen und etwas später seine restlichen Sachen inklusive seiner Bilder von dort holen. Es ist also definitiv eine Menge zu organisieren und außerdem kostet das alles leider einiges. Schließlich kann er Klamotten und Sonstiges ja schlecht mit einem Greyhound nach Pittsburgh bringen.

Was soll er als Erstes tun, sobald er gelandet ist? Zu Brian gehen? Vielleicht ist der nicht einmal zu Hause, sondern im Babylon, immerhin ist er der Chef dort und … womöglich muss er ja dringend den Darkroom inspizieren. Justin überlegt einen Moment. Ja, er ist sich im Klaren darüber, dass er damit rechnen muss, dass Brian nicht allein ist, es ist Freitagnacht und ein Brian Kinney braucht seine Ficks wie andere Luft zum Atmen. Aber stört es ihn, so wie es ihn am Anfang zumindest irritiert hat? Nein. Justin schüttelt leicht den Kopf. Seit ihrer gemeinsamen Vereinbarung ist das kein Thema mehr. Sie wissen beide, dass aufgezwungene Monogamie in den meisten Fällen zum Scheitern verurteilt ist und irgendwann mit Lügen, Heimlichkeiten und Betrug endet, deswegen haben sie das auf ihre Art gelöst, dass jeder sich nimmt, was er haben will. Nein, er ist sich darüber im Klaren, dass solche Ficks nichts mit ihrer Beziehung zu tun haben und Brian weiß es ebenso. In diesem Punkt waren und sind sie sich bereits sehr lange einig.

Die Maschine setzt zum Landeanflug an. Wenige Minuten später steht Justin in der Ankunftshalle. Menschen brodeln um ihn herum, viele werden abgeholt, nur auf ihn wartet keiner. Vielleicht hätte er doch jemanden informieren sollen, dass er kommt. Debbie oder Michael. Oder Daphne, die wäre bestimmt erschienen, aber … nein, er wird sie alle überraschen. Und er wird zuerst zu Brians Loft fahren, selbst auf die Gefahr hin, dass er auf ihn warten muss.

Justin winkt ein Taxi heran, nennt die Adresse und lehnt sich zurück. Mein Gott, wie sehr sehnt er sich danach, Brians Arme um sich zu spüren und dann hart von ihm gefickt zu werden.

„Stimmt so“, ruft er dem Fahrer zu, nachdem der vor dem Haus gestoppt hat, und reicht ihm ein paar Dollarnoten durch das offene Fenster. Seine Augen gleiten an der Fassade hoch. Schimmert da oben Licht oder narrt ihn seine Fantasie? Mit klopfendem Herzen betritt er das Haus, lässt sich von dem altmodischen Fahrstuhl nach oben bringen und steht endlich vor der großen Metallschiebetür. Die Alarmanlage ist nicht scharf gestellt, das bedeutet, Brian ist zu Hause. Soll er tatsächlich einfach unangemeldet bei ihm hereinplatzen? Einen Schlüssel hat er nach wie vor, doch er scheut sich plötzlich, in Brians Intimsphäre einzudringen. Während er noch überlegt, öffnet sich die Tür und Brian steht vor ihm.

*


„Ich würde ganz gern langsam nach Hause. Immerhin muss ich morgen früh pünktlich im Comicladen stehen, ich erwarte ein paar Stammleser und einen Reporter der Lokalpresse, dem ich Fragen zur letzten Rage-Ausgabe beantworten soll“, gibt Michael Ben zu verstehen und schaut ihn mit seinen rehbraunen Augen an, als würde ein Dackel nach seinem Futter flehen.

Noch immer dröhnt die Musik im Babylon lautstark aus den Boxen. Auf den Emporen tanzen halbnackte Kerle und lassen sich Geld von den Gästen an ihre engen, knappen Strings stecken.

„Ja, wir können gleich gehen. Ich trinke nur noch schnell aus. Doch Michael, ich hätte da eine Bitte“, raunt Ben ihm daraufhin leicht fordernd ins Ohr.

„Die da wäre?“

„Bevor du dich schlafen legst, tanzt du so geil für mich wie der Typ dort.“

Michael grinst und schüttelt den Kopf.

„Ich kann so etwas nicht. Schließlich heiße ich nicht Justin. Ich habe es noch gut in Erinnerung, wie er dort oben stand, um sich seine Einkünfte aufzubessern. Das sah wenigstens gut aus. Aber bei mir?“

Ben grinst und flüstert ihm leise etwas Unverständliches zu, was Michael verliebt lächelnd zu ihm aufblicken lässt. Kurz darauf verlassen sie das Babylon und hören dabei noch nicht einmal mehr, dass Emmett ihnen hinterherruft.

Zuhause angekommen legt sich Ben mit freiem Oberkörper auf das gemeinsame Bett und sieht Michael auffordernd an. Michael bewegt sich mit dem besten Hüftschwung, den er zeigen kann, zu der Musik, die Ben zuvor angestellt hat, und lässt ein Kleidungsstück nach dem anderen fallen, bis er schließlich völlig nackt vor seinem Mann steht. Dieser zieht ihn mit einem Ruck auf das Bett und sie beginnen, sich zu küssen. Ihre Hände wandern über die Haut des anderen und ihre Bewegungen werden wilder. Beide sind sehr erregt und äußern dieses durch heftiges, lautes Stöhnen. Noch immer ertönt Diskomusik durch den Raum. Sie wälzen sich hin und her, Michael kann es kaum erwarten, bis Ben in ihn eindringt und ihm das Hirn herausfickt. Plötzlich jedoch vernehmen sie eine laute Stimme, die ständig „Hallo!“ ruft. Erschrocken sehen sie zur Schlafzimmertür – dort steht Hunter. Augenblicklich ziehen sie die Bettdecke über sich und Ben stellt die Musik ab.

„Hunter. Ich wusste ja nicht, dass du hier bist“, versucht Ben zu erklären.

„Ach, ehrlich? Nur zu eurer Information, ich wohne hier, schon vergessen? Ihr könnt euch meinetwegen die Seele aus dem Leib ficken, aber muss das zu dieser schrecklichen Musik sein, die mittlerweile seit Jahren out ist? Steht ihr etwa auf derart Abartiges? Außerdem bin ich von eurem Gestöhne wach geworden. Doch von mir aus macht weiter. Ich setze mich so lange ins Wohnzimmer und ziehe mir einen Film rein.“

Hunter schlägt die Tür zu und Sekunden später hört man den Fernseher laufen. Ben und Michael sehen sich in die Augen, zunächst ernst, kurz darauf brechen beide jedoch in lautes Gelächter aus.

*


„Zieh dich an und hau ab.“

Genervt schwingt Brian seine Beine vom Bett, während er nach seinen Zigaretten greift, sich einen der Glimmstängel zwischen die Lippen steckt, diesen entzündet und den ersten Zug tief inhaliert. Was für eine Scheißidee. Hatte er allen Ernstes geglaubt, dass es reichen würde, wenn er sich einen Typen angelt, der aussieht wie Justin? Der Fick ist eigentlich nicht schlecht gewesen, das Bürschchen hat sich zumindest alle Mühe gegeben, aber … es IST eben nicht Justin. Er hätte es wissen müssen, schließlich hatte er sich während der Zeit ihrer mehrfachen Trennungen des Öfteren Stricher kommen lassen, die Justin ziemlich ähnlich sahen, und er war dennoch jedes Mal frustriert gewesen. Damals allerdings hatte er gedacht, Justin verloren zu haben, jetzt weiß er, dass das nicht der Fall ist, bloß was soll er tun? Dieser kleine Scheißer fehlt ihm nun mal mehr, als er jemals zugeben kann. Doch er wird einen Teufel tun, ihn aus seinem neuen Leben in New York wegzuholen. Das würde er niemals versuchen, er will, dass Justin glücklich ist. Scheiße, er, der eiskalte Brian Kinney, liebt einen anderen Menschen. Sicher, Gus, Michael und Lindsay liebt er ebenfalls, doch das ist etwas ganz anderes. Justin hingegen hat sich irgendwie unmerklich in sein Leben und sein Herz geschlichen. Ein trauriges Lächeln legt sich um seinen Mund und seine Augen sind groß, dunkel und drücken seine Trauer aus.

„Sehen wir uns wieder?“, kommt es von dem blonden Bubi, der sich extrem langsam ankleidet, so als wolle er den Abschied absichtlich ein wenig hinauszögern.

„Nein! Du siehst mich in deinen Träumen. Und nun sieh endlich zu, dass du Land gewinnst. War nett und bye bye.“

Brian erhebt sich und tapst nackt zur Tür, sein Gast folgt ihm mit leicht hängenden Schultern. Ein letztes Mal versucht der Junge, etwas zu sagen, da reißt die Brian die Tür auf, dabei schaut er den blonden Bubi an.

„Verschwinde endlich!“

Bruchteile einer Sekunde später schießt sein Kopf in Richtung Flur, er sieht Justin vor sich stehen und mit einem sehnsuchtsvollen „Mein Gott, du?“ zieht er diesen ins Innere, wo er ihn eng in seine Arme schließt und ihm einen festen, beinahe schon harten Kuss auf die Lippen drückt, was sich dieser nur zu gern gefallen lässt, selbst wenn ihm tausend Gedanken gleichzeitig durch den Kopf schießen. Er erinnert sich daran, dass er bereits mehrfach nach Hause gekommen ist und Brian beim Ficken überrascht hat, aber etwas ist dieses Mal anders gewesen. Der Typ, der eben das Loft verlassen hat, gehört eigentlich nicht in Brians übliches Beuteschema, es hat eher den Anschein, als hätte sich Brian eine Kopie von ihm, Justin, besorgt. Soll er Brian darauf ansprechen oder warten, bis er es tun würde?

Aufatmend lässt Brian Justin schließlich los.

„Was machst du hier und warum hast du nicht vorher Bescheid gesagt Ich hätte …“

„Weil ich diesen Entschluss spontan gefasst habe. Ich hatte plötzlich von allem die Schnauze voll. Ich scheiße auf New York. Diese Stadt ist ein riesiges Sammelbecken, in dem sich Lügner, Betrüger, Idioten und Spinner vereinen. Jeder macht dir Versprechungen, die er später nicht hält, lobt dich und redet gleichzeitig hinter deinem Rücken nur das Schlechteste über dich, gibt sich als Freund aus, nur um dir von hinten ein Messer in den Rücken zu rammen.“

„Und wie denkst du dir das weiter? Ich meine, deine Karriere, deine Malerei, dein Atelier, willst du das alles etwa aufgeben? Alles, was du bisher erreicht hast?“

„Was habe ich denn erreicht? Zwei Artikel in Zeitschriften, das war’s. Von dem, was ich verkaufe, kann ich meinen Lebensunterhalt nur knapp bestreiten, das konnte ich vom Verdienst im Diner auch schon. Nein, meine Zeit in New York ist Geschichte.“

Leicht resigniert schaut Justin nach unten. Mit einem Finger hebt Brian Justins Kinn zu sich empor und blickt ihm tief in die Augen. Er erkennt die Enttäuschung Justins, die er eben durch seine Erklärung belegt hat, allerdings ebenso das liebevolle Glitzern, dass sich jetzt langsam zeigt, je länger sie sich im Arm halten. Er sieht Erregung in Justins Augen aufziehen und spürt, wie sich sein eigener Schwanz aufrichtet und gegen Justin Becken drängt. Da ist es wieder, dieses Verlangen nach Justins Armen, seinem glatten Körper, seinem Schwanz. Erneut finden sich ihre Lippen und wollen sich förmlich verschlingen.

„Ich werde dich ficken. Ich werde dich die ganze Nacht ficken!“, kommt es schließlich leise aus Brians Mund.

„So wie bei unserem ersten Mal?“, kontert Justin mit einem Grinsen auf den Lippen.

„Genauso wie in unserer allerersten Nacht!“