Sweet home Alabama

von Golo
GeschichteRomanze, Familie / P16 Slash
Jared Leto Shannon Leto
01.07.2017
01.07.2017
1
2.179
2
Alle Kapitel
2 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
 Datenschutzinfo
 
 
01.07.2017 2.179
 
Sweet home Alabama

Jeder Mensch hat ein Laster. Etwas, dass einen pusht. Was dich antreibt, wenn du vor lauter Terminen und Jetlag nicht mehr klar denken kannst. Wenn du schreien willst, weil die Dinge immer so sind, wie sie sind und nicht, wie du sie haben willst. Ich persönlich vertrage mich ganz gut mit Alkohol und Drogen. Nicht gerade wie Charlie Sheen, nur so viel, um kein Mitleid zu erregen. Musikgeschäft eben - das gehört dazu, das machen alle und daran ist soweit auch nichts verkehrt, man darf es nur nicht übertreiben.

Aber ich hab's übertrieben. Tja. Ganz oder gar nicht. War schon immer mein Muster, mein Design. Wie weit kannst du gehen? Diese Frage steckt in meiner DNA. Dürfen darf man alles, man muss es nur können. Die Hälfte der Tour ist deshalb ohne mich gelaufen und allmählich wird es Zeit für mehr Glück als Verstand. Ich trage große Sonnenbrillen und halte die Füße still. Fliege weitestgehend unterm Radar, um die Paparazzi auszutricksen.

Ich dusche, behalte einen pechschwarzen Kaffee bei mir, packe zusammen. Rufe Lana an. Ein flüchtiger Blick in den Spiegel und was ich sehe, gefällt mir nicht. Ziehe mich schnell an: Mit einem weichen Flanellhemd, der fast weiß gebleichten Levi's 501 und den Mokkasins hätte ich als unscharfe American Apparel Werbung durchgehen können. Aber es passt nach Tuscaloosa, Alabama; Stadt am Black Warrior River... Morgen geht's weiter nach Birmingham. Vor dem Courtyard warten ein paar Taxis, aber ich gehe lieber zu Fuß, um den Kopf frei zu kriegen.

Bestes Wetter hier unten. Sonne vom Morgen bis in den späten Abend. Die Stadt wird verrückt. Die Arbeit wird liegen gelassen und die Leute nicken dir zu und fragen: Wie geht’s? Aber nicht, weil sie dich erkennen, sondern einfach nur so. Alle Welt strömt hierher, um das alles in sich aufzusaugen. Jede Angst vor Hautkrebs wird ignoriert. Eisverkäufer an jeder Ecke. Touristen und Penner auf allen Bänken. Schlimmer noch, Männer in kurzen Hosen! Mit Socken und Sandalen. Scheiße.

Ich gehe nicht mehr gerne in die Sonne.

Ich bin happy, wenn es nicht regnet, aber das reicht. Pralle Sonne weckt Sehnsucht in mir. Nach Dingen, die nicht von Dauer sein können. Auf dem Weg ins Hotel hämmert die Sonne auf mich ein. Ich hab's übertrieben. Das alles hat seinen Sinn und Gott weiß es, irgendwann werde ich dahinterkommen. Den Courtney Drive entlang, dann links den Hollywood Boulevard rauf. Mächtig was los auf den Straßen. Zum Hilton Garden Inn. Keine Ahnung, was mich erwartet. Ich hab's übertrieben. Diesmal so richtig. Trunkenheit am Steuer. Jared wird ausrasten. Ich will mir unbedingt Mut antrinken. Fingere stattdessen in der Gesäßtasche nach meinen Betablockern. Aber ich will mich auch nicht künstlich beruhigen. Höre die Worte von dem Polizisten, der mich festgenommen hat. Sein kleines Mädchen hat ihr Zimmer mit unseren Konzertplakaten tapeziert und er sagt so zu mir: „Schande, und du bist ihr Idol.“ Ziehe die Finger aus der Tasche... Diese Art von Gedanken kommen mir in der Sonne. Gedanken sind zollfrei, aber man hat doch Scherereien.

Vor dem Eingangsportal bleibe ich kurz stehen. Einmal tief Luftholen, dann rein. Die Lobby will, glaube ich, jung und frisch wirken. Sieht alles aus, wie von IKEA. Ich nehme den Aufzug - Pling - 6. Stock. Steige aus, halte mich rechts, dann links und stehe viel zu schnell vor Nr. 26. Klopfe. Nach einem Moment öffnet sich die Tür und ich werde von einem Bären angefallen.

Na, wenigst Tomo freut sich, mich zu sehen, denke ich und umarme zurück was das Zeug hält.

Tomo lässt mich los und im nächsten Moment fange ich mir ordentlich Eine ein.

„Scheiße, Mann! Wofür war die denn?“

„Die, mein Freund, war dafür, dass du ein Riesenarschloch warst“, erklärt Tomo gutmütig. „Sei froh, dass ich nicht dein Bruder bin.“

„Ich dachte, du bist mein Bruder von einer anderen Mutter.“ Ich reibe mir die Wange. „Ist Jared sauer?“

„Sauer ist ein recht milder Ausdruck für das, was Jared ist... Wie gut bist du im Zukreuzekriechen?“ Tomo legt den Kopf auf die Seite. „Die Höhle des Löwen ist den Gang runter links, Nr. 29. Du kannst es genauso gut gleich hinter dich bringen.“

Ich salutiere mit dem Mittelfinger. „Aye, Sir.“ Lasse die Reisetasche von der Schulter rutschen. „Kann ich meinen Kram hierlassen, bis ich weiß, ob ich willkommen bin?“

„Na sicher. Und jetzt lauf, Forrest – er weiß, dass du in der Stadt bist und das heißt, er wartet auf dich. Du weißt, wie es ist.“

„Ja“, sage ich und fahre mir durchs Haar. „Wünsch mir Glück.“ Drehe mich um, aber Tomo hält mich nochmal am Arm fest. Schaut plötzlich ernst drein; gar nicht mehr wie ein zu großer Teddybär. Ich weiß, jetzt kommt es. Und wirklich:

„Kiddies sind zu uns gekommen“, legt er los, „und haben uns gesagt, wie unsere Platte ihnen geholfen hat, ihr Leben in den Griff zu kriegen... Es gibt kein größeres Kompliment als das. Das heißt, dass was man macht, was man so oder so gemacht hätte, gerade jemanden durch etwas durch geholfen hat, was wahrscheinlich eine ziemlich harte Zeit in seinem Leben war. Das ist so viel mehr wert, als jeder Dollarhaufen, den die Musik dir einbringt.“ Er drückt meinen Arm, schaut mir direkt ins Gesicht und dann fragt er: „Wer zur Hölle braucht Alkohol und Drogen, wenn er Musik hat?“

Wir sehen uns einen Augenblick lang an. Alles klar. Tomo hat gesagt, was er sagen wollte. Ich nicke kurz. Tomo boxt mich nochmal mit der Faust in den Oberarm. Aber nicht fest. Dann lächelt er sogar wieder, und mir fällt ein ganzer Bus vom Herzen.

Ich laufe nicht. Ich jogge. Zuviel nervöse Energie. Der Weg ist zu kurz. Ich schüttele die Muskeln aus, bevor ich klopfe; wie vor einer Trainingseinheit, oder einem Kampf, oder was weiß ich. Na klar, das wird schon! Irgendwie wird es immer... Aber diesmal habe ich so richtig in den Sack gehauen. Eine einfache Entschuldigung wird da nicht reichen. Ich drehe den Kopf nach links und rechts, lasse die Halswirbel knacken, atme nochmal tief durch. Klopfe.

Ein gedämpftes „Komm rein“ und ich gehorche.

Stille empfängt mich. Mit Klassikrock im Hintergrund. Jared steht barfuß vor einem riesigen Panoramafenster. Die Arme vor der Brust verschränkt. Rücken zu mir. Ich bleibe unsicher bei der Tür stehen. Mir wird bewusst, dass ich mich in der Nähe meines Bruders vorher noch nie unwohl gefühlt habe.

„Es ist einfach so passiert, Jay“, platzt es aus mir raus.

„Natürlich“, sagt er ohne besonderen Ausdruck. Rollt die Schultern, dreht sich langsam um. Ein Blick. „Wie läuft es mit den Betas?“

Tomo hat recht – Jared ist nicht bloß sauer. Sicher, die Wut ist da. Aber auch die Sorgen der letzten Zeit, die schlaflosen Nächte. Jared ist fertig und mein Herz verkrampft sich.

„Läuft.“

Er nickt, scheint seine Möglichkeiten abzuwägen, dann:

„Willst du, dass ich dir die Wahrheit sage, oder soll ich dich weiter bescheißen?“

Ich blinzele. „Was?“

Jared seufzt. „Das ist ein Zitat von Tom Waits.“

Ach so.

Jared fährt sich mit der Hand übers Gesicht. „Wie lange, bis du wieder Scheiße baust?“

Gute Frage. Die hat gesessen. Ich stecke die Hände in die Hosentaschen und lasse mir mit der Antwort Zeit. „Keine Ahnung. Fünf Minuten vielleicht? Aber mein Rausch ist vorbei, Jay. Mit den Drogen ist Schluss und mit dem Saufen auch.“

Balle ein Bisschen die Fäuste. Jared runzelt die Stirn. „Du meinst das ernst.“

„Ich habe dich im Stich gelassen.“

Wir sehen uns an; von Mann zu Mann und ganz ohne Scheiß. Seine Augen sind so unendlich blau und ich versuche meine all die Dinge sagen zu lassen, die ich gerade nicht über die Lippen kriege. Du und ich gegen den Rest der Welt, Jay. BITTE. Gib das nicht auf. Und es scheint tatsächlich bei Jared anzukommen. Jedenfalls kommt mein Bruder nun doch zu mir rüber. Aber nicht, um mich endlich in den Arm zu nehmen. Nein. Er bleibt zwei Schritte vor mir stehen, mustert mich lange.

„Du bist dünn“, stellt er kritisch fest.

Was auch immer das heißen soll. „Ich war in Haft, nicht im Urlaub.“

Sein Blick streift meine Wange und bleibt dort hängen. Dreht mein Gesicht auf die Seite. Studiert die blassen Reste eines saftigen Veilchens.

„Hat dich jemand angefasst?“, fragt er.

Ziehe die Augenbraue hoch. „Von mir kann man einfach nicht die Finger lassen... Wie du weißt.“ Ein schiefes Lächeln, aber für Scherze ist es scheinbar noch zu früh. Das wird mir klar, als Jared mein Hemd daraufhin am Kragen packt und mich sauber neben der Tür an die Wand nagelt. Meine Sonnenbrille geht zu Boden und sein Gesicht ist meinem plötzlich sehr nah.

Jared schiebt den Kiefer vor. „Fick dich, Shan“, knurrt er. „Du hast keine Ahnung - du hast verdammtescheißenochmal nicht die geringste Ahnung!“

Er sagt nicht, wovon ich keine Ahnung habe, aber ich kann's mir vorstellen. Jared bebt vor Wut; er muss eine Scheißangst gehabt haben. Ich lege die Hände um seine Handgelenke. Streichele beruhigend, fühle den Puls. Plötzlich habe ich selber Angst.

„Lass nie die Menschen los, die du liebst, denn ohne sie, was bleibt dir sonst?“

Das frage ich. Und zwar nicht den Virtuosen Jared Leto, das Gesicht von der Titelseite. Das frage ich den kleinen, neunzehnjährigen Schulabgänger, der zum Abschlussball nicht Wendy Miller, das hübscheste Mädchen weit und breit, mitnehmen will, sondern nur seinen Bruder. Oder vielleicht auch den Fünfundzwanzigjährigen, der mich in meinen abgefuckten Glanzzeiten miterlebt, und mich immer noch küsst, als wäre es die Offenbarung. Den Idioten, der nie aufhört das Unverzeihliche zu verzeihen und das Unmögliche möglich zu machen; für uns beide. Den Träumer. Den Kämpfer. Den Rebellen. Ich hoffe inständig, dass es einer von denen ist, der mich gerade festhält.

Im Radio spielen sie ausgerechnet Guns 'N Roses.

Oh, oh, oh, oh. Sweet child o' mine. Oh, oh, oh, oh. Sweet love of mine

Ein starkes Gefühl von Déjà-vu überkommt mich dabei. Die Zeit scheint erst langsamer, dann rückwärts zu vergehen. Ganz plötzlich. Jared fühlt es auch und wie. Jesus Christus, seine Hände beginnen zu zittern. Ich weiß genau, was er denkt, oder besser woran er denkt: Sommer '91. Sturmfreie Bude und das Appetite for Destruction Album auf Endlosschleife im Kassettenrekorder... Jared's Atmung wird flacher, die Pupillen weit und da flackert was auf in seinen Augen... Auch ganz plötzlich. Etwas Heißes und Hungriges. Ein Blick als wollte und würde er dich fressen. Haut und Haar, Knochen und Mark. Hat schon was der Empfänger so eines Blickes zu sein... Schlucke trocken. Er starrt auf meine Lippen. Das Zittern wird stärker und mir ist klar, jeder Mensch hat sein Laster.

Ich denke nicht wirklich nach. Tue einfach, was ich immer tue, was es für uns beide besser macht; und greife nach ihm. Ob das eine gute Idee ist, weiß ich nicht. Wahrscheinlich nicht. Scheiß drauf, was anderes hilft nicht. Schon alles versucht, wir beide haben doch alles versucht, um ohne das hier aus zu kommen. Jared's Finger packen den Hemdkragen fester an, aber er macht keine Anstalten, mich aufzuhalten. Natürlich nicht, schließlich ist er auch so eine Art Junkie. Schaue hoch und lasse ihn keine Sekunde aus den Augen. Wir starren uns an, wie Schlange und Beschwörer. Meine Finger fahren über den Bauch, bis sie am Saum des T-Shirts angelangt sind. Schieben sich vorsichtig unter den Stoff. Jared macht ein Geräusch, wie ein verwundetes Tier, bevor der Damm bricht - und dann geht auf einmal alles ganz schnell.

„Was du da gemacht hast, war dumm“, flüstert Jared zwischen rauen Küssen. „So unglaublich dumm, Shan.“

„Ich weiß“, flüstere ich zurück und kämpfe mit den Knöpfen von Levi's 501. Denn es geht alles ganz schnell und nicht schnell genug.

„Wenn ich mir vorstelle, was alles hätte passieren können!“

Der Weg zum Bett ist ein einziges Gedrängel und Geschiebe.

„Benutze deine Vorstellungskraft nicht um dich zu Tode zu fürchten, Jay“, flüstere ich, „sondern um dich zum Leben zu erwecken.“

Und dann ruht Jareds Stirn auf meiner. Mein Herz hämmert gegen seins. Jared hält mich fest, so fest. „Shan“, murmelt er. Wieder und wieder. Nur das. Aber so, als stecke mehr dahinter. Es ist wieder 1991 und wir sind jung und dumm und zu allem bereit. Das Radio läuft die ganze Zeit weiter. Jetzt spielen sie Lynyrd Skynyrd; ich beiße die Zähne zusammen und es ist der Moment, in dem ich dahinter komme: Ich werde niemals langweilig sein. So wie das hier niemals langweilig sein wird. Nicht für ihn und ganz sicher nicht für mich... Ich bin vielleicht keine 20 mehr, aber mit Jared fühlt es sich noch genau so an; und ich bin nie so jung, nie so lebendig, wie in diesen gestohlenen Augenblicken. Niemand begehrt mich, so wie er. Ich weiß nicht warum und ich frage nicht nach. Vergrabe meine Hände nur tiefer in seinen Haaren und bin plötzlich dankbar, wie selten vorher.

Sweet home Alabama... Where the skies are so blue... Sweet home Alabama... Lord I'm coming home to you

Der Deckenventilator dreht sich. Harsche Worte, raue Lippen. Mein Stöhnen. Wie gottverdammte Poesie.
Review schreiben