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Wo Licht ist, ist auch Schatten

Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P16 / Het
Glaedr OC (Own Character) Oromis
27.06.2017
24.06.2022
160
471.853
65
Alle Kapitel
947 Reviews
Dieses Kapitel
8 Reviews
 
08.05.2020 4.140
 
Hallo liebe Leser,
ich hoffe, ihr hattet eine schöne Woche und seid immer noch gesund und munter. Meine Woche war seit Mittwoch auf jeden Fall gut, denn meine kompletten schriftlichen Abiprüfungen sind durch! (Manchmal kann ich es immer noch nicht fassen.)
Ich bedanke mich bei Thanata13, Akkaraya, Kolliy, Blup und HakiNutzer63 für die lieben Reviews. Einige von euch wünschen sich ja, dass Jilma und Sheivra nicht zu Abtrünnigen werden. Ob sich das bewahrheitet, werdet ihr gleich herausfinden...
Viel Spaß!

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Kapitel 87: Dritte Entscheidung

Zwei Tage blieben sie in Dorú Areaba. Den größten Teil der Zeit schlief Sheivra, während Jilma sich in den Hallen der Heilung aufhielt und sich mit den anderen Heilern absprach, die mit ihnen nach Aroughs kommen würden. Abgesehen von anderen Heilern würden sie auch Material mit nach Aroughs nehmen, dessen Transport organisiert werden musste. Weil ungefähr die Hälfte der ausgewählten Heiler auch Drachenreiter waren, konnten sie alle Helfer auf einmal mitnehmen. Ein Drache würde zwei Personen transportieren.
Am dritten Morgen nach ihrer Ankunft in Dorú Areaba brachen sie wieder nach Aroughs auf. Genauso wie auf dem Hinweg flogen sie drei Tage. Jilma und Sheivra stellten es ihren Helfern frei, ob sie mit ihrer Geschwindigkeit fliegen würden, doch keiner ließ sich zurückfallen. Wenn sie in Aroughs ankommen würden, wären sie erschöpft, das war klar. Aber jede Minute, die sie früher da sein konnten, machte etwas aus. Es standen schließlich Leben auf dem Spiel. Und Jilma hatte ohnehin schon das dumme Gefühl, dass sie zu langsam waren, zu spät kommen würden.
Sie sollte in gewisser Weise recht behalten.

Am späten Nachmittag kamen sie endlich in Aroughs an. Weil es Winter war, begann die Sonne schon unterzugehen. Während Jilma und Sheivra den anderen Heilern erst einmal die Anweisung gaben, sie könnten sich zuerst etwas ausruhen, stürzten sie sich selbst sofort in die Arbeit.
Jilma suchte Bargrold auf, den Leiter der Heiler in ihrer Abwesenheit. Hätte sie aussuchen können, wer die erste Gruppe von Heilern leiten würde, hätte sie nicht Bargrold genommen. Sie kam mit ihm nicht sonderlich gut zurecht. Er konnte sie nicht leiden, weil sie früher in ihrer Ausbildung Konkurrenten gewesen waren. Und – ohne eingebildet klingen zu wollen – Jilma war eindeutig die bessere Heilerin. Dementsprechend begrüßte Bargrold sie auch.
„Na sieh' mal einer an, wer sich die Ehre gibt“, sagte er scharf. Er kümmerte sich soeben um einen kranken, alten Mann, der vermutlich nicht mehr lange leben würde.
„Guten Abend, Bargrold“, gab Jilma bemüht ruhig zurück. Sie durfte sich von ihm nicht einschüchtern lassen, zum Wohle der Menschen mussten sie gut zusammenarbeiten.
„Wie geht es voran, was ist der neueste Stand?“, fragte sie sachlich und band sich die Haare zurück. Auf dem Weg zu Bargrold hatte sie schon gesehen, dass sich die Situation drastisch verschlimmert hatte.
„Schlecht, offensichtlich“, knurrte Bargrold. Er stand auf, nickte der Familie des Mannes kurz zu und schleifte Jilma dann am Arm aus der Hütte.
„Was soll das?“, zischte Jilma verschreckt. Sie versuchte, sich aus seinem Griff zu befreien, schaffte es aber nicht. Bargrold ließ sie schließlich so abrupt los, dass sie beinahe hinfiel. Seine Augen glühten zornig.
„Deinetwegen ist das hier so ein Chaos“, fauchte Bargrold. „Du hast deinen netten Ausflug nach Dorú Areaba gemacht und dir den Kopf dafür streicheln lassen, dass du ein paar Worte mit dem Verräter gewechselt hast. Und anscheinend hat dir der Gedanke an diese Ehre den Kopf geleert! Wir kamen hier an und wussten nichts über diese Seuche! Du hast es nicht einmal für nötig befunden, zu warten, bis wir hier sind, um uns einzuweisen! Oder uns zumindest Anweisungen dazulassen, damit wir uns ein grobes Bild machen konnten! Stattdessen wurden wir vollkommen unvorbereitet mit dieser Situation konfrontiert, mit einer Krankheit, die wir nicht kennen, und die jeden Tag schlimmer wird. Das ist passiert, Jilma. Sieh dich um!“ Bargrold breitete die Arme aus. „Das ist deine Schuld.“ Er schnaubte, warf ihr einen letzten, wütenden Blick zu und verschwand. Zurück ließ er eine fassungslose Jilma.

Ha- hast du das gehört?, fragte sie mit zitternder Stimme.
Was bildet sich dieser Idiot eigentlich ein!, rief Sheivra aufgebracht zurück. Jilma zuckte zusammen. Sheivra verwendete nie, nie Schimpfwörter.
Wir haben doch aber Anweisungen dagelassen, hauchte Jilma. Auf dem Schreibtisch. Und wir – Korinrun hat uns doch – Wir mussten doch...
Ich werde Hackfleisch aus diesem Idioten machen, knurrte Sheivra. Ihre Erschöpfung vom Flug war vergessen. Ich werde ihn ganz, ganz langsam in klitzekleine Stückchen zerlegen!
Sheivra!, rief Jilma entsetzt. So hatte sie ihre Seelenschwester ja noch nie erlebt.
Aber er ist ein elender Lügner, entgegnete Sheivra.
Natürlich stimmt das, aber... Jilma warf einen Blick um sich. Kranke saßen auf der Straße, einige bewegten sich schon gar nicht mehr. Das ist jetzt nicht die Zeit dazu. Die Kranken kommen zuerst. Und danach...
Danach wirst du auch nichts gegen Bargrold unternehmen, sagte Sheivra. Das weißt du so gut wie ich. Jetzt oder nie, Aiedail*.
Erneut sah Jilma sich um, begegnete den Augen eines kleinen, abgemagerten Jungen, in denen das Fieber glänzte.
Was ist wichtiger, Sheivra, sagte Jilma leise, unsere verletzten Gefühle oder das Leben dieser Menschen? Sie wusste die Antwort schon, bevor sie die Frage überhaupt stellte.
Sheivra schwieg. Jilma nickte kurz, dann setzte sie sich in Bewegung und ging zu diesem Jungen. Es war besser, wenn sie jetzt den Menschen half. Das war wichtiger, als sich in Selbstmitleid zu verlieren. Das würde immer wichtiger sein.

Stunde um Stunde verging. Jilma und Sheivra verschafften sich einen Überblick über die Situation. Es war noch schlimmer, als sie erwartet hatten. Es gab mehr Opfer, mehr Tote, als sie angenommen hatten. Die Heiler, die mit Bargrold nach Aroughs gekommen waren, verhielten sich ihr gegenüber abweisend. Jilma kam gar nicht dazu zu erklären, dass sie sehr wohl Anweisungen hinterlassen hatten. Die Heiler, die mit ihr gekommen waren, waren zum Glück umgänglicher. So schafften sie es, noch an diesem Tag wieder das System aufzubauen, das sie schon vor ihrer Reise nach Dorú Areaba erdacht hatte, um neue Kranke schnell ausfindig zu machen. Es waren extrem anstrengende Stunden. Sie waren ohnehin schon erschöpft von dem Flug, die Heiler um Bargrold hatten auch schon den gesamten Tag gearbeitet.
Um elf Uhr in der Nacht beschlossen sie schließlich, es für diesen Tag gut sein zu lassen. Die Menschen schliefen schon zum größten Teil, die Totenzählungen hatten sie auch schon gemacht. Die Zahlen hatten Jilma und Sheivra tief erschüttert. Und irgendwie hatte Bargrold schon recht gehabt – es war ihre Schuld. Weil sie sich nicht getraut hatten, gegen Korinrun aufzubegehren, ihm die Stirn zu bieten. Oder dem Fürsten von Aroughs.
Aber gleichzeitig trug auch der Orden die Schuld. Weshalb hatte man ihr denn überhaupt Korinrun zugeteilt, wenn klar war, dass der ein Problem mit Menschen hatte? Weshalb hatte Korinrun seine Pflichten nicht erfüllt und war nicht auf ihre Anfragen eingegangen, wie es sich für einen wahren Altvorderen gehören würde?

Jilma sah noch einmal nach dem kleinen Jungen mit dem Fieber, bevor sie das Armenviertel verließ. Es sah nicht gut für ihn aus. Wenn sie ihn so ansah, würde er den morgigen Tag nicht mehr erleben.
Sie war müde, so unendlich müde. Schon allein ihre Füße zu heben war anstrengend und sie musste aufpassen, dass sie nicht aller zehn Schritte hinfiel. Aber noch konnte sie nicht in ihre Kammer gehen und sich schlafen legen, eine Sache musste sie noch erledigen. Eine, die ihr seit ihrer Ankunft keine Ruhe ließ.
Sheivra ging neben ihr, als sie gemeinsam den Friedhof betraten. Oder eher das Massengrab. Aroughs weiße Stadtmauern leuchteten in der Nacht über eine Meile hinter ihnen. Der Fürst hatte angeordnet, dass die Toten außerhalb von Aroughs verbrannt und begraben werden würden. In jeder kleinen Grube befand sich die Asche von fünf Menschen. Jilmas Blick schweifte über die Ebene vor ihr und ihr wurde schlecht bei der Anzahl der Gruben. Jedes dieser Löcher war mit einem einfachen Holzpfahl markiert worden. Keine Namen, keine Lebensdaten. Nur ein Holzpfahl, grob und ungelenkt behauen, der anzeigte, wo fünf Menschen ihre letzte Ruhestätte gefunden hatten. So viele Leben, so viele Schicksale.
Ihre Schuld. Es war ihre Schuld.
Sheivra widersprach ihr nicht. Genauso wie ihre Reitern erdrückte sie die schiere Anzahl der Gräber. Hätten sie doch bloß früher etwas gesagt, ihre Feigheit überwunden. Hätten sie doch bloß früher mit Vrael gesprochen, oder Ithronel oder Gregor, egal wem. Hauptsache nicht Korinrun. Aber nein, sie hatten zu viel Angst gehabt. Angst wovor? Was konnte schlimmer sein, als für den Tod so vieler Menschen verantwortlich zu sein?

„Es ist schrecklich, nicht wahr?“
Jilma und Sheivra fuhren erschrocken herum. Hinter ihnen stand ein Mann, die Kapuze tief ins Gesicht gezogen, sodass sie sein Gesicht nicht erkennen konnten. Aber sie brauchten es nicht zu sehen um zu wissen, wer ihnen gegenüber stand. Diese Stimme würden sie überall wiedererkennen.
„Diese ganzen Leben... Verloren, weil der Orden nicht in der Lage ist zuzuhören. Sich nicht darum schert. Weil die Jagd nach einem ehemaligen Drachenreiter wichtiger ist als diese unzähligen Leben“, sagte Galbatorix.
Jilma und Sheivra konnte nicht anders, als ihm innerlich zuzustimmen. Galbatorix sagte die Wahrheit, so ungern sie es auch zugeben mochten. Sie sollten vermutlich um Hilfe rufen und versuchen, den flüchtigen Drachenreiter irgendwie festzunehmen, aber sie wussten, dass sie dazu nicht stark genug waren. Schon im ausgeruhten Zustand nicht. Und jetzt, so erschöpft... Sie würden Galbatorix niemals besiegen können.
Seid Ihr hier, um uns umzubringen?, fragte Sheivra leise. Sie wandte Galbatorix wieder den Rücken zu, starrte auf die Gräber.
Galbatorix schüttelte den Kopf. „Das würde ich niemals tun.“ Er trat neben sie und blickte ebenfalls über die Ebene, an der sich ein Holzpfahl an den anderen reihte. Und seine Stimme war dabei so überzeugend, dass Jilma und Sheivra ihm ohne zu zögern glaubten. Hätte er sie umbringen wollen, hätte er das schon längst tun können. Doch er war noch hier, stand neben ihnen. Was wollte er?
Diese Frage stellte Jilma ihm.

„Das wisst ihr doch schon“, erwiderte Galbatorix. „Ich will, dass ihr euch mir anschließt.“
Und warum glaubt Ihr, dass wir Euch jetzt eine andere Antwort geben als vor einigen Tagen?“, fragte Jilma.
Galbatorix streckte die Hand aus und deutete auf die Holzpfähle. „Die Antwort liegt vor euch“, sagte er. „Seht euch um. Das ist nicht euer Werk, egal was ihr denken mögt. Das ist das Werk des Ordens, das Werk Vraels, das Werk Korinruns. Das Werk der Drachenreiter. Sie kümmern sich nicht um das Leben derer, die sie für niedriger halten.“
Jilma wollte protestieren, schließlich kümmerte sich der Großteil der Drachenreiter einschließlich Vrael sehr wohl darum, wie es niedrig stehenderen Lebewesen ging, aber sie konnte nicht. Irgendetwas in Galbatorix' Stimme lullte sie ein, zog sie in ein Netz. Und sie war zu erschöpft, um sich dagegen wehren zu können.
Ihr habt die alten Meister umgebracht und seid für den Tod von Meister Martyn und Meister Zyrron verantwortlich, sagte Sheivra. Weshalb sollten wir Euch Glauben schenken?
„Oh, was würdet ihr sagen, wenn ihr erfahrt, dass ich das nicht war?“, sagte Galbatorix leise.
Das brachte ihm zwei ungläubige Blicke ein.
„Die Beweise sind eindeutig, nicht einmal Ihr könnt Eure Tat noch leugnen“, sagte Jilma.

Galbatorix schüttelte den Kopf. „Ich leugne nichts, denn das würde bedeuten, dass ich etwas zu leugnen hätte. Ich sage nur die Wahrheit, so, wie sie nun einmal ist. Der alte Meister-der-Geschichte-und-der-Zeit und sein Reiter Varlin wurden nicht von mir unterworfen. Sie sind wahnsinnig geworden. Sie waren alt, haben schon Jahrtausende erlebt. Das Alter hat ihrem Geist geschadet. Ich gebe zu, dass ich sie mit meinem Geist berührt, ja, sogar einen Zauber über sie gelegt habe. Wollt ihr wissen warum? Ich wollte sie vor ihrem eigenen Wahnsinn bewahren. Aber ich war nicht stark genug und konnte sie deshalb nicht aufhalten. Ich weiß nicht, was sie dazu brachte, das Altvorderengespann zu ermorden. Durch die Berührung mit meinem Geist erinnerten sie sich vermutlich an mich und wollte sich an mir rächen, sodass sie Hinweise hinterließen, die auf meine Beteiligung deuteten. Als sie dann wieder auf das Festland kamen, suchten sie mich und wollten mich umbringen. Ich kam kaum mit dem Leben davon. Letztlich muss Varlin erst seinen Drachen, dann sich selbst umgebracht haben. Eine andere Erklärung ist nicht möglich.“
Jilma und Sheivra starrten ihn an, als wäre ihm ein zweiter Kopf gewachsen. Das war die Wahrheit? So war es wirklich gewesen?
Was er sagt, stimmt, sagte eine Stimme in Jilmas Geist. Das war nicht Sheivra, sie hatte diese Stimme noch nie gehört. Aber sie wollte ihr so gerne glauben, wollte Galbatorix' Worten glauben. Diesem sanften, lockenden Ton in seiner Stimme... Und ohne, dass Jilma oder Sheivra es merkten, überzeugte Galbatorix sie so von seiner Version der Geschichte.

„Und trotzdem werdet Ihr vom Orden gejagt“, sagte Jilma fassungslos. „Warum hört der Orden Euch nicht zu? Wenn Ihr zum Rat gehen würdet, würde der Euch sicher die Möglichkeit geben, alles zu erklären.“
„Nein“, sagte Galbatorix bedauernd, „das habe ich ja schon versucht. Aber sie wollen mich mit allen Mitteln töten.“
Mitleid keimte in ihr auf. „Wenn Ihr wollt, könnten Sheivra und ich sicher ein gutes Wort für Euch im Rat einlegen“, bot Jilma an. Diesem Drachenreiter musste doch geholfen werden. „Wir haben zwar nicht viel Einfluss, aber vielleicht hilft es, wenn Ihr noch Unterstützer im Orden habt.“
„Tut das nicht, ich bitte euch“, wehrte er erschrocken ab. „Im besten Falle würden sie euch nur ungläubig anblicken, im schlimmsten würdet ihr ebenfalls auf der Abschussliste landen. Nein, das ist keine gute Idee. Manchmal denke ich, dass der Rat etwas mit Varlins Wahnsinn und dem seines Drachen zu tun hat... So plötzlich, wie das gekommen ist... Sie würden nicht zulassen, dass ihr Eingreifen bekannt wird. Oder ihr Fehler. Was würde den sonst ganz Alagaësia von den rechtschaffenen Drachenreitern denken?“
Zu sagen, Jilma und Sheivra wären entsetzt, würde eine Untertreibung sein.
Was?, hauchte Sheivra.
Galbatorix' einzige Antwort bestand in einem ernsten Nicken.
„Aber... da muss man doch etwas dagegen machen!“, brach es aus Jilma heraus. „Man muss sie stoppen, man muss es den anderen Ordensmitgliedern sagen!“ Sie bemerkte nicht das zufriedene Lächeln, das sich auf Galbatorix' Gesicht ausbreitete. Zu tief befanden Sheivra und sie sich schon in dem Netz aus Lügen, das Galbatorix gesponnen hatte.
„Ja, das muss man wirklich. Deswegen bin ich hier, Jilma, Sheivra. Weil ich gespürt habe, dass auch ihr langsam erkennt, dass der Orden nicht mehr das ist, was er zu sein vorgibt. Dass es Kräfte innerhalb des Ordens gibt, die ihm Schaden. Und nicht nur den Drachenreitern. Seht euch um! Ihr steht mittendrin! Das – das hier, jedes einzelne Grab, jedes einzelne verlorene Leben... Es ist ihre Schuld.“ Er schweig kurz, sein unnachgiebiger Blick bohrte sich in ihre Augen. „Ich möchte den Menschen helfen, nein, ganz Alagaësia! Ich will nur das Beste für sie, ebenso wie ihr. Und zuallererst würde ich diesen armen Menschen hier helfen.“
Wie würdet Ihr das angehen?, wollte Sheivra wissen.
Galbatorix zögerte kurz. „Ich – ich glaube, ich habe einen Zauber entdeckt, der gegen die Seuche helfen könnte.“
Jilma keuchte überrascht auf. „Welchen? Sagt ihn uns!“
„Ich fand ihn erst kurz bevor ich hierher gekommen bin, deshalb habe ich ihn noch nicht weitergegeben“, entschuldigte Galbatorix sich vorab. Dann sagte er langsam den Zauber für Sheivra und Jilma auf. Begierig sogen die beiden jedes Wort in sich auf, bemüht, sich alles gleich beim ersten Mal zu merken. Besonders lang und kompliziert war der Zauber nicht, aber es waren einige Wörter dabei, die sie nicht kannten. Seltsamerweise vergaßen sie das sofort. Es war sicher nicht wichtig. Es zählte nur, dass sie endlich ein Gegenmittel gegen die Seuche hatten. Wenn es denn funktionierte.
Plötzlich schwor Galbatorix in der Alten Sprache, dass dieser Zauber gegen die Seuche helfen würde, und Sheivra und Jilma zuckten überrascht zurück.
Galbatorix räusperte sich. „Eure Gedanken waren so laut, dass ich sie, ohne auf sie zu horchen, hören konnte.“
Jilma wäre rot angelaufen, würde sie mit ihren Gedanken nicht schon längst bei den Kranken sein. Eine kleine Rest-Skepsis blieb zwar, weil etwas an diesem Zauber anders war, als an allen, die sie sonst kannten, doch sie gaben sich Ruck. Galbatorix hatte es in der Alten Sprache geschworen.
Jetzt wurden Sheivra und sie unruhig, es kribbelte förmlich in Jilmas Händen, den Zauber einzusetzen.
„Wir werden den Zauber ausprobieren, wenn das in Ordnung geht“, sagte Jilma.
„Natürlich, das ist nur gut und recht so“, erwiderte Galbatorix. „Lauft, heilt die Menschen.“
Das ließen Jilma und Sheivra sich nicht zweimal sagen. Mit neuerwachter Energie sprang Jilma auf Sheivras Rücken und die kleine Drachendame machte sich gemeinsam mit ihrer Reiterin auf den Rückweg nach Aroughs.

Galbatorix sah ihnen finster lächelnd hinterher. Es war einfach gewesen, einfacher, als er zunächst angenommen hatte. Natürlich hatte die Erschöpfung der beiden sehr dazu beigetragen, dass sie der Verlockung in seiner Stimme erlegen waren. Der Rest war ein Kinderspiel gewesen. Ihnen einflüstern, dass er unschuldig war, dass der Orden einen schrecklichen Fehler vertuschen wollte. Und jetzt hatte er ihnen den Schlüssel zu der Heilung der Menschen gegeben. Der Zauber, den er konstruiert hatte, enthielt ein bisschen Schattenmagie. Die beiden hatten die anderen Magieform zwar bemerkt, das wusste er, aber sie nicht erkannt. Dafür hatte er selbst auch gesorgt. Niemand, der diesen Zauber verwendete und bisher noch nicht mit Schattenmagie in Berührung gekommen war, würde merken, worum es sich handelte. Und er wusste, dass der Zauber funktionierte, weil er selbst bei dem Ausbruch der Krankheit seine Finger im Spiel hatte. Genau genommen war die Krankheit nämlich harmlos und ließ sich gut überstehen. Besonders mithilfe solche begabter Heilerinnen, wie Jilma und Sheivra es waren. Noch immer hätte es Tote gegeben, aber das Chaos hätte niemals solche Ausmaße angenommen, wie es jetzt zu beobachten war. Anfangs hatte ihn diese Krankheit auch nicht interessiert – was sollte er denn damit anfangen? Dann tauchten aber durch einen kleinen Zwischenfall die Namen von Jilma und Sheivra auf seiner Liste derer auf, die am Orden zweifelten. Am nächsten Morgen waren sie schon wieder verschwunden, aber Galbatorix hatte sich fest vorgenommen, dieser beiden habhaft zu werden. Egal, was andere von ihnen dachten – Jilma und Sheivra waren begnadete Heiler. Heiler würde er brauchen und bei dem Krieg, den er zu führen gedachte, konnte jeder Heiler auf seiner Seite und jeder fehlende Heiler auf der Seite des Ordens nur positiv sein. Und mal davon abgesehen – die beiden wussten, wie ein menschlicher, elfischer und zwergischer Körper funktionierte. Und das bedeutete im Umkehrschluss, dass sie auch wussten, wie man ihm am besten zerstören könnte. Also hatte er die Krankheit einfach gegen sämtliche heilende Magie immun gemacht, bis auf einen einzigen Spruch, den er Jilma und Sheivra nun verraten hatte. Das Chaos hatte sich wunderbar ausgebreitet, sogar noch besser, als er ursprünglich geplant hatte. Das war aber nicht sein Verdienst, sondern der der Ordensidioten. Was dieser Korinrun mit seinen Taten angerichtet hatte, würde der Orden noch büßen müssen.

Galbatorix spürte plötzlich, wie in Aroughs der Zauber zum ersten Mal gewirkt wurde. Das Grinsen verbreiterte sich. Sie hatten es nicht bemerkt. Gut, wie auch? Von so etwas hatten sie keine Ahnung. Ja, der Spruch würde die Krankheit heilen. Und mit jedem Mal, mit dem Jilma ihn aussprach, würde sie sich und ihre Seelenschwester enger an Galbatorix binden. Natürlich nur Jilma und Sheivra, die anderen Heiler würden den Spruch ohne Nebenwirkungen benutzen können. Sie waren ihm schließlich noch nie begegnet, seit er den Orden verlassen hatte.
Das Drachenreitergespann grub sich also seine eigene Grube. Wie herrlich naiv die beiden doch waren!

~ ~ ~ ~ ~

Er funktionierte! Der Zauber funktionierte wirklich! Mit Tränen in den Augen beobachtete Jilma, wie der kleine Junge, der soeben noch an der Schwelle des Todes gestanden hatte, nun seine Mutter in die Arme schloss. Ihr wurde warm ums Herz bei diesem Anblick.
„Oh danke, danke, danke“, hauchte Jilma. Sie wischte sich die Tränen von den Wangen und warf einen Blick zur Decke. „Danke, Galbatorix, danke!“
Jilma stürzte aus dem Haus und ging in das nächste. Auch dort lagen Kranke, drei an der Zahl. Innerhalb von Minuten waren sie geheilt. Jilma spürte schon deutlich den Kraftverlust, aber sie ignorierte ihn. Sie musste den Kranken helfen, jetzt wo sie endlich den richtigen Gegenzauber gefunden hatten. Sheivra lieh ihr so viel Kraft, wie sie konnte, während Jilma von Haus zu Haus lief und die Kranken heilte. Und sie Armen auf den Straßen, die dort inzwischen nur noch auf ihren Tod warteten. Und sowieso jeden, der ihr sonst noch über den Weg lief und erkrankt war. Mensch um Mensch befreite sie so von der Seuche. Die gesamte Zeit brannte ein warmes Feuer in ihrem Herzen, eines, das sie dankbar an Galbatorix denken ließ. Und die Ungerechtigkeiten, die ihm widerfahren waren. Es wärmte sie bis in die Zehenspitzen, sie spürte die Kälte des Winters überhaupt nicht.

Irgendwann ging sowohl Jilma als auch Sheivra die Kraft aus. Schwer atmend stützte Jilma sich an eine Hauswand. Gerade eben hatte sie eine alte Frau geheilt, deren Mann sie unter Tränen in die Arme geschlossen hatte. Und dann hatten die beiden ihr auf Knien gedankt, etwas, dass sie ganz verlegen hatte werden lassen. So etwas wollte Jilma nicht. Sie wollte nur, dass die Angst und der Schrecken aus den Häusern wich und Kinder den nächsten Tag sehen duften.
Sie wollte weitergehen, es gab noch so viel zu tun, doch sie stolperte und fiel fast hin. Überraschenderweise wurde sie von jemandem aufgefangen.
„Du hast zu viel Energie verbraucht“, sagte Galbatorix. Er lehnte sie in einer verlassenen Gasse an eine Hauswand.
Mit glühendem Blick sah Jilma zu ihm auf. „Danke“, sprudelte es aus ihr hervor. „Danke, danke, danke. Ihr seid unser Retter, wir hatten schon alle Hoffnung verloren. Habt Dank für Eure Hilfe.“
Galbatorix' Augen blitzten bei diesen Worten geschmeichelt und zufrieden auf. „Es ist mir eine Freude“, sagte er. „Und es wäre mir eine noch größere Freude, wenn wir in Zukunft weiterhin gemeinsam an der Verbesserung dieser Welt arbeiten könnten, Jilma. Und auch Sheivra, ich weiß, dass du ebenfalls zuhörst.“
„Wie das?“, wollte Jilma wissen.
„Schließt euch mir an“, sagte Galbatorix. „Erkennt, was der Orden angerichtet hat, und schließt euch mir an. Helft mir, aus dieser Welt eine bessere zu machen, aus dem Orden wieder das zu machen, wozu er gedacht war – den Lebewesen dieser Welt zu helfen, sie zu schützen. Das ist die eigentliche Aufgabe des Ordens.“

Wollen wir uns wirklich so gegen den Orden stellen? In Jilma kamen leise Zweifel auf. Sicher, der Orden hatte einen großen Fehler begangen. Nicht nur in Aroughs, sondern auch mit Galbatorix. Aber wenn sie mit dem Rat redete...
Er wird uns nicht zuhören, unterbrach Sheivra Jilmas Gedankengänge. Das weißt du genauso gut wie ich. Nein, wir müssen beginnen, unser Schicksal selbst in die Hand zu nehmen, Aiedail. Trau dich. Schließen wir uns Galbatorix an und machen diese Welt zu einem besseren Ort. Das ist alles, was wir uns je erträumt haben. Trau dich.
Für einen kleinen Moment zögerte Jilma noch, doch dann fällte sie ihre Entscheidung. Da war eine Stimme in ihr, die ihr sagte, dass sie Galbatorix vertrauen konnte. Und außerdem glaubte sie, eine Art Band zwischen dem Drachenreiter und sich zu spüren... Sheivra hatte sicher recht.
„Wir werden Euch beim Aufbau dieser Welt helfen“, versprach sie deshalb.
Galbatorix lächelte. „Das ist ja wundervoll, ich freue mich sehr darüber!“ Er klang ehrlich erfreut.
Werden wir Euch auch einen Schwur geben?, fragte Sheivra. Jilma leitete die Frage ihrer Seelenschwester weiter.
„Ja, das wird wohl so sein. Wir könnten es gleich machen, dann könnt ihr euch in Ruhe wieder eurer Arbeit widmen“, sagte Galbatorix. Jilma sah nicht das gefährliche Glitzern in seinen dunklen Augen.

Sie stimmte zu. Gemeinsam mit Galbatorix verließen sie für kurze Zeit das Armenviertel und begaben sich zu Jilmas und Sheivras Quartier, wo die Drachendame schon ungeduldig wartete. Sobald sie bei ihr waren, schmiegte Sheivra sich an ihre Reiterin. Erwartungsvoll wurde Galbatorix von dem Gespann angesehen und mit aller Kraft musste er sich davon abhalten, in lautes Gelächter auszubrechen. Er erklärte ihnen die beiden Bedingungen, die mit dem Schwur einhergingen, dann waren Jilma und Sheivra dran.
Sheivra schwor den Eid ohne mit der Wimper zu zucken. Jilma zögerte tatsächlich noch einmal, bevor auch sie die Worte sagte. Und damit das Schicksal ihrer Seelenschwester und ihr eigenes endgültig besiegelte.

Galbatorix verschwand einige Minuten, nachdem die Seelenschwestern ihre Eide geschworen hatten. Von Sheivra schwappten Wellen der Glückseligkeit zu Jilma herüber. Auch sie war natürlich glücklich, das stand außer Frage. Sie würden die Seuche bekämpfen und danach gemeinsam mit Galbatorix die Welt verbessern. Es war die einzig richtige Entscheidung gewesen. Und dennoch...
Als sie die anderen Heiler weckte und Bargrolds missmutiges Gemurmel über die Uhrzeit einfach ignorierte und den Heilern Galbatorix' Zauber erklärte, als alle Heiler gemeinsam das Armenviertel mitten in der Nacht betraten und Kranken um Kranken geheilt aus ihrer Obhut entließen... Jilma hatte das Gefühl, dass sie ihren weiteren Weg nun endgültig festgelegt hatte. Nur ob dieser im Licht oder im Schatten liegen würde, vermochte sie nicht zu sagen.

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* Aiedail = Morgenstern
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