Die Nacht

von Ilcuvi
KurzgeschichteFreundschaft, Schmerz/Trost / P12
27.06.2017
27.06.2017
1
4435
3
Alle
2 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
 
 
 
Vorwort

Ich musste diese Geschichte doch unbedingt fertig stellen, bevor die dritte Staffel dieser wunderbaren Serie veröffentlicht wird und vor allem auch, bevor genauere Details zu ihrem Inhalt bekannt werden. Den Großteil dieser Geschichte habe ich schon vor zwei Monaten geschrieben, aber das Ende fehlte noch.
Ich habe das Gefühl, dass sie noch einige Verbesserungen gebrauchen könnte und würde mich diesbezüglich wirklich über konstruktive Kritik und weiterführende Ideen freuen!
Es finden sich noch weitere Hinweise am Schluss.

Die Geschichte spielt am Ende der 2. Staffel, vielleicht eine Stunde, nachdem die Kamera aus dem Bild herausgezoomt hat, am gleichen Setting: der Club der roten Bänder ist gemeinsam am Strand.

^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^



Die Nacht

Hugo war der Gute Geist. Diese Rolle hatte er sich nicht selbst ausgesucht. Seine Freunde hatten sie ihm zugewiesen, als er noch im Koma gelegen hatte. Aber er mochte sie, meistens jedenfalls. „Ohne den Guten Geist zerfällt die Gruppe“, sollte Benito zu Leo gesagt haben. Der Gute Geist als derjenige, der den Club zusammenhält. Das war seine Rolle.
Aber heute fühlte er sich in dieser Rolle nicht so wohl wie sonst. Hugo war müde. In der letzten Nacht hatten sie seine Abschiedsparty im Krankenhaus gefeiert. Heute waren sie den ganzen Tag mit dem Auto gefahren, um Leos Versprechen an Benito einzulösen. Die Sonne war inzwischen längst wieder untergegangen und das Feuer brannte nur noch spärlich, aber sie waren immer noch wach. Sie saßen immer noch gemeinsam am Strand und die schwarze Nacht um sie herum schien endlos und undurchdringlich.
Er wollte wirklich für seine Freunde da sein! Er wollte dafür sorgen, dass ihr Club bestehen blieb! Er wollte sie alle zusammen halten! Das war doch die Aufgabe des Guten Geistes!
Hugo erinnerte sich an den Moment, als das Singen seiner Freunde ihn aus dem Koma aufgeweckt hatte. An die überschwängliche Freude der anderen und sein eigenes Gefühl der Überwältigung, weil er plötzlich wieder wach war. Er erinnerte sich an viele gemeinsame Augenblicke, in denen er das Gefühl gehabt hatte, dass das ganze Leben einen Sinn hatte, weil er sich als Teil eines größeren Ganzen gefühlt hatte, als Teil ihres Clubs. Er erinnerte sich daran, wie er später für seine Freunde um ihre Freundschaft gekämpft hatte: Wie er sie alle zusammengerufen hatte, um sich auf dem Friedhof bei Alex zu treffen. Er erinnerte sich an die Nacht auf dem Dach seiner Abschiedsparty, als er endlich wieder das Gefühl hatte, dass ihre Freundschaft für sie alle ungeheuer wichtig ist. Da hatte er sich fest vorgenommen, seine Aufgabe in Zukunft besser zu machen und nicht noch einmal zuzulassen, dass sie sich voneinander entfernten.
Und jetzt das! Jetzt drohte ihr Club schon wieder auseinander zu brechen. Jetzt drohte das Schicksal, Leo einfach aus ihrer Mitte zu reißen. Und sie waren so hilflos! Er wollte unbedingt etwas tun! Er wollte für ihren Club kämpfen! Er wollte alles tun, damit Leo bei ihnen blieb. Ach, damit Leo überhaupt blieb! Leo, ohne den es den Club der roten Bänder gar nicht geben würde. Leo, der immer für sie alle da war, egal was für böse Streiche das Leben ihm selber spielte.
Es war Hugos Idee gewesen, den Abschied von Benito dazu zu nutzen, ihrem Freund zu sagen, wie wichtig er ihnen war. Es war eine gute Idee gewesen, das hatte er dabei deutlich gespürt. Es war ein Moment großer Nähe und Verbundenheit gewesen. Aber was nutzte das?
Was konnte er schon gegen das Schicksal und den Tod tun? Ihnen gegenüber war er, waren sie alle völlig machtlos. Sie würden für ihn da sein. Sie würden die ganze Zeit für Leo da sein, aber sie würden nichts tun können, um das, was ihn erwartete, abzuwenden. Sie würden tatenlos dabei zusehen müssen, falls Leo den Kampf verlor.
Er sollte jetzt aus dem Krankenhaus entlassen worden sein und sein neues Leben begonnen haben. Seine Mutter wartete sicher auf ihn. Aber all das schien unwirklich, fremd und unbedeutend angesichts der Tatsache, dass Leo um sein Leben kämpfen musste.
Schon Alex Tod hatte er miterleben müssen und nicht verhindern können. Aber bei Alex Tod hatte er noch in seiner Zwischenwelt gelebt. Die Gefühle dort waren andere, nicht so intensiv, nicht so schmerzhaft. Weh tat der Gedanke daran trotzdem immer noch.
Er blickte zu Alex herüber, der wenige Meter neben ihnen saß, und merkte, dass Alex ihn auch ansah. Er lächelte ihm zu. Es war ein sanftes Lächeln, ein seltener Anblick bei Alex, als wollte der andere ihn beruhigen und ihm sagen, dass schon alles gut werden würde.
Hugo ließ sich in den Sand gleiten und betrachtete von unten seine Freunde. Ihre ernsten Gesichter wurden vom schwachen Schein des Feuers erleuchtet. Er blickte noch einmal zu Alex, dessen Gesicht stärker im Dunkel war. Alex lächelte immer noch. Lächelte er? Es war so dunkel. Vielleicht spielte ihm seine Fantasie einen Streich. Er war so müde. Aber er glaubte, Alex lächeln zu sehen und sein Lächeln sagte, dass er sich keine Sorgen machen sollte. Hugo schloss die Augen.

Jonas blickte hinunter zu seinem Freund. Hugo schien eingeschlafen zu sein. Es wurde auch Zeit, dass einer von ihnen der Verzweiflung entkam, und sei es auch nur für die kurze Dauer eines Schlummers. Auch er spürte die Müdigkeit in den Knochen. Die Müdigkeit im Körper, weil sie so lange wach gewesen waren, und die Müdigkeit im Geist, weil das Leben heute Nacht so schwer war.
Er schaute ins immer kleiner werdende Feuer. Vorher hatte er lange in die Gesichter seiner Freunde geschaut. Hatte die gleiche Wut und die gleiche Hilflosigkeit in ihrem Blick gesehen, die er auch in sich spürte. Er wusste, dass sie immer noch da wären, wenn er den Blick wieder heben würde. Aber er wollte nicht mehr! Er wollte so gerne, dass alles anders wäre!
Es stimmte nicht, dass der Erste Anführer einfach ersetzt werden konnte! Als Zweiter Anführer sorgte er dafür, dass Leo sich sicherer fühlte. Er konnte Leo in seiner Rolle beistehen. Er konnte auch viel für die anderen tun. Aber ohne Leo? Nein, das durfte nicht sein! Das war unvorstellbar!
An seinem linken Arm spürte er die Wärme des Arms seines Freundes. Lange waren sie sich im Krankenhaus so nahe gewesen. Leo hatte ihm unendlich viel Kraft und Mut gegeben. Nie würde er ihre erste Begegnung vergessen. Der einbeinige Leo als Spiegel dessen, was ihn selbst erwartete. Es war kein bedrohlicher Spiegel gewesen. Leo hatte ihm vermittelt, dass es weiter gehen konnte, auch ohne Bein. Die unvergleichliche Abschiedsparty, die er für sein Bein organisiert hatte. All die gemeinsamen Tage und Nächte, die sie zusammen durchlebt und manchmal auch durchlitten hatten.
Sie hatten auch manches geteilt, was er lieber nicht geteilt hätte: Emma. Es hatte unglaublich weh getan, sie an Leo zu verlieren. Und es hatte das Band ihrer Freundschaft beinahe zerreißen können. Aber nur beinahe. Doch noch schlimmer war später seine eigene Angst gewesen. Die Angst, dass der Krebs ihn wieder eingeholt hatte. Die Angst hatte ihn so sehr eingenommen, war in ihm so unfassbar groß geworden, dass er seinen Freunden einfach nicht mehr nahe sein konnte. Er hatte es nicht mehr ertragen können. Doch letztlich hatte er es geschafft und er fühlte sich endlich wieder am richtigen Platz.
Aber hatte er es geschafft? War es nicht Leo gewesen, der den ersten Schritt auf ihn zugegangen war? Den Schritt, den er, Jonas, eigentlich selbst hätte gehen müssen? Leo, sein Freund, den nun vielleicht das Schicksal ereilen würde, das er selbst so sehr gefürchtet hatte. Das Leben konnte so grausam sein!
Er hob den Blick doch noch einmal. Leos Augen dicht neben ihm fixierten das Feuer vor ihnen. Er sah erschöpft aus. Unheimlich erschöpft. Als hätte er langsam keine Kraft mehr gegen den übermächtigen Krebs anzukämpfen.
Jonas wusste sehr gut, wie sich das anfühlte. Er hatte es selbst erlebt. Es war ein furchtbares Gefühl. Hilflosigkeit. Verzweiflung. Er wusste auch, was das beste Mittel dagegen war: Freunde. Er würde Leo nicht noch einmal im Stich lassen, das stand zweifelsfrei fest! Er würde für seinen Freund da sein, so wie der andere unzählige Stunden für ihn dagewesen war. Er konnte nichts tun, um ihm das Leid zu ersparen, und er würde nichts tun können, falls der Krebs Leo überwältigen würde, aber er würde ihm beistehen und wenigstens dafür sorgen, dass der andere nicht allein kämpfen musste.
Plötzlich hatte er das Gefühl, dass jemand ihn ansah. Er schaute hoch. Alex blickte von der anderen Seite des Feuers zu ihm hinüber. Er saß ein wenig Abseits, als wäre er nicht mehr wirklich ein Teil des Clubs und irgendwie stimmte das auch. Alex lächelte schief, als hätte er Jonas Gedanken erraten. Schuldbewusst senkte Jonas den Blick und hob ihn doch wieder, weil er das Gefühl hatte, als wollte Alex ihm etwas Wichtiges sagen. Alex blau-grüne Augen blickten ihn unverwandt an, schienen direkt in ihn hineinzublicken. Und Jonas wusste, dass der andere doch irgendwie immer da sein würde. Es war gut.
Die lange unterdrückte Müdigkeit forderte plötzlich mit Wucht ihr Recht ein. Der Platz neben Hugo wirkte so, als gehörte Jonas genau dort hin. Er ließ sich in den Sand gleiten und schloss die Augen.

„Oh, it's such a perfect day: I'm glad I spend it with you. Oh, such a perfect day. You just keep me hanging on. You just keep me hanging on.“ Toni konnte nichts daran ändern, dass das Lied sich in seinem Kopf festgesetzt hatte und ihm immer wieder in den Sinn kam. Er wusste, dass man das einen Ohrwurm nannte. So ein unpassender Begriff! Mit einem Wurm hatte es überhaupt nichts zu tun. Es war einfach ein Lied, das er nicht vergessen konnte.
Benito hatte es auf dem Weg ins Krankenhaus gehört und sie hatten es auf seiner Beerdigung gespielt. Ihm, Toni, war es zu verdanken gewesen, dass sie herausgefunden hatten, welches Lied Benito gehört hatte. Deswegen war er auch der Schlaue.
Der Tag, an dem er sich beide Beine gebrochen hatte, war der beste Tag seines Lebens gewesen, denn nur dadurch hatte er die anderen kennen gelernt und war Teil ihres Clubs geworden. Nur dadurch wusste er jetzt, dass er schlau war. Nur dadurch wusste er, dass er etwas besonderes war. Seine Freunde waren so wichtig für ihn und er war so dankbar, dass sie alle zusammen gehörten. Er wollte nie mehr ohne sie sein!
Besorgt musterte er Leo, der ihm gegenüber saß. Die Ärzte hatten gesagt, dass seine Chancen sehr schlecht ständen. Das war beunruhigend. Die Ärzte wussten so viel über Gesundheit und Krankheit und wenn sie Leo sagten, dass es nicht gut aussah, dann war es wohl auch so.
Aber er wollte ihn nicht verlieren! Leo hatte immer auf ihn aufgepasst und ihm verdankte er, dass er sich wertvoll fühlte. Leo war sein Freund! Er hoffte so sehr, dass er nicht sterben würde. Irgendwann müsste er natürlich sterben, irgendwann müssten sie alle sterben, aber doch jetzt noch nicht! Leo war doch noch so jung und er wollte so gerne leben.
Er dachte an Benito, der nicht mehr lebte, und den Brief, den er seinem Freund von ihm gegeben hatte. Gut, dass Alex ihn im passenden Moment daran erinnert hatte!
„Oh, it's such a perfect day.“ Das Lied in seinem Kopf war wirklich hartnäckig. Der Name Ohrwurm war einfach völlig unpassend. So hartnäckig konnte ein kleiner Wurm gar nicht sein!
Er öffnete den Mund, um die anderen zu fragen, wer sich den Namen Ohrwurm ausgedacht hatte, schloss ihn aber schnell wieder. Er hatte viel gelernt, seit dem er mit den anderen befreundet war. Die Frage wäre nicht passend gewesen. Sie waren alle zu traurig. Der Gedanke an Leos möglichen Tod war in ihnen allen präsent und im Angesicht eines möglichen Todes fragte man besser nicht nach ungeeigneten Begriffen der deutschen Sprache.
Durfte man angesichts eines möglichen Todes überhaupt einen Ohrwurm haben? Noch dazu, wenn es im Ohrwurm darum ging, dass der Tag wirklich perfekt ist?
Toni hatte das Gefühl, dass es nicht ganz passend war, aber er konnte es nicht ändern, dass das Lied in seinem Kopf steckte. Tatsächlich fühlte sich das Lied im Moment für ihn auch unglaublich passend an. Er hatte den ganzen Tag mit seinen Freunden verbracht und sie waren auch jetzt noch zusammen. Sie saßen an einem weiten Strand und hörten die Brandung gegen den Sand und den Wind durch die Brandung rauschen. Der Himmel über ihnen war tiefschwarz und die Sterne funkelten wie viele kleine Fenster in einer großen Stadt. Das war eigentlich ein perfekter Moment und ein wunderbarer Abschluss eines perfekten Tages.
Wenn nur nicht gleichzeitig die Traurigkeit in ihm so groß wäre! Wenn es nicht gleichzeitig dieses Gefühl gegeben hätte, dass das Leben irgendwie nicht so war, wie es sein sollte! Wenn er nur keine Angst haben müsste, dass sein Freund vielleicht bald sterben würde!
Natürlich würde Leo ihnen dann trotzdem bleiben, Alex war ihnen schließlich auch geblieben, aber es wäre nicht dasselbe. Auch Leos Leben würden sie bei seinem Tod aufteilen, auch er würde durch sie weiterleben. Sie würden dann alle ein Viertel von Leos Leben erhalten. Aber was war mit dem Fünftel von Alex Leben, das Leo für Alex lebte? Könnten sie das dann noch einmal unter sich Vieren aufteilen oder würde das mit Leos Tod endgültig verschwinden?
Der Gedanke war beunruhigend. Er blickte zu Alex, um zu erfahren, was er darüber dachte. Doch der grinste nur, als wollte er sagen, dass das Problem nicht seines wäre. Nein, damit hatte Alex wohl recht. Eigentlich wäre das etwas, dass der Schlaue für die Gruppe lösen müsste, aber es war nicht einfach. Toni schloss die Augen, um sich besser konzentrieren zu können.

Emma sah, dass Toni neben ihr langsam in den Sand glitt. Er musste wohl eingeschlafen sein. Jonas und Hugo schliefen auch schon. Sie selbst wollte auch so gerne schlafen. Sie wollte ihren eigenen Gedanken so gerne entkommen. Sie wollte so gerne, dass es nicht mehr so weh tat.
Aber sie fürchtete, dass der Schmerz sie in ihren Schlaf begleiten würde, und spätestens am nächsten Morgen würde er wieder mit Wucht auf sie hereinbrechen. Denn das hier war vielleicht Leos Abschiedsfahrt. Leo würde vielleicht bald sterben. Sie zwang sich, den Gedanken zu denken, aber es war so unglaublich schwer.
Sie liebte Leo. Sie liebte ihn so sehr! Und das tat so schrecklich weh!
Liebe... Eigentlich sollte Liebe ein schönes Gefühl sein. Sie erinnerte sich noch an die Zeit, als sie Leo noch nicht lange kannte und ihr der Begriff 'Liebe' in Bezug auf ihn nicht in den Sinn gekommen wäre. Gemocht hatte sie ihn von Anfang an. Er war selbstbewusst und selbstironisch, hilfsbereit und freundlich. Er hatte sie sofort fasziniert und sein Lächeln zog sie vom ersten Moment an in ihren Bann. Aber er war auch stur und eigensinnig, schnell aufbrausend und manchmal so schonungslos direkt, dass Emma ihm dann am liebsten den Mund zuhalten wollte. Nein, sie hatte sich nicht sofort in ihn verliebt, sie hatte sich nicht in ihn verlieben wollen, aber gefallen hatte er ihr trotzdem von Anfang an.
Dann hatte sie Jonas kennen gelernt und das machte alles noch viel komplizierter. Jonas war so anders als Leo und der perfekte Freund für sie, das wusste sie, aber ihre Gefühle für Leo brodelten unter der Oberfläche und ließen sich nicht einfach abstellen. Selbst als sie sich von Jonas getrennt hatte, wollte sie mit Leo nicht zusammen kommen. Ihre eigenen Gefühle und Wünsche eingestehen konnte Emma sich erst nach Leos Zusammenbruch wegen der Entzündung im Bein. Damals hatte sie soviel Angst um ihn gehabt, dass sie wusste, dass sie auf keinen Fall ohne ihn sein wollte. Damals hatte sie sich zum ersten Mal wirklich eingestanden, dass sie in ihn verliebt war.
Die kurze Zeit als Paar war tatsächlich eine wunderbare gewesen. Es war eine Zeit gewesen, in der ihre ganzen Tage voller Glück waren. Alles andere spielte sich nur noch im Hintergrund ab. Ihre Mutter. Selbstzweifel. Das Essen. Wichtig war nur noch Leo und jeder Tag drehte sich um die kurze gemeinsame Zeit im Krankenhaus. Und Emma war glücklich gewesen.
Bis Leo alles kaputt gemacht hatte, weil er glaubte, besser als sie zu wissen, was sie glücklich machte. Das hatte furchtbar weh getan und Emma war sehr verletzt und wahnsinnig wütend auf ihn gewesen. Aber das änderte nichts daran, dass er ihre Gedanken nicht wirklich verließ, und erst  rechts nichts daran, dass ihre alten Gefühle sofort wieder hochkamen, als sie ihn dann auf dem Friedhof sitzen sah. Die Erinnerung an die Zeit danach war dunkel und wirr. Ihre Gefühle für Leo wurden überlagert von der Wut und Hilflosigkeit, wieder im Krankenhaus gelandet zu sein.
Aber dann hatte Kim mit ihr gesprochen und sie wusste, dass es Leo ähnlich wie ihr gehen musste. Und dann war Leo auf der Dachterrasse auf sie zugekommen, war ihr so nahe gekommen, hatte sie angesehen und schließlich geküsst. Und da war endlich wieder das Gefühl gewesen, vom Glück ausgefüllt zu sein. Eine wunderbare Nacht hatte sie Leos Nähe und die Nähe ihrer anderen Freunde genossen und war glücklich gewesen. Liebe. So sollte sich Liebe anfühlen!
Aber am nächsten Morgen hatte er ihnen gesagt, dass die Chance groß wäre, dass er nicht mehr lange lebt. Und das Glück in ihr war zerplatzt wie eine Seifenblase.
Liebe. Es tat nur noch weh. Sie liebte ihn so sehr und es tat unglaublich weh. Der Gedanke, dass dies eine Abschiedsfahrt sein könnte. Der Gedanke, dass er bald sterben würde und sie ihn dann nie wieder sehen, sprechen, berühren könnte.
Der Tod. Grausam und übermächtig ragte er vor ihr auf und drohte ihr den Menschen zu nehmen, den sie so sehr liebte, dass der Gedanke, ohne ihn sein zu müssen, einfach nicht zu ertragen war.
Sie wusste, dass es für sie alle, für den ganzen Club kaum zu ertragen war. Alle Roten Bänder brauchten ihn. Sie war das Mädchen im Club und schätzte ihn auch als Freund, aber er war doch für sie viel mehr als ein Freund.
Gemessen an dem unendlichen Schmerz in ihrem Inneren hatte sie kaum geweint, seit dem Leo ihnen von seiner Diagnose erzählt hatte. Immer nur wenige Tränen. Immer nur ohne dass sie die Kontrolle richtig verlor. Sie wollte stark bleiben. Für ihn. Sie wollte es nicht noch schwerer für ihn machen, als es ohnehin schon sein musste. So oft in ihrem Leben war sie schwach gewesen und hatte sich von anderen wie ihrer Mutter oder ihrer Krankheit das Leben bestimmen lassen. Nun wollte sie für Leo stark sein.
Aber jetzt spürte sie wieder, dass der Schmerz so groß wurde, dass er sich einen Weg nach draußen bahnen wollte. Schnell schloss sie die Augen und wandte den Kopf zur Seite des schlafenden Tonis, damit Leo ihr Gesicht nicht sah. Mit aller Kraft versuchte sie dann, ihre Gefühle wieder unter Kontrolle zu bekommen. Noch hatte Leo nichts gemerkt. Er saß ganz reglos an ihrer rechten Seite.
Plötzlich spürte sie eine Berührung an ihrer linken Hand. Alex. Sie wusste es, ohne die Augen öffnen zu müssen. Zu Alex Lebzeiten hätte sie vor ihm als allerletztes weinen wollen, aber jetzt hatte sie das Gefühl, dass er sie genau verstand.
Seine Hand streichelte sacht über ihren Handrücken. Die Geste eines Freundes. Es war ein tröstliches Gefühl. Emma spürte, dass die Tränen unter ihren geschlossenen Lidern langsam wieder zum Versiegen kamen.

Leo sah, dass seine Freunde einer nach dem anderen eingeschlafen waren. Es war gut. Sie brauchten den Schlaf dringend.
Auch er brauchte ihn dringend. Sein Körper brauchte ihn. Seit ein paar Tagen spürte er, wie seine Kraft nachließ. Es war der Krebs, der in ihm wütete. Der Krebs, der ihn von innen zerstörte. Aber auch sein Geist brauchte dringend Schlaf. Einen Moment, in dem er die schreckliche Wahrheit vergessen konnte.
Denn die Wahrheit war, dass er sterben würde. Er war dabei, den Kampf gegen den Krebs zu verlieren. Er spürte es. Und zum ersten Mal seit langem hatte er das Gefühl, akzeptieren zu können, dass es zu Ende ging, weil damit auch dieser Kampf ein Ende hatte.
Leo hatte lange gekämpft. Wild entschlossen. Unermüdlich. Immer wieder und wieder. Er hatte den unbedingten Willen zu leben stark gehalten. Er hatte alle Torturen des Krankenhauses durchlitten, um am Ende zu siegen. Er hatte den Krebs kontrolliert, soweit er es irgend vermochte. Dabei hatte er hilflos miterleben müssen, wie andere Menschen ihr Leben verloren: seine Mutter, Alex, Benito. Er hatte viele Momente der Verzweiflung erlebt, Momente, in denen er am liebsten aufgegeben hätte, Momente, in denen das Leben dunkel und sinnlos schien. Aber trotz allem hatte er letztendlich nie den Glauben verloren, dass er den Krebs eines Tages besiegen würde. Nie hatte er wirklich aufgegeben. Bis jetzt.
Jetzt konnte er nicht mehr. Jetzt war es genug. Er hatte keine Chance. Der Krebs war zu stark. Er würde siegen und Leo würde bald sterben.
Der Gedanke tat weh. Er wollte so gerne leben! Er wollte so gerne noch die Sonne und den Wind auf der Haut spüren, die Bewegung des eigenen Körpers wahrnehmen und die Gedanken schweifen lassen. Er wollte so gerne noch so viele Dinge erleben: die Liebe, Reisen, Feiern. Er wollte so gerne noch bei den Menschen bleiben, die er liebte. Aber es nützte nichts. Er würde sterben. Und wenn er starb, hatte dieser furchtbare grausame Kampf endlich ein Ende. Sein Leben würde bald enden, aber auch dieser Kampf wäre dann nicht mehr. So würde es sein.
Er spürte, dass jemand ihn ansah. Alex. Er schaute ihm direkt in die Augen und sein Blick enthielt einen Vorwurf. Leo wandte schnell den Kopf ab. Alex hatte es einfach. Er war ja bereits tot. Er hatte diese Probleme nicht mehr. Aber Alex hatte schon zu Lebzeiten selten das gemacht, was andere sich von ihm wünschten. Und es nützte auch nichts, ihn nicht anzusehen. Er wusste auch so, was sein verstorbener Freund ihm sagen wollte.
Du hast versprochen für mich weiterzuleben, schien Alex Blick zu sagen. Ja, das hatte Leo, aber jetzt konnte er nicht mehr. Er konnte einfach nicht mehr! Du bist der Anführer und sie brauchen dich, schien Alex Blick zu sagen. Ja, das war er gewesen, aber jetzt konnte er nicht mehr. Er konnte einfach nicht mehr! Ein Anführer lässt seine Freunde niemals im Stich, schien Alex Blick zu sagen. Ja, das wusste er und er wollte es auch nicht, aber jetzt konnte er nicht mehr. Er konnte einfach nicht mehr! Ich weiß, schien Alex Blick zu sagen, es tut mir leid!
Da fing Leo an zu weinen. Es brach plötzlich aus ihm heraus. Er ließ den Kopf auf die Arme sinken und die Tränen hörten nicht mehr auf zu fließen. Er konnte einfach nicht mehr!
Nach ein paar Minuten spürte er die Umarmung seines Freundes Alex. Er war bei ihm und teilte seinen Schmerz. Er war für ihn da und verstand ihn.
Nach weiteren zeitlosen Minuten hob Leo den Kopf und blinzelte durch die nassen Wimpern. Seine anderen Freunde lagen neben ihm um das fast verloschene Feuer herum. Sie alle waren da. Sie waren für ihn da. Sie waren ihm bisher in seiner Zeit im Krankenhaus beigestanden und hatten so viel für ihn getan und ihm damit geholfen, den Kampf gegen den Krebs nicht aufzugeben. Immer und immer wieder hatten sie ihm geholfen. Und sie wollten, dass er weiterkämpfte, das wusste er. Unbedingt wollten sie das! Sie hatten sich große Mühe gegeben, ihm das deutlich zu machen. Ihre Worte, bevor er Benitos Asche ins Meer geworfen hatte: Bis zu seinem Tod würde er ihnen das nie vergessen! Aber dieser Zeitpunkt schien nicht mehr in weiter Ferne.
Alex neben ihm streckte seinen Arm mit dem roten Band in die Höhe, so wie die Freunde es gemeinsam vor ein paar Stunden gemacht hatten. Leos Blick fiel auf seine eigenen. Der Club der roten Bänder. So viele Schlachten hatte Leo vor der Gründung des Clubs schon gewonnen. Einige seiner Freunde trugen die Bänder seiner vorher gewonnenen Schlachten. Aber der Club hatte vor allem gemeinsam noch viele Schlachten durchstanden und gewonnen. Auch seine, Leos. Ohne seine Freunde wäre er nie bis hierher gekommen. Zusammen waren sie stark.
Das Leben konnte so grausam sein, dass es einfach nicht zu fassen war. Es konnte so ungerecht und erbarmungslos sein, dass es nicht auszuhalten war. Schlachten. Blutig. Brutal. Beängstigend. Es würde weitere Schlachten geben, die der Club der roten Bänder bestehen musste. Er wollte nicht mehr. Er wollte wirklich nicht mehr! Aber er wusste, dass die anderen weiterkämpfen würden.
Und jetzt wusste er auch wieder, dass er mit den anderen weiterkämpfen wollte. Er war schließlich ihr Anführer! Er wollte, dass der Kampf gegen den Krebs bald zu Ende ging. Er wusste, dass er nicht mehr viel Kraft aufbringen konnte. Irgendwann würde der Kampf enden. So oder so. Aber wenn dies die einzige Möglichkeit war, mit seinen Freunden gemeinsam etwas zu tun, dann wollte er mit ihnen kämpfen: für das Leben, für die Freundschaft.
Er sah Alex an. Der lächelte. Das Gefühl der Verzweiflung war seit Tagen in Leo übermächtig. Es war jetzt immer noch da, aber so gering wie in diesem Moment war es schon lange nicht mehr gewesen. Er lächelte auch, zaghaft und müde.
Es würde weitergehen. Er würde weiter kämpfen. Sie würden weiter zusammen halten.
Leo ließ sich in den Sand zwischen Emma und Jonas gleiten. Er spürte die Wärme ihrer Körper und hörte ihren leisen Atem. Endlich schlief er ein.




^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^

Nachwort

Die ersten drei Teile (Hugo, Jonas und Toni) habe ich vor zwei Monaten in einem Rutsch geschrieben, Emmas Teil wenige Tage später. Leos ist ganz frisch und natürlich habe ich dann noch einmal Kleinigkeiten im vorher Geschriebenen verändert. Tatsächlich hatte ich Leos Teil ursprünglich etwas anders geplant, aber beim Schreiben wollte die Geschichte jetzt einfach so raus. Mich würde interessieren, ob ihr beim Lesen einen "Bruch" bemerkt habt? (Merkte man, dass die Geschichte nicht an einem Stück geschrieben wurde?)
Sehr freuen würde ich mich auch über Verbesserungen, die dazu führen, dass die Personen besser getroffen werden. Ich finde manche ein bisschen blass in meiner Geschichte. Es liegt vielleicht daran, dass sie auch in der Serie für mich blasser als andere bleiben, aber vielleicht hat jemand Ideen, wie ich sie noch greifbarer und interessanter mache?
Aber natürlich wäre ich auch abgesehen von meinen Fragen glücklich über Meinungen und ihr könnt auch gerne ein Review schreiben, ohne darauf einzugehen.

Bei wem ich mich noch unbedingt bedanken möchte, ist Il Re dei Ladri: Danke!
Tatsächlich war es wohl meine Begeisterung über ihre Geschichte Ich habe (keine) Angst, die in mir den Wunsch, selbst noch etwas zu schreiben, so stark hat werden lassen, dass ich einfach nachgeben musste. Zusätzlich haben wir hier schon wieder beide eine Geschichte zum gleichen Thema geschrieben, ja hier sogar die gleiche Zeit und den gleichen Ort benutzt. Ihre Geschichte Nicht zurück und diese meine Geschichte. Aber sie sind ganz unterschiedlich geworden. Es lohnt sich also auf jeden Fall, beide zu lesen!
Und bald werden wir erfahren, was sich die Filmemacher überlegt haben, wie es weitergeht in der Nacht am Strand... ;-) Ich freue mich schon sehr darauf!
Review schreiben
 
 
'