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Wo Licht ist, ist auch Schatten

Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P16 / Het
Glaedr OC (Own Character) Oromis
27.06.2017
24.06.2022
160
471.853
65
Alle Kapitel
944 Reviews
Dieses Kapitel
8 Reviews
 
24.04.2020 2.964
 
Hallo liebe Leser!
Ich hoffe, ihr seid alle noch gesund und munter. An diejenigen, die noch in der Schule sind: Geht ihr wieder zur Schule? Ich hatte heute Physik-Abiturprüfung, aber mein Kurs war der Einzige in der kompletten Schule. Das war schon seltsam, so leer...
Ich bedanke mich bei Drachenfeuer24, HakiNutzer63, Thanata13, Akkaraya, Kolliy, Blup und Silberschatten für die lieben Reviews. Ihr habt mich nicht nur zum Schreiben, sondern auch zum Lernen motiviert :D.
Dieses Kapitel ist ein bisschen anders als die vorherigen, bin mal gespannt, was ihr davon haltet.

Ich spiele mit dem Kapitel NICHT auf unsere aktuelle Situation an, diese Krankheit hat NICHTS mit Covid-19 zu tun. Die Idee dazu hatte ich schon letzten Sommer. Dass das mit Covid-19 zusammenfällt ist ein dummer Zufall.
Ich möchte damit also auch keinesfalls kritisieren, wie irgendjemand mit Covid-19 umgeht oder ähnliches. Meine Figuren spiegeln nicht reale Personen wider, sondern sind einzig und allein meiner Fantasie entsprungen. Eventuelle Übereinstimmungen sind zufällig und nicht beabsichtigt.
Das mag jetzt vielleicht etwas übertrieben erscheinen, aber gerade in der jetzigen Krise kann man nicht vorsichtig genug sein.

Da das jetzt geklärt ist: Bleibt gesund!

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Kapitel 85: Die Seuche von Aroughs

Erschöpft hielt Jilma inne und stützte sich an der Wand ab. Sie strich sich eine Strähne aus der schweißbedeckten Stirn.
Es sind einfach zu viele, dachte sie müde.
„Herrin Jilma, Herrin Jilma, meine Mutter ist krank!“, schrie ein kleines Mädchen von vielleicht fünf Jahren. Sie kam auf Jilma zugerannt, die dreckigen Wangen von Tränenspuren durchzogen. Schluchzend warf sie sich Jilma in die Arme, die sie automatisch auffing und an sich drückte.
„Ich komme sofort, führe mich einfach zu ihr“, versuchte Jilma das Mädchen zu beruhigen.
Das Kind nahm ihre Hand und führte sie durch das Armenviertel von Aroughs. Es sah noch schlimmer aus als ohnehin schon. Überall sah Jilma Kranke, die auf dem Boden saßen und nur noch schwer atmeten. Diese Seuche hatte das Armenviertel am schlimmsten getroffen. Sicher gab es auch einige Fälle in der Oberstadt, aber es das waren nur einzelne. Und die Menschen überlebten dort viel häufiger als die Armen. Sie mussten nicht im Dreck leben, hatten sauberes Trinkwasser und genug zu essen. Nicht wie das kleine Mädchen, dessen Hand Jilma hielt. Oder deren Mutter.
Jilmas Herz verkrampfte sich bei dem Anblick der hervorstechenden Rippen und dünnen Arme. Sollte dieses Mädchen erkranken, würde es keine fünf Tage überleben.

Jilma stolperte über einen kleinen Stein und fiel aufgrund ihrer Erschöpfung hin.
Jetzt nimm' endlich meine Energie, fauchte Sheivra in ihrem Kopf. Jilma konnte beinahe sehen, wie ihre Seelenschwester erbost den Kopf schüttelte.
Aber du brauchst sie doch auch, protestierte Jilma schwach. Sie rappelte sich wieder auf und ignorierte ihre schmerzenden Knie und Handflächen.
Nicht so sehr wie du jetzt. Aiedail*, bitte. Ich ertrage es nicht, dich so erschöpft zu sehen, sagte Sheivra besorgt. Ihre Stimme hatte alle Schärfe verloren und das war es, was Jilma letztlich dazu brachte, die Energie ihrer Seelenschwester anzunehmen. Sie fühlte, wie Sheivras warmer Geist ihren eigenen umfing und ihr ein Teil ihrer Kraft gab. Sofort wurden Jilmas Schritte sicherer.
Danke, sagte sie erleichtert. Sie konnte sich deutlich besser konzentrieren.
Endlich blieb das Mädchen vor einer halb zusammengefallenen Hütte stehen. Es ließ Jilmas Hand los und stieß die Tür auf. Kurz schloss Jilma die Augen, um sich auf das Kommende vorzubereiten. Es wurde niemals einfacher. Sie wollte so sehr helfen, sie wollte sehen, wie dieses kleine Mädchen ihre gesundete Mutter bald in die Arme schließen konnte. Aber diese Seuche... Jilma wusste, dass sie diese Krankheit nicht heilen konnte.
Trotzdem würde sie es immer wieder versuchen.

Seit drei Wochen ging das nun schon so. Seit drei Wochen breitete sich eine Seuche in Aroughs aus. Jilma und ihre Drachendame Sheivra waren das einzige Gespann, das sich zu dieser Zeit in Aroughs aufhielt. Es war ein glücklicher Umstand, dass beide mit Leib und Seele Heiler waren. Sie hatten sofort versucht, die Seuche einzudämmen und zu heilen. Bisher war ihnen keines von beidem gelungen.
Sie hatten bisher auch keinen Gegenzauber für die Seuche finden können. Die Krankheit breitete sich besonders in Aroughs Armenviertel aus. Sie wurde – so vermuteten es Sheivra und Jilma zumindest – von einer bestimmten Fischart übertragen. Es waren Fische, die selbst für die arme Bevölkerung erschwinglich waren und von den wohlhabenderen Bürgern kaum gegessen wurde. Von Mensch zu Mensch wurde die Krankheit vermutlich nicht übertragen, aber das wussten sie noch nicht genau.
Besaß man eine gesunde Konstitution, konnte einem diese Krankheit nicht viel anhaben. Dann musste man nur für einige Tage das Bett hüten, leichte Nahrung und sauberes Trinkwasser zu sich nehmen und man war wieder gesund. Aber all das hatten die Bewohner des Armenviertels nicht zur Verfügung.

Sheivra und Jilma hatten schon versucht, die Fischart von den Märkten zu verbannen. Aber für viele Arme gehörte es zu den Hauptnahrungsmitteln, etwas anderes konnten sie sich nicht leisten. Andere Fische, Früchte oder frisches Brot waren zu teuer.
Sie hatten auch versucht, mit dem Statthalter von Aroughs zu reden. Doch der weigerte sich strikt, auch nur eine Münze seines Reichtums für die Armen auszugeben. In solchen Momenten verfluchten Jilma und Sheivra ihre fehlende Durchsetzungsfähigkeit. Sie waren keine Anführer, sie konnten keine Befehle erteilen. Und sie konnten schon gar nicht einschüchternd erscheinen. Sie waren gute Heiler, das machte sie glücklich. Aber dem Fürsten von Aroughs die Stirn zu bieten? Sie konnten es einfach nicht. Und Aroughs' Bevölkerung musste unter ihrer Unfähigkeit leiden.
Ihr einziger Trost war, dass bald Verstärkung eintreffen sollte. Sie hatten Dorú Areaba kontaktiert, das Ratsmitglied Korinrun war ihr Ansprechpartner. Der Rat hatte zugesichert, zeitnah Unterstützung aus den Hallen der Heilung in Dorú Areaba zu schicken. Heute sollten einige Heiler aufbrechen. Das bedeutete, es würde noch mindestens vier Tage dauern, bis die Gespanne da waren. Bis dahin würden Jilma und Sheivra alleine zurechtkommen müssen.

Am Abend fiel Jilma erschöpft auf ihre Liege in ihrer kleinen Unterkunft. Sie hatte sich eine Wohnung in der Nähe des Armenviertels gemietet, um bei Notfällen schneller reagieren zu können. Sheivra hatte in dem kleinen Hinterhof genug Platz. Obwohl sie schon mehr als fünfzig Jahre Drache und Reiter waren, war Sheivra noch immer relativ klein und zart. Sie wurde oft für viel jünger gehalten als sie wirklich war. Auch die Drachendame war erschöpft. Sie hatte nicht nur Jilma oft ihre Energie gegeben, sondern parallel auch noch versucht, einen Gegenzauber zu konzipieren. Eigentlich konnten Jilma und Sheivra von sich behaupten, sehr gut mit Heilzauber umgehen zu können. Aber diese Krankheit... Sie war nicht so tödlich und schwer wie andere, doch sie konnten ihr einfach nicht Herr werden.
Müde warf Jilma einen Blick in den Spiegel auf ihrem kleinen, überladenen Schreibtisch. Sie sah grauenvoll aus. Wüsste sie es nicht besser, würde sie glatt vermuten, dass sie ebenfalls krank war.
Plötzlich gab ihr Spiegel einen Ton von sich und Jilma zuckte erschrocken zusammen. Bevor sie jedoch zumindest ihre Haare ordnen konnte, wandelte sich das Bild im Spiegel und sie erkannte den Altvorderen Korinrun. Im Vergleich zu seiner elfischen Schönheit fühlte Jilma sich gleich um ein vielfaches hässlicher. Aber das war gerade jetzt ihr egal. Es gab wichtigeres.

„Seid gegrüßt, Korinrun-Elda“, sagte Jilma mit einem halben Verbeugung im Sitzen. „Sind die Heiler inzwischen unterwegs?“ Hoffnungsvoll blickte sie ihn an.
Korinrun blickte nur gelangweilt, beinahe genervt zurück. „Ich fürchte, ich muss dich enttäuschen“, sagte er. „Die Heiler werden verspätet eintreffen, in Teilen sogar gar nicht. Sie werden anderswo gebraucht.“
„Ist etwa noch eine Seuche ausgebrochen?“, hauchte Jilma schockiert.
„Nein, aber sie werden für die Suche nach Galbatorix benötigt“, sagte Korinrun. Er trommelte mit seinen Fingern auf seinen Schreibtisch. „Wir verwenden die gleichen Routinen wie bei der letzten Suche, einige von ihnen sind eingeteilt.“
„Aber sie wären doch sicher ersetzbar. Es gibt viele Drachenreiter und Drachen, die momentan frei von Pflichten sind“, sagte Jilma ungläubig. Auch Sheivra hatte bei Korinruns Worten aufgehorcht. „Die Situation hier gerät außer Kontrolle, wir brauchen wirklich Hil-“
„Sie sind nicht ersetzbar“, sagte Korinrun gereizt. Irgendetwas schien den Elf schon vor ihrem Gespräch verärgert zu haben. „Und ich denke, du und deine Seelenschwester sind Heiler? Eine der Besten des Ordens, wenn man deiner Lehrmeisterin glaubt.“ Der Unterton in Korinruns Stimme machte deutlich, dass er das stark bezweifelte.

Kurz fehlten Jilma die Worte. Sheivras Verzweiflung und Fassungslosigkeit vermischte sich mit ihrer eigenen. Sie hatten ja um Hilfe gebeten, weil sie welche brauchten. Und das dringend. Jilma unterdrückte die aufkommenden Tränen. Sie hasste sich dafür, dass sie so nahe am Wasser gebaut war und sich immer von anderen Personen kleinmachen ließ. Tröstend umfing Sheivras Geist den ihren. Sie hatte gewusst, dass Korinrun Menschen nicht mochte, aber die Abscheu in seiner Stimme verletzte sie sehr. Der gereizte Ausdruck in Korinruns Augen machte deutlich, dass er nichts weiter dazu hören wollte. Und Jilma und Sheivra hassten sich dafür, dass sie wieder den Kopf einzogen und nicht weiter nach bohrten.
„Wäre es denn zumindest möglich, dass der Orden Geld zur Verfügung stellt?“, fragte Jilma, nachdem sie sich kurz gesammelt hatte. „Die Armen benötigen es wirklich, es würde sehr helfen.“
„Sprecht mit dem Fürsten von Aroughs, es ist sein Volk“, erwiderte Korinrun kurz angebunden. Mit den Gedanken schien er schon längst beim nächsten Thema zu sein.
Aber mit dem-“, begann Jilma, zuckte jedoch zurück, als Korinrun unbeherrscht mit einer Hand auf den Tisch schlug.
„Genug!“, fauchte der Elf unwirsch. „Es ist eure Aufgabe, also erfüllt sie! Es werden bald einige Helfer kommen. Ich habe auch noch andere Aufgaben zu erfüllen.“ Mit einem letzten, angewiderten Blick auf sie beendete Korinrun die Verbindung und Jilma sah nur ihr eigenes, erschöpftes und fassungsloses Gesicht im Spiegel. Jetzt lief ihr doch eine Träne die Wange hinunter.

Was... Auch Sheivra fehlten sie Worte.
Die Menschen sterben hier, weil wir nicht genug Ressourcen und Geld haben, hauchte Jilma. Warum hat er mich nicht ausreden lassen? Wir haben doch schon mit dem Fürsten von Aroughs gesprochen, er hat jedes Gesuch um Hilfe abgelehnt.
Wut baute sich in Sheivras Geist auf, die sogleich von Trauer überdeckt wurde. Warum können sie nicht einfach die Routinen überarbeiten, damit die betreffenden Heiler frei sind? Sicher ist das nicht allzu viel Arbeit.
Ich weiß es nicht. Hilflos zuckte Jilma mit den Schultern. Und ich – ich verstehe auch nicht, warum ausgerechnet jetzt die Suche wieder aufgenommen werden muss. Martyn-Elda, Zyrron-Elda, Varlin-Elda und der Meister-der-Geschichte-und-der-Zeit sind doch schon seit Monaten tot und der Orden hatte die Suche eingestellt! Seit Monaten habe ich nichts mehr von Galbatorix gehört. Warum jetzt? Die Suche wird die Toten nicht zurückbringen, aber hier könnten wir Leben retten. Selbst wenn sich die Suche deshalb um ein paar Tage verzögert... Sie war seit Monaten ausgesetzt, sicher werden da ein paar Tage keinen Unterschied machen, oder?
Ich weiß nicht, was in den Köpfen des Rates vorgeht, meinte Sheivra niedergeschlagen. Allein der Gedanke an all die Leben, die verloren gehen würden... Was war nur mit dem Rat los? Hätten sie nicht einen anderen Ansprechpartner als Korinrun bekommen können, einen, der Menschen nicht hasste und ihnen zuhörte? Sich ihre Vorschläge zumindest anhörte? Vielleicht Gregor, Ithronel oder Oromis? Oder sogar Vrael selbst? Es ging hier schließlich um eine Seuche, die täglich viele Menschenleben forderte!
Und was machen wir jetzt?, fragte Jilma verzweifelt. Sie vergrub das Gesicht in ihren Händen.
Wir machen weiter, erwiderte Sheivra. Was bleibt uns anderes übrig? Und wir könnten erneut mit dem Fürsten sprechen, vielleicht hört er uns dieses Mal zu.

Das tat er nicht. Der Fürst von Aroughs wimmelte sie genauso desinteressiert wie beim ersten Mal ab. Er werde sein schwer erwirtschaftetes Geld nicht für so ein „faules Pack“ zum Fenster herausschmeißen und er wolle nichts mehr von diesem Thema hören. Egal wie sehr Sheivra und Jilma versuchten, sich Gehör zu verschaffen, sie wurden ignoriert. Sie ließen sich zu schnell einschüchtern, das wussten sie, aber sie konnten nichts dagegen machen.
Die kommenden beiden Tage verschlimmerte sich die Situation drastisch. Waren sie vorher schon überfordert gewesen, herrschte jetzt reinstes Chaos. Sie fühlte sich, als bräuchten sie mindestens fünfzig weitere Gespanne, um Ordnung zu schaffen und gleichzeitig Leben retten zu können. Noch immer half kein Zauber dagegen, die Krankheit weigerte sich hartnäckig zu verschwinden. Noch immer aßen die Menschen die preiswerten Fische und befanden sich in schlechter, gesundheitlicher Verfassung.
Mit jedem Patienten, den sie behandelten, fühlten sich Sheivra und Jilma hilfloser und wütender. Mit jedem neuen Kranken wurde sie ein kleines bisschen verzweifelter.

Am zweiten Abend, nachdem Korinrun sie kontaktiert hatte, war es besonders schlimm. Jilma wollte nichts lieber, als sich die Decke über den Kopf zu ziehen und die Welt auszusperren. Sie hatte gerade eben die Hand des kleinen Mädchens gehalten, das sie einige Tage zuvor zu ihrer Mutter geführt hatte. Sie war bei ihr gewesen, als sie starb. Bei der Erinnerung, wie sich die magere Brust des Kindes zum letzten Mal hob und schließlich ein leerer Ausdruck in ihre Augen trat, begannen die Tränen über Jilmas Wangen zu laufen. Die Kleine war schnell gestorben, eineinhalb Tage nach der Infektion. Ihr abgemagerter Körper hatte der Seuche nicht lange standhalten können.
Jilma wollte schreie und Dinge um sich werfen, aber sie konnte nur ihr Gesicht in das Kissen pressen und sich ganz klein machen. Sie fühlte sich so machtlos, so unnütz. Sheivras Verzweiflung vermischte sich mit ihrer, drohte sie zu überwältigen.

„Du siehst, was der Rat anrichtet“, sagte plötzlich eine dunkle, mitfühlende Stimme. Jilma schoss hoch, ihr Blick fiel auf den Spiegel. Dunkle Augen sahen ihr besorgt entgegen. Der Mann war nicht direkt gutaussehend, aber er irgendetwas war an ihm, das sie auf den ersten Blick fesselte. Sie kannte ihn jedoch nicht.
„Sie begreifen nicht, dass ein Leben unendlich wertvoll ist“, fuhr der Mann fort. Verzweiflung trat in seinen Blick. „Das, was sie mir antaten... Sie machen es jetzt mit deiner Seelenschwester und dir. Dabei wollten wir nur helfen, nicht wahr? Und sie zerstören uns, ohne uns eines weiteren Blickes zu würdigen.“ Seine Stimme fesselte sie.
Jilma schluckte. „Wer... wer seid Ihr? Und woher wisst Ihr...“ Sie verstummte und schloss die Augen. Wieder stieg das Bild des Mädchens vor ihrem inneren Auge empor.
„Woher ich weiß, dass der Orden euch übergeht und euch abwertend behandelt?“, vollendete der Mann ihren Satz. „Ich kenne euch, Jilma und Sheivra. Ich weiß, dass ihr ein gutes und sanftes Herz besitzt, dass ihr nichts weiter begehrt, als den Menschen um euch herum zu helfen. Ich weiß, dass ihr außerordentlich begabt seid, aber es euch an Durchsetzungsvermögen mangelt. Ihr seid zu gut für den Orden, für die Machtspiele der älteren Reiter. Ihr wollt helfen, ebenso wie ich.“
„Wer seid Ihr?“, fragte Jilma erneut. Die Worte des Mannes taten Sheivra und ihr gut, er traf den Nagel damit auf den Kopf. Aber wer war er, dass er das alles wusste?
Ich bin Galbatorix“, sagte der Mann ruhig, fast beiläufig.
Jilma erstarrte.
Galbatorix?, sagte Sheivra fassungslos. Der Galbatorix? Der, den der Orden sucht? Warum kontaktiert er uns?
Das ist doch egal, sagte Jilma hektisch. Sie versuchte sich an die Worte zu erinnern, die das Gespräch beenden konnten, aber ihr Kopf war wie leergefegt.
Wir müssen ihn loswerden!, rief sie. Mir fallen nur die Worte nicht ein! Sheivra, was soll ich machen?
Zerbrich den Spiegel!, entgegnete Sheivra ohne zu zögern. Lass nicht zu, dass seine Worte deinen Geist vergiften!

Jilma sprang panisch auf und wollte diesen Vorschlag sofort in die Tat umsetzen, doch Galbatorix' nächste Worte hielten sie auf.
„Ich kann euch mit der Seuche helfen“, sagte er.
Jilma blieb wie erstarrt stehen. „Wie das?“, fragte sie misstrauisch.
„Nun, ihr müsst verstehen, dass das an gewisse Bedingungen geknüpft ist“, sagte Galbatorix. In seinen dunklen Augen blitzte Befriedigung auf. „Ich werde schließlich vom Orden gejagt. Von demselben Orden, der das Leid der Menschen ignoriert und sie lieber sterben lässt, als sich die Hände schmutzig zu machen.“
„Bedingungen? Welche?“, leitete Jilma Sheivras Frage weiter. Ihr kam es vor, als stünde sie unter Strom.
„Ihr müsstet euch mir anschließen und gemeinsam mit mir den Orden verbessern“, sagte Galbatorix. „Der Orden ist längst nicht das, was er sein sollte. Seht euch doch nur einmal in Aroughs um! Seht das Leid um euch herum! Ich brauche euch, Jilma und Sheivra. Ich brauche euch, weil ihr ein gutes Herz habt und diese Welt zu einem besseren Ort machen wollt. Ich habe das gleiche Ziel. Schließt euch mir an, helft mir. Und wir können gemeinsam dafür sorgen, dass so etwas nie wieder passiert.“
Aber Jilma schüttelte heftig den Kopf. „Wenn Ihr ebenso wärt wie wir, würdet Ihr uns den Zauber auch ohne diese Bedingungen verraten. Und woher wissen wir, dass Ihr die Wahrheit sagt? Und wie kommt es, dass ihr die Welt zu einem besseren Ort machen wollt, aber Drachenreiter und Drachen grausam ermordet? Wir wissen, was mit Martyn-Ebrithil und Zyrron-Ebrithil geschehen ist!“
Galbatorix seufzte. „Ihr denkt wirklich, dass ich das war? Nein, es wurde mir angehängt.“ Seine Stimme umfing wieder Jilmas Geist und Seele, sie wehrte sich mit aller Kraft dagegen. Nur mit Sheivras Hilfe konnte sie seiner Stimme widerstehen. Was war das?
„Denkt darüber nach, Sheivra und Jilma“, sagte Galbatorix ruhig. „Das wird nicht unser letztes Gespräch sein.“ Das Bild im Spiegel verschwand und ließ Jilma und Sheivra erschrocken zurück.
Zitternd setzte Jilma sich auf ihr Bett.

War das gerade... Ist das gerade wirklich geschehen?, hauchte sie. Hat Galbatorix uns wirklich...
Ja, erwiderte Sheivra nicht minder fassungslos. Er hat uns kontaktiert und will dass wir uns ihm anschließen. Warum wir? Und warum... Sie verstummte, versuchte Ordnung in ihr Gedankenchaos zu bringen.
Wir müssen den Rat informieren, sagte Jilma plötzlich. Sie stand auf und nahm sich ihren Spiegel. Sie müssen wissen, dass Galbatorix uns kontaktiert hat.
Tu das, stimmt Sheivra sofort zu. Vielleicht macht das Korinrun-Elda auch ein bisschen geneigter, uns zuzuhören.
Das bezweifelte Jilma zwar, aber hoffen konnte man dennoch, oder?

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* Aiedail = Morgenstern
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