Wo Licht ist, ist auch Schatten

GeschichteDrama, Romanze / P16
Glaedr OC (Own Character) Oromis
27.06.2017
12.07.2019
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Hallo :)
Irgendwie ist das hier ein bisschen ausgeartet... Ich meine, ich könnte es auch teilen, aber ich wollte nicht... Es ist nahezu doppelt so lang wie meine sonstigen Kapitel xD
Ich danke Thanata13, Atrox, Akkaraya12, Timonski und HakiNutzer63 für ihre lieben und motivierenden Reviews.
Viel Spaß!

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Kapitel 33: Aufbruch und Gewitter

Mileny hatte ihre Tante nicht noch einmal darauf angesprochen, sie zu nichts gedrängt. So hatte sie Rhunön noch nie erlebt. Rhunön hatte immer genau das gesagt, was ihr gerade in den Sinn kam, und schreckte vor nichts zurück. Dass es etwas gab, was ihr einen so großen Schmerz zufügte und sie nach alle der Zeit immer noch so sehr trauerte, war Mileny nicht bewusst gewesen.
Im Laufe des Abends hatte Rhunön wieder zu ihrem alten, ruppigen Selbst zurückgefunden, doch Mileny hatte den Schmerz ihrer Tante nicht vergessen können. Sie bemühte sich, in den letzten drei Tagen in Ellesméra so viel Zeit wie möglich mit Rhunön zu verbringen und sie durch allerlei Scherze irgendwie von ihrem Schmerz abzulenken, doch sie hatte keine Ahnung, dass ich das nur sehr geringfügig bis gar nicht gelang. Rhunön bemerkte natürlich die Bemühungen ihrer Patentochter, sagte aber nichts. Sie war gerührt – auch wenn sie das niemals zugeben würde. Aber sie trauerte selbst nach Jahrtausenden noch, und diese drei Tage in denen Mileny sich besonders um sie 'kümmerte' änderten daran gar nichts.
Milenys Freunde halfen ihr unbewusst dabei, denn sie hatten keine Ahnung, weshalb Mileny so besonders lebhaft war. Sie hatte es ihnen nicht erzählt, weil es ihr nicht zustand, etwas so Privates von Rhunön ohne deren Erlaubnis an Andere weiter zu erzählen.

Am letzten Abend richteten sie ein kleines Abschiedsfest aus, zu dem – zu Milenys sehr großem Erstaunen – sogar Oromis kurz erschien. Rhunön hatte ihm tatsächlich halbwegs verziehen, allerdings durfte er nur kommen, um sich von ihr sagen zu lassen, dass Mileny sie spätestens in einem halben Jahr wieder besuchen kommen müsse. Sollte er das nicht bewerkstelligen, würde er es bereuen, jemals geboren worden zu sein.
Arthur, Auralia, Brom und Mileny hatten diesen Worten mit angehaltenem Atem gelauscht. Rhunön und Oromis hatten sich zwar in einem anderen Raum befunden, doch Rhunön hatte etwas lauter als normal gesprochen. Oromis' Antwort hingegen hatten sie nicht verstehen können.
Und so endete Milenys letzter Abend in Ellesméra.

Der Morgen kam ziemlich schnell und Mileny und Diamila waren schon früh auf den Beinen. Mileny hatte vergessen, ihr Zeug zu packen und rannte dadurch durch das gesamte Haus, um hektisch ihre Sachen zusammenzuklauben, als Rhunön ihre Schlafzimmertür öffnete und Mileny fast in die Tür hineinlief. Nur Zentimeter von der Tür entfernt gelang es ihr schließlich, zu stoppen. Sie war stolz auf sich.
„Was ist denn mit dir los?“, fragte Rhunön. Obwohl sie schon recht wach zu sein schien, sahen ihre Haare aus wie ein Vogelnest.
„Ich finde zwei meiner Oberteile und Hosen nicht mehr“, erwiderte Mileny und fuhr sich hektisch durch die Haare.
„Sieh mal im Bad nach.“ Rhunön gähnte. Anscheinend doch nicht so ganz wach. „Sie sind gewaschen worden.“
„Danke, Tantchen!“, sagte Mileny und umarmte Rhunön kurz, bevor sie ins Bad lief.
„Wie oft soll ich dir noch sagen...“, rief Rhunön ihr hinterher, verstummte dann aber und winkte ab. „Was soll's. Sie hört eh nicht auf mich“, murmelte sie vor sich hin und verschwand wieder in ihrem Zimmer, um sich anzuziehen.

Irgendwann hatte Mileny es dann geschafft, ihre Sachen vollends zu packen und Diamila mit dem – wohlgemerkt neuen – Sattel zu satteln. Angespannt wartete sie draußen vor der Schmiede. Hoffentlich würden Oromis und Glaedr es ihnen erlauben, diesen Sattel zu nutzen. Sie rieb sich die Hände und hauchte sie an. Im Gegensatz zu den letzten Tagen war der Himmel mit grauen Wolken bedeckt. Dass es während ihres Fluges regnen könnte, missfiel Mileny außerordentlich. Diamila war da nicht so empfindlich.
Ihr Elfen seid viel zu verwöhnt, gähnte sie und legte sich bequemer hin. Geh am besten noch einmal rein, bevor du mir hier draußen erfrierst. Freundschaftlich stupste sie Mileny mit ihrem großen Kopf an, die der Aufforderung dankend nachkam.
Drinnen stand Rhunön am Fenster und musterte Mileny besorgt. „Habt ihr genug Proviant mit?“, fragte sie.
Mileny unterdrückte den Impuls, die Augen zu verdrehen. „Ja, haben wir, Tantchen. Und selbst wenn nicht, heute Abend werden wir schon längst in Nädindel angekommen sein.“
Rhunön schwieg kurz. Ihr Blick war stechend. „Du kommst mich gefälligst besuchen, hörst du?“, sagte sie dann mit erhobenem Zeigefinger. „Zu Dagshelgr*, in Ordnung?“
„Ich muss Vater fragen“, erwiderte Mileny.
Rhunön schnaubte. „Papperlapapp! Ich habe dich aufgezogen, also ist das meine Entscheidung. Zu Dagshelgr schwingst du deinen Hintern gefälligst nach Ellesméra!“
Unter dieser geballten Ladung an – Mileny meinte schon fast mütterlicher – Autorität knickte sie ein und nickte. Augenblicklich hellte sich Rhunöns Gesicht auf und sie breitete die Arme aus.
„Komm her, Grashüpferchen“, sagte sie mit warmer Stimme. Das ließ Mileny sich nicht zweimal sagen und umarmte fest ihre Tante.
„Denk an deine alte Tante“, flüstere Rhunön ihr ins Ohr. „Und lass dir von niemandem etwas sagen, der dazu kein Recht hast. Klar ab und zu musst du auf Oromis, Glaedr oder Vrael hören-“ Mileny gluckste an dieser Stelle leise. „-aber lass dir keinen Schrott erzählen und bewahre dir deinen Charakter.“ Rhunön ließ Mileny los. Ein aufmunterndes Lächeln legte sich auf das Gesicht der uralten Elfenschmiedin und die kleinen Fältchen auf ihrem Gesicht verstärkten sich.
„Alles klar, Grashüpfer?“, fragte Rhunön.
Mileny unterdrückte ein Schniefen. „Alles klar, Tantchen“, erwiderte sie.

Diamila stupste sie im Geiste an, das Zeichen dafür, dass Oromis und Glaedr da waren und über der Lichtung kreisten. Mileny wandte sich ab und verließ die Schmiede. Der Abschied von ihrer Patentante fiel ihr schwerer als gedacht, sie hatte sich in den zwei Wochen hier schon wieder eingewöhnt. Von Brom, Arthur, Auralia, Amethysa, Nadir und Saphira hatte sie sich schon gestern Abend verabschiedet, ein Abschied, der zumindest zwischen Auralia und ihr tatsächlich tränenreich ausgefallen war. Arthur und Brom hatten sehr viel mehr Haltung bewahrt. Nun ja, zumindest Arthur. Ganz aus seiner Haut kam man wahrscheinlich nicht, wenn man immer als Erbe eines Fürstentums erzogen worden war. Auralia würde noch ein bisschen in Ellesméra bleiben, während Arthur und Brom zu ihren Familien flogen. Brom freiwillig, Arthur nur, weil er seine kleine Schwester sehen wollte.

Guten Morgen, Mileny, wurde sie zuerst von Glaedr begrüßt, als sie aus der Tür trat.
Guten Morgen, Ebrithil, erwiderte Mileny. Ich – wir hätten noch eine Frage, bevor es losgeht.
Natürlich, was gibt es?, fragte Oromis.
Ich habe Diamila jetzt mit den Sattel gesattelt, den ich zum Geburtstag bekommen habe, sagte Mileny. Ich wollte fragen, ob es in Ordnung geht, wenn ich diesen weiterhin nehme und den Sattel des Ordens in Ellesméra lasse.
Oromis schwieg kurz. Wer kümmert sich um den Ordenssattel?, fragte er dann.
Rhunön hat sich dazu bereit erklärt, erwiderte Mileny.
Und passt der jetzige Sattel dir ordentlich, Diamila?, wollte Oromis weiterhin wissen.
Ja, Meister, sagte Diamila. Er drückt nirgendwo, und ich hatte ihn ja schon einmal auf, an Milenys Geburtstag.
Bist du dir sicher, dass der Sattel richtig passt?, vernahm Mileny auf einmal Glaedr Stimme. Eigentlich war er dir doch zu groß, wenn ich mich recht entsinne. Mit diesem Sattel musst du zurechtkommen, bis wie wieder in Dorú Areaba sind.
Ich bin sicher, dass er mir richtig passt, Meister, sagte Diamila überzeugt.
Also gut, seufzte Glaedr. Dann steig auf, Mileny. Wir müssen schnell sein, wenn wir diesem Sturm noch entkommen wollen.

Das ließ Mileny sich nicht zweimal sagen. Schnell kletterte sie auf Diamilas Rücken und schlüpfte in die Riemen, dann stieß diese sich auch schon vom Boden ab und flog bald auf Glaedrs Höhe. Sie bemerkte, dass sowohl Glaedr als auch Oromis den Sattel genau betrachteten und schließlich nickten.
Es wird gehen, sagte Glaedr. Kommt jetzt. Er drehte ab und flog nach Osten. Geblendet wurden sie nicht von der Sonne, obwohl es noch relativ früh am Morgen war, weil die Wolkendecke keinen Sonnenstrahl durchließ.
Mileny sah noch einmal zurück, als Diamila Glaedr folgte, und sah die Gestalt ihrer Tante im Türrahmen stehen. Rhunön hob zum Abschied die Hand und Mileny winkte zurück, dann schoben sich die Äste des Waldes in Milenys Blickfeld und verdeckten ihre Tante.
Spätestens in einem halben Jahr siehst du sie wieder, munterte Diamila ihre Reiterin auf, als sich eine eigenartige Schwere auf deren Gemüt legte.
Du hast recht, stimmte Mileny ihr zu. Dann sah sie nach oben und hinter sich. Abgesehen hätten wir gar keine Zeit, um weiter zu diskutieren. Lass uns lieber zu Meister Glaedr aufschließen.
Diamila beschleunigte und flog bald gleichauf mit Glaedr.

Die ersten zwei Stunden waren kein Problem, der Wind frischte zwar auf, aber er wehte in die gleiche Richtung, in die sie flogen. Aber er trug auch die Regenwolken mit sich, die immer dunkler und bedrohlicher wurden.
Nach diesen zwei Stunden wies Glaedr Diamila an, sich zu beeilen. Dieser Aufforderung kam sie gerne nach. Diamila hatte nichts gegen Regen, aber sie war nicht besonders scharf darauf, mitten in einem Gewitter zu fliegen.
Dann begannen die ersten Regentropfen zu fallen. Anfangs waren es wenige und sie waren auch sehr klein, doch mit der Zeit wurden es immer mehr und mehr. Schon bald war Mileny bis auf die Knochen durchweicht und sie nahm an, dass es Oromis genauso ging. Kälte setzte sich nach und nach in ihren Gliedern fest.
Mileny war verwundert, dass Glaedr und Diamila überhaupt noch etwas in diesem Regen sahen. Diamila hatte sich an die Flügel ihres goldenen Meisters geheftet, und der flog unbeirrbar immer schnurgerade in eine Richtung. Zumindest glaubte Mileny das. Wirklich etwas erkennen konnte sie ja nicht.

Eine gute Strecke des Weges nach Nädindel hatten sie schon zurückgelegt, als es in den Wolken anfing zu grollen. Schon beim ersten Mal zuckte Mileny zusammen und warf einen nervösen Blick auf Glaedr. Als es das zweite Mal grollte, nahm dieser Kontakt zu Diamila auf.
Wir suchen uns einen Unterschlupf, sagte der goldene Drache. Mit euch Küken möchte ich nur ungern in diesem Sturm fliegen. Ich kenne einen guten Ort, er ist nicht weit von hier, wir müssen dazu allerdings die Richtung etwas ändern. Bleib dicht bei mir und versuche nicht, dich den Windböen entgegenzustellen. Nutze sie zu deinem Vorteil.
Ja, Meister, erwiderte Diamila entschlossen.
Lass Diamila machen und vertraue ihr, sagte Glaedr zu Mileny.
Natürlich, Meister Glaedr, sagte Mileny etwas gekränkt. Sie würde niemals auf die Idee kommen, Diamila zu misstrauen! Oder ihr beim Fliegen hineinzureden.
Glaedr änderte seinen Kurs, sodass sie jetzt eher nach Norden flogen. Sofort wurden sie von den ersten Windböen gebeutelt, bei denen Mileny sich erschrocken an ihrem Arm und Beinriemen festklammerte. Kurz überprüfte sie, ob sie auch alle für sie verfügbaren Riemen angelegt hatte, dann nutzte sie die Beschaffenheit ihres neuen Sattels und beugte sich so dicht wie möglich über Diamilas Hals. In diesem Moment war sie sehr, sehr froh, dass Diamila ein weiblicher Drache war und ihr somit an der einen Stelle eine Rückenzacke fehlte.

Glaedr wurde aufgrund seiner Größe und seines Gewichtes weit weniger vom Wind gebeutelt als Diamila, während diese teilweise ganz schön zu kämpfen hatte. Mileny schwieg einfach und schmiegte sich an ihren Hals, während sie Diamila ihre Kraft zur Verfügung stellte.
Sie ließ sich von nichts aus dem Konzept bringen. War sie einmal kurz aus dem Gleichgewicht geraten, fing sie sich sofort wieder und hielt den Kurs. Sie nutzte Glaedrs Windschatten aus und egal, wie oft sie von dem großen Drachen abgetrieben wurde, sie kämpfte sich immer wieder an ihn heran. Viel zu stur, um den Wind auch nur den Hauch einer Angriffsfläche zu lassen.
Mileny konnte nicht anders, als ihre Seelenschwester zu bewundern. Nichts, absolut nichts konnte sie aus der Ruhe bringen, auch wenn sie langsam das Brennen in Diamilas Muskeln bemerkte, als eine weitere Windböe sie traf. Diamila beschwerte sich nicht. Blieb stur. Und konzentriert.
Mileny wusste nicht, wohin sie flogen und sie wusste auch nicht, wie lange es noch dauern würde, aber sie wünschte sich, es wäre bald vorbei. Eigentlich hatte sie schon einmal mit Diamila im Regen fliegen wollen, aber das hier war eine ganz andere Kategorie.
Endlich, nach gefühlten Stunden, in denen Milenys Finger sicher an den Riemen gefroren waren, sie vollständig durchweicht und Diamila kaum sichtbar langsamer wurde, nahm Oromis zu ihr Kontakt auf. Glaedr hatte die gesamte Zeit eine Verbindung zu Diamila gehalten, an der aber weder Mileny noch Oromis beteiligt gewesen waren – zumindest soweit Mileny es beurteilen konnte.

Es dauert nicht mehr lange, übermittelte er ihr. Höchstens noch fünf Minuten.
Dass es höchste Zeit war, dass sie ankamen, brauchte Mileny ihrem Meister nicht zu sagen. Das Donnergrollen hatte angehalten, doch noch waren keine Blitze über den Himmel gezuckt. Bis jetzt.
Kaum hatte irgendwo hinter ihnen ein Blitz eingeschlagen, donnerte es ohrenbetäubend. In diesem Moment wünschte Mileny sich, das Gehör eines Menschen zu haben. In ihren Ohren klingelte es weiter, nachdem der Donner verhallt war.
Diamila hatte zusammen gezuckt und kurz die Kontrolle verloren, sich jedoch sofort wieder gefangen. Erneut kämpfte sie sich zu Glaedr heran.
Dort, sagte dieser plötzlich zu Diamila und Mileny.
Mileny sah auf. Sie konnte erkennen, wie ein großer Felsen aus dem strömenden Regen auftauchte. Er musste schon ganz nahe sein, konnte man bei diesem Wetter doch nicht besonders weit sehen.
Mileny bemerkte die Erleichterung in Diamilas Geist, die sich auch in ihr ausbreitete.
Glaedr ging in den Sinkflug über, während immer mehr Blitze begannen, um sie herum zu zucken. Diamila folgte ihm vorsichtig. Sie flogen so lange an der Seite des Felsens, der sich eher als Berg entpuppte, entlang, bis sich eine große Lichtung in dem vom Regen schweren Blätterdach des Waldes auftat. Auf dieser Lichtung landete Glaedr, Oromis blieb im Sattel sitzen.

Bleib sitzen, wies er auch Mileny an. Wir sind gleich da.
Sie verzichtete darauf, ihm zu sagen, dass sie beim Absteigen sowieso Hilfe benötigen würde. Sie fühlte sich, als wäre sie am Sattel festgefroren. Mileny unterdrückte ein Zähneklappern.
Glaedr ging mit gesenktem Kopf und zusammengefalteten Flügeln am Fuß der mächtigen Felswand entlang, die steil emporstieg. Mileny und Diamila fragten nicht, sondern vertrauten Glaedr. Er tauchte in den Wald ein, auf einen Pfad, der sogar für ihn groß genug war. Schon längst hielten die Herbstblätter den Regenmassen nicht mehr stand. Einige Tropfen fielen direkt auf Milenys Nacken, doch da sie sowieso schon klatschnass war, machte das keinen Unterschied mehr.
Plötzlich hielten Diamila und Mileny ungläubig den Atem an. Von ihrer Position sah es so aus, als würde Glaedr direkt gegen die Felswand laufen – und darin verschwinden. Schnell kamen sie zu der Stelle, auf der Glaedr gestanden hatte, und erkannten, dass er in ein riesiges Loch in der Felswand gegangen war und sie jetzt von dort aus amüsiert beobachtete.
Wollt ihr weiter da draußen stehen bleiben oder herein kommen?, fragte er belustigt.
Diamila schüttelte sich kurz, sodass die Regentropfen von ihren Schuppen in alle Richtungen davonflogen und Mileny sich krampfhaft fester an den Sattel klammern musste, dann betrat sie ebenfalls die Höhle.

Sie war einfach riesig. Der Eingang war relativ eng, sodass Diamila sich neben Glaedr ein bisschen dünn machen musste, doch dann verbreiterte sie sich. Die Felswände waren sehr glatt und die Höhle bildete einen perfekten Kreis. Mileny runzelte die Stirn. Das konnte doch nicht natürlich entstanden sein!
Tatsächlich ist es das nicht, sagte Glaedr, der ihre Gedanken mitverfolgt hatte. Lange bevor die Elfen nach Alagaësia kamen, lebten die Zwerge hier. Nicht nur in den Bergen, wo man sie heute meist antrifft, auch wenn sich damals schon ihre Vorliebe für Stein und Fels abzeichnete. Aber sie lebten auch im Du Weldenvarden und im Buckel. Und in den Du Fells Nángoröth der Hadarac-Wüste, bis die Drachen diesen für sich beanspruchten, um dort zu brüten.
Beeindruckt betrachteten Diamila und Mileny die Felswände um sich herum. Zwerge. Das hatten Zwerge erschaffen. Lange, lange bevor Elfen oder Menschen einen Fuß nach Alagaësia gesetzt hatten.
Möchtest du nicht absteigen?, riss Oromis' Stimme Mileny aus ihrer Betrachtung.
Oh – natürlich. Entschuldigung, Ebrithil, sagte Mileny schnell.
„Du brauchst dich nicht zu entschuldigen.“
Mileny zuckte zusammen, als Oromis' Stimme in der Höhle nachhallte. Die ersten laut gesprochenen Worte seit Stunden. Fast wie vor einigen Tagen am Monolith der Tränen.

Mileny drehte sich zu Oromis um, der inzwischen abgestiegen war und auf sie zukam. Als wüsste er, dass sie wahrscheinlich Hilfe brauchen würde. Mileny seufzte. Oromis hatte vermutlich schon so viele Schüler ausgebildet, dass ihm diese Situation bekannt vorkam. Mit Mühe und Not öffnete sie die Finger und biss dabei die Zähne zusammen. Es schmerzte ganz schön, als sie sich zwang, ihre Finger zu bewegen. Diamila kauerte sich hin, als Mileny mühsam ihre gesamten Glieder aus den Riemen befreite und vorsichtig absteigen wollte. Das gelang ihr – nun ja – nicht so ganz.
Also anfangs schon, und sie war ziemlich stolz auf sich, doch dann verlor sie auf Diamilas nassen Schuppen den Halt und fand sich schneller auf dem Boden wieder als sie eigentlich wollte. Oder eher in der Nähe des Bodens. Oromis hatte ihren Fall gebremst und stellte sie jetzt wieder vorsichtig auf die Beine.
„Danke, Ebrithil“, murmelte Mileny und unterdrückte ein Zähneklappern.
„Wir werden hier bleiben, bis das Gewitter ausgestanden ist“, sagte er und Mileny konnte schwören, dass er sie sehr besorgt angesehen hatte. „Nimm Diamila den Sattel ab.“
Mileny wandte sich Diamila zu und löste unter einigen Schwierigkeiten die festen Gurte, die sie, weil der Sattel ja eigentlich noch ein bisschen zu groß war, extra hatte verknoten müssen.
Diamila blieb weiter kauern und schloss die Augen. Die Anspannung verließ ihre Muskeln und erst jetzt spürte Mileny, wie sehr dieser Flug Diamila angestrengt hatte. Sie hielt inne und kraulte Diamila am Kopf.
Das hast du super gemacht, flüsterte Mileny ihr zu.
Diamilas Antwort bestand aus einem Brummen.

Milenys Aufmerksamkeit wurde von einer Bewegung im hinteren Teil der Höhle gefesselt, doch es war nur Oromis, der auf den Armen trockenes Holz trug. Mileny blinzelte. Moment! Trockenes Holz? Es regnete draußen in Strömen! Wie zur Bestätigung donnerte es.
Sie wandte sich wieder Diamila zu. Momentan war es wichtiger, ihre Seelenschwester von dem Sattel zu befreien, der sich mit Wasser vollgesogen haben muss-
Mileny runzelte die Stirn, als sie endlich die letzten Riemen gelöst hatte und den Sattel herunternahm. Er war vollkommen trocken. Halluzinierte sie? Doch es donnerte draußen erneut und der Regen prasselte weiterhin auf den Boden vor dem Höhleneingang.
Gerade noch rechtzeitig konnte Mileny sich in Sicherheit bringen, als Diamila sich schüttelte und Wassertropfen in alle Richtungen flogen. Einige davon landeten auf der Sitzfläche des Sattels und fasziniert beobachtete Mileny, wie die Wassertröpfchen einfach abglitten und zu Boden fielen.

„Oromis-Ebrithil?“, versuchte Mileny die Aufmerksamkeit ihres Meisters zu erlangen.
„Ja?“ Oromis sah auf und begegnete ihrem Blick.
Mileny hielt den Sattel hoch. „Könntet Ihr mir vielleicht erklären, warum die Wassertropfen einfach von dem Sattel abgleiten? Wir sind im Regen geflogen, und doch ist dieser Sattel vollkommen trocken. Und woher habt ihr überhaupt das Holz? Und was ist das für ein Ort?“
Oromis schmunzelte, als er ihre Fragen vernahm. „Setz dich erst einmal ans Feuer, Mileny, dann beantworte ich dir deine Fragen.“
Er trat einen Schritt zurück und machte damit Platz für Glaedr, der mit einem gezielten Flammenstoß das trockene Holz in Brand setzte. Sobald er keine Flammen mehr ausstieß, wandelte sich das Gold seiner Flammen um in das normale rot-orange des Feuers.
„Geh zu Glaedr, er wird dich trocknen“, sagte Oromis zu Mileny. „Aber nimm vorher den Umhang ab, dann geht es schneller.“
Sie nickte und löste den Umhang von ihren Schultern, während sie zu Glaedr ging. Oromis unterdessen lenkte seine Schritte zu Diamila, die schon erschöpft neben dem munter lodernden Feuer lag. Sie hob den Kopf, als sie Oromis bemerkte, und wollte aufstehen, doch er hob nur eine Hand zum Zeichen, dass sie es nicht machen musste. Diamila legte ihren Kopf wieder auf den Boden.
Oromis kniete sich vor sie und sah ihr direkt in die Augen.

Nur wenige hätten so viel Durchhaltevermögen bewiesen wie du heute in diesem Sturm, sagte Oromis ruhig, doch Stolz schimmerte in seinem Geist. Für Diamila waren seine Worte ein Labsal. Ich kenne viele, die das nicht so gut gemeistert hätten wie du. Auch ältere Drachen. Du hast nicht einmal Glaedrs Energie genommen, als er sie dir angeboten hat. Und du hast Mileny von ihrer Angst abgelenkt. Ja, ich habe es bemerkt, sagte er, als Diamila fragend den Kopf hob. Du kannst stolz auf dich sein. Und du brauchst nicht auf irgendwelche anderen zu hören, egal ob Drache, Elf, Zwerg oder Mensch. Mach dir keine Gedanken darüber, was sie sagen. Auch wenn sie sagen, dass du und Mileny vieles nur schafft, weil Glaedr und ich euch bevorzugt behandeln. Du hast heute den Beweis geliefert, dass es nicht so ist.
Diamila erwiderte Oromis' Blick fest, Dankbarkeit und Freude stand darin geschrieben. Das werde ich, Ebrithil, versprach sie stolz.
Und mach dir keine Gedanken, wenn Glaedr nichts sagt, fuhr Oromis fort. In seiner Stimme lag nun ein schalkhafter Unterton. Denn ich weiß nicht, ob er das so geschafft hätte, als er in deinem Alter war. Er vermutlich auch nicht. Oromis zwinkerte ihr kaum sichtbar zu, während Glaedr empört schnaubte. Aber nur gespielt empört. Aus Diamilas Brust löste sich ein heiseres, raues Drachenlachen, während Oromis ganz kurz breit grinste, bevor er wieder in seine 'Lehrerrolle' zurückfiel.

„Könnte mir mal jemand erklären, was hier los ist?“, durchschnitt Milenys verwirrte Stimme die fröhlichen Stimmung in der Höhle, die dieser aber keinen Abbruch tat. Sondern eher für einen weiteren Heiterkeitsanfall Diamilas sorgte.
„Weißt du was, Mileny“, begann Oromis zu sprechen, ging zu ihr und legte ihr eine Hand auf ihre mittlerweile trockene Schulter. „Manchmal muss man nicht alles wissen.“
Er lächelte sie an und setzte sich dann ans Feuer. Glaedr legte sich als riesiger schützender Wall zwischen den Höhlenausgang und Oromis. Er hatte die trockenen Zweige in eine Vertiefung im Boden gelegt, die – so wie es aussah – schön öfter als Feuerstelle gedient hatte. Um sie herum lagen alte, glatte Baumstämme als Sitzgelegenheiten. Mileny setzte sich neben Oromis und prompt legte Diamila ihr ihren Kopf in den Schoß, eine stumme Aufforderung, der Mileny nur zu gerne nachgab. Sanft begann sie Diamila zu kraulen, die ein wohliges Brummen ausstieß.

Glaedr bemerkte das, und meinte scherzhaft zu Oromis: Das könnten wir doch auch mal wieder machen. Und machte Anstalten, seinen absolut riesigen und schweren Kopf in Oromis' Schoß legen zu wollen.
„Wehe!“, rief Oromis mit erhobenem Zeigefinger aus und drohte Glaedr scherzhaft. Dieser grollte belustigt und legte seinen Kopf wieder hinter Oromis. Seine Atemzüge schickten warme Luft zu seinem Reiter, und obwohl Glaedr ihn schon getrocknet hatte, empfand Oromis es als angenehm.
Er warf einen Blick zur Seite und begegnete sowohl Milenys als auch Diamilas verwirrtem Blick. Leise lachte er auf.
„Wie schon gesagt: Manchmal muss man nicht alles wissen“, wiederholte er seine Worte von vorhin. „Aber du hattest Fragen, Mileny. Um ehrlich zu sein, habe ich sie mir nicht gemerkt.“
„Warum ist mein Sattel trocken? Woher habt Ihr das Holz? Was ist das für ein Ort?“, zählte Mileny erneut ihre Fragen auf.
„Die Sättel der Reiter werden mit speziellen Sprüchen vor Regen und Feuchtigkeit geschützt. Sitzt du auf einem Pferd und der Gurt löst sich, weil er durch Feuchtigkeit sehr viel schneller verschlissen wurde als ohne, fällst du nicht besonders tief. Und überlebst den Sturz, zumindest in den meisten Fällen. Wenn der Sattel sich aber von deinem Drachen deswegen lösen würde, hätte das sehr viel ernstere Konsequenzen. Und abgesehen davon ist es ganz praktisch, wenn die Sitzfläche nicht nass wird.“
Mileny lächelte. „Stimmt. Wie es scheint, haben Auralia, Brom und Arthur an alles gedacht.“
„Brom war schon immer handwerklich sehr begabt“, erzählte Oromis ihr. „Schon in seiner Ausbildung. Er war sehr erfinderisch. Gab ich ihm eine Aufgabe, hat er erst mal überlegt, ob er dafür irgendetwas austüfteln konnte.“
Mileny kicherte leise. „Ja, das ist Brom.“
„Ich bin sehr froh, dass er sich mit dir, Auralia und Arthur angefreundet hat“, bemerkte er ernst.
„Warum denn das?“, fragte Mileny verwirrt.
„Vor Brom – habe ich einen anderen Schüler unterrichtet. Er hatte – keinen so guten Einfluss auf ihn“, versuchte Oromis es zu beschreiben, ohne dabei den Namen des Schülers zu nennen oder dessen Ruf allzu sehr in den Dreck zu ziehen.
„Oh“, sagte Mileny erstaunt. „Brom erschien mir immer so...“ Sie suchte nach dem Wort.
Unbeirrbar, half Diamila ihr aus. Ein starker Geist und Charakter.
„Das ist er auch... eigentlich“, seufzte Oromis und starrte ins Feuer. „Aber manchmal...“ Er zuckte mit den Schultern. „Manchmal haben wir alle Momente, in denen wir nicht ganz wir selbst sind.“

Er starrte so abwesend ins Feuer, dass Mileny und Diamila lieber die Klappe hielten und keine weiteren Fragen stellten, bis Oromis sie wieder ansprach.
„Verzeiht mir meine Abwesenheit. Fragt ruhig weiter.“ Er überlegte. „Wartet, ich weiß noch, was eure Fragen waren. Das hier ist ein alter Rückzugsort der Drachenreiter. Irgendwo habe ich mal gelesen, dass Eragon selbst und Bid'Daum hier für kurze Zeit gelebt haben, als noch Krieg herrschte und sie ihre Freundschaft verstecken mussten. Es ist ein Unterschlupf für Gelegenheiten wie diese. Deshalb auch das Holz. Allerdings war hier schon lange Zeit niemand mehr. Wenn man etwas verbraucht, muss man es ersetzen, aber dieses Holz liegt schon ziemlich lange unbenutzt hier. Es kommt aber auch selten vor, dass man diesen Ort noch benötigt. Er wurde öfter benutzt, als die Drachenreiter noch nicht überall willkommen waren, doch diese Zeiten sind schon lange vorbei.“ Oromis zuckte mit den Schultern. „Für unsere Zwecke reicht es allerdings vollkommen.“
„Eragon, der allererste Eragon, hat hier gelebt?“ Mit glänzenden Augen sah Mileny sich um. „Mit Bid'Daum?“ Man sah ihr an, dass sie am liebsten aufgesprungen wäre, um die Höhle zu durchsuchen.
Oromis bremste sie und legte ihr eine Hand auf den Arm. „Das ist nicht bewiesen, auch wenn es gut möglich wäre“, sagte er. „Darüber hat er in keinem Buch Aufzeichnungen gemacht.“

Mileny riss die Augen auf und sprang nun doch auf. Diamila knurrte unwillig, weil sie Mileny jetzt nicht mehr als Kraulerin zur Verfügung hatte. Diese rannte inzwischen hektisch zu ihren Satteltaschen.
„Verdammt“, fluchte sie, als sie die Schnalle nicht gleich auf bekam. Als die Taschen endlich offen waren, zog sie ein Buch heraus und seufzte erleichtert auf.
„Sind die Taschen auch mit diesem Regen abweisenden Spruch belegt?“, fragte Mileny Oromis.
Dieser nickte. „Ja, alle Taschen und Sättel, die du vom Orden bekommst. Wenn du dir später selbst welche kaufst, musst du es selber machen.“ Er versuchte, das Buch in Milenys Händen so gut es ging zu ignorieren.
„Und wie macht man es?“, fragte Mileny begierig. Sie verstaute das Buch wieder in ihrer Tasche und setzte sich zurück ans Feuer. Prompt hatte sie Diamilas Kopf wieder auf dem Schoß.
Denkst du, es hört heute noch auf zu regnen?, fragte Oromis Glaedr.
Der goldene Drache lauschte kurz auf das Prasseln des Regens und den Klang des Donners. Ich glaube nicht, sagte er. Wir müssen hier wahrscheinlich übernachten.
Oromis nickte kurz, dann wandte er sich Mileny zu. „So wie es aussieht, halten wir hier eine Unterrichtsstunde ab. Nicht mit Diamila, sie hat heute schon sehr viel gelernt und geleistet, aber mit dir. Wir übernachten hier, deswegen haben wir bis zum Abend Zeit.“
Von seiner Heiterkeit und seiner Abwesenheit der letzten Minuten war nichts mehr zu merken. Jetzt war er wieder der Oromis, den Mileny kannte. Streng, aber klug. Gerecht, aber verständnisvoll.
Mileny fragte sich, wie Oromis wirklich war. Also im Privaten, nicht als Lehrer. Wer war er eigentlich?

Oromis beschwor ein Werlicht herauf, das einen warmen, goldenen Schein verbreitete. Mileny wunderte sich nicht über die Farbe. Es hieß, je nachdem, wer das Werlicht heraufbeschwor, färbte es sich auch. Und Glaedr war golden.
Mileny richtete ihre Aufmerksamkeit auf Oromis, als er anfing, über die Beschaffenheit und die Feinheiten dieses Zaubers zu reden und sog alles in sich auf wie ein Schwamm.
Eigentlich ist es ja ganz lustig, dass ich, nachdem ich vollkommen durchgeweicht wurde, immer noch in der Lage bin, bei dieser Sache wie ein Schwamm zu reagieren, dachte sie ungeheuer belustigt.
Wie eine Antwort ertönte ein Donnergrollen von draußen.

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*          Dagshelgr: Frühlingsfest der Elfen

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Wie gesagt, ein „bisschen“ ausgeartet *hust*
Ich hoffe, ich bekomme das nächste Kapitel bis nächsten Freitag fertig.
Wir lesen uns!
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